Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 32
»Sie sind eine tapfere kleine Person,« sagte sie, »aber furchtbar dumm sind Sie auch! -- Das vergißt Ihnen der Friedrich nie!«
»Wenn meine ganze Dummheit darin besteht, -- die Folgen will ich auf mich nehmen.«
»Na -- allerhand Achtung vor Ihrer Kurage! -- Aber -- da wir zwei die Wahrheit zu vertragen scheinen, so sag ichs frei heraus: Ihre Dummheit ist noch nicht erschöpft. Sie haben Ihr Gewissen sogar mit einem Verbrechen beladen. Sie haben der Kunst ethische Motive angedichtet. Die Kunst ist Kunst, -- nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie hat eine neue Schönheit entdeckt, die der Wahrheit -- der Häßlichkeit meinetwegen --, die muß sie darstellen. Im Wort, im Bild, im Ton. Aber nützen und bessern will sie nicht, soll sie nicht.«
»Mag sein, daß das nicht ihre Absicht ist. Auch die Blume blüht und duftet und ist schön und vollendet, selbst wenn sie nicht zur Frucht werden wollte. Aber die Frucht kommt ohne ihre Absicht.«
Es zuckte ironisch um die Mundwinkel meiner Begleiterin. »Ihr Vergleich hinkt. Die Blume muß sterben, soll die Frucht ihre Folge sein. Die Kunst aber blüht und ist immer Frucht und Blume zugleich.«
Wir waren über kaum angelegte Straßen, an Kartoffelfeldern vorbei bis zu der alten Linde gelangt, die mitten in der Straßenkreuzung des Kurfürstendamms und der Tauenzienstraße stand, ein letzter Zeuge jener Vergangenheit, wo die lauernde Schlange der Großstadt die Natur noch nicht bis zum letzten Rest in ihrer Umarmung erdrosselt hatte.
Wir trennten uns mit einem Händedruck und doch eben so fremd wie vorher. Nicht zu jenen gehörte ich, deren Gast ich eben gewesen war, und nicht zu ihr. Wohin denn?...
* * * * *
Am nächsten Morgen schrieb ich an meine Verwandten nach Weimar und kündigte meinen Besuch an. In die Arbeit wolle ich mich stürzen, das würde wieder das Beste sein.
Vor meiner Abreise kam die Familie noch einmal vollzählig bei uns zusammen: Onkel Walter mit seiner Frau, die Potsdamer Kleves, Vetter Fritz und Vetter Hermann Wolkenstein, der als Offizier auf keine Karriere zu rechnen hatte und daher zur Diplomatie übergegangen war. Auch Tante Jettchen, das Familienorakel, war gekommen, sehr alt, sehr gebrechlich, aber mit ihren scharfen klugen Augen doch noch alles sehend, alles beobachtend, und in ihrem Urteil härter denn je. Ihr Kopf schien nichts als ein Lexikon der Familie zu sein. Sie kannte die Schicksale der entferntesten Verwandten. Mich mochte sie nicht: daß ich als Kind auch nur wochenlang eine jüdische Schulfreundin gehabt hatte, war ein unauslöschlicher Makel in meiner Erziehung. Heute jedoch ließ sie sich meinen Handkuß auf das gnädigste gefallen.
»Es freut mich, freut mich sehr, daß du nach Weimar gehst,« sagte sie, »für verschrobene Köpfe wie deinen ist das gut -- sehr gut. Literarisch angehauchte Frauenzimmer haben dort Aussicht auf Hofkarriere.« Ich lächelte unwillkürlich: Professor Fiedler hatte auch von der »Karriere« gesprochen!
Die Unterhaltung drehte sich zunächst um Familienereignisse. Von den Vettern, die um die Ecke gegangen waren, und die, statt wie früher nach Amerika, jetzt nach den Kolonien abgeschoben wurden, um als Kulturträger aufzutreten; von den sitzengebliebenen Kusinen, die Krankenpflegerinnen wurden, weil andere Berufe sich doch nicht schickten, war die Rede. »Besser sich die Finger mit Blut als mit Tinte beschmutzen,« krähte die hohe Greisenstimme Tante Jettchens. Und dann wurde das unerhörte Ereignis kräftig glossiert, daß ein Golzow die Tochter eines Großindustriellen geheiratet hatte. Die erste Unadelige in der Familie, und noch dazu der Sprößling eines »Kohlenfritzen!«
»Und der Kerl, der Ernst, hat noch die Frechheit gehabt, mir seine Verlobungsanzeige zu schicken.« Auf Tante Jettchens runzligen Wangen brannten rote Flecke. »Aber freilich, wenn von oben das Beispiel gegeben wird! -- Wenn Se. Majestät selbst mit dem Kanonen-Krupp und den Hamburger Kaffeesäcken fraternisiert! -- Und amerikanische Milliardärstöchter, deren Väter noch mit dem Bündel auf dem Rücken durchs Land zogen, hoffähig werden!« -- Ihre Stimme überschlug sich, der stockende Atem zwang sie zum Schweigen. Und nun erst griff die rechte Stimmung Platz, ohne die eine Gesellschaft unserer Kreise kaum noch möglich schien: Jeder wußte einen neuen Hofklatsch, eine neue Variation einer der vielen Kaiserreden oder flüsterte dem Zunächstsitzenden -- aus Rücksicht auf die anwesenden jungen Mädchen -- einen neuen derben Spaß zu, durch den irgendein Eulenburg oder Kessel die Lachlust Sr. Majestät gereizt und sich eine neue Gunstbezeugung errungen hatte.
»Für das Modell des Doms, mit seiner überladenen Pracht, hat er selbst die Zeichnungen entworfen,« sagte der eine, »dem Darsteller des großen Kurfürsten in Wildenbruchs neuem Spektakelstück, dem 'neuen Herrn' -- das übrigens ein unglaublich taktloser Angriff auf Bismarck ist -- hat er persönlich gezeigt, wie ein Hohenzoller sich bewegen und benehmen muß,« -- fügte ein anderer hinzu, »kurz, der liebe Gott kann alles, aber der Kaiser kann alles besser,« lachte Onkel Walter. Und die alte Tante schüttelte sich vor Vergnügen: »Als roi soleil hat er sich ja auch schon malen lassen!«
Nur die Kleves waren verlegen und still, und Papa hatte sich mit bezeichnenden Blicken auf die jungen Offiziere schon oft vernehmbar geräuspert.
»Nun aber genug des grausamen Spiels,« unterbrach er schließlich den allgemeinen Redefluß. »Ich komme gewiß nicht in den Verdacht, ein Sachwalter des neuen Kurses zu sein, wenn ich daran erinnere, daß wir doch auch Ursache haben, dem jungen Herrn zuzustimmen. Schien er im Überschwang jugendlicher Gefühle den Herren Sozialdemokraten Konzessionen zu machen und den Arbeitern die Backen zu streicheln, so hat er doch beizeiten gestoppt und andere Saiten aufgezogen -- --«
Doch die Verteidigung steigerte nur die Heftigkeit des Angriffs. Merkwürdig, welche Reizbarkeit alle Menschen befallen hatte, wie es fast unmöglich schien, eine ruhige Unterhaltung zu führen.
»Du siehst die Dinge wirklich nur von außen, lieber Hans,« rief Onkel Walter, der sich als Reichstagsmitglied fühlte und sich gern das Ansehen gab, als wäre er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht; »tatsächlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein, und das um so rascher, je mehr man uns, die einzigen Stützen der Monarchie, vor den Kopf stößt. Ist es erhört, daß von einem preußischen Könige Ausdrücke wie der von der Rebellion der Junker kolportiert werden können, daß Reden gehalten werden, wie auf dem brandenburgischen Provinziallandtag, die nichts anderes sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!«
Meine Mutter stimmte eifrig zu. »Der Geist der Unzufriedenheit, von dem der Kaiser sprach, und der die Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo zu suchen!« sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne Literatur. Seitdem sie »Die Ehre« und »Sodoms Ende« gesehen hatte, schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht zu sein und schwankte zwischen der Empörung, die die traditionelle Auffassung von dem, was sich schickt, ihr auspreßte, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr Gerechtigkeitsgefühl sie zwang. Sie wünschte sichtlich ihre Empörung zu stärken, aber unsere Gäste hielten dies Thema nicht für der Mühe wert, um sich deswegen zu erhitzen. »Wie kannst du dergleichen ernsthaft nehmen,« meinte Onkel Walter achselzuckend; »eine neue Form amüsanter Schweinereien -- nichts weiter.« Nur Tante Jettchen ereiferte sich: »Anständige Leute gehen in solche Stücke nicht.« Und erleichtert über die Wendung des Gesprächs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.
Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele gespielt hatte, saß ich in steigender Erregung. Plötzlich trafen mich die scharfen Augen des Familienorakels. »Ich glaube gar, das Küken möchte mitreden, wo sie nicht einmal hinhören sollte.« Ich wurde rot. Auf der faltigen Stirn der alten Frau erschienen hundert neue Runzeln. »Du erlaubst dir am Ende, eine andere Meinung zu haben?!« forderte sie mich heraus. Verlegenheit vor all den Blicken, die sich auf mich richteten, Angst vor dem Skandal, den ich erregen würde, ließen mich schweigen. Aber als wir Jugend beim Abendessen, getrennt von den anderen, zusammensaßen und Hermann Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die mir in seinem Munde doppelt lächerlich vorkam, verteidigte ich die moderne Richtung in Kunst und Literatur, und zwar um so schärfer, je mehr mich die Beschränktheit und der dumme Hochmut der anderen empörte.
»Weiß Tante Klotilde um deine Ansichten?« frug unvermittelt eine der Potsdamer Kleves und streifte mich mit einem schiefen, lauernden Blick.
»Ich würde vor ihr am wenigsten Anstoß nehmen, sie zu entwickeln,« antwortete ich und warf den Kopf zurück.
»Von dir wundert mich schon gar nichts mehr,« meinte Hermann naserümpfend. »Wer sich mit jüdischen Literaten intimiert ...«
»Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im Grabe --« spottete ich.
Er warf mir einen bösen Blick zu. Die anderen, ihrer tadellosen Ahnenreihe bewußt, lächelten leise. Das reizte ihn noch mehr. Er hieb mit der riesigen, weißen, gepflegten Hand auf den Tisch, daß sein Kettenarmband klirrend unter der Manschette hervorsprang.
»Und du spiel' dich nicht auf,« zischte er zwischen den Zähnen hervor; »mit deiner Vergangenheit hast du am wenigsten Grund dazu.« Ein unartikulierter Laut ließ mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden, Fritz hatte ihn ausgestoßen. Er saß da, kreideweiß im Gesicht, mit zuckenden Lippen.
»Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten, Baron Wolkenstein,« herrschte er Hermann an. »Habe gar keine Ursache, Herr von Langenscheid,« antwortete dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zurück und steckte die Hände in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig die heißen Finger meines Verteidigers. »Mach doch keine Geschichten, Fritz --, Hermann ist taktlos wie immer -- bitte, mir zuliebe, beruhige dich! -- das ist ja gräßlich -- hier, im Hause meiner Eltern!«
In diesem Augenblick fingen die Verwandten im Nebenzimmer an, sich zu verabschieden. Fritz zog mich beiseite. Er zitterte vor Erregung.
»Und du verteidigst dich nicht einmal gegen solche Gemeinheit,« flüsterte er mit erstickter Stimme.
»Verteidigen?! Vor solch einem Menschen?!! Soll ich ihm vielleicht eingestehen, daß ich einmal im Leben liebte, -- mit ganzer Seele und mit vollem Herzen?! Soll vor den Leuten, die gar keiner starken Empfindung fähig sind, mein Inneres entblößen, was ich vor mir selbst zu tun kaum den Mut habe?«
»Alix!« von weit her schien jemand meinen Namen zu rufen, mit einem Ausdruck, der mir in die Seele schnitt.
Im nächsten Moment beugte ich mich zum Abschied über die welke Hand Tante Jettchens, hörte mit halbem Ohr ein allgemeines Stimmengewirr und fühlte schließlich noch Papas Lippen auf meiner Stirn.
»Gott Lob,« murmelte er, »den Abend hätten wir hinter uns!«
Verträumt und erstaunt sah ich um mich, als ich acht Tage später in Weimar ankam. Stand die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe helle Maienabend wie damals empfing mich. Und in dasselbe alte Haus an der Ackerwand führte mich die Hofequipage, wie einst, als die Großmutter ihr Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war nicht mehr da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid neben mir die Treppe hinauf rauschte. Auch ihr Bruder war lange tot, und doch schien's, als wäre der schöne, tief brünette Mann mit den schmalen Händen und dem leicht gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer als er.
Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen über dem graziösen Sofa und den verblaßten Pastellbildern an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus dem goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild und streckte mir mit einem süß-zärtlichen Lächeln ein weißes Händchen entgegen. War das wirklich die Gräfin Wendland -- meine Tante --, oder war es nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem Nebenhaus hierher verirrt hatte?! Dann kamen die Kinder und begrüßten mich, -- lauter kleine Elfen mit allzu schweren Haaren auf den feinen Köpfchen und allzu großen Blauaugen über den schmalen Wangen.
Draußen vor meinem Zimmer plätscherte der Brunnen, wie vor uralten Zeiten, und die Bäume rauschten feierlich, als träfe ihre Kronen niemals ein Wirbelsturm.
Am nächsten Morgen besuchte mich der Großherzog. Er kam zu Fuß und unangemeldet, mit den raschen elastischen Schritten eines jungen Mannes; ich hatte kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen. Und dann saß er mir im Rokokosalon gegenüber, und je länger er sprach -- mit heller Stimme und in dem eleganten Französisch des ancien régime --, desto tiefer versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel stieg die Vergangenheit empor. Von der Großmutter erzählte er mir zuerst, wie schön und wie gut und wie klug sie gewesen wäre, wie sie Weimars Geist in sich verkörpert habe, wie er nie habe verstehen können, daß sie anderswo als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande gewesen war. Zuweilen legte er die Hand über die Augen, eine gelbliche, blutleere muskellose Hand, die gewiß niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und lehnte sich, als käme plötzlich die Erinnerung an das eigene Alter über ihn, tief in den Stuhl zurück. Aber gleich darauf reckte sich sein schmaler Oberkörper krampfhaft auf, die Hände umschlossen die Seitenlehnen, die Augen weiteten sich, und mit dem stereotypen angelernten Fürstenlächeln, das über jede Empfindung hinweg täuschen soll, begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr das Enkelkind der Freundin seiner Jugend, sondern die Schriftstellerin, von der er die Erfüllung eines langgehegten Wunsches erwartete. Die Geschichte der Gesellschaft Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft, die seit Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts »getreu ihrer Tradition, Künstler und Dichter als gleichberechtigte aufgenommen und ihnen den Weg zum Ruhm gebahnt hat.« Und von den Vielen erzählte er, denen Weimar ein Sprungbrett ins Leben gewesen war, die hier zuerst die Anerkennung fanden, die die Welt draußen ihnen versagte. Er begeisterte sich an seinem eigenen Gedankengang, sein farbloses Gesicht überzog sich mit einer ganz feinen bläulichen Röte, und in seinen verschleierten Augen entzündete sich ein stilles Licht.
»Sie sind prädestiniert, dies Werk zu schaffen: Getränkt mit Weimars Erinnerungen, erzogen in Weimars Geist, geleitet von dem unfehlbaren Takt der Aristokratin,« sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand reichte. »Von Ihnen brauche ich keine jener widerwärtigen Enthüllungen zu fürchten, die die Kunst beschmutzen, das Leben vergiften. Meine Archive stehen Ihnen offen; dasselbe glaube ich auch im Namen der Großherzogin versprechen zu dürfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen -- --«
Zu einer Antwort ließ er mir keine Zeit mehr, -- daß ich nicht nein sagen könnte und dürfte, war ihm selbstverständlich. Ich hatte mich nur noch tief und dankbar zu verneigen.
Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir um Geist und Sinne. Mit offenen Armen, wie eine Heimkehrende, ward ich überall aufgenommen. Während langer Audienzen besprach die Großherzogin meine Arbeit im Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem Wort und jeder Bewegung die unnahbare Fürstin, und doch lag ein mütterlicher Ausdruck auf ihren Zügen, wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgroßherzog, in allen Stücken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm mir gegenüber in der Freundlichkeit, die durch seinen breiten Weimarer Dialekt und seine mit einer gewissen Absichtlichkeit übertriebene Verachtung aller Form noch um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke Frau, die gewiß eine prächtige Landpastorin abgegeben hätte, unterstützte ihn darin. Mit der halben Hofgesellschaft verbanden mich verwandtschaftliche Beziehungen; Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten einander hier in dem festgeschlossenen Kreise wie nahe Blutsverwandte. Wir waren in großer Gesellschaft, wenn kaum einer unter uns nicht »Du« zu dem anderen sagte.
Wie ein süßer Duft verlöschter Wachskerzen schwebte die Erinnerung an das achtzehnte Jahrhundert über all diesen Menschen und ihrer Umgebung. Alles war verblaßt, was damals in Farben und Gefühlen gejauchzt und geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, -- die gemalten Wangen, -- die Liebe. Und die raschelnden bauschenden Gewänder, die Schönpflästerchen, die bunten Westen, die weißen Perücken und Galanteriedegen hatten die Damen und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht dürftig und ungeschickt aus. Nur wenn im Schloß die Lüster brannten und das blanke Parkett und die hohen Spiegel ihr Licht tausendfältig wiedergaben, schienen sie sich des alten Lebens bewußt zu werden. Sie tanzten und lachten und neigten sich und nippten vom süßen Weine, und ich selbst mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen: ein Schatten der Vergangenheit.
Auch in die Bürgerhäuser kam ich, wo Erinnerungen alter Zeiten in vergilbten Briefen, zärtlich-himmelblauen Stammbüchern, Ringen aus den Haaren der Liebsten, Prunktassen mit den Bildern der Unsterblichen verwahrt wurden. Der freundliche, ein wenig sentimentale, ein wenig enge Geist der dreißiger Jahre herrschte hier. Keine moderne Renaissance hatte die gradlinigen Biedermeiermöbel und die hellen Mullgardinen verdrängt, und trotzdem der Rausch der Farben und der Töne eines Böcklin, eines Liszt und Wagner ihr Auge und ihr Ohr getroffen hatte, standen sie inmitten der weichen Märchenträume Schwindscher Wälder, und in ihrem Inneren klangen die Volksweisen Felix Mendelsohns.
Ich arbeitete jeden Vormittag in den Räumen des Goethe-Archivs, hoch oben im linken Schloßflügel, durch dessen Fenster der Blick weit über den Park hinweg schweifen konnte und das Ohr nichts vernahm als das leise Geschwätz zwischen der plätschernden Ilm und den grünen Baumblättern über ihr. Die gelehrten Herren, die mit mir arbeiteten, behandelten mich mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die Mauern aufrichtet zwischen den Menschen. Sie beantworteten meine Fragen, sie brachten mir, was ich brauchte, sie verbeugten sich tiefer vor mir, als es nötig gewesen wäre, aber ich fühlte trotzdem die Geringschätzung des deutschen Gelehrten vor dem Weibe, das in seine Kreise dringt. Doch je länger ich in Weimar war, desto dichter umhüllte mich eine Atmosphäre des Weihrauchs, die mich nicht nur unempfindlich, sondern auch unnahbar hochmütig machte. Nur einer, der Direktor, ein geistvoller Sonderling, begegnete mir wie ein Mensch dem Menschen. Zuweilen aber kam es vor, daß ich seine väterlichen Ermahnungen, seine klugen Ratschläge, seine sarkastischen Kritiken nicht mehr vertrug. Nicht nur die Eitelkeit, die in der Treibhausluft der Salons so üppig gedieh, auch die Ungeduld, die mich oft mitten in der Arbeit packte, trug daran die Schuld.
»Man degradiert sich zum Lumpensammler bei dieser ewigen Papierkorbarbeit,« rief ich einmal empört, als ich eine Notiz, die mir fehlte, durchaus nicht finden konnte.
Der Direktor, der mir während der letzten Stunden geholfen hatte, sah mich stirnrunzelnd an.
»Sie sind sehr jung und sehr voreilig, gnädiges Fräulein,« sagte er scharf. »Wer zur Vollendung eines Mosaikbildes ein einziges Steinchen braucht und Kisten und Kasten, selbst Bergwerke darnach durchforscht, der leistet eine wertvollere Arbeit, als mancher, der ein ganzes Gemälde in zwei Stunden hinpatzt. 'Beschränkung ist überall unser Loos,' sagt unser Meister, und mit vollem Bewußtsein einseitig werden, ist der Ausgangspunkt tüchtiger Leistung.«
»Beschränkung ist überall unser Loos«, -- das bohrte sich in mein Gehirn -- ich suchte von da an meine Steinchen und unterdrückte mein Murren.
An einem Lenztag, der so reich war, als hätten alle Lieder der Sänger Weimars sich in Duft und Glanz und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf nach Belvedere. Der Großherzog hatte uns zum Frühlingsfest in sein Schlößchen geladen. In eine Laube von Maiglöckchen und Rosen war der runde Gartensaal verwandelt; durch die weit geöffneten Türbogen lachte der blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen Kristallen der Tafel glänzte die Sonne, die Zahl der Tischgäste überstieg nicht die der Musen, und ein heiteres Gespräch, das wie der Wiesenbach alle Ecken und Kanten meidet und selbst die Steine streichelt, die ihm im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine Gedanken zuweilen den Faden verloren, und der Märchenwald am grünen Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien und kühler Bergwind mir die Stirn umstrich? -- der Duft der Maiglöckchen war es wohl, der den Zauber hervorrief.
In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem Diner. Er zeigte mir das Labyrinth und die Naturbühne und wies mit liebevoller Bewunderung auf die sanften waldigen Hügelketten, die sich weit bis in die Ferne dehnten. »Das ist Schönheit,« sagte er, »ruhig-vornehme Schönheit, ein reiner Rahmen für echte Kunst, wie wir sie in Weimar gepflegt haben und pflegen werden. Ich freue mich, daß Sie uns helfen wollen. -- Sie werden in Weimar bleiben, nicht wahr?« Ich antwortete ausweichend. Er verstand mich falsch: »Eine Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, dürfen Sie mir überlassen,« und mit einem freundlichen Händedruck wandte er sich anderen zu. Auf dem Heimweg gratulierten mir meine Verwandten. Graf Wendland, der hinter den Allüren eines tadellosen Hofmannes einen klugen, merkwürdig freien Menschen verbarg, meinte mit einem feinen Lächeln: »Der weiße Falke wird der Hofhistoriographin nicht fehlen. Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, nicht wahr?!«
An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen Tanten zum Souper. Aber es war eine, die nicht wie die vielen war, -- ein Original, über das die Familie die Achseln zuckte und die Köpfe schüttelte. Sie hatte sich schon in ihrer frühen Mädchenzeit Weimar zum Trotz ihr eigenes Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde unter den Künstlern und Dichtern, die sonst in Goethes Stadt doch nur zu wirksamen Dekorationsstücken der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie allmählich zur mütterlichen Freundin all der jungen Menschen geworden, die hier auf der steilen Leiter zum Ruhm die ersten Schritte taten oder künstlerische Offenbarungen suchten. Und wem der Zwang des Hofes lästig wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies Wort auf der Zunge brannte, der kam zu ihr.
Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die Alten und Jungen: Lassens jovialer Künstlerkopf tauchte neben dem schönen Schillerprofil Alexander von Gleichens auf; ein paar auswärtige Freunde, Schriftsteller und Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag schon angekommen waren, fanden sich ein; Richard Strauß stand schüchtern in einer Ecke, der blasse junge Kapellmeister, den die meisten verlachten, und der hier bei der gütigen Frau, die ihn eben in schwerer Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und schmal und blaß wie er, in altmodischem Sammetkleid und glattgescheiteltem Haar tauchte ein Mädchen -- nicht jung, nicht alt -- in der Türe auf, das mir die Tante schon oft als großes dichterisches Talent gepriesen hatte: Gabriele Reuter. Und eine junge Sängerin kam, eine bayerische Oberstentochter, die trotz ihrer schönen Stimme auf der Bühne nicht heimisch werden konnte und ängstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen suchte, die sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte wie ein Feldherr die bunte Gesellschaft und das Gespräch, -- und warf ein geistvolles Wort hinein, wenn es auf die Landstraße allgemeinen Klatsches zu geraten drohte. Schließlich stritt man sich hitzig über Weimars Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart.
»Künstler bedürfen der Ruhe,« sagte Gleichen, »aber sie verkommen und versauern, wenn sie nicht immer wieder mit einer Ladung von Ideen aus der Welt draußen hierher zurückkehren.«
Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger Historiker, der im großherzoglichen Hausarchiv tätig war. »Für den Mann der Wissenschaft gibt es nichts Besseres, als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo nichts ihn von seinen Studien ablenkt.«