Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Chapter 29

Chapter 293,712 wordsPublic domain

Gleich darauf hörte ich Trommeln und Pfeifen: im Sturmschritt rückte die Infanterie von der anderen Seite vor, -- sie kam in unzählbaren Massen, wie aus der Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer. Ich sah den Fuchs meines Vaters, -- da plötzlich ein Signal: Das Ganze Halt!, und still stand der Kampf.

Merkwürdig scheu wichen mir auf dem Heimweg unsere Offiziere aus. Kurz vor Minden traf ich Hessenstein, den ich anrief. »Was ist geschehen?« frug ich verängstigt.

»Es soll einen bösen Auftritt gegeben haben,« antwortete er. »Auf die Mitteilung, daß er geschlagen sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut geraten. 'Sie sind wohl des Teufels', soll er geschrien haben, 'ihre ganze Kavallerie ist ja vernichtet'. Alle, die ich sprach, geben ihm übrigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern und Holzhausen hätte zweifellos seinen Sieg gesichert, wenn er nicht abgebrochen worden wäre.«

Wir reisten noch an demselben Tage nach Münster zurück und erwarteten dort meinen Vater. Er war ruhiger, als ich gefürchtet hatte, und erwog mit solcher Sicherheit die Aussichten auf ein Armeekorps, daß wir selbst kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.

Als der nahende Karneval uns grade wieder an die geselligen »Pflichten« zu erinnern begann, starb die alte Kaiserin Augusta, und es war für diesen Winter mit Spiel und Tanz vorbei. Nichts hätte mich mehr befriedigen können. Nun konnte ich mich ungestört der Aufgabe widmen, deren Erfüllung ein neues Leben einleiten sollte.

Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben begonnen hatte, enthielt die Skizzen, aus denen ich ein Gemälde schaffen wollte, so stark an Farben, so lebendig an Gestalten, daß in Zukunft niemand daran würde vorübergehen können. Aber so rasch jener erste Entwurf entstanden war, so langsam gings mit der neuen Arbeit. Ich entdeckte Lücken in meiner Bildung, die durch die mir zu Gebote stehenden Mittel unausfüllbar blieben. Meine Unwissenheit auf den Gebieten der Philosophie und der Naturwissenschaften stürzte mich oft in die tiefste Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien mir dann wertlos, die Zukunft, wie ich sie erträumte, auf immer gefährdet. Oft saß ich bis in die Nacht hinein grübelnd am Schreibtisch, und erst, wenn das letzte Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger in der Winterkälte erstarrten, huschte ich fröstelnd in mein Schlafzimmer.

Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß ich mich automatenhaft in meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages meines Vaters klanglose Stimme auffiel. »Bist du krank, Papachen?« frug ich besorgt. Er lachte gequält: »Ich sollte es sein!« Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl, leichenblaß, mit weit aufgerissenen Augen. Ich stürzte neben ihm in die Kniee und griff nach seiner schlaff herabhängenden Hand. In dem Augenblick kam er zur Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an sich hatte, drang aus seiner Kehle, -- er sprang auf, schlug wild aufschluchzend die Hände vors Gesicht, um in der nächsten Minute wieder zurückzusinken. Da fiel mein Blick auf einen weißen Bogen, aus einem blauen Umschlag halb herausgerissen, -- ich griff danach und las mit verdunkeltem Blick nur die drei Worte: »... der Abschied bewilligt ...«

»Die dreizehnte Division!« murmelte mein Vater.

Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt auflösen. Mein Vater vertauschte noch an demselben Tage die geliebte Uniform mit dem schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage nicht auf die Straße; sein Gesicht färbte sich dunkelrot bei jedem Soldaten, der ohne Gruß an ihm vorüberging. Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer, dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme hörte er zu, wenn meine Mutter Zukunftspläne schmiedete; wenn sie aber in der Aussicht auf ein ruhiges Leben förmlich froh zu werden vermochte, erhob er sich schwerfällig und ging hinaus. Er kümmerte sich um nichts, äußerte keinen Wunsch, ließ alles geschehen.

Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der Möbel -- er merkte es nicht; sein Adjutant verhandelte mit Hilfe des Reitknechts mit den Pferdehändlern, -- er betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der Morgen kam, wo die Pferde fortgeführt werden sollten und wir alle versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten, lief er plötzlich auf den Flur hinaus, -- hell hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert, auf dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar glänzte im Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor dem Morgenritt, sprang ihm Percy, der weiße Terrier, an die Nase. Gegen die Scheibe preßte mein Vater die Stirn, ein Beben erschütterte seinen starken Körper, und schwere Tränen rollten ihm über die Wangen. Der Fuchs verschwand im Torweg; nur der Hund blieb noch unschlüssig stehen, kniff den Schwanz, sah fragend zu uns hinauf und trottete dann erst nach -- langsam, ganz langsam.

Fünfzehntes Kapitel

Märzsturm im Harz. Er schüttelte auf den Höhen die schweren Schneemassen von den Bäumen und peitschte durch die Täler feuchtkalten, rieselnden Regen. Hochauf geschwellt wie ein Gießbach rauschte die sonst so bescheiden flüsternde Radau durch das Städtchen. Unter den kahlen, schwarzbraunen Eichen stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es hing in hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den Balken des Musikpavillons und im dürren Weinlaubgerank um die muffig riechenden Wandelhallen. Mit geschlossenen Fensterläden schliefen Häuser und Gasthöfe noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die Wälder hatten Regen und Schnee all die vielen Fußspuren des vergangenen Sommers verwischt.

Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall -- das einzig Lebendige zu dieser Stunde -- sieben schlug, trat aus dem kleinen Häuschen gegenüber ein Mann heraus: mit zwei müden, blauen Augen unter finster gefalteter Stirn sah er kühl und gleichgültig zum ewig grauen Himmel auf; die vollen Lippen, die ein dichter blonder Bart beschattete, preßten sich fest aufeinander, und die eine Faust auf dem Rücken, die andere um den Krückstock gespannt, ging er rasch die Chaussee hinauf. Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte irgendwo ein Mensch auf, so bog er seitwärts in die Wälder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig spähend ein junges blasses Mädchen, dem die schwarzen Locken im Wind wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht weit, -- sie hätte schließlich laufen müssen, um ihn im Auge zu behalten, und das Herz klopfte ihr zu stark. So ging sie denn aufseufzend, mit einem sorgenvollen Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf, in die Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenmöbeln, den bunten Öldrucken an der großblumigen Tapete, dem unbehaglich dürftigen Pensionsfrühstück auf dem runden Tisch. Sie schluckte den dünnen Kaffee, aß widerwillig ein winziges Brötchen und sprang mit nervöser Hast auf, als nebenan Stimmen laut wurden. »Schwester!« rief die eine halb verschlafen -- »Alix!« klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite Tür. Vor dem kleinen Mädchen knieend, das sich die goldenen Löckchen wohlgefällig über die rosigen Fingerchen wickelte, zog sie ihm Strümpfe und Schuhe an, um gleich darnach zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der geschickten Hände ihrer Ältesten wartete.

»Papa war heute wieder sehr böse über den schlechten Kaffee,« sagte sie, während sie mit dem Kamm durch die noch immer vollen blonden Haare ihrer Mutter fuhr, »und der Ofen will auch nicht brennen, -- wir sollten doch lieber umziehen!«

»Du weißt, daß alle anderen Pensionen erheblich teurer sind,« antwortete die Mutter gereizt, »Hans muß sich eben an Einschränkung gewöhnen.«

Kam der Vater gegen Mittag zurück, mißmutig und müde, so saß seine Älteste schon seit ein paar Stunden neben dem Schwesterchen und spielte Lehrerin. Des Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren Kühle der Mutter und einer Natur, die von der weißglänzenden Winterpracht und der grünschimmernden Frühlingshoffnung gleich weit entfernt war, verstummte selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges Geplauder. Im stillen atmete jeder auf, wenn der Familienausflug ein Ende nahm, und doch versicherte einer dem anderen, daß er »herrlich« gewesen wäre.

Große Schmerzen bedürfen der Einsamkeit. Schwül und schwer lasten sie wie Gewitterluft, wenn sie sich nicht entladen können; und die Qualen des anderen mit ansehen, heißt die eigenen verdoppeln. Aber Tradition und Sitte predigen in verlogener Sentimentalität, daß sie gemeinsam getragen werden müssen; und ihnen beugten sich die drei Menschen, so sehr sie auch auseinander verlangten.

Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen, Blassen noch lange die Lampe. Aus den Schulbüchern der Schwester bereitete sie sich auf das Pensum des nächsten Tages vor, -- sie hatte ja nie gelernt, zu lehren, und mühsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei war auch noch stets der Arbeitskorb voll, geflickt mußte werden und genäht, -- niemand durfte merken, daß die Verhältnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr entsprachen. Sehnsüchtig schweiften die dunkeln Augen der Arbeitenden oft genug zu den Büchern, die erwartungsvoll mit blanken Goldlettern auf dem Rücken von dem kleinen Regal zu ihr herübersahen. Stahlen sich dann aber gar Tränen zwischen den Wimpern hervor, so zog sie einen zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen Schriftzügen dicht bedeckt, und las ihn, den sie schon fast auswendig wußte, wieder und wieder. Er lautete:

Pirgallen, 10. März 1890 »Mein geliebtes Enkelkind!

Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst Du Dich in die neue Lage gefunden hast, und wie treulich Du all die Pflichten, die sie Dir auferlegt, erfüllst, so daß ich Dich nun ganz besonders meiner zärtlichen Liebe und freudigen Anerkennung versichern möchte. Ich habe oft gefürchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit möchten von meiner Alix reinem Herzen schließlich Besitz ergreifen; vielleicht hat die Führung Gottes, die uns kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch für Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres Selbst sich voll entfalten kann. Ich habe, wie Du weißt, von Anfang an den Abschied Deines Vaters nicht so tragisch genommen als alle anderen, als vor allem er selbst. Je älter wir werden, desto gleichgültiger erscheinen uns solch äußerliche Begebenheiten. Daß es freilich eine harte Schule gerade für Hans ist, der an seiner empfindlichsten Stelle, -- seinem Selbstbewußtsein, seinem Ehrgeiz, -- getroffen wurde, weiß ich nur zu wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schließlich bestehen zu können, wenn Ihr alle, Du besonders, mein Kind, an der er mit all seiner Zärtlichkeit hängt, ihm in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen werdet und er für seine ungebrochene Kraft eine Tätigkeit findet, die ihr entspricht.

Aber noch eine andere, und für Dich vielleicht schwerer zu erfüllende Aufgabe muß ich Dir, meine Alix, übertragen. Ich hoffe, Du wirst daran den Grad meines Vertrauens zu Dir ermessen können und es nicht als Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen Schultern diese Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt und kann jeden Tag abberufen werden. Es ist mir möglich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter, durch regelmäßige pekuniäre Zuwendungen, durch Geschenke, Badereisen und dergleichen, vor quälenden Sorgen zu bewahren. Nichts konnte mich mehr freuen, als daß ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu unterstützen, was man entbehren kann, ist niemals ein Opfer. Deine Mutter hat es um so selbstverständlicher angenommen, als sie stets zu dem Glauben berechtigt war, daß ihr künftiges Erbteil noch unangetastet in meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe nicht zu stören, habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen. Sterbe ich, so wird sie erfahren, daß Hans auf Grund dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im Laufe der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein beträchtliches übersteigen. Das wird für Deine Mutter nicht nur eine große Enttäuschung sein, es wird auch Einschränkungen aller Art nach sich ziehen, und auch an bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es nicht fehlen. Dir, meine Alix, teile ich das schon heute mit, damit Du bereits jetzt Deinen Einfluß dahin geltend machst, daß Euer neues Leben sich möglichst einfach gestalte, und Du fortfährst, ein fleißiges Hausmütterchen zu sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend, Deiner Zukunft, einer möglichen Heirat alle Rücksicht schuldig zu sein, sie werden sich gewiß einen Aufenthaltsort aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke zu hoch von meiner Enkelin, als daß ich nicht wüßte, daß Du höhere Werte zu schätzen und höheren Zielen zu folgen weißt. Eine Ehe ist nur selten ein Glück, am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen wird, und Dich hat Gott mit so vielen guten Gaben bedacht, daß Du auch außerhalb der natürlichen weiblichen Lebenssphäre einen Dich und Andere befriedigenden Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt, nicht nur um Deiner selbst willen, sondern auch, um Deinen Eltern die Sorge um Dich von der Seele zu nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in diesen Dingen, rechnet für seine Töchter mit den Millionen der augsburger Tante. Deine alte Großmutter, mein Kind, die stets in dem Rufe stand, schwarz zu sehen, weiß aber aus Erfahrung, daß es mehr als töricht ist, auf den wankelmütigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu bauen. Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und ihrer Eitelkeit zu schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht verstanden. Darum ist der Rat, der letzte vielleicht, den ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf Deine eigenen Füße. Über das »Wie« zu entscheiden, wird freilich Deine Sache sein. Nur an ein paar Beispiele möchte ich Dich erinnern: an Frau v. W., die ein schönes, gefeiertes Mädchen, eine verwöhnte Frau gewesen ist. Ihr Mann verjubelte, was sie besaß, und mußte, als unheilbar Gelähmter, den Abschied nehmen, so daß ihr allein die Erhaltung der ganzen Familie zufiel. Sie setzte sich an den Schreibtisch, schrieb Romane und erwarb, was nötig war, um zu leben und ihre Kinder zu erziehen. Oder denke an die kleine Gräfin B., deren Eltern starben, als ihre fünf Geschwister noch unmündige Kinder waren. Mit den Künsten, durch die sie bisher nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von da an die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten Wappen und gepunzten Ledereinbände findest Du jetzt in den Auslagen großer Berliner Geschäfte.

Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich fühle, daß Du mich recht verstehst, und weiß zuversichtlich, daß ich im Vertrauen auf Dich ruhig meine Augen werde schließen können. Ich drücke Dich an mein Herz, als

Deine treue, sehr alte Großmama.«

Viele schlaflose Nächte hatte mich dieser Brief gekostet, und noch war keine Stunde am Tage vergangen, die mich nicht an ihn erinnert hätte. Im ersten Überschwang des Gefühls hatte ich Großmama alles versprochen, was sie von mir erwartete, und freudigen Herzens hatte ich mich in meine Aufgabe gestürzt. Aber der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts übrig als nüchterne, eiskalte Pflichterfüllung. Ich mußte Großmamas Wünschen folgen, weil die Verhältnisse mir unweigerlich ihre Erfüllung aufzwangen, und ich konnte es, soweit die häuslichen Pflichten in Betracht kamen. Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich »auf eigene Füße zu stellen«?! Nach Selbständigkeit hatte ich mich gesehnt mein Leben lang, -- nach Selbständigkeit und nach Freiheit --, aber das wars ja gar nicht, was Großmama unter ihren eigenen Worten verstand, und was ich zu erreichen genötigt werden würde. Nicht meiner Überzeugung leben, mein geistiges Ich befreien sollte ich, sondern im Dienst der Familie meine Begabungen in blanke Münze umsetzen.

Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich mir einst im Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut, der wertlos für mich wurde und entweiht durch den ersten fremden Blick, der hineinfiel, -- und nun sollte ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums preisgeben, sollte für den Verkauf denken und träumen, wie man Spitzen klöppelt, um sie nach dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte gehofft, mit jenem kleinen schwarzen Büchlein einmal öffentlich wider die Lüge zu kämpfen, -- aber nur um des Kampfes willen! In den Schmutz ziehen hieß es die ganze große Sache, wenn auch nur ein Gedanke an »Verdienen« sich mit ihr verband. Nein -- tief in den Koffer und noch tiefer in den Hintergrund meines Herzens mußte ich das schwarze Büchlein bannen, solange ich an »Verdienen« denken mußte. Ob ich wohl auch, wie Frau v. W., Romane schreiben könnte? -- Eine tiefe Ehrfurcht vor dem Schaffen der Dichter erfüllte mich von je her. Als höhere Wesen erschienen sie mir, Gott ähnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie wurden geboren durch ein höheres Naturgesetz und nur durch ein solches zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am Heiligtum, wer sich zu ihnen erhob, um mit Phantasien und Versen zu schachern, -- lieber Hemden nähen, oder Strümpfe stricken!

Flüchtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider zu machen und Hüte zu garnieren, -- doch: ein Fräulein von Kleve eine Schneiderin, eine Putzmacherin -- unmöglich! Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht schon gemalt, wie viel Stühle und Tische und Kasten und Rahmen gebrannt, -- hier war vielleicht ein Weg, der sich betreten ließ. Von nun an benutzte ich jede freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.

»Komisch,« meinte Papa eines Abends, »daß du plötzlich mit solchem Eifer Dilettantenkünste treibst. Es ist doch noch lange Zeit bis Weihnachten.« -- »An Alix' Geistessprünge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,« spottete Mama. Heiß stieg mir das Blut in die Schläfen; eine heftige Antwort schwebte mir schon auf der Zunge, als ein für Hamburgs Stille ungewohnter Lärm auf der Straße uns alle ans Fenster trieb.

»Extrablatt -- Extrablatt!« Mein Schwesterchen stürmte die Treppe hinab, -- endlich ein Ereignis in diesem einförmigen Leben! --, und mein Vater ihr nach, der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich seit seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen gefiel.

»Bismarck ist entlassen --« atemlos rief er es uns von der Straße herauf zu und stieg mit jugendlicher Elastizität die hohen Stufen wieder hinauf. Hochrot war er im Gesicht, die Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen Augen. Erstaunt sah ich zu ihm auf.

»Er auch!« sagte er wie zu sich selbst und lächelte. Nun verstand ich ihn: ein Größerer war gefallen, von demselben Schützen getroffen, -- nicht mehr als der Gedemütigte stand er da, sondern als der Gefährte dessen, der das Reich gegründet hatte und von des Reiches drittem Kaiser aus dem Wege geräumt worden war. Von dem Tage an lebte er auf, wurde gesprächig wie früher, verfolgte mit steigendem Interesse die politischen Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum »neuen Kurs« wurde eine immer schroffere.

»Wir werden nach Berlin übersiedeln,« sagte er mit einer Bestimmtheit, die jeden Widerspruch ausschloß. »Dort eröffnen sich mir alle Möglichkeiten zu literarischer und politischer Tätigkeit.« Er begann für die konservative Presse schärfster Observanz zu schreiben, die damals der Ära Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.

Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die Mutter: auf Theater, Konzerte, Ausstellungen freute sie sich wie ein Kind. Ein unterdrückter, ungestillter Hunger schien plötzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen. Auch ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort würde es mir leichter werden als anderswo, meine Arbeiten anzubringen, und die trübe Nebelstimmung meines von der Pflicht und dem Erwerb ausgefüllten Daseins würde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl aus der Welt geistigen Lebens -- der für mich unerreichbar fernen! -- durchbrochen werden. Daß meine Freude eine so gedämpfte war, begriffen die Eltern nicht. Mein Vater bemühte sich immer wieder, der Ursache nachzuspüren.

»Du wirst mit Mama die Hofbälle besuchen -- auch wenn ich nicht mittun kann,« sagte er eines Tages mit gütigem Lächeln. »Nein, Papachen!« antwortete ich, ihm dankbar die Wange küssend. »Ich bin lange genug ausgegangen -- ich mache mir nicht das mindeste daraus.«

Er schüttelte bekümmert den Kopf, -- nun war er vollends ratlos. Wie gut, dachte ich, daß seine Jüngste, Tischen mit dem Goldhaar, die allzeit Fröhliche, ihm immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne lachte und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich ihn in trüben Gedanken wußte. Sie verstand es, wie Sonnenschein, alle Regentropfen glitzern zu machen. Und jeden Abend trieb sie die bösen Geister, die sich am Tage heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren Wirbeltänzen zu Türen und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in den Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen Bewegung. Unermüdlich pfiff der Vater, und auf und nieder, hin und her flog sie, ein flatternder Irrwisch -- mit Feuerfunken in den Augen und glühenden Rosen auf den Wangen. Ganz verängstigt flackerte die kleine Petroleumlampe, -- aufgestört aus ihrer würdevollen Ruhe, mit der sie sonst nur fleißige Hände und stille Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich saß indessen am Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die Arbeit; oft schlich ich still hinaus, -- ich wußte nur zu gut, daß mich niemand vermissen würde.

Ich wurde blaß und schmal, und blaue Ringe umschatteten meine Augen.

Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen: »Mama im Sterben. Walter«. Mir lähmte der Schreck die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu, wie meine Mutter in Tränen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom Hörensagen; noch war mir niemand von denen gestorben, die mir die liebsten waren. Erst als ich sah, wie meine Mutter hastig den Koffer packte, kam ich zu mir.

»Ich komme mit«, sagte ich rasch und riß ein paar Sachen aus dem Schrank und aus der Kommode. »Du?!« Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf. »Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Entweder wir reisen alle -- und das ist zu kostspielig --, oder du mußt bei Haus und Ilse bleiben. Die Kleine kann nicht allein sein.« Ich zitterte vor Aufregung: Plötzlich ward mir klar, daß der einzige Mensch, der mich verstand, der mich liebte -- mich selbst, so wie ich wirklich war --, mit dem Tode rang; daß ich ihn verlieren sollte, ohne daß ich ihn je ganz besaß, ohne in das kostbare offene Gefäß seines großen Herzens all mein Leid, all meine Zweifel ausgegossen zu haben und Kraft und Klarheit und Verständnis von ihm zu empfangen.

»Ilse ist groß genug -- und Papa sorgt für sie -- besser als ich. Ich bitte dich -- laß mich mit! --« rief ich verzweifelt.

»Du weißt, daß es unmöglich ist --« Mamas Stimme wurde scharf, »oder hast du vielleicht das Geld für die Reise?«

Tränen des Zorns, der Empörung, der Scham stürzten mir aus den Augen: Großmama starb, -- und von Geld konnte gesprochen werden! --

Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spät: in der Nacht vor ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.

Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und der Schmerz wich mehr und mehr der Angst. Ich beobachtete Papa: er vermochte seiner Aufregung kaum Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung kam ein Brief von Mama. Er öffnete ihn nicht, sondern ging damit aus dem Zimmer und schloß sich in seiner Schlafstube ein. Ich horchte an der dünnen Wand: ein Stuhl fiel zu Boden -- ein unterdrücktes Stöhnen -- ein bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. Mein ganzes Herz trieb mich zu ihm, aber ich hatte den Mut nicht, meinem Gefühl zu folgen. Als Papa nach ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so müde, so zerfallen und verzweifelt aus wie damals, als ihm der Abschied ins Haus geschickt worden war.