Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 22
Eines abends -- wir saßen wie gewöhnlich im Sande und spielten Pfänderspiele -- mischte sich ein neuer Gefährte in unseren Kreis: Graf Göhren. Er erschien mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt sogar, ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein guter, treuer Pinscher sah er aus, mit runden erstaunten Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich wußte nicht recht, warum. Es fügte sich in den folgenden Tagen, daß wir uns näher kennen lernten, und als wir einmal auf einem Spaziergang in den Dünen vor einem Gewitter die Flucht ergriffen und, von der übrigen Gesellschaft getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz suchten, legte er mit ungewöhnlich sorglicher Gebärde seinen Mantel um meine Schultern. Ich wurde bis ins Innerste warm dabei, -- es tat so wohl, sich unter gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich nicht recht bei der Sache und horchte erst auf, als der Chenille-Graf mit einer Gitarre unter dem Arm auf mich zu trat. »Nun hab ich für Ihr Lied die Melodie gefunden, Gnädigste,« sagte er, »wenn wir das anstimmen, kriegen die Kranzer eine Gänsehaut vor Entsetzen.« Mein Lied?! Ach so! -- vor ein paar Tagen hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war, zum Lohn ein Gedicht begehrt, daß er darin entdeckt hatte. »Darf ich es sehen?« frug Graf Göhren. Seine Stirn runzelte sich, als er es las. »Sie werden es nicht singen lassen« -- sagte er darnach mit scharfer Betonung zu mir gewandt. »Erlauben Sie, lieber Graf,« warf der andere lächelnd ein: »Fräulein von Kleve hat sich des Rechts darüber schon begeben.« -- »Es bleibt trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, daß es niemand anders hören wird --«. Graf Göhrens Stimme nahm einen drohenden Klang an, die Situation wurde kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, -- mit welchem Recht verfügte dieser Mann über mich?! Da sah der Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten Lächeln und einem kecken Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen an: »Ich beuge mich selbstverständlich, wie immer, dem Willen der Dame«, -- und herausfordernd griffen seine schmalen gebräunten Finger in die Seiten der Gitarre. »Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt zu sein; Graf Göhren,« spottete ich, »wenn mein Lied Sie chokiert, steht es Ihnen frei, nicht zuzuhören!« Mit kurzer Verbeugung reichte er mir das Papier. Es hatte zu dämmern angefangen, und unsere Gefährten strömten von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle, ein paar Torten, das Ergebnis einer verlorenen Wette, wurden von der Strandkonditorei herunter getragen, -- »und nun kommt das Beste!« rief der Chenille-Graf, »unser künftiges Bundeslied:«
»Stoßt an mit mir! Füllt wieder die Pokale, Es schäumt der Wein, schäumt wie des Lebens Lust; Ein heitrer Sinn ziemt diesem Göttermahle. Im Fieber schlägt das Herz uns in der Brust, Laßt uns, damit die Sorgen uns versinken, Trinken!«
Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die Damen schwiegen.
»Lind ist die Nacht, es duften süß die Rosen, Heiß ist der Mund, der sich auf deinen preßt; Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen, Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest. Laßt uns, so lang die Sommerblumen sprießen Genießen!«
Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das Publikum. Von einer flackernden Laterne matt erhellt, sah ich Göhrens Gesicht mitten darunter, und ihm zum Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen Mädchen, deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr röteten, in den Refrain ein.
»Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder, Helljubelnd grüßen wir den Wellenschaum, Der Sturm singt uns das schönste aller Lieder Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum -- Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? -- Stranden!«
Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir in seiner grellen Dissonanz zu den Worten schmerzhaft ins Herz schnitt, schloß der Sänger. Man drängte sich um uns, die Gläser klirrten aneinander, ich hob das meine noch einmal hoch empor wie zum Gruß an den mißgünstigen Zuschauer, der unter der Menge verschwand.
»Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt,« sagte Onkel Walter am Morgen ärgerlich zu mir; »Graf Göhren ist abgereist.« Ich zuckte gleichgültig die Achseln. »Du solltest zufrieden sein, wenn überhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach dem Skandal mit --.«
»Ich bitte dich, dies Thema ein für allemal unberührt zu lassen,« unterbrach ich ihn heftig, »im übrigen erkläre ich dir: lieber gehe ich betteln, als daß ich mich verkaufe.«
Onkel Walter wurde dunkelrot. »Mäßige dich, ja?« herrschte er mich an, dann zuckte ein bitteres Lächeln über seine sonst so gemessen beherrschten Züge: »Glaubst du, daß irgend einer von uns seinem Herzen hat folgen können?!« Überrascht sah ich auf -- welch Licht fiel plötzlich auf das Glück von Pirgallen?!
Im Spätherbst besuchte ich Großmama noch ein paar Tage, um dann zu meinen Eltern nach Bromberg überzusiedeln. Die letzten Monate krampfhaften Lebens waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer vom Sommer sehnsüchtig träumenden Baum die letzten Blätter entreißt. Sonst, wenn michs fröstelte vor dem nahenden Winter, gaukelte meine treue Gefährtin Phantasie mir immer neue lachende Frühlingsbilder vor, und meine junge, starke Hoffnung hielt sie gläubig fest. Jetzt sah ich mich vergebens um nach den beiden. In jener Nacht, da mein Herz gestorben war, hatten sie mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.
»Ist es nicht merkwürdig, daß Ihr alle meinen Leichnam für mich selbst halten könnt?!« schrieb ich an meine Kusine, »oder meinst Du, ich lebte, nachdem ich mit vollen Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt zu entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts gefunden habe als das ewige Einerlei der Wogen! -- -- -- Nur um eine Einsicht bin ich inzwischen reicher geworden: daß das Glück, nach dem wir ein so unbändiges Verlangen tragen, nichts ist als Betäubung. Betäube durch Arbeit, Vergnügen, Liebe, durch Religion und Kunst Deine Überlegung, betäube den Gedanken an all das Elend in der Welt, geistiges und leibliches, betäube die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an gescheiterte Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und Du wirst 'glücklich' sein. Je jünger man ist, desto leichter gehts; es ist aber leider wie mit dem Morphium: je mehr man seiner bedarf, desto weniger wirkt es ...«
* * * * *
Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich fürchtete mich. Vor Papas übler Laune, vor der Öde der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde ich angenehm enttäuscht: mein Vater war bei bestem Humor und erzählte mir schon in den ersten zehn Minuten des Zusammenseins, daß seine Stellung nicht nur eine sehr angenehme und selbständige, sondern infolge der anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine höchst interessante wäre. Aber in bezug auf die Kleinstadt wurden meine schlimmsten Erwartungen übertroffen. Es gibt welche, die erfüllt sind von Tradition; die Giebelhäuser, die Türme, die Kirchen, die Stadtmauern erzählen unablässig ihre alten Geschichten, und wir träumen und phantasieren schließlich so gern mit ihnen, daß wir die Welt draußen beinah vergessen; und andere gibt es, die liegen warm und wohlig an breiter schützender Bergbrust, ein Flüßlein rauscht und plätschert ihnen zu Füßen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes Spielzeug aus, -- auch da ist gut sein für arme heimatlose Wanderer; aber wo Pest und polnische Wirtschaft die Häuser und Mauern zerfallen, die Wälder rasieren ließen und die moderne Industrie lieblos und gleichgültig an schnurgeraden Straßen Kasernen und Fabriken baute, da ist recht eigentlich die Fremde, die nie und nimmer zur Heimat wird. Daß der alte Fritz hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der Oder verband, daß er die Schleusen mit vielen schönen Bäumen umpflanzen ließ, dankte ihm jeder, der nach Bromberg verschlagen wurde, -- diese einzige Schönheit des Orts machte es allein möglich, hier und da frei aufzuatmen.
Wie die Tiere sich in Form und Färbung ihrer Umgebung anpassen, so nehmen die Menschen allmählich die Stimmung ihres Wohnorts an. Ein schweres Grau lagerte daher über der bromberger Geselligkeit, selbst die Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. Dabei tanzte man unermüdlich mit einem erwartungsvollen Eifer, als gelte es, das Vergnügen schließlich doch einzuholen. Aber es lief immer wieder davon. Der Flirt stand in schönster Blüte, und der Klatsch noch mehr, -- womit hätten sich die Leute auch sonst beschäftigen sollen?! Es wimmelte von Uniformen aller Art; aber selbst die schönste kavalleristische Farbenpracht vermochte nicht über den Talmiglanz des Lebens hinweg zu täuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; zwischen mir und den jungen Mädchen bestand nun einmal ein gespanntes Verhältnis. »Ihr Leben allein widert mich an«, schrieb ich an Mathilde, »ein bißchen Musik, ein bißchen Malerei, ein bißchen Wohltätigkeit und unter dieser Maske der guten Gesellschaft entweder nichts, oder ein unklares Durcheinander von Romantik und unterdrückten kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefühl, nie ein brennendes Interesse. O, daß ihr kalt oder warm wäret!« Die Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: ihre Kinder, ihren Mann, ihre Häuslichkeit; freilich: Zeit, an ihre Bildung zu denken, hatten sie nicht. Wie viele, die abends in eleganter Toilette, Lebenslust heuchelnd, den Ballsaal betraten, standen vom frühen Morgen an am Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmütigen »Mädchen für Alles« als Hülfe, und wuschen abends heimlich bei verhängten Fenstern die Kinderwäsche selbst. Zu standesgemäßer Geselligkeit verpflichtet, gaben sie zwei langweilig-feierliche Soupers jährlich, fasteten vor- und nachher, um sie möglich zu machen, und bezahlten eine große Wohnung aus demselben Grunde. Wenn sie aber dann, schlank und vornehm im glatten Schneiderkleid an der Seite ihrer eleganten, säbelrasselnden Männer über die Straßen gingen, folgten ihnen neidische Blicke, denn das Volk hat die Naivität der Kinder, die sich den König nur in Purpur und Krone, den Bettler nur im durchlöcherten Kleide denken können.
Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier -- einem männlichen Seitenstück zu dem neidischen Haß, mit dem die meisten Frauen jede schön Gekleidete betrachten -- war wohl noch nie so stark zutage getreten als damals, wo selbst der Kleinstädter, den sonst die Wellen geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen Kämpfen um das Septennat lebhaften Anteil nahm.
Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil polnischen Arbeiterbevölkerung. Was Uniform trug, vermied die Nähe der Fabriken. Als ich einmal mit meinem Vater spazieren ritt, flog über eine Mauer weg ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen die Beine. Sie stiegen erschrocken und sausten dann in Karriere über die Landstraße, so daß mir Hut und Schleier davonflog und es ein Stück Arbeit kostete, sich im Sattel zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Zügel hielt, war indessen vergebens den heimtückischen Angreifern auf der Spur gewesen; er konnte sich nicht fassen vor Wut, und ich hörte tagelang nichts anderes als sein maßloses Schimpfen auf diese »Satansbrut von Sozialdemokraten.« Niemand als sie waren die Attentäter gewesen, sie, die sich im Reichstag durch ihre Haltung gegenüber der Militärvorlage als Vaterlandsverräter dokumentiert hatten, -- sie, die nichts anders verdienten, als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu werden.
Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen. Daß sie nur in der Phantasie Bismarks lebten, als willkommenes Mittel, seine Forderungen durchzusetzen, -- das glaubten wir hier, dicht an der russischen Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung bemächtigte sich unser: die jungen Offiziere strahlten in der Erwartung, daß ihr Leben endlich zum Ereignis werden könnte; mein Vater, der die Schrecken des Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die Situation betrachtete, doch in gehobener Stimmung. »Soldat sein und nur Krieg spielen und Rekruten drillen, ist dasselbe wie Künstler sein und nichts als Malstunden geben,« pflegte er zu sagen. In unserer nächsten Nähe an der Grenze standen die Kosaken, und Woche um Woche wurden die russischen Garnisonen verstärkt. Mein Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach seiner Rückkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender. In aller Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten für rasche Entfernung ihrer Familien zu sorgen; kam es zur Kriegserklärung, so konnten die russischen Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg sein. Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten der wichtigsten, weil der feindlichen Grenze am nächsten liegenden Festung Thorn bestimmt war, bereitete seine Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir verpackten Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn möglicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die Stadt zu verlassen.
Da der Kriegslärm auch an der Westgrenze des Reichs immer lauter wurde, konnte darüber kein Zweifel sein: kam es zur Explosion dieses massenhaft angesammelten Zündstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle wir standen.
Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die Deutschen, die Gott fürchteten und sonst nichts in der Welt, -- die Ablehnung des Septennats und die Auflösung des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung, in der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit brennendem Interesse die Wahlkämpfe und begrüßte freudig den Sieg der Vaterlandsfreunde über die Sozialdemokraten, die uns wehrlos den Feinden hatten überliefern wollen.
Als aber dann der Kriegslärm so merkwürdig plötzlich verstummte und all das glühende Feuer patriotischer Begeisterung nur da zu sein schien, um die Gerichte gar zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war ich rasch ernüchtert.
»Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche Berge von Sand. Sie wandern. Und immer wieder pflanzen die Menschen junge Bäumchen in den Boden, und so oft auch der gelbe Mörder über Nacht wieder kommt und das grünende Leben verschlingt, -- sie hoffen stets aufs neue, daß die Wurzeln ihrer Pflänzlein die Erde umklammern und festigen werden. -- Unser Zeitalter ist wie die Dünen auf der Nehrung: es duldet nichts Grünes. Vernünftige Leute werden darum meine Dummheit verlachen, die mich zwingt, Hoffnungsbäume hineinzusetzen und sie noch dazu mit der Treibhausluft meiner Begeisterung zu umgeben ... Man will nivellieren, und es ist, als ob man nach dem Maßstab des kleinsten Baumes einen ganzen Wald zurechtstutzen wollte. Die alten Ideale hat man zerstört -- schon das Wort 'ideal' entlockt den meisten ein mitleidiges Lächeln -- und hüllt sich nur hinein, wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um dem Pöbel weiß zu machen, man wäre ein echter Volkstribun.
Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen, auf Reisen, in der Lektüre, nicht um Kopf, Herz und Seele zu weiten, sondern um seinen kritischen Witz vor den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns Genußfähigkeit und gab uns Spottsucht dafür, wie man den Kindern aus 'Anstandsgefühl' Götterbilder verhüllt und ihnen die Trikotnacktheit des Ballets statt dessen zeigt. Und dabei verhungern wir im stillen nach dem, was die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist: nach geistigem Genuß, nach dem Glauben an ideale Güter. Noch schämen wir uns dieses Gefühls, noch haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn ich auch in einem Käfig lebe, so spüre ich doch die Luft, die draußen weht, und mir ahnt in jenen lichtesten Momenten des Lebens, die die vernünftigen Leute phantastische Nachtstunden nennen, daß junge kräftige Bäume den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Brüder an ihm rächen werden.«
Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von der Empfängerin, meiner Kusine, ein; sie gehörte auch zu den 'vernünftigen' Leuten, und schon längst hatte unsere Korrespondenz den Charakter des Gedankenaustausches vollkommen eingebüßt. Daß ich jemanden hatte, dem gegenüber ich mich rückhaltlos aussprechen konnte, war aber für mich Grund genug, sie aufrecht zu erhalten. Auf meiner Reise nach Süddeutschland, die ich, der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon im Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg eine Woche bei Mathilde auf. Ich wäre am liebsten schon nach dem ersten Tage abgereist: eine Häuslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit kämpfte, die verschüchtert durch die Räume schlich; ein von des Lebens Not gezeichneter, in der muffigen Luft der Bureaus ständig mit seiner Sehnsucht nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem Haß alles verfolgte, was reich, was glücklich war; die Mutter, die trotz ihrer drei Kinder alle bösen Zeichen vergrämter Altjungfernschaft an sich trug; die Söhne, geistig verkümmert, durch die Schultyrannei um jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter, meine Freundin, blaß, müde, mit Mädchenfreundschaften, Gesangvereinen, und Sonntagsschularbeit mühselig ihren Lebenshunger stillend, -- daß es dergleichen gab, daß sich solch ein Dasein ertragen ließ!
In München traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen nach Augsburg, einem schweren Augenblick entgegen. Sein Bruder Arthur, mit dem er sich seit vielen Jahren, wegen seiner Heirat mit einer Tänzerin, überworfen hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner Frau, zu seiner Schwester gezogen, und diese wünschte eine Versöhnung der Brüder. Mit jener Bereitwilligkeit, die mein sonst so starrköpfiger Vater seiner Schwester gegenüber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem Willen gefügt. Wie schwer es ihm wurde, merkte ich an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu einer konventionellen Verkleisterung des Bruchs, einem höflichen Händedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen. Ich wäre über diesen von mir nicht erwarteten friedlichen Ausgang der Dinge sehr erfreut gewesen, wenn der Zorn über die Art, wie meine Tante meinen Vater behandelte, und wie er sich von ihr behandeln ließ, mich nicht immer wieder übermannt hätte. Wie an einem Schulbuben nörgelte sie den ganzen Tag an ihm herum, und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder. Das Zivil meines Vaters mißfiel ihr -- man sah ihm immer an, wie unbehaglich ihm darin zumute war --, wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz! Sie spottete über seine zunehmende Körperfülle, -- welch jugendliche Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verfügte rücksichtslos über seine Zeit, ordnete sich selbst dagegen immer den Wünschen Arthurs unter. Sie hatte ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre Möbel ausgeräumt, um den seinen Platz zu machen, und mit einem liebenswürdigen Egoismus, der ihren brutalen übertrumpfte, spielte er den Herrn im Hause. Hatte sich mein Vater den ganzen Tag ihren Launen gefügt, so hörte ich durch die Tür, wie er sich nachts stöhnend im Bett hin und her warf. Eines Morgens saß ich im Gartenpavillon, als er, anscheinend in heftigem Wortwechsel, mit der Tante draußen vorüber ging. »Ich bin nicht dazu da, euren Aufwand zu bestreiten,« sagte sie, »es sollte dir wahrhaftig ausreichend sein, daß ich dich in deiner Tochter so bevorzuge.« -- »Wenn ich mich nur darauf verlassen könnte,« stieß er hervor. »Ich breche mein Versprechen nicht -- Gott soll mich vor der Sünde bewahren,« antwortete sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach geraumer Weile kehrten sie denselben Weg zurück. Die Tante hatte den Arm in den ihres Bruders gelegt. Sie sprachen friedlich, fast zärtlich miteinander. »So werd' ich einmal ruhig sterben können,« sagte mein Vater mit weicher Stimme, »bis übers Grab hinaus will ich dir dankbar sein, Klotilde!«
Milder und gefügiger als je war er in den folgenden letzten Tagen seines Augsburger Aufenthalts, er schien kaum zu merken, mit welch satanischer Freude sie die Situation ausnützte. Ich aber suchte ihm mit allen Mitteln der Liebe und Zärtlichkeit das Leben zu erleichtern, so daß er mich oft verwundert ansah und lächelnd sagte: »Ja, was ist denn das mit dir? So was hat dein alter Vater an seinem Töchterlein ja noch gar nicht erlebt?!« Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, die Tante haßte ich fast.
Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen nach Tegernsee, wo die Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, dem die Einsamkeit von Grainau unsympathisch war, eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich der Onkel beiseite und drückte mir heimlich ein Kuvert in die Hand. »Ich weiß, Hans braucht Geld,« sagte er beinahe schüchtern, »von mir nimmt ers nicht. Schick ihm das -- zur Verwahrung -- als mein Geburtstagsgeschenk an dich.« Er wartete meinen Dank nicht ab; ich schickte noch in derselben Stunde die braunen Scheine nach Bromberg; das Eis zwischen mir und Onkel Arthur war gebrochen.
Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante verwandelte sich unter seinem Einfluß zu einer mehr als nachsichtigen. Er erreichte alles, was mir Vergnügen machte, vorausgesetzt, daß es auch seinen Wünschen entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge hinauf, -- zu dem jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er war ein ebenso leidenschaftlicher wie tollkühner Bergsteiger, der Führer und gebahnte Wege verschmähte. Auf dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und gerade wie ein Kirchtum gen Himmel steigt, mußte ich erst Probe klettern, ehe er mich überall hin mitnahm -- auf die Berge der Gegend zuerst und dann weiter, immer weiter. Eine Sportausrüstung eigener Erfindung ließ er mir machen: kurze Hosen und Gamaschen -- etwas Unerhörtes zu damaliger Zeit. Aber auch das ließ die Tante geschehen, sie sträubte sich nur im Namen des Anstands ein bißchen, als er den »Panzer« verbot. »Ich faß dich jedesmal um die Taille und laß dich unweigerlich sitzen, wenn du das Marterinstrument trägst,« sagte er, und ich fühlte mit Wonne die Freiheit starker Atemzüge.
Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals nur einen Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine Hütte mit einfachem Heulager. Wir zündeten zum Zeichen unserer Ankunft auf der Spitze ein mächtiges Feuer an und sahen schweigsam zu, bis es verglühte und das Tal schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender strahlten jetzt die Sterne, und weiß und gespenstisch glänzten von fern im Mondlicht die Schneegipfel zu uns herüber. Mit einem tiefen, erlösenden Aufatmen breitete mein Begleiter die Arme aus. »Ich lebe!« flüsterte er. Wie weh mir der Jubel tat, der in seiner Stimme lag! -- Ich vergaß seine Nähe, lehnte den Kopf an den Felsen und weinte -- seit langer, langer Zeit zum erstenmal! Unten in der Hütte, in dem starken Heuduft fand ich keine Ruhe und saß die ganze Nacht auf der Altane, während die Geister der Vergangenheit aus der Tiefe zu mir aufstiegen, wie Nebel aus Fiebersümpfen. Die Felsengesichter schnitten mir höhnische Fratzen, und still und hoheitsvoll sahen weiße Riesenhäupter auf mich herab.
Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit seine grauen Haare vergessen ließ, dabei voll rührender Sorgfalt für mich. Einmal saßen wir im Sonnenschein vor der Sennhütte zur schwarzen Tenne. Über dem offnen Feuer an einem primitiven Spieß briet er uns ein Hühnchen; »Frauenzimmer sind zu dumm dazu,« sagte er, und ich überließ ihm nur zu gern die Arbeit, um, an die braunen Balken der Hütte gelehnt, durch dunkelgrüne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln. Nach dem Mahl, das die nie vergessene Flasche Moselwein würzte, streckte er sich mir zu Füßen ins Gras und pfiff eine Tanzweise träumerisch vor sich hin. »Komisch,« sagte ich halb zu mir selber, »du bist im Grunde ein Primaner oder bestenfalls ein Sekondeleutnant.« Er lachte. »Das bin ich auch; die Jahre, die zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.«
»Aber ...« ich stockte.