Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 21
Ich floh die Stufen empor, -- riß die Türe auf und setzte mich erschöpft auf die Treppe. Aber sie krochen mir nach -- auf Händen und Füßen -- wie Würmer. Mit den letzten Kräften schlich ich in mein Zimmer. Und plötzlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich -- Alix Kleve -- hier in triefenden Kleidern auf dem Bette saß. Ein Grauen überfiel mich, als wäre ich mein eigenes Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen Weltraum. Die Sinne vergingen mir.
Acht Tage fast lag ich in völliger Apathie. Dann ging ich aus, und bald darauf ins Theater. Man gab »Hoffmanns Erzählungen« -- selbst bei der Barkarole klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. Mama triumphierte.
Elftes Kapitel
»Wissen Sie das Neuste!« rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille einander gegenüber standen; »Prinz Hellmut ist -- krank und hat sich auf ein Jahr beurlauben lassen,« -- dabei lächelte sie, halb triumphierend, halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lächeln kann.
»Ich weiß, er trug sich schon lange mit diesem Plan,« antwortete ich mit vollkommener Ruhe.
An dem Abend tanzte ich bis zur Erschöpfung und hatte für alle ein liebenswürdiges Wort, einen koketten Blick, so daß die Kotillonsträuße auf meinem Schoß sich häuften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am offenen Fenster stand und die würzige Märzluft das schwüle Zimmer mit einer Ahnung neuen Frühlings füllte, warf ich mit einem Gefühl des Ekels das glitzernde Ballkleid, die künstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von mir.
»Ich kann nicht mehr,« sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lächeln empfand ich, als ob schmutzige Hände mich betasteten. Ich mußte fort, weit fort!
Es kostete mich nur geringe Mühe, meine Eltern zu bewegen, mich verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren für diesen Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu frühen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte schon in den nächsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang, fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich in Empfang nahm.
»Na, du machst ja nette Streiche,« war sein erstes Wort. Peinlich überrascht sah ich auf. »Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier behalten wollen,« fuhr er fort, »aber deine Affäre ist so sehr in aller Munde, daß es besser ist, wir lassen Gras darüber wachsen, ehe du dich zeigst.« Seine Frau benützte die Gelegenheit, um über meine »mißglückten Pläne«, meinen »bestraften Ehrgeiz« kleine bissige Bemerkungen zu machen, so daß ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach Königsberg saß.
Mit einer Zärtlichkeit, die mir noch inniger schien als früher, und die das einzige war, wodurch Großmama mir ihr Wissen verriet, schloß sie mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grünen Zimmern, hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Stürme gäbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden. Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich öffnete den von Mama zuerst -- ich fürchtete mich instinktiv vor dem anderen.
»Dein Vater«, schrieb sie, »ist in einer solchen Aufregung, daß ich es für nötig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen. Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem Himmel. Wenn sie auch gewiß keine direkte Zurücksetzung bedeutet, so hängt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die höhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungerügt bleiben konnte. Möchtest Du daraus endlich die Lehre ziehen, daß Du Deine Launen und Leidenschaften im Zaum halten mußt, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern zugrunde richten willst ...«
Mit zitternden Händen riß ich Papas Brief auf. Er lautete:
»Mein liebes Kind! In der Bibel steht, daß die Sünden der Väter an den Kindern heimgesucht werden, aber die andere bittere Wahrheit, die ich am eignen Leibe erfahren muß, steht nicht darin: daß die Väter für die Sünden der Kinder büßen müssen. Ich bin zum Chef der Landwehr-Inspektion in Bromberg ernannt worden, -- das ist nichts anderes als eine ehrenrührige Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch beantworten würde, wenn ich nicht genötigt wäre, weiter zu dienen, um meine Familie zu erhalten ...«
Ich konnte der Tränen nicht Herr werden, als ich Großmama die Briefe zu lesen gab. Mit ihrer schmalen kühlen Hand strich sie mir über die heiße Stirn und sagte begütigend: »Dein Vater übertreibt in der Erregung gern ein bißchen, mein Alixchen; es ist gewiß nicht so schlimm, wie es ihm erscheint, und du wirst es ihm nun auch tapfer und liebevoll tragen helfen.« Aber ich ließ mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte förmlich im selbstquälerischen Bewußtsein einer Schuld, die mir doch nicht als bewußte Verschuldung erscheinen konnte.
»Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglück zu bringen --« so formulierte ich eines Tages Großmama gegenüber das Resultat meiner Grübeleien. »Das ist eine kindliche und -- was schlimmer ist -- alle Kräfte lähmende Auffassung,« antwortete sie: »tragische Heldinnen solcher Art gibt es nur in Schicksalstragödien, die auch als Kunstwerke nichts taugen.«
Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz mir erst viel später klar wurde, lenkte sie mich von der Beschäftigung mit mir selber ab.
Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo die noch nicht schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht einer alten Frau aus dem Dorfe spielten und in die ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden. Großmama brachte täglich ein paar Stunden unter ihnen zu und saß, wie eine Erscheinung aus anderer Welt in ihrem schwarzen Sammtkleid auf erhöhtem Sitz, mit den feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend, während sie den Flachsköpfen, die sie dicht umdrängten, Märchen erzählte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die Zöpfe, oder putzte ein triefendes Näslein, oder wusch ein paar gar zu schmutzige Pfötchen. Was sie mit freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel Selbstüberwindung. Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale Auffassung von der blühenden ländlichen Jugend Lügen. Nur wenige waren rund und pausbäckig und körperlich fehlerlos. Die meisten wackelten mühsam auf krummen Beinchen daher, an Ausschlägen an Kopf und Körper, an triefenden Augen litten viele, selbst Krüppel fehlten nicht, und mit Schmutz und Ungeziefer waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen stierten mit verblödeten Blicken ins Leere, oder saßen stundenlang auf demselben Fleck, wie lebensmüde Greise. Andere, laute und lärmende, führten Worte im Munde, deren Sinn, den ich erst allmählich erriet, mir die Schamröte in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend etwas nutzen konnte, daß sie hier während ein paar Kinderjahren vom inneren und äußeren Schmutz ein wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und wurde in meiner Vermutung bestärkt, wenn sich ihre eigenen Mütter immer wieder über die gesundheitsschädliche Anwendung zu vielen Wassers beklagen kamen.
»Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen ein paar fröhliche Stunden schaffen und für ihr ganzes späteres Leben die wohlige Erinnerung an etwas Sonnenschein -- so ist das genug,« sagte Großmama.
Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. Mit unheimlicher Regelmäßigkeit wiederholte sich dabei stets dasselbe: Frauen empfangen uns, oft kaum dreißigjährig und schon mit grauen Haaren, schlaffen Brüsten und runden Rücken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, mit tausend Falten in der Pergamenthaut, aber nur hie und da blühende junge Mädchen. Die gingen alle in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Würmchen mit, die die alten Eltern schlecht und recht aufziehen mußten. Immer warens dieselben Klagen, die uns entgegenschollen: der Vater, der Gatte, der Sohn vertrank die paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Töchter obendrein mit Schlägen, wenn Schmalhans zuhause Küchenmeister war.
Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich in Pirgallen die Gäste streitig. Der scharfe Geruch von Fusel, schlechtem Tabak und Menschenschweiß, der in ihren Räumen klebte, ließ mir vor Ekel den Atem stocken, und doch war der Aufenthalt dort noch besser, als in der Stickluft der Häuser, zwischen lärmenden Kindern und keifenden Frauen. Mich grauste vor jedem Trunkenbold, -- jetzt fing ich an, ihn zu verstehen. Vergebens hatte Großmama bei ihrem Sohn die Einrichtung von Leseabenden, die Einführung guter Bücher für Pirgallens Bewohner zu erreichen gesucht, damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fänden. »Das hieße Bedürfnisse wecken, die schließlich zur Landflucht treiben,« war seine Antwort gewesen.
Nur weiter draußen, wo die Häuser der Fischer einsam am Haffstrand lagen und die grauen Wellen jetzt im März noch Eisschollen auf ihrem Rücken trugen, lebten die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. Die kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die Netze, und die Hausfrau saß am Webstuhl, schweigsam wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte aus der vergriffenen Bibel mit schwerer, eintöniger Stimme, und ein Gebet schloß den Tageslauf. Und doch kam mirs hier unheimlicher vor als im Dorf. Hier herrschte noch mit eiserner Strenge das Gesetz der Unterordnung der Kinder unter den Willen der Väter. Jeder Wunsch in die Ferne wurde erstickt, zerprügelt, jede lebenswarme Freude starb, wenn sie hier in die Türe trat.
Wir kamen nie mit leeren Händen, der Dank war immer ein überschwenglicher, der nicht im Verhältnis zur Gabe stand. Mochte er nun von Herzen kommen oder verlogen sein, mir war er gleich unerträglich. Großmama meinte, daß ich durch sein Abwehren beleidigend wirkte.
»Ich kann nicht anders, Großmama,« sagte ich, »wenn ich der armen Lene eine Suppe bringe, so schäme ich mich, daß ich mich am liebsten vor ihr verstecken möchte. Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!«
»Daß du es besser hast, mußt du mit besser sein vergelten,« entgegnete sie ernst. Meine Empfindung aber steigerte sich nur. Das Rätsel des Elends in der Welt und seine Unlösbarkeit richtete sich riesengroß vor mir auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke bedeckten sie und Blut klebte an ihr, -- Zeichen der vielen, die an ihr rüttelnd vergebens Eingang verlangt hatten. Niemand besaß den Schlüssel, und der Glaube, der über sie hinwegträgt zu sonnigen Welten jenseitiger Vergeltung, war mir verloren gegangen.
Abends lasen wir miteinander, Großmama und ich. Die stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen, die sie durch ihren Sohn regelmäßig erhielt, bildeten damals ihre Lieblingslektüre. Mich langweilten sie zunächst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das ABC der Sache. Daß Bismarck, den wir alle wie einen Halbgott verehrten, sich mit der ganzen Leidenschaft seiner Sprache, dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit für etwas, meiner Empfindung nach so Untergeordnetes, wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam mir komisch, ja fast verächtlich vor. Erst als Ende März die Frage der Verlängerung des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung stand, wuchs mein Interesse mit der dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.
Meine Großmutter war von je her eine Gegnerin aller Ausnahmegesetze gewesen, mochten sie sich nun gegen Polen oder gegen Sozialdemokraten richten. »Sie schaffen nur Märtyrer, und Märtyrer werben Scharen von Proselyten,« pflegte sie zu sagen; aber sich mit Söhnen oder Schwiegersohn, denen keine Maßregel gegen die Umstürzler energisch genug war, darüber auseinander zu setzen, hatte sie längst aufgegeben. Mir selbst ging es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie über sie nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse dogmatische Anschauungen sich mir von klein auf als etwas Selbstverständliches eingeprägt hatten, ohne daß mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger gewesen wäre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren ungeschriebenen Tafeln der Königsmord zum Gesetz erhoben wird; sie sind gemeine Lüstlinge, die ein Leben niedrigster Genüsse zum Ziel alles Strebens machen; sie sind Volksverführer und Betrüger, die, wo es ihren Vorteil gilt, die Ideale der Freiheit und Brüderlichkeit im Munde führen, -- nie hatte ich etwas anderes gehört, noch nie war mir ein Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen in den Sinn gekommen. Die kalte Atmosphäre der Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis erstarrte, und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich lebte, ließ mich immer stärker frösteln, je älter ich wurde, und steigerte meine Sehnsucht nach einem heißen Sonnenland des inneren Lebens, wo Hoffnungsblumen noch wachsen können. Die Sozialdemokratie, die auf unseren alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das Vaterland ständig beschimpfte, die Familie zerstören, die Frauen zum Gemeingut machen wollte, erschien mir wie die letzte Entwicklungsphase der Vereisung. Es gab daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem Onkel mehr beipflichtete als meiner Großmutter und deren Wunsch, »die infamen Kerls an den Laternenpfählen aufzuknüpfen«, mich nicht empörte.
Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten. Als der Minister von Puttkamer, -- der mir als kirchlicher Reaktionär schon unangenehm genug war, -- die gegen die Übermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot kämpfenden belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse voll war, als Beispiel jener »sozialrevolutionären Bewegung« hinstellte, der die deutsche Regierung »mit niederschmetterndem Widerstand begegnen« würde, frappierte mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter mit den deutschen Sozialdemokraten außerordentlich, und als Bebel antwortete, vergaß ich über alledem, was er sagte, die Person des Redners. Daß der Übermut der durch die Arbeit der Armen reich gewordenen belgischen Fabrikanten und die Unterstützung, die die Regierung ihnen angedeihen ließ, indem sie mit militärischer Gewalt wie gegen Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging, die revolutionäre Bewegung hervorgerufen hätte, -- hervorrufen mußte, weil Menschen auf die Dauer keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft der Knute in Rußland notwendig den Meuchelmord zeugte, -- das alles wirkte auf mich mit der Selbstverständlichkeit eigenster Gedankengänge, und mich empörte die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen Gegner ihm immer wieder unterstellten, er habe den Mord verherrlicht. Ich fiel erst wieder -- und recht empfindlich -- aus den Himmeln meiner Begeisterung, als Stöcker von den elenden Löhnen Berliner Mäntelnäherinnen sprach, und Singer, der Parteigänger Bebels, der sich mir eben als Vertreter aller Unterdrückten offenbart hatte, dem persönlichen Vorwurf, daß er selbst durch solche Löhne reich geworden sei, nur mit lahmen Ausreden begegnete.
»Es ist wie bei den Predigern des Christentums,« sagte ich, wie immer rasch verbittert durch eine Enttäuschung, zu Großmama, »richtet euch nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten.« Und erheblich ernüchtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten später schlug meine Empfindung abermals um, -- es war eben nur Empfindung, die sich wie Sommerfäden vom Winde hin und her treiben ließ, weil sie nicht zwischen die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen war. Ein konservativer Redner verlas ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, wonach die Weibergemeinschaft eines der Postulate der Sozialdemokratie wäre. Aus Liebknechts Erwiderung ergab sich, daß es sich auch diesmal um eine gegnerische Fälschung handelte. Seinem ganzen Inhalt nach gab er das Manifest wieder. Ich faßte nur auf, was mich am tiefsten traf: die Forderung einer von ökonomischen Rücksichten vollkommen losgelösten Ehe. Wurde nicht hier die Standarte eines Ideals aufgerichtet, das die ganze christliche Zivilisation nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und mehr in den Staub getreten hatte?!
Ich sprach mit Großmama darüber.
»Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie,« sagte sie, »über das man manche ihrer Sünden vergessen könnte, daß sie alte wahrhaft christliche Ideale in ein neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben läßt, es handle sich auch um neue Körper. Aber eine Verwirklichung kann sie trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte einer christlichen Erziehung und Gesetzgebung gehören dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen an. Schon die Verwirklichung einer uns so geläufigen Forderung, wie die des allgemeinen Stimmrechts, erscheint angesichts ihrer verfrüht. Oder meinst du, daß es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit, d. h. heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen, an ihrer Spitze stehen?« Ich verstummte vor diesem Argument: unsere betrunkenen Instleute -- entscheidende Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das war zweifellos absurd.
Von Disraelis »Sybil« und Zolas »Germinal« hatte Liebknecht in derselben Rede gesprochen. Wir lasen daraufhin beides: das schwächliche Werk des Engländers, das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister sich so offen auf die Seite der »schwarzen Arbeiter« hatte stellen können, und den Roman des Franzosen, der mir täglich neue Schauer des Entsetzens über den Rücken jagte, dessen fürchterliche Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. Ich sah die Maheude auf dem Schlachtplatz vor dem Schacht neben dem toten Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd das Wasser höher und höher an ihnen emporstieg, und der Hunger mit kalten Knochenfingern ihren Leib zusammen schnürte, während der gedunsene Leichnam des gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen zu ihnen empor getragen wurde; -- aber fürchterlicher, als all diese Bilder, haftete ein anderes unauslöschlich in meinem Gedächtnis: jener grauende Morgen, an dem sich vor dem wieder geöffneten Schacht scheu und gebückt, still und demütig all die zusammen fanden, die eben noch für ihre Freiheit Leib und Leben eingesetzt hatten. »Was willst du -- ich hab ein Weib!« sagten sie müde, »ich habe Kinder -- eine Mutter -- mich hungert;« und die Maheude, die Furie des Aufstands, zählte schon die Jahre ihrer Jüngsten, bis auch sie reif wären zur Einfahrt, -- »sie tragen alle ihre Haut zu Markte, die Reihe kommt auch an sie!« -- Daß es Hunger und Not und Elend gab, -- entsetzlich war es; entsetzlicher noch, daß die Menschen es ertrugen.
Inzwischen war über Nacht mit all seiner Herrlichkeit der Mai ins Land gezogen, und vorbei wars mit der Stille in Großmamas grünem Zimmer. Ihr Sohn und die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs neue das alte Schloß von Pirgallen. Ich wars zufrieden; ein Netz von Schwermut schnürte mir den Atem ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das Leben, und alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.
»Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen Grübelstunden gelitten und war so am Ende alles Denkens angelangt,« schrieb ich an meine Kusine, »daß der Trubel der Gefälligkeit gerade zur rechten Zeit kam; ich muß in diesem betäubenden Meer des Vergebens wieder untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie.« Und ein paar Wochen später: »Wenn man mit sich und der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist es das Beste, nicht zur Besinnung zu kommen. Ich genieße das Leben, so lange ich jung bin und man mir huldigt, und betäube die warnenden Stimmen im Innern. Ich reite, ich rauche, ich bin kokett, ich mache extravagante Toiletten und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen pflegt, -- aber ich würde mir auch nichts daraus machen, wenn ein Sturz vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns dem dummen Spaß ein Ende machen würde.«
Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich meine steigende Anziehungskraft auf die Männer. Ihre Huldigungen wurden mir mehr und mehr zum Bedürfnis; von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hinüber, die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vortäuschten.
An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten und durchspielten Tag, an dem ich mir aus lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu müssen, keinen Augenblick Ruhe gegönnt hatte, schrieb ich an Mathilde, die sich gerade im Harz befand und mich dringend in die »Stille der Bergwelt« eingeladen hatte: »Die Stille mag gut sein für den, der sich gern erinnert, unsereins braucht die ewig knarrende Tretmühle des Amüsements. Aber grüß mir immerhin den Harz; seine Berge sind freilich Kinderspielzeug, seine Felsen eines nichtsnutzigen Engels schlechte Kopien von Gottvaters Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe Beziehung zur Hölle, nach der ich ein unbändiges Verlangen trage. Wenn der Teufel auf dem Brocken seinen Repräsentationsball gibt, sag ihm, er soll mich nicht vergessen. Er wird dir dankbar sein für deine Kupplerdienste, -- ich bin momentan geradezu eine Delikatesse für ihn.«
Wir siedelten bald darauf nach Kranz über, wo mein Onkel eine geräumige Villa dicht am Strand gemietet hatte. Das reizende Seebad war überschwemmt mit dem Adel Ostpreußens, und mit jener Selbstverständlichkeit aller Bevorrechteten, die sich unbewußt immer als Mittelpunkt des Weltganzen fühlen und die übrige Menschheit nicht anders ansehen als ihre Kammerdiener, vor denen man sich auch ungeniert gehen lassen kann, dominierte unser großer lustiger Kreis überall: wir nahmen die besten Plätze ein, die besten Schiffe beanspruchten wir, und wir dachten nicht im entferntesten an die Ruhebedürftigkeit anderer Badegäste, wenn wir bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und vom Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen ließen. Unsere alten Herren saßen bei Regen und Sonnenschein beim Skat und kümmerten sich wenig um uns, so daß die Jugend sich doppelt des Lebens freute. Ein kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten Ähnlichkeit mit den dünnen Spieläffchen aus Seide, den Chenille-Grafen getauft hatten, gab den Ton an. Er war häßlich, aber ungemein gewandt und graziös, seine Schlagfertigkeit, sein beißender Witz, der nicht frei von Zynismus war, seine chevalreske Art Damen gegenüber, die einen Stich von Impertinenz besaß, seine vielseitige künstlerische Begabung, die überall im leichtfertigen Dilettantismus stecken geblieben war, machten ihn in diesem Kreis zu einer nicht alltäglichen Erscheinung. Eine »Partie« war er nicht; er konnte sich daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und für mich, die ich, wie er, nichts suchte als Amüsement, war er der gegebene Kavalier.