Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Chapter 18

Chapter 183,696 wordsPublic domain

Oder gehst du der vielen Gleichgültigen wegen in Gesellschaft, die sich nach deinem Befinden erkundigen, obwohl es ihnen ganz einerlei ist, wie du dich befindest, die die kostbare Zeit mit Geschwätz totschlagen, von dem du absolut gar keine Anregung empfängst, die ein verbindliches 'Auf Wiedersehen' flöten und schon am nächsten Tag an deiner Leiche gleichgültig vorübergehen würden?! Aber du treibst deinen Vorwurf noch weiter und sagst entrüstet, ich wäre wieder einmal reif, mein Herz wegzuwerfen. Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein Geist kein Interesse, so muß das Herz daran glauben. Hier im heiligen Mecklenburg ist kein Mensch, den ich nicht schon ausgepreßt hätte wie eine Zitrone, und der nicht immer sauer geblieben wäre wie sie. Nun gilts, ihm das Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, um ihn überhaupt genießbar zu machen. Deine Moralpauke schließt mit den Worten: nicht wieder 'sträflich' mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin grade auf das intensivste mit dem Schüren der Flamme beschäftigt. Und _wie_ sie brennt!! 'Er' ist hübsch, elegant, leichtsinnig, oberflächlich, -- kurz, ganz was ich brauche! 'Er' ist Löwe, Herzensbrecher, -- kurz, ein Holz, aus dem ich mit Vergnügen meine Ritter schnitze! Du hast natürlich wieder Mitleid mit ihm, wie mit Vetter Fritz, mit Fredy usw. _Warum hat denn niemand Mitleid mit mir_?! Oder ist es nicht vielleicht mitleidswürdig, daß ich mein heißes Herzblut tropfenweise mit dem Allerweltsleitungswasser des Flirts verdünne?! Ich lechze nach Licht, flammendem Geisteslicht, selbst wenn ich bei seinem Anblick erblinden sollte, und nach einer Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.«

Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut mich in wild aufwallende Gefühle verstrickte. Dann flatterte es mir vor den Augen in tausend Flämmchen, heiße Schauer liefen mir über den Rücken, und feuriger begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben mir über die spiegelnde Eisfläche glitt oder beim Diner klingend sein Sektglas an das meine stieß. Ich galt für kokett; die jungen Mädchen zogen sich von mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.

In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen Hefte:

»Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreißt die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen über die Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, und wohl gehütet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie!« Und an anderer Stelle heißt es: »O über das trostreiche Verweisen auf häusliche Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste Befriedigung zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren, Deckchen sticken, Strümpfe stopfen, -- soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfüllen?! Es ist nichts als eine tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens. Meine Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas erleben, das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen ohne Glut läßt, etwas leisten, das Wunden kostet ...«

Einmal -- ich saß grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute ihr aus Goldpapier ein »Walhall« auf, dessen göttliche Bewohner aus Perlen und bunten Knöpfen bestanden -- ließ mich Papa zu sich herunter rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.

»Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,« wandte er sich an mich. »Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des Großherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein einleitender Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?«

Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte für die Bühne dichten! Sollte von einem großen Publikum gehört werden! Trotzdem kamen mir Bedenken:

»Ich kenne den Großherzog nicht. Und ihn anhimmeln, bloß weil er der Großherzog ist, -- das widerstrebt mir.«

»Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche, daß er krank, fern seinem Lande im Süden ist, daß seine Abwesenheit schwer auf Handel und Wandel, Leben und Geselligkeit drückt, daß wir ihm und uns seine Genesung wünschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu dichterischer Gestaltung!« Mir leuchtete ein, was er sagte; die Gelegenheit, zum erstenmal öffentlich hervorzutreten, war auch viel zu verlockend, als daß mein Widerstand sich hätte aufrecht erhalten lassen.

Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas, das von den Seen und Wäldern Mecklenburgs, von den guten heimischen Göttern und dem trügerischen Zauber des Südens mehr enthielt als von dem Landesfürsten, den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie man glaubte, unnötig langen Abwesenheit wegen nicht allzu hoch schätzte, so entsprach meine Dichtung den Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem Kreise, las ich sie vor und erntete von den anwesenden Schauspielern einen geräuschvollen Beifall, der um so größeren Eindruck auf mich machte, als ich noch nicht wußte, daß es bei ihnen ebenso üblich ist, den Gefühlen übertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei uns guter Ton ist, sie bis auf ein Mindestmaß zu unterdrücken.

Hier, -- das schien der eine Augenblick mir zu enthüllen --, fand ich die Menschen, die mich verstanden, denen die Kunst Lebensinhalt war. Ich nahm an den Proben teil und wurde allmählich ein immer häufigerer Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend würdige Frau verhätschelte mich; er selber -- wie selten war mir das begegnet! -- nahm mich ernst und gab mir derlei gute Ratschläge, um mein Talent zu fördern. Die Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens, die junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog sprechen sollte. Aus Begeisterung für die Kunst hatte sie das warme Nest ihres Elternhauses verlassen und war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not, Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg gestellt, -- ihr Enthusiasmus war stärker gewesen als alles. Landsberg, der es wie wenige verstand, Begabungen zu entdecken und die häßliche Bretterbude am Bahnhof infolgedessen über viele kostbare Theater Deutschlands erhob, hatte sie erst kürzlich engagiert. Sie war ein ausgezeichnetes »Gretchen«, eine rührende »Ophelia«, ein hinreißendes »Käthchen von Heilbronn«, und selbst der blutleeren »Thekla« verhalf sie zu lieblichem Leben. Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich wie ein Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Tränen vergoß ich seinetwegen!

Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt; es schmeichelte seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt zu sehen, aber seine hochmütige Mißachtung des Publikums war zu groß, als daß er ihm ein Urteil über mich hätte gestatten können. Mein Name durfte nicht genannt werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.

»Damit unser guter Name durch die schmutzigen Mäuler aller Menschen gezogen wird?!« herrschte er mich an, »und jeder Federfuchser sich erlauben kann, dich herunterzureißen?!« Als der große Abend hereinbrach, flüsterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das Theater durchbrauste, klang wie eine Fanfare bis ins Innerste meiner Seele, und alte Kinderträume wachten auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Flügel aus, um mich weit in die Zukunft zu tragen, -- dahin, wo der Ruhm auf ehernen Stühlen thront und immergrüner Lorbeer im Glanze der nie untergehenden Sonne eichenstark gen Himmel wächst.

Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs des Nachts aus dem Bett an den Schreibtisch. Mit Lisbeth Karstens verband mich eine immer innigere Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige, leicht begeisterte, fast immer kritiklose Zuhörerin meiner Dichtungen. Im Theater, das ich fast täglich besuchte, denn in der Loge des Intendanten war Platz für mich, sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich immer neue Anregung, der Künstlerkreis im Landsbergschen Haus, der für nichts Sinn hatte als für das Theater, fachte die Glut meines Innern zur Fieberhitze an. Noch waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu fassen vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der alte Wagnerfänger Hill am Flügel stand und seine machtvolle Stimme den Raum erfüllte; wenn Alois Schmitt -- einer der künstlerischsten Menschen, die ich kannte -- am Dirigentenpult saß und sein geschultes Orchester die Fidelio-Ouvertüre intonierte; und sie wurden mir sichtbar, wie Geistererscheinungen, wenn ich einsam durch den Wald ritt und droben auf dem Götterhügel fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander flüsterten.

Es war Sigrun, König Högnis Tochter, die ich sah, -- Sigrun, die Schildjungfrau, die in heißem Freiheitsdrang und starker Liebe den Todfeind ihres Vaters, Helgi, den Hundingstöter, vor seinen Mördern schützte und sich ihm als Gattin verband, -- Sigrun, die Treueste der Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi Walhalls Wonnen verschmähte. Zu einem Drama wollt' ich ihre Geschichte gestalten; der Konflikt zwischen kindlichem Gehorsam und Mannesliebe war sein Mittelpunkt, seine Lösung der freiwillige Tod der Heldin.

Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage fürchtete ich zu sehr die Störung, die mich aus allen meinen Himmeln riß. Die Friseuse, die Schneiderin, die Wäsche, die Besuche, -- nichts durft ich versäumen. »Wäre ich ein Mann, es würde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit abzurufen!« rief ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt Mama entgegen.

»Gewiß nicht!« antwortete sie mit herbem Lächeln, »da du aber ein Weib bist, mußt du frühzeitig lernen, daß wir nie uns selbst gehören.«

Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas ähnliches gesagt hatte, und Groll gegen mein Schicksal erfüllte mich.

Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung immer trüber. Ich fühlte, daß ich meinem Werk den ganzen Gluthauch des Lebens, den ich dunkel empfand, nicht einzuflößen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie für alles schwärmte; der laute Ton des Künstlervölkchens bei Landsbergs, der mir früher ersehnte Offenbarung natürlichen Fühlens gewesen war, tat mir weh, je mehr ich die falsche Note hörte. Das Tiefste versteckten schließlich alle: wir durch schweigende Zurückhaltung, sie durch lärmende Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen meines Werks, die mir am besten gelungen schienen. »Bringen Sies mir, wenn es vollendet ist, vielleicht läßt es sich aufführen,« sagte er nach der Lektüre, -- nichts weiter. Wäre es das Außerordentliche gewesen, das ich hatte schaffen wollen, er hätte sicherlich anders gesprochen!

Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und übertrug das ursprünglich in Prosa oder in freien Rhythmen Geschriebene in fünffüßige Jamben. Alle Wärme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik kämpfte, desto nüchterner und fremder sah mich meine eigene Arbeit an. Und schließlich kam ein Tag, an dem ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blättern saß, und wußte, daß ich meiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wie ein steuerloses Schiff auf brandendem Meere war ich wieder; eine Fata Morgana waren meine Hoffnungen gewesen; das Leben sah mich an, eine leere, dunkle, feuchtkalte Höhle, die von den Fackeln meiner Träume noch eben in magischem Zauber geleuchtet hatte.

»Ganz oder gar nicht,« -- das war mir allmählich zum Wahlspruch geworden. So verurteilte ich denn fast alles, was ich seit meiner Kindheit geschrieben hatte, zum Feuertode, verschnürte und versiegelte das Übriggebliebene -- darunter auch mein verunglücktes jüngstes Werk -- und warf den Schlüssel der kleinen Truhe, in der ich es verwahrte, zum Fenster hinaus.

Und nun überfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, so stark, so unüberwindlich, als wäre ich dort zu Hause und überall sonst in der Fremde. Auf meine Bitte, zu ihr ins Rosenhaus kommen zu dürfen, antwortete Tante Klotilde umgehend, daß sie zwar noch nicht dort sei, die alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und ich sie mit ihr dort erwarten möge. Ehe ich ging, zog ich meinem Schwesterchen noch zwei Puppen an, -- Helgi und Sigrun. Sie liebte sie zärtlich, und noch Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter entgegen, als höhnten sie meiner, die ich lebendige Menschen hatte schaffen wollen.

Zehntes Kapitel

Allein in Grainau! -- Noch lag der Schnee bis zum Tal hinunter, und die Sonne stand noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr als ein paar Stunden am Tage das Dörflein wieder zu grüßen, vor dem sie sich im Winter monatelang hinter den steilen Wänden des Waxensteins versteckte. Nur im Rosensee spiegelte sie schon länger ihr strahlendes Antlitz, als wollte sie sich überzeugen, ob sie würdig des kommenden Frühlings wäre. Der riß hie und da keck an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem hellen blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde herunter. Seltsam, wie wohl mir war, kaum daß die Loisach, voll und gelb von Schneewasser, mich lärmend, wie ein übermütiger Bub, willkommen hieß. Mich störten der Regen nicht und der Sturm, die mir kühlend um Stirn und Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt, ging ich all die vertrauten Wege, und niemand zankte mich, wenn ich zerzaust und beschmutzt nach Hause kam, oder gar die Mahlzeit versäumte. Die gute Kathrin schüttelte nur nachsichtig lächelnd den Kopf, streichelte mir mit einem zärtlichen: »Ach die liebe Jugend« die heißen Wangen und ließ es sich nicht nehmen, mir die gewärmten Strümpfe und Schuhe selbst über die Füße zu ziehen.

War das eine Wonne, allein zu sein! Über mein Tun und Lassen selbständig zu entscheiden! Ein Schmetterling, der aus dem Puppenpanzer kriecht, konnte nicht froher sein als ich! Plötzlich -- ich saß grade unter tropfenden Bäumen auf der nassen Bank, die der Sepp mir gezimmert hatte -- fielen mir meine achtzehn Jahre ein; -- Himmel, war ich jung! Ganz überwältigt von dieser Erkenntnis, lief ich in großen Sprüngen den Berg hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich der Länge nach im Moose lag.

Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche zur andern. Wenn sie den Schnupfen hatte und das Wetter schlecht war, zitterte sie um ihre Stimme, und vor der Rücksicht auf deren Gefährdung mußte alles andere zurückstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe, in denen sie genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen dürfe -- eine Viertelstunde im Umkreis wars höchstens --, und schärfte der Kathrin ein, gut auf mich aufzupassen.

Indessen kam der Frühling, und die Bäume steckten ihm zu Ehren ihre ersten grünen Blätterfähnchen aus. Ich saß schon stundenlang auf der Veranda in Tantens Schaukelstuhl -- ohne Handarbeit, ohne Buch -- und sonnte mich. Außer mir und der Kathrin waren nur der alte Gärtner und sein uralter Pudel im Haus, der im Stoizismus seines Greisentums das Bellen sogar schon aufgegeben hatte. Es war daher mäuschenstill bei uns. Um so mehr erstaunte ich, als eine kräftige Männerstimme eines Morgens an mein Ohr schlug.

»Machen Sie mir doch nichts weiß,« rief sie, »ich hab doch meine Augen im Kopf, -- und wette zehn gegen eins: das Rosenhaus ist bewohnt.«

»Aber wahr und wahrhaftig, Durchlaucht, die Frau Baronin sind noch nicht hier!« greinte die Kathrin. Ein helles Gelächter war die Antwort.

»Da könnten Sie am Ende recht haben -- aber in der ganzen Welt gibt es nur einen so schwarzen Lockenkopf, wie der Alix ihrer, und den sah ich vom Ufer drüben. Gespenster sind nicht so hübsch.«

Hellmut wars! Ich lief hinaus und streckte ihm beide Hände entgegen. Die paar Jahre seit unserem letzten Zusammensein waren wie ausgewischt, und erst als ich sah, daß ein hochgewachsener Mann mit gebräuntem Gesicht und keckem Schnurrbärtchen über den vollen Lippen vor mir stand, errötete ich unwillkürlich.

»Wollen -- Sie nicht näher treten!« sagte ich zögernd.

»Aber Alix -- 'Sie!' Wir sind doch alte Freunde,« damit faßte er meine Hand mit kräftigem Druck und ging mit mir an den eben verlassenen Frühstückstisch, während Kathrin uns ganz blaß und geistesabwesend nachstarrte.

Das Ungewöhnliche der Situation machte uns verlegen. Schweigend holte ich eine Tasse aus dem Schrank und goß ihm Tee ein, während ich fühlte, wie sein Blick auf mir ruhte.

»Wie schön bist du geworden!« -- flüsterte er wie zu sich selbst. In dem Augenblick trat die Kathrin herein und rumorte mit eifriger Geschäftigkeit im Zimmer. Das zwang uns zur Konversation, die, zuerst steif und gezwungen, allmählich immer natürlicher wurde. Nach dem Wie und Warum unseres Hierseins frugen wir einander, und ich erfuhr, daß ihn auf dem Wege nach Oberitalien in München plötzlich die Lust gepackt habe, die Berge von Garmisch wieder zu sehen. »Unserem Verwalter in Partenkirchen kam ich nicht gerade gelegen,« lachte er, »der hatte Gesellschaft in Mamas Salon, als ich eintrat. Ich habe ihm unter der Bedingung gnädig verziehen, daß er über meine Anwesenheit gegen jeden den Mund halten soll.«

»Dann sind wir beide inkognito,« rief ich fröhlich, »die Tante findet nämlich im Grunde mein Alleinsein so kompromittierend, daß ich versprechen mußte, mich in Garmisch nicht sehen zu lassen.«

Bis gegen Mittag blieb er. Der guten Kathrin warnende Blicke, die ich zuweilen auffing, nahmen mir den Mut, ihn zu Tisch einzuladen. Am nächsten Morgen aber, vor seiner Weiterreise, versprach er, mir eine »feierliche Abschiedsvisite« zu machen.

»Wenn das die Frau Baronin wüßte!« sagte die Kathrin seufzend, als er weg war.

Es regnete in Strömen, als ich am folgenden Tage erwachte »Nun kommt er sicher nicht,« war mein erster Gedanke, und mißmutig zog ich die Decke wieder über die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich darnach auf und zwang mich, statt des alltäglichen Lodenrocks ein hübsches, helles Hauskleid aus dem Schrank zu holen. Kaum saß ich am summenden Teekessel, als ich draußen sein fröhliches »Grüß Gott, Fräulein Kathrin« hörte. »Naß bin ich wie 'ne Katze, aber pudelwohl, -- Sie sehen, die Viecher vertragen sich auch im Menschen,« fügte er hinzu, und selbst die wohlerzogene Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie ließ uns sogar allein -- es war ja das letztemal, mochte sie sich zur eigenen Beruhigung sagen.

Wie war es behaglich im Zimmer, während draußen der Regen an den Fenstern niedertroff! Wir frühstückten und plauderten miteinander, ganz wie alte Vertraute, und setzten uns schließlich vor den kleinen Kamin, der eine wohlige Wärme ausstrahlte. »Wie wärs mit einer Zigarette? frug er und hielt mir die gefüllte Dose hin.

»In diesen heiligen Hallen?« antwortete ich, halb erschrocken.

»Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. -- -- Ich muß dir was erzählen, Alix, und das geht nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut, weißt du!« Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.

»Du mußt mich nicht so ansehen,« fing er schließlich wieder an, »sonst kommts mir gar zu komisch vor, daß ich dir Geständnisse mache, wie einem Kameraden.« Ich rückte lächelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus ins Feuer. »Ists recht so?«

»Fein! -- Wenn du nur nicht ein so verdammt hübsches Profil hättest! --« Er schwieg aufs neue. Nach ein paar Minuten aber begann er: »Ich habe -- Dummheiten gemacht in Berlin. Es hat der armen Mama, die so nicht auf Rosen gebettet ist, einen tüchtigen Happen Geld gekostet, die Sache in Ordnung zu bringen --.« Ein bißchen erschrocken wandte ich den Kopf nach ihm -- »es war nichts Gemeines, Alix -- Kind, gewiß nicht. Du kannst ja nicht wissen, wies unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein -- die jungen Mädels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie Holzpuppen, -- und wenn sies nicht sind, ists ihr Unglück.« Ich fuhr zusammen. -- »Kannst am Ende selbst ein Lied davon singen, was?! -- Kurz und gut, siehst du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte -- einen süßen, kleinen Käfer, sag ich dir --«, zu dumm, daß ich mich in diesem Augenblick bis zu Tränen ärgerte -- »aber gräßlich ungebildet. Ich habe sie eigentlich nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars Gewohnheit, Mitleid, -- was weiß ich« -- er war aufgestanden und ging unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette zwischen den Fingern zerdrückend. »Ich konnte schließlich nicht länger -- ich mußte frei sein! Ihr Vater lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von zerstörtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegenüber hatte er bis dahin den untertänig-dankbarsten Diener gemimt. Das übrige kannst du dir am Ende vorstellen!«

Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke gepackt, der mich nicht minder los ließ. »Hat sie -- ein -- Kind?« stieß ich mit aller Anstrengung hervor. Verblüfft blieb er vor mir stehen. »Du bist wirklich aus der Art geschlagen, Alix,« damit streckte er mir die Hand entgegen. »Meine Hand drauf: nein! Wäre das Unglück geschehen, ich hätte anders gesprochen! -- Aber wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf Urlaub geschickt -- nach Italien, wie du siehst! --, und wenn die Galgenfrist zu Ende ist, soll ich -- heiraten!« Mit komischem Entsetzen rang er die Hände.

»Wen?« frug ich, während mir das Herz hörbar schlug.

»Wen?! Ein kleines Prinzeßchen natürlich, semmelblond -- du weißt, wie ich so was liebe! --, bleichsüchtig, eine Figur wie ein wohlgehobeltes Brett.« Ich spürte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der zu mir herüberzog. »Die Ebenbürtigen mit dem nötigen Mammon laufen nicht zu Dutzenden in der Welt herum. Und eine Ebenbürtige muß es sein, Mama träumt doch ständig, daß ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines schönen Tages auf den Dickkopf fällt! Eine Reiche natürlich auch, -- du weißt ja, in wie schmerzlichen Widerspruch unser Portemonnaie zu dem Glanz unseres Namens steht!«

»Und du?«

»Ich wünsche ihm ein langes Leben, eine tüchtige Frau und ein Dutzend Jungens! Zum Regieren hab ich kein Talent, und zum Heiraten am allerwenigsten. Das weiß ich eigentlich erst seit gestern. In der Stickluft Berlins, angesichts des versammelten Familienrats war ich ganz klein. Aber wie ich gestern von dir ging, bin ich noch bis in die Nacht hinein in den Bergen herumgeklettert und habe mir einen ordentlichen Gletscherwind um die Nase pfeifen lassen. Heute weiß ich: es geht nicht -- mögen sie mich meinetwegen zu den Insterkosaken versetzen, ich kann die Ebenbürtige nicht heiraten.«

Er wandte mir den Rücken und sah in den Regen hinaus.

»Ich kann nicht« -- wiederholte er leise, »ich muß Eine haben, die ich liebe --«

Es war ganz still zwischen uns. Nur die Uhr tickte laut und heftig.

»Ich möchte hier bleiben, Alix,« sagte er nach einer Weile mit ruhigem Ernst. »Ich brauche die Einsamkeit und -- dich. Du mußt mir helfen überlegen, was aus mir werden soll!«

»So bleibe, Hellmut,« antwortete ich rasch, aber im selben Augenblick fiel mir die Kathrin ein, und die Tante, und das Gerede der Leute; und schon kam sie selbst, meine getreue Wächterin, und sagte, nachdem sie das Geschirr möglichst langsam abgeräumt hatte:

»Soll der Christoph für Durchlaucht einen Wagen bestellen? Er geht gerad ins Dorf hinunter.«

Hellmut stieg das Blut in den Kopf. Er verstand. »Nein,« sagte er, »ich gehe zu Fuß. Es ist nicht nötig, daß noch mehr Leute von meinem Hiersein wissen.« Die Kathrin sah ihn zweifelnd an. »Fürchten Sie nichts für Ihr gnädiges Fräulein, Kathrin,« fuhr er fort, »ich bin ihr bester Freund und werde nicht dulden, daß ihr auch nur ein Härchen gekrümmt wird.« Als sie sich daraufhin stumm entfernt hatte, wandte er sich zu mir:

»O über die verdammten Rücksichten auf die Gemeinheit der anderen! Ists nicht das natürlichste von der Welt, daß wir hier zusammen sitzen? Und nun --! Ich kann nicht wiederkommen, -- deinetwegen nicht!«

Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Zugleich kam mirs feige und erbärmlich vor, ihn so gehen zu lassen.

»Ich bin viel draußen,« sagte ich zögernd und verlegen, »wenn du mich brauchst, wie du sagst, dann -- dann könnten wir uns irgendwo treffen.«