Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Chapter 17

Chapter 173,486 wordsPublic domain

Mit um so heißeren Wangen und klopfenderem Herzen vertiefte ich mich in Goethe. Auch das, was ich schon längst kannte, war voll neuer Offenbarungen für mich. In ein kleines Heft, das ich ständig bei mir trug -- sorgfältig in ein grünseidenes Tüchlein gewickelt --, schrieb ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es in stillen Stunden auf, wie der Priester sein Brevier, um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich Satz für Satz auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen an der Spitze: »Er gehörte zu den vielen, denen das Leben keine Resultate gibt und die sich daher im Einzelnen vor wie nach abmühen;« -- -- und: »Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.« Der eine sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes Zeichen, eine stete Warnung, das Leben nicht zu verzetteln, sondern ihm nach großen Zielen die feste Richtung zu geben, -- der andere ein Tröster in Zeiten der Mutlosigkeit, wenn ich zu mir selbst das Vertrauen verlor oder andere mich dessen zu berauben versuchten. Mit bewußter Auflehnung gegen die asketischen Erziehungsmaximen meiner Mutter schrieb ich mir vor allem solche Stellen ab, die das Recht auf Persönlichkeit und den Wert der Freude betonten; »Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre gehen, sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen recht wandeln;« -- »Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden;« -- »ein glücklicher Mensch, ein Wesen, das sich seines Daseins freut, ist das Endziel der Schöpfung.«

Erfüllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es nicht ausbleiben, daß ich zuweilen auch davon sprach. Meine Begeisterung konnte nicht immer stumm bleiben; ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen mitzuteilen, nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder Spott noch die Weisheit des Alters mich hätte zurückstoßen können. »Ich suche Menschen, wie Diogenes,« schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus demselben inneren Bedürfnis heraus lebhaft korrespondierte, »und sehe dabei immer deutlicher, daß unsere miserable Erziehung uns um das Beste im Leben betrogen hat. Das bißchen Kunst und Wissenschaft hat man uns nur gelehrt, damit wir darüber schwatzen können. Es ist kein Teil unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und Büchern wie die Religion in der Kirche. Hätten wir den rechten Ernst, das tiefe Verständnis für sie, -- Geist und Herz würden so sehr davon erfüllt sein, daß sie am Gemeinen oder Oberflächlichen gar keine Freude empfänden.«

Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel Walter spottend zu sagen pflegte, beim »Alix-Examen noch nicht durchgefallen waren,« so streckte ich vorsichtig die Fühlhörner meines Geistes aus. Meist begegnete ich einem verlegenen Lächeln, einem erstaunten Blick, und meine Mutter, die solch einem mißglückten Versuch zuweilen zuhörte, sagte mir einmal:

»Daß du das Nüsseknacken gar nicht aufgeben magst! Du stehst doch, daß sie alle taub sind.«

»Ich glaubs aber nicht -- ich will es nicht glauben,« antwortete ich, »mein eigene Existenz bürgt mir dafür, daß es noch andere meiner Art geben muß!« Mama kräuselte spöttisch die Lippen: »Die Mehrzahl ist gemein -- die Dummen sind noch die besten.« Aber je häufiger sie ihrer tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, desto empörter lehnte ich mich dagegen auf, desto übertriebener wurde mein Triumphgefühl, wenn irgend eine Wesenssaite des Anderen, die ich berührte, leise zu klingen begann.

Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft herübergeritten kam. Tiefere Bildung besaß er nicht, aber das einsame, durch keine Abwechselung unterbrochene Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte ihn nachdenklich gemacht, so daß es uns nie an Gesprächsstoff fehlte. Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter nahm mich eines Tages beiseite und erklärte mir, daß der Brandenstein keine »Partie« für mich wäre.

»Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten,« rief ich.

»So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend spricht schon davon, und er selbst muß sich Hoffnungen machen, wenn du dich stundenlang mit ihm allein abgibst,« entgegnete er. Ich war außer mir: ein junges Mädchen benimmt sich also unpassend, wenn es länger als fünf Minuten mit einem und demselben Herrn redet. -- »Die lieben Nächsten drücken nur dann ein Auge zu, wenn sie dabei eine Verlobung wittern,« heißt es in einem Brief an Mathilde. »Fühlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die Hündin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!«

Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurück und unterdrückte meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen über meine »Haberei« energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama über mich sprach.

»Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte Schraube werden,« sagte er. »Oder willst du am Ende nicht heiraten?« Damit wandte er sich an mich.

»Gewiß will ich -- sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist!« lachte ich.

Mama sah von ihrer Handarbeit auf: »Du weißt, daß ich dich nicht zwingen werde. Ein Mädchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel glücklicher, wenn sie nicht heiratet.«

»Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft!« warf Onkel Walter ärgerlich dazwischen. »Die berühmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten, oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen. Wir müssen sie unter die Haube bringen, solange sie hübsch ist, -- das allein ist eine Gewähr für die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst nimmt ein vernünftiger Kerl von vorn herein Reißaus.«

Hochmütig warf ich den Kopf zurück und sagte spöttisch: »Beruhige dich, lieber Onkel, ich kriege noch zehn für einen. Ich werde dir den Kummer nicht antun, eine alte Jungfer zur Nichte zu haben.«

Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, -- nicht allein, weil ich ihm beweisen wollte, daß ich recht hatte, sondern auch, weil die Tante mich ärgerte, die -- wie ich herausfühlte -- aus reinem Egoismus das Einsamkeitsbedürfnis ihrer Rivalin zu fördern suchte. »Laß sie doch, wenn es ihr kein Vergnügen macht, -- wir werden auch ohne sie fertig!« hatte sie erst kürzlich ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus mich zur Teilnahme an einem Ausflug nötigen wollte. Außerdem -- wer weiß?! -- konnte der Gralsritter, von dem ich doch immer wieder heimlich träumte, nicht auch hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!

Picknicks und ländliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, noch mehr getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und Manöverdiners und häuslicher Trubel fingen an, mir sogar wieder Spaß zu machen. Wenn ein paar lustige Leutnants, um vom Manöver aus Pirgallen zu erreichen, meinetwegen ein paar Nächte um die Ohren schlugen; wenn abends am Strande von Kranz, dem nahen Seebad, wohin wir häufig fuhren, prasselndes Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke mir folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, -- dann schlürfte ich mit wonnigem Wohlgefühl den berauschenden Trank der Bewunderung, und die kleinen Teufel der Eitelkeit triumphierten über die guten Geister im Bücherschrank von Pirgallen. Aber »er« blieb unsichtbar, und so war meine Gesellschaftspassion immer nur ein Wechselfieber. »Die Gesellschaft ists gar nicht, die mich amüsiert, sondern die Rolle, die ich in ihr spiele,« schrieb ich an Mathilde, »denn an sich ist sie tödlich langweilig und leer -- leer -- leer wie ein ausgeblasenes Ei. Damit es was taugt, muß ich es erst mit meinen Farben bemalen.«

Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund meines Onkels, Herr von Ollech, Rittmeister bei den Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon auf den Königsberger Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als wir abends zum Souper in großer Gesellschaft, die aus lauter Dohnas, Eulenburgs und Lehndorfs bestand, zusammen saßen, war er der Rettungsring gewesen, an den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem unvermeidlichen Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war eben in Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehört. Das allein hätte genügt, um ihn mir interessant zu machen; sein ernstes musikalisches Verständnis war eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, daß er mit uns heimwärts fuhr.

Abend für Abend saß er dann im Halbdunkel des großen leeren Saals und entlockte dem alten Klavier klagende und jauchzende, zärtliche und sehnsüchtige Töne. Die kleinen Amoretten über den Türen, auf deren runde Körperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein warf, schienen zu atmen, und die Blätter der Linden draußen bebten im Takt. Ich saß vor der offnen Türe, den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz wogender Rhythmen umspann mir dichter -- immer dichter Herz und Sinne. Dankbar hingerissen erwiderte ich den Druck der Hand des Spielers, wenn er schließlich zu mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn morgens wieder, den überschlanken, großen Mann, mit den wässerigen Augen, der roten Nase und den ergrauenden Haaren, hörte ich seine rauhe Stimme, sein Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, -- eine Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche nach Menschwerdung in den Körper eines Dekadenten verirrt hatte.

Angstvoll empfand ich, daß er mich liebte, und sah zugleich an der Selbstverständlichkeit, mit der man mich mit ihm allein ließ, was alle erwarteten. Ich fürchtete die Aussprache -- aber nicht weniger die Trennung. Ich kürzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr und mehr ab; ich wußte, daß ich in seiner Macht war, wenn der Zauber seiner Musik mich gefangen genommen hatte.

Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen so sehr als möglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. Aber eines schönen Morgens lief sie mir davon, als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn zu steigen. Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der sich, von Bäumen und Büschen dicht umstanden, durch den Park zog. Schon tanzten gelbe Blätter auf seinen dunkelgrünen Spiegel nieder, während die Glut des Spätsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach lag. Ich starrte ins Wasser und spielte mit der Hand darin. Ein »Fräulein von Kleve«, mit rauherer Stimme als sonst hervorgestoßen, ließ mich zusammenfahren. »Wollen Sie meine Frau werden?« -- -- Ich antwortete nicht. »Ich bin nicht jung, nicht schön,« fuhr er nach einer Pause leise fort. »Ich habe Ihnen nichts zu bieten, als --« er zögerte, und eine flüchtige Röte stieg ihm heiß in die Stirn -- »meinen Namen, mein Vermögen und -- meine Liebe.« Wieder eine lange Pause -- ich brachte keinen Ton über die Lippen. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich will keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?«

»Nein!« entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Züge leuchteten so hell auf, daß ich erschrak. Er griff nach meiner Hand. »Dann will ich warten, und -- hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, daß ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schönheit begehrt. Ich reise morgen früh -- in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn -- wenn Sie für mich entschieden haben; -- ists recht so?«

»Ja,« war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, -- ein Blick so voll Liebe, so voll Leid, daß ich ihm aus lauter Mitgefühl fast in die Arme gesunken wäre. Abends saß er zum letztenmal am Klavier und ließ seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Tränen nicht Herr werden, lief fort und verschloß mich in mein Zimmer, um es erst zu verlassen, als ich am nächsten Tag den Wagen über den Burghof rollen hörte.

Es verletzte mich, daß jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien. Ich wurde rücksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, während widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mußte ich wirklich mit meinen achtzehn Jahren über solch eine Lebensfrage nachdenken wie über ein Rechenexempel? Wenn mein Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so warf das Nein meiner Sinne all seine Weisheit über den Haufen. Meiner Sinne -- nicht meines Herzens. Allzu häufig floß es von Mitleid über, das der Liebe so ähnlich sieht; wenn ich mir dann aber vorstellte: der Mann soll dich küssen, soll von dir Besitz ergreifen -- körperlich! --, dann haßte ich ihn beinahe.

Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm meines Vaters eintraf. »Brigade in Schwerin« -- nichts weiter stand darin. Die Freude war allgemein und bei mir am größten; meine Abneigung, nach Brandenburg zurückzukehren, beeinflußte im Stillen meine Entscheidung Ollech gegenüber. Die neue Garnison, der kleine Hof, die fremde, Neugier und Hoffnung in gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir lauter lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem Wege nach Berlin im Zuge saßen und meine Mutter die Schicksalsfrage stellte: »Soll ich Ollech benachrichtigen?« bedurfte es keiner Überlegung mehr. Ordentlich komisch kam mirs vor, daß ich jemals zwischen »Ja« und »Nein« hatte schwanken können.

Während der Übersiedelung der Möbel blieben wir in Berlin. Meine Mutter kannte keine größere Freude, als ohne Haushaltungs- und Gesellschaftszwang in der Hauptstadt zu sein. Während sie unermüdlich von einem Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung durchwanderte, die Läden von innen und außen betrachtete, verschwanden die scharfen Linien um ihren Mund und machten dem Ausdruck kindlichen Genießens Platz. Sie vergaß dabei sogar ihre Erziehungsgrundsätze und nahm mich in Possen und Operetten mit, die sich im Grunde gar nicht »schickten«.

Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste Eindruck war ein deprimierender: ein Bahnhof wie in einem abgelegenen Provinznest, dicht daneben eine riesige Holzbaracke -- das Interims-Theater --, enge, holprige Straßen, kleine Häuser mit niedrigen Fenstern, Menschen, deren Aussehen einen um Jahre zurückversetzte. Aber schon unser neues Heim veränderte das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in fröhlichem Weiß zwischen Bäumen und Büschen einladend hervorlugte. Und ich hatte zwei Zimmer darin: das Schlafstübchen, weiß und blau wie einst, der kleine Salon in mattem Grün, -- eine Überraschung meines Vaters. Glückselig war ich: zur Arbeit und zum Träumen ein stiller, abgeschloßner Winkel für mich! Nicht rasch genug konnte ich meine Bücher in die zierlichen Etageren räumen, meinen Schreibtisch mit Bildern schmücken. Viele verborgene Schätze kamen ans Licht, die teils aus Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern und Kisten verborgen gewesen waren. Da waren Makarts Fünf Sinne in großen Photographien, Böcklins Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an der glänzenden Schönheit Makartscher Frauengestalten, ich hatte die Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen Wasser und der leuchtenden Ferne auf Böcklins vielgeschmähtem Bild. Mitten auf meinem Schreibtisch prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen jeder einzelne vom anderen weiter entfernt war als Böcklin von Makart, versammelte sich auf meinem Bücherregal: Goethe und Julius Wolff, dessen sentimentale Sinnlichkeit mich vorübergehend fesselte, Gottfried Keller und Felix Dahn, dessen germanische Götter- und Heldengeschichten meiner alten Neigung begegneten, Scherers Geschichte der Deutschen Literatur, die eben erschienen war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und Lübkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander griechische Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche Heldenlieder in braunen Reclambänden, moderne Lyriker in goldüberladenem Prachtgewand.

Noch spät am Abend kramte ich in meinem Zimmer, überzeugt, daß niemand mich stören würde, da sich die Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk höher befanden, als meine Mutter eintrat. »Noch nicht zu Bett?!« rief sie und musterte ärgerlich meine Umgebung. Dabei fiel ihr Blick auf Bilder und Bücher. »Du bildest dir doch nicht ein, daß ich dergleichen dulden werde: diese schamlosen nackten Frauenzimmer und dies Bild eines Verrückten?«

Mir stieg das Blut zu Kopf. »Das ist mein Zimmer, so viel ich weiß,« sprudelte ich hervor, meine Worte überstürzend, wie stets, wenn die Erregung mir den Mut zur Rede gegeben hatte, »und ich bin alt genug, meinem Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen, der Germanen malt wie Salonhelden, und dessen Frauen aussehen wie lauter wohl erzogne und gut toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag ich nicht, -- sie ist schamloser, als nackte Schönheit. Es ist mir auch ganz gleichgültig, ob die Leute Böcklin für verrückt halten. Ich finde, es wäre zum davonlaufen in der Welt, wenn nicht die paar Verrückten sie noch erträglich machten.«

»Das magst du halten, wie du willst«, antwortete Mama, und nur ihre heißen Wangen verrieten ihren Zorn. »Solange du im Elternhause bist, hast du dich mir zu fügen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was meinst du wohl, was man von dir sagen würde, wenn man solche Dinge auf deinem Schreibtisch sähe?!« Damit ging sie hinaus, und ich nahm tief verletzt meine Bilder, um sie im Schlafzimmer aufzustellen, -- hier sollte sie mir niemand verekeln dürfen.

Früh am Morgen weckte mich Papa:

»Du, Alixchen -- wie wärs mit einem Ritt? Die kleine Braune wartet!« Mit einem Sprung war ich aus dem Bett und in wenigen Minuten in den Kleidern. Vergessen hatte ich den Ärger, noch mehr die Vorschrift des Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem geheimnisvoll blauen Dunst zwischen den Bäumen und jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener Blätter darin. Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen Laubengängen und verwitterten Götterbildern vorbei, vorüber an einem kleinen Gartenhäuschen, das zwischen welkenden Rosen träumte, und hinein in den Dom gewaltiger grauer Buchenstämme, durch deren hohe gelbgrüne Wölbung nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang. Wir ritten langsam und sprachen kein Wort, selbst der Hufschlag der Pferde klang gedämpft, als ob sie auf tiefen Teppichen gingen. Plötzlich, wo der Weg sich jäh zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom flimmernden Lichts: Vergißmeinnichtblau dehnte sich der See bis zum nebelgrauen Horizont, und aus ihm empor stieg mit Türmen und Zinnen, Erkern und Balkonen, funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein Märchenschloß.

Uns heimwärts wendend, verfolgten wir die Uferstraße bis zur Stadt. Das Wasser, die feierlich breite Brücke darüber; ein öder, sandiger Platz trennte sie vom Palast des Herrschers. Demütig und zusammengeduckt, in nüchternem Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen Fenstern hinüberblinzelnd, lag sie zu seinen Füßen.

»Das ist Mecklenburg!« sagte mein Vater.

Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgefüllt mit offiziellen Besuchen und Gegenbesuchen, die für mich lauter Enttäuschungen waren. Die Menschen entsprachen der Stadt, ob es nun Hofmarschälle, Minister oder Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat »guter« Erziehung sprang in die Augen: vollkommene Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der Bildung; unerschütterlicher Gleichmut, selbstverständliche Kirchlichkeit -- eine Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder Extravaganz, äußerlich und innerlich vollkommen farblos machte. Und die Frauen! Glatt gescheitelt, streng und kühl die Verheirateten; eine Schar alternder Mädchen -- das Kennzeichen jeder kleinen Residenz -- mit dem bitteren Zug enttäuschter Erwartungen um blutleere Lippen; wenige junge, und auch die sich zu vorschriftsmäßigem Gleichmaß zwingend. Der Hoftrauer wegen -- im Frühjahr war der alte, sehr geliebte Großherzog gestorben, sein kränklicher Nachfolger war noch im Süden -- gab es keine großen Gesellschaften, dagegen zahllose Nachmittagstees von gähnender Langerweile und steife Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben. Kleine Diners bei der alten Großherzogin-Mutter, der Schwester Kaiser Wilhelms, bildeten eine wohltätige Ausnahme. Die originelle alte Dame liebte die Jugend und war, bei allem strengen Urteil über Manieren, die ihr nicht vollkommen schienen, ihr gegenüber nachsichtig und freundlich, dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen »Palais«, einem baufälligen Häuschen, das sie zu verlassen sich standhaft weigerte, klang an einem Nachmittag oft mehr frohes Lachen, als an zehn geselligen Abenden bei den übrigen Würdenträgern der Stadt. Was den Verkehr noch besonders erschwerte, war die Abneigung der eingesessenen Mecklenburger Familien gegen die Preußen und die strenge Scheidung der Gesellschaft nach der Herkunft. Nur der Adel war hoffähig; mühsam hatte Preußen es durchgesetzt, daß wenigstens der Offizier, auch wenn er unadlig war, empfangen wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die nicht adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.

Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der Öde dieser Gesellschaft hielt ich nicht lange aus. Mich ganz zurückziehen, was ich am liebsten getan hätte, war bei der Stellung meines Vaters, mit der die Verpflichtung, »ein Haus auszumachen«, unweigerlich verbunden war, nur soweit möglich, als die Rücksicht auf meine Gesundheit es verlangte. Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir kein Vorwand; nur hie und da, wenn ich in ein Buch besonders vertieft war, oder eine Phantasie unbedingt zu Papier bringen mußte, schützte ich Schmerzen vor, legte mich zu Bett, und stand, im köstlichen Besitz ungestörter Freiheit, wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen hatten.

Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Träume, und viele blaue Hefte füllten sich allmählich mit Gedichten und Betrachtungen, Märchen und Geschichten.

Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung, um der Langenweile Herr zu werden. Zum Kampf gegen sie zettelte ich unter meinen wenigen Altersgenossinnen eine förmliche Verschwörung an: wir »schnitten« die Alten und Grämlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das Essen vorüber war, wir spielten Theater und stellten lebende Bilder, wozu ich die verbindenden Texte zu dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte allmählich; meine geselligen Künste fanden Anerkennung, und ich mußte sie überall glänzen lassen. Aber solche Erfolge genügten mir nicht. Ich »suchte Menschen« -- verlangender und sehnsüchtiger denn je --, und wenn ich mich scheinbar am besten amüsiert hatte, kam ich oft heim, um verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.

»Du hast das beste Leben von der Welt. Warum bist du nicht zufrieden?« schrieb mir meine Kusine, die kurze Zeit bei uns gewesen war und meine Zerfahrenheit nicht begriff.

Ich antwortete ihr:

»Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, daß ich nur darum die hiesige Gesellschaft so abfällig beurteile, weil ich noch niemanden fand, der mich persönlich interessiert. Das ist doch selbstverständlich!