Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre
Chapter 14
Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins seiner Pferde zur Verfügung zu stellen. Ehe ich noch die Treppe hinab kam, die lange Schleppe meines Reitkleides stolz hinter mir schleifend, stand er schon rot vor Erregung wartend im Hof, und seine Hände, die er mir unter den Fuß schob, um mir hilfreich in den Sattel zu helfen, zitterten jedesmal. Unterwegs strahlte er vor Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend einer Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich sonst angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich einen Sturm heraufbeschwor, so ließ ich, wenn der Fritz dabei war, die Peitsche oft absichtlich fallen, um zu sehen, wie seine schlanke Jünglingsgestalt sich geschmeidig aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene wiederzubringen. Vergrößerte sich unsere Kavalkade, so kam es wohl vor, daß seine Mundwinkel zuckten, wie die eines kleinen Kindes, das weinen will, und er wortlos kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause zu reiten.
Das alte Städtchen war erfüllt von Jugend. Es gab gar keine alten Leute, glaube ich; vielleicht daß sie sich wie die Maulwürfe vor dem lachenden Tag grämlich verkrochen. Auch nur wenig junge Mädchen gab es in unserem Kreise, dafür um so mehr junge Männer. In meines Vaters Regiment war ich die einzige meiner Art, und daß alle Leutnants dem Regimentstöchterlein huldigten, war eigentlich selbstverständlich. Sie waren zumeist berliner Kaufmannssöhne, die bei den 35ern eintraten, weil ihnen trotz reichlicher Zulage die Garde verschlossen blieb und sie sich doch nicht zu weit von der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter ihnen hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen Aufwand wie durch seinen Hochmut die feudalen Kameraden von der Kavallerie zu übertrumpfen. Das Offizierkorps der weiß-blauen Kürassiere dagegen setzte sich aus dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, und zwischen ihnen und den Füsilieren bestanden vor unserer Zeit so gut wie keine gesellschaftlichen Beziehungen. Die einen verkehrten auf den Rittergütern der Umgegend, mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie verbanden, die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der Kaufleute und Fabrikanten vor. Das änderte sich bald, als meine Eltern nach Brandenburg kamen. War meines Vaters Adelsstolz durch das bürgerliche Regiment verletzt worden, so half ihm seine altpreußische Auffassung von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darüber hinweg, und er setzte alles daran, diese Idee auch in den äußeren Fragen des Verkehrs zur Geltung zu bringen. Leicht war es nicht, denn Bürgerstolz ist oft so hartnäckig wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mußte es als Kränkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen als eines Offiziers unwürdig bezeichnet wurden, die doch seiner eigenen Herkunft entsprachen. Aber der daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters Wünsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare neidvolle Bewunderung des Bürgerlichen für den Aristokraten, die oft die Maske des Hochmuts trägt, meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter demütigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten Aufnahme zu finden. Unsere eigenen vielfachen freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Verbindungen mit dem Landadel und seinen Söhnen im Kürassierregiment unterstützten überdies die Durchsetzung der Erziehungsprinzipien meines Vaters.
Das Unerhörte geschah: zu Pferd und zu Wagen, wenn es aufs Land hinaus ging zu den Rochows und Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem Picknick im Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer häufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, und nur der aufmerksame Beobachter bemerkte, daß sich hinter der tadellosen gesellschaftlichen Form eine tiefe innere Feindseligkeit verbarg. Grade die vollendete Höflichkeit, mit der der Kürassier den kleinen Leutnant von den Füsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, die den Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, -- dieselbe Höflichkeit, die so aufreizend wirken kann, weil ihre kühle Glätte keinerlei Angriffsfläche gewährt.
Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen Offizieren ebenso freundlich entgegen zukommen, wie den andern: »Daß sie Müller und Schultze heißen, muß dich nicht stören; sie tragen alle denselben Rock, und heiraten brauchst du sie ja nicht!« Nein, gewiß nicht! Der bloße Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten --! Der Vornehmste und Schönste war mir dafür in meinen Zukunftsträumen nur grade gut genug! Warum auch ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes freies Jugendleben vor mir lag! Glücklich und harmlos ließ ich mich von den schmeichelnden Wogen der Bewunderung tragen; bei manchem glühenden Blick und heißen Händedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah den einen lieber als den andern, ich dachte nicht daran, meine Empfindungen zu verstecken, denn ich liebte dankbar strahlende Augen und zeichnete freudig den aus, der mir am meisten huldigte.
Entzückend war's, wenn die halbwüchsigen Knaben der Ritterakademie sich im Garten um den Platz neben mir rauften; hoch auf klopfte mein Herz, wenn der blonde Vetter mich beim Greifspiel stürmisch an sich riß; weiche süße Gefühle beschlichen mich, saßen wir, lauter lebensprühende Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte meine Hand im Wasser die des schwarzäugigen Leutnants, meines getreuesten Kavaliers. Triumphierende Siegesfreude trieb mir das Blut wild durch die Adern, wenn meine braune Stute mich früh im Morgennebel über den Exerzierplatz trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den Stahlhelmen der Kürassiere blitzten und Blicke mir folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gruß mehr bedeutete als bloße Höflichkeit.
Und einmal kam ein Tag, heiß und gewitterschwül, der uns alle, eine große lustige Gesellschaft, in blumengeschmückten und buntbewimpelten Wagen hinausführte in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns geladen hatten. Unter grünen Bäumen in hellen Zelten waren Tische gedeckt, Schieß- und Würfelbuden mit allerlei beziehungsvollen Gewinnen standen im Hintergrund, auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch empfing uns die Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier und meines Vaters jüngster Leutnant, begrüßte mich mit einem Strauß dunkler, duftender Rosen. Er wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu befreien, aber -- war's Absicht oder Zufall -- man ließ uns immer wieder allein; niemand, so schien's, wollte dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen. Es wurde dämmernder Abend. Müde von Scherz und Spiel lagerten wir unter den Bäumen und schöpften aus großen Kupferkesseln kühle, duftende Erdbeerbowle, die den Durst nicht löschte und das Blut nicht kühlte, es vielmehr unruhig pochend gegen die Schläfen trieb. Eine halbwelke gelbe Rose löste sich mir vom Gürtel, -- der Mann zu meinen Füßen griff danach, und ich sah seine Hände zittern, als er sie an die Lippen drückte.
Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von Baum zu Baum, Raketen und Leuchtkugeln flogen zum Himmel empor, wie lebendig gewordene, zuckend heiße Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und sehnsüchtiger klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander geschmiegt; selig erschauernd fühlte ich das pochende Herz an dem meinen schlagen, den heißen Atem meine Stirne streifen. Tiefer in den Wald ließ ich mich in halbem Traume führen. Erst als es still, ganz still um mich wurde, sah ich auf -- in zwei Augen, die sich verzehrend auf mich richteten. Stumm lehnte ich mich in den Arm, der sich um mich schlang, und mir war, als versänke ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich glühend auf die meinen preßten. Die Betäubung schwand nur halb, als Geschwätz und Gelächter, Pferdestampfen und Peitschenknallen mir ans Ohr tönten und die Wagen durch die Nacht heimwärts fuhren. Es wetterleuchtete am Horizont.
Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und weckte mich am anderen Morgen. Trübselige Alltagsstimmung lagerte über Haus und Garten, und mich fröstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. Mittags kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein erregtes Räuspern, sein schwerer Tritt kündigten nichts Gutes an.
»Du bist ja eine nette Pflanze!« rief er, kaum daß er eingetreten war »hinter dem Rücken deiner Eltern bändelst du mit meinen Leutnants an und setzt ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine Ehre im Leibe?!« Verständnislos starrte ich ihn an. »Tu doch nicht so naiv,« schrie er wütend. »Du weißt ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich würde meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in die Arme werfen!« Ich erschrak -- war das möglich: der Fredy hatte um mich angehalten! »Aber ich will ja gar nicht!« stotterte ich. Ein halbes Lächeln huschte über das rote Gesicht meines Vaters: »Ja, zum Donnerwetter, was bildet sich denn dann der Kerl ein --, er versichert hoch und teuer, deiner Zustimmung gewiß zu sein!«
Es half nichts -- nun mußt' ich beichten. Und als ich so im grauen Tageslicht den süßen, heißen Traum der Nacht mit kalten Worten wie mit Messern zerschneiden mußte, faßte mich ein tiefer Groll gegen den Mann, dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein Kuß in der Julinacht, -- und früh tritt er an mit Helm und Schärpe und begehrt mich zum Weibe für ein ganzes langes Leben!
»Man küßt doch nicht, wenn man nicht heiraten will!« sagte meine Mutter kopfschüttelnd, als der Sturm des väterlichen Zorns sich etwas gelegt hatte.
»Heiraten -- so einen fremden Mann!« kam es darauf zögernd über meine Lippen. Die Wirkung meiner Worte war verblüffend: mein Vater lachte -- lachte, bis ihm die dicken Tränen über die Backen liefen. Und abends schenkte er mir einen goldgelben Sonnenschirm, den ich mir schon lange gewünscht hatte.
Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte Papa von dem abgewiesenen Freier, daß er sich benehmen müsse, als sei nichts geschehen. Fredy folgte, aber er folgte in einer Weise, die das Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war: sein finster-verkniffenes Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er sich neben uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der er mich strafte, fielen weit mehr auf, als seine Abwesenheit aufgefallen wäre. »Du hast dem Fredy einen Korb gegeben!« rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern. Mit jenem Solidaritätsgefühl, das den preußischen Offizier charakterisiert und sich selbst stärker erweist als die Subordination gegenüber dem Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner Partei: sie sprachen nur das Notwendigste mit der Tochter ihres Kommandeurs; und tanzten sie mit ihr, so waren es nur Pflichttänze. Selbst wenn ich gewollt hätte, -- diese geschlossene Phalanx würde allen Eroberungsversuchen getrotzt haben. Aber ich wollte gar nicht; zähneknirschende Empörung erfüllte mich, nicht, weil die Kurmacher mir verloren gegangen waren, sondern weil ich zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein Geschlecht im Vergleich zum männlichen behandelt wurde.
Als ich einmal wieder »pflichtschuldigst« von einem der Offiziere des väterlichen Regiments bei einem Diner zu Tisch geführt worden war und mich tödlich gelangweilt hatte, trat ein alter Major, der mir sein besonderes Wohlwollen zugewendet hatte, lächelnd auf mich zu.
»Sie müssen sich darein finden, Kleine,« sagte er »das Kokettieren ist nun mal eine böse Sache und straft sich immer.«
»Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert!« rief ich in dem Bedürfnis, einmal auszusprechen, wie ich empfand, »ich hab' ihn gern gehabt, sehr gern sogar, aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau zu werden.«
»Ein junges Mädchen darf es nicht so weit kommen lassen --«
»Wenn sie nicht heiraten will!« unterbrach ich den braven Mann lachend, dessen spitze Schnurrbartenden zu zittern begannen. »O ich kenne die Weise, und weiß daher, daß die ganze Musik falsch ist, grundfalsch! Warum soll denn ein Mädchen sich gleich mit Leib und Seele verschreiben, wenn sie Einen freundlicher anlächelt als den andern? Warum soll der ein Recht haben auf ihre Hand, dem sie an einem schönen Julitag einmal von Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe von Ihren Leutnants, die manch armes Ding durch ganz andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer Gefühle glauben lassen?!«
»Aber -- mein gnädigstes Fräulein --« unterbrach der Major mit einer verzweifelnden Gebärde meinen Redefluß und richtete sich steif und gerade auf, so daß sein Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte. Seine kleinen wasserhellen Augen drückten dabei ein so komisches Entsetzen aus, daß meine Empörung verflog und ich das Lachen nicht unterdrücken konnte. »Beruhigen Sie sich nur, Papa Schrott« -- damit streckte ich ihm begütigend die Hand entgegen -- »wenn ich mal so alt bin, wie Sie, werd' ich gewiß gerad' so moralisch sein!« Aber er nahm meine Hand nicht --
Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekränkten spielen! Mein Vater irrte sich offenbar: der gleiche Rock macht nicht zu Gleichen! Die Kürassiere tanzten und ritten nicht nur viel besser, sie waren auch fröhlichere Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, -- dem einzigen, das ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr es in sich schloß, und je höher der Einsatz war. Wie ein Raubvogel mit weit gestreckten schwarzen Schwingen schwebte die Phantasie über den grünen lachenden Blumenmatten meines Lebens. Stark genug wäre sie gewesen, mich empor zu tragen in ihr Höhenreich, wo ich zu ihrem Herrn geworden wäre; aber zur Furcht vor dieser Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun lauerte sie hungrig und rachgierig auf tägliche Beute, und ich mußte mich ihr unterwerfen.
Das gleichmäßige Tiktak des Alltags vertrug ich nicht, beschleunigt mußte es werden bis zum Fiebertempo, oder übertönt von Fanfaren der Freude. Wenn ich den Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre langweilige Dürre mit Blumen, wenn ich mit meinem Schwesterchen spielte, so spielte ich nicht mit ihr, mich ihrer Kindlichkeit unterwerfend, sondern führte vor ihr meine bunten Träume auf. Mir genügte nicht ein kurzes, harmlos improvisiertes Tänzchen, es mußte ein wogender, leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschöpfung daraus werden. Und eine Stunde zu Pferde in der Morgenkühle stachelte nur mein Verlangen nach wilden Ritten über Stock und Stein.
Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als auf meine Reitkunst, die das Ergebnis seiner eigensten Erziehung war, und nie so geneigt, mir nachzugeben, als wenn meine Wünsche dieses Gebiet berührten. Schon früh am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag durfte ich mir die Stute wieder satteln lassen, oder den großen Braunen mit der sternzackigen weißen Blässe auf der Stirn, dessen spielende Ohren sich auf jeden leisen Zuruf verständnisvoll spitzten, der schon dem sanftesten Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil über Hecken und Gräben flog. Fast immer hatte ich Schmerzen, wenn ich ritt, jene alten Schmerzen in der rechten Seite, die sich in Augsburg so gesteigert hatten, aber der Genuß ließ mich die Zähne zusammenbeißen. Im Sattel fühlte ich mich frei; und wie meine Füße nicht den Staub der Straße berührten, so war meine Seele fern von allem, was grau und schmutzig unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch zu fühlen vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den Hufen meines Pferdes nachgab, so daß das Reiten war wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wälder sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle Bahn für einen langen Galopp, -- dann liebte ich sie, dann ergriff ich Besitz von ihr und träumte mich als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.
Freiheits- und Herrschaftsgefühl, -- das ists, was nur der Reiter kennt, darum war Reiten von je her Herrenrecht. Im Schweiße seines Angesichts, wie ein Sklave, schwer mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der Radler sein Stahlroß vorwärts; nur auf gebahnten breiten Wegen vermag der Kraftwagen ratternd und pustend durch die Welt zu rasen, indes der Reiter sich leise durch tiefe Waldeinsamkeit tragen läßt und das edle Tier unter ihm den reinen ruhigen Genuß der Natur nicht stört. Lockt ihn die Ferne, begehrt er, seine Kräfte zu erproben, um seinem Mute vor sich selbst ein Zeugnis abzulegen, so genügt ein Druck der Sporen, und er spottet aller Hindernisse. Er ist der Künstler, der freie, starke, -- arme Arbeiter aber sind jene anderen, abhängig von ihrer Maschine, ihr untergeben. Wir ritten oft weit: bis nach Rathenow hinüber, wo der tolle Rosenberg seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog und trotz Sekt und Morphium von keinem der Schüler je übertroffen wurde, oder westwärts zu den blauen Potsdamer Havelseen, wo die Berliner Touristen uns freilich oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf Schusters Rappen vorwärts bewegt, ist der geborene Feind dessen, der vier Pferdebeine unter sich hat, und der strengste Vater steht ohne ein Scheltwort mit heimlicher Befriedigung seinem Sprößling zu, wenn er mit Steinchen nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul die Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige Identität von Reiter und Ritter ist unvergessen, und unter der Schwelle des Bewußtseins schlummert vielleicht irgend eine altmärkische Erinnerung an die Krachts und Quitzows, die den Haß steigern hilft.
Im Spätherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden Oktobertage, wo die Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs glänzen und die dunkeln Silhouetten der Kiefern sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein paar Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit reizte mich, vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die Stoppelfelder boten freie Bahn, und kein Hindernis im Gelände war mir fremd. Bis zur alten Eiche im Plauer Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.
»Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis!« rief lachend einer der Herren. »Sie vergessen, daß ich siegen werde!« antwortete ich, den Kopf in den Nacken werfend, und klopfte meinem Braunen aufmunternd auf den schlanken Hals. »Für den Fall wünschen Sie sich ruhig die Krone vom Kaiser von China!« spottete ein anderer, und fort gings in gestrecktem Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir den ersten Graben, -- aber schon flog ich voraus, eine halbe Pferdelänge hinter mir der Fuchs meines Vaters, der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff. Über die Mauer setzte ich und wieder über eine, die das Gehöft eines armen Käthners umschloß. Ich war allein. Jauchzen wollte ich im Vollgefühl nahen Sieges -- aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken --, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Körper. Unwillkürlich fuhren die Sporen meinem Gaul in die Flanke. Überrascht von der unverdient schlechten Behandlung, stieg er mit den Vorderbeinen hoch in die Luft, um im nächsten Moment in wahnsinniger Pace vorwärts zu jagen. Jeder Sprung steigerte meine Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen, -- ich hing nur noch im Sattel. Mit dämmerndem Bewußtsein sah ich eine große blaue Wasserfläche dicht vor mir: den Plauer See. Wie eine Bitte stieg es auf in mir: trag' mich hinein, mein treues Roß, trag' mich hinein -- daß die brennenden Schmerzen sich kühlen! Und mir war, als schlügen die Wellen über mir zusammen.
Im grünen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir und sah in das guten Vetters verängstigtes Gesicht, das sich dicht über mich beugte. Tränen standen in seinen Augen, und unterdrücktes Schluchzen erschütterte seine Stimme, als er rief: »Du lebst! Gott Lob -- du lebst!« Als mein Vater kam, stand ich schon auf den Füßen und machte krampfhafte Anstrengungen, ihm möglichst sorglos entgegenzulächeln.
Ein Wagen vom Planer Schloß brachte mich nach Hause, und der rasch geholte Arzt machte mit der Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.
Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an mein Leben ab. Mein Lieblingsplatz war draußen vor der Mauer, wo der Hollunderbusch geblüht hatte, als ich im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vöglein zwitscherten nicht mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der Herbst es gefärbt. Darunter lag ich und sah in den Himmel und hörte die Blätter fallen. Vetter Fritz war fast immer neben mir, meiner Wünsche gewärtig, -- er hatte das Lernen nun wohl ganz aufgegeben.
Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer heftigeres Verlangen trug, kam der Arzt zweimal des Tages, und süße, traumhafte Stunden waren es, wenn der Körper schwer und schwerer und der Geist immer leichter wurde. Zu überirdischer Größe fühlte ich ihn wachsen, und Kräfte durchströmten mich, stark genug, mit einer ganzen Welt den Kampf zu bestehen. Panzerumgürtet sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur Jungfrau von Orleans mich träumte, und ich schämte mich des tatenlosen, bunten Spiels, das ich getrieben hatte. Aber auch andere Träume kamen, die mich streichelten oder mir heiß das Blut in die Wangen trieben; dann ließ ichs geschehen, daß der Knabe neben mir meine Hände küßte und von der Glut seiner Liebe unsinnige Dinge sprach.
»Erlaube nur, daß ich dich liebe und daß ichs dir sagen kann --« flehte er -- »bald werde ich dich nicht mehr sehen dürfen wie jetzt, ferner und ferner wirst du mir sein, -- eine Balldame, und ich -- ein Schuljunge!« Stöhnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, um gleich darauf mit heißen Augen wieder zu mir aufzusehn: »Aber lieben -- lieben werd' ich dich immer!«
»Immer?!« -- Wird nicht ein einziger Herbststurm den kleinen Liebesgott wieder vom Sockel werfen? -- Ich lächelte wehmütig. Kühl wehte der Abendwind vom Wasser, das die Nebel schon zu verhüllen begannen, und fröstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.
Achtes Kapitel
»Nun wird sie schlafen -- --« hörte ich in halbem Traum den Arzt zu meiner Mutter sagen, während sich leise die Türe hinter ihnen schloß. Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden, die selbst der Morphiumspritze stand hielten. Heute war ich chloroformiert worden. Durstig hatte ich unter der Gazemaske den süßen Duft wachsender Betäubung eingesogen. Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden, auf dem Bett, -- schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig flackerndes Licht ging von dem Nachtlämpchen neben mir aus. Die gelben Blätter auf der Tapete zuckten hin und her -- zuerst langsam, dann immer schneller, schneller --, mir wurde schwindlig dabei. Ich schloß die Augen. Gott, war ich müde! -- Plötzlich sprang die Türe auf, und es schwebte herein, groß, weiß und kalt; Augen sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter, -- und andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, -- in schmerzverzerrten Gesichtern, -- hungrige, die gierig nach Beute suchten, -- lüsterne, in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei rauschte es wie von vielen Gewändern, und tappte und klapperte, wie von zahllosen Tritten ... Die Wände rückten auseinander vor der schiebenden drängenden Masse gräßlicher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz, ganz dicht, die Weiße mit den Mondaugen, und eine Hand, wie von Eis und zentnerschwer, legte sich auf mein Herz. »Queen Mab« schrie ich auf -- jetzt saß sie schon auf meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in meine Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte sie nicht von mir stoßen.
Wir kämpften miteinander -- Tage -- Wochen. Meine Jugend besiegte sie. Es kamen ganz stille Zeiten, wo die Schneeflocken leise vor meinen Fenstern niederfielen und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an mein Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der Schlag der Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.
Nun wußten die Arzte endlich, woran ich litt: die Nierenentzündung, die mich so überwältigt hatte, ließ keinen Zweifel mehr daran. Ich mußte bewegungslos, grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die Weiße mit den Mondaugen mich längst verlassen hatte. Statt ihrer spitzen Eisfinger in meinem Körper bohrten sich viele kalte Gedanken in mein Hirn.