Memoiren einer Sozialistin: Lehrjahre

Chapter 13

Chapter 133,725 wordsPublic domain

Während der folgenden Monate in Augsburg wurde meiner Erziehung durch die Einführung in die Wohltätigkeitsbestrebungen der guten Gesellschaft der letzte Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied der verschiedensten Vereine und galt allgemein für äußerst hilfsbereit. Mir waren darüber schon oft Zweifel aufgestoßen, wenn arme Leute, deren Unglück sichtlich rasche Hilfe verlangte, von der Schwelle des glänzenden Hauses abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus irgend eines Vereins überwiesen wurde. Aber meine Tante wußte so viel von der Großartigkeit der augsburger Armenfürsorge -- sowohl der kommunalen, als der privaten -- zu erzählen, daß ich meine Bedenken zurückhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die glänzendsten Vorstellungen machte. Schon meine erste Teilnahme an der Sitzung eines Krippenvereins ließ mir die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saßen lauter reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den Tisch; keine einzige unter ihnen hatte keine Loge im Theater, keine Equipage vor der Türe, -- und doch berieten sie stundenlang, auf welche Weise die zur Erweiterung der Anstalt notwendigen paar hundert Mark aufgebracht werden könnten. Ein Bazar wurde beschlossen. Schon auf der Heimfahrt jammerte meine Tante über all die damit verbundenen Mühen und Scherereien, über ein neues Kleid, das ich -- als Verkäuferin -- notwendig dafür haben müßte, über einen neuen Hut, den sie nur in München bekommen könnte, -- kurz, ich konnte die Frage nicht unterdrücken, ob nicht die Kosten erheblich geringer sein würden, wenn jede der Damen durch Zahlung von fünfzig Mark die ganze Sache rasch und glatt erledigt hätte. Aber da kam ich schön an. »Du hast doch gar keinen Begriff von Geld und Geldeswert« sagte sie, »wenn du meinst, wir könnten alle Augenblicke solche Summen einfach hergeben. Was wir für uns tun und unsere Toilette, ist unsere Sache, für die Bedürftigen aber muß die ganze Bevölkerung herangezogen werden.«

Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte sie hie und da selbst machen. So kam ich einmal zu einer armen Witwe in die Wertach-Vorstadt, die sich und ihre vier Kinder mit Wäschenähen zu ernähren bemühte und um Unterstützung nachgesucht hatte. Durch einen engen, dunkeln Hof mußte ich gehen, in dessen dumpfer Kellerluft eine Schar blasser, kleiner Buben und Mädeln sich herumtrieb. Sie scharten sich alle mit offnen Mäulchen um mich, als ich nach Frau Hard frug. »Über drei Stiegen links wohnt Mutta,« sagte ein blasser Junge mit einem ernsthaften Altmännergesicht, und die Schwester, deren Züge auch vom Lachen so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein, führte mich hinauf.

Mit jenem angstvoll nervösen Ausdruck gehetzter Tiere, der sich den Gesichtern all der Menschen einprägt, die den Kampf ums tägliche Brot jeden Morgen in gleicher Schärfe aufs neue beginnen müssen, sah die arme Frau mir entgegen. Während sie Heftfäden aus all den vielen weißen Wäschestücken zog, die fast das ganze winzige Zimmer füllten, und dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem brodelnden Topf in der dunkeln Küche nebenan zu sehen, von dem ein widerlicher Geruch nach schlechtem Fett sich allmählich überallhin ausbreitete, erzählte sie mir ihre Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei Jahren an der Schwindsucht gestorben, -- »ka Wunder nöt bei dera Fabrik am Stadtbach draußen« --, die Direktion hatte ihr eine einmalige Unterstützung von hundert Mark zugewiesen. »Gott vergelts ihna viel tausendmal« fügte sie tief gerührt hinzu, als sie davon sprach; trotz allem Fleiß konnte sie aber doch nicht das Nötigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder herein und drängten sich halb neugierig halb eingeschüchtert in einer Zimmerecke zusammen. »Mit die Kinder is halt a Kreuz,« sagte die Mutter seufzend, »eins -- das ginge noch an, aber vier, da weiß man nicht aus noch ein vor Sorg und Kummer.« Der Kleinste stolperte in diesem Augenblick über seine eignen dünnen rachitischen Beinchen und fiel auf einen der Leinwandhaufen. Die Mutter patschte ihm erregt auf die Händchen, zankte gleich alle Vieren, daß sie »so arg im Wege« stünden und stieß sie unsanft in die Küche, mit der Mahnung, dort ganz still zu sitzen. Mir krampfte sich das Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen Geschöpfen, die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren mußten. Fast war ich schon fertig mit meinem Urteil über die Hartherzigkeit der armen Näherin, als sie mir weinend erzählte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein Jahr lang in die Fabrik gegangen wäre, da sei aber ihr Jüngstes aus dem Fenster gestürzt, während sie abwesend war, und seitdem könne sie die Kinder nicht allein lassen. Aus lauter Angst um sie nähme sie alle Vier sogar mit, wenn sie liefern ginge. »Glei spräng i nach, wenn noch eins da nunter fiele!«

Ich verlor alle Selbstbeherrschung, -- nie hatte ich auch nur im entferntesten von solch einem Elend gewußt --, die Tränen strömten mir aus den Augen. Ein schwaches Lächeln huschte über die verhärmten Züge der Frau; sie ließ die Arbeit sinken und streichelte mir tröstend die Hände: »So a guts Herzerl sans -- das hat mir gwiß der liebe Herrgott geschickt!« -- mich durchstach das Wort mit Messerschärfe: Ja, war es denn möglich, daß Gott solchen Jammer mit ansehen konnte?! Was hatte die Mutter, was hatten die kleinen Kinder getan, daß sie so leiden mußten? Warum lebten sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? Und wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel errötend sah ich an meinem eleganten Kleide hinab und blickte scheu zu den vielfach geflickten dürftigen Röckchen der Kinder hinüber, die sich wieder der Türe genähert hatten, um mich anzustaunen. Und ich fühlte plötzlich die Spitzen meines Hemdes auf meinem Körper brennen, -- hatten nicht am Ende ebenso arme durchstochene Finger sie genäht, wie die der Witwe vor mir? O, wie ich mich schämte! Wären die Kinder auf mich zugestürzt und hätten mir das weiche Tuch meines Kleides vom Leibe gerissen, hätte die Mutter sich mit meinem Mantel bekleidet, -- ich hätte es in diesem Augenblick ganz natürlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der Kleinen mit keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung auf mir, und die Mutter pries überschwenglich mein »gutes Herz«.

Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um das Notwendigste einzutragen. Mechanisch stellte ich meine Fragen. »Wie alt sind Sie?« -- »Sechsundzwanzig.« -- Erschrocken sah ich auf: dies gelbe, faltige Gesicht, der krumme Rücken, die dünnen Haare, der erloschene Blick, -- und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah plötzlich meine Tante vor mir, die vierzigjährige -- und ein dumpfer Zorn bemächtigte sich meiner. »Wie lange arbeiten Sie am Tage?« -- »I steh halt um fünfe auf und leg mich um zwölfen nieder!« -- Und das alles nur um das elende Leben am nächsten Tag weiter zu fristen!

»Was verdienen Sie in der Woche?« -- »Sechs Mark, und wanns arg gut geht, achte. In der stillen Zeit gibts oft keine drei und vier. Und fünf -- sechs Wochen im Jahr is die Arbeit rar.« -- Also hatte sie für sich und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, -- und ich gebrauchte für bloßen Toilettentand mehr als sie mit den Kindern zum Leben hatte!

Ich ertrug es nicht länger. Das Weltbild verschob sich mir, und seine Farben flossen zusammen, so daß nichts als ein schmutziges Grau übrig blieb. Ich griff in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, was für mich weit beschämender war, als für die arme Frau, schüttete ich ihr den Inhalt meiner Börse in den Schoß und lief, so rasch ich konnte, davon. Als ich, trotz aller Mühe, mich zu beherrschen, atemlos und erregt von dem Erlebten berichtete, erklärte die Tante mich für »überspannt«. »Wie kannst du die Dinge nur von unsern Empfindungen aus bewerten. Die Leute sind das nicht anders gewöhnt, und wenn für das Notwendigste gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie übermäßig zu bedauern heißt, sie zu Sozialdemokraten machen.«

Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen Tochter Fabrikarbeiterin war. Die Armenunterstützung, die er erhielt, reichte zu seiner Erhaltung nicht aus, und sie hatte erklärt, von ihrem Lohn nur wenig erübrigen zu können. Der Alte saß am Fenster eines reinlichen Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununterbrochen, rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche Wolken umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein Fenster zu öffnen, widerstand er heftig. »I hobs auf der Brust und vertrag ka Zugluft nöt,« sagte er. Unter Räuspern und Husten begann ich mein Verhör. Er beklagte sich lebhaft über die Tochter, die »a schön's Stück Geld« verdiene, aber »alleweil mehr an Putz denkt als an den alten Vater,« und lieber auf »die Tanzböden umanand hupft« als bei ihm zu sein, der »dös ausgeschamte Ding doch nu amal in die Welt gesetzt hat.« Grade ging die Türe und »d' Resi« kam nach Haus, ein schmalbrüstiges junges Mädchen mit hektischem Rot auf den Wangen und fiebrig glänzenden Augen. Sie hustete. »Kannst nit a bissel s' Fenster auftun,« bat sie nach einer verlegnen Begrüßung, »wenn man eh' den ganzen Tag gar nix wie Staub schluckt.« Aber der Alte gab nicht nach, sondern eiferte bloß über die ungeratenen Kinder -- »zu meiner Zeit gab's koanen eignen Willen nöt bei die Madl. Heut zu Täg is aus mit'n schuldigen Respekt.« Die Resi bat mich, ihr mit meinem Fragebogen in die Küche zu folgen. Dort riß sie das Fenster auf, und ein Hustenanfall erschütterte ihre Brust, so daß ihr vor Anstrengung die Schweißtropfen auf der Stirne standen. Seit vier Jahren arbeitete sie, die eben erst achtzehn geworden war, in der großen Spinnerei, zu deren Aktionären auch meine Tante gehörte, wie ich aus ihrem eifrigen Studium der betreffenden Kurszettel erfahren hatte. Sie verdiente sieben Mark in der Woche, wovon sie dem Vater die Hälfte abgab. »Für mehr langt's gewiß nit, Fräulein,« fügte sie mit tränenden Augen hinzu, »i brauch a bissel was für's Gewand, und dann, -- schauen's, wie's mi grad gepackt hat -- dös kommt alle Tag' a paar Mal -- der Herr Doktor hat gesagt, i soll viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter am Tag« -- aus dem Winkel des Schränkchens suchte sie ein Töpfchen hervor, dabei ängstlich nach der Türe schielend, ob auch der Vater nichts merken könne. »Recht a gute Luft, meint der Herr Doktor, wär' halt auch nötig« -- ein bittres Lächeln huschte um ihre Lippen -- »Sie merkend ja selber, wie's hier damit steht, und schlafen muß i a no bei ihm drinnen! Wie's aber in der Fabrik is, das wissen's gewiß nit, -- da schluckt einer weiter nix wie Baumwolle.«

Zu Hause meinte ich, es wäre am besten, der Alte käme ins Spital. Die Tante war empört über meine Herzlosigkeit. »Ein Kind gehört zu seinen Eltern,« sagte sie, »und dann am sichersten, wenn sie alt und krank sind.« Nach einer neuen, »fachverständigeren« Untersuchung wurde festgestellt, daß die Resi am Sonnabend stets auf dem Tanzboden zu finden sei und für bunte Bänder immer Geld übrig zu haben scheine. Diese Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer Entrüstung mitgeteilt, die ich beim besten Willen nicht zu teilen vermochte. »Wir gehen doch auch in Gesellschaften -- noch dazu ohne die ganze Woche gearbeitet zu haben,« sagte ich naiv, »und die Resi ist jung wie wir, dazu arm und krank -- laßt ihr doch das bißchen Lebensfreude.«

Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. Nur zu Weihnachten durfte ich an der allgemeinen Bescherung des Krippenvereins teilnehmen. In einem langen niedrigen Saal standen hölzerne Tafeln mit geschmacklosen bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wäschestücken, ein paar Pfefferkuchen und verschrumpelten Äpfeln bedeckt; ein dürftig geschmückter Baum streckte seine großen Zweige wie lauter wehklagend erhobene Arme nach der Zimmerdecke. Lieblos und nüchtern -- gar nicht nach Weihnachten -- sah es aus, und ich mußte der Großmutter denken, die selbst den Ärmsten immer irgend eine »Überraschung« bereitete, denn »les choses superflus sont des choses très nécessaires« Pflegte sie mit ihrem gütigsten Lächeln zu sagen. Auf der einen Seite drängten sich die Frauen und Kinder eng zusammen, auf der anderen saßen die Damen des Vorstands, und unter dem Baum stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt. Er war mir völlig fremd diesen Abend, als er so viel vom »Vater im Himmel« sprach, »der die Armen nicht verläßt,« von »den wahrhaft christlichen Seelen der gütigen Geberinnen,« von der gebotenen »Dankbarkeit und Zufriedenheit der Empfangenden.« Dann wurde gesungen und dann beschert, wobei die Mütter ihre Kinder immer wieder ermahnten »vergelts Gott« zu sagen, obwohl die kleine Gesellschaft offenbar nicht recht wußte, warum. -- Über eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen hätten sie sich tausendmal mehr gefreut, als über all die prosaischen Nützlichkeiten.

Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal wenige Stunden später hunderte von Kerzen ein warmes strahlendes Licht verbreiteten und alle Geschenke meiner Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch nie ein so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei »schlechter Laune«, meinte die Tante ärgerlich, der mein Dank nicht stürmisch genug war. Nachts darauf hatte ich wieder einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und wußte bald nicht mehr, ob meine Tränen um das körperliche Leid oder um die Zerrissenheit meines Innern flossen.

Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr besuchen, trotzdem mir dringend empfohlen wurde, mir die gute Gelegenheit, so viel zu lernen, nicht entgehen zu lassen. Nur nichts hören und sehen von dieser Hölle, in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!

Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins Theater, und je mehr die natürliche Lebenslust befriedigt und die Eitelkeit genährt wurde, desto leichter wurde mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt mitten durch den Zug der heimkehrenden Arbeiter, so schloß ich am liebsten die Augen, nachdem meine Bitte, diese Gegend zu meiden, als »sentimental« unerfüllt geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und nur die müden Schritte hörte und das freudlose Gemurmel vieler Stimmen, war es mir, als ginge ich mitten unter ihnen und sähe meinen Doppelgänger bequem in die seidenen Kissen gelehnt an mir vorüber rollen. Und dann packte mich eine Wut -- eine Wut, daß ich am liebsten den nächsten Stein genommen und ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert hätte!

Sah ich dann, wie aus wüstem Traum erwachend, um mich, so fiel mein Blick nur auf gleichgültige oder bewundernde Mienen -- es gab sogar Männer, die die Mütze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.

Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er war von überströmender Freude und Zärtlichkeit, die ich gerührt und dankbar empfand. Seine Schwester rühmte mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer Mühen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben auf die Eltern nicht fehlen ließ, die mich in so »verwahrlostem« Zustand ihr übergeben hatten. Seltsam, wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles gefallen ließ; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, aber er schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die Liebe, die mich umgeben, die Freiheit, die ich genießen sollte, auf die Pflichten, von deren Erfüllung ich mir Befriedigung versprach. Alles Böse wollte ich den Eltern vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! Meine Gedanken und meine Empfindungen waren schon lange, lange vor mir daheim.

Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im dämmernden Park auf und nieder ging, kam es über mich, wie eine Vision. Ein großes, dunkles Tor sah ich und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender Menschen, die daraus hervorkroch: Mädchen, wie die Rest, und Frauen, wie die arme Witwe, und viele, viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. -- Ich warf mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann ins helle Licht der Lampen trat, schlang die Tante, beim Anblick meiner tränenfeuchten Augen, gerührt über so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.

»Bleibe mein gutes Kind,« sagte sie beim Abschied mit Betonung.

Siebentes Kapitel

Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in Brandenburg ankamen, mein Vater und ich. Über das holprige Pflaster rasselte die große alte Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne Roland am Rathaus warf einen langen schwarzen Schatten auf die einsame Straße, und in dem grünen Dachlaubkrönchen auf seinem Haupte spielte leise der Wind. Unter der weiten Wasserfläche am Mühlendamm, der zur Dominsel hinüber führt, breitete der Nebel leichte duftige Schleier aus, die ein zitternder Streifen silbernen Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so daß sie flatterten, wie grüßend von unsichtbaren Händen bewegt.

Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen auf den Domhof. Dunkel und wuchtig wie eine Burg ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor, das den engen Platz und die einstöckigen Häuschen ringsum, aus deren tiefen roten Dächern erstaunte Fensteraugen verschlafen blickten, mit seinem Schatten zu erdrücken schien. Nur das größte der Gebäude, das breit und massig an der andren Seite den Hof abschloß, war wach: helles Licht strömte daraus hervor und verscheuchte den Schatten; um das weit offene Tor über der grauen Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter Frühlingsblumen, und auf der obersten Stufe erschien, als habe die größte davon sich losgelöst, und sei vom Mondzauber getroffen zu nächtlichem Elfenleben erwacht, ein kleines, schneeweißes Geschöpfchen, Stirn und Wangen von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre Ärmchen warm meinen Nacken umschlangen, fühlte ich, daß es ein Menschlein war, das mich willkommen hieß: mein Schwesterchen. Mit ungewohnter Zärtlichkeit begrüßte mich die Mutter, mit einem: »Nun bist du endlich daheim,« aus dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, küßte mir der Vater die Stirn, und die Freude hielt mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich schon lange weich und wohlig umfingen.

Mit dem dämmernden jungen Tage trieb die Erregung mich zum Tore hinaus. Still und verträumt lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen Steine der Mauern erzählten von der Vergangenheit. An unseres Hauses Platz mochte Pribislavs, des letzten Wendenherzogs, Fürstensitz sich erhoben haben, als er Albrecht, dem askanischen Bären, Krone und Land überließ und Triglaff, den dreiköpfigen Götzen, dem Christengott zu Ehren verbrannte. Sieben Jahrhunderte hatten zusammengewirkt, um des Gekreuzigten Haus zu errichten, und viele wilde Kämpfe um Glauben und Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt spotteten, hatten auf dem Raum zu seinen Füßen getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an Giebel und Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weiße Tauben die Körnlein auf, die sich in dem wuchernden Unkraut zwischen den Pflastersteinen verloren hatten.

In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne auf den blauen Wassern der Havel rings um die Dominsel und malte alle Farben des Regenbogens auf die Tautropfen der Wiesengräser. Der Garten hinter unserem Hause, wo die Obstbäume weiß und rosenrot blühten, reichte bis hinab an das Ufer. Ein Kahn lag im Schilf vor dem weißem Pförtchen, das die alte verwitterte Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte sich außen an die epheuumsponnene Wand. Von den wuchernden Ranken fest umschlossen, lag ein kleiner, pausbäckiger Liebesgott aus grauem Sandstein daneben; wie lange schon mochte er vom Sockel gestürzt sein und die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewölbe richten! Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen und steckte ihm statt des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig in die winzige Faust. Mir wars, als lachte er -- ein helles, zwitscherndes Lachen --, vielleicht warens auch nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter Wind, der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit sich trug, strich mir lind um die Stirne. Es war der Mai, der mich grüßte, der Mai, dem mein Herz stürmisch entgegenschlug!

Zu sieben feierlichen Schlägen holte die Uhr im Domturm langsam aus. Und mit einemmal ward es lebendig: die späten Nachfolger der Mönche im Stiftshaus gegenüber, das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine Ritterakademie verwandelt hatte, stürmten über den Hof, -- lauter kecke brandenburgische Junker, deren harte Schädel der Weisheit der Magister trotzten, wie die ihrer Vorfahren von je den friedsamen Bürgern Trotz geboten hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, -- die neue Nachbarin, -- und musterten mich halb neugierig, halb bewundernd; einer, ein langer, blonder, streckte mir die Hand entgegen und warf mir mit der anderen lachend einen ganzen Strauß von Vergißmeinnicht zu, so daß die blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hängen blieben. Noch ehe ich eine Antwort fand, flog mir mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg tauchten blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters Regiment. Mich zu empfangen, kamen sie, und all die Lieder von Glück und Liebe, die sie spielten, schmeichelten sich in mein Herz, und die Walzermelodien waren wie ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen Rausch seliger Träume hüllte. Es war der Mai, der Mai, der mich grüßte!

Hat sich die Natur seitdem so verändert, ist das Sonnenlicht trüber, sind die Farben der Blumen matter geworden, oder waren es meine siebzehn Jahre, die ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?

Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof und Garten. Wie sie erstaunt und gläubig die blauen Augen aufriß, wenn ich ihr die schattigen Winkel zeigte, wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem Blütenkelch nach den Elfen suchen ließ! Beladen mit allem, was strahlte und duftete im Garten und auf der Wiese, stiegen wir dann die weiße Treppe zur Diele hinauf, um dort alle Vasen und Gläser zu füllen, die die Zimmer schmücken sollten. Gegenüber, an den Fenstern der Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenköpfe aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und Nicken hin und her. Bald kannte ich die, die zur Freistunde den Platz am Fenster dem Spiel im Schulgarten vorzogen. Unsere Sonntagsgäste waren die meisten von ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergißmeinnicht zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die Tertia ließ ihn noch immer nicht los, trotz seiner achtzehn Jahre; sein schmaler Schädel war offenbar nicht der Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen und Schlittschuh laufen konnt' er dafür, wie kein anderer; und zum Fenster hinaus und hinein konnt' er klettern, wenn es galt, zu verbotener Abendstunde unseren Garten zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage Blumen von den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit den Wissenschaften auf noch feindseligerem Fuß als vorher. Die Junker von drüben waren alle meine Ritter, aber er allein war es mit der ganzen Hingabe seines treuen Herzens. All meinen Übermut ließ er über sich ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. Geduldig hütete er mein Schwesterchen, wenn ich zum Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig kletterte er über die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen, die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er in die Felder, um Kornblumen zu pflücken, die er, von seidenem Band umwunden, frühmorgens, ehe ich erwachte, in mein offenes Fenster warf; mit den Havelschwänen bestand er so manchen Kampf, weil ich mir die gelben Mummeln so gern in die Haare steckte. Den köstlichen Genuß heimlich gerauchter Zigaretten gab er auf, um mir statt dessen für sein Taschengeld allerlei Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.