Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung

Part 14

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_20. April._ -- Der jährliche Cyklone richtet oft große Verwüstungen in den Zuckerfeldern an. Im Jahre 1892 wurden Hunderte von Menschen durch den Cyklone getötet oder zu Krüppeln gemacht, und der sündflutartige Regen, der dabei Port Louis überschwemmte, erzeugte großen Wassermangel. Das ist buchstäblich wahr, denn er zerstörte das Wasserwerk und die Leitungsröhren, und als sich die Flut verlaufen hatte, herrschte eine Zeitlang arge Not, weil man kein Wasser bekommen konnte. -- Die Wut jenes Wirbelsturms war fürchterlich; er machte ganze Straßen von Port Louis zu Trümmerhaufen, entwurzelte Bäume, deckte Dächer ab, schmetterte einen Obelisken zu Boden, riß Schiffe vom Anker los und schleuderte ein amerikanisches Fahrzeug bis in den Wald hinauf. Ueber eine Stunde lang krachte der Donner ohne Unterlaß, die Blitze zuckten und der Wind heulte -- es war ein Höllenlärm ohne gleichen. Dann trat plötzlich Ruhe ein, heller Sonnenschein und völlige Windstille; die Menschen wagten sich hinaus, um den Verwundeten beizustehen und nach ihren Freunden und Angehörigen zu suchen. Da brach der rasende Sturm unvermutet aus einer andern Himmelsgegend von neuem los und richtete vollends alles zu Grunde.

Die Wege auf der Insel sind fest und eben, die Bungalows bequem ausgestattet, die Höfe sehr geräumig; längs der Fahrstraßen wachsen hohe grüne Bambushecken, und -- was ich noch nie gesehen habe -- Hecken von roten und weißen Azaleen, die sich wunderhübsch ausnehmen. Mauritius ist ein einziger, großer, gartenähnlicher Park. Die wogenden Zuckerrohrfelder mit ihrem frischen Grün tun dem Auge wohl; überall entfaltet sich tropischer Pflanzenwuchs in üppigster Fülle, helles und dunkles Grün, dicht verschlungenes Unterholz von hohen Palmen überragt, große schattige Wälder mit klaren Flüssen, die sich bald im Dunkel verlieren, bald lustig wieder ans Tageslicht gesprungen kommen; auch kleine Berge mit spielzeugartigen Klippen und Felsengruppen hat Mauritius aufzuweisen und dann und wann einen Durchblick auf das Meer mit dem weißen Schaum der Brandung. Die Insel ist sehr hübsch in ihrer Art, doch fehlt ihr das Erhabene, Großartige, Geheimnisvolle, wie es unersteigliche Bergeshöhen mit Gipfeln, die in den Himmel ragen, und weite Fernsichten einer Gegend verleihen; der Gesamteindruck ist reizend, aber nicht überwältigend, er berührt uns angenehm, dringt aber nicht bis in die Tiefe der Seele.

Als die Franzosen noch Mauritius besaßen, belästigten sie von dort aus die indischen Kauffahrteischiffe; deshalb nahm ihnen England die Insel fort und auch das benachbarte Bourbon. Letzteres gab es jedoch wieder an Frankreich heraus und ließ sich auch Madagaskar fortschnappen, was sehr zu beklagen ist. England hätte mit geringer Anstrengung die harmlosen Eingeborenen vor dem Unheil der französischen Zivilisation schützen können. Leider hat es das unterlassen, und jetzt ist es zu spät.

Vor der Sünde, einen Raub an Frankreich zu begehen, hätte sich England schwerlich gescheut. Aller Grundbesitz sämtlicher Staaten der Erde -- Amerika natürlich nicht ausgeschlossen -- besteht aus gestohlenem Gut, aus Ländereien, die andern Nationen gehörten, denen man sie entrissen hat. In Europa, Asien und Afrika ist jeder Fußbreit Land schon Millionen mal wieder und wieder gestohlen worden. Ein Verbrechen aber, das seit Jahrtausenden verübt wird, hört auf ein Verbrechen zu sein und wird zur Tugend. Das Gewohnheitsrecht ist stärker als jedes andere Gesetz. Auch werden ja heutzutage unter den christlichen Regierungen die allseitigen Pläne solchen Länderraubs ganz frei und offen verhandelt.

Ohne Frage lassen die Zeichen der Zeit deutlich erkennen, welchen Verlauf die Sache nehmen wird: Alle noch unzivilisierten Länder der Erde müssen unter die Herrschaft der christlichen Staaten Europas kommen. Mir macht das keinen Kummer, im Gegenteil, ich freue mich darüber. Vor zweihundert Jahren wäre dies unabwendbare Geschick noch ein Unheil für die wilden Völker gewesen, aber jetzt wird es, unter gewissen Umständen, für manche ein Segen sein. Die Europäer sollen nur je eher je lieber alles Land in Besitz nehmen, damit Friede, Ordnung und Gerechtigkeit an die Stelle der Bedrückung, des Blutvergießens und der Gesetzlosigkeit tritt, unter der die Wilden Jahrhunderte lang geschmachtet haben. Wenn man bedenkt, was zum Beispiel Indien zu der Zeit gewesen ist, als die Hindus und die Mohammedaner es beherrschten, und wie es jetzt um das Land steht, wenn man an das frühere Elend der Millionen zurückdenkt, die heutzutage Schutz und eine menschenwürdige Behandlung genießen, so wird man zugeben müssen, daß es für Indien kein größeres Glück geben konnte, als unter britische Oberherrschaft zu kommen. Geht nun alles Land der wilden Völker in europäischen Besitz über, und müssen sie selbst sich den fremden Herrschern auf Gnade oder Ungnade unterwerfen, so wollen wir von Herzen hoffen und wünschen, daß alle Wilden bei dem Tausch nur gewinnen möchten.

Zwanzigstes Kapitel.

In der Staatskunst bringe alle Formalitäten in Ordnung und kümmere dich nicht um die Moralitäten.

_Querkopf Wilsons Kalender._

_28. April._ -- Nach Afrika abgesegelt. -- ›Arundel Castle‹ ist das schönste Dampfboot, in dem ich auf diesen Meeren gefahren bin, es ist durch und durch modern und das will viel sagen. An einem Mangel, den man überall trifft, leidet aber auch dieses Schiff: die Betten lassen zu wünschen übrig. Es ist ein großer Fehler, daß man die Auswahl der Betten stets dem ersten besten Mann mit starkem Rückgrat anvertraut, statt einer zarten Frau dies Amt zu übertragen, die von Kindheit auf an Schlaflosigkeit und Gliederweh gelitten hat. Nichts ist sowohl diesseits wie jenseits des Ozeans eine größere Seltenheit, als Betten, welche allen Anforderungen entsprechen. Zwar sind sie in einigen Hotels der Erde zu finden, aber auf keinem Schiff, weder jetzt noch in vergangenen Zeiten. In der Arche Noäh waren die Betten geradezu niederträchtig, und darin liegt die Wurzel des Uebels. Noah hat die Mode eingeführt und die Welt wird sie mit geringen Abänderungen bis zur nächsten Sündflut beibehalten.

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_8 Uhr abends._ -- An der Insel Bourbon vorbeigesegelt; ihr zerklüftetes, vulkanisches Gebirge hebt sich klar gegen den Himmel ab. -- Wie töricht ist es doch, erholungsbedürftige Menschen nach Europa zu schicken. Das Rasseln von Stadt zu Stadt bei Rauch und Kohlendunst, das ewige Besichtigen von Schlössern und Galerien, ist doch kein Ausruhen zu nennen! Man trifft fortwährend alte und neue Bekannte, wird zum Frühstück, zu Mittag, zum Tee ausgebeten und erhält aufregende Briefe und Depeschen. Auch die Fahrt über den Atlantischen Ozean nützt nichts; die Reise ist zu kurz und das Meer zu unruhig. Wahre Heilung für Seele und Leib findet man nur auf dem friedlichen Indischen und dem Stillen Ozean, wo sich die Zeit so behaglich lang ausdehnt.

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_2. Mai nachmittags._ -- Ein schönes großes Schiff in Sicht -- fast das erste, das wir auf der wochenlangen einsamen Seefahrt erblickt haben. Wir sind jetzt im Kanal von Mozambique zwischen Madagaskar und Südafrika und steuern in westlicher Richtung nach der Delagoabai.

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_Montag 4. Mai._ -- Wir dampfen langsam in die ungeheure Bai hinein; ihre Arme erstrecken sich weit ins Land, bis sie den Blicken entschwinden. Hier wäre Raum genug für sämtliche Schiffe der Welt, aber die Bai hat nur geringe Tiefe; oftmals zeigte unser Senkblei nicht mehr als viertehalb Faden.

Eine 150 Fuß hohe und etwa eine Meile breite Felswand von stark rötlicher Färbung steigt senkrecht vor uns auf. Auf dem Tafelland über den roten Felsen sieht man Gruppen hübscher Häuser und Bäume, dazwischen die grüne, wellenförmige Ebene, wie in England. Siebzig Meilen lang, bis zur Grenze, gehört die Eisenbahn den Portugiesen -- täglich fährt ein Personenzug -- weiterhin ist die Bahn Eigentum der Niederländischen Kompagnie. Haufenweise lagen die Frachtgüter am Strande umher; Schuppen, um sie unterzubringen, waren nicht vorhanden. Das ist echt portugiesisch -- Trägheit, Frömmigkeit, Armut und Unfähigkeit im schönsten Verein.

Die Mannschaft der kleinen Boote und Schlepper besteht aus sehr muskulösen, kohlschwarzen Wollköpfen.

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_Winter._ -- Der südafrikanische Winter hat eben angefangen, aber nur Sachverständige können ihn vom Sommer unterscheiden. Mir ist das sehr recht, denn ich habe den Sommer herzlich satt, der jetzt für uns schon ununterbrochen elf Monate lang dauert.

Den Nachmittag brachten wir in Delagoabai am Ufer zu. Der Ort ist klein; er hat keine Sehenswürdigkeiten, keine Wagen. Die drei Rickschas waren Privateigentum, wir konnten sie nicht mieten. Die Portugiesen hier haben eine schöne braune Hautfarbe, wie einige unserer Indianerstämme; man sieht auch Schwarze mit länglicher Kopfform und sehr langem Kinn, wie die Neger in den Bilderbüchern, aber die meisten gleichen den Schwarzen in unsern Südstaaten, haben runde Gesichter mit platten Nasen und sind gutmütige, lustige Geschöpfe.

Scharen schwarzer Weiber zogen vorüber mit zentnerschweren Frachtstücken auf dem Kopf. Sie waren Packträgerinnen und arbeiteten wie die stärksten Männer; doch mußten sie ihre ganze Kraft anstrengen, um die Last zu bewältigen, man sah, wie ihnen jedesmal beim Aufsetzen der Füße die Beine zitterten. Wenn sie unbeladen einherkommen, haben sie einen aufrechten Gang und eine ebenso schöne und stolze Haltung wie die Indianerinnen. Die Gewohnheit Lasten auf dem Kopf zu tragen, bringt das mit sich. -- Man sah keine bunten Farben, obgleich es hier viele Hindus gibt.

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_6. Mai. -- 3 Uhr nachmittags._ Ganz allmählich machte das Schiff langsamere Fahrt und dampfte vorsichtig und bedächtig in den hübschen Hafen von Durban in Südafrika ein.

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_Aus dem Tagebuch. Hotel Royal._ -- Sehr behaglich; gutes Essen, gute Bedienung von Eingeborenen; ein sonderbares Gemisch von Altem und Neuem, Dorf und Stadt, Ureinfachheit und ihrem Gegenteil. Die elektrischen Glocken geben keinen Ton; der Aufseher im Bureau sagte mir, sie wären vermutlich in Unordnung geraten, weil einige klingelten und andere nicht. Als ich ihn fragte, ob es nicht ratsam wäre, sie in Ordnung zu bringen, sah er mich zweifelnd an, wie jemand der seiner Sache nicht gewiß ist -- stimmte mir dann aber doch bei.

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_7. Mai._ -- Um sechs Uhr klopft es laut an meine Tür: Ob meine Stiefel geputzt werden sollen? Eine Viertelstunde später wiederholtes Klopfen: Ob wir Kaffee wünschen? Nach abermals fünfzehn Minuten: das Bad für meine Frau ist fertig; gleich darauf: mein Bad ist fertig. Es klopft noch zweimal, weshalb weiß ich nicht mehr. Die Diener lärmen draußen und schreien einander bald dies bald das zu -- gerade wie in einem indischen Hotel.

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_Abends._ -- Um vier Uhr nachmittags herrscht drückende Schwüle; eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang zieht man den Sommerüberzieher an, um acht Uhr den Wintermantel. Daß Durban eine hübsche, saubere Stadt ist, sieht der Fremde von selbst, man braucht ihn nicht darauf aufmerksam zu machen. -- Die Rickschas werden von prächtig gewachsenen schwarzen Zulus gezogen, mit so überschüssiger Kraft, daß es ein wahres Vergnügen ist ihnen zuzusehen. Gutmütige Menschen -- wie sie lachen und ihre Zähne zeigen! Die Stunde kostet für eine Person 2 Schilling, für zwei Personen 3; jede Fahrt drei Pence für die Person. Ein Rickscha-Mann darf nicht trinken.

Die Polizei besteht nur aus heidnischen Zulus; christliche werden nicht angestellt. Nach dem Abendläuten darf kein Eingeborener ohne Paß ausgehen. In Natal kommen auf einen Weißen zehn Schwarze. Die Weiber sind handfeste, rundliche Gestalten. Sie kämmen ihre Wolle auf dem Kopf in die Höhe und machen sie mit rotbraunem Lehm steif, daß sie stehen bleibt. Ist dieser Turm bis zur Hälfte gefärbt, so bedeutet es Verlobung; die verheiratete Frau färbt ihn ganz.

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_9. Mai._ -- Gestern machte ich mit Bekannten eine Ausfahrt. Sehr schöne Straßen über die Hügel, von wo man einen herrlichen Blick auf die ganze Stadt, den Hafen und das Meer genießt. Ueberall Wohnhäuser, von grünem Rasen und Buschwerk umgeben; hie und da bildet die brennend scharlachrote Euphorbia einen scharfen Gegensatz zu dem saftigen Grün ringsum; Kaktusbäume der verschiedensten Art in Kandelaberform und einer, dessen Zweige so verrenkt und gekrümmt sind, daß sie aussehen wie lauter graue, sich windende Schlangen. Auf allen Seiten sieht man eine Menge der prächtigsten, uns völlig unbekannten Bäume, einige mit so dichtem, dunkelgrünem Laub, daß sie sofort ins Auge fallen, trotz der vielen Orangenbäume daneben. Ein Baum hat wunderschöne rote, aufrechtstehende Büschel, die zwischen seiner grünen Blätterpracht leuchten wie feurige Kohlen. Auch Gummibäume sind da, und ein paar hochgewachsene Norfolktannen strecken ihre grünen Wedel himmelan, dann kommt wieder hohes Bambusgebüsch. Ich sah nur _einen_ Vogel; sie sind hier selten und singen nicht. Die Blumen haben wenig Duft, sie wachsen zu schnell. Nirgends habe ich eine so große Mannigfaltigkeit der herrlichsten Bäume gesehen wie hier, außer in der Nähe von Dardschiling im Himalaja. Vermutlich ist Natal der Garten von Südafrika, aber ich habe noch niemand dies Land so nennen hören.

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Colenso war Bischof von Natal, als er durch seine Schriften einen solchen Sturm in der theologischen Welt erregte. Noch jetzt sind alle religiösen Angelegenheiten hier von großer Wichtigkeit. Die Sonntagsruhe wird eifersüchtig bewacht. Museen und dergleichen gefährliche Vergnügungsorte sind geschlossen. Eine Fahrt auf der Bai ist gestattet, aber das Cricketspiel gilt für sündhaft. Eine Zeitlang fanden Sonntags-Konzerte statt, bei denen kein Eintrittsgeld bezahlt wurde, sondern der Klingelbeutel herum ging. Dadurch kam jedoch so beunruhigend viel zusammen, daß man die Sache wieder eingehen ließ. In betreff der Säuglinge ist man sehr streng. Ein Geistlicher verweigerte einem Kinde das kirchliche Begräbnis, weil es nicht getauft worden war. Da ist der Hindu weitherziger. Er verbrennt kein Kind unter drei Jahren, weil er glaubt, daß es noch nicht der Läuterung bedarf.

Zwei Stunden von Durban entfernt liegt ein großes Trappisten-Kloster, das ich in Gesellschaft von Mr. Milligan und Mr. Hunter, dem Generalinspektor der Staatseisenbahnen von Natal, in Augenschein nahm. Die beiden Herren kannten die Vorsteher des Klosters.

Es war wirklich alles da, was man für so unglaublich hält, wenn man es in Büchern liest: die harte Arbeit, das Aufstehen zu unmöglichen Stunden, die karge Nahrung, das grobe Gewand, das harte Lager, das Verbot der menschlichen Rede, des geselligen Verkehrs, der Gegenwart irgend eines weiblichen Wesens, jeder Erholung, Abwechslung und Unterhaltung. Alles wurde durchgeführt -- es war kein Traum, keine Lüge. Aber selbst wenn man die Tatsache leibhaftig vor sich hatte, blieb sie ebenso unerklärlich. Es streitet zu sehr gegen die Natur, die Individualität des Menschen so gänzlich zu unterdrücken.

Wie mag La Trappe nur herausgefunden haben, daß es Menschen gibt, die in solchem Elend einen Genuß finden? Hätte er mich oder dich um Rat gefragt, wir würden ihm versichert haben, daß sein Plan zu sehr aller Reize entbehrte und niemals verwirklicht werden könnte. Aber, da steht das Kloster und liefert den Beweis, was für ein Menschenkenner La Trappe gewesen ist. Er hat alles aus dem Leben verbannt, was das Herz wünscht und begehrt, und dennoch hat der Erfolg seit zweihundert Jahren sein Werk gekrönt und es wird ohne Zweifel auch ferner blühen und gedeihen.

Wir Menschen lieben persönliche Auszeichnung -- dort im Kloster gibt es nichts dergleichen. Wir sind wählerisch in betreff der Speisen -- die Mönche erhalten Bohnen, Brot und Tee und nicht einmal genug um sich satt zu essen. Wir betten uns gern weich -- sie liegen auf Sandmatratzen und haben zwar ein Kissen und eine Decke, aber keine Leintücher. Bei Tische lachen und plaudern wir gern in Gesellschaft von Freunden -- hier liest ein Mönch während der Mahlzeit laut aus einem frommen Buche vor und niemand spricht ein Wort. Wenn wir mit vielen Gefährten zusammen sind, so machen wir uns einen lustigen Abend und gehen spät zur Ruhe; hier begeben sich alle schweigend um acht Uhr zu Bett und obendrein im Dunkeln; sie brauchen nur die lose, braune Kutte abzulegen, da wäre ein Licht ganz unnötig. Wir schlafen gern in den Tag hinein -- hier stehen die Mönche nachts zweimal auf zum Gottesdienst und gehen um zwei Uhr morgens an ihr Tagewerk. Wir wünschen uns leichte Arbeit oder gar keine -- hier wird den ganzen Tag auf dem Felde geschafft oder in der Schmiede und andern Werkstätten, wo man Sattler-, Schuhmacher-, Tischlerarbeit und dergleichen betreibt. Wir lieben die Gesellschaft von Frauen und Mädchen -- die fehlt hier gänzlich. Wir sind gern von unsern Kindern umringt und scherzen und spielen mit ihnen -- Kinder gibt es hier nicht. Es ist kein Billardtisch vorhanden, man hat keine Spiele im Freien, weder Konzert noch Theater, noch gesellige Freuden. Auch das Wetten ist hier verboten; wer in Zorn gerät darf seinen Aerger nicht am ersten besten auslassen, der ihm gerade in den Weg kommt; man darf sich kein Lieblingstier halten. Nicht einmal das Rauchen ist gestattet. Weder Tageblätter noch Zeitschriften werden hier gelesen. Wenn wir fern von der Heimat sind, möchten wir wissen, wie es unsern Eltern und Geschwistern ergeht und ob sie sich nach uns sehnen -- hier erfährt man das nicht. Wir lieben freundliche Wohnungen, eine gefällige Einrichtung, hübsche Möbel, allerlei niedliche Sächelchen und schöne Farben -- hier ist alles kahl, armselig und düster. Was wünscht sich der Mensch nicht alles -- führt die Liste selbst weiter fort! -- Aber was ihr auch nennen mögt, in diesem Kloster ist es nicht zu finden.

Und zum Lohn für alle diese Entbehrungen kann man dort weiter nichts erwerben, wie mir gesagt wurde, als die Rettung seiner Seele.

Es ist wirklich höchst sonderbar und unbegreiflich. Aber La Trappe kannte, wie gesagt, das Menschengeschlecht und den mächtigen Reiz, der in diesem reizlosen Dasein lag. Er wußte, daß auf manche Leute ein solches Leben um so größere Anziehungskraft übt, je abstoßender und unbehaglicher es ist.

Das Mutterkloster wurde vor fünfzehn Jahren von deutschen Mönchen gegründet, die arm und fremd waren und keine Unterstützung fanden; jetzt besitzt es 15000 Morgen Land, baut Korn, Obst und Wein und betreibt alle möglichen Gewerbe. In seinen Werkstätten werden eingeborene Lehrlinge in den verschiedensten Handwerken unterrichtet, mit denen sie sich nach der Entlassung ihr Brot verdienen können, auch lehrt man sie Lesen und Schreiben. Elf Zweiganstalten des Klosters sind in ganz Südafrika verbreitet, in denen 1200 eingeborene Knaben und Mädchen christlich erzogen und zu tüchtigen Handwerkern ausgebildet werden. Von dem Wirken der protestantischen Mission unter den Heiden hat man in den kaufmännischen Kreisen der weißen Kolonisten meist keine hohe Meinung; ihre Zöglinge tragen den Spitznamen ›Reis-Christen‹, womit ungelernte Müßiggänger gemeint sind, die sich nur um äußerer Vorteile willen in die Kirche aufnehmen lassen. An der Tätigkeit dieser katholischen Mönche wird sich aber schwerlich etwas aussetzen lassen, und ich glaube, es hat auch noch niemand gewagt, sich abfällig darüber zu äußern.

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_Dienstag 12. Mai._ -- Die Transvaal-Politik ist in große Verwirrung geraten. Zuerst jagte die schwere Verurteilung der Johannesburger Rädelsführer England einen großen Schrecken ein. Unmittelbar nachher veröffentlichte Krüger die Korrespondenz in Chiffreschrift, aus welcher hervorgeht, daß der Einfall in Transvaal von Cecil Rhodes und Beit mit der Absicht geplant worden ist, sich des Landes zu bemächtigen, um es dem englischen Reich einzuverleiben. Dies brachte einen Umschwung in den Gefühlen Englands hervor und entfesselte einen Sturm der Entrüstung gegen Rhodes und die Chartered Company, weil sie der britischen Ehre zu nahe getreten seien.

Lange war ich außer stande klug aus der Sache zu werden -- sie war mir zu verwickelt. Aber endlich glaube ich durch Geduld und Nachdenken doch dahinter gekommen zu sein: Soviel ich verstehe, waren die Uitlanders und die andern Holländer unzufrieden, weil die Engländer ihnen nicht gestatteten an der Regierung teil zu nehmen, nur ihre Steuern durften sie bezahlen. Da geschah es, daß ~Dr.~ Krüger und ~Dr.~ Jameson, denen ihr ärztlicher Beruf nicht genug einbrachte, in das Matabeleland einfielen mit der Absicht, die Hauptstadt Johannesburg zu erobern und Frauen und Kinder als Geißeln gefangen zu halten, bis die Uitlanders und andere Buren ihnen und der Chartered Company die politischen Rechte zugestehen wollten, die man ihnen bisher vorenthalten hatte. Dieser kühne Plan wäre sicherlich gelungen, hätten sich nicht Cecil Rhodes, Mr. Beit und andere Häuptlinge der Matabele eingemischt und ihre Landsleute aufgereizt sich zu empören und Deutschland den Gehorsam aufzusagen. Nun stachelte letzteres wieder den König von Abessynien auf, die italienische Armee zu vernichten und Johannesburg zu überfallen. Das alles hatte Cecil Rhodes aber angestiftet, um die Aktien in die Höhe zu treiben.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Man soll des Buren Fell nicht verkaufen, man fange ihn denn zuvor.

_Querkopf Wilsons Kalender._

Als ich vor einem Jahr den letzten Paragraphen des vorigen Kapitels in mein Notizbuch kritzelte, tat ich es, um auf drastische Weise zweierlei zum Ausdruck zu bringen: Erstens, wie widersprechend die Berichte sind, welche der Fremde von den Einheimischen über die südafrikanische Politik erhält, und zweitens, was für ein Wirrwarr dadurch im Kopfe des Fremden entsteht.

Ich sehe jetzt ein, daß ich damals den Zustand der Dinge naturgetreuer geschildert habe, als ich selber wußte. In jener unruhigen und aufgeregten Zeit konnten die dortigen Bürger unmöglich die südafrikanische Politik klar und vernünftig auffassen; nicht nur ihre persönlichen Interessen, sondern auch ihre politischen Vorurteile standen ihnen sehr dabei im Wege. Der Fremde aber war natürlich nicht im stande aus ihren verworrenen Mitteilungen klug zu werden und den Zusammenhang der Ereignisse zu begreifen.

Mein Aufenthalt in Südafrika war nicht von langer Dauer. Als ich ankam befand sich das Land noch in der größten politischen Gärung. Vier Monate waren vergangen, seit Jameson mit 600 bewaffneten Reitern zum »Schutz der Frauen und Kinder in Johannesburg« die Grenze von Transvaal überschritten hatte. Am vierten Tage nach seinem Einmarsch besiegten ihn die Buren in einer Schlacht und führten ihn mit seinen Leuten gefangen nach der Hauptstadt Prätoria. Jameson und seine Offiziere waren zur Bestrafung an Großbritannien ausgeliefert und nach England eingeschifft worden, wo ihr Verhör stattfand. Inzwischen wurden in Johannesburg vierundsechzig der angesehensten Bürger als Jamesons Mitverschworene festgenommen. Präsident Krüger verurteilte die vier Haupträdelsführer zum Tode, die übrigen zu Gefängnis; er verwandelte jedoch die Strafen in längere oder kürzere Kerkerhaft, in welcher die vierundsechzig Leute damals noch schmachteten. Vor Mitte des Sommers waren alle wieder in Freiheit, außer zweien, welche sich weigerten ein Begnadigungsgesuch zu unterzeichnen. Achtundfünfzig von ihnen mußten eine Geldbuße von je 10000 Dollars zahlen und die vier Rädelsführer 125000 Dollars per Mann; auf immer aus dem Lande verbannt wurde nur einer.

Das war eine hochinteressante Zeit für den Fremden; ich schätzte mich glücklich, mitten in die Aufregung hineingekommen zu sein. Jedermann äußerte ohne Rückhalt seine Meinung und ich hoffte bestimmt, daß mir die ganze Angelegenheit, wenigstens von _einer_ Seite, binnen kurzem verständlich sein würde.