Meine Reise um die Welt. Zweite Abteilung
Part 13
Satan war immer geschäftig; rechtzeitig waren die Zimmer aufgeräumt, die Stiefel glänzend gewichst, die Kleider gebürstet, die Waschschalen mit reinem Wasser gefüllt. Schon eine Stunde, ehe ich meinen Gesellschaftsanzug zur Vorlesung brauchte, lag alles für mich bereit und Satan kleidete mich von Kopf bis zu Fuß an, trotz meines festen Vorsatzes dies selbst zu tun, wie ich es mein Lebenlang gewohnt gewesen war.
Er schien zum Herrschen geboren und tat nichts lieber als mit Untergebenen zu streiten, sie herunterzumachen und zu überschreien. Am meisten in seinem Element war er auf der Eisenbahn. Durch die dichteste Masse der Eingeborenen stieß und drängte er sich, bis der Weg für ihn und die neunzehn Kulis in seinem Gefolge frei war; jeder von ihnen trug irgend ein kleines Gepäckstück, einen Handkoffer, Sonnenschirm, Schal, Fächer oder dergleichen, keiner mehr als einen Gegenstand, und je länger der Zug, um so zufriedener war mein Satan. Meist steuerte er auf irgend einen bestellten Schlafwagen los, verschwor sich hoch und teuer, daß er uns gehöre und fing an des Besitzers Sachen hinauszubefördern. War unser eigener Wagen gefunden, so hatte er in zwei Minuten die Bündel aufgeschnallt, die Betten gemacht und alles zurecht gelegt; dann steckte er den Kopf zum Fenster hinaus und verschaffte sich den köstlichen Genuß, auf seine Bande Kulis zu schimpfen und mit ihnen nach Herzenslust über die Bezahlung zu streiten, bis wir ankamen, dem Lärm ein Ende machten und ihm befahlen, die Leute zu befriedigen.
Ich glaube, der kleine schwarze Teufel war der größte Krakeeler in ganz Indien, und das will viel sagen. Mir persönlich war sein Lärmen sehr angenehm, aber die Meinigen gerieten oft ganz außer sich darüber. Sie konnten sich nicht daran gewöhnen und fanden es unleidlich; es verstieß gegen alle ihre Begriffe von Wohlanständigkeit. Wenn wir noch sechshundert Meter weit von einem der großen Bahnhöfe waren, hörten wir oft einen wahren Heidenlärm, ein gellendes Geschrei und Gekreisch, ein Poltern und Wüten. Ich ergötzte mich dann sehr über den Höllenspektakel, aber meine Familie sagte voll tiefer Beschämung:
»Da kannst du’s wieder hören -- das ist Satan! Weshalb gibst du ihm nicht seinen Laufpaß?«
Und richtig -- mitten in dem riesigen Menschengewühl stand der kleine schwarze Knirps und zappelte an allen Gliedern, wie eine Spinne, die Bauchgrimmen hat. Seine schwarzen Augen blitzten, die Troddel auf seinem Fez tanzte in der Luft und sein Mund strömte ganze Fluten von Schelt- und Schimpfwörtern über die erstaunten Kulis aus, die um ihren Lohn bettelten.
Ich war ganz verliebt in ihn, das leugne ich nicht; aber meine Angehörigen konnten kaum mehr von ihm sprechen ohne sich aufzuregen. Noch heutigen Tages bin ich untröstlich über seinen Verlust und wünsche ihn mir zurück, während bei ihnen das gerade Gegenteil stattfindet. Er war aus Surat gebürtig; zwischen seiner Vaterstadt und Manuels Geburtsort lagen zwanzig Breitegrade, aber der Abstand zwischen ihren Charakteren, ihrer beiderseitigen Gemütsart und Handlungsweise war noch unendlich viel größer. Manuel hatte ich gern; aber meinen Satan liebte ich. Sein wirklicher Name war so recht indisch, daß ich ihn nie recht begriffen habe, er klang wie Bunder Rao Ram Chunder Clam Chowder; für den Alltagsgebrauch war eine Abkürzung entschieden bequemer.
Als er etwa zwei oder drei Wochen bei uns war, fing er an allerlei Mißgriffe zu begehen, die ich nur mit Mühe wieder gutmachen konnte. In der Nähe von Benares stieg er zum Beispiel auf einer Station aus, um zu sehen, ob er nicht mit irgend jemand Streit anfangen könnte. Nach der langen, ermüdenden Fahrt bedurfte er einer Erholung. Er fand auch was er suchte, setzte jedoch sein Spektakeln etwas zu lange fort, und der Zug fuhr ohne ihn ab. Da waren wir nun in der fremden Stadt und hatten kein Zimmermädchen -- eine große Unbequemlichkeit! Wir sagten ihm, das dürfe nicht wieder vorkommen, worauf er sich verbeugte und »Ja, Herr!« sagte, so lieb und freundlich wie immer.
In Lucknow beging er den großen Irrtum sich zu betrinken. Ich sagte, der arme Mensch hätte das Fieber bekommen, und die Meinigen gaben ihm aus Mitgefühl und Besorgnis ein Chininpulver ein, das ihm wie Feuer in den Eingeweiden brannte. Die Gesichter, welche er dabei schnitt, brachten mir einen bessern Begriff vom Erdbeben in Lissabon bei, als alle Gemälde und Beschreibungen dieses Naturereignisses. Auch am nächsten Morgen war sein Rausch noch nicht verflogen, doch hätte ich der Familie seinen Zustand gewiß verbergen können, wäre er nur zu bewegen gewesen, noch ein Chininpulver einzunehmen. Aber obgleich er nicht recht bei Sinnen war, kam ihm doch dann und wann wieder ein lichter Augenblick. Er machte einen ungeschickten Versuch sich zu verbeugen und lallte mit unbeschreiblich dummem Lächeln: »Bitte nicht, Mem Saheb, bitte nicht, Missy Saheb, kein Pulver für Satan, bitte.«
Eine innere Stimme verriet ihnen, daß er betrunken sei, und nun wurde ihm aufs bestimmteste angekündigt, man werde ihn augenblicklich entlassen, falls so etwas wieder vorkäme. »Bitte, bitte«, murmelte er in rührselig weinerlichem Ton unter vielen Verbeugungen.
Es verging kaum eine Woche, da hatte sich der Unglücksmensch schon wieder betrunken und diesmal, o Jammer, nicht im Hotel, sondern im Privathause eines englischen Herrn und obendrein in Agra! Also mußte er fort. Als ich es ihm ankündigte, sagte er demutsvoll: »Ja, Herr!« machte seine Abschiedsverbeugung und verließ uns auf Nimmerwiederkehr. Gott weiß, ich hätte lieber hundert Engel hergegeben als diesen einen reizenden Teufel. Wie vornehm sah er aus, wenn er in einem feinen Hotel oder Privathaus Staat machen wollte! Er war dann vom Kopf bis zu den nackten Füßen ganz in schneeweißen Musselin gekleidet, hatte einen feuerroten, mit Goldfaden gestickten Gürtel um die Hüften, und auf dem Haupt einen seegrünen Turban, wie ihn nur der Großtürke trägt.
Ein Lügner war er nicht; doch wird er wohl mit der Zeit einer werden. Einmal sagte er mir: als Knabe hätte er die Kokosnüsse immer mit den Zähnen aufgebissen. Als ich ihn fragte, wie er sie habe in den Mund stecken können, antwortete er, damals sei er sechs Fuß hoch gewesen und habe einen ungewöhnlich großen Mund gehabt. Um ihn in die Enge zu treiben, erkundigte ich mich, wie ihm denn der sechste Fuß abhanden gekommen wäre, worauf er erwiderte, ein Haus sei auf ihn gefallen und er habe seitdem seine frühere Statur nie wieder erlangen können. -- Wenn ein sonst wahrheitsliebender Mensch sich einmal derartige Abschweifungen von dem wirklichen Sachverhalt gestattet, gerät er leicht immer tiefer in die Unwahrheit hinein, bis er schließlich zum Lügner wird.
Satans Nachfolger war ein Moslemin -- Sahadat Mohammed Khan, ein sehr dunkler, sehr großer und sehr ernster Mann. Er trug lange faltige weiße Gewänder, schlich geräuschlos umher, sah aus wie ein Gespenst und sprach mit leiser Stimme. Wir waren mit ihm zufrieden, denn er tat seine Pflicht, aber wo _er_ schaltete und waltete schien die ganze Woche über Sonntag zu sein. Das war zu Satans Zeit anders gewesen.
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Jeypore ist eine ganz indische Stadt, zeichnet sich aber durch mancherlei Einrichtungen aus, die es der europäischen Wissenschaft und dem europäischen Interesse für das Gemeinwohl verdankt. Ich erwähne nur eine reichliche Wasserversorgung durch Leitungen, welche auf Staatskosten angelegt sind; allerlei hygienische Vorkehrungen, die Jeypore zu einem für indische Verhältnisse ungewöhnlich gesunden Orte machen; einen herrlichen Lustgarten, wo der Eintritt an bestimmten Tagen nur den Frauen gestattet ist; Schulen, in denen die eingeborene Jugend in allen schönen und nützlichen Künsten unterwiesen wird, sowie einen neuen, prächtigen Palast, der ein höchst wertvolles und interessantes Museum enthält. Wenn der Maharaja kein Verständnis für solche wohltätige Einrichtungen hätte und sie nicht mit Geldmitteln unterstützte, würden sie nicht bestehen können; aber _er_ gilt für einen aufgeklärten und großmütigen Mann, der jedem Fortschritt zugänglich ist.
Die Bauart von Jeypore ist höchst eigentümlich; es liegt innerhalb einer hohen mit Türmen besetzten Mauer und wird durch vollkommen gerade, über hundert Fuß breite Straßen in sechs Teile geteilt. Die lange Front der Häuser zeigt viele sehr anziehende architektonische Eigenheiten; kleine malerische Altane mit Säulen und mancherlei Zieraten unterbrechen überall die Einförmigkeit der geraden Linie; lauschige Nischen, Simse und vorspringende Erker fallen bald hier bald da ins Auge; auch sieht man an manchen Häusern merkwürdige Malereien, und das Ganze hat eine Färbung von schönem, zartem Rosa, wie Erdbeereis. Wer die breite Hauptstraße hinunterblickt, kann sich kaum vorstellen, daß sie aus wirklichen Gebäuden besteht. Man hat den Eindruck, als sähe man ein Gemälde oder Theaterkulissen.
Diese Illusion war besonders stark an einem großen Tage, den wir in Jeypore erlebten: Ein reicher Hindu hatte auf seine Kosten eine Menge Götzenbilder anfertigen lassen, die um zehn Uhr morgens in feierlichem Zuge durch die Stadt gefahren wurden. Die langen Reihen der Dächer, die zahllosen Balkone, die phantastischen Vogelkäfige und behaglichen kleinen Nestchen an der Vorderseite der Häuser, waren dicht mit Eingeborenen besetzt. Jede dieser Gruppen bildete eine feste Masse, die in den glänzendsten Farben strahlend, sich prächtig gegen den blauen Himmel abhob und von der Sonne Indiens in ein feuriges Flammenmeer verwandelt wurde. Auch die breite Straße selbst war, so weit das Auge reichte, mit bunt geschmückten Menschen angefüllt, die alle durcheinander wimmelten, sich hierher und dorthin wälzten, sich bald vom Strom vorwärts treiben, bald im Kreise drehen ließen. Und dabei diese wundervollen Farben! Von den zartesten, blassesten, weichsten Schattierungen, bis zu den stärksten, lebhaftesten, grellsten und glänzendsten Tönen, als käme ein Riesenschwarm bunter Wickenblüten auf den Flügeln der Windsbraut einhergestürmt. Plötzlich teilte sich dieses Farbenmeer, um den majestätischen Zug der Elefanten durchzulassen, die mit ihrem prächtigsten Schmuck angetan, schwankenden Schrittes daherkamen, gefolgt von langen Reihen phantastischer Wagen und Karren, welche die verschiedenen Gruppen der ebenso seltsamen wie kostbaren Götzenbilder trugen. Den Schluß bildete der zahlreiche Nachtrab stattlicher Kamele mit ihren malerisch gekleideten Reitern.
Alles war so neu und fremdartig, so unbeschreiblich eindrucksvoll und farbenprächtig, daß wir uns von dem fesselnden Anblick kaum loszureißen vermochten. Es war der sinnenberückendste Aufzug, den ich je gesehen habe, und etwas Aehnliches zu erblicken, wird mir schwerlich noch einmal im Leben zu teil werden.
Neunzehntes Kapitel.
Katzen haben ein zähes Leben, Lügen ein noch viel zäheres.
_Querkopf Wilsons Kalender._
Ende März segelten wir von Kalkutta ab, hielten uns einen Tag in Madras, drei Tage in Ceylon auf und fuhren dann westwärts, nach der Insel Mauritius.
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_Aus dem Tagebuch, 7. April._ -- Wir sind jetzt weit draußen auf der glatten Wasserwüste des Indischen Ozeans. Unter dem großen Leinwandzelt sitzt sich’s behaglich und friedlich im Schatten; wir führen ein Leben, das ganz ideal genannt werden kann.
Unser Kapitän hat die Eigentümlichkeit, daß die Wahrheit in seinem Munde immer unglaubwürdig klingt, während ein ernster Schotte an unserer Tafel jede Lüge, die er vorbringt, wahrscheinlich zu machen weiß. Tut der Kapitän eine Aeußerung, so sehen sich die Zuhörer fragend an, jeder denkt: »Ist das auch wahr?« Stellt der Schotte eine Behauptung auf, so liest man in allen Blicken: »Wie interessant, wie merkwürdig!« Diese Tatsache läßt sich nur aus der verschiedenen Art und Weise beider Männer erklären. Der Kapitän trägt aus Schüchternheit und Mangel an Selbstvertrauen, bei den einfachsten Angaben, die er macht, eine ängstliche Miene zur Schau. Der Schotte sagt die offenkundigsten Lügen mit einem Schein strengster Wahrhaftigkeit, so daß man, selbst gegen besseres Wissen, gezwungen ist ihm zu glauben.
Einmal erzählte uns der Schotte, er habe sich im Springbrunnen seines Gewächshauses einen zahmen fliegenden Fisch gehalten, der selbst für seinen Unterhalt sorgte, und sich in den umliegenden Feldern, Vögel, Frösche und Ratten zur Nahrung fing. Man sah deutlich, daß keiner der Tischgäste an dieser Geschichte zweifelte.
Als dann später von Zollbelästigungen die Rede war, und der Kapitän berichtete, wie es ihm einmal in Neapel ergangen sei, tat er es mit so unsicherem Wesen, daß niemand seinen Worten Glauben schenkte.
Er sagte: »Der Beamte fragte mich mehrmals, ob ich etwas Verzollbares bei mir hätte und sah mich sehr zweifelnd an, als ich es verneinte. Nun forderte mich ein Passagier auf, zum Abschied ein Glas Wein mit ihm zu trinken, was ich jedoch mit dem Bemerken ausschlug, ich hätte soeben an Bord einen Schluck Cognac genommen. Das hörte der Beamte und ließ sich einen Sixpence Zollgebühren für den Cognac bezahlen, ferner fünf Pfund Sterling als Strafe für undeklarierte Ware, fünf Pfund wegen falscher Angabe, daß ich nichts Verzollbares hätte, fünf Pfund, weil die Ware verborgen worden sei und fünf Pfund wegen unerlaubten Schmuggels. Alles in allem fünfundsechzig Pfund und Sixpence für solche Kleinigkeit.«
Ich bin überzeugt, der Schotte sagt lauter Lügen und man glaubt ihm alles, während der Kapitän, so viel ich weiß, immer die Wahrheit spricht und doch für einen Lügner gehalten wird. Das ist fast so merkwürdig wie die Erfahrung, welche ich selbst als Schriftsteller in dieser Beziehung gemacht habe: ich konnte nie eine Lüge sagen, welche Zweifel erregte, noch eine Wahrheit, der jemand Glauben schenkte.
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_10. April._ -- Die See ist blau wie das Mittelmeer, und das ist wohl eine der himmlischsten Farben, welche die Natur besitzt. --
Wie wunderbar ist doch die verschwenderische Großmut, mit welcher die Natur ihre Geschöpfe bedacht hat! Das heißt, alle, mit Ausnahme des Menschen. Für die, welche fliegen, hat sie ein Haus gebaut, das vierzig Meilen hoch ist, den ganzen Erdball umgibt und ihnen kein Hindernis bietet. Denen, welche schwimmen, weist sie ein Gebiet an, wie es kein Kaiser besitzt, ein Gebiet, das vier Fünftel der Erde bedeckt und meilenweit in die Tiefe geht. Den Menschen dagegen speist die Natur mit allerlei Brocken und Ueberbleibseln der Schöpfung ab. Sie hat ihm nur die obere Schicht gegeben, die magere Haut, mit welcher ein Fünftel der Erde so dünn überzogen ist, daß überall die nackten Knochen hervorragen. Obendrein liefert die Hälfte seines Gebietes nichts als Schnee, Eis, Sand und Felsgestein. So verbleibt ihm denn nur noch ein Zehntel des ganzen Familienerbes als wirklich wertvoller Besitz. Er kann im Schweiße seines Angesichts kaum genug erwerben, um sein Leben zu fristen, denn er muß außerdem noch für den Unterhalt der Könige und Soldaten sorgen, und Pulver herbeischaffen, damit die Segnungen der Zivilisation weiter ausgebreitet werden. Und doch glaubt der Mensch, weil er nicht zu rechnen versteht, in seiner Einfalt und Selbstgefälligkeit, daß die Mutter Natur ihn als das wichtigste Glied der Familie betrachtet, daß er ihr Lieblingskind ist. Es müßte doch wahrlich selbst seinem blöden Verstande zuweilen auffallen, welche sonderbare Art sie hat, ihre Vorliebe zu beweisen.
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_Nachmittags._ -- Der Kapitän hat uns soeben erzählt, es sei auf einer seiner Fahrten im Nördlichen Eismeer so kalt gewesen, daß der Schatten des Schiffsmaats auf dem Deck festfror, und man nur mit Gewalt zwei Drittel davon wieder loseisen konnte. Alle schwiegen bei dieser Mitteilung, niemand äußerte ein Wort, und der Kapitän ging ganz betreten davon. -- Er wird noch alle Lust verlieren, überhaupt etwas zu sagen.
Es gibt doch nichts Ruhevolleres als einen Tag auf dem Tropenmeer: die blaue See ist glatt und ohne Bewegung, nur die schnelle Fahrt des Schiffes erzeugt einen frischen Lufthauch, und bis zum fernsten Horizont kann man nicht das kleinste Segel erspähen. Es kommen keine Briefe an, die gelesen und beantwortet werden müssen, man wird nicht durch Zeitungsnachrichten aufgeregt, durch Telegramme beunruhigt und erschreckt; die Welt liegt weit abseits, sie ist für uns nicht vorhanden -- anfangs verblaßte sie wie ein Traum, jetzt ist sie ins Wesenlose versunken. All ihr Arbeiten und Streben, ihr Glück und Unglück, ihre Wonne und Verzweiflung, ihre Freuden und Kümmernisse, ihre Sorgen und Qualen, haben nichts mehr mit unserem Leben zu schaffen, sie sind vorübergezogen wie ein Sturm, auf den tiefe Windstille gefolgt ist.
Die in schneeweißes Linnen gekleideten Passagiere versammeln sich in Gruppen auf dem Deck; sie lesen, rauchen, spielen Karten, plaudern, halten ein Mittagsschläfchen, kurz tun was sie wollen. Auf andern Schiffen stellt man fortwährend Berechnungen an, wie lange die Fahrt noch dauern wird, auf diesen Meeren geschieht das höchst selten. Kein Mensch kümmert sich um das Anschlagebrett, wo die tägliche Fahrgeschwindigkeit verzeichnet wird, auch wettet man natürlich nicht auf den Lauf des Schiffes, wie das bei Reisen über den Atlantischen Ozean zu geschehen pflegt.
Mir selbst ist es vollständig gleichgültig, wann wir in den Hafen kommen; auch habe ich noch keinen der andern Passagiere darnach fragen hören. Wenn es nach mir ginge, würden wir überhaupt nie mehr landen; denn dies Leben auf dem Wasser hat für mich einen unaussprechlichen Reiz. Da gibt es weder Ermüdung, noch Abspannung, noch Mißstimmung, man hat keine Sorge, keine Arbeit, keine Verantwortlichkeit. Wo wäre wohl auf dem Lande solches Behagen, solche Heiterkeit, solcher Friede und ein so volles Genügen zu finden? Hätte ich die Wahl, ich segelte endlos weiter auf diesem wundervollen Meer und schlüge meinen Wohnsitz nie wieder am festen Lande auf.
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_Mittwoch 15. April._ -- Mauritius. -- Um zwei Uhr nachmittags gingen wir bei Port Louis vor Anker. Die Klippen und Spitzen der zerklüfteten Felsengruppen sind bis zum höchsten Gipfel hinauf bewaldet; auf der grünen Ebene liegen die Wohnhäuser zwischen tropischen Gebüschen verstreut. Hier ist der Schauplatz der Geschichte von Paul und Virginie.
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_Donnerstag 16. April._ -- In Port Louis ans Land gegangen. Wir fanden in der kleinen Stadt die mannigfaltigsten Nationalitäten und Hautschattierungen, die uns bisher vorgekommen waren: Franzosen, Engländer, Chinesen, Araber, Afrikaner mit Wollköpfen oder glattem Haar, Ostindier, Mischlinge, Quadronen in den verschiedensten Trachten und Farben. -- Die Geschichte von Mauritius verzeichnet offenbar nur _eine_ wichtige Begebenheit, und diese hat sich obendrein niemals zugetragen. Ich meine den romantischen Aufenthalt von Paul und Virginie, welcher jedermann mit dem Namen der Insel vertraut machte, während ihre geographische Lage aller Welt verborgen blieb.
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_18. April._ -- Dies ist das einzige Land auf Erden, wo man den Fremden nicht fragt: »Wie gefällt Ihnen unsere Gegend?« Alles Reden über die Insel geht von den Bewohnern selbst aus, der Reisende braucht nur zuzuhören und erhält allerlei Belehrung. Von einem Bürger erfährt er, daß Mauritius zuerst erschaffen wurde und dann der Himmel nach dem Vorbild von Mauritius. Ein anderer erklärt das für Uebertreibung und behauptet, man lebe in Mauritius durchaus nicht wie im Himmel; wer zum Beispiel nicht gezwungen wäre in Port Louis zu wohnen, würde sich den Aufenthaltsort gewiß nicht wählen.
Ein Engländer sagte mir:
»Die Insel ist bekannt wegen der ungewöhnlich langen Quarantäne, welche die Schiffe für nichts und wieder nichts halten müssen; dieselbe dauert oft drei bis vier Wochen. Einmal wurde sogar die Quarantäne über ein Schiff verhängt, weil der Kapitän als Knabe die Blattern gehabt habe. Außerdem war er auch Engländer. Der französische Einfluß ist von früherher noch immer am vorherrschendsten auf der Insel; die Zahl der Engländer ist gering und der Gouvernementsrat besteht fast nur aus Franzosen.
»Die Bevölkerung beträgt etwa 375000. Die meisten sind Ostindier; außer ihnen gibt es Mischlinge und Neger, welche Abkömmlinge der Sklaven aus der Zeit der französischen Herrschaft sind; ferner Franzosen und Engländer. Die Mischlinge stammen aus Verbindungen von Weißen und Schwarzen, Mulatten, Quadronen oder Quarteronen; es sind daher alle nur denkbaren Schattierungen vertreten: ebenholzschwarz, mahagoni, kastanienbraun, fuchsrot, syrupfarben, dunkelbernsteingelb, hellgelb, crêmefarben, elfenbeinweiß und aschgrau. Letzteres ist die Farbe, welche der Angelsachse bei längerem Aufenthalt im Tropenklima annimmt.
»Die meisten Bewohner von Mauritius kennen nichts als ihre Insel und haben weder viel gelernt noch gelesen -- außer der Bibel oft nur Paul und Virginie. Von diesem Roman werden jährlich viele Exemplare verkauft, und es gibt Leute, welche glauben, er wäre ein Teil der Bibel. Es ist das berühmteste Buch, das je über Mauritius geschrieben worden ist -- aber auch das einzige. Die drei Hauptländer der Erde sind nach Ansicht der Bürger: Judäa, Frankreich und Mauritius, und daß sie in einem der drei geboren sind, erfüllt sie mit Stolz. Rußland und Deutschland gehören, ihres Wissens, zu England und von letzterem haben sie keine große Meinung. Wer über die Vereinigten Staaten und den Aequator etwas hat verlauten hören, glaubt, das seien zwei Königreiche.
»Der Buchhandel auf der Insel ist unbedeutend; für Bildung und Unterhaltung des Volks müssen die Zeitungen sorgen, welche aus zwei ureinfach gedruckten Seiten bestehen, die eine mit französischem, die andere mit englischem Text. Die englische Seite ist eine Uebersetzung der französischen; einen Korrekturleser gibt es nicht -- der Mann ist gestorben.
»Und was steht darin? Wo nimmt man auf der kleinen, entlegenen Insel mitten im indischen Ozean täglich den Stoff her, um eine ganze Druckseite zu füllen? -- Den muß Madagaskar liefern, Madagaskar und Frankreich. Ratschläge, die man der Regierung erteilt und abfällige Bemerkungen über die englische Verwaltung bilden den übrigen Inhalt der Tagesblätter, deren Besitzer und Herausgeber französische Kreolen sind.
»Das Französische ist Landessprache. Jeder muß es sprechen, er mag wollen oder nicht. Besonders ohne das Mischlings-Französisch, das die Leute mit den vielen verschiedenfarbigen Gesichtern reden, kann man sich hier gar nicht verständlich machen.
»Mauritius war früher sehr wohlhabend, denn man macht hier den besten Zucker in der ganzen Welt. Aber zuerst verdarb der Suez-Kanal die Handelsverbindungen der Insel, und dann verschloß ihr der Rübenzucker mit Hilfe der Zuckerprämien den europäischen Markt. Viele der größten Zuckerpflanzer befinden sich in Geldverlegenheit und würden ihre Besitzungen gern für die Hälfte der Summen hergeben, die sie hineingesteckt haben. Wenn ein Land erst anfängt die Teekultur zu betreiben, so ist das ein sicheres Zeichen für den Rückgang seines Hauptprodukts, dafür liefern Bengalen und Ceylon den Beweis. Auch in Mauritius macht man jetzt Versuche mit der Teekultur.«
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