Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Part 13

Chapter 133,197 wordsPublic domain

Beim Weitermarsch, der im strömenden Regen die ganze Nacht hindurch dauerte, hatten wir mehrfach stundenweit bis zum Sattel durch Wasser zu reiten oder bis zum Hals durch Wasser zu gehen, erreichten aber doch schließlich noch in der Nacht die große im Kriege erbaute Wamibrücke. Sie war auch fast ganz fortgerissen, aber doch ein Rest stehengeblieben, so daß wir hinüberklettern und zur Feldbahn, die zur Station Kimamba führte, gelangen konnten. Auch diese Feldbahn war, wie die Bahn Mombo-Handeni, im Kriege entstanden und wurde mit der Hand betrieben. In dem Bestreben, es recht gut zu machen, nahmen die guten Leute mehrere Kurven etwas zu hastig, und wiederholt sausten die Loren mit allem, was sich auf ihnen befand -- dazu gehörten auch wir --, in den angrenzenden Graben oder auch darüber hinaus. Jedenfalls hatten wir reichlich genug von dieser Wasserreise, als wir in der Morgenfrühe in Kimamba anlangten. Der dort stationierte, zur Truppe eingezogene Vizefeldwebel Rehfeld nahm uns aufs freundlichste auf. Da sich in Kimamba ein Bekleidungsdepot befand, konnten wir uns mit Askarisachen wenigstens trocken einkleiden. Wann der Rest des Kommandos mit unseren Sachen ankommen würde, war ja nicht abzusehen.

Nach Rücksprache mit dem Gouverneur, der sich zu diesem Zweck nach Kimamba begeben hatte, fuhr ich am nächsten Tage nach Dodoma. An der Zentralbahn war das schnelle kriegsmäßige Arbeiten, das im Norden jedermann in Fleisch und Blut übergegangen war, noch wenig zum Leben erwacht. Die kurz vor uns in Dodoma eingetroffene Abteilung des Hauptmanns von Kornatzki hatte einige Schwierigkeiten in der Verpflegungsbeschaffung, obgleich Dodoma dort an der Bahn lag und schnell Nachschub erhalten konnte. Mit Hauptmann Klinghardt, der einen Tagemarsch südlich Kondoa-Irangi die Höhen von Burungi besetzt hatte, setzte ich mich in telephonische Verbindung, und am nächsten Tage des Vormittags ritt ich mit einigen Offizieren des Kommandos von Dodoma zu ihm ab.

Der Weg führte uns durch eine menschenleere Buschsteppe. Die im Kriege gebaute Landstraße hatte die bautechnisch günstigste Trace gewählt und berührte Ansiedlungen nur selten. Das Land Ugogo zeichnet sich durch großen Viehreichtum aus. Seine Bewohner gehören zu den Nomadenstämmen, die in ihren Sitten die Massai nachahmen und daher häufig Massaiaffen genannt werden. Zahlreiche Ochsenwagen kamen uns entgegen, in denen deutsche und burische Farmer, aus der Gegend des Meruberges, mit ihren Familien nach Kondoa fuhren. Es war das von Südwestafrika bekannte Bild behaglichen „Treckens“ mit diesen für die Verhältnisse der Steppe so überaus geeigneten Fahrzeugen.

Das Etappenwesen zur Abteilung Klinghardt war noch nicht eingespielt; in der ersten der kleinen Etappenstationen lagerten wir des Nachts. Es zeigte sich, daß das Nachschubwesen sehr gesteigert werden mußte, wenn auf ihm die Verpflegung so starker Truppenmassen, wie sie jetzt auf Kondoa-Irangi vorgeführt wurden, basiert werden sollte. Hierzu kam eine neue Schwierigkeit: den gewaltigen Anforderungen, die das gesamte Verpflegungs- und Nachschubwesen an den Leiter desselben stellte, waren die bisherigen Feldintendanten gesundheitlich nicht gewachsen gewesen. Dem Hauptmann der Landw. Schmid waren sehr bald Hauptmann d. Landw. Feilke, diesem Hauptmann d. Res. Freiherr von Ledebur und dann Hauptmann a. D. Richter, ein älterer Herr, gefolgt. Der letztere war leider jetzt, bei Beginn einer wichtigen neuen Operation, am Ende seiner Kräfte angelangt. Seine Geschäfte hatte der hierin zunächst nicht eingearbeitete Major a. D. von Stuemer, der in Handeni im Etappendienst tätig gewesen war, übernehmen müssen.

Am nächsten Tage abends hatten wir den 4 Tagemärsche langen Weg zurückgelegt und trafen an den Burungibergen bei Hauptmann Klinghardt ein. Das Aufschließen der uns folgenden, aus dem Bereich der Nordbahn kommenden Abteilungen mußte längere Zeit dauern, und so ergab sich die Möglichkeit zu ergiebigen Erkundungen. Sehr willkommen war es, daß wir hier die Bekanntschaft einer ganz neuen, vortrefflichen Karte machten. Der Bezirksamtmann von Kondoa-Irangi hatte sie mit anderen Sachen beim Verlassen seines Amtssitzes einem Jumben (Häuptling), der an den Burungibergen saß, zur Aufbewahrung gegeben. Bei diesem fanden wir glücklicherweise das wertvolle und so geheimgehaltene Material.

Englische berittene Europäerpatrouillen kamen mehrfach in die Nähe unserer Stellungen, und man wußte, daß dahinter stärkere berittene feindliche Abteilungen standen. Wo diese sich aber befanden, war nicht bekannt. Manche Nachrichten besagten: in Kondoa-Irangi, andere: südlich dieses Ortes, und wieder andere: an der Straße, die von Kondoa-Irangi nach Saranda führt. Es war von Wichtigkeit, daß sich bei Burungi größere Eingeborenenpflanzungen befanden, so daß dort viel Verpflegung vorhanden war. Man brauchte nicht abzuwarten, bis der von Dodoma her angesetzte Verpflegungsnachschub voll in Wirksamkeit trat. Die Truppe konnte sich mehr als bisher hiervon freimachen und hauptsächlich aus dem Lande leben. Sobald die nachfolgenden Abteilungen aufgeschlossen waren, wurde der Vormarsch auf Kondoa angetreten. Südlich des Ortes stießen wir nur auf stärkere berittene Sicherungsabteilungen, die schnell zurückgeworfen wurden, und gelangten Anfang Mai ohne ernstere Gefechte in den Besitz der großen Höhen, die dem Ort Kondoa auf 6 ~km~ vorgelagert sind.

Wir hatten zwei Marinegeschütze, ein 8,8 ~cm~ und ein 10,5 ~cm~, auf fahrbaren Lafetten mitgeführt und sogleich in Stellung gebracht. Diese beschossen aus unseren überhöhenden Stellungen mit anscheinend gutem Erfolge die feindlichen Lager südlich Kondoa. Die Zelte wurden sofort niedergelegt. Man beobachtete, wie der Feind eifrig seine Stellungen verschanzte und wie seine Fahrzeuge in der Richtung auf Kondoa zurückeilten. Mehrere Patrouillengefechte waren für uns erfolgreich, und kleine feindliche Postierungen wurden schnell geworfen, die hier und da noch vorgeschoben waren. Von Süden, also von rückwärts her, sahen wir eine Reiterpatrouille auf unsere Stellung zureiten. Da auch unsere berittenen Patrouillen unterwegs waren, glaubte ich zuerst, es wären Deutsche. Bald aber verriet uns die gleichmäßige Haltung der in Gewehrschuhe gesteckten Karabiner, daß es Engländer waren. Diese hatten von unserer Anwesenheit augenscheinlich keine Ahnung. Sie wurden auf ganz nahe Entfernung herangelassen und verloren bei der geringen Feuerentfernung ungefähr die Hälfte ihres Bestandes. Nach den bisherigen Beobachtungen war es wahrscheinlich, daß der Feind vor uns seine Stellung räumte. Ich beschloß am 9. 5. 1916, falls sich diese Beobachtung bestätigen sollte, die niedrigen, jetzt vom Feinde besetzten Höhen sogleich selbst zu besetzen. Für einen Angriff waren die Verhältnisse nicht günstig, da unser Vorgehen bemerkt werden mußte und ein überraschender Sturm ausgeschlossen war. Ohne Überraschung aber bot ein Versuch, die besetzte Stellung zu stürmen, keine Aussicht auf Erfolg; der Feind hatte sich genügend auf den kleinen Höhen verschanzt, und diese beherrschten völlig das für den Nahkampf in Betracht kommende Gelände, das bei dem niedrigen Dornbusch und den zahlreichen Felsstücken nur langsam zu durchschreiten war.

Ich befand mich bei den Kompagnien, welche den vorn befindlichen Sicherungspatrouillen folgten; diese meldeten kurz vor Einbruch der Dunkelheit, daß die Höhen vom Feinde geräumt seien. Unsere Kompagnien blieben daher in Marsch; die Führer gaben Befehl, die Bagage heranzuziehen, um sich für die Nacht einzurichten. Ich selbst begab mich zum Lager des Kommandos, das auf den etwas rückwärts gelegenen großen Höhen geblieben war. Meine große Erschöpfung suchte ich durch eine Tasse Kaffee mit etwas Rum zu bekämpfen, schlief aber mit dem Bewußtsein, daß nichts weiter zu veranlassen wäre, bald fest ein. Neben meinem Lagerplatz stand das 8,8 ~cm~-Geschütz. Gegen 11 Uhr abends weckten mich Bemerkungen, die Oberleutnant z. S. Wunderlich, der Führer des Geschützes, machte; er konnte sich mehrfaches Aufleuchten, das er in der Richtung auf den Feind zu sah, nicht erklären. Auch ich war mir im ersten Augenblick nicht ganz schlüssig. Bald aber war kein Zweifel, daß dieses Aufleuchten, das sich immer mehr verstärkte, Gewehr- und Maschinengewehrschüsse bedeutete. Als sich der Wind drehte, war auch der Gefechtslärm deutlich hörbar. Gegen alle Erwartung war also vor uns ein ernster Kampf im Gange, aber bei der großen Entfernung und dem Marsch durch unübersichtlichen Busch und Felsengelände hielt ich es für ausgeschlossen, die zurückgehaltenen Reserven mit irgendwelcher Aussicht auf Erfolg einsetzen zu können. Selbst die allergröbste Orientierung über die Gefechtslage erforderte Stunden, und der Mond würde kaum noch eine Stunde scheinen. Wohl oder übel mußte ich daher das Gefecht vorn sich selbst überlassen.

Dort hatten unsere Kompagnien die von der Patrouille abgesuchte Höhe allerdings frei vom Feinde gefunden, aber unmittelbar dahinter lag der Feind auf einer zweiten Welle des Geländes in verschanzter Stellung. Hiergegen liefen unsere Kompagnien nun an, und bei der Unübersichtlichkeit des Geländes und der Dunkelheit gingen Überblick und Zusammenhang verloren. Unsere Askari nisteten sich dem Feinde gegenüber ein, und Hauptmann Lincke, der, nachdem Oberstleutnant v. Bock schwer verwundet und Hauptmann v. Kornatzki gefallen war, den Befehl übernommen hatte, sagte sich, daß er hier zwar liegenbleiben könne, aber nach Tagesanbruch wegen des beherrschenden feindlichen Feuers jede Bewegungsmöglichkeit aufgeben müsse. Da somit ein Erfolg nicht erreichbar schien, brach er vorsichtigerweise noch in der Nacht das Gefecht ab und kehrte auf die Ausgangsstellung zurück. Der Feind, der in der Hauptsache aus dem 11. südafrikanischen Infanterieregiment bestand, hatte sich gut geschlagen und unsere Kompagnien wiederholt unter wirksames Maschinengewehrfeuer genommen. Unsere Verluste von etwa 50 Toten und Verwundeten müssen in Anbetracht der geringen Gewehrzahl, die am eigentlichen Gefecht teilgenommen hat -- etwa 400 --, als schwer bezeichnet werden.

In den folgenden Tagen besetzten wir nun auch die weiter östlich gelegenen großen Höhen und drängten die im Vorgelände befindlichen Reiterabteilungen mit recht empfindlichen Verlusten für sie ab. Es kam mehrfach vor, daß von feindlichen, etwa 20 Mann starken Abteilungen keiner oder nur wenige Leute entkamen, und auch sonst hatten wir eine ganze Reihe günstiger Zusammenstöße. Mehrfach beobachteten wir von unseren, weite Übersicht gewährenden Höhen aus mit guten Gläsern, wie feindliche Truppen und Wagenkolonnen von Norden her auf Kondoa zu fuhren, dann nach Osten abbogen und in den Bergen verschwanden. Auch unsere Patrouillen, die wir weit fort in den Rücken des Feindes schickten, bestätigten den Marsch größerer Transporte, die sich von Aruscha her in Richtung auf Kondoa-Irangi bewegten.

Die Engländer hatten sogleich die Zivilverwaltung in Kondoa in die Hand genommen und in geschickter Weise die Jumben (Häuptlinge) nach diesem Ort entboten und ihnen Verhaltungsmaßregeln gegeben. Hierzu gehörte auch die Pflicht, deutsche Truppenbewegungen zu melden. So war es für unsere Patrouillen häufig zweckmäßig, sich im Bereich des Feindes als Engländer auszugeben. Die Unterschiede der Uniformen waren ja nicht groß und durch das lange Kriegsleben noch mehr verwischt worden; vielfach wurden Uniformröcke überhaupt nicht, sondern nur blusenartige Hemden getragen, und das kleine Tuchabzeichen, das die Engländer am Tropenhut trugen, war wenig auffallend. Der Unterschied in der Bewaffnung war oft verschwunden, da auch ein Teil der Deutschen englische Gewehre trug.

Im allgemeinen hatte man nicht den Eindruck, daß in Kondoa schon ein sehr starker Feind war; aber unser Angriff mußte, selbst wenn er Erfolg haben würde, über freies Gelände gegen Befestigungen führen, die wir mit unseren wenigen Geschützen nicht genügend zudecken konnten. Die mit Sicherheit zu erwartenden erheblichen und unersetzbaren Verluste veranlaßten mich, von einem allgemeinen Angriff abzusehen und den Feind durch kleine Unternehmungen, die sich bisher so vorteilhaft erwiesen hatten, zu schädigen. Unsere Artillerie -- es waren auch die beiden Gebirgsgeschütze und 2 Feldhaubitzen, die mit dem zweiten Hilfsschiff angekommen waren, eingetroffen -- beschoß günstige feindliche Ziele, die sich boten. Auch die Gebäude von Kondoa-Irangi, wo General van Deventer eingetroffen war, wurden gelegentlich durch unser 10,5 ~cm~-Geschütz unter Feuer genommen. Westlich unserer Hauptkräfte, an der Straße Saranda-Kondoa-Irangi, hatte unsere junge 2. Schützenkompagnie in mehreren günstigen Zusammenstößen Teile des 4. südafrikanischen Berittenenregiments allmählich in die Nähe von Kondoa-Irangi zurückgedrängt.

Der Feind verstärkte sich nun immer mehr. Anfang Juni beschoß er uns auch auf große Entfernung, etwa 12 ~km~, mit schwereren Geschützen von 10 ~cm~ und 12,5 ~cm~ Kaliber. Seine Beobachtung und Feuerleitung verdiente alle Anerkennung; jedenfalls schlugen am 13. 6. 1916 seine Granaten bald sehr genau in unserem Kommandolager ein. Ich unterbrach meine Arbeit, die ich im Schutze eines Grasdaches vorgenommen hatte, und begab mich etwas seitwärts hinter eine Felsplatte. Unmittelbar nachdem dort auch der Ordonnanzoffizier, Oberleutnant Boell, eingetroffen war, platzte ein Geschoß dicht über uns, verwundete Oberleutnant Boell schwer am Oberschenkel und mich und einige andere Europäer leicht. Materiellen Schaden hat uns das feindliche Artilleriefeuer im übrigen fast gar nicht zugefügt, aber es war doch lästig, wenn seine schweren Geschosse immer von Zeit zu Zeit in unser Lager einschlugen.

Von den erheblichen Arbeiten, wie sie gute Unterstände erfordern, sahen wir ab, da wir die Kräfte unserer Leute für den Patrouillen- und Sicherheitsdienst, sowie für die Beschaffung der Verpflegung voll beanspruchen mußten. Das ganze Land war, soweit das Auge reichte, mit Eingeborenenkulturen bedeckt; in der Hauptsache -- und dies kam für die Verpflegung der Truppe vorzugsweise in Betracht -- war Mtama, eine Hirsenart, angebaut worden, deren Reife jetzt gerade begann. Die Eingeborenen waren zum großen Teil fortgelaufen, der Nachschub von Dodoma hatte unserem Vormarsch nicht folgen können; unsere Verpflegung basierte daher fast ausschließlich auf den Beständen, die die Erntekommandos der Kompagnien selbst einbrachten. Die Garben trockneten auf Steinen schnell in der heißen Sonne. In allen Kompagnien herrschte reger Mahlbetrieb, sei es, daß die ausgedroschenen Körner mit Steinen zerrieben oder in „Kinos“, das sind harte Holzgefäße, mit Stangen zu Mehl zerstampft wurden. Für die Europäer gab es damals noch Weizenmehl, das auf den Etappenwegen vorgebracht wurde. Unser aus einer Mischung von Weizenmehl und Eingeborenenmehl hergestelltes Brot vor Kondoa war von einer ganz ausgezeichneten Beschaffenheit. Außer Mtama und anderen Körnerfrüchten gab es Zuckerrohr, Muhogo (eine Pflanze mit wohlschmeckender, eßbarer Wurzel), Süßkartoffeln, dann verschiedene Arten Erbsen und andere Eingeborenenfrüchte sowie genügend Vieh. Die Truppe konnte in dem überaus wohlhabenden Gebiet von Kondoa reichlich und vielseitig verpflegt werden.

Die beobachtete Ausdehnung des Feindes von Kondoa nach Osten hin lenkte auch unsere Aufmerksamkeit auf dieses uns bis dahin wenig bekannte Gebiet. Hauptmann Schulz wurde mit mehreren Kompagnien dorthin entsandt und fand ein außerordentlich schwieriges Berggelände mit starker Bewachsung vor; dazwischen waren Ansiedlungen von großer Fruchtbarkeit. Hier kam es zu einer ganzen Reihe für den Feind recht verlustreicher Gefechte, an denen für uns eine oder auch mehrere Kompagnien beteiligt waren. Eine stärkere feindliche Abteilung suchte sich zwischen den Kompagnien der Abteilung Schulz und uns hineinzuschieben und hatte wahrscheinlich die Absicht, die Abteilung Schulz abzuschneiden. Dieser Versuch des Feindes mißglückte aber gänzlich. Unsere Truppen drängten von beiden Seiten gegen diesen feindlichen Keil und warfen ihn zurück. Recht gewandt benahm sich hierbei der alte Effendi (schwarzer Offizier) Juma Mursal; er legte sich an einer Wasserstelle auf die Lauer und beschoß die Engländer, die hierher zum Tränken kamen, mit gutem Erfolg; nach seiner Beobachtung sind dabei 6 gefallen. In der Gefechtsperiode von Kondoa-Irangi sind dem Gegner allmählich recht erhebliche Gefechtsverluste beigebracht worden. Rechnet man hierzu noch die Verluste an Krankheiten bei seinen jungen weißen Truppen, die nicht an die Tropen gewöhnt und so außerordentlich unvorsichtig in ihren Schutzmaßregeln gegen Tropenkrankheiten waren, so dürfte der Gesamtausfall des Feindes in der Zeit von Kondoa-Irangi kaum unter 1000 Mann an Weißen betragen haben.

Fünfter Abschnitt

Zwischen Nordbahn und Zentralbahn

Ende Juni 1916 gewannen die Vorgänge auf den anderen Kriegsschauplätzen entscheidenden Einfluß auf unsere Maßnahmen vor Kondoa. Aus der Gegend des Kiwusees und vom Russissi rückten die Belgier, westlich des Viktoriasees und seit Mitte Juli auch von Muanza her drangen englische Streitkräfte konzentrisch auf Tabora vor. General Wahle, der von Tabora aus den gemeinsamen Befehl über unsere im Nordwesten stehenden Truppen führte, zog seine Abteilungen von den Grenzen her allmählich auf Tabora zu zusammen.

Von Südwesten her, aus dem Raum zwischen Tanganjika und Nyassa, drangen gleichfalls feindliche Abteilungen vor. Vor ihnen wich unsere in der Gegend von Bismarckburg fechtende Kompagnie langsam nach Nordosten in Richtung auf Tabora aus. Aus dem Bezirk Langenburg gingen unsere beiden dort sichernden Kompagnien allmählich in Richtung aus Iringa zurück. Diesen folgte General Northey, dessen Division mit allen Mitteln moderner Kriegführung ausgerüstet war. Von diesen Vorgängen hatte das Kommando bei der Schwierigkeit der Verbindung nur unvollkommene Nachrichten.

An der Nordbahn hatten die Patrouillen des Majors Kraut, die von dessen fester Stellung bei Lembeni ausgingen, gelegentlich erfreuliche Erfolge gehabt. Mehrere Flugzeuge wurden zum Landen gebracht oder verunglückten; die Insassen wurden gefangen, die Apparate vernichtet. Als die schweren Regen aufgehört hatten, trat von Kahe her der Feind seinen Vormarsch längs der Nordbahn sowie östlich derselben durch die Pareberge hindurch und westlich längs des Pangani an. Hunderte von Automobilen und große Reitermengen wurden beobachtet. Um bei der großen Überzahl des Feindes nicht abgeschnitten zu werden, zog Major Kraut sein Gros unter Belassung schwacher Abteilungen am Feinde mit der Bahn bis Buiko zurück. In dieser Gegend sowie bei Mombo kam es dann zu einigen Gefechten, bei denen manchmal unsere Kompagnien durch den Feind, der den Bahnkörper hinter ihnen absperren wollte, hindurchfuhren und ihn von den Waggons aus beschossen. Der Feind konnte zwar infolge seiner numerischen Überlegenheit mit leichter Mühe stets mit frischen Truppen umfassende Bewegungen ausführen, aber das schwierige Gelände beeinträchtigte die Wirksamkeit solcher Umgehungen im hohen Maße. Es schien daher, daß der Feind häufig diesen Gedanken fallen ließ und dafür eine Art Ermüdungstaktik betrieb. Er griff heute mit einem Teil seiner Truppen an, ließ diese dann ruhen und setzte morgen andere, übermorgen wieder andere ein. Trotz allem augenscheinlichen Drängen und seinen günstigen Nachschubverhältnissen war sein Vormarsch ziemlich langsam. Niemals sind die Truppen des Majors Kraut in eine wirklich schwierige Lage gekommen, im Gegenteil; den unsrigen glückten häufig Feuerüberfälle und Teilerfolge, die gelegentlich, wie bei einem durch Hauptmann Freiherrn von Bodecker geführten Nachhutgefecht in der Gegend von Handeni, dem Feinde recht erhebliche Verluste beibrachten.

Bei diesem von allen Seiten erkennbaren konzentrischen Vordringen des Feindes mußte man sich die Frage vorlegen, was nun mit dem vor Kondoa stehenden Hauptteil der Truppe geschehen sollte. Für einen Angriff war die Gelegenheit allzu ungünstig. Es fragte sich also, wohin im großen und ganzen unser Abmarsch zu gehen habe. Ich faßte die Gegend von Mahenge ins Auge. Sie entzog uns der Umklammerung durch den Feind und war reich und für den Kleinkrieg geeignet. Von dort aus bot sich auch die Möglichkeit, weiter nach Süden auszuweichen und den Krieg noch lange Zeit fortzusetzen.

Ein anderer wichtiger Gesichtspunkt war die Sicherung unserer an der Zentralbahn, besonders in der Gegend von Morogoro lagernden Kriegsbestände. Diese waren bei dem schnellen Vordringen des Generals Smuts, dem gegenüber Major Kraut bis über die Gegend von Handeni hinaus nach Süden vorgedrungen war, stark gefährdet. Wenn auch anzunehmen war, daß die stetig wachsende Länge seiner rückwärtigen Verbindungen den General Smuts hemmen würde, so schien er mir doch der gefährlichste und wichtigste Gegner zu sein. Ich beschloß daher, dem Kondoafeinde gegenüber nur ein Detachement unter Hauptmann Klinghardt bei Burungi stehenzulassen, mit den Hauptkräften aber wieder nach Dodoma zu marschieren, von dort mit der Bahn nach Morogoro zu fahren und an Major Kraut heranzurücken. Es hat sich später herausgestellt, daß die Engländer über diese Bewegung bis ins kleinste unterrichtet waren und z. B. über einen Eisenbahnunfall genau Bescheid wußten, der einer Kompagnie während dieses Transportes zustieß. Bei den Europäern in Morogoro verschwand beim Eintreffen unserer Kompagnien und angesichts der glänzenden Haltung der Askari auch der letzte Rest einer niedergedrückten Stimmung; jeder Mann und jede Frau hatten begriffen, daß unsere Lage zwar schwierig war, daß es aber keine andere Möglichkeit gab, als weiterzufechten, und daß unsere Truppe nach ihrer ganzen Beschaffenheit auch imstande war, noch lange mit Erfolg standzuhalten. Anfang Juli traf ich bei Major Kraut ein, der in befestigter Stellung am Kangaberge stand, nordöstlich Tuliani. Ich hatte geglaubt, daß die Askari durch das Zurückgehen niedergedrückt wären, traf sie aber in einer vortrefflichen, selbstbewußten Stimmung an. Vor ihrer Stellung hatten sie 50 bis 100 Meter Schußfeld geschaffen und waren fest davon überzeugt, daß ein feindlicher Angriff abgeschlagen werden würde.

Die Zeit bis zum Eintreffen der übrigen Abteilungen bei Tuliani benutzte ich zu Erkundungen und gewann so bald ein Bild über die Pässe, die das schwierige, westlich unserer Etappenstraße gelegene Felsen- und Waldgelände durchschnitten.