Meine Erinnerungen aus Ostafrika

Part 11

Chapter 113,372 wordsPublic domain

Die Tätigkeit des Feindes steigerte sich, und der Gegner zeigte bei den vielen kleinen Zusammenstößen eine gute Ausbildung. Er hatte auch zahlreiche neue Askaritruppenteile aufgestellt, die sich zum großen Teil aus den begabten Stämmen des Njassagebietes rekrutierten. Das dem Kilimandjaro nach Nordwesten zu vorgelagerte und nur spärlich mit Busch bestandene Steppengebiet war seiner großen Übersichtlichkeit wegen zu überraschenden Offensivunternehmungen für uns nicht günstig; mehr Aussicht hierzu bot das dichte Buschgelände zwischen Kilimandjaro und Meru selbst, das der Gegner, der vom Longido kam, voraussichtlich durchschreiten würde. Hier wurde nun eine aus fünf ausgesuchten Askarikompagnien bestehende Abteilung von rund 1000 Gewehren versammelt. Bei der Unübersichtlichkeit des Geländes glückte es aber dieser Abteilung nicht, eine der zahlreichen Anfang März nach Süden vordrückenden feindlichen Kolonnen entscheidend zu fassen. Auch für den Gegner war die Schwierigkeit, sich zu orientieren, groß, und erst durch einen indischen Meldereiter, der eine Meldung statt zu seiner eigenen Truppe versehentlich zu uns brachte, erfuhren wir, daß sich hier die erste ostafrikanische Division unter General Steward befand. Da diese Zusammenstöße sich in der Gegend von Geraragua und südwestlich davon abspielten, war es für ein Eingreifen mit unseren bei Neu-Steglitz und Himo stehenden Reserven zu weit (Geraragua-Neu-Moschi etwa zwei Tagemärsche). Ehe dieser Moment eintrat, drückte der Feind auch von Osten her vor. Die Flugrichtung der feindlichen Flieger zeigte das augenscheinliche Interesse des Gegners für die Gegenden ein bis zwei Stunden nördlich von Taveta. Man mußte auf den Gedanken kommen, daß der Feind aus seinen östlich Oldorobo gelegenen Lagern sich nicht ein zweites Mal an diesem Berge blutige Köpfe holen wollte, sondern beabsichtigte, diese Stellung nördlich zu umgehen und das Wasser des Lumiflusses, eine Stunde nördlich von Taveta, zu erreichen. Am 8. März wurden vom Oldorobo aus mächtige Staubwolken beobachtet, die sich vom feindlichen Lager aus in der angegebenen Richtung bewegten. Auch wurden zahlreiche Automobile festgestellt. Vom Ost-Kitovo aus, einem 6 ~km~ westlich Taveta gelegenen Berge, beobachtete auch das Kommando diese Bewegungen. Unsere Kampfpatrouillen, die Gelegenheit hatten, die feindlichen Kolonnen mit Erfolg zu beschießen und auch eine Anzahl Gefangene zu machen, stellten einwandfrei fest, daß an dieser Stelle die feindlichen Hauptkräfte anrückten und General Smuts anwesend war.

Noch am Nachmittag des 8. 3. beobachtete das Kommando starke feindliche Kolonnen von Europäern am Dzhallasee, die von dort in breit ausgedehnter Schützenlinie ein Stück in Richtung auf den Ostkitovo vorgingen. Bei dem Mangel an Artillerie mußten wir an diesem Tage und häufig auch noch später ruhig mit ansehen, daß der Feind in nicht zu großer Entfernung vor unserer Front wenig geschickte Bewegungen ungestraft ausführen durfte. Es war aber klar, daß diese umfassende Bewegung des Feindes die Stellung am Oldorobo, der wir im Verlaufe des Krieges eine Anzahl glücklicher Gefechte verdankten, nunmehr unhaltbar machte. Ich beschloß, die Truppen auf den Bergen, die westlich von Taveta die Lücke zwischen dem Nordparegebirge und dem Kilimandjaro sperrten, zu neuem Widerstand zu entwickeln. Abteilung Kraut erhielt telephonisch Befehl, am Wege, der von Taveta nach Neu-Steglitz führte, auf den Reata-Latema-Bergen Aufstellung zu nehmen. Nordwestlich des Latema-Berges, an der Straße, die von Taveta nach Himo führt, besetzte Abteilung Schulz die Berge von Nordkitovo und sicherte den Abmarsch der Abteilung Kraut. Diese Bewegungen wurden in der Nacht ungestört vom Feind ausgeführt. Auf unserem äußersten linken Flügel, an den Südosthängen des Kilimandjaro, sperrte die Kompagnie des Hauptmann Stemmermann die Straße, die von Mission Rombo nach Himo und Neumoschi führte. Mission Rombo wurde vom Feinde besetzt. Ein Teil der Eingeborenen machte kein Hehl daraus, daß sie nunmehr Leute der Engländer wären. Hierdurch wächst die Wahrscheinlichkeit dafür, daß in dieser Gegend schon seit langem englische Spionage und Beeinflussung der Eingeborenen tätig waren und daß die oft am Ostabhange des Kilimandjaro beobachteten Lichtsignale hiermit in Zusammenhang standen.

Die von uns eingenommene Bergstellung war durch das Gelände sehr begünstigt, hatte aber doch den großen Nachteil, daß unsere paar tausend Askari viel zu wenig waren, um die etwa 20 ~km~ breite Front wirklich zu füllen. Es konnten nur einige Punkte der vorderen Linie besetzt werden; die Hauptmasse der Truppe wurde bei Himo zur Verfügung gehalten, um sie, je nachdem sich die Lage entwickelte, einzusetzen. Es war eine Zeit großer Spannung. Vor uns hatten wir den weit überlegenen Feind, hinter uns, aus Richtung Longido nach Süden vordrückend, einen gleichfalls überlegenen Gegner, und unsere rückwärtige Verbindung, die zugleich unser Abmarschweg war, wurde, wie oben geschildert, in so empfindlicher Weise vom Feinde bedroht. Mit Rücksicht auf das Gelände, unsere Bekanntschaft mit diesem und in Anbetracht der augenscheinlich nicht allzu gewandten taktischen Führung des Feindes hielt ich es aber nicht für aussichtslos, diesen mindestens in einem seiner Teile gründlich zu schlagen. Die Stellungen der Linie Reata-Nordkitovo sollten deshalb zu zähem Widerstand ausgebaut werden. Von Tanga wurde eines der dort montierten Königsberggeschütze mit der Bahn heranbefördert. Mit Recht wird der Leser fragen, warum dies nicht längst geschehen war. Aber das Geschütz war ohne Räder und schoß von feststehendem Pivot aus, war also sehr unbeweglich. Es ist daher erklärlich, daß sein Einsatz so lange hinausgezogen wurde, bis über die Stelle kein Zweifel mehr bestand.

Die Lage entwickelte sich nun so schnell, daß das Geschütz gegen Taveta nicht mehr eingesetzt werden konnte. Es ist daher an der Bahn bei Kahe, am südlichen Ufer des Panganiflusses aufgebaut worden, von wo es später in den Gefechten von Kahe ausgezeichnet gewirkt hat.

Am 10. März erkundete der Feind gegen unsere gesamte Front. Berittene Abteilungen von etwa 50 Mann ritten heran, saßen dann ab und gingen in weit ausgedehnter Schützenlinie, die Pferde am Zügel, weiter vor, bis sie Feuer erhielten. Dies war ihr Zweck. Das Feuer verriet ihnen unsere Stellungen, wenn auch unvollkommen. Uns bot diese Art der Erkundung Gelegenheit zu Teilerfolgen, die dem Feind eine Anzahl Menschen kostete und uns einige 20 Pferde einbrachten. Von unserem Berge von Nordkitovo aus beobachteten wir genau, wie Teile unserer Schützenlinien, schwache Momente beim Gegner erkennend, rasch vorgingen und die feindlichen Erkundungsabteilungen von mehreren Seiten unter Feuer nahmen. Mir schien der Kräfteeinsatz dieser feindlichen Unternehmungen zu groß, um sie nur mit einer Erkundungsabsicht zu erklären; es machte mir den Eindruck, daß es sich um ernsthafte, aber etwas verunglückte Angriffsbewegungen handelte. Über die Richtung des weiteren feindlichen Hauptangriffes konnte noch keine Klarheit gewonnen werden. Eine Umfassung unseres linken (nördlichen) Flügels bot für den Feind sehr viel weniger taktische Schwierigkeiten, beraubte ihn aber des wirksamen Druckes auf unsere rückwärtigen Verbindungen. Die für uns unangenehmste Richtung von Taveta über Reata gegen Kahe bedingte für den Feind einen schweren und auch bei großer Überlegenheit wenig Erfolg versprechenden Frontalangriff gegen die befestigten Höhen von Reata und Latema. Es schien mir angezeigt, hinter der Abteilung des Majors Kraut, die auf der Höhe von Reata-Latema lag, den Hauptmann Koehl mit zwei Kompagnien so dicht heranzuschieben, daß er zum schnellen Eingreifen auch ohne Befehl in der Lage war. Die telephonische Verbindung mit unseren Abteilungen war für den Augenblick sichergestellt. Man mußte aber damit rechnen, daß sie zum mindesten sehr erschwert wurde, sobald eine Abteilung sich von den augenblicklichen Drahtlinien entfernte. Material zu schnellem Bau eines Kabels, das den Bewegungen hätte folgen können, war nicht verfügbar. Ebenso fehlte es uns an leichten Funkenstationen, durch die später die Engländer mit Erfolg die Bewegungen ihrer Kolonnen im Busch regelten.

Am 11. März früh erschien wieder ein Flugzeug über Neumoschi und warf einige Bomben. Ich sprach gerade mit einem alten Buren über das Gefecht vom 12. Februar und daß es von den Engländern doch unverantwortlich sei, eine solche Menge junger und in den Tropen ganz unerfahrener Leute den Einflüssen unseres Klimas und des Tropenkrieges so rücksichtslos auszusetzen. Von Reata her meldete Major Kraut, daß sich starke feindliche Truppen von Taveta her auf seine Stellungen zu bewegten. Bald erfolgte auch ein kräftiger feindlicher Angriff von mehreren tausend Mann gegen unsere in ihrer Stellung eingenisteten 3 Kompagnien. Unsere 3 leichten Geschütze konnten den Geschützkampf gegen die schwere Artillerie natürlich nicht aufnehmen und mußten sich wie bei dem Gefecht am Oldorobo darauf beschränken, mit ihren wenigen Granaten die günstigen Momente gegen feindliche dichtere Truppenmassen auszunutzen. Ich hielt den Angriff in dem mir bekannten schwierigen Gelände für wenig aussichtsvoll, doch wurden die zwei hinter der Abteilung des Majors Kraut zur Verfügung stehenden Kompagnien des Hauptmanns Koehl zum Angriff angesetzt. Hauptmann Koehl, der ursprünglich einen der Lage entsprechenden und entscheidenden Flankenstoß gegen den Feind beabsichtigt hatte, mußte sich in dem unbekannten und dichten Busch von dessen Unausführbarkeit überzeugen. Zeit und Ort und damit die Wirksamkeit seines Angriffes hätten ganz dem Zufall überlassen werden müssen. Richtigerweise marschierte er deshalb an Major Kraut zu dessen unmittelbarer Unterstützung heran. Auf Grund meiner Beobachtung von Nordkitovo aus und nach den einlaufenden Meldungen gewann ich das Bild, daß der Feind unsere Front von Reata bis Kitovo beschäftigen wollte, seine entscheidende Bewegung aber um unseren linken Flügel ausholte. Dorthin bewegten sich zunächst große Reitermassen, die auf den Höhen und Schluchten des südöstlichen Kilimandjaroabhanges abwechselnd sichtbar wurden und wieder verschwanden. Die 11. Kompagnie, Hauptmann Stemmermann, die sich oberhalb dieser Reiter am Hange befand, verhinderte, daß der Feind diesen erstieg. Im Laufe des Nachmittags hatte sich die Spitze der Reiter durch die dichten Bananenpflanzungen bis in die Gegend von Marangu vorgearbeitet. Anscheinend waren die Reiter sehr erschöpft. Es wurde beobachtet, daß sie sich zum Teil mit den vorgefundenen unreifen Bananen verpflegten.

Im Laufe des Nachmittags wurde es klar, daß ein starker Frontalangriff des Feindes sich gegen die Abteilung Kraut auf dem Reata- und Latemaberg richtete. Die eingehenden telephonischen Meldungen lauteten aber günstig: der Feind hatte augenscheinlich schwere Verluste; Hunderte von Tragbahren waren bei ihm zum Abtransport Verwundeter in Tätigkeit. Abends waren alle Angriffe des Feindes gegen unsere Front mit schweren Verlusten für ihn abgeschlagen. Bei Dunkelheit hatten die beiden Kompagnien der Abteilung Koehl energisch nachgedrückt und den sich von neuem setzenden Feind unter Maschinengewehrfeuer genommen. Ich hatte mich abends nach Himo zurückbegeben und war gegen 11 Uhr damit beschäftigt, den Befehl zum Angriff auf die bei Marangu festgestellten feindlichen Reiter in der Morgenfrühe des 12. März auszugeben. Da telephonierte Leutnant Sternheim, der Führer der Geschütze der Abteilung Kraut, daß der Feind in der Nacht noch einmal angegriffen habe und mit starken Massen in die Stellung bei Reata eingedrungen sei. Die Meldung ließ es als wahrscheinlich erscheinen, daß dieser starke Feind von Reata nun weiter in der Richtung auf Kahe drücken und uns von unserer Verbindung abschneiden würde. Dieses Risiko zu übernehmen und trotzdem den Angriff auf den Feind bei Marangu durchzuführen, erschien mir zu bedenklich. Ich gab daher Befehl zum Abmarsch der bei Kitovo und Himo stehenden Truppen noch während der Nacht an die Straße Kahe-Reata. Als Sicherung sollte in Himo die Kompagnie Stemmermann verbleiben. Der befohlene Abmarsch der Truppe mußte die unangenehme Folge haben, daß im günstigsten Falle für Stunden jede Verbindung des Kommandos mit den einzelnen Truppenteilen aufhörte. Wer diese Nachtmärsche im dichten Busch kennt, der weiß, wie leicht außerdem Teile ganz abreißen und dann auf absehbare Zeit überhaupt nicht wieder zu erreichen sind. Glücklicherweise war mir das Gelände wenigstens einigermaßen bekannt, als wir querfeldein auf die neue Straße herüberrückten und hierbei andauernd lebhaftes Feuer auf den Reata- und Latemabergen hörten. Einige Versprengte, die sich im Busch verlaufen hatten, kamen uns entgegen; unserer Angabe, daß wir Deutsche wären, glaubten sie nicht und verschwanden wieder. An der neuen Straße angekommen, trafen wir auf den Verbandplatz. Auch hier waren die Angaben der vielen Verwundeten so widersprechend und unklar, daß man nur den Eindruck eines sehr heftigen Nahkampfes im Busch hatte, aber über dessen eigentlichen Zusammenhang und Verlauf man nichts erfuhr. Allmählich gelang es, telephonische Verbindung mit Major Kraut zu erhalten. Dieser befand sich mit einem Teil seiner Abteilung am Südwesthange des Reataberges an der Straße Kahe-Taveta. Das Feuer auf den Höhen war allmählich verstummt, und seine Patrouillen hatten auf dem Reataberge nichts mehr vom Feinde gefunden. In der Morgenfrühe des 12. fand Major Kraut auf den Bergen einen Teil seiner Abteilung in den alten Stellungen wieder; der Feind war nach Taveta zurückgegangen.

Als ich gegen 6 Uhr früh auf dem Reataberge eintraf, wurde die zahlreich vorhandene Beute gesammelt. Das Durcheinander des nächtlichen Nahkampfes im Busch war sehr groß gewesen. Englische Gefallene, die weit hinter der Front der Abteilung Kraut im Busch lagen, zeigten an, wie weit einzelne Abteilungen des Feindes geraten waren. Feindliche Einzelschützen, die versteckt in den Felsen eingenistet waren, unterhielten ein gutgezieltes Feuer und waren nicht auszumachen. Es war klar, daß der feindliche Angriff mit schweren Verlusten für den Gegner abgewiesen worden war. Der Abtransport der eigenen und feindlichen Verwundeten ging glatt vonstatten, ebenso der der Gefangenen. Mit den aus der Gegend von Himo an die Straße Kahe-Reata durch dichten Busch heranrückenden Abteilungen bestand keine Verbindung, und es war nicht zu erwarten, daß diese vor Ablauf mehrerer Stunden hergestellt werden würde.

Bei dieser Lage war es zu bedauern, daß ich die Truppen unseres linken Flügels, die in der Gegend Kitovo-Himo gestanden hatten, an die Straße Kahe-Reata herangezogen hatte. Bei der Preisgabe der Höhen unseres linken Flügels war die Stellung von Reata auf die Dauer nicht zu halten, um so weniger, als unsere Stellung kein Wasser hatte, das eine Stunde weit von rückwärts herangebracht werden mußte. Um die in Marsch befindlichen Abteilungen des linken Flügels wieder abzudrehen und von neuem in die Gegend von Himo und Kitovo in Marsch zu setzen, dazu fehlte in diesem Augenblick die Verbindung, und es war, wie erwähnt, anzunehmen, daß sie nicht vor Ablauf von Stunden erreicht werden würde. Ich beschloß deshalb, die Stellung von Reata zu räumen, und ging nach Aufräumung des Gefechtsfeldes mit der am weitesten nach dem Feinde zu gelegenen Gefechtslinie bis an das südwestlich des Reataberges gelegene Wasser zurück. Im Laufe des Tages trafen dahinter die anderen Abteilungen an verschiedenen Punkten der Straße Kahe-Reata ein und bezogen Lager.

Das Kommando begab sich zur Pflanzung Neu-Steglitz. Das Pflanzungsgebäude liegt auf halbem Wege zwischen Kahe und Reata, auf einer kleinen Höhe, die einen weiten Überblick über den gerade an der Straße Kahe-Reata besonders dichten Wald gewährt. Auf dem Wege traf ich den Kapitän Schoenfeld, der mich von der Aufstellung seines 10,5 ~cm~-Königsberggeschützes bei Dorf Kahe, am Südufer des Panganiflusses, unterrichtete. Der Feind besetzte nach unserem Abzug den Reataberg und schoß eine Weile mit Gewehren und leichten Geschützen ins Blaue hinein.

In den nächsten Tagen wurde der Vormarsch starker feindlicher Abteilungen von Taveta her nach Himo und das Aufschlagen großer Lager dort beobachtet. Gegen einen vorgelagerten, von uns nicht besetzten Berg, den kleinen Himo, entwickelte sich von Osten her über die dort ganz freie Ebene ein starker feindlicher Angriff, der nach langer und lebhafter Beschießung der leeren Höhe mit ihrer Inbesitznahme durch den Feind endete. Leider war es uns nicht möglich, mit raschen Truppenverschiebungen diesem Angriff aus unserem dichten Busch her schnell genug beizukommen. Vom kleinen Himo her beschoß leichte feindliche Artillerie häufiger unser Pflanzungsgebäude in Neu-Steglitz. In den wenigen Räumen dieses Gebäudes hatte ich vor Wochen nach erfolgreicher Büffeljagd eine gastliche Stunde verlebt. Der damalige eingeborene Jagdführer war zu den Engländern übergelaufen. Jetzt lag hier recht eng der Stab des Kommandos und seine Fernsprechzentrale. Ich selbst war so glücklich, mit Hilfe einer Chaiselongue und der Decke des Eßtisches ein leidlich bequemes Lager zu finden. Fernsprüche und Meldungen kamen ohne Unterbrechung Tag und Nacht; sie störten uns aber nicht dabei, uns wenigstens die materielle Seite des Daseins leidlich behaglich zu gestalten. Wir hatten ein Dach über uns, hatten auch die Benutzung einer europäisch ausgestatteten Küche und führten unsere gemeinsame Messe wie bisher in Neu-Moschi. Die eigenartigen ostafrikanischen Verhältnisse bedingen es, daß der Europäer dort eine nach europäischen Begriffen zahlreiche Bedienung hat. Auch jetzt im Felde hatte fast jeder zwei eingeborene Boys, die das mitgeführte Kochgerät und die Verpflegung verwalteten, vorzüglich kochten, Brot buken, wuschen und auch dem Leben im Busch einen großen Teil der Behaglichkeit verliehen, die man in Europa nur in Wohnhäusern vorfindet. Ich habe diese Erleichterungen des Daseins mitten im Busch so wenig wie möglich eingeschränkt mit Rücksicht auf Kräfte, Gesundheit und Stimmung der Europäer. Wenn der Stab des Kommandos trotzdem mehrfach Gebäude vorzog, so geschah dies weniger aus Gründen der Bequemlichkeit, als zur Erleichterung des nun einmal notwendigen Schreib- und Zeichenwesens.

Hier auf der Pflanzung Neu-Steglitz erreichte uns die überraschende Nachricht, daß ein zweites Hilfsschiff mit Waffen, Munition -- dabei auch mehrere tausend Schuß für die nunmehr an Land verwandten 10,5 ~cm~-Königsberggeschütze -- und anderem Kriegsmaterial für uns im Schutzgebiet angelangt war. Das Schiff war im äußersten Süden unserer Küste in die Ssudibucht eingelaufen und hatte sofort begonnen, seine Vorräte an Land zu schaffen. Trotz der großen Entfernung und der ausschließlichen Verwendung von Trägern als Transportmittel ist die Ladung für die Truppe in vollem Umfange nutzbar gemacht worden. Dieses Ergebnis war bei den vielen feindlichen Schiffen, die unsere Küste blockierten und absuchten, und denen das Einlaufen unseres Hilfsschiffes bekannt war, erstaunlich. Aber auch den Engländern wird unser Schiff Anlaß zum Erstaunen gegeben haben. Nachdem die Ladung gelöscht war, lief es wieder aus und war zur nicht geringen Überraschung des Feindes verschwunden. Wenn bei den auch in England vorkommenden Neckereien zwischen Marine und Landtruppen den letzteren vorgeworfen wurde, daß sie nicht mit uns fertig würden, so wurde die Marine mit dem berechtigten Hinweise zum Schweigen gebracht, daß sie den Deutschen nicht soviel Zufuhr an Waffen und Munition hätte gestatten sollen.

Die Bestände des Hilfsschiffes gingen nun in der Hauptsache über Land zur Zentralbahn und wurden an dieser oder in deren Nähe zur Verfügung des Kommandos gestapelt. Bei unserem Mangel an geeigneter Artillerie war es besonders willkommen, die mit dem Schiff gelandeten 4 Feldhaubitzen und 2 Gebirgsgeschütze schnell heranziehen zu können.

Das Hilfsschiff hatte auch Kriegsauszeichnungen mitgebracht: ein Eisernes Kreuz 1. Klasse für den Kommandanten der „Königsberg“ und so viel 2. Klasse, daß die Hälfte ihrer Besatzung dekoriert werden konnte. Für die Schutztruppe kam ein Eisernes Kreuz 1. und eins 2. Klasse, die für mich bestimmt waren, außerdem eine Anzahl Auszeichnungen für Askari; für die Europäer traf erst im September 1916 funkentelegraphisch die Nachricht ein, daß die Dekorationsvorschläge des Kommandos genehmigt seien.

Dritter Abschnitt

Zurückweichen vor übermächtiger, feindlicher Bedrängung

In unserem Rücken war Major Fischer mit seinen zwischen dem Kilimandjaro und Meru verwandten fünf Kompagnien vor der feindlichen Übermacht nach Neu-Moschi ausgewichen und nach Kahe herangezogen worden. Der ihm unterstellt gewesene Hauptmann Rothert war vor stark nachdrängenden Truppen mit seiner Kompagnie und der etwa gleichfalls kompagniestarken Abteilung Aruscha über Aruscha in der Richtung aus Kondoa-Irangi ausgewichen. Verbindung mit ihm war erst nach längerer Zeit über den Draht, der von Dodoma-Kondoa-Irangi nach Umbulu gebaut war, zu erwarten. Unsere Preisgabe von Neu-Moschi gab notgedrungen die Straße Taveta-Neu-Moschi-Aruscha dem Feinde frei. Dieser hatte somit die Möglichkeit, auch mit seinen von Taveta kommenden Truppen über Aruscha-Kondoa-Irangi in das Innere der Kolonie einzudringen und unser Nachschubwesen hier an einer äußerst empfindlichen Stelle zu treffen. Von uns, die wir in der Gegend von Kahe und Neu-Steglitz versammelt waren, hatte er hierbei nicht allzuviel zu befürchten. Gefährlich konnten wir ihm nur durch Angriff werden. Wenn wir nun auch alle Kompagnien von Tanga herangezogen und nur die unumgänglich nötigen Sicherungen dort zurückgelassen hatten, so konnten wir mit unseren 4000 Gewehren zwar den Feind im geeigneten Gelände anlaufen lassen, auch wohl, wenn er Fehler machte, diese durch geschicktes und schnelles Handeln ausnutzen, aber für mehr war das Kräfteverhältnis von 1 : 7 doch zu ungünstig. Von einem Angriff, der den nicht nur zahlenmäßig, sondern auch an Bewaffnung stark überlegenen Feind noch dazu in befestigten Stellungen vorfinden würde, konnte ich mir keinen Erfolg versprechen. Den Bitten mehrerer Kompagnieführer, anzugreifen, habe ich deshalb nicht nachgegeben. Aber dieser Ausdruck kühnen Soldatengeistes hat mich in der schwierigen Lage, in der wir uns befanden, gestärkt und gehoben. Kleinere Unternehmungen, die wir mit Patrouillen und einzelnen Abteilungen gegen die feindlichen Lager unternahmen, verliefen bedeutungslos, haben aber vielleicht dazu beigetragen, daß der Feind uns mit seinen Hauptkräften beachtete und nicht einfach an uns vorbeimarschierte. Von Himo schob er sich zwar weiter nach Westen vor, und es wurden auch starke Staubwolken beobachtet, die bis nach Neu-Moschi und weiter darüber hinaus nach Westen zogen. Ein großer Teil des Feindes bog aber aus der Gegend von Himo auf uns ab. Für den Führer sind solche Lagen außerordentlich spannend: man ist nicht Herr der Lage und muß notgedrungen auf die Initiative verzichten. Nur die allergenaueste Erkundung kann vielleicht eine Schwäche des Gegners enthüllen, und um diese auszunutzen und von neuem die Initiative zu gewinnen, darf keine Minute verloren werden. Glücklicherweise bot aber der Feind Schwächen, die wenigstens teilweise ausgenutzt werden konnten.