Mazedonien

Part 19

Chapter 193,490 wordsPublic domain

Aber mehr als diese wissenschaftlichen Beobachtungen bedeutete mir die wundervolle Landschaft, welche vom Gipfel aus nach allen Seiten sich um mich ausbreitete. Ich wußte nicht, in welche Himmelsrichtung ich zuerst blicken sollte. Ich wandte mich von einer Seite zur anderen, meine Augen tranken voll Wonne all die Schönheit in sich und die ganzen Stunden lang erfüllte mich ein Gefühl des Glückes in dieser menschenfernen Einsamkeit. Hier war ich einmal wirklich fern dem Krieg und den sich hassenden Menschen. Hier tönte der Lärm der Kämpfe nicht herauf und nur die Uniformen, mit denen wir bekleidet waren, erinnerten daran, in welcher Zeit all die Vertreter friedfertiger Berufe sich hier versammelt hatten.

Es war ein schöner Sommertag; am dunkelblauen Himmel schwebten mächtige weiße Wolkenballen hoch über den Bergen und warfen ihre wandernden Schatten auf deren Hänge. Vor allem großartig war der Blick nach Süden; über den Rasenhang vor uns senkte sich der Berg steil zu einem grasbewachsenen Vorberg hinab, den ein dunkler Wolkenschatten scharf vom Hintergrund abhob. Von seinem kahlen Rand mußte es schroff sich zum Tal und zur Paßstraße nach Prizrend hinabsenken; denn blau und zart hoben sich jenseits schon die nächsten Berge von ihm ab. Lange Hochtäler zogen südwärts bergan, von Bergketten eingefaßt, deren beide Flanken man von unserer Höhe viele Kilometer weit nach Süden überblicken konnte, bis sie dort in hohe Gipfel übergingen, deren Nordhänge Schneefelder bedeckten. Silbern blinkte aus jedem Tal der Bach herauf, dessen Zickzackband auf beiden Seiten vom Bergkamm gleichsam nachgeahmt wurde. Eine ungezählte Menge von Tälern und Schluchten modellierten die Seiten der Bergketten, zwischen denen hier und da ein grüner Rasen, eine dunkle Waldgruppe auftauchten.

Steile Felshänge und mächtige Schutthalden verrieten auch hier die Arbeit von Wasser, Eis und Wind, welche diese grandiosen Formen gestaltet hatten. Fast stahlblaue Flecken wurden von den Wolkenschatten über weite Gebiete gebreitet. So wie mit der Wolke ihr Schatten weiter wanderte, traten im Licht der Sonne alle Einzelheiten der Landschaft scharf hervor, jede kleine Kuppe, jede Schrunde, jeder Felsen und Sturzbach kam dem Auge gleichsam entgegen geeilt. Im Hindergrund der Täler, wo sie allmählich in den Wänden der hohen Berge verstrichen, lag in der Tiefe leichter Dunst.

Darüber aber hoben sich in kristallener Klarheit die gewaltigen Kegel mächtiger Hochgipfel; prachtvolle, edle Formen zeigten diese albanischen Berge mit ihren kühnen Umrißlinien.

In allen Abstufungen reiner blauer Töne modellierten sich ihre steilen Abstürze und breiten Flanken. Feine violette Schatten mischten sich am Nachmittag dazu, prachtvoll die zahlreichen Schneefelder aufblinken lassend, die uns anzeigten, daß dort die Gipfel annähernd so hoch wie unser Standort oder noch höher waren.

Zart verschwamm Kette hinter Kette in von der Sonne durchgoldetem Blau. Ganz im Süden, fern von uns schimmerten die gewaltigen Zinnen eines Bergstocks von beträchtlicher Höhe. Wie ein Feenpalast erhob dies Massiv seine eis- und schneebedeckten Massen über den kleineren Gebirgen vor ihm. Glitzernd wurden die Strahlen der Sonne von seinem Nordhang uns zugeworfen. Wir erkannten in ihm den _Korab_, ein Gebirge mit Gipfeln von etwa 3000 m Höhe, welches nordwestlich vom Ochridasee gelegen ist.

Ganz anders geartet war der Blick nach Norden, da zog die Kette des Schardakh in düsterer Nacktheit gegen den Ljubotren hin. Schroffe, kahle Felsenberge bildeten eine lange Kette, deren hintere Berge den Gipfel des Ljubotren offenbar verdeckten, denn wir konnten diesen nicht mit Sicherheit erkennen. Steil fiel der Abhang von uns hinab in die Mattenregion, welche sich um den Gipfel der Kobeliza ostwärts bis zur Gegend unseres Lagers hinzog. Direkt uns gegenüber stiegen steile Felsenwände senkrecht mehrere hundert Meter hinan zu einem scharfen Kamm. Etwas östlich führten in sanfter Neigung von der Mattenregion Rasenflächen zu einem breiten Buckel, der sich an den Felskamm anlehnte, vor uns aber ihm gegenüber mit steiler Felswand eine Schlucht begrenzt.

Auf dem Rasen des Buckels weideten tausende von Schafen, von oben herab sah jedes wie ein heller oder dunkler Punkt aus. Die Hunde, welche um die Herden herumtobten, trieben sie immer wieder zu dichten Haufen zusammen, welche wie Wölkchen aussahen, die immerfort ihre Gestalt änderten. Ganz seltsam wurde das Bild, als plötzlich zwischen uns und den Herden ein Adler seine Kreise zog. Da drängten sich alle Schafe zu einem mächtigen Haufen zusammen und liefen erst wieder auseinander, als der große Vogel mit majestätischem Schwung über die Felswände emporstieg.

Westwärts begann unterhalb des kegelförmigen Rasengipfels der Kobeliza ein steiler Grat, der vor allem nach Süden schroff abfiel. Auch nach Westen trennte uns ein Steilabfall von der anschließenden Kette albanischer Berge. Eigenartig hob sich der weiße Kalkstein der Gipfelregion von dem in dieser Höhe noch recht frisch grünen Rasen ab, in welchem die blauen Sternchen der _Alpenaster_ an vielen Stellen aufleuchteten.

Dunkle Wolkenschatten lagen auf den jenseitigen Bergen, welche unsere albanischen Begleiter die _Hasanitza_ nannten. Wir stritten uns lebhaft, ob ein dort zu Tal prasselnder Steinschlag von einem Rudel Gemsen losgelöst sei, oder ob so hoch oben Vieh weiden könne. Die Leute erzählten uns viel von den _Gemsen_, die tatsächlich in diesem Gebiet nicht selten sein müssen. Unsere Versuche, an solche heranzukommen oder während unseres Aufenthalts sie von den albanischen Jägern erlegt zu bekommen, scheiterten an der Kürze des Aufenthalts, der uns hier oben vergönnt war. Daß wirklich Gemsen hier vorkommen, das wurde mir sicher, als mir beim Abstieg der Bürgermeister des Dorfes _Selče_ ein prächtiges braunes Gemsenfell, eine schöne dicke Winterdecke, zeigte und mir ein paar Krickeln schenkte. Besonders schön und eigenartig war die Aussicht nach Westen; in dieser Richtung waren die Gebirge niedriger, so daß der Blick sich in unendliche Fernen erstrecken konnte. Zahlreiche Gebirgsketten zogen hintereinander von Süden nach Norden, manche von ihnen in klaren, eigenartigen Formen greifbar nahe vor uns liegend. Wir konnten die Senke erkennen, in der das _Amselfeld_ sich ausbreitet und die Berggruppe, welche im Nordwesten auftauchte, mußte schon zu _Montenegro_ gehören.

Entsprechend der nord-südlichen Ausdehnung des von uns bestiegenen Kettengebirges war auch der Blick nach Osten weit und frei. Von rechts und links traten Berghänge, deren Konturen sich gegenseitig überkreuzten, in das Sarskatal, welches man bis zur Ebene vor Kalkandelen verfolgen konnte. Fern vor dem Gebirge der _Karaschiza_ blitzte der Spiegel des _Wardar_ auf. Das waldarme Gebirge ließ seine charakteristische Modellierung, die reiche Verarbeitung seiner Hänge durch die Arbeit der Erosionskräfte mit aller Deutlichkeit erkennen, obwohl es in zarten Farben duftig vor mir lag. Jenseits der _Karaschiza_ sah man wieder eine Bergkette hinter der anderen sich in nord-südlicher Richtung hinziehen.

Voll von den großen Eindrücken traten wir erst am späten Nachmittag den Abstieg zu unserem Lager an. Dabei zerstreuten wir uns wieder alle im Gelände, ohne uns in dieser einsamen Landschaft viel Sorgen wegen unserer Sicherheit zu machen. Unsere Bedeckungsmannschaften waren viel ängstlicher und fürchteten sich sehr vor den Arnauten. Ich begegnete wiederholt solchen, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Obwohl man sich nicht mit ihnen verständigen konnte, waren sie nicht unfreundlich und nahmen mit strahlendem Lächeln die gespendeten Zigaretten an.

Während der nächsten Tage verfolgte jeder der wissenschaftlichen Teilnehmer der Expedition seine Sonderzwecke. So wurden die umliegenden Höhen bestiegen, die Bäche und Tümpel, Quellen und Schluchten untersucht und vor allem die Waldgrenze erforscht.

Es war besonders eine schön bewaldete Kuppe, welche als Vorberg weit in das Tal der _Sarska_ hineinragte, welche mancherlei interessante Ausbeute lieferte. Sie war von einem lichten Wald aus stattlichen Buchen und Weißtannen bedeckt. Vor diesem Hain war der felsige Hang von Wachholdersträuchern bedeckt, zwischen denen ein kurzer Rasen wuchs.

Die Höhe mit ihren edlen Tannen, zwischen denen die prachtvollsten Durchblicke auf das Hochgebirge sich eröffneten, hat sich ganz in mein Gedächtnis eingegraben. Ich werde nie die Stunden vergessen, die ich am Rande des schattenden Waldes an ihren Abhängen verbrachte. Im Gedenken an schöne Schwarzwalderinnerungen ist sie in meinem Tagebuch als _Weißtannenhöhe_ verzeichnet. Der Aufstieg zu ihr von unserem Lager führte an einem Teich vorbei, den wir den _Unkenteich_ nannten, da zahlreiche dieser Tiere ihn belebten und die Luft mit ihren Glockentönen erfüllten. Im Teich gab es außerdem viele Wasserkäfer (+Gaurodytes bipustulatus+ L. und +Colymbus luseus+ L.) und eine Unmenge der kleinen Muscheln aus der Gattung +Pisidium+. Von dem Wasser aus wurde der Anstieg steiler, der Hang bedeckte sich mit liegendem Wachholder (+Juniperus nana+ Wlld.). Zwischen dem zarten Gras blühte ein zierliches Haidekraut. Weiter oben mehrte sich allmählich Buchengebüsch, an welchem eine Anzahl von Spinnen ihre Netze gebaut hatten. Wenn die Tiere und ihre Bauten an Formen der Heimat erinnerten, so war es doch von Interesse festzustellen, welche Arten hier in der Höhe leben und ob sie auch hier ebenso bauen, wie an den Orten, an denen sie schon lange bekannt sind.

An den Buchen fand sich eine Spinne, die zwischen Ästchen und Blättern ein stattliches Segelnetz gebaut hatte, das mit einer zylinderischen Wohnröhre endete, in der die Spinne saß. Die Fäden des Netzes waren nicht kleberig aber auffallend mit Staub bedeckt, obwohl das Netz bewohnt war. An den Buchenbüschen fand sich eine zweite Form, welche ein Wirrnetz baute und ihren Zufluchtsort in einem Nestchen hatte, das aus Knospenschuppen der Buche bestand, welche durch Gespinst zusammengeheftet waren. Zwischen den Stämmen und Zweigen, vor allem der Tannen, waren große Radnetze wieder von anderen Spinnen ausgespannt. Es waren dies +Epeira diademata+ Clerck und +E. marmorea+ Clerck; erstere ist unsere Kreuzspinne, die ich im Flachland nie gefunden hatte und welche, wie so manche anderen mitteleuropäischen Tiere, hier im Lande das Hochgebirge aufgesucht hatte.

Im Buchendickicht fand ich damals zum erstenmal in Mazedonien _Ameisenhaufen_; es waren höchstens 20 cm hohe Hügel, welche im Durchmesser kaum 15-30 cm erreichten. Obwohl es nicht weit zu den Tannen war, bestanden die Haufen hauptsächlich aus den Nadeln der in der Nähe wachsenden Wachholdersträucher. Dazwischen fand sich Erde, Stengel und Ästchen von mancherlei Pflanzen, so von Heidekraut. Wie alle Haufen, die ich später in Mazedonien fand, waren diese von einer +Formica+-Art bewohnt und zwar von +Formica (Rhaphiformica) sanguinea+ Latr., einer Art, welche auch bei uns selten Haufen baut. Genauere Angaben finden sich im Ameisenkapitel (S. 159). Hier oben fanden sich im Holz der Tannen die Gänge einer +Camponotus+-Art (+C. herculeanus ligniperda+ Latr.), also nicht anders als in unseren Wäldern die typische Baumameise.

Um auf den Gipfel der _Weißtannenhöhe_ zu gelangen, mußte ich durch den Tannenwald, der sich hauptsächlich am Westhang gegen das kleine Tälchen hinzog, welches ich am Nachmittag des gleichen Tages besuchte und das an den Felshängen gegen das Sarskatal weit hinabreichte. Es war ein wilder dichter Wald, nur an einzelnen Stellen rein aus Tannen bestehend, sonst vielfach mit Buchen vermischt. Ein tiefer kühler Schatten herrschte unter den hohen Bäumen, durch deren Kronen ein starker Wind rauschte. Die silbergrauen Buchenstämme hoben sich zart und duftig von dem dunklen Grün des dichten Tannenbestandes ab; wenn der Wind die Tannen beugte, so blinkte silberig die Unterseite ihrer Nadeln auf. Am Hang standen zerzauste und windgebrochene _Wettertannen_ und gar mancher der Riesen lag zerschmettert am Boden neben seinem zerborstenen Stumpf, der kläglich aus dem grasigen Boden in die Höhe ragte. Es war eine echte _Weißtanne_, die hier noch einen ausgedehnten Wald bildete (+Abies alba Mill.+), welche nicht von der Schwarzwaldtanne zu unterscheiden ist.

In dem Hang des Waldes, welcher nach Süden abfiel, umrahmten die Tannen ernste, grandiose Gebirgslandschaften. Hier öffnete sich der Blick an vielen Stellen auf die steilen albanischen Berge um die _Hasaniza_. Tief im Schatten lagen über dem Tal drüben die schroffen Felsen hochansteigender Berge, welche unterhalb auch dichten Wald trugen. Darüber hoben sich klarer als am vorigen Tage die Hochgipfel mit ihren leuchtenden Schneefeldern.

Nordwestlich hoch aufragend bot die _Kobeliza_ von der Weißtannenhöhe ihren reizvollsten Anblick dar. Als mächtige Pyramide mit sanft ansteigendem Nordhang erhob sich der Berg majestätisch aus dem tiefen, dämmernden Talschlund; der Südhang dagegen mit unruhiger Zackenlinie der schroffen Kalkfelsen, an deren Rand ich am Tage vorher gestanden hatte, bildete einen wuchtigen Gegensatz zu den weiten Grashalden, welche die uns zugekehrte Ostseite des Berges bedeckten. Diese war vor allem im Süden und in der Mitte durch Erosionsschluchten und helle Felsen malerisch gegliedert.

Die Fülle blauer und violetter Töne an der breiten Wand der Felsen ließen den Berg wie eine Traumerscheinung weit hinter dem Tal zurücktreten, während das starke Grün der mich umgebenden Bäume mich in der schönen Wirklichkeit festhielt, in der ich verweilen durfte.

Hinter dem Wald überzog eine jetzt noch blumenreiche Wiese den östlichen Teil des Gipfels der Weißtannenhöhe. Verblühte Gräser und ein stark duftendes gelbes Labkraut waren von einem Bestand des liegenden Wachholders (+Juniperus nana+ Willd.) eingefaßt, der sich bis hier heraufzog. An geschützten Stellen standen einige jetzt noch blühende Disteln und Königskerzen.

Hier fand sich auch eine reiche _Tierwelt_. Unter den Steinen fing ich Skorpione und kleine Tausendfüßler. Um die Blumen flogen Schmetterlinge, zahlreiche Bläulinge, dunkle +Erebien+, eine Anzahl +Hesperiden+ fielen auf. Reich war die Ausbeute an Fliegen und Bienen. Hier begegnete mir wieder die dunkle Heuschrecke mit dem grellroten Hinterleib und den roten Beinen, welche ich schon auf der Mala Rupa bei ihrem _Balzflug_ beobachtet hatte. Auch hier stieg sie schnarrend in den grellen Sonnenschein auf, um schwebend zu lärmen und langsam zu Boden zu sinken (+Stenobothrus miniatus+ Charp.).

An 2 Tagen hielt ich mich vom frühen Morgen bis mittags auf der Weißtannenhöhe auf, um jedesmal am Nachmittag das _Buchental_ zu durchstreifen, welches an den steilen Felsen der Weißtannenhöhe entlang südwärts sich ersteckte. Zum Teil waren seine Hänge von Buchen bewachsen, welche einen halbtrockenen Bach beschatteten. An diesem Bach standen allerhand blühende Pflanzen, im Wald reiften wohlschmeckende Himbeeren und Erdbeeren. Hier gab es wieder viele Insekten, darunter Schwärme kleiner Mücken, viele Spinnen, wieder unter den Steinen Skorpione.

Wo das Tal am Berghang sich öffnete, floß der Bach in ein Sumpfgelände, in welchem zahlreiche hohe Disteln, Doldenpflanzen, Schilf und Binsen, meist verblüht und zum Teil verdorrt standen. Hier entsprang am Hang auch eine kleine Quelle, in deren Wasser unter Steinen sich _Blutegel_ und kleine _Flohkrebse_ fanden, wie sie fast in jeder Quelle und an jedem Brunnen vorkamen.

Über den Sumpf stiegen steile Felsterrassen an der Wand der Weißtannenhöhe aufwärts. Mehrmals wechselte ein senkrechtes Felsenband mit einer sanfter geneigten Halde ab, welche mit Gras und Kräutern und dazwischen den dunklen Wachholdersträuchern (+Juniperus excelsa+ M. B.) bedeckt waren.

Hier und über dem Sumpf flogen die _Apollofalter_, die wir schon beim Aufstieg bemerkt hatten. Auch hier hatten wir wie in der Mala Rupa kein leichtes Gelände, um die stolzen Schmetterlinge zu fangen. Im Sumpf versank man bis zum Knie im Schlamm, und das Wettrennen am Steilhang, abwechselnd auf dem glatten Rasen zwischen dem Wachholder und an den Felsenbändern, kostete trotz der frischen Bergluft manchen Schweißtropfen.

Weder mein braver Rangnow noch ich ließen es uns verdrießen und unsere Mühe wurde durch eine reiche Ausbeute belohnt. Während wir auf der Mala Rupa für den Apollofalter Mitte Juli etwas zu früh daran gewesen waren, und somit nur wenige frische Exemplare antrafen, waren wir hier Mitte August offenbar schon in das Ende der Flugzeit des schönen alpinen Schmetterlings geraten. Wir fingen noch eine Anzahl Exemplare, aber die meisten waren schon recht abgeflattert. Ja einige Exemplare fand ich im Sumpf auf den Disteln sterbend oder schon tot.

Auch sonst flogen hier in der warmen Sonne des Nachmittags zahlreiche Schmetterlinge umher, +Lycaeniden+, +Erebien+ und +Coenonymphen+ in verschiedenen Arten. Bemerkenswert war hier eine den _Perlmutterfaltern_ zugehörige Form von +Argynnis pales+, die sich deutlich von der auf der _Mala Rupa_ aufgefundenen +Argynnis pales balcanica+ Rbl. unterscheidet und wahrscheinlich eine unserer alpinen +A. pales pales+ sehr nahestehende neue Form ist. Damit war wieder der ausgesprochene alpine Typus der Tierwelt hier im _Schardakh_, gegenüber der etwas niedriger und südlicher gelegenen _Mala Rupa_ bestätigt. Von den Bläulingen erwähne ich +Lycaena damon+ Schiff.

Schöne _Schwebfliegen_ hielten sich auch in der Sumpfregion auf; ich erwähne +Chrysotoxum bicinctum+ L. und die alpine +Ch. cantum+ Harries.

Reichlich waren in der Nähe des Sumpfes auch Spinnen vertreten, so +Oxyopes ramosus+ Panz., +Pirata piscatoria+ Clerck., +Heriaeus hirsutus+ Walck. und +Thanatus arenarius+ Thor.

Sehr schön war von den Felsen der Blick hinab, steil die Hänge hinunter in das tief eingeschnittene Tal und über dieses hinaus gegen die Wardarebene und auf die Karaschiza.

Wir saßen müde vor unseren Zelten, als die Nacht niedersank und Stern auf Stern am Himmelsgewölbe aufblinkte. Unsere Mannschaften, Deutsche, Bulgaren und Albaner saßen und standen um die Lagerfeuer, deren roter Schein auf die Felsen hinter unserem Lager fiel und riesige Schatten der Menschen über die Wiese warf. Drüben in der Sennhütte bellten und heulten die Hunde und aus den Hürden ertönte das dumpfe Blöken und Meckern der zusammengedrängten Herden. Bei der Rückkehr hatten wir diese, in große Staubwolken gehüllt, von den Hochweiden niedersteigen sehen.

Die Lagerfeuer waren allmählich niedergebrannt, manche unserer Leute schliefen schon. Nur von Zeit zu Zeit flackerte ein Feuer noch einmal knisternd auf, warf prasselnd eine Garbe von Funken in die Höhe. Trotzdem kein Mond am Himmel stand, genügte das Licht der Sterne, um uns die Umrisse der Berge, den Taleinschnitt gegen Kalkandelen, drunten die Talebene und jenseits die lange gleichmäßige Kette der Karaschiza erkennen zu lassen.

Während wir die Sternbilder am Himmelszelt aufsuchten, die uns hier in 1600 m Meereshöhe klarer und sternreicher erschienen als unten im Tal, glaubten wir plötzlich nahe dem Horizont in der Richtung über _Kalkandelen_ neue Sterne aufblitzen zu sehen. Nein, das waren Leuchtkugeln und Raketen, welche dort unten in die Luft stiegen und von unserer Höhe aus einen phantastischen Eindruck machten. Farbige Sterne stiegen auf und verschwanden, Scheinwerfer warfen ihre Strahlenkegel auf die Berge der Umgebung oder ließen sie im endlosen Raum umherirren und verblassen. Und dies seltsame Schauspiel vollzog sich ohne Lärm und Krachen, das wir unwillkürlich erwarteten; die tiefe Bergeinsamkeit umgab uns und das Getöse, das die Menschen da unten verursachten, um sich an irgendwas zu freuen, drang nicht in unsere köstliche Stille.

Wir hofften auf einen Sieg, unsere Bulgaren träumten von Frieden, bis jemand sich daran erinnerte, daß der 15. August das Regierungsjubiläum des Königs von Bulgarien sei, und daß dies wohl da unten gefeiert werde.

Früh am nächsten Morgen wurden die Zelte abgebrochen; die Tragtiere wurden gesattelt und bepackt. Der Aufbruch war beschlossen, der Proviant für soviel Menschen und Pferde war erschöpft, schweren Herzens trennten wir uns von den Bergeshöhen und begannen den Ritt in die Tiefe.

Der Saumpfad, den wir aufsuchten, führte bald sehr steil abwärts, zunächst über Matten, dann an schönen Buchengruppen vorbei, schließlich tief in eine Schlucht hinunter. Nun kam es wieder zu allerhand Reitabenteuern. Unsere Pferde hatten sich oben von dem saftigen Gras der Matten dick vollgefressen; beim anstrengenden Abstieg schrumpften ihre Bäuche sichtlich zusammen. Die Sattelgurte saßen nicht mehr stramm und da niemand unserer Begleiter acht gab, wir aber alle genug mit Umschauen und Beobachten zu tun hatten, so kam es dazu, daß einer nach dem anderen von uns mit seinem Sattelzeug beim Abwärtsreiten über den Hals seines Pferdes rutschte und einen Purzelbaum bergab machte. Es waltete aber dennoch ein guter Stern über unserer Kavalkade und keinem von uns widerfuhr mehr Schaden als einige blaue Flecke.

Jenseits der Schlucht kamen wir auf einen Weg am Berghang, den man als feinen hellen Strich in der Landschaft schon von unserem Lager gesehen hatte und den man uns als den richtigen Weg nach _Kalkandelen_ bezeichnete, auf dem wir die Stadt diesmal auf dem linken Ufer der _Sarska_ erreichen sollten. An der Steillehne des jenseitigen Berges entlang kamen wir nach scharfer Biegung zu dem schön gelegenen Dorf _Vejče_ (Abb. 122).

Über das tief eingeschnittene Tal eines brausenden Baches, welcher der Sarska zuströmt, sahen wir das Dorf im Grünen vor uns liegen. Hinter den Häusern stiegen die Berghalden steil hinauf gegen die Abhänge der Kobeliza. Vejče erstreckte sich mit einem Zipfel noch in eine von den Bergen niederziehende Bachschlucht hinein.

Wie reizend war wieder der Eindruck dieses mazedonisch-albanischen Bergdorfes. Die meist viereckigen Häuser sind fast alle gleich groß, nur selten schaut hier und da eine breitere Front, ein höheres Dach heraus. Die Wände zeigen die graue Steinfarbe oder sind weiß getüncht. Viele haben schönes braunes Holzwerk, sehr viele Vorbauten oder Veranden mit Holzsäulen. Die kleinen Fenster sind meist auf die oberen Stockwerke beschränkt, die auch hier über die unteren vorragen. Breite, dunkle Schatten werfen die weitausladenden Dächer auf die weißen Wände. Auch die Schornsteine sind meist weiß getüncht und ragen mit ihrem flachen Dächlein wie kleine Türme über das Haus empor.

Die Dächer sind mit Stroh oder mit großen Steinplatten bedeckt, die weißgrau gefärbt, wie Solenhofer Schiefer aussehen und einen sehr sauberen, stattlichen Eindruck machen. Und alle die Häuser sind von Gärten und Höfen umgeben, sind in Grün gebettet. Üppige Obstbäume beschatten die Häuser. Zwischen den Wohnhäusern stehen kleinere, meist strohgedeckte Hütten, welche als Scheunen und Vorratsräume dienen.

Um das Dorf herum, unterhalb der Häuser am Bach, aber auch über dem Dorf einige hundert Meter den Berg hinauf ziehen sich frischgrüne Wiesen und wohlbestellte Getreidefelder. Erstere sind frisch gemäht, Heu lagert noch zum Teil auf ihnen. Auch das Getreide ist meist eingetan. Nur Hafer steht noch hier und da auf dem Feld. Fast zu jedem Haus gehört ein Hof, eine Tenne, auf der das Pferd oder der Ochs dreschend im Kreise läuft. Überall ist Leben und Bewegung im Dorf.

Wieder steigt mir die Erinnerung an japanische Dörfer auf, wenn ich das feine Silbergrau der Häuser so zart zu dem üppigen Grün der Bäume stimmen sehe, wenn ich die gleichmäßige Besiedelung, die guten Verhältnisse der Bauten und die reiche Pflanzenwelt überblicke. Zwischen den Obstbäumen erheben sich einzelne Pappeln, am Bach Weiden und Espen.