Mazedonien

Part 18

Chapter 183,299 wordsPublic domain

Rasselnd, unter Peitschenknall, in fast zu flottem Tempo über hartes Steinpflaster klappernd, führte uns der Wagen durch die Straßen der Stadt, über einen freien Platz, schließlich durch eine steile enge Gasse bergauf zum Offizierskasino. Hier sollten wir Gäste des Offizierkorps bei den Mahlzeiten sein, während wir für die Nächte auf Bürgerquatiere in der Stadt verteilt wurden.

_Kalkandelen_ macht einen recht sauberen und sympathischen Eindruck. Vor allem als Gegensatz zu dem verstaubten und verkommenen _Üsküb_ wirkte er sehr freundlich auf mich. Hier hatte der Krieg keine so furchtbaren Spuren hinterlassen als an den großen Heerstraßen Mazedoniens. Keinerlei Zerstörungen waren an den Häusern der Stadt zu sehen, keine verlassenen Gehöfte, nichts von dem Verfall und der Vernachlässigung, wie ich sie in den bisher besuchten Gegenden, im Wardartal und an der Front überall angetroffen hatte. Hier hatte der Krieg nicht getobt, wenn er natürlich auch für diese entlegene Stadt seine Folgen gehabt hatte. Hier hielten die Leute noch etwas auf sich selbst, auf ihren Besitz, ihre Häuser und Höfe. Sie gingen gut gekleidet und sahen einem offen und freundlich ins Gesicht, nicht mit dem gedrückten und scheuen Blick der Frontbewohner. Man hörte Frauenstimmen singen, sah jubelnde und spielende Kinder. Das waren für mich neue Eindrücke.

Ich freute mich, hübschere Mädchen auf den Straßen oder abends mit den großen Kupferkannen zum Brunnen zu gehen, mit munterem Geplapper an den Straßenecken stehen zu sehen.

Im Quartier wurde man freundlich aufgenommen. Die Häuser waren hier durchweg die typischen türkischen Stadthäuser, wenn auch die vornehmeren Familien, bei denen wir als Ehrengäste einquartiert wurden, alle bulgarisch waren. Meist stand das Haus im Hintergrund eines großen viereckigen Hofes. An dessen beiden Seiten oder meist nur an einer von ihnen zogen sich niedrige Wirtschaftsgebäude und Dienstbotenwohnungen hin. Das Wohnhaus war meist zweistöckig, im unteren Stockwerk befanden sich die Räume, in denen Gäste empfangen wurden, und in welchen die erwachsenen Familienmitglieder sich tagsüber aufhielten. Im oberen Stockwerk waren die Schlaf- und Wohnzimmer. Das Zimmer, welches mir überlassen war, offenbar das Staatszimmer des Hauses, besaß an zwei Seiten je drei Fenster, war daher hell und luftig.

Um alle Wände herum liefen Diwans; diese waren mit handgefertigten Spitzen und Häkelarbeiten, die mit rotem Stoff unterlegt waren, überzogen. An einer Wand stand eine Kommode, an einer anderen ein Glasschränkchen. In diesem waren die Kostbarkeiten der Familie aufgestellt. Eine Standuhr auf der Kommode ging nicht. Daneben standen Gefäße aus Glas und Kupfer, selten ein emailliertes Kästchen oder dgl. Dazu nur primitive Photographien, hier und da einmal ein Stich mit Kriegserinnerungen, historischen Szenen, Landschaften oder ein blinder Spiegel. Alles etwas verstaubt und vernachlässigt. Die Schlösser der Türen schlossen nicht, die Fenster ebensowenig, Scheiben fehlten. Aber das ganze Zimmer war sehr sauber gehalten. Das Bett, welches in einer Ecke für mich aufgestellt war, mitteleuropäisch ausgestattet, mit weißer, blitzblank reiner Wäsche und warmer Steppdecke. Die Kissen mit schön gestickten Überzügen waren offenbar die beste Bettwäsche der Familie.

Morgens früh brachte ein kleines Mädchen, wohl die Tochter eines der Dienstleute, mir in kleiner Porzellantasse auf silbernem Tablett heißen türkischen Kaffee. Das Waschgeschirr bestand aus einer ziemlich flachen Messingschale, zu der eine ebenso schön getriebene Messingkanne gehörte. Die übliche Waschprozedur war recht einfach. Man läßt sich über der Waschschale das Wasser über die Hände gießen, wäscht diese und reibt sich mit ihnen das Gesicht ab und die ganze Reinigung ist erledigt. Also im ganzen orientalisch-türkische Sitte, von den Bulgaren, wie die Hauseinrichtung ohne viel Änderung übernommen. Der Hof war auch hier nach türkischer Sitte zum Teil bepflanzt. Rebenlauben überdachten manche Teile, Oleander, Lorbeer und Granatapfelbäume standen in Kübeln umher, auch schattenspendende Bäume und Blumenbeete waren angepflanzt. Meist plätscherte ein Brunnen inmitten des Hofes; vor allem nachts war dies das einzige Geräusch, welches in das wohlgeborgene Haus drang. Bei Tag ertönte oft fröhlicher Kindergesang von einer munteren Schar, die unter dem Rebdach saß und spielte und den Fremdling freundlich begrüßte.

Abends saßen wir mit den Offizieren im Kasino und besprachen unsere Pläne. Es waren meist Herren von der Intendantur. Die Truppen der Division lagen in der Umgegend, der Stab in einem berühmten Kloster eine Stunde entfernt von Kalkandelen.

Am ersten Morgen fand der übliche feierliche Empfang in der Präfektur statt. In einem großen Saal mit Teppichen und Fahnen an den Wänden wurden wir durch eine längere Ansprache des Präfekten geehrt, auf die ich antworten mußte. Der Präfekt, in Friedenszeiten Gymnasiallehrer für Chemie in Sofia, zeigte volles Verständnis für unsere Pläne und versprach uns die Hilfe der Zivilbehörde als Ergänzung der militärischen Unterstützung, die uns in Aussicht gestellt war.

Nachmittags 3½ Uhr sollte der Abmarsch erfolgen, um die kühlen Abendstunden zum Anstieg bis auf eine gewisse Höhe auszunützen. In der engen Straße beim Kasino bildete sich alsbald eine höchst malerische Kolonne. Wir waren 7 Deutsche, zu denen 11 bulgarische Soldaten kamen, welche als Pferdeknechte und Bedeckungsmannschaften uns begleiten sollten. Die meisten der Soldaten, ebenso ihr Unteroffizier, der Tschausch, waren Mohammedaner. Die meisten sprachen nur türkisch. Dolmetscher hatten wir keinen, so war die Verständigung unterwegs vielfach nicht einfach, da nur unser ungarischer Bursche einigermaßen bulgarisch sprach. Wir kamen aber mit den gutmütigen Leuten recht gut aus.

Sechs gut gesattelte Reitpferde standen für uns Deutsche bereit, die Soldaten waren ebenfalls alle beritten. Dazu kamen 10 Saumpferde, welche unsere Zelte, Decken, Kisten, den Proviant und die ganze Ausrüstung zu tragen hatten.

Jeder von uns suchte sich ein geeignetes Reitpferd aus, wobei diejenigen, welche keine Reiter waren, etwas ängstliche Gesichter machten. Die Botaniker, die schon viele Reisen in Kleinasien, Persien und sonst im Orient hinter sich hatten, hatten schnell gewählt. Auch ich erfaßte die Zügel eines großen, schlanken Pferdes, welches mit ganz neuem Zaumzeug sehr gut ausgestattet war. Ich prüfte die Gurten, paßte die Zügel und Bügel an und als ich die Satteltaschen öffnete, um photographischen Apparat und Sammelgeräte in ihnen unterzubringen, entdeckte ich zu meinem Erstaunen am Sattelzeug dieses bulgarischen Armeepferdes einen deutschen Firmenstempel, und wie überrascht war ich, als ich da las: Handelskammer Freiburg i. Br. Also die Stadt, in der meine Universität sich befand, in der meine Lieben damals weilten, die hatte mein Sattelzeug geliefert. Ich sah dies als ein gutes Omen an, als ich mich zum Abritt mit unserem Führer an die Spitze der Karawane begab.

Bald saßen alle im Sattel; klappernd und hufeklirrend bewegte sich der lange Zug durch die engen Gassen zum Berghang. Wir blieben auf dem linken Ufer des brausenden Flüßchens, das vom Schardakh herunter kam und in wilder Felsenschlucht tief unter uns über die Steine brauste.

Es war die _Sarska_, deren Tal wir beim Ritt dieses Nachmittags einige Stunden verfolgen mußten. Hoch über dem rauschenden Flüßchen kletterte der Saumpfad den Berghang hinauf. Mit vorsichtigem Schritte suchten die Pferde ihren Weg über die glatten Steine und brachten uns flink vorwärts. Bald klomm der Pfad hoch am Hang in die Höhe, um dann wieder bis zum Wasser des Baches niederzusteigen.

Der Rückblick auf das malerische, in Grün gebettete und von Grün umgebene _Kalkandelen_ war prachtvoll; aus dem Gewirr der Häuser erhoben sich Minarets und Kirchtürme. Als wir etwa 7-800 m Meereshöhe erreicht hatten, wurde die Paßstraße breiter, schöne Wiesen, auf denen Heu lag, Haferfelder breiteten sich aus. Was aber der Gebirgslandschaft einen besonderen Reiz verlieh, waren die mächtigen, alten Bäume, die mit ihren dunklen Stämmen immer neue, wechselnde Umrahmungen der Gebirgslandschaft bildeten. Vor allem fielen die alten, gewaltigen _Edelkastanien_ auf, welche mit ihren gerundeten, üppigen Kronen eigenartig von den schroffen Felsen sich abheben. Sie sind in Mazedonien nicht häufig und außer hier im Sarskatal habe ich sie nur auf dem Wodno bei Üsküb angetroffen.

Auch andere stattliche Bäume vervollständigten den üppigen Eindruck dieser Oase im Felsenland. Eichen und Nußbäume erhoben sich neben allerhand Obstbäumen, an denen noch reichlich Früchte hingen. Um saftige Wiesen dehnte sich üppiges Buschwerk von Haselnuß- und Erlensträuchern aus. Bei einer starken, zum Fluß hinabplätschernden Quelle breitete sich ein grüner Rasen aus, umgeben von knorrigen Weiden. Auf der Wiese blühten dunkelrote Skabiosen, am Wasser weiße Doldenpflanzen und duftende Minze. Um die Blüten schwirrten Hummeln und Bienen, auf ihnen saßen Käfer, vor allem wie Edelsteine glänzende Chrysomelen (+Chrysomela menthastri+ Suffr.).

Durch die Kronen der Bäume öffneten sich jetzt Blicke auf die _Kobeliza_ und die umgebenden Bergmassen mit ihren steilen Felsenhalden, Waldbeständen und schimmernden Matten.

Sicher und brav stiegen unsere Pferdchen weiter den Pfad hinan, der jetzt schmal und verwegen hoch über der Schlucht am Felsen entlang führte. An einer breiteren Stelle des Tales lag über dem Bach uns gegenüber in etwa 900 m Höhe das Dorf _Brodeč_. Die albanischen Bergdörfer mit ihren braunen Häuschen und den grauen Dächern, von Bäumen beschattet, am Berghang angelehnt, boten höchst malerische Bilder, in der feinen Nachmittagsstimmung in silbergrauem Schimmer Erinnerungen an japanische Dörfer wachrufend.

Der Ritt verlief nicht ohne Abenteuer. Als der Pfad steil zum Bach abstieg, rutschte Herr _Müller_ plötzlich samt dem ganzen Sattelzeug über Hals und Kopf seines steil abwärts schreitenden Pferdes hinunter und schlug nahe am Abgrund einen Purzelbaum auf dem Saumpfad. Als wir erschreckt heranritten, schnupperte sein Pferd ganz behaglich an ihm und er stand lachend, zum Glück unbeschädigt, auf, um bald auf das wieder gesattelte Pferd zu klettern. Ähnliche Abenteuer passierten jedem der Teilnehmer der Expedition, da unsere Bulgaren mit den Pferden nicht so sorgfältig umgingen wie deutsche Soldaten und unsere Leute nicht viel von Pferden verstanden. So mußte jeder von uns regelmäßig sein Pferd sorgfältig nachsatteln. Doch verlief die Reise in den Schardakh ohne wesentlichen Unfall.

Abwärts in die Schlucht führte der Pfad über den jetzt schon viel kleineren Bach, jenseits schon am Hang der Kobeliza hinauf und dann steil abwärts zu dem hochgelegenen Dorf _Vešal_. Durch eine Schlucht gelangten wir in das 1150 m hoch gelegene Dorf, welches im Verlauf des Balkankrieges verlassen worden war und dessen meiste Häuser nun halb oder ganz zerstört waren. Ein noch ziemlich erhaltenes großes Haus sollte uns als Herberge dienen; es war zu solchem Zweck vorbereitet und mit einem Hängeschloß versperrt, zu welchem wir den Schlüssel mitbrachten. Ein großer Raum war am Boden mit Teppichen belegt. In diesem schlugen wir unser Quartier auf. Wir waren mit Decken wohl versehen; die konnten wir gut gebrauchen, denn in dieser Höhe war auch Mitte August die Nacht recht frisch.

In einem anderen Raum wurde abgekocht und müde nach den anstrengenden Vorbereitungstagen sanken wir auf die Teppiche nieder, um einen erquickenden Schlaf zu halten.

Es war etwas ungewohnt auf dem Boden, auf den nicht ganz sauberen Teppichen zu schlafen, von denen wir nicht wußten, wer sie vorher benutzt hatte. Zudem hatte man uns vorher gewarnt, die albanischen Dörfer seien sehr verlaust und von Fleckfieber verseucht. Aber wir blieben von Ungeziefer verschont. Später habe ich mich an diese Art von Quartier gewöhnt und nicht selten in solchen Räumen geschlafen.

Abends hörten wir noch von uns besuchenden Einwohnern, daß in den benachbarten Bergen Gemsen lebten und sie versprachen uns solche zu jagen.

Der nächste Morgen, Sonntag, den 12. August, fand uns schon früh auf den Pferden, schief am Berghang aufwärts reitend. Wir waren jetzt in einer prachtvollen Gebirgslandschaft. Die steilen, felsigen albanischen Berge erhoben sich ringsum zu beträchtlichen Höhen. Hier und da glänzten Schneefelder zu uns herüber. Steile Felsen warfen blaue Schatten auf weite Matten und stattliche Wälder erhoben sich an den Hängen.

Wir durchritten ein Bachtal, dessen einer Hang von steilen Felsen gebildet war, während die Höhen der anderen Seite über der Steilwand einen Buchenwald trugen, über denen Coniferen, offenbar Weißtannen, sich erhoben. Ein halb ausgetrockneter Bach kam das Tal herab, welches weiter oben üppige Vegetation zeigte, dazwischen Buchengebüsch, in welchem prachtvolle Exemplare einer _Fingerhutart_ mit gelben, rostbraun gefleckten Blüten standen (+Digitalis ferruginea+ Gris).

Etwas weiter oben, bei 1675 m Höhe, beobachteten wir die ersten _Appollofalter_. Außerdem umflogen die Blüten viele Hummeln und kleine Bienenarten.

Herr _Müller_ fing hier Exemplare des _Taufrosches_ (+Rana temporaria+ L.), ein interessanter Fund, da sein Vorkommen hier im Gebiet noch nicht bekannt war. Die Botaniker machten gute Ausbeute, vor allem als wir steilansteigend bei etwa 2000 m Höhe an einer steilen Felsenwand entlang einen Sattel überschritten, von wo wir wieder auf 1600 m herabstiegen, wo ein geeigneter Lagerplatz mit reichlich Wasser sich fand. Wir lagerten an einem Steinhang vor einer großen Rasenfläche, auf der eine kleine, strohgedeckte Hütte lag, die von Schafhürden umgeben war. Hier sollten wir auf Anordnung der Behörden von Kalkandelen mit Sennereiprodukten versorgt werden. Das war also ein sehr geeigneter Standort für unsere Unternehmungen an der Kobeliza.

Zunächst fielen uns wütend ein paar mächtige Hunde an, jene prächtigen mazedonischen Hunde, welche ich stets bei den Hirten im Gebirge antraf. Sie beruhigten sich, als wir in der Entfernung von ½ km unsere sechs Zelte aufschlugen. Ein lebhaftes Lagerleben entfaltete sich, während die Pferde abgesattelt und auf die Weide getrieben wurden, die Zelte allmählich erstanden und Lagerfeuer aufflammten, an denen unser Essen zubereitet wurde.

Als die Dämmerung herabsank, die Sonne noch in unserem Rücken die spitzen Gipfel der Kobeliza umstrahlte, kamen die Herden zur Sennhütte, die man hier _Mandra_ nennt, von den höher gelegenen Weiden zurück. Es waren hauptsächlich Schafe, von denen viele Hundert herangetrieben und in den Hürden für die Nacht zusammengedrängt wurden. Die Hirten kamen uns zu besuchen und brachten uns vorzüglichen Yogurth, Milch und Käse. So konnten wir getrost den kommenden Tagen entgegensehen.

Die Nacht sank herab und ein klarer Sternhimmel spannte sich über uns aus. Wie durchsichtig war die Luft in dieser Höhe; wie zog man genießend die frische Bergluft in die Lungen ein und ruhte sich von Staub und Gluthitze aus, aus denen man für einige Tage erlöst war.

Wir hatten einen sehr geeigneten Platz ausgesucht, um das umliegende Gebiet zu erforschen. Unmittelbar hinter unserem Lager stieg der Gipfel der Kobeliza kegelförmig an, zunächst felsig, nach oben aber in Matten übergehend. Sie ist ein typischer _Grasberg_, vor allem zogen sich von unserer, der Ostseite, die Matten bis zum Gipfel, während nach Süden schroffe Kalkfelsen steil abfielen.

Schon früh am nächsten Morgen brach ich auf, um zunächst den Gipfel der Kobeliza zu ersteigen. Ich kletterte zuerst durch steile weiße Kalkfelsen, welche sich malerisch hinter unserem Lager erhoben. Über den Hängen flogen _Steinrötel_ (+Monticola saxatilis+ L.) dahin. Die Matten zwischen den Felsen trugen eine reiche Pflanzenwelt. In der unteren Zone gab es noch einzelne Buchenbüsche, dazwischen _Wachholder_, eine Art hoch, buschig wachsend, eine zweite Form die gleiche, welche ich auf der Mala Rupa beobachtet hatte, am Boden hinkriechend, ein zartes Polster bildend (+Juniperus nana+ Willd.). Zwischen 1600 und 1700 m Höhe wuchsen Himbeeren und Erdbeeren, allerdings jetzt ohne Blüten und Früchte, dazwischen ein Gänseblümchen, reichlich _Fingerhut_ (+Digitalis ferruginea+ Gris.), zwei Stiefmütterchenarten. Sehr charakteristisch für diese Region waren die zahlreichen _Eberdisteln_, deren weiße, starre Kronen, überall dicht an den Boden gedrückt, aufleuchteten (+Carlina acaulis+ L.). +Silene+-Arten blühten zwischen den Steinen und vor allem freute mich, heimatliche Erinnerungen an die bayerischen Berge weckend, ein weißes Studentenröschen (+Parnassia palustris+ L.), welches an feuchteren Stellen stand. In Mulden an geschützten Plätzen erhoben sich stattlichere Pflanzen, +Veratrum album+, verschiedene hohe _Königskerzen_ (+Verbascum longifolium+ Ten.) und eine Anzahl mächtiger Distelarten bildeten da große Bestände. Zwischen den Steinen standen viele Exemplare einer Wolfsmilchart. Die _Disteln_ waren +Cirsium candelabrum+ Gris. und +C. appendiculatum+ Gris.

Der Aufstieg ging steil über offenes Gelände weiter; vor mir erstreckte sich ein unendlich erscheinender grasiger Abhang, südwärts ragten steile weiße Felsen auf. Als ich etwa die gestern überschrittene Paßhöhe mit 1900 m erreicht hatte, begann die Pflanzenwelt allmählich alpinen Charakter anzunehmen. Hohe Stöcke von +Geum montanum+ L. mit den tiefgelben Blüten, eine Art von +Euphrasia+, eine stattliche Primel (+Primula columnae+ Ten.), Glockenblumen (+Campanula pusilla+), Steinbrecharten, eine schöne _Storchschnabelart_ mit großen roten Blüten (+Geranium subcaulescens+ L'Hér.) wuchsen hier nebeneinander und boten, da viele von ihnen noch in Blüte standen, einen bunten reizvollen Anblick dar.

An einem Einschnitt floß das Wasser einer kleinen Quelle rauschend die Wiese hinab. Es war in einer Höhe von 2000 m. Am Rande des Bächleins und unter den Steinen gab es hier _Regenwürmer_, große _Laufkäfer_ (+Pachystus cavernosus+ E., +Carabus violaceus rilvensis+ Kolbe), und die üblichen Flohkrebse (Gattung +Gammarus+), welche man hierzulande in fast jedem Brunnen findet. In der Nähe des Wassers fanden sich Ameisen unter Steinen, so die überall so häufige Rasenameise (+Tetramorium caespitum+ L. und +Formicina mixta+ Nil. var. +mixto-umbrata+ For.).

Nun stieg ich steil weiter über einen eigenartig gleichmäßigen Rasen eines dunkelgrünen Grases. Einzelne Blüten der unten gefundenen Pflanzen lockten Schmetterlinge von dunkler Farbe mit blauen Flecken (+Erebia sp.+) und Bläulinge an.

Ebenso wie die Pflanzenformen, so wurden in der Höhenregion zwischen 2200 und 2500 m die Insekten ausgesprochen alpin. Es zeigte sich ein charakteristischer Unterschied gegenüber den Erfahrungen auf der einige hundert Meter niedrigeren und um einige Grade südlicher gelegeneren _Mala Rupa_. Vor allem waren hier oben die ausgesprochenen Hochgebirgsschmetterlinge vertreten, die zum Teil den Formen unserer Hochalpen nahestanden. Dort waren wir auch einer Gebirgsfauna begegnet, der aber die ganz typischen Hochgebirgstiere fehlten. So möchte ich als besonders wichtigen Fund +Erebia tyndarus macedonica+ Buresch erwähnen, der auf der _Mala Rupa_ durch +E. t. balcanica+ Rbl. vertreten war. Die hier fliegende Form steht unserer Hochalpenform von +E. tyndarus+ viel näher.

Von anderen Arten dieser schönen dunkelbraunen oder tiefschwarzen Falter mit den leuchtend blauen Augenflecken, die reichlich in der Höhenzone der Kobeliza vertreten waren, seien genannt +Erebia lygaea+ L., +E. epiphron orientalis+ Elw., +E. rhodopensis+ Bur. und +E. pronoë+ Esp., eine ganz stattliche Zahl von Arten.

Andere interessante Schmetterlinge waren +Epinephele lycaon+ Rott., +Coenonympha tiphon forma rhodopensis+ Elw., ein stattlicher _Bläuling_ (+Lycaena corydon+ Poda), der in Mitteleuropa in der Tiefe, hier als alpiner Schmetterling lebt. Eine Höhenform ist schließlich die _Hesperide_ +Angiades comma+.

Bemerkenswert für die Höhenregion der Kobeliza ist das Vorkommen von Hummeln von nordischem bzw. hochalpinem Typus. In der unteren Grenze dieses Gebiets bei 1400-1600 m flog +Bombus lapponicus+ var. +pratincola+ Nyl., weiter oben die var. +alpestris+ Friese, var. +helveticus+ Friese und var. +balcanicus+ Friese, letztere ganz hoch oben auf den Matten über 2000 m.

Die einzigen Spinnentiere, die ich in dieser Region fand, waren _Weberknechte_; es fanden sich zwischen 1500 und 2000 m unter Steinen ziemlich häufig +Phalangium cornutum+ T., seltener +Egaenus convexus+ C. L. Koch, dieser letztere hier das einzige Mal in Mazedonien.

Prof. _Müller_, der, vom nördlichen Abhang kommend, hier zu mir stieß, gelang in diesem Gras ein interessanter Fang. Er fand hier eine eigenartige Kreuzotternart, die Großaugenviper (+Vipera macrops+ Méhély), welche bisher nur aus Bosnien und der Herzegowina bekannt war. Die Art gleicht unserer Kreuzotter in der dunkeln Färbung und dem Zickzackband des Rückens, frißt aber nicht Mäuse wie diese, sondern vorwiegend Heuschrecken.

Von hier aus begann der Aufstieg sehr ermüdend zu werden; abwechselnd ging es über Rasen und Felder von Steintrümmern. Immer wieder täuschte ein aufragender Buckel uns den Gipfel vor. Endlich verriet uns ein Steinmanderl, das wer weiß wer hier oben errichtet hatte, den Gipfel.

Hier überraschte mich ein so überwältigend großartiger Rundblick, daß ich beschloß, lange Zeit auf dem ganz kleinen Raume des Gipfels zu verweilen, hier oben in der Sonne zu liegen und das umliegende Gebirge genau zu studieren. Tatsächlich blieb ich mehrere Stunden lang in dieser wundervollen Höhe, da allmählich von verschiedenen Seiten ansteigend alle Teilnehmer der Expedition sich auf dem Gipfel versammelten.

Die Ausbeute war für uns alle hier oben nicht allzu groß. Solche Grasberge pflegen weder faunistisch noch floristisch große Ausbeute zu liefern. Zumal war es jetzt Mitte August, somit für den Botaniker etwas spät im Jahre für diese Höhenzone. Ich bestimmte die Gipfelhöhe auf etwas über 2500 m. Offenbar war es der höchste Gipfel des Gebirgsstocks.

Die meisten Alpenplanzen waren schon verblüht. Immerhin machten unsere Botaniker auch hier einige interessante Funde, meist an schon samentragenden Pflanzen. Jetzt blühten noch einige Steinbrecharten, Nelken, Silenen und überall lugten zwischen Moos und niederem Gras die blauen Sternchen der _Alpenaster_ (+Aster alpinus+ L.) hervor. Etwas weiter unten blühte eine _Glockenblume_ (+Hedraeanthus kitaibelii+ DC.), hier oben stand das zierliche _Sandglöckchen_ (+Jasione supina+ Sieper.) und mit Freuden entdeckte unser Botaniker _Bornmüller_ die ersehnte _Balkandrottel_blume (+Soldanella pindicola+ Hauska.).

Wie immer versammelten sich hier in der Gipfelregion allerlei fliegende Insekten, vor allem Fliegen aus der Familie der +Oestriden+, von Schmetterlingen einige dunkle Erebien. Herr _Müller_ erbeutete hier die auch bei uns vorkommende Gebirgseidechse (+Lacerta vivipara+ Jaen.), auch ein wissenschaftlich bedeutungsvoller Fund.