Macchiavellis Buch vom Fürsten

Part 15

Chapter 153,452 wordsPublic domain

Einem gebornen Prinzen wird es ja nicht schwer, solche Neigungen zu befriedigen. Die Weiber kommen ihm natürlich stets entgegen. Er ist immer allein schön, klug, liebenswürdig. Er hat also wenig Versuchung, die Schranken zu übertreten, die ihm der Anstand vorschreibt, und in der fürstlichen Erziehung wird auf die Erhaltung des Anstandes so viel Werth gelegt, daß er ihn wol einmal verletzen, aber sich schwerlich ganz darüber wegsetzen wird. Anders der Privatmann, der zur Unabhängigkeit von den Gesetzen, die Andre binden, gelangt ist und keine Scheu vor dem öffentlichen Urtheile hat, er ergibt sich den Ausschweifungen der Wollust nicht allein aus Sinnlichkeit oder Eitelkeit, sondern oft aus bloßem Uebermuthe. Manche neue Fürsten haben einen Genuß darin gesucht, ihre Unterthanen auf diese Art zu beschimpfen, und die hierdurch gereizte Rache hat mehr Fürsten das Leben gekostet, als der Patriotismus von Republikanern.

Der neue Fürst selbst beschäftigt sich größtentheils mit herrschsüchtigen Plänen und wird durch die Rücksicht auf diese einigermaßen zurückgehalten. Aber Söhne und Brüder, die ihre Erhebung nicht eignen Bemühungen verdanken, verlieren alle Besinnung im Rausche der neuen Größe. Unzählige Beispiele finden sich in der Geschichte der römischen Imperatoren und des neuen Italiens. Eines lag dem Macchiavelli vermuthlich zunächst vor Augen.

Der alte Pandolfo Petrucci von Siena ließ morden, zwang reiche Erbinnen, seine Anhänger zu heirathen, und verfuhr überhaupt gewaltthätig mit den Bürgern, wo es in seinen Plan gehörte. Dabei behauptete er sich bis an das Ende seiner Tage. Aber sein Sohn, Borghese Petrucci, der die Früchte der väterlichen Bemühungen von früher Jugend an einerntete, wußte nicht was Alles beginnen, um sie zu genießen. Er beraubte Diesen und Jenen, verführte und mißbrauchte mit Gewalt Weiber und Töchter. Dafür ward er verjagt. Nicht besser machte es in Florenz selbst Alessandro von Medici, der nach Macchiavelli’s Tode nicht durch eigne Talente und Bemühungen, sondern durch Protection Herzog geworden war: auch er ward deshalb ermordet. Die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts enthält noch mehrere Beweise, bis zu welchem Unsinne der Uebermuth der Emporkömmlinge die unnatürlichsten Ausschweifungen der Wollust treiben kann. Was zum Beispiel ein Pietro Luigi Farnese, Sohn des Papstes Paul des Dritten, mit dem Erzbischofe von Bologna vorgenommen, als dieser ihn bei einem feierlichen Einzuge bewillkommte, grenzt beinahe an das Unglaubliche ....

22.

Es ist bereits einige Male Pandolfo Petrucci erwähnt, der sich zum Oberhaupte des Staats von Siena aufgeworfen hatte, ohne jedoch den Namen eines Herrn zu führen. Er verdankte den ruhigen Besitz seiner hohen Stelle vorzüglich dem Antonio Giordani von Venafro, der die Aemter eines Richters und öffentlichen Lehrers zu Siena bekleidet hatte, und dem Pandolfo als Staatssecretair und in Gesandtschaften diente. Den Ratschlägen dieses Mannes werden die feine Politik und das feste Benehmen, seiner grausamen Gemüthsart aber auch die Mordthaten zugeschrieben, wodurch sein Gönner sich emporschwang und erhielt. Von der Sinnesart des Giordani und zugleich vom Geiste der damaligen Zeit kann die Antwort als Probe dienen, die er als Gesandter dem Papst Alexander dem Sechsten gab. Dieser fragte ihn, wie er es anfange, die Sieneser zu regieren? – „Mit Lügen, heiligster Vater.“ –

Der alte Petrucci brachte es dahin, daß sein Sohn Borghese Petrucci (seine Mutter war eine Borghese) nach seinem Tode in seine Stelle einrückte. Aber der leichtsinnige und ausschweifende junge Mensch hatte nicht so viel gesunden Verstand, dem alten Rathgeber seines Vaters zu folgen. Er hatte einen Günstling, Pochintesta, der sich die ausschweifendsten Mißhandlungen seiner Mitbürger erlaubte. Antonio rieth ihm, sich durch die Hinrichtung desselben die Liebe des Volkes zu erwerben. Er aber ergab sich ihm, dem geliebten Genossen aller eigenen Bubenstücke, immer mehr, anstatt ihn zu züchtigen. Die Partei, welche den Borghese Petrucci zu verdrängen suchte, bemerkte bald, wo seine Stärke lag, und fing damit an, ihm den Antonio verdächtig zu machen. Der gedankenlose Borghese ging in diese Falle und ertheilte dem beschwerlichen Mentor den Abschied mit angeblichem Bedauern und in der Einkleidung eines Rathes, er möge der allgemeinen Abneigung ausweichen und sich entfernen. Recht wohl, erwiderte Jener, ich werde Ihnen das Quartier bestellen. Der junge Fürst mußte wirklich bald nachfolgen. Die Petrucci hatten es mit den republikanisch gesinnten Florentinern gehalten. Die Revolution zu Florenz, wodurch die Medici in demselben Jahre wieder eingesetzt wurden, als Pandolfo starb (1512), zog also natürlich auch in Siena eine Katastrophe nach sich, wodurch unter dem Schutze Papst Leo X. Rafael Petrucci, Bischof von Grosseto und Castellan des Castel Sant’ Angelo zu Rom, ein Vetter und geschworener Feind des Borghese Petrucci und Anhänger der Medici, statt des vertriebenen Borghese auf kurze Zeit Oberhaupt von Siena geworden war. Antonio von Venafro war glücklich nach seiner Vaterstadt entkommen und beschloß daselbst sein Leben in Ruhe. Borghese aber ward wahnsinnig und starb bald darauf in Neapel.

Der Fürst von Siena und sein Minister mögen in Einem verdienten Schicksale untergegangen sein und mit so vielen Andern vergessen werden. Was gehen sie uns weiter an? Aber das Mittel, wodurch der alte Rathgeber entfernt und der Fürst seiner Stütze beraubt worden, verdient Aufmerksamkeit. Dieser ließ sich überreden, sein Freund sei allgemein verhaßt; durch die Entfernung desselben werde ihm die Liebe des Volkes erhalten und seine Herrschaft gesichert werden. Eben so erregten die Günstlinge Königs Karl des Zweiten von England, denen der unbestechliche Clarendon im Wege war, zuerst ein leises Gemurmel: der Kanzler fange an verhaßt zu werden, er sei auch gar zu wenig nachgibig, sein Benehmen allzu rauh. Es fanden sich ihrer bald genug, die mit einstimmten, weil er sich geweigert hatte, ihre unziemlichen Begehren zu erfüllen, und so gelangte eine angeblich allgemeine Stimme vor den Thron, der König müsse seinen Minister entfernen, um selbst bei dem Volke beliebt zu bleiben. Clarendon mußte weichen, und nur sein Andenken hat eine verspätete Genugthuung von der unparteiischen Nachwelt erhalten.

Noch viele andere Fürsten sind in ähnliche Schlingen gefallen. Auch bessere, und diese eben durch den Mißbrauch, den man von ihren vorzüglichsten Eigenschaften gemacht hat; ihrer Achtung gegen das öffentliche Urtheil und gegen die Gesinnungen des Volkes. Dazu gehört wahrlich nicht einmal die Schlauheit eines Arlington oder Buckingham.

23.

Nie ist das alte, wenn man so sagen will, abgedroschene Kapitel der Moral die uralte Lehre, die schon jener griechische Philosoph beim Stobäus seinem jungen Prinzen ertheilt: „Hüte dich vor Schmeichlern!“ so lebendig und eindringend vorgetragen als hier. Nur ist der Satz: „Die Menschen sind ihrer Natur nach schlecht“ hier nicht recht passend, wenigstens zu allgemein gefaßt. Die Menschen sind nicht _alle_ schlecht – wenn auch unläugbar die überwiegende Mehrzahl. Sie sind nicht _alle_ eigennützig, von sträflichen Leidenschaften getrieben, wahrer Zuneigung und Vertrauens unwerth. Durfte wol Heinrich der Vierte den Sully für schlecht halten? Und hätte dieser eine solche Meinung ertragen? Aber nur ein Fürst, der wie dieser die Schmeichelei verschmäht, kann einen Sully finden. Macchiavelli hat vorhin in Kapitel 22 selbst einen Minister aufgestellt, dem der Fürst unbedingt vertrauen und den er in sein eignes Schicksal verflechten soll. Der Autor durfte doch kaum gemeint haben, daß der Fürst dies mit einem „schlechten“, wenn auch noch so klugen Menschen wagen solle.

25.

Die Geschichte der großen Weltereignisse sowol als die einfache Lebenserfahrung bestätigt ohne Zweifel die in diesem Kapitel vorgetragenen Lehren. – Jedes Zeitalter hat seinen eignen Charakter. Es hat nicht allein eine jede Generation ihren besondern Geschmack, ihre eigenthümlichen Grundsätze und Empfindungsweisen, sondern auch viele Begebenheiten, welche zufällig scheinen, weil ihr Zusammenhang mit den Gesinnungen und Neigungen der Menschen nicht klar vor Augen liegt, nehmen etwas von jenem eigenthümlichen Geiste der Zeit an. Nur derjenige kann hoffen, eine große Wirkung hervorzubringen, dessen Talente in gewissem Verhältnisse zu seinen Zeitgenossen stehen, und der in das, was sie treiben, auf die rechte Art eingreift. Dies Verhältniß des einzelnen handelnden Mannes zu dem, was ihn umgibt, läßt sich nicht immer in bestimmten Ausdrücken angeben und auf Grundsätze zurückführen. Der Beobachter der Welt stößt in der Geschichte und im täglichen Leben häufig auf ein unerklärliches Etwas, welches vollkommen gut ausgesonnene Pläne vereitelt. Es war nicht die rechte Zeit. Ein altes Sprüchwort sagt: „Der Mensch, der des Morgens mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette tritt, stößt den ganzen Tag über allenthalben an und läuft Gefahr, ein Bein zu brechen.“ Wer das Unglück hat, in seine Laufbahn mit einem ersten falschen Schritte einzutreten, kommt den ganzen Tag seines Lebens über nicht in den rechten Tact, und findet stets Widerstand.

Die größten Talente, ja auch Vorzüge des Gemüths, haben nur eine gewisse Zeit, während welcher sie vollgiltig sind. Glücklich, wenn ein günstiges Geschick den Mann von vorzüglichem Geiste abfordert, ehe die Periode abgelaufen ist, in welcher er etwas zu leisten vermag; oder wenn er den rechten Augenblick trifft, sich aus der thätigen Welt herauszuziehen, um dem herben Schicksale zu entgehen, ungeachtet der größten Anstrengung, geringeren, aber gerade jetzt besser angebrachten Kräften weichen zu müssen.

Macchiavelli sah selbst wohl ein, daß es unmöglich ist, dem Menschen vorzuschreiben, wie er handeln soll, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob er, nach seiner individuellen Gemüthsart, gerade er so handeln kann. In einem Briefe an Piero Soderini, worin er nicht mit der feierlichen Miene des Lehrers der Fürsten auftritt, sondern vertraulich seine Meinung mittheilt, drückt er es ganz vortrefflich aus. „So wie die Natur,“ sagt er, „den Menschen verschiedene Gesichter gegeben hat, so haben sie auch verschiedene Gemüthskräfte und verschiedene Launen. Auf der andern Seite sind auch die Zeiten gar sehr von einander verschieden. Demjenigen gelingt Alles _ad votum_, der es mit dem Zeitalter in seinem Verfahren recht trifft, und derjenige ist unglücklich, der mit demselben in Widerspruch geräth. Die Zeiten und die Umstände ändern sich aber gar oft, ohne daß die Menschen ihre Einfälle und Handlungsweise danach abändern. Wer so gescheidt wäre, Zeit und Umstände allemal zu kennen und sich danach zu richten, würde immer glücklich sein oder sich doch vor Unglück hüten. So würde der Weise wirklich den Sternen und dem Schicksale zu gebieten scheinen. Aber solche gibt es nicht: _die Menschen können ihre Natur nicht so ändern_.“

Können das die Menschen nicht? Hängt ihr Betragen also auch nicht blos von der richtigen Beurtheilung der Umstände allein ab? Bestimmt wirklich die eigenthümliche Gemüthsart, der Charakter des Menschen, auf welche Art er in das Gewebe der Begebenheiten, das ihn umgibt, eingreifen, und ob er etwas ausrichten werde? So ist es ja falsch, worauf doch das ganze System des Macchiavelli beruht: daß der Fürst sich ohne Vorliebe für irgend Etwas ganz allein von der kalten Beurtheilung leiten lassen müsse, um in seinen Unternehmungen glücklich zu sein. Am Schlusse des Kapitels, wo er Alles übersieht, was der Fürst gethan haben mag, und das Schicksal aller seiner Unternehmungen so treffend weissagt, gesteht der Lobredner des Verstandes selbst ein, daß zu einem großen Manne etwas ganz Anderes erfordert wird als Verstand, und daß es die Kräfte des Gemüths sind, welche die Rolle bestimmen, die er spielen wird.

26.

Das Schlußkapitel, der Aufruf zur Abschüttelung der fremdherrlichen Ketten, hat jetzt für uns nur als ein Meisterstück der Beredtsamkeit Interesse.

Es fand sich thatsächlich damals in Italien kein Fürst, der der Unternehmung gewachsen gewesen wäre, durch neue Anordnungen der Nation Einheit und Unabhängigkeit zu verschaffen. Die Intrigue fuhr daher fort, das Land zu zerreißen, und die Völker blieben ein Spiel fremder Mächte. – Der Historiker _Sismonde de Sismondi_ sucht (in seiner _Histoire des republiques de l’Italie_) die Ursachen des tiefen Verfalls des italienischen Volkes seit dem fünfzehnten Jahrhundert in dem Untergange der großen Republiken in der Lombardei, wodurch zuletzt auch das Ende der Freistaaten in Mittelitalien und die Unterwerfung der ganzen Nation unter fremde Herrschaft herbeigeführt worden ist. Es ist begreiflich, daß die rohe Gewaltthätigkeit, wodurch die Herrschaft in allen Landschaften und Städten von Italien unzählige Male genommen und verloren worden, in Unbändigkeit des schwelgerischen Genusses überging, und daß allgemeine Erschlaffung erfolgen mußte, sobald Nachfolger und Enkel jener Emporkömmlinge zum ruhigen Besitze der Gewalt gelangten. Aber dagegen schützt auch die republikanische Verfassung nicht. In der Geschichte von Venedig entwickelt sich zufolge der Darstellung, welche _Daru_ (_Histoire de la republique de Venise_) aus urkundlichen Quellen entworfen hat, in ihrem Entstehen, Fortschreiten und Verfallen der Verfassung derselbe Charakter, der den gleichzeitigen italienischen Einzelherrschern eigen ist.

In den Bewegungen eines von Parteien zerrissenen Volkes werden alle Anlagen des Geistes und des Gemüthes gereizt, sich zu entwickeln, aber nicht blos die schlechten, auch die besten und edelsten. Man sieht daher in Republiken, auch in Zeiten der größten Verdorbenheit, einzelne große Bürgerseelen aufstehen; dahingegen unter der Tyrannei nichts von Allem aufkommt, was bei Macchiavelli _virtù_ heißt. Sie verschwand sehr bald in Florenz unter den Großherzogen, und von dieser Seite hat die frühere Erhebung der Visconti und Sforza zu Herren von Mailand der Nation viel geschadet. Aber die Unabhängigkeit von Italien würde schwerlich durch die Herstellung der mailändischen Republik bewirkt sein. Diese würde gleich den toscanischen Freistaaten nur dahin gestrebt haben, schwächere Nachbarn zu unterdrücken, statt mit ihnen einen großen Verein zu bilden, um sich gegen fremde Uebermacht zu schützen. Schon vormals hatte die Geschichte des alten Griechenlands ein Gleiches gezeigt.

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Wenn man nun den ganzen mit Macchiavelli zurückgelegten Weg hier nochmals mit einem Blicke übersieht, so wird man von einer sonderbaren Empfindung ergriffen. Jedes einzelne Urtheil, jeder Rath, jeder Anschlag ist so zutreffend, daß man der überredenden Kraft nirgends widerstehen kann, sobald man sich einmal von dem Rade hat ergreifen lassen, welches unaufhaltsam mit sich fortreißt. Vorausgesetzt, daß der erste Schritt einmal geschehen sei, so kann er nicht besser verfolgt werden. Es muß Alles so kommen, wie Macchiavelli sagt. Man muß also auch so handeln, wie er angibt, um die Abgründe zu vermeiden, zwischen denen sich der Weg hinzieht. Dennoch bleibt immer in der Tiefe des Gemüths etwas, das widerstrebt und die Ueberzeugung zu Schanden macht. Macchiavelli kann dreist seine Leser auffordern, etwas gegen seine einzelnen Urtheile einzuwenden. Aber wer könnte wol das Ganze für mehr als für ein Spiel des Verstandes halten? Das ist es eben: _das ganze Buch ist nur die Frucht des Verstandes_. Von Theilnahme am Schicksale der Menschen, von Rücksichten auf ihre Empfindungen, von ihrer Zufriedenheit als einem Zwecke an sich selbst ist gar nicht die Rede. Man vermißt durchaus Alles, was vom Gemüthe abhängt und aus der Empfindung für Andere entspringt, oder was der Sinn für einen erhabenen schönen Zweck eingeben könnte. Daher bleibt der Leser immer unbefriedigt, so viel er auch zu bewundern findet. Moralisches Gefühl hat Macchiavelli entweder gar nicht gehabt, oder es ist in ihm von politischen Leidenschaften ganz unterdrückt. _Was aber bloßer Verstand zu leisten vermag, das hat er erreicht._ Und deswegen ist im Einzelnen so viel von ihm zu lernen; auch für den, der die ganze Denkungsart und die Grundsätze, die im Buche herrschen, verabscheut. Niemals hat ein politischer Schriftsteller die Handlungen der Menschen und ihre Folgen mit mehr Scharfsinn entwickelt, und gerade vom gewöhnlichen Fehler der Scharfsinnigen findet sich bei ihm keine Spur: von der Ueberfeinheit. Keiner hat jemals besser gewußt, jedesmal den Punkt, auf den Alles ankommt, zu treffen. So wie man von seinem großen Landsmanne Michel Angelo erzählt, daß er immer mit dem Meißel in den Marmor geradezu hinein gehauen und auf ein Haar getroffen habe, wie weit er gehen müsse, eben so gibt Macchiavelli immer mit Einem Worte das Rechte an, verwirft alle Künsteleien, die nur verwirren, und sagt den Mächtigen auf den Kopf zu, was in ihrem Sinne tief verborgen liegt. Hiermit stimmt auch sein Vortrag überein. Es ist bekannt, daß die Italiener ihn für ihren besten _Prosaisten_ halten. Von der Weitschweifigkeit, dem verwickelten und weit ausgesponnenen Periodenbau der meisten italienischen Schriftsteller, von diesem allgemeinen Fehler, der fast der Sprache selbst eigen zu sein scheint, ist er ganz frei. Die Vollkommenheiten seines Vortrages, der gedrängte Inhalt und der kräftige Ausdruck sind aber am auffallendsten im Buche vom Fürsten. Dieses thut denn auch eine Wirkung, welche der größten Erwartung entspricht, die der Verfasser davon gehabt haben mag. Man fühlt, daß es unmöglich ist, besser anzugeben, wie man die Herrschaft erwerben und behaupten könne, sobald es nur um dieses zu thun ist, und alles Andere nicht beachtet werden soll.

Aber das Bild dieser Herrschaft steht auch in Begleitung aller furchtbaren Genien, die sie herbeigeführt haben, der Gewalt, der List, der Treulosigkeit, Heuchelei und Schamlosigkeit, mit ihrem Gefolge, dem dumpfen Mißtrauen der Unterworfenen, und der tiefen Verschlossenheit ihres gedemüthigten Herzens, dies Alles steht in der schrecklichsten Verbindung zu einem Ganzen vor den Augen des Lesers, und läßt nicht ab, ihn zu verfolgen. Wer die Geschichte selbst durchgedacht hat, wird unablässig aufgefordert, immer wieder aufs Neue zu prüfen, wie denn diese Resultate der Beobachtung dessen, was geschieht und was geschehen kann, mit den Grundsätzen über das, was geschehen sollte, die Niemand verläugnen kann, in Uebereinstimmung gebracht werden mögen.

Diese Untersuchung, deren Hauptmomente in den Bemerkungen über das Buch angegeben sind, ist um so viel interessanter, da es nicht nothwendig ist, eine gänzliche Unempfindlichkeit gegen das Wohl andrer Menschen, und einen selbstsüchtigen Ehrgeiz bei dem Schüler Macchiavelli’s vorauszusetzen. Ein Kopf, der von schwärmerischen Plänen zur Verbesserung des Menschengeschlechts und seiner Verhältnisse im Großen eingenommen ist, kann sich auch wol verleiten lassen, alle einzelnen Menschen als Werkzeuge seiner gutgemeinten großen Absichten anzusehen und alle Verpflichtungen, die sich auf die gewöhnlichen Vorschriften der Sittlichkeit gründen, einem erdichteten höhern moralischen Zwecke aufzuopfern.

So ist der Geist der Politik, die Macchiavelli lehrt, auch in philosophischer Gestalt und mit einer moralischen Larve, in dem Grundsatze, daß der Zweck die Mittel heilige, zum Vorschein gekommen. So sehr aber dieser Lehrsatz auch von den Leidenschaften begünstigt wird, die sich vortrefflich darauf verstehen, ihre Wünsche dem angeblichen höhern Zwecke unterzuschieben, so ist doch die gewöhnliche Moral zu tief in den Empfindungen gegründet, als daß man häufig Menschen finden sollte, die sich in einem ganz consequenten Betragen darüber weggesetzt hätten.

Dieses geheime Gefühl der moralischen Bande wird oft unterdrückt, erwacht aber immer wieder. Daher kommt es denn, daß die Menschen in ihrem Benehmen (so lautet eine der berühmtesten und treffendsten Bemerkungen Macchiavelli’s in seinen „Discursen“ 1, 27) nie ganz gut oder ganz böse sind, und eben deswegen in so vielen großen Unternehmungen verunglücken.

Sie möchten wohl: aber da sie doch nicht dürfen, so wollen sie auch nicht recht. Sie fangen an, in Hoffnung, der Zufall werde das Uebrige thun. Verweigert dieser seinen Beistand, so bedenken sie sich, Schritte zu thun, von denen sie doch voraussehen konnten, daß sie unvermeidlich sein würden. Einige Treulosigkeit, einige Verrätherei, einige Verletzung der allgemeinen Gesetze der Sittlichkeit hält Jeder im Gedränge der Umstände für erlaubt, und verzeiht man einander allenfalls. Wenn es aber dadurch so weit gekommen ist, daß ein letzter dreister Streich zum Ziele führen würde, so versagt das Herz. Wären die Menschen etwas besser, so blieben sie von Unternehmungen zurück, die sie in solche Verwicklungen führen; wären sie etwas schlechter, so verfolgten sie ihre Zwecke ohne Bedenklichkeit bis ans Ende, opferten alles Andre auf und verlören vielleicht Manches, erhielten aber doch das Eine, worauf es abgesehen war. Sie erhielten es vielleicht in einzelnen Fällen. Aber wohin führt ein ganz consequentes unsittliches Betragen? Lassen sich dadurch Zwecke erreichen, die eines wirklich großen Geistes würdig wären? Macchiavelli selbst gesteht ein, daß es dazu nicht hinreicht, indem er von seinem Idealfürsten verlangt, er solle trotz seiner innern Gleichgiltigkeit gegen die Moralität den Anschein und den Ruf aller Tugenden erwerben, die er ihn im Herzen zu verachten befiehlt. Was aber davon zu halten ist, das haben wir vorher gesehen.

Ende.

ANMERKUNGEN

1 Man vergleiche zu dem Folgenden Macaulay’s geistvolle Abhandlung „Macchiavelli“ in Möllenhoffs gewandter Uebersetzung (Univ.-Bibl. Nr. 1183).

2 Wir besitzen darüber hinreichend befriedigende Quellen. _Macchiavelli’s florentinische Geschichte_ schließt zwar schon mit 1492, aber seine übrigen Werke enthalten auch einzelne Züge zur Beurtheilung der folgenden Begebenheiten. Neben _Guicciardini’s italienischer Geschichte_ haben wir eine Menge florentinischer Geschichtsbücher. Außer dem fleißigen Benedetto _Varchi_, der eine vollständige und ausführliche Erzählung aller Begebenheiten, an denen er Anfangs selbst Antheil genommen, aus den besten Quellen, welche ihm von allen Seiten eröffnet wurden, zusammengetragen hat, und der Geschichte des ehrlichen _Nardi_, die vorzüglich wegen der Nachrichten von dem schwärmerischen Demagogen Savonarola merkwürdig ist, sind noch ein paar Werke vorhanden, in deren Verfassern man den Geist wahrer Staatsmänner nicht verkennen kann. Bernardo _Segni_, ein Schwestersohn des Niccolo Capponi, welcher während der Jahre 1527 und 1528, bei dem letzten Versuche, die Republik herzustellen, Haupt des Staats und Anführer derer war, die eine auf Gerechtigkeit und Billigkeit gegründete Verfassung einzuführen wünschten, und Filippo _de Nerli_, ein verständiger Freund republikanischer Freiheit, und genauer Bekannter der Männer welche früher im Jahre 1522 einen vergeblichen Versuch machten, eine Republik herzustellen, und deren vornehmster Rathgeber Macchiavelli war. Nerli schloß sich nachmals im Gedränge des demokratischen Fanatismus an die Medici an, die allein Schutz gegen die Wuth des erhitzten Pöbels geben konnten, und ward zuletzt unter den Herzögen Senator. Sein Werk enthält die besten Anzeigen und treffendsten Beurteilungen der so oft veränderten Verfassung. Die Erzählung geht bis 1555.

_ 3 Memorie Storico-Critiche della Città di Siena, che servono alla vita civile di Pandolfo Petrucci dal 1480 al 1512. da Gio. Ant. Pecci, Patrizio Sienese. Siena 1755._

4 Diese wenigen Nachrichten finden sich in der Geschichte Filippo de’ Nerli’s, welcher alle genannten Personen und besonders den Macchiavelli genau gekannt hatte, und der Partei selbst wohlwollte.