Luthers Glaube: Briefe an einen Freund

Part 13

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Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller »Die Teilung der Erde« und den Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen: »Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch von Anfang bereitet sind.« Wie matt, von der Blässe des Gedankens angekränkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch klopft, das Blut noch glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung aus einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken vom Körper abgesonderte Herz hervorbringt.

Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang des inneren Lebens als eine fortdauernde Verdichtung auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen auch alle Künste, als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten auf dem Gebiete der Baukunst und am stärksten auf dem der Dichtkunst, wo der Geist sich seiner und Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum Bewußtsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist, nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und ist das Wort von der Lippe abgelöst, so fristet es ein selbständiges Dasein weiter als Gedanke.

Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewußten Geistes oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht durch verstärkten Blutdruck infolge außergewöhnlich verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von Lombroso beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein gesteigertes Wärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen Geisteswerke in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich selbst erfahren, daß sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die Gefühle leichter zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt wird.

Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten hätte, würde es zum Schatten. Der Christ sät den Samen des Wortes vertrauend in das Erdreich des Gehirns, weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn die Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe in das ewige Licht zu schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persönliche Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden ist. Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, daß es Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als die #Penetratio corporum#, die Durchdringung des Verweslichen und Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schönheit als die in der Fülle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das Fleischwerden des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklärungen heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist die Person; nur in der Person kann die göttliche Kraft Fleisch werden. Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und Volksmäßigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das stärkere Herz, das das bewußte Geistesleben erfordert, macht die Persönlichkeit; Israel sein, ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit führt Luther als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede Kritik seines Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides, Werkzeug und Herr ist, annähernd erreicht; wirklich ist persönliche Empfindlichkeit und persönlicher Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte, kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche der Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche Bändigung und Beseelung.

Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane und C. F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst aufzuhören pflegt, so um das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so daß das Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist. Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschluß an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die aus stillem Hafen auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es lebt und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Füßen; man wird durch keine Geschmacklosigkeit gestört, aber auch von keiner tödlichen Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt das Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane, seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; dafür hat sein Herz in Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten gestalten und beseelen können.

Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig und traurig ist es nur, daß auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen Herzen schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre Gefäße zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack argwöhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der Großherzigkeit dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewiß die Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, die für das sinnliche Herz empfänglich sind.

Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes müßte es wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, daß er das alles gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit seines Begreifens das Reich der Kunst anfängt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers aus der Bibel. »Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein kommt dein Heil.« Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht kein Kaiser oder Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen.

»Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein menschlich und teuflisch Ding«, heißt es in den Tischreden, »darum ist es stracks unnütz und schädlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort, führen dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den Zeremonien, die halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse folgen dem Kriege, wollen auch Kriegsleute sein; die Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch regieren; die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch kunstreiche Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten Künsten, wollen traun auch gelehrt sein, wie Mäusedreck sich unter den Pfeffer menget.«

»Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, so tut er nichts, denn daß er Affen reizet und macht, und der große Haufe folgt den Affen nach. Gott aber behält das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt von Anfang gewesen.«

Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht jeder lernen und insofern auch nachahmen. Nachahmen muß jeder, aber nur die Antike und die Natur, also die unpersönliche Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt und lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in der Kunst wegfällt, sondern weil man nichts damit erreicht. Das Persönliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle Übergangspunkt des Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen läßt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke Luthers ruft: dies ist der Luther.

XVI

Ich fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen über das Wesen des Wahnsinns.

»Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird faßlicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken, welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen, wie schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang nachhängen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, das heißt im System der sich auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen haben mag. Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation nicht rein durchgeführt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle oder Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die dadurch entstandene Lücke beliebig ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da ... Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns ansehen als ein gewaltsames >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< irgendeiner Sache, welches jedoch nur möglich ist mittelst des >Sich-in-den-Kopf-setzen< irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich das >Sich-in-den-Kopf-setzen< das erste und das >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< das zweite ist.« Einen Lethe unerträglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel der geängstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn; das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge könnte man auch sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, wie denn auch dieser Wahnsinn in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen Entgiftung nicht gewachsen.

Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers folgen lassen, die einem Brief an Link entnommen ist: »Über die Wahnsinnigen ist meine Meinung die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist, sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen Ursachen zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das bloß, weil sie die gewaltige Macht und Kraft der Dämonen nicht kennen. Christus nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich >von Satanas gebunden<. Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: daß alle, die Christus gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt waren. So muß ich also auch denken, daß Stumme, Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden verdanken ... Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, von denen ihr schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei, Mord, Raub und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein Mensch denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und so schlägt er selbst Paulus mit Fäusten und greift Christus an nach Belieben Matth. 4.« Diese und ähnliche Äußerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche auf einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaften #diabolus ex machina# geschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher, den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht oder Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten, elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein vom Teufel in körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., auf der geistigen Stufe als Besessensein von willkürlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, und obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst gegenüberstehen muß.

Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als Überhandnehmen der Hemmungen der unwillkürlichen Kräfte des Menschen durch die willkürlichen, so bedeutet das dasselbe wie Schopenhauers Erklärung, er bestehe in willkürlicher Verleugnung und endlich gänzlicher Verdrängung der Wahrheit. Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge welcher die Bindung zwischen Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, die Seele, nicht zustande kommt, so daß der betreffende Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die vollständigste Absonderung von Gott und der Menschheit, die man sich denken kann: der Mensch ist ein isoliertes Selbst, das immer mehr verzwergen und endlich ganz verschwinden muß. Der Wahnsinnige ist demnach der größte Sünder.

Vielleicht hast du auch schon über die Sünde wider den Heiligen Geist nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift lehrt, nicht vergeben werden kann. Nun heißt ja Sündenvergebung nichts anderes als Gewinnung des inneren Friedens, innerer Übereinstimmung. Jede Sünde und jeder Irrtum kann dadurch aufgehoben werden, daß der Sünder und der Irrende sein Unrecht und die Wahrheit einsieht; sieht er aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so befindet er sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie der Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Daß es eine Sünde gibt, die nicht vergeben werden kann, heißt eigentlich, daß es unheilbaren Wahnsinn gibt. Die Sage erzählt, daß der Adler, das einzige Geschöpf, das in die Sonne sehen kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, daß er ihre Augen dem Sonnenlicht aussetzt; können sie es nicht ertragen, so tötet er sie. Der blendende Strahl der göttlichen Wahrheit erleuchtet den götterhaften Menschen; dem gottlosen geht er tödlich durchs Herz.

Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, wie er praktisch verfuhr, wenn er mit Geisteskranken zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug an sich selbst gewonnen; du wirst wissen, daß er zeitlebens an Melancholie und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit der Melancholie kam im Zeitalter Luthers häufig vor, so daß man sie für seine und die nachfolgende Zeit geradezu charakteristisch nennen kann. Sie wurde aufgefaßt als ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt mit Zweifel, einer leisen, tastenden Hemmung, und endet, falls der Teufel siegt, mit Verzweiflung. Die Auffassung des Selbstmörders als eines von Gott abgefallenen Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen Kampf, der unter völligem Bewußtsein des Menschen vor sich geht, nannte Luther Anfechtungen; unter Melancholie verstand er eigentlich jenen Zustand des weitesten Auseinandertretens der kämpfenden Kräfte, der jede Entladung der Kraft unmöglich macht: ein Zustand gänzlicher Unproduktivtät, den man lebendigen Tod nennen kann.

Zum Beginnen, zum Vollenden Zirkel, Blei und Winkelwage; Alles stockt und starrt in Händen, Leuchtet nicht der Stern dem Tage.

Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas schwächliche Unterschrift zu Dürers Melancholie: das Werkzeug, das unwillkürliche Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift es nicht. Das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf den Herzschlag, der den gebannten Sphären das Zeichen zum rhythmischen Umschwung geben soll.

Der volkstümliche Ausdruck für verrückte Menschen, daß sie vom Teufel geritten werden, erinnert an das Bild der Bibel, das den Menschen einem Tiere vergleicht, das entweder von Gott oder dem Teufel getrieben werde; auch hier wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein Überhandnehmen der negativen Kräfte betrachtet. Es leuchtet ein, daß die Kinder und Frauen, die vorwiegend passiv sind, der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht oder weniger ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo die Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind der Melancholie und den Anfechtungen geniale Menschen, die reich an positiven und negativen Kräften sind; zum Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwählt zum Siege. Die Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf der gleichen Stärke oder Menge der vorhandenen Hemmungen; im Genie ist gleichzeitig positive Kraft genug, um die Hemmungen zu überwinden.

Luthers Leben bietet das Beispiel eines großartigen Kampfes gewaltiger Dämonen, die ihre Fesseln zu zerreißen suchen, gegen ein immer wieder siegendes, götterhaftes Herz, das seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der Teufel müsse vorausgesehen haben, daß er viel an ihm, Luther, zu leiden haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner Jugend auf gequält. Wenn es eine apostolische Gabe sei, mit Dämonen zu kämpfen und häufig im Tode zu sein, so sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.

Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch das Erbe seiner Eltern gegeben war: er besaß sowohl das leidenschaftliche, jähzornige, herrschsüchtige Wesen des Vaters, wie die Hingebungsfähigkeit der Mutter, die sich, wie es scheint, ihrem Manne auch in den Stücken unterwarf, wo sie hätte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter der Mutter, trieb durch sein Wort die Teufel aus, die das väterliche Herz besessen hatten, bis es von Banden frei und glorreich in ihm auferstand.

Aus Luthers Kindheit werden uns überwiegend Züge von Sanftmut, liebevoller Hingebung, weitgehender Schüchternheit berichtet. Allmählich jedoch tauchte die männliche Wesenshälfte in ihm auf, die selbstbewußt herrschsüchtige, die den Schatz seiner gläubigen Seele verneinte. »Wohlan, ich kann es nicht leugnen«, sagt er einmal von sich, »die alte Schlange, der Teufel, hat mich übel gebissen und greulich vergiftet.« Wie er oft und oft erzählt, hat er die höchste Versuchung, die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an sich selbst erfahren, die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung und zum Gotteshaß, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung und Menschenhaß, hat er alle Regungen des menschlichen Selbstgefühls durchgemacht. Er war in allen Angriffen gewiegt, die ihm jemals religiöse Gegner machen konnten. Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel spricht, als habe er ihn persönlich gekannt, und so war es ja auch; was die Selbstanbetung dem Menschen eingeben kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das wußte er. Es ist charakteristisch, daß der Ausbruch der Melancholie mit dem Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, begann. Er schien zu fühlen, daß er in der Einsamkeit mit seinem Selbst ins reine kommen müsse. In der Lage eines Kranken war er, der im Vorgefühl eines herannahenden epileptischen Krampfes sich auf das Bett wirft, um ihn dort austoben zu lassen. Was die Kirche ihm an Heilungsmöglichkeiten gewährte: Kasteiungen, Beichte, vorschriftsmäßiges Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kränker. Seine gläubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher Trost in der Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden ihm diejenigen Personen im Kloster, von denen etwas Positives, Wohlwollen, Nachsicht, Verständnis, Geduld ausströmte; es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die stärkste Kraftquelle fand Luther in Staupitz; an diesen Stützpunkt sich klammernd, vermochte er den selbstbejahenden und gottverneinenden Kräften seines Innern besser zu widerstehen. Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, daß Gottes Wesen die Liebe sei, und der Umstand, daß diese Liebe nun auch zugleich sinnenfällig in Staupitz vertreten wurde, riß ihn von seinem Selbst los und bereitete die Richtungsänderung, die +metanoia+, in ihm vor. Bedenke bitte immer, daß Gott sich persönlich nur in der Menschheit offenbart, daß es also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, und daß dem Gottes- oder Menschenhasser jeder Mensch zum Erlöser wird, den er lieben kann und muß und der ihn dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. Es gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst der Mittelpunkt der Welt und ihr eigener einziger, in sich ruhender Mittelpunkt, nicht genügenden Widerstand entgegensetzen, da sie nicht assimilieren können. Wie sich diese Wahnidee nun äußert, ob in der platten Ausprägung, daß einer sich für Gott oder für Christus oder für irgendeine berühmte, angesehene Persönlichkeit hält, ob in Schuld- und Angstgefühlen, ob im Aufsuchen der Einsamkeit oder gänzlichem Sich-ins-Innere-Zurückziehen, ihr Wesen ist Unfähigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivität. Zuweilen geschah es, wenn der Kampf, der sich in Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen überschritt, was sein Bewußtsein erfassen konnte, daß er auf das Unbewußte überging. Seine Angstzustände führten dann zu völliger Bewußtlosigkeit. Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein anderes Mal, als er neben Staupitz in einer Prozession ging, konnte er sich nur mit Anstrengung aufrechthalten; aber es kamen auch Zufälle vor, die seine Feinde nach der Schilderung als epileptische ansehen wollen. Dafür spricht auch die wohltätige Wirkung, die die Musik in solchen Fällen auf ihn ausübte. Nach der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates und Galen stützte, wurde Musik als Heilmittel für Epileptische angewandt, und zwar sanfte, leise, nicht lärmende Musik.

Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, kommt wohl daher, daß sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nämlich die negativen, willkürlichen Kräfte lähmend.