Lustreise ins Morgenland, Zweiter Theil (von 2)
Part 13
Ohne Zahlung zu leisten, konnte und wollte ich billigerweise nicht abreisen. Ich darf versichern, daß die Patres nichts weniger, als unfreundlich wurden, so oft sich mein Geldbeutel öffnete. Ich hielt für gerathener, kurze Zeit nach meiner Ankunft mich mit denselben zum Voraus über Kost und Wohnung förmlich einzuverstehen. Die Zahlung dafür war, nach der Versicherung +Damianis+, ziemlich stark; ich habe indeß keine Ursache zur Unzufriedenheit. Es mag aber vielleicht befremden, daß noch Keiner mit größerer Strenge meine Goldstücke untersuchte und erlas, als der Präsident (Pater Superior) +Martin+; fast alle von ihm ausgeworfene Stücke brachte ich an, die einen vollzählig, die wenigen mit sehr geringem Verlust. Mehr noch stutzte ich, als nach der Räumung meiner Zelle, gleich vor der Abreise, der Superior mit dem langfädenen Kohlenbarte sogleich spähend in dieselbe trat, vielleicht in Kraft des von ihm unter dem 11. Jenner mir ausgestellten Zeugnisses, „daß ich musterhaft gelebt habe.“ Ich erwähne solches nicht, um meinem Herzen gegen Ordensleute, als solche, Luft zu machen. Ich liefere nachgerade den schlagendsten Beweis dadurch, daß ich Alles nachtragen werde, was ich von den Patres Rühmliches weiß. Ich setze dabei voraus, daß man die Vorurtheile, welche die Spanier in ihrem Vaterlande einsaugen, kenne, und daß man Niemanden ein gewisses Mißtrauen gegen die Franken im Allgemeinen verübele, weil durchschnittlich lockere Abendländer vom Schlage der Glücksritter in Syrien sich herumtummeln. Der Deutsche, dessen ich oben gedachte, wurde weit schlimmer behandelt, als ich, ob er gleich sich für einen guten Katholiken ausgab, und die Messe alle Tage barfuß anhörte. Er bewohnte ein schlechtes Zimmer, welches dem Winde und Regen nicht ganz zu wehren vermochte. Seine Bettdecke war feucht und schmutzig. Es ist der Welt Brauch, die Leute so zu empfangen, wie sie entgegenkommen. Auch reichte man ihm schlechtere Nahrung, als mir. Diese Behandlung wirft zwar allerdings im Grunde kein vortheilhaftes Licht auf die Patres; allein es erhellt daraus doch +das+ Günstige, daß dieselben hier gar keinen Unterschied der Glaubensbekenntnisse berücksichtigten. Ueberdies legte man mir seit dem oben berührten Strauße nicht das geringste Hinderniß in den Weg. Als ich mich, zum Zeichen, daß ich den Sonntag der Christen ehre, gegen den Pater Superior äußerte, ich wolle während der Messe mich in die Kirche begeben, erwiederte er: Thun Sie, was Sie wollen. Mit dem Frater +Emanuel+ lustwandelte ich nach jenem Wortwechsel mehr, als einmal, und half ihm für unsere Küche Spargeln suchen, die in der Umgegend von Jaffa wild wachsen. Ich kann zum Ueberflusse beifügen, daß die Ordensmänner sehr viel Zeit mit Beten hinbringen und, so viel ich bemerkte, ein durchaus sittliches, eingezogenes Leben führen.
Den Reisepaß holte ich, ohne ihn unterschreiben zu lassen. Von einem Konsulate, das mich nicht schützen konnte, wollte ich keine Unterschrift.
Mit dem Schiffshauptmanne war die Uebereinkunft getroffen, daß ich die Lebensmittel selbst mir anschaffen müsse. Ich kaufte einen Vorrath von Aquavit, Kaffee, Zwieback, Reis, Zucker, Zitronen, Pomeranzen, Fleisch, Hühnern und Durra, letzteren zur Fütterung dieser Hausthiere. Schon aber im Hospiz aß ich wegen der schmalen Fastenbrocken oft vom Zwieback. Weil der Hauptmann auf Einschiffung drang, so übertrug ich den Ankauf von Hühnern einem fränkischen Knaben, welchen ich dazu mit dem nöthigen Gelde versah. Er kehrte nicht wieder, und ich mußte selber zu Markte gehen. Auf dem Rückwege erwischte ich den losen Jungen in der lateinisch-maronitischen Schule; meine Piaster waren unter den Aermeln verborgen. Fast zu oberst am Kai besitzt die Stadt das einzige Schenkhaus, wo man Aquavit, Wein und kalte Speisen bekommen kann.
Nach Rhodos.
Griechische Stille; das Meer raset; Reiseerfahrungen; das herrliche Zypern; der Taurus; der Spiegel meiner Reisegefährten; Wolken von Weihrauch; der griechische Fasttag war für mich ein Fetttag; der griechische Koch; im östlichen Hafen der Kolosser vor Anker gegangen.
+Dinstags den 12. Jenner 1836.+
Abends beim Einbruche der Nacht kam der Hauptmann +Bagsino+ an Bord. Die Schaluppe wurde schnell eingehoben, die Anker gelichtet, die Segel ausgespannt -- Alles mit so wenig Kommandiren und Geräusche, daß der italienische Lärm einen grellen Gegensatz zu dieser griechischen Stille bildete. Heftig brauste der Nordwind.
+Den 13.+
Seit vor San Pietro di Nembo das Meer mit mir Schmollis machte, könnte ich es dann und wann ordentlich liebherzen. Ich betrachtete die rauschenden Wogen als lauter scherzende Kinder, welche nur daseien, um den Griesgram des Alters zu verscheuchen. Die Natur meint es gar nicht so böse, wie man oft ihr wildes Aeußeres mißdeutet. Uebrigens tobte in der Nacht gewaltiger Sturm. Wäre man Rahm gewesen, man würde ohnfehlbar bis morgen Butter geworden sein.
Allerdings muß man auch das Reisen lernen. Anfangs war ich gar linkisch. Auf der Fahrt von Alexandrien nach Bulak verwahrte ich den Reis so schlecht, daß dieser, vielleicht aus langer Weile, zu dem darunter liegenden Holze hinabspazierte. Der Kaffee wußte aus dem Papiere Auswege zu finden. Auf der Reise von Kairo nach El-Arysch sorgte ich so nachlässig für den Zucker, daß ich ihn schaben mußte, bevor er zum Gebrauche sich eignete. Der Rhum floß zur Hälfte weg, weil ich die Flasche schlecht verstopft hatte. Durch Schaden gewitziget, verwahrte ich nun einmal meine Lebensmittel mit besonderer Sorgfalt. Ich mußte aber auch darüber wachen, daß nichts davon entwendet werde; denn man weiß, daß sich in manchen Menschen die wunderliche Begierde regt, mehr zu nehmen, als ihnen gehört. Ich stellte den Mundbedarf in meine Nähe. Da langte einmal in der Nacht ein knöpfiger Arm in meinen Brotkorb. Ich ergriff und erkannte ihn. Nur +ein+ Reisegefährte, ein Maure, trug Aermel mit Knöpfen. Ich wurde gerade zur rechten Zeit erinnert, wie ich mich gegen ihn verhalten müsse. Kaum aber war der fremde Arm aus dem Brotkorbe entwichen, so wurde dieser von einer Welle geneckt, weswegen ich ihn alles Ernstes in die Sicherheit flüchtete.
Das Meer hat mir +Ibrahim+, +Ali+, +Mansur+, +Mustafa+ und all’ die Namen der Moslim verrauscht, die ich auf Gassen und Wegen so oft hörte. Anders tönt es jetzt in meinen Ohren; im Schiffe gilt es dem +Mitri+ oder +Dimitri+ (~Demetrius~), +Kiriako+ (~Ciriacus~) u. s. f. Ach, beurkundeten christliche Namen nur immer christlichen Sinn.
Mittags wurde mir eine Suppe mit rothem, lebendigem Gewürze vorgesetzt. Auf der Reise ißt man, und man murmelt höchstens mit saurer Miene einige für den Koch unvortheilhafte Bemerkungen.
+Den 14.+
Nie werde ich das herrliche Schauspiel vergessen. Wir lagen auf der Höhe der Insel +Zypern+. Hoch streckte der beschneite H. Kreuzberg (~monte di Santa Croce~, der Olymp der Alten) sein Haupt empor. Diese schweizerische Gebirgswelt wühlte in mir beinahe das Heimweh herauf. Den Tag über erfreute mich das beßte Befinden; bloß gestern fühlte ich ein wenig Unbehagen im Kopfe wegen der stark bewegten See.
+Den 15.+
Ich sah einen Küstenstrich von Karamanien. Veränderlicher Wind und Wetter trübten hin und wieder meine gute Laune.
+Den 16.+
Wir segelten einem Vorsprunge des Taurusgebirges, dem Kap Chelidonium, nahe, und verloren die Küste von Kleinasien nie aus den Augen. Die Fahrt ist von nun an mehr derjenigen auf einem Landsee zu vergleichen. Schon sind wir von Jaffa gegen den Nordpol vier Grade vorgerückt, und man konnte auch wirklich einige klimatische Verschiedenheit wahrnehmen.
+Sonntags den 17.+
Wir segelten vorüber an Castelori und andern Ortschaften von Natolien. Vor dem nahen, hohen Gebirge der alten Lykier träumte ich mich auf einige Stellen des Vierwaldstätter-Sees in der Schweiz, so ähnlich war der Ausblick. Die Fahrt gewährt in der That recht viel Unterhaltung. Die Umrisse der schweizerischen, wie dieser Berge sind mit ausnehmender Kühnheit gezeichnet. Wir bewundern einen solchen Zug auch an Kunstwerken, -- wie einen vorhängenden Fels, so den Thurm von Pisa. Hingegen sind die Berge um Jerusalem träge Massen, Kegel oder Halbkugeln, gleichsam nur gut zum Faulenzen für das Auge.
Ein frischer Wind jagte uns so muthig vorwärts, daß wir schon vor der Mitte des Tages im pamphylischen Meere ein Korn, +Rhodos+, erblickten, und bis zum Eintritte der Nacht steuerten wir diesem Eilande ziemlich nahe. Ein Berg hatte eben einen Wolkenhut auf, als die Sonne unterging.
Ich halte nun einen Augenblick an, um meine Reisegesellschaft zu zergliedern. Ein Engländer und ein Grieche, ein Maure und ein Jude, so wie ein griechischer, schiffbrüchiger Hauptmann und seine Matrosen, das waren meine Reisegefährten.
Der Engländer, ein Geistlicher, besaß einen edeln, gutmüthigen Karakter. Ich schätzte mich glücklich, in Jaffa seine Bekanntschaft zu machen, wo er bei dem englischen Konsul, einem Morgenländer, einkehrte, allein die morgenländische Kräuter- und Hühnerküche nicht besonders rühmte. Das Französische sprach er als guter Englishman. Wenn er in der fremden Sprache redete, war mit ihm so schwer nachzukommen, als mit einer schlechten Tänzerin. Ich erzähle von ihm zwei echt britische Züge. Er wanderte durch die Wüste bis in die Nähe von El-Arysch. Jetzt vernahm er, daß er der Quarantäne sich unterwerfen müsse. Alsbald entschloß er sich zum Rückfluge nach Kairo, um über Alexandrien und Beirut nach Jerusalem zu reisen. Ein paar Male des Morgens rief ich den Geistlichen, wenn sich ein merkwürdiges Schauspiel darbot. Er hatte die Artigkeit, zu antworten, und seine Nichttheilnahme damit zu entschuldigen, daß es bei ihm Gesetz sei, in der Frühe so und so lange zu lesen oder zu schreiben. Die Gottheit hat dem Menschen ein bestimmt abgegrenztes Gebiet angewiesen, worüber er Herr und Meister ist. Man frage indessen nicht nach der geographischen Länge und Breite desselben; denn es erscheint sehr klein am Maßstabe. Es ist nun gut, wenn der Mensch in diesem seinem Gebiete, d. h., sich gewisse Gesetze vorschreibt; es ist aber nicht gut, wenn er solche in untergeordneten Dingen mit eigensinniger Strenge vollstreckt und so zum Sklaven seiner selbst hinabsinkt. Ich sah unsern Reisegenossen nicht sehr oft, weil er in das Zimmer des Schiffsherrn und ich in den Schiffsraum eingemiethet war. Letzteren Platz hatte ich einzig dem Pater Präsidenten des lateinischen Hospizium in Jaffa zu danken, weil er sich mit einem ungewöhnlichen Eifer in die Abschließung des Vertrages mischte, und jene so sehr beschleunigte, daß es mir an Zeit gebrach, zu fragen, wo ich wohl im Schiffe untergebracht würde. Doch, außer der Kehrseite, wendete die Sache auch diesmal ihre Lichtseite zu. Ich lernte so dem Schiffsraumleben auf den Puls fühlen. Hier liefere ich denn eine flüchtige Zeichnung meiner Gefährten im Schiffsraume.
+Demetrius+, aus Chios (Scio) und Handelsmann, hatte eine schöne Gesichtsbildung und sprach griechisch, arabisch und türkisch. Seine Umgänglichkeit ließ mich wünschen, in einer seiner Sprachen meine Gedanken mit ihm auszutauschen.
Der Maure aus Algier, ein Hadschi (Mekkapilger), mit einem gemeinen Gesichtsausdrucke, einem langen Barte und einem Turban, ließ keinen edlern Zug seiner überaus lockeren Seele durchblicken. Er plauderte zum Arabischen das Wenige fränkisch, womit er zwischen +Demetrius+ und mir kümmerlich den Dolmetscher spielte. Während unserer Fahrt von Jaffa nach Rhodos endete der mohammetanische Fastenmonat; allein dieser Anhänger des Islam nahm es nicht sehr genau, und er aß manchmal Kleinigkeiten bei Tage während der Fastenzeit. In Jaffa verletzten auch andere Mohammetaner vor meinen Augen das Fastengebot. Der Hadschi trank Wein und Branntewein. Dem Kleinhandel obliegend, kaufte er in Jerusalem Rosenkränze, um sie in Konstantinopel zu verkaufen. Es ist überhaupt bei den Morgenländern Sitte, die selbst von den protestantischen Franken nachgeahmt wurde, mit einem Rosenkranze müßige Stunden zu vertreiben, indem sie eine Perle nach der andern von ihrer Stelle verschieben. Wenn die Leute des Niederganges bei ihren Besuchen nicht selten kaum wissen, welche schickliche Haltung sie ihren Händen geben sollen, um so weniger verlegen ist der Morgenländer, welcher mit Bequemlichkeit auf dem Diwane hockt, und mit den Händen anständig den Rosenkranz durchtändelt. Der Algierer hatte, als französischer Unterthan, einen französischen Paß bei sich. Er schien die Franzosen zu hassen. In Alexandrien besuchte er seinen alten Fürsten, den Dei.
Der Jude, ein Konstantinopler und Rentner, begleitete seine Frau nach Jerusalem, um in der heiligen Gegend mit ihr die Tage des Lebens zu beschließen. Sie starb ihm weg, und darum war er auf der Rückreise nach Konstantinopel begriffen, um vielleicht für den schmerzlichen Verlust der alten Geliebten bei einer jungen -- Trost zu schöpfen. Viele Israeliten folgen bekanntlich einem religiösen Berufe, sich in der alten Königsstadt anzusiedeln, wenn sie sich bis zu einem gewissen Grade von ökonomischer Unabhängigkeit emporgearbeitet haben. Der Mann war hochbetagt und grau. Ich gewahrte an ihm keine einzige Untugend; nur war er schmutzig und voll Ungeziefer, das selbst seinen ehrwürdigen Bart zu einem Parke für die komischen Jagden mit der Brille -- auserkohr. Die schönen Gesichtszüge und das ganze Benehmen, mit Vorbehalt einiger seltsamen Liebhabereien, gewannen dem Greise Zuneigung und Vertrauen. Das Beten verstand er aus dem Fundamente. Während des Gebetes konnte er sich die Kaffeeporzion zutheilen und andere Arbeiten unter fast krampfhaften Zuckungen der Lippen verrichten. Seine Augen strahlten hinauf zu Jehova demüthig aus den Lumpen, in die er sich genistet hatte, und aus den, irgendwo mit einem Tuchanschrote zugeschnürten Lumpensäcken, die ihn umschanzten. Das +Schallah+ (wenn es Gott gefällt, so Gottes Wille) wiederholte er oft und kräftig im Flusse der Rede. Von fröhlichem Gemüthe, stimmte unser Konstantinopler bisweilen ein Lied oder gar die „~Cara Cascatella~“ an. Und siehe, da tanzte er einmal mit seinen krummen, vor Alter unwilligen Beinen, mit seinem gebogenen, steifen Rücken und mit seinen Eisschollen am Kinne. Man hätte dabei herzlich lachen müssen, wenn man selbst von keinem kleineren Unmuthe gebeugt gewesen wäre, als bei +Hans Sachs+ die Bäurin wegen der saubern Wirthschaft ihres tölpischen Mannes:
Wie hast du kocht, daß dich Bock schändt, Das Fleisch verschütt, das Kraut verbrennt, Die Katzn erschlagn, das Kalb ertränkt.
Die Regungen der Freude sind verschieden und groß bei Jung und Alt. Tanzte doch +David+ aus allen Kräften und jauchzend, als er die Bundeslade holte.
Nachdem ich einige Zeit in Mitte der Mohammetaner gelebt hatte, war die Gelegenheit mir recht erwünscht, die griechischen Christen in der Nähe ein wenig kennen zu lernen. Morgends und Abends zog der Schiffsjunge (Friandol) mit einem brennenden Weihrauchfasse von Mann zu Mann, und an dem emporwirbelnden, angenehmen Rauche bekreuzte man sich gar vielmal und schnell über einander, unter leisem und kurzem Gebete. Damit der Weihrauch ja nicht verfehle, wehte man ihn mit der Hand gegen das Gesicht. Der Koch war eine drollige Fettmasse auf Kosten Anderer, und ein Muster von kleiner Spitzbüberei. Das Fleisch kochte er gleichsam zu dürren Holzfasern aus, damit er die Brühe schlürfen könne. Glücklich trat ein griechischer Fasttag ein, da mir doch eine natürliche Suppe bereitet ward. Das erste Mal zwackte der Koch mir Reis. Beim zweiten Male, als er ein größeres Quantum wollte, erklärte ich ihm, ich kenne das Reiskochen zu gut, als daß er mehr benöthige. Wie er dann einsah, daß er mich nicht belugsen könne, meinte er: Etwas für die Herren in dem Zimmer des Hauptmanns. O nein, antwortete ich. Aber etwas für den Koch. Da war es ausgeplappert. Sogar Pappenstiele, wie diese, welche beinahe nicht die Tinte werth sind, können ins Innere des Menschen zeigen.
+Montags den 18. Jenner.+
Erwacht, aufgestanden, und die Stadt +Rhodos+ schwebte im Schleier der Morgendämmerung vor den Blicken. Mit Ungeduld wollte ich denselben lüften; doch bald entschwand er von selbst, und deutlich erschienen die Umrisse der Stadt. Auf eine niedrige Anhöhe gepflanzt, fiel sie lieblich ins Auge. Neben dem freudigen Grün der Wiesen, welche die Stadt halb umkränzen, streben die düsteren Festungsthürme empor. Wir ließen die Quarantäneanstalt, ein schloßartiges Gebäude, rechter Hand, und legten im östlichen Hafen an; ein Tannicht von Masten deutete auf den westlichen.
Billig konnte ich nicht ans Land steigen -- ohne Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen die alten Hellenen, welche, der Ruhm des Menschengeschlechtes, Denkmäler eines so nützlichen und edeln Daseins aufrichteten; hier insbesondere pries ich die Kolosser.
Rhodos.
Lage, Himmel, Volkszahl.
Diese einst der Sonne geweihte Insel der Rosen, nach Kandia die größte des griechischen Archipels und die berühmteste der Sporaden, erstreckt sich von Nordwest nach Südost in die Länge, und erhebt den Atabyris (Artamit) zum höchsten Berge. Die Fruchtbarkeit des Eilandes auf dem glücklichen Erdstriche sucht Ihresgleichen. Der Himmel in Syrakus und Rhodos, rühmte schon +Plinius+, wird nie so bewölkt, daß die Sonne nicht an einer Stunde des Tages herabblicke. In die Sommerhitze fächeln unermüdliche Winde angenehme Kühlung, und milde fließt der Winter dahin. Der gegenwärtige aber war ein wenig strenger: selbst das Wasser wurde von Eis überschossen, was freilich mit außerordentlicher Seltenheit sich ereignet. Jedoch begrüßten mich auf einem Spaziergange im Freien die Auen im schweizerischen Maiengewande. In Jaffa, wo zwar die Blöker auch in der kältesten Zeit graseten, ward das Grün durch den Frost ein wenig erschreckt und bleich. Hier, vier Grade weiter gegen Norden, scheint es minder gelitten zu haben.
Die Bewohner des Eilandes theilen sich, wie der Sohn des österreichischen Konsuls in Rhodos, des Herrn +Josef Anton Giulianich+, mir bezeugte, in beiläufig 26,000 Griechen, 11,000 Türken und 2000 Juden. Gering sind an der Zahl die Lateiner, noch viel geringer die Protestanten. Man darf gar nicht zweifeln, daß die Insel eine weit größere Bevölkerung ertragen würde, wäre der Boden besser angebaut. Sie wird von einem türkischen Pascha regiert. Griechen beklagen den jetzigen als einen Wütherich.
Die Stadt Rhodos.
Kaum war ich angelandet, als ich einen Scioten traf, der mir in einem Athem seine Schicksale, seine Leiden schilderte. Leidensgefährten leihen einander gerne das Ohr. Er erzählte, daß er, den 5. Christmonat des vergangenen Jahres von Beirut abgereist, wegen der entsetzlichen Stürme erst vor acht Tagen hier anlangte. So schlimm diese Nachricht an und für sich lautete, so sehr durfte ich nun froh sein, daß ich über das böse Wetter in Jaffa verblieb. Ich war doch auf festem Boden und unter trockenem Obdache, und, wenn man so sagen will, auch bei trockenen Mönchen.
Rhodos sprach mich sogleich freundlich an. Ich brachte Gott meinen Dank dar, daß ich den häßlichen Städten Palästinens entronnen war. Die Stadt nebst den einen Büchsenschuß abliegenden, städtisch gebauten Dörfern ist von nicht ganz unbedeutender Größe, und steht dem Umfange nach dem schweizerischen St. Gallen nicht nach.
Die Häuser, mit meistens platten Dächern, sind ziemlich hoch, ihre Mauern gerade, davon manche mit Kalk übertüncht. Die Vorderseite vieler Wohnungen, gleich über den Pforten, schmücken die Wappen der alten Johanniter. Man freut sich hier ordentlich wieder der Glasfenster, von denen Wohnlichkeit entgegenglänzt. Die Kamine ragen als kleine Thürmchen hinauf, die eine Pyramidenspitze und auf dieser etwas Spießartiges tragen. Mehr, als neun runde, dünne Moscheethürme steigen empor, und, Abends beleuchtet, goßen sie goldene Säulen über den schwarzen Wasserspiegel des Hafens bis zum -- vergangenen Riesenbilde.
+Anmerkung.+ Bekanntlich soll als eines von den sieben Wundern der alten Welt eine eherne Riesensäule des +Helios Phöbus+ am Eingange des Hafens gestanden und als Leuchtthurm gedient haben. Dieser Koloß, woher die Rhodier Kolosser genannt wurden, war nach +Plinius+ siebenzig, nach Andern achtzig Ellen hoch; allein sechsundfünfzig Jahre nach der Aufstellung des Riesen stürzte der Stolz menschlicher Unternehmungen durch ein Erdbeben zusammen. So baut der Mensch mit Zuversicht in die Gegenwart, damit die Nachwelt staune, doch weniger über seine größten Werke, als vielmehr über das Wunder, womit eine andere Hand, als die seinige die Zukunft leitet. Noch die Trümmer wurden bewundert. Wenige vermochten den Daumen des Riesenbildes mit den Armen zu umspannen. Die Trümmer blieben bis zum Jahre 656 n. Chr., da sie an einen jüdischen Handelsmann verkauft wurden, welcher damit neunhundert Kameele belud.
Die Gassen sind enge und krumm. Ueber denselben wölbt sich an manchen Stellen von einer Häuserreihe zur andern eine schmale Bogenbrücke, jene zu verbinden, und so eher den Schaden der Erdbeben zu verhüten, die, wie sie in den alten Zeiten, z. B. beim Sturze der Riesensäule, ihre Stärke durch Verheerungen ankündigten, so bis auf den heutigen Tag von den Rhodiern gefürchtet werden.
Der Kai ergötzte mich mit seinem feinen Straßenpflaster, das überhaupt in der Stadt sehr schön ist, selbst mit seinen wohlgemeinten Zierereien nicht überall in den Hauptstädten Europens Nebenbuhler findet. Es drängt sich das schneidende Gegentheil auf: In Syrien die elendesten Gassen, in Rhodos reine und zierliche. Die Pflaster sind wohl eine der Hauptzierden und ein Ehrenpunkt bei den Rhodiern. Man betritt sogar hübsch gepflasterte Landwege. Man hat Ursache, das Lob, das +Salomo Schweigger+ vor drittehalb Jahrhunderten dem Pflaster spendete, vollkommen zu bestätigen. Die Bassar sind schön, gewiß schöner, als viele der unsrigen, aber nicht sehr belebt. In einigen Gassen frohlockt als ein Siegeszeichen der Christenfeinde eine Gruppe sehr großer Steinkugeln, die von den türkischen Erobern hereingeschleudert worden.
Die Stadt wird von einer mehrfachen Mauer und einem doppelten Wallgraben umzingelt. An den sehr starken Thoren, wie an andern Theilen des Festungswerkes, sind die Spuren der alten christlichen Machthaber, der Johanniter-Ritter, noch nicht ausgelöscht. So erblickt man über den Thoren Kreuze, welche den Verehrern des Halbmondes wenig Anstößiges darzubieten schienen. Wie bald würden manche Christen Mond und Sterne zerstören, sobald sie ein Mond- und Sternland unter ihre Botmäßigkeit gebracht hätten. Ich sah über einem Thore, selbst in halb erhabener Arbeit, das Bild eines Mannes, wenn ich nicht irre, des Apostels +Paulus+. Ich verwunderte mich um so lebhafter darüber, als bekanntlich sonst der Islam die Erzeugnisse der bildenden Künste nicht duldet.
In und bei der Stadt bewegen sich mehrere Windmühlen; eine neben einer großen, in den Felsen geteuften uralten Zisterne.
Das Leichenfeld.