Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)
Part 2
Lossin interessirte mich ungemein, weil mein Auge so viel Fremdartigem begegnete. Das ganze Eiland besteht aus Kalkstein, der an den meisten Orten nackt hervorguckt. Er lagert sich schief von Westen nach Osten, und öffnet kleine Buchten oder, mit andern Worten, natürliche Häfen in Menge. Derjenige in Lossin grande gewährt ziemliche Sicherheit vor dem Ungestüm des Windes, faßt aber bloß drei größere Schiffe (~bastimenti~). Um so geräumiger dagegen ist der Hafen von Lossin piccolo, der wenig zu wünschen übrig läßt. Zwischen den so zahlreichen Steinblöcken, welche der Insel ein ziemlich ödes Ansehen verleihen, erscheint hie und da eine röthliche Erde, welche, obwohl sie nie gedüngt wird, leicht hervorbringt. Die Vegetazion überraschte mich besonders. Fast überall stark- und wohlriechende Pflanzen, welche den freigebigen Süden begleiten. Wenn ich ausging, so war es meine Wonne, einen wohlriechenden Strauß zu pflücken. Die Einwohner selbst scheinen durch die Gewohnheit für die Genüsse, welche die Flora darbietet, unempfänglich geworden zu sein. Nirgends sah ich auch nur einen Blumentopf; nirgends ein Mädchen mit einer Blume oder einem Strauße geschmückt. Unter den angebauten Gewächsen stehen der Oelbaum, der Feigenbaum und die Rebe oben an. Beinahe so oft ich den Oelbaum betrachtete, trug die Phantasie mich in das gelobte Land, wovon das Buch aller Bücher so viel Denkwürdiges erzählt. Vor allen andern ein zahlreich gepflanzter Baum, bemüht er sich an den Abdachungen Lossins, von den Steinen den Charakter der Traurigkeit auszulöschen. Das Lossiner-Baumöl ist sehr gut, und soll selbst demjenigen von Lucca nicht nachstehen. Hundert Pfund (zu 16 Unzen) Oliven geben beiläufig vierzig Pfund Oel. So rechnen die Leute. Außer, daß die Feige frisch gegessen wird, vermengt man sie auch mit Gewürz und bereitet eine Art Teig, der in etwa vier Zoll hohe Kegel geformt und dann an der Sonne getrocknet wird. Man nennt diese Mischung Feigenbrot (~pane di fichi~), und wird im Winter als Leckerbissen genossen. Auf die Rebe wird möglichst wenig Sorgfalt verwendet; man enthebt sich der Mühe, sie zu pfählen; nur an wenigen Orten wird sie etwa an einer Mauer aufgezogen; sie kriecht daher auf dem Boden fort, wie der Himbeerstrauch. Bei meiner Anwesenheit war die Weinlese zum Theile schon vorüber. Die gesammelten Trauben bringt man in einen Schlauch, von der Gestalt eines mißgeborenen, ausgestopften Kalbes. Es ist recht drollig zu sehen, wie die Weiber solche Mißgestalten auf ihren Köpfen tragen. Der Sack ist in der That nichts Anderes, als das Fell eines Ziegenbockes, welches ganz nahe geschoren, gleich hinter den Vorderbeinen ringsum abgeschnitten und dann umstülpt wird. Die den Hinterbeinen und dem Schweife entsprechenden Oeffnungen zugebunden, wird das abgezogene Fell bloß mit dem Athem aufgeblasen und an der Luft getrocknet. Hierin liegt alle Kunst der Sackbereitung. Der Wein ist stark, aber herbe, schwer, etwas bitterlich. Es gibt auch sehr guten, süßen und geistigen Wein, dessen Bereitung aber auf besonders delikate Weise geschieht, und der nur auf die Tafel fashionabler Lebeleute gesetzt wird. Als Seltenheit wächst auch der Dattel-, Granat-, Zitronen- und Pomeranzenbaum.
Lossin grande wie piccolo bieten kein übles Aussehen. Die Häuser sind von Stein gebaut; das Wenigste daran von Holz. Die Dächer bestehen aus Hohlziegeln. An einigen Häusern Rinnen, durch welche das Wasser ins Innere der Wohnungen zum Hausgebrauche geleitet wird. Von andern aber rieselt das Wasser in der Rinne, wenn es nicht in Kübeln aufgefangen wird, auf die Straße herunter, wo es fortfließt, um bei starkem Regen ein ordentliches Bächlein zu bilden. Auf Brunnenquellen würde man sich umsonst trösten. Ihre Stelle vertreten Ziehbrunnen. Nicht von allen Häusern erheben sich Kamine. Im Freien, an den Eckmauern der Wohngebäude sah ich an vielen Orten eine Art Herd. Die Mauern schienen mir sehr fest, wozu sich der harte Kalkstein vortrefflich eignet, und der Mörtel zeichnet sich durch Güte aus. Ueberhaupt mögen hier die Mauern viel länger halten, als in nördlichen Gegenden, wo die Kälte unermeßlichen Schaden anrichtet, wie besonders das Jahr 1830 bezeugen kann. Um Gassen anzulegen, wurde an vielen Orten nur der Kalkfelsen ein wenig ausgeebnet. Sie werden länger dauern, als anderwärts die auf’s kunstreichste und kostbarste gepflasterten Straßen. Allein sie laden eben nicht am freundlichsten ein. Die spitzigen Geschiebsteine schneiden beinahe in das Leder der Schuhe, und leicht gleitet man auf den Flächen des Felsen -- nicht in den Himmel, wohl aber auf den Boden. Besonders mühsam wird das Gehen außer den Dörfern. Wer einmal in der Schweiz einen recht steinigen, doch bessern Bergweg wandelte, kann sich das Gehen auf den hiesigen Landwegen gar leicht vorstellen. Ueber große Unreinlichkeit auf Plätzen, Wegen u. s. f. könnte man gerade nicht klagen. Keine Misthaufen. Das Vieh ist aber nicht zahlreich; wenig Kühe werden gehalten; am meisten noch Schafe und Ziegen. Letztere haben lange, seidenartige Haare und liefern einen schmackhaften Käse. Nur ein einziges Pferd nahm ich wahr; es ritt darauf eine kranke Frau, sich Bewegung zu verschaffen. Ein Fuhrwerk rollte schon gar nicht vorüber. Es zieht sich zwar eine schmale Straße von dem großen Lossin nach dem kleinen, die allerdings fahrbar wäre, wenn man auf eine Lustfahrt Verzicht leisten wollte. Es darf übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß auch hier die französischen Umwälzungsmänner eine Spur ihres Wirkens zurückließen, indem +sie+ diese Straße bauten. Andere, als solche Thiere, welche der Hauswirthschaft, so zu sagen, angehören, sind selten.
Um die Bewohner zu beobachten, war mir +Mariens+ Geburtstag willkommen. Soll ich im Namen Lossin grande beklagen, daß die dortigen Frommen die obere Kirche nicht ausfüllten? Wie ich in das Gotteshaus trat, spielte eine Musik, die hätte zum Tanze ermuntern können. Erst als die Orgel ertönte, hob eine ernstere Melodie an. Die Frauen knieten bald auf den Boden, bald ließen sie sich auf die Fersen nieder, andere saßen auf dem Boden, indem sie die Füße auf einer Seite an sich zogen, noch andere kauerten bloß auf einer Ferse, und streckten den andern Fuß vorwärts, daß das Bein der Länge nach auf dem Boden ruhete. Uebrigens wußten sich alle gar züchtig niederzusetzen. Man durfte wenigstens drei Viertheile Frauen auf nur einen Viertheil Männer annehmen: ein Mißverhältniß der Leute beiderlei Geschlechtes, das später klar wird. Ein ziemlicher Theil Frauenzimmer war gar schön aufgeputzt, und ihre Andacht spendete dann und wann einen Blick auf die Seite in die Welt, und vermochte ein weltliches Schmunzeln nicht zu überwinden. Die Zahl der Priester fiel mir auf. Das große Lossin zählt zu seinen 2400 Einwohnern vierzehn Priester, darunter vier, welchen die eigentliche Seelsorge obliegt. Einige Male traf ich einen alten, gutmüthigen Priester auf der Straße: seine Kleidung lieferte einen ansehnlichen Beitrag zu Löchern und Lappen, das heißt, zur Bescheidenheit und Demuth.
Die Leute kleiden sich wohl. Selbst in der Hitze des Tages umgibt die Jacke den Oberleib. Von der Kleidung der Männer springt nichts Besonderes in die Augen. Dem weiblichen Geschlechte gebührt das Lob oder der Tadel eines eigenthümlichen Kopfputzes. Ein Flor von Musseline bildet auf jeder Seite einen Ring, ohne den Kopf zuzudecken. Wer möchte diesen Rückprall einer Kinderei schön nennen?
Die Lossiner thun sich durch Körpergröße hervor. Man muß zwei Menschenschläge unterscheiden, einen italienischen und slavischen. Die Venezianer eroberten zu seiner Zeit die Insel. Vom italienischen Schlage sind sowohl reine, als mit dem slavischen vermischte Sprößlinge vorhanden. Auf den Leuten vom italienischen Schlage ruht der Zug der Schönheit, von etwas Edlem, von Stolz, welcher Zug sich in der Regel charakteristisch beim Herrscher ausspricht. Das pechschwarze Haar und die Gluth der schwarzen Augen könnten uns in die Mauern Padua’s versetzen. Die Bewohner vom slavischen Schlage, weitaus die Mehrzahl, zeichnet ein breites Gesicht, hervorstehende Backenknochen (selten volle Backen), eine etwas ausgebogene Nase, üppiges, bräunliches oder blondes Haar aus. Wie es zwei Schläge gibt, so zwei Sprachen. Der Sieger brachte das Italienische, welches jetzt noch in den Kreisen der Wohlhabendern geredet wird; bei den Uebrigen das Kroatische, welches vorherrscht, oder die eigentliche Landessprache ist.
Die Leute beschränken sich in ihren Beschäftigungen nicht bloß auf Viehzucht, Ackerbau, die Weiber auf Spinnen, Sticken u. dgl., sondern die Lossiner beziehen ihre Nahrung auch vom Fischfang, und, die Hauptsache, ein bedeutender Theil verlegt sich auf die Schifffahrt. Die Lossiner bilden mit den Bocchesen den Kern der österreichischen Seemacht. Lossin piccolo nennt mit Stolz allein über achtzig größere Kauffahrteischiffe (~bastimenti~). Da stößt man auf eine Menge Kapitäne, welche die Meere durchsegelten, und von Konstantinopel, Alexandrien, Algier, London u. s. f. erzählen, nur nicht von Stürmen, als etwas Abgedroschenem. Bewog Liebe zu ihren Ehemännern selbst Frauen, sich auf unsichern Fluthen zu entfernen, um zugleich angenehme Berührungen mit den berühmten Städten der Welt herüber zu nehmen.
Der Vater des Kapitäns, Podestà (Gemeindspräsident) +Budinich+, empfing uns mit vieler Gewogenheit. Am zweiten Tage nach der Ankunft in Lossin wurden +Cesare+ und ich von ihm zu einem Mittagsmahle eingeladen. Gern entsprachen wir der Einladung. Zwei Familien vereinigten sich, um sich und uns Gesellschaft zu leisten; die Menge Kinder dabei lachte, lärmte, befahl u. dgl., so daß Einem die Zeit nicht lange werden konnte. Das Gespräch verbreitete sich größtentheils über Seereisen. Ich wurde als Mann mit deutscher Zunge auf recht schonende Weise behandelt. Einmal sagte der Signor’ Patrong’ zu +Cesare+, als dieser nicht trinken wollte: ~Italiani~, ~Sociani~. Er sagte es in so gutem, so wenig exkommunizirendem Tone, daß ich es ihm nicht im mindesten übel nehmen durfte. Die Tafel war üppig bestellt, und deßwegen schon ein Dorn in meinem Auge, um mich an einem andern Tage nochmals zu ihr hinzusetzen. Der freundliche Ton der Familien gefiel mir unaussprechlich. Ich möchte behaupten: Familienliebe ist eines der erhabensten religiösen Gefühle. Unser Hauptmann saß neben dem Vater, bescheiden und wenig redend, der innigsten Liebe Blicke brüderlich erwiedernd, welche auf ihn die daneben sitzende Schwester heftete; für ihn plauderte der erfahrnere Vater; der Sohn gebot auf dem Schiffe, wo er an seinem Platze war.
Der Umstand, daß wir wider Erwarten lange nicht in die See stechen konnten, trug dazu bei, daß ich die Insel noch genauer kennen lernte. Die Lebensmittel sind zum Theile sehr wohlfeil. Ein Seidel Wein, d. h. ein Viertel eines Triestiner-Pokale, kostet nicht einmal 5 Pfennige R. V. So wenig haushälterisch geht man mit den Trauben um, daß solche hie und da auf den Wegen herumliegen. Dagegen ist die Milch überaus theuer. Ein Pokale Schaf- oder Ziegenmilch kostet 12 Kr. R. V., also über die Hälfte mehr, denn so viel Wein.
Als ich eines Nachmittags nach dem kleinen Lossin ging, zog eine Weberin meinen Blick auf sich. Ich trat sogleich in das Zimmer. Eine alte Frau, mit einer Brille auf der Nase, jagte mühsam das Schiff durch die Kette. Der Webstuhl war sehr einfach, klein und so eingerichtet, daß er mit leichter Mühe an einen andern Ort gebracht werden kann. Das Weib wob grobes Tuch. Indem es mit beiden Füßen zugleich, jetzt auf die einen zwei, dann auf die andern zwei Schemmel, überhüpfte, setzte es diese in Bewegung. Gleich hernach nahmen meine Aufmerksamkeit dem Webstuhle gegenüber sich befindende zwei Steine in Anspruch. Es waren Mühlsteine, die von Menschenhand herumgedreht werden, um das Speisemehl zu bereiten. Solche Mühlsteine trifft man in den meisten Bauernhäusern. Dürftigkeit ruft der Einfachheit. Auch dieses Mahl-, Web-, Wohnzimmer u. s. f. war etwas sparsam durch das Fenster beleuchtet, und das meiste Licht trat durch die Thüre. Das Nämliche gilt auch von vielen andern Häusern. So sah ich ein Mädchen nicht ohne Kunst auf einem Rahmen nähen; um aber die, die Augen etwas mehr anstrengende Arbeit verrichten zu können, mußte es sich an die Thüröffnung setzen.
Lossin grande kann sich eines Kalvarienberges rühmen, dessen Aussicht das Meer ringsumher beherrscht. Im Hintergrunde des Ostens steigt das Küstenland Kroaziens himmelan. Doch welch öder Anblick! Fast nichts als Stein oder Felsen bieten sich dem Auge dar. Wenn der Himmel recht hell sei, soll man im Westen selbst Ankona sehen. Da die Bewohner von Lossin keine tiefe Erde aufzuweisen vermögen, so leuchtet bald ein, daß sie keine Gottesäcker, dafür aber Todtengrüfte besitzen. In Lossin grande öffnet sich gleich neben der untern Kirche eine Gruft. Durch eine der fünf Oeffnungen wird die Leiche an Stricken in dieselbe versenkt. Ein Sarg würde zu viel Raum einnehmen, und so werden die sterblichen Ueberreste bloß in ein Tuch gewickelt, um sie beizusetzen. Es kann sich bisweilen ereignen, daß eine Leiche auf eine andere geschichtet wird; doch sucht man dieß bestmöglich zu vermeiden. Die Oeffnung wird nach jeder Beisetzung durch eine Steinplatte geschlossen und zugemauert, damit die kadaverösen Aushauchungen der Gesundheit keinen Schaden zufügen. Der Boden der Gruft ist siebartig durchlöchert, und deckt eine andere Höhle, welche mit dem Meere in Verbindung steht. Durch dieses Sieb finden nun diejenigen Theile des menschlichen Körpers, welche der Verwesung zufallen, einen Ausweg, und das bloße Gerippe bleibt am Ende zurück. Wehe einem Scheintodten, welcher in einer solchen Gruft wieder lebendig würde. Grauenvolleres könnte man sich kaum vorstellen, als das Leben unter faulen, stinkenden Leichen, wo die Aussicht, dasselbe zu retten, so gut, als ganz abgeschnitten wäre. Ich bedaure es, daß ich die Gruft selbst nicht sah. Wohl nahm ich in der Kirche einen ausgesetzten, nur mit einem dünnen Tuche verhüllten Leichnam wahr. Im Hause des Herrn +Marco Sopranich+ zeigte man mir einen Sarg, worin Wachskerzen aufbewahrt werden, auf den Fall, daß im Hause Jemand sterbe.
Die Festtage scheinen die Lossiner nicht so strenge zu feiern, als die Katholiken der deutschen Lande. In Lossin piccolo war an +Mariä+ Geburt die Fleischbude offen, und Einer blies so eben das Fell eines Ziegenbockes auf. Lumpige und unreinliche Leute trugen sich auch an diesem Tage nicht anders, als an Werktagen. Einen großen Theil des Volkes soll die Armuth in hohem Grade drücken. Es ist voreilig, wenn man von vielen Reichen gleich auf den Wohlstand der Bewohner eines Landes im Allgemeinen schließt. Wenn allerdings unter den Lossinern manche sich ansehnlicher Schätze erfreuen, so muß man indeß bedenken, daß das Eiland der See +eine Menge Matrosen+ liefert, welche zu Hause ein Weib mit Kindern unterhalten müssen, und +wie+ unterhalten? Kärglich.
Es war am 10. Abends, als ich dem Podestà, dem Vater des Kapitäns, meine Aufwartung machte, weil die Abfahrt des Schiffes auf den 11. bestimmt war. Ich wurde dießmal über das Befinden der Frau Podestà befragt, und Tages darauf sollte ich mehrern Frauen von Lossin meinen ärztlichen Rath ertheilen. Ich entsprach dem Ansuchen um so lieber, einerseits, als die Wiederaufnahme meiner Geschäfte, wenn auch nur auf kurze Zeit, am ehesten geeignet war, den entstehenden Ueberdruß zu verscheuchen, und um so lieber andererseits, als ich wußte, daß der Arzt mit Dingen in Berührung kommt, die andern Reisenden leichter entgehen. Darf ich mir ein Urtheil zutrauen, so läßt man sich auch in Lossin viel verschreiben, um wenig zu nehmen; man will die Aerzte aushorchen, um aus ihren Ansichten diejenigen zu wählen, die gleichsam am meisten schmeicheln, um nicht zu sagen -- die Bequemlichkeit am wenigsten stören. Die alten Frauen zeigten ungemein viel Lebhaftigkeit in der Rede, wie im Benehmen; ich hörte nicht den leisesten Ton der Klage. Die Sprache legte dem Krankenexamen einige Hindernisse in den Weg. Da ich mich im Italienischen nur mit vieler Mühe ausgedrückt haben würde, so begleitete mich der Kapitän, und übersetzte meine in französischer Sprache gestellten Fragen ins Italienische, und bei einer Magd mußte dieses dann erst noch ins Kroatische übertragen werden, weil der Hauptmann von seiner Landessprache zu wenig verstand.
Ein alter Schiffseigenthümer, der an einem Lippenkrebse litt, kam zu mir an Bord, um ärztliche Hülfe zu suchen. Ich hielt deßwegen mit dem achtungswerthen ~Dr.~ +Boselli+, welcher in Lossin piccolo niedergelassen ist, eine Konsultation. Es wurde diese am Borde gepflogen, weil ich wegen der Ruhr nicht ausging, die mich seit zwei Tagen plagte.
+Den 14. Herbstmonat.+
Dem Eigenthümer des Schiffes, einem reichen Manne, machte es Vergnügen, den Giusto in dem Hafen zu sehen, und so konnten wir einmal wegen dieses fatalen Vergnügens nicht weg. Doch heute war es ihm selbst daran gelegen, daß die Abreise nicht länger verzögert werde. Indessen hatten unglücklicher Weise der Herr +Marco+ und der Himmel ungleiche Launen. Man wollte die Brigg aus dem engen Hafen herausbugsiren; allein der Wind blies so widerlich, daß man den Versuch aufgeben mußte.
Mittlerweile umgab uns Gesellschaft. Der Vater des Kapitäns nebst seiner Gattin und einer hübschen Anzahl Kinder waren am Borde -- im Abschiedsgeleite und auf dem Wege zum Landgute. Mich freute es, dießmal die Familie in alltäglichem Putze zu sehen. Der Podestà, ein ziemlich betagter Mann, mit kahlem Kopfe, von fettem Leibe, trug eine hinten breit abgeschnittene Jacke, an der hie und da die Naht von einander gähnte; die schwarze Weste war mit hellbraunem Tabake übersäet; die Schuhe roth, ordentlich schuppig, ein langes Register von Lobsprüchen auf den Schuhflicker. Der gute Mann war stets aufgeräumt; die alltäglichste Frage pflegte er zu deklamiren; er plünderte gerne Stellen aus französischen Schriften, besonders aus +Rousseau+, welcher so unbarmherzig die Geißel über die Aerzte schwang. Der französischen Sprache keineswegs fremde, überwarf er sich leicht in der Aussprache; z. B. +but+ statt bü (~but~). Sogar mit lateinischen Brocken sättigte er zuweilen das Gespräche. Auf dem geschichtlichen Felde spielte er am liebsten und beßten. Auf echt italienisch erzählte er, daß Lossin, die Absorus der Alten, +früher+ bevölkert worden sei, als Rom. Die Italiener führen den Adel auf ihre Urväter zurück, wie die wirklichen Adelichen auf den Wipfel ihres hohen Stammbaumes hinauf. So lange die heutigen Italiener nicht mehr leisten, erscheint ihr Adel possirlich genug. Madame, eine Frau von Geist und sehr eingezogenem, stillem Karakter, übernahm die Rolle als Kranke. Während des Mittagmahles setzten ihr die Bewegungen des Schiffes so zu, daß ich nicht eilig genug mein Felleisen öffnen, und ein Fläschchen herausziehen konnte. Die verheirathete Tochter, eine fette, große Gestalt, mit der Adlernase, mit Haaren, deren Farbe am wenigsten gefällt, von Ansehen überaus gutmüthig, in der Rede äußerst nachläßig, schien das größte Wohlgefallen am Lachen zu finden, auf daß sie ihre blendend weißen Zähne weisen könne. Es fiel mir auf, daß die Kinder ihren Vater Signore und ihre Mutter ~Signora~ titulirten. Uebrigens will der Titel mit größerem Recht einen Platz, wenn man Jemandem +Herr+ sagt, der mehr oder weniger über Einen herrscht, als einem Andern, dessen Herrschaft man sich gelindestens verbitten würde.
Hatte der Herr Podestà sich satt gegessen, wozu, als zu einem Lieblingsthema, er sich recht Zeit nahm, so suchten wir Unterhaltung im Spiele. Ich konnte ihm die entzückenden Lorbeeren des Gewinnes leicht gönnen, weil ich das Damenspiel auf italienische Weise erst lernen mußte. Mit den Damen wechselten noch das Karten- und Dominospiel.
Ich vernahm, daß die ganze Familie, mit Ausnahme der verheiratheten Tochter, die Nacht am Borde zubringen werde. Das wird wunderlich hergehen, dachte ich bei mir selbst. Doch schickte sich die Sache ziemlich gut. Matratzen wurden auf den Boden ausgebreitet, und nach langem Aufbleiben legte sich Alles bunt darauf, der Dorfschulze, versteht sich, am breitesten, +Cesare+ und ich steckten uns ohne Komplimente in unsere Bettkasten (~cuccietta~).
+Den 16. Herbstmonat.+
Gestern wurden vergebens Versuche gemacht, um die offene See zu erreichen. Die Familie blieb am Borde, essend, trinkend, gähnend, schlafend, strickend, spielend, plaudernd, ganz wie den Tag vorher.
In aller Frühe hörte man Lärm auf dem Verdecke. Man bereitete sich vor, das Schiff flott zu machen. Am Eingange des Hafens scheiterten wieder alle Versuche, den Giusto weiter zu bugsiren. Unter einem azurblauen Himmel, der von keiner Wolke getrübt war, durften wir wieder liegen bleiben. -- Alles ~in majorem gloriam~ einer Laune.
Es war Mittag, der Tisch gedeckt, das Mahl bereitet. Der Scrivano kam zu melden, daß ein wenig Windstille eingetreten sei, welche die Ausfahrt erlauben dürfte. Sogleich Lärmen und Laufen. Endlich gelang die Zangengeburt. Neun Tage mußten wir uns in dem Hafen von Lossin grande aufhalten. Bei der Ausfahrt pikirte mich eine alte Figur von neunzig Jahren. Es war ein etwas lumpig gekleideter, ehrwürdig aussehender Chorherr, der in einem Kahne herumfischte. So muß die Uebermenge Priester hier ihr Brot verdienen.
Bald erhielt unser Podestà einen Besuch am Borde von seinem Stellvertreter. Ich möchte wohl um keinen Preis dessen Kupfernase gekauft haben, aus lauter Besorgniß für einen Trinker, Notabene für keinen Wassertrinker, gehalten zu werden.
Abends verließ uns die Familie +Budinich+, welche sich auf ihr Landgut begab. Der Podestà drückte mir zwei Küsse auf den Mund, und der Anstand forderte von mir ein Gleiches. Nichts widersinniger, als daß die Männer sich küssen, und dabei die Bärte aneinander reiben. Mein Urtheil über diese Familie fällt mit Entschiedenheit günstig. Tugendhaftigkeit, Religiosität, die von Bigottismus weit abliegt, hinderten jedoch keinesweges, daß mehr Ordnungsliebe noch eine äußere Zierde wäre. Unsere Matrosen ruderten, vom Kapitän begleitet, die Gäste ans Land, und nach anderthalb Stunden setzten wir unsere Seereise fort. Diesen Tag ergötzten mich zwei Delphine, die drollig davon schwammen.
+Den 17.+
Links endete der Gebirgszug von Kroazien. Dort in der Nähe liegt Sarah. Südwestlich erblickten wir den Berg von Ankona, dem wir, vom Sirocco genöthiget, uns immer mehr näherten. Der Wind nahm Abends so zu, daß es stürmte.
+Den 18.+
Diese Nacht brauste der Meeressturm, welcher uns zur Rückkehr zwang. Die Wuth des Meeres vergönnte mir keinen Schlaf, und ich mußte mich selbst in der Cuccietta halten, um nicht von einer Seite auf die andere geworfen zu werden. In der Kajüte purzelte bald dieses, bald anderes Geräthe. Des Morgens wollte ich auch Zeuge des Schauspieles sein. Ich möchte es nicht beschreiben, weil es zu gewöhnlich ist, und beinahe in alle Schilderungen von Seereisen, manchmal selbst da, wohin es im Ernste nicht gehört, als Würze eingestreut wird. Auf dem Verdecke fragte mich der Hauptmann: Wie gefällt es Ihnen? Das ist sehr schön, antwortete ich, hingerissen vom Anblicke. Doch die angenehmen Momente dauerten nicht lange. Auf die Einladung des Hauptmanns ließ ich mich am Steuerborde nieder, im tröstlichen Glauben, daß ich von diesem, wie von einer Brustwehr, geschützt würde. Kaum war ich recht festgesessen, als eine Welle über Bord schlug, mich zudeckte und durch und durchnäßte. Ich legte mich zu Bette um darin das Ende der Szene zu erwarten.
Kurz nach Mittag warfen wir im Hafen San Pietro di Nembo Anker, wo wir schon gestern Abends vorbeigesegelt waren. Unangenehme Gefühle bemächtigten sich meiner, weil das Schicksal mir nicht besser zum Vorwärtskommen dienen wollte.
+Den 19.+