Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1839 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche, altertümliche und inkonsistente Schreibweisen wurden, auch bei Eigennamen, beibehalten, insbesondere wenn es sich um Übertragungen fremdsprachlicher Begriffe handelt oder diese im Text mehrfach auftreten. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Das gesamte Inhaltsverzeichnis beider Bände sowie die Liste der Verbesserungen befinden sich in der Originalausgabe lediglich am Ende des zweiten Buches. Der Übersichtlichkeit halber wurde das Verzeichnis des betreffenden Bandes an dessen Anfang gestellt, das Inhaltsverzeichnis des jeweils anderen Bandes dagegen an das Ende des Buches. Die Verbesserungen erscheinen am Ende des jeweiligen Bandes; diese sind, soweit sie vom Autor als relevant eingestuft wurden, bereits in das vorliegende Buch eingearbeitet worden.
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Lustreise ins Morgenland.
Lustreise
ins
Morgenland.
Unternommen und geschildert
von
~Dr.~ Titus Tobler.
Erster Theil.
Zürich,
bei Orell, Füßli und Compagnie. 1839.
Inhalt des ersten Bandes.
Seite
Reise nach Triest 1.
Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero 10.
Fahrt nach Alexandrien 25.
=Alexandrien.=
Lage 58.
Gebäude 59.
Krankenhäuser 67.
Auch das Observazionsspital oder die Observazionshütten 70.
Die Katakomben und der Pferdestall 78.
Die Nadeln der +Kleopatra+ und der Flohfänger 80.
Die Pompejussäule und die Schandsäule 82.
Die Nachgrabungen 85.
Leute. Bevölkerung 88.
Der Ritt zur Beschneidung 91.
Primarschule 92.
Die Zeichenschule 93.
Weiberhändel 95.
Geld und Geldnoth 97.
Das Schiff der Wüste 99.
Anleitung für den Reisenden 100.
Die Nilfahrt nach Kairo 104.
=Kairo.=
Lage der Stadt, Strich des Himmels und Gesundheitszustand der Menschen 134.
Die Stadt nach ihrer Bauart 140.
Das Schloß, der Jussufsbrunnen und die Grabmale von Kâyd-Bei 148.
Das Militärkrankenhaus 155.
Die Narrenmenagerie 157.
Die Stadt der Einäugigen und der Blinden 162.
Das öffentliche Bad 163.
Wie die Egypzier im sechszehnten Jahrhundert die Bäder gebrauchten 168.
Der Sklavenmarkt 173.
Das Katzenstift 177.
Gärten 181.
Die Esbekieh 183.
Physiologischer und psychologischer Karakter der Einwohner 184.
Tracht 194.
Speisen und Getränke 198.
Kaffeehäuser 204.
Schneller Justizgang 208.
Der egyptische Tanz 210.
Der Brautzug 213.
Der Leichenzug 216.
Der Straßensänger 218.
Der Versteigerer 219.
Der Barbier 220.
Der Lagerstellenmacher 221.
Der Glaser 222.
Der Schuhmacher 223.
Der Töpferwaarenflicker 224.
Die Missionarien 226.
Die Renegaten 228.
Müsterchen von Europäern in Egypten, oder ein Porträt über Kairo aus Europa 230.
Undank für treue Liebe 233.
Unter österreichischer Protekzion 235.
Meine Wohnung 236.
Meine Nahrung und Getränke 238.
Umgebung von Kairo:
Todtenstadt el-Seydeh Omm Kâsim 242.
Die Wasserleitung 244.
Altkairo und das armenische Kloster 246.
Das griechische Kloster und der Altar der h. Frau im koptischen Kloster 247.
Der Tempel +A’mrus+ 250.
Der Garten +Ibrahim-Paschas+ und der Nilometer auf der Insel Ruda 253.
Ausflug nach Heliopolis und Abusabel 258.
Geschichtlicher Rückflug nach Mattarieh 280.
Abenteuerlicher Ritt nach den Pyramiden von Gizeh 281.
Wegweiser in und um Kairo 295.
Rückblick auf Kairo 297.
Reise durch die Wüste nach El-Arysch 297.
Die Quarantäne in El-Arysch 321.
Vorwort.
Von manchen Seiten her wurde ich aufgefordert, die Beschreibung meiner Lustreise in das Morgenland der Presse zu übergeben. Ich hätte es vielleicht nicht thun sollen, -- ich entsprach der Aufforderung. Wohl wäre es möglich, daß die Sache allzu leicht genommen würde. Es ist viel minder schwierig, zu reisen, als eine Reise, zum Behufe öffentlicher Mittheilung, zu beschreiben. Wer einzig zur Erholung herumwandern will, ferne vom Vorsatze, etwaige Wahrnehmungen, Beobachtungen und Erfahrungen ans Tageslicht zu ziehen, darf sich nur den Paß und dessen goldenen Rahmen verschaffen; legt er den Wanderstab hin, so verlangt man von ihm im Ernste kaum Rechenschaft darüber, ob er viel oder wenig, richtig oder unrichtig aufgefaßt habe. Umgekehrt verhält es sich mit dem Reisenden, der eine Beschreibung durch den Druck bekannt macht; das Wort ist nicht mehr sein eigen, sondern Gemeingut der Leser, der Gewährsmann wird in die Schranken des öffentlichen Gerichtes gerufen.
Ich sehe gut die weithin langenden Folgen meines Versprechens, und gleichwohl rücke ich heraus mit meinen Tageblättern. Wenn ich die Aufforderung recht verstanden habe, so will man, ohne meine wirklichen Mühseligkeiten, im Geiste mir nachreisen; man erwartet keine neue Entdeckungen weder aus der Vor-, noch Mitwelt, weder in Beziehung auf die Kenntniß des Himmels, noch der Erde, weder ihrer Bewohner, noch Hervorbringnisse; man will Bekanntes in einem traulichen Kreise zusammenplaudern; man denkt billig genug, daß ein Lustreisender, der in einer Spanne Zeit drei Welttheile berührt, der Wissenschaft keine Dienste leistet. Ich rücke +darum+ mit meinen Tageblättern heraus, +weil die Erwartungen nicht über meine geringen Ansprüche hinaufreichen+.
Aber warum wurde denn die Beschreibung nicht zeitungswarm geliefert? So höre ich die Frage an mich richten. Mit einer Antwort bin ich keinesweges verlegen. Ich mochte nun einmal nicht in den bestaubten Reisekleidern unter so anständige Leute treten. Weil es anders nicht schicklich gewesen wäre, so begann ich den egyptischen und palästinischen Staub herauszubürsten. Freilich da merkte ich bald, daß in meinem Heimathlande nicht mehr die stillen Klostermauern mich umfangen; ein Hinderniß häufte sich auf das andere. Das Reise-Tagebuch lag neben meinem Krankenbuche, und Jedermann weiß, daß die Leidenden in der Regel durch etwas ganz Anderes genesen, als durch Schildereien aus dem Leben eines Pilgers. Kurz, ich stellte die Reisebogen in den Hintergrund, und widmete meine Feder vorzüglich den Tageblättern für meine Kranken. Doch nach und nach schaffte ich, so gut es in der vielzersplitterten Muße gehen wollte, wenigstens einige Ordnung, daß ich nun endlich die Schwelle des Hauses verlasse, um -- der Geneigtheit und Nachsicht der Leser mich zu empfehlen.
+Lutzenberg+, im Appenzeller-Lande, an Ostern 1839.
=Reise nach Triest=
Am 22. August 1835 trat ich, vom schweizerischen Kanton Appenzell aus, meine Reise an. Sie nahm ihre Richtung über den Arlberg, über Insbruck, Bozen, Trient, Vicenza, Padua und Venedig nach Triest. Ich werde diese Reise durch eine Gegend, welche, so zu sagen, nur einen Sprung weit von meinem Heimatlande entfernt ist, nicht näher berühren. Ich erwähne bloß, daß ich dießmal mit ungleich mehr Zufriedenheit durch diesen Theil Welschlands reisete, als im Jahre 1826, wohin ich von Wien aus einen Abstecher gemacht hatte. Ich wählte vorzüglich italienische Wirthshäuser, und die Wahrheit heischt von mir das Bekenntniß, daß ich nicht den mindesten Grund zu Klagen über Betrügereien in denselben fand. Niemals handelte ich mit den Wirthsleuten zum Voraus die Mahlzeit ab. Bei deutschen Wirthen dieses Landes befand ich mich eher schlimmer. Zank und Streit mit zwei Vetturini waren ganz unsere Schuld, oder vielmehr die meines Reisegefährten, eines Kroaten, der +weniger+ bezahlen wollte, als wir bereits schon übereingekommen waren. Es bot ein rührendes Schauspiel dar, wie ein Vetturino nur das +Seinige+ verfechten mußte. Wenn die Deutschen oder wenigstens die deutsch Redenden auf diese Weise fortfahren, es dürften sich traun die italienischen Vetturini brüsten, um dem deutschen Uebermuthe die Flügel zu stutzen. Die Deutschen, welche nach Italien reisen wollen, hauen darum leicht über die Schnur, daß sie auf erster Linie mit den Schlechtigkeiten der Italiener allzusehr sich vertraut machen, statt daß sie es sich angelegen sein lassen, die Gedanken in ihrer Sprache auszutauschen. Der Deutsche, gewohnt, beinahe in jedem schlechten italienischen Gewande eine schlechte Seele zu suchen, richtet auch nach dieser, über das Gebirge geschleppten vorgefaßten Meinung, die Behandlung des Italieners. So wie aber dieser wahrnimmt, daß der Fremde an ihm keinen grünen Zweig erblickt, mag es ihn freuen, daß der Reisende sich ja nicht täusche.
+Den 29. August.+
Ich langte in der überaus lebhaften Handelsstadt Triest an. Meine Empfehlungen an dasige Häuser thaten erwünschte Wirkung. Ein Landsmann gab Anleitung zum Einkaufe der für die Seereise nöthigen Effekten. Ein jüdisches Haus kam mir zuvor, um später den Aufenthalt in Alexandrien mir angenehm zu machen, und versah mich mit Schreiben, damit mir die Reise nach Egypten in finanzieller Beziehung gesichert werden sollte.
Sechs Tage mußte ich warten, bis ein Schiff unter Segel ging. Mein Vertrag mit dem Kapitän, Herrn +Simon Budinich+ aus Lossin, wurde doppelt ausgefertigt, und in demselben ausdrücklich bemerkt, daß ich freie Hand behalten wolle, wenn zur bestimmten Frist die Abfahrt nicht erfolgen würde. Der Vertrag beschlug übrigens, um nach Landart zu sprechen, nicht bloß Logis, sondern auch Kost.
+Donnerstag den 3. September.+
Ich ließ mein Bett, (ein Kissen, eine Stramatze [~Stramazzo~, Matratze], eine Wolldecke, [Kotze], zwei Leintücher) und meine übrigen Effekten an Bord bringen. Vom Kai holten sie unsere Matrosen ab, ohne daß ich mich vor der Hand weiter darum bekümmerte. Abends neun Uhr rief ich den Matrosen unsers Schiffes, ~il Giusto~. Gleich ruderten sie mir entgegen, und ich nahm Abschied vom Lande. Frohmüthig bestieg ich meine neue Behausung. Mein Auge weidete sich zuerst an dem Walde von Mastbäumen und an dem sternenreichen Himmel; dann trat ich in die Kajüte, wo ich meine Effekten in Ordnung fand. Ein fester Bursche, der Buchhalter (~scrivano~), saß eben an einer wohlbesetzten Tafel; ein mit rothem Wein gefülltes Glas wurde nicht selten von seinem Munde magnetisch angezogen. Derselbe plauderte an Einem fort anmuthig und offenherzig; er nannte ohne Umschweif die Regierung von Triest eine strenge. Als er inne ward, ich sei ein schweizerischer Republikaner, gab er Freude zu erkennen. Im Politischen faßte ich mich kurz. Ich suchte darzuthun, daß die Regierungsform nicht immer wesentlich die Wohlfahrt eines Volkes untergrabe oder begründe, und fügte hinzu, daß die Schweizer im Allgemeinen zufrieden leben. Ich sprach mit einer Mäßigung und Zurückhaltung, daß kein Schein da war, als wolle ich den Republikanismus außer meinem Vaterlande verkündigen.
Die Kajüte gefiel mir; blau angestrichen und geräumig; in der Mitte ein Tisch, ringsum Stühle und ein Kanape von hartem Holz. Zum Ueberflusse eingerahmte Bilder: hier das Sinnbild der Dreieinigkeit; dort ein pausbäckiger Zweimaster mit österreichischer Flagge; ferner weibliche Schönheiten aus allen vier Welttheilen. In einer Ecke ein Käfich mit zwei Kanarienvögeln. Für mein Lager war zur Seite der Kajüte ein Kasten, den man ~cuccietta~ nennt, und der durch zwei Flügelthürchen verschlossen werden kann. Der Kapitän hatte noch ein besonderes Schlafgemach, welches durch Thüre und Vorhang von der Kajüte getrennt war.
Um zehn Uhr sollte der Kapitän ankommen; allein die Vergnügungen auf dem Lande fesselten ihn über die Zeit. Mich überfiel Schläfrigkeit; ich begab mich zu Bette, nicht ohne einige Besorgniß, auf einem Lager, welches durch seine Weichheit sich nicht zum Besten empfahl, nur mit Mühe den Schlaf zu finden. Bald langte der Hauptmann mit meinem Reisegefährten an. Es dauerte nur noch kurze Zeit, und ich schlief.
+Den 4. September.+
Nach Mitternacht hörte ich lautes Getrampel. Die Matrosen waren beschäftigt, das Schiff in segelfertigen Stand zu stellen. Erst in der Frühe wurden die Segel dem Winde gegeben. Doch wir mußten zuerst laviren; denn einiger Proviant und das unter polizeilicher Aufsicht gelegene Schießpulver waren noch nicht eingetroffen.
Ein zureichender Grund bewegt mich, meinen Reisegefährten +Cesare+ nicht bei seinem Familiennamen in den Kreis meiner Leser einzuführen. Aus einem großen Dorfe bei Mailand gebürtig, studirte er in Pavia, hielt sich als Apothekergehülfe in Venedig, und die letzten vierthalb Jahre in Triest auf. Er theilte mir, auf verdankenswerthe Weise, eine Reisebeschreibung, ~Viaggio in Siria e nella Terra Santa~ von +Giovanni Failoni+ (~Verona, 1833, Pietro Bisesti~), mit. Ein anderer Passagier blieb zu nicht geringem Verdrusse des Schiffmäcklers aus, wiewohl er sein Jawort zur Abreise gegeben hatte. Er war ein Deutscher, dem Vermögen nach unabhängig, und nur Reiselust entzog ihn seinem Familienschooße. Wenige Tage vor meiner Abreise erhielt er aus Kairo Nachricht vom 31. Juli, daß dort die Cholera herrsche, und eines Mehrern bedurfte der bewegliche Mann nicht, um den Reiseplan vorläufig auf sich beruhen zu lassen. Mittlerweile lief noch denselben Tag, auf welchen unsere Abreise festgestellt war, ein Schiff von Alexandria ein, mit der günstigen Zeitung, daß der Gesundheitszustand in Egypten befriedigend sei. +Von Hezels+ arabische Grammatik, aus der freigebigen Hand des zurückgebliebenen Deutschen, war wohl ein geringer Ersatz für eine Gesellschaft, auf die ich vergeblich mich so lebhaft freute.
Der Kapitän, ein starkbärtiger Mann, von gedrungenem Körperbau, noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt, war nicht ohne Bildung. Er sprach etwas Französisch, benahm sich Anfangs zuvorkommend, und beantwortete willig die Fragen, welche dem Reisenden auf der Zunge liegen. Die ganze Bemannung des Schiffes machte keinen widrigern Eindruck, als die Floßknechte, mit denen man auf der Isar und Donau von München nach Wien reist.
Der erste Ort, der mir an der Küste auffiel, war das Kap von Istrien (~Capo d’Istria~). Ein langes Gebäude bezeichnet das Gefängniß. Dann Isola auf einer Landzunge; la Punta del Salvore. Die Nacht war herrlich; der Mond verbreitete sanft seinen himmlischen Glanz über das schweigende Meer. Triest war noch nicht verschwunden; man erblickte immer noch seinen Leuchtthurm.
+Den 5. September.+
Endlich sieht man nichts mehr von Triest. Die Luft regt sich ein wenig, und wir machen dabei einige Fortschritte. Das Schaukeln des Schiffes vermochte mir leichten Schwindel zu verursachen, der sich nach einem Trunk mit Rhum vermischten Wassers sogleich verminderte. Ich glaube, die sattelfestesten Legitimisten könnten auf dem Meere Schwindelköpfe werden. Mittags kehrte mein Taumel zurück, und ich fand für gut, mich während des Mittagessens mit der einen Hand am Tische zu halten. Uebrigens schmeckte mir die Suppe vortrefflich, und gleichzeitig erging sich mein Auge an den Mehlperlen, weßwegen sie Paternoster genannt wird; auch mußte ich über die Suppe lachen, daß sie, in allem Ernst, mir im Teller die Ebbe und Fluth des Meeres anschaulich machte. Unsern Cesare wollte der Schwindel ebenfalls übernehmen, er verließ den wohlbedeckten Tisch, und begab sich auf das Verdeck. Der Sirocco (Südostwind), der heute ziemlich stark blies, rieth uns, von der Küste sich mehr zu entfernen, so daß man den Küstensaum in Osten, als einen Spiegelrahmen, wohl wahrnehmen, aber keine Ortschaften unterscheiden konnte.
+Den 6. September.+
Ein eingetretener Nordostwind brachte uns über Nacht beträchtlich weiter. Wir näherten uns ziemlich dem Ufer. Des Morgens erblickte man zur Linken, uns gerade gegenüber, den hoch über die Hügel emporragenden Berg Caldiera; dann südöstlich das Promontore, wo bei Nacht den Seeleuten eine Laterne leuchtet, und wo wir bald vorbeigeschifft waren; ferner deckte den Hintergrund, in der gleichen Richtung, der Monte d’Ossero, eine breite Bergkuppe, der erhabenste Punkt des Eilandes Lossin. Jenes Promontore bildet den südwestlichen Grenzwinkel des Festlandes, von Istrien. An dem Promontore vorbei; und es beginnt das Mare Ouarenaro, an dessen Ende die Stadt Fiume liegt; auf diesem Meere schlugen die Wellen wilder gegen das Schiff. Nach dem Zeugnisse der Seemänner macht das Ouarenaromeer, im Winter, wenn der Nordwind (~tramontana~) brauset, die Schifffahrt sehr schwierig. Ich genoß kaum je in meinem Leben so entzückende Augenblicke, als an diesem Morgen. Majestätisch jagte unser Giusto die tobenden Wellen aus einander, die selbst auf das Verdeck stoben. Der Anblick der entstehenden und gleich wieder verschwindenden kleinen Hügel und Thäler war zu köstlich. Süß verschmolzen vaterländische Erinnerungen in den wirklichen Genuß der Seereise.
Ich vernahm, daß in der Nähe des Promontore eine alte griechische Kolonie ihre Sprache und Sitten beibehalten habe. Ich gedenke dessen nicht, weil ich glaube, etwas Neues zu schreiben, sondern weil es mich nicht minder ansprach, als die Thatsache, daß, in der Nähe von Verona, die Bewohner der Sette comuni, als Abkömmlinge deutscher Auswanderer, noch ein deutsches Sprachgerippe reden, obschon sie von der italienischen Sprache umringt sind.
Wir geriethen in eine Inselgruppe: zur Linken Unie, Canidole, zur Rechten die kleine, jedoch nicht minder merkwürdige Insel Sansego, weil sich auf ihr keinerlei Gestein findet, während der Archipel gleichsam nur Steinhaufen vorstellt. Aus Sand und wenig Erde bestehend, wird diese Insel von ungefähr fünfhundert Einwohnern zum Weinbau benutzt, die sich in der Zwischenzeit mit dem Fischfang abgeben.
+Den 7. September.+
Nach dem Erwachen stellte sich zur Rechten die Insel Pietro di Nembo, und östlich im Hintergrunde eine bergichte Küste dar, welche zu Kroazien gehört. Noch Vormittag erreichten wir den sogenannten Hafen von Lossin grande.
Mein Aufenthalt auf dem Eilande Lossin oder Ossero.