Lustreise ins Morgenland, Erster Theil (von 2)
Part 12
+Prosper Alpinus+, welcher im nämlichen Jahre, gleich auf +Schweigger+, nach Egypten kam, gibt eine genaue Beschreibung von dem Absude (~decoctum~) +Chaova+. Sehr häufig im Gebrauche, sagt er, ist der Absud +Chaova+, welchen man aus gewissen schwarzen, den Bohnen ähnlichen Samen zu bereiten pflegt. Er wird übrigens auch aus den Samendecken bereitet, und im letzteren Falle zeigt er sich kräftiger. Die Bereitungsart ist folgende: Man nimmt anderthalb Pfund von den Hüllen befreite Samen, röstet diese ein wenig über dem Feuer und siedet sie in zwanzig Pfund Wasser, während Andere von den gerösteten und in kleine Stücke zerbröckelten Samen einen Aufguß machen und solche einen Tag lang am Wasser stehen lassen, diejenigen aber, welche die Samen ohne Aufguß behandeln, die Hälfte Wasser einkochen. Die durchgeseihte Abkochung dient in wohl verschlossenen irdenen Gefäßen zum Gebrauche. Werden die Samendecken abgekocht, so nimmt man davon sechs bis neun Unzen auf zwanzig Pfund Wasser, wovon die Hälfte eingekocht wird. Der Same heißt +bon+, und den Baum, welcher ihn trägt, sah ich in dem Garten eines türkischen Bei, wohin er aus Arabien verpflanzt war. Die Egypzier sind dem +Chaova+ nicht minder leidenschaftlich ergeben, als die Franken in ihren Kneipen dem Weine.
In der „Hoffhaltung des Türckhischen Keysers,“ worin ein im Jahr 1582 zu Konstantinopel gehaltener feierlicher Umzug beschrieben wird, heißt es: „Die +Caahuetschi+, so einen schwarzen, warmen Trank verkaufen, welcher zu Verdauung der Speisen, +Verhinderung des Schlafes+ und der Traurigkeit dienen soll, mit rothen und weißen Fahnen, darinnen etliche Buchstaben. Zwei und dreißig haben Verehrung getragen; der andern, Knaben, jungen Leute und Meister, sind in die zweihundert gewesen.“
+Johann Jakob Ammann+, welcher im Jahr 1612 in Konstantinopel weilte, läßt sich dahin vernehmen: „Auch haben die Türken noch andere Wirthshäuser, darinnen die Wirthe nichts Anders geben, als schwarz Wasser zu trinken, von ihnen +Gahwe+ und von Arabern Lorbeeren genannt, welches mehrentheils von Gerste und andern Sachen gemacht wird. Sie kochen ganze Kessel voll, pflegen es den Gästen in kleinen irdenen oder porzellanenen Schüsseln siedheiß zu geben. Solches trinken die Türken, wie auch die Araber, so warm sie immer können, jederzeit ein Schlücklein auf einmal, bis es aus ist. Welches gar ein gemeiner Brauch bei ihnen, dieses Wasser zu trinken, bei Tage, wie auch Morgens und Abends. Etwa bei fünfzig mehr und minder sitzen da und dort beisammen; währet oft lang mit Trinken, Reden und Konversiren; wird aber Keiner von dem gedachten Wasser betrunken. Sie vermeinen, es trockne die Flüsse auf, und sei gar ein gesundes Wasser.“
Ich vergesse des +Adam Wenner+ nicht, welcher im Jahr 1616 nach Konstantinopel gereiset ist. „Die Kafuannen,“ sagt er, „sind Häuser, in welchen schwarz Wasser gesotten und von Türken und Andern täglich warm getrunken wird, so dem Magen und sonst sehr dienlich. Sie sitzen gemeiniglich einen halben Tag dabei, spielen im Schach und Bret (darinnen sie trefflich erfahren), aber um kein aufgesetzt Geld, sondern wer für den Andern die Zeche zahlt. Eben an solchen Orten finden sich auch Personen, welche unterdessen von ihrer Kaiser und anderer Vorfahren Thaten, auch Historien öffentlich lesen, und hernach deßwegen von den umsitzenden Zuhörern etwas Geld bekommen.“
Wie mühsam mußte man ehemals thun, um sich den Abendländern verständlich zu machen, daß von Kaffee die Rede sei. Dieser Fremdling war damals ein selten Ding in der großen Schatzkammer der Gelehrten, und jetzt kennt ihn jedwedes Kind. Haben +Rauwolf+ und +Schweigger+, +Alpinus+ und +Ammann+, +Wenner+ und Andere geahnt, daß das schwarze Wasser einst eine Weltherrschaft ausüben, und die besorglichen Aerzte des Abendlandes dasselbe beklagen werden? Die Götter allein entziffern die Zukunft.
Schneller Justizgang.
In Egypten wird gerichtet und sogleich vollzogen. Das hat wohl sein Gutes, aber auch sein Schlimmes. Durch den +langsamen+ Gang der Justiz windet sich am Ende mancher Schuldige hinweg, und im +kurzen+ Gange wird mancher Unschuldige erdrückt.
Ein Deutscher geht mit einer Flinte auf die Jagd. Auf dem Wege bleibt er in einer Nilbarke über Nacht. Er legt seine Flinte neben sich. Morgen ist sie nicht mehr. Er wendet sich an die Polizei; der Barkenführer (el-Reis) mit ihm. Der Polizeidirektor läßt auf den Vortrag des Franken, ohne weitere Umstände, dem Barkenführer hundert und zwanzig Hiebe auf die Fußsohlen messen, weil er nicht besser für das Eigenthum des Reisenden gesorgt habe, und es kaum möglich sei, daß ohne sein Einverständniß hätte etwas gestohlen werden können. Zugleich muß der Reis für den Schaden einstehen.
Das ist ein Beispiel von dem schnellen egyptischen Justizgange; der Fall ereignete sich eben während meines Aufenthaltes in Kairo.
Die Sache von geringem Belange richtet und exequirt der Franke selbst. Hochmüthig treibt er sich ordentlich in Kairo mit der Peitsche herum, und traktirt damit den Araber, sobald dieser ihm nicht den Weg räumt. Lebt in Egypten nicht noch die alte flotte Zeit der deutschen Studenten, welche eben so hoch über die obskuren Philister trabten? Andere Male regalirt der Franke mit Stockschlägen, mit Ohrfeigen oder Fußstreichen. Kaum wehrt sich der Araber dagegen; viel weniger würde er Gleiches mit Gleichem vergelten. Wie müssen die Leute gesunken sein, welche, der Zahl nach, die Herrscher des Landes sein könnten, und sich von Fremden, ich will nicht sagen, von Andersgläubigen, auf eine Weise mißhandeln lassen, wie man in Europa nicht überall die Thiere behandelt.
Der egyptische Tanz.
Man machte früher viel Aufhebens von den Bajaderen. Man bekommt sie heutzutage minder oft zu sehen. Gleichsam ein Spiel des Zufalles rief mich auf den Schauplatz des so seltsamen Tanzes.
Ein arabisches, züchtig gekleidetes Mädchen oder, wenn ich der Versicherung trauen darf, gar ein Soldatenweib stellte sich in die Mitte des Zimmers. Es wollte seinen Gesichtsschleier nicht lüften, denn ein häßlicher Mund versäuerte das sonst süßliche Gesicht. Nirgends zeigt man dasjenige gerne, was eine vortheilhafte Meinung trüben könnte. Die Hände stemmte die Tänzerin auf die Flanken des Leibes. Nun bestand der Tanz darin, daß das Mädchen die Hüften rasch in die mannigfachsten Bewegungen setzte, während der Körper, so viel als möglich, steif gehalten wurde. Dieß nahm ein ganz sonderbares Aussehen an, und ich mußte die eigenthümliche Art, das Becken zu bewegen, in der That bewundern. Der Schein meiner Bilder blieb weit hinter der Wirklichkeit zurück. Diese Bewegungen kosteten gewiß Mühe und Anstrengung[19], letztere augenscheinlich in dem Maße, daß den tiefbraunen Grund des Gesichtes ein dunkles Blau überflog. Mit den Füßen machte das Mädchen wenig Bewegungen, nicht einmal viel trippelte es, und nicht das Kreisende zeichnet den egyptischen Tanz aus. Die Bajaderen singen wohl auch; unsere ließ sich selten hören. Ein ältliches Weib pauckte mit ausgelassenen Geberden und schmetterndem Sange einen Tambour zum Tanze.
Nachdem die junge Bajadere ihre Rolle geendet, wollte auch die ältere Matrone eine übernehmen. Sie schürzte den Rock ein wenig auf, und gürtete ihn also um den Leib. Wie wahnsinnig trieb sie den Schooß nach allen Richtungen. Das Alter schützt vor Thorheit nicht. Jetzt bedurfte ich nicht des Mehrern, um mich von dem Unanständigen des Tanzes vollkommen zu überzeugen.
Noch unanständiger erscheint der Tanz beim Manne. Er schürzt ebenso den Rock auf, und rüttelt auf gleiche Weise das Becken. Derjenige Tänzer, welcher seine Fantasien auf unserer Nilfahrt zum Beßten gab, führte auch ein Stöckchen in der Faust, und Männer an der Reihe klatschten mit den Händen den Takt.
Wenn der Fremde diesem Beckentanze zuerst zuschaut, so kann er Anfangs wohl das Lachen nicht verhalten. Nachher gewinnt er Zeit, seine moralischen Betrachtungen anzustellen.
Ich möchte den egyptischen Tanz nicht verlassen, ohne einer Merkwürdigkeit aus dem Jahre 1582 zu gedenken.
An dem mehrerwähnten großen Prachtzug, zu Ehren des neubeschnittenen kaiserlichen Prinzen +Mehemet+, schloß sich der Dulumtschi-Pascha oder der Hauptmann der Fünfhundert mit den geschmierten Ziegenhäuten. Er entblößte sich oberhalb des Gürtels, entkleidete sich bis aufs Hemde, geberdete sich seltsam mit Kopf und Augen, Händen und Füßen. Hierauf zog er das Hemde über den Kopf, machte in dünnen leinenen Hosen seltsame Sprünge, tanzte, zog den Bauch bald ein, bald trieb er ihn hervor, warf die Hüften hin und her, daß es schändlich und abscheulich zu sehen war. Allein die Türken fanden daran Wohlgefallen, lachten des Tänzers und lobten ihn. Es wäre freilich voreilig, von dieser Einzelnheit auf den sittlichen Karakter überhaupt zu schließen. Große Volksfeste haben jederzeit einzelne Ausbrüche von Rohheit in ihrem Gefolge.
Der Brautzug.
Voran lärmen Tambour und Pauken. Hier Männer, dort Knaben, hier ein Halbblinder, dort ein Zerlumpter schlagen darauf los: Alle in Unordnung, in ungleicher Reihe, in ungleichem Schritte, ohne Ernst, herumgaffend, und die Knebel oder Stäbchen scheinen ohne Takt auf die Felle zu fallen, wie die Regentropfen auf die Erde. Im Reiche der Töne Mangel an Takt, wie an den Gebäuden Mangel an Ebenmaß. Daß dem Egypzier etwas gefalle, muß es ein Spiel der Einbildung sein, das kaum Schranken kennt. Jetzt kommen hübsch geputzte Knaben in besserer Reihe, in geschlossener Ordnung. Sie tragen schönfarbige Krüge von antiker Form. Daraus sprengen sie wohlriechende Flüssigkeiten; so das Rosenwasser, welches, wie frische Rosen im Garten, den süßen Geruch düftet. Die Weiber mit ihren Lappen über das Gesicht, diese Masken schreiten zierlicher daher, je zwei neben einander, eines mehr wie das andere bestrebt, damit hochlaut aus ihrer Kehle das Freudengeschrei erschalle, welches dem Froschgequak am Nile oder dem Laute ähnlich ist, wenn bei uns die Kinder, die Stimme erhebend, mit dem Finger über die etwas hervorgestreckten Lippen auf- und abwärts klimpern. Je näher dem Traghimmel, desto schmuckreicher die Weiber; ihr Gesichtsschleier prangt von größern und kleinern Goldstücken, und sie heben ihre Arme aus den weiten, faltigen Seidengewändern, gleich dem Priester, welcher das Volk benedeit. Einen runden Wedel, auf dessen einer Seite die Eitelkeit ein Spiegelchen anbrachte, hält ein Weib in der Hand. Es bietet alle seine Rührigkeit auf, damit die Braut zu befächeln. Andere Weiber spritzen wohlriechende Flüssigkeiten. Männer mit kleinen Stäben gebieten und schaffen zur Seite links und rechts Ordnung. In der Mitte zwei schön gekleideter Weiber, unter dem von vier Männern getragenen blutrothen Baldachin +erblickst du die Braut+. Der Europäer möchte gern ihre Schönheit bewundern. Vergeblich; sie ist in einem rothen Schleier so ganz und gar verhüllt. Den Kopf kleidet fürstlich ein kronartiger Aufsatz. Um die Stirne und das Gesicht drängt sich ein Goldstück an das andere, ein Edelstein an den andern; die Braut legt mit morgenländischer Ueppigkeit hier Alles zur Schau, was sie nur Glänzendes auftreiben konnte. Geblendet von den ausgehängten Kostbarkeiten, wünscht man beinahe nicht weiter zu schauen, obschon das Geheimnißvolle die Neugierde stachelt; denn man fürchtet, bei gelichtetem Schleier, mit getäuschter Phantasie das Auge wegwenden zu müssen. Hinter dem Baldachine schalmeien sie in das Getümmel der Pauken und Tambour. Langsam schreitet der Zug, aber immer noch rasch für das neugierige Auge, um das Mannigfaltige aufzufassen.
Wenn der Zug mehr oder weniger pompös ist, so gibt es noch manche Zugaben und Anderes mangelt.
Einmal gerieth der Brautzug ins Gedränge in einer ziemlich schmalen Gasse; denn es kam ein langer Zug Kameele, deren Ladung am Bauche wie ein Kobold hin- und herpurzelte, und durch ihre Gespenstergröße die Gasse buchstäblich mehr als halb füllte. Ich befand mich eben am Baldachine, und die kleine Braut rückte mir nahe. Nur ihre Nase prägte sich unter dem anliegenden, rothen Schleier aus. Die Sonne lauerte fortwährend hinter dem rosigen Gewölke. Auf der Stelle ward die Bedrängte von dienstbaren Geistern umringt, und ein Schwarm von Fingern flog auf den Kopf, seinen Putz zu halten, nicht anders, als führe man eine Glasfigur herum, die man an dieser gefährlichen Stelle mit allen Händen beschirmen müsse, auf daß sie ja nicht breche.
An der äußerst reich ausgeschmückten Mohammetanerin fiel mir ein goldenes Kreuz auf, welches von der Stirne herunter hing. Dieser Theil des Kopfputzes war wahrscheinlich ursprünglich im Besitze der Christen. Putzliebe überwiegt nicht selten sogar religiösen Skrupel. Die Mohammetanerin fragt wenig nach der Form, wenn nur Glanz, nur Gold, nur Flitter. Sie versteht die mit Brüchen rechnende Engherzigkeit mancher Protestantinnen nicht, welche, Gott weiß, wie tief sie in die Finsterniß des Papstthums plötzlich gerathen würden, wenn sich einmal ein Kreuz auf ihre Stirne verirrte.
Wo der Brautzug aufhörte, und wie die weiteren Festlichkeiten waren, dessen war ich nicht Zeuge, und das ist der Grund, warum ich nicht davon rede.
Der Leichenzug.
Knaben mit fröhlichen Mienen gehen voran in Reihe und schlagen Liedeslärm. Ihnen folgen blinde Männer, Hand in Hand, mit vereintem Gesang, ohne Sinn für einen geregelten Zug. Drei Männer tragen hier einen vierkantigen, dort einen mit einer Firste versehenen fünfkantigen, so flüchtig verfertigten, breternen Sarg, daß der Blick in die Fugen unschwer sich stiehlt. Von ihm erhebt sich ein Turban, auf dem Sarge das Kreuz des Mohammetaners. Liegt ein Mann in den Bretern, so werden sie mit einem rothen Tuche umwunden, beim Weibe -- drängt sich dessen Kopfschmuck darum. Hinter dem Sarge selten ein Mann, aber Weiber, verwandte und bekannte, voll bitterer Klagen über den Verlust. Die Hände und das Gesicht dieser Klageweiber sind, zum Zeichen der Trauer, blau gefärbt. Am Nile das Trauerblau, bei uns das Trauerschwarz, anderwärts das Trauerweiß, -- was ist denn die Trauerfarbe? Ein hellblaues Tuch, um in der Schilderung fortzufahren, umflattert über dem gewöhnlichen Schleier den Kopf, -- und ein blaues Tuch, an den Zipfeln mit beiden Händen fassend, schleudern die Klagefrauen mit gellendem Schrei gegen den Sarg, als wollten sie dem Sensentrager die Beute abringen. Nur die weiblichen Verwandten tragen die blaue Trauerfarbe, kein einziges Trauerzeichen die Uebrigen.
Ach, der Todte bleibt todt, todtenbleich und todtenstarr, mögen ihm die Einen leise nachweinen oder laut nachschluchzen, die Andern gellend nachschreien.
In Alexandrien hörte ich von einem Hause herab zuerst den unvergeßlich gellenden Lärm; ich wußte nicht, ob von einigen verrückten oder im Zanke begriffenen Weibern. Ich stand wie verdutzt da, als man mir die Erscheinung dahin aufklärte, daß darin eine Person gestorben wäre, und daß, zur Bezeugung der Trauer, so lange in demselben Hause geschrieen, bis sie daraus getragen wurde. Es wäre manchmal an einem Trauerfalle so genug, daß man diesen nicht überlaut verkündigen oder amplifiziren dürfte.
Der Straßensänger.
Da steht ein Jüngling, der mit der einen Hand das Ohr zuhält, mit der andern dann und wann hinter den schwarzbraunen Nacken fährt. Er scheint +Galls+ Tonorgan nachfühlen zu wollen. Er trägt eine Mütze und eine Jacke, weiter aber keinen Faden am Leibe. Das ist ein Sänger in einer der Hauptstädte des osmanischen Reichs.
Die Stimme klang nicht unangenehm; aber wenig Wechsel in der Singweise, zum Unglücke verstand ich kein Wort. Ich zweifle nicht, daß Alles artig und poetisch gewesen sei; denn es hatte ja sich in dem Sänger selbst der Ausbund von Poesie personifizirt. Was ich gut verstand und mich zum herzlichen Lachen rührte, war das Gekrähe eines jungen Hahns, das Gebell eines Schoßhündchens und das Gefauche einer Katze, welche anmuthigen Töne der Virtuose nach jeder Strophe vortrefflich nachahmte. Die Nachahmung der Thiere ist freilich mehr ergötzlich, als des Menschen würdig.
Der Europäer meinte in Egypten, er lebe in einer ganz andern Welt, wenn ihn nur zur rechten Zeit und zur Unzeit, mit Erlaubniß zu sagen, die Flöhe und die Wanzen nicht stächen, wenn nur die Sonne viereckig und der Mond hornlos, das Feuer kalt und das Wasser trocken wären, wenn nur, worauf es eben jetzt ankommt, nach einer andern Melodie die Hähne krähten, die Hunde bellten, die Katzen fauchten; aber sogar die egyptischen +Menschen+ kennt der Europäer auf dem Resonanzboden Europas, wenn sie schwatzen, wie die egyptischen Hähne, Hunde und Katzen. Dagegen liefert Europa manchmal Konterfeie seiner selbst, welche dem Urbilde gleichen wie John Bull einem Känguruh.
Der Versteigerer.
Um etwas dem Meistbietenden zu überlassen, sind in Europa erst lange Berathungen, Edikte, Zeitungen, Lizitazionskommissarien nöthig. Niemand versteht besser, auf krummem Wege das Ziel zu verfolgen, als der Abendländer.
Ein Araber ging in die Frankengasse, in der Hand ein Hausgeräthe, womit er die Schaulust möglichst reizte, und rief den Preis desselben mit lauter Stimme aus. Er hört aus einer Bude ein Gebot; er wiederholt es; aus einer andern Bude vernimmt er ein höheres Gebot; er wiederholt auch dieses. Hin- und herrennend, als hätten ihn die Bremsen angebohrt, wiederholt er die Gebote, bald in arabischer, bald in italienischer Sprache. Sobald die Gebote nicht höher steigen, und das höchste dem Versteigerer anständig ist, so überläßt derselbe den Gegenstand dem Meistbietenden. Hier befindet sich der Araber in der That auf dem rechten Flecke, wo es ihm denn trefflich zu Statten kommen mag, daß er so gerne lärmt und schreit.
Der Barbier.
Es ist ein kurios Ding um den Bart, daß er am Antlitze des Mannes zur Schererei entsprossen sein soll.
Die bessern Barbierstuben Kairos sind prächtig ausgestattet. An die Wände lehnen sich unbewegliche Reihen schnörkelhafter Sitze von hartem Holze, wie in einem Kirchenchore.
Da zwängt man Einem den Kopf über die Brust, um die Schwarte nackt zu scheren; dort wird die Lippe straff angestreckt, um die Mundwinkel auszuputzen, dort der Kopf rücklings umgebogen, über dem Adamsapfel einen Streifen wegzubarbieren. Wenn in einer Stube Mehrere barbiert werden, so machen die Köpfe so verschiedene Richtungen, als wären sie aufs allergutmüthigste illuminirt. In den Barbierstuben wird man nicht in hockender Stellung rasirt, wohl aber auf den Gassen. Der Barbier schneidet die Stoppeln völlig auf der Haut, schier wie ätzend, und er versteht in Summa seine Kunst meisterhaft. Leicht handhabt er das scharfe Messer, es bald auf- bald abwärts, bald seitwärts führend über fast alle Theile des Kopfes. Jeder mag sich im runden Spiegel, welcher, in einen schmucken Rahmen gefaßt, von dem Barbier mit Selbstzufriedenheit unfehlbar dargeboten wird, selbst überzeugen, ob ich in guten Treuen schilderte.
Der Lagerstellenmacher.
Die Lagerstellen der Egypzier haben etwas eigenthümliches, da sie gleich einem Käfiche zusammengestäbelt sind. Lagerstellenmacher, wie hier, dürften in Europa schwerlich gefunden werden. Die Noth schuf im Nilthale die Eigenthümlichkeit; es gebricht an größerm Holze, welches den Hobel zuläßt.
Der Lagerstellenmacher besitzt keine Bude; er begnügt sich, in dem Winkel einer Gasse oder sonst wo zu hocken. Ein Schneide- und ein Hohlmesser sind seine Werkzeuge. Mit ersterm schnitzelt er die Holzstäbchen etwas zurecht, und gibt ihnen die gehörige Länge; mit letzterm schlägt er Oeffnungen, dadurch die rundlichen Stäbchen zu ziehen.
Kein Pinsel beleidigt je diese Lagerstellen. Sie tragen den Schweren, wie den Leichten, den Müden wie den Muntern, den Schlafenden wie den Wachenden; dem Sünder aber nehmen sie die Last seines Herzens ebenso wenig ab, auf daß ihn eher der sanfte Schlaf erquicke, als die europäischen köstlichen und bequemen Bettstellen solch ein Wunder zu bewirken vermögen.
Der Glaser.
Als ich die Einsetzung von Scheiben verlangte, kamen zwei Menschen, ein gesetzter Mann und ein Jüngling von etwa sechszehn Jahren. Der Kontrakt in Betreff der Scheiben war bereits geschlossen. Wer sich eine Bedeutung geben will, muß doch die Kleinigkeiten umständlich behandeln.
Der Glaser ließ sich auf den Boden nieder; der Gehülfe ihm gegenüber. Sorgfältig schlug jener die hölzernen Nägel aus den Fensterrahmen. Er arbeitete langsam, aber sicher; so war sein Augenmaß. Statt eines Diamants bediente er sich eines Bröckchens Granit. Wenn dieser nicht tief genug schnitt, so führte er ihn auch über die Rückseite des Glases. Dann ballte er die rechte Hand, nahm die Scheibe zwischen den Zeigefinger und den auslangenden Daumen, und drückte solchergestalt mit Behutsamkeit abwärts, um das Glas über den Riß abzubrechen. Dieß gelang ihm freilich nicht, daß er eine schöne, ebene Linie bekam, doch brach er auch nicht fehl.
Ich glaube, der beste europäische Glasermeister würde mit einem solchen Hülfsmittel kaum besser das Glas gebrochen haben. Es ist immer eine Kunst, mit Wenigem gehörig auszureichen.
Der Schuhmacher.
Ohne eine lederne oder tüchene Schürze, ohne pechschwarze Hände +sitzt+ der Schuhmacher auf einem niedrigen Stuhle vor einem runden, ebenfalls niedrigen Tische, welcher der Querabschnitt eines Baumstammes und auf drei breite Füße gestützt ist. Die Schuhleisten weichen von den europäischen kaum ab, wenn nicht darin, daß sie, ohne den Moden unterworfen zu sein, alle spitz sind. Wie oft wird der europäische Schuhmacher durch die Modesucht Anderer geplagt, und wie ruhig kann deßhalb der egyptische schlafen. Der Flattersinn der Modenjournalisten erzeugt fürwahr eine Menge Qualen.
Mit einem Stücke Messing, welches die Form eines Mörserpistills, nur eine breitere Birne zum Schlagen hat und kürzer ist, werden Leder und Nähte geklopft. Flink schneidet dasselbe mit einem leichten Schroteisen der Schuster, der überhaupt mit einer großen Fertigkeit arbeitet. Der Mohammetaner näht nicht mit Schweinborsten, weil nach seiner Ansicht Alles, was vom Schweine kommt, unrein macht. Den gelben und grobkörnigen Stoff oder den Kleister, womit ein Lederstück auf das andere gekleibt wird, erkannte ich nicht. Die egyptischen Schuhe sind dem Klima angemessen: leicht, halten sie wenig warm, werden aber bald durchnäßt.
Der Töpferwaarenflicker.
In einem Lande, wo man mit schönen Porzellangefäßen so viel Aufwand treibt, ist es oft keine Kleinigkeit, wenn etwa eines bricht. Porzellan kommt hoch zu stehen, und so wird leicht erhellen, daß man sich Mühe gibt, die Bruchstücke zu einem Ganzen zu vereinigen.
In Europa fehlt es nicht an gutem Kitte für Töpferwaaren; doch hält selten einer längere Zeit, und in die Bauernhäuser fand er den Weg noch nicht. Sehr pfuschermäßig werden bei uns die Bruchstücke mit einem Drahte auf die Weise zusammengeheftet, daß er, nachdem er an beiden Enden sich berührt, gezwirnet, und an das Gefäß gedrückt wird.