Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band
Chapter 5
_Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen. -- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe austauschen möchte!
_Omar._ Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah?
_Abdallah._ Ich folge deinem Geiste.
_Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krücken. Sie ergreifen die großen Zügel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkühr, sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln, das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der großen Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn zu seinen Schülern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie glaubten und die Natur gehorchte ihnen.
Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du Zulma noch?
Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelöscht, Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_ freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig lieben. -- Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf die Seite, ich gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, -- diese Weisheit ist nicht für ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genuß_, mögen Wunder und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an ihrem Busen und sehe sie nicht.
_Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glücklich machen kann?
_Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone führt.
_Omar._ Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, zermalmende Vertraulichkeit?
_Abdallah._ O ich will zentnerschwere Bürden mit allen ihren haarsträubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rücken nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich nicht.
_Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jünglings. -- Abdallah! rief er laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und laß es tief in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind die Gesetze der Welt unterthänig!
Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie? -- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir hinwegreißt! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend Stufen höher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah spielte? -- O fürchterlich! fürchterlich!
_Omar._ So jämmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst es nur bis zu deiner Zulma tragen?
_Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch, laß die mächtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich unter deinen Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen Wünschen nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit schaffen.
Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schäumend von einem Hügel goß. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein dumpfes Dröhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich, sprach _Omar_ und zugleich riß sich eine schwarze Kluft klingend in den Boden. -- Omar faßte die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich dir die Zukunft enthüllen.
Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der Wächter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar ließ die Hand Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschloß sich wieder.
Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue Gewölbe, zuweilen noch rauschten die Bäume und schüttelten rasselnd den Regen von den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt.
Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden -- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zügen und starren Augen wie ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er stürzte wüthend nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei ähnlich war.
_Neuntes Kapitel._
Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über mir zusammen und nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus tausend glühenden Augen so fürchterlich auf mich herab?
Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, der Mondschein umgiebt dich und die Sterne flimmern über dir.
Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie werden mich nicht wieder grüßen, -- dann ging Abdallah zu Omar, und sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn!
Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._
Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen seiner Brust etwas besänftigt hatte, dann sprach er:
Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, der laute Donner der zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte unendliche kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche Stille ging vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen meiner Tritte. -- Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, und ein Grausen setzte mir die Hände in den Rücken und trieb mich weiter. -- Plötzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird. -- Donner wälzten sich durch die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten sich rauschend herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betäubte und zu neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flöten und Nachtigallengesänge flüsterte es über mir und weckte hämisch die Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und plötzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestöne hervor, und das Hohngelächter schallte von neuem und jagte meine Seele zur Verzweiflung. --
Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um mich herum und saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt sich mir ein Fels entgegen, -- ich stürze rückwärts, -- auch dort der Weg durch eine Klippe verriegelt.
Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrüll sprang fürchterlich von den Felsen zurück, ich verfluchte mich und dich und betete von neuem in noch gräßlichern Verwünschungen. -- Plötzlich wehte es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte und aus dem Felsen leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschränkungen webten und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine große Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weißgebleichtes Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurück. -- Itzt fuhr das Feuer wüthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich aufrecht und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich -- o wären meine Augen ewig verblindet! -- Hätte vor dieser Stunde mich der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht, dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines Vaters, fürchterlich geschwollen und mit entstellten Zügen und die scheußliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn hin. --
Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das schauderhafte Getön kömmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer von bösen Engeln, die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den Höllenpauken die Verdammten begrüßen, -- das Hohngelächter trat mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das fürchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweißtropfen auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer ungewisser Ferne nachtönte. -- Ich ging durch hundert Gewölbe, ich drängte mich durch unendliche Klüfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene Öffnungen und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich stürzte durch neue Felsengemächer und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück. -- Schon verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur Qualen verhieß, -- als ein mächtiger Donner die Erde über mir auseinander riß. -- Dem gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der Rettung und dem Lichte entgegen und dankte.
Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie er plötzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, fürchterlich verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast du es nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf ewig verschlossen!
Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. -- Abdallah stand lange und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur meines Vaters Tod kann mich glücklich machen?
Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche Wort, antwortete _Omar._
Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück.
_Zehntes Kapitel._
Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume hatten ihn gequält und seine Kräfte erschöpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh sein Gemach verlassen.
Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein Unglück, er suchte umsonst nach tröstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte sich ihm der Fluch seines Vaters und das gräßliche unterirdische Bild entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht zurückfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wüste an; alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung, die einst für das Große und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen Dämpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Für eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, hätte er die Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten Zufriedenheit zu leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, aber dann fühlte er wieder lebhaft, daß er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten, nie wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn so fest verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fäden auseinander zu lösen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht rückwärts, sondern mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren Felsenmauern vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, die in der starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte.
»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhängniß hinter mir her, nur das todte Opfer kann es versöhnen, der Abgrund gähnt bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich nicht entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach, ich _muß_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott -- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestürzt und die wüsten Trümmern rufen mir wehmüthig zu: _es war!_«
Erst mit der Dämmerung kam _Omar_ zurück. Er fand Abdallah in Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja ich erkenne noch jene Züge, die einst meinem Freunde zugehörten. -- Er konnte sich nicht länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schöne Zeit!
Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als wäre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte als ich. --
Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurück, Omar, was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, du hast sie mir aufgethan und verächtlich liegt die häusliche Armseligkeit der innern Natur vor mir. Die Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht wieder rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem Ufer, der Triebsand schießt unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund.
_Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und rette dich.
_Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte spielte, und mich in deinen Augen lächelnd sah, -- o wie glücklich war ich damals! Rufe jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurück, mit der ich dich damals liebte, da gehörtest du mir, ich dir. -- Omar, ich liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her und läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung.
_Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich war, bleibe auch du derselbe.
_Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name da, alles übrige gehört den bösen Geistern.
_Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergiß die Begebenheiten dieser Nacht.
_Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh den ernsten unermüdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen.
Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht in unverständlichen Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der Pfandbrief meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, der schwarze Gränzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hängt dieser Ring an meinem Finger.
_Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch verlassen. -- Du fährst zurück? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. -- Nur höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder sich zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin dein auf ewig, dein Glück ist der Endzweck meines Lebens. Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir das?
_Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt?
Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn ängstlich fest umschlossen, er drückte ihn lange an seine Brust. -- Mir ist, Omar, seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, oder noch unglücklicher als itzt!
Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung los, -- vergiß nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht verlassen, mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen dich Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet.
Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte gehen, er kehrte wieder zurück. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfüllen und jeden Kummer ertränken muß, oder meine Freundschaft hat vergebens gehandelt. Höre!
Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.
Zulma liebt dich! rief Omar.
Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit mir selber wieder ausgesöhnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kömmt mir in diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht möglich! -- So plötzlich kann die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O Himmel! wie verächtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglück gedrängt um mich wimmeln -- vor diesem Worte flieht alles rückwärts. -- Omar, dieser Talisman schützt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit stritte? -- Aber nicht möglich! -- Wie kann -- o du willst mich täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu sehn, du grausam zärtlicher! In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte Seligkeit oder Verdammniß, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefaßt, sprich es aus: sie liebt mich nicht!
_Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- laß mich sprechen. Ich sahe in die schwarze Tiefe deines Unglücks und suchte einen goldnen Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die Rettung sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die hundert Schwierigkeiten überwand, das sei dir itzt gleichgültig) ich sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt, ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward gerührt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen als Abdallah liebe.
_Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar, wäre diese Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich unglücklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wünschen übrig.
_Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?
_Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Möglichkeit, und ich muß, ich muß sie sehen! --
_Omar._ Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die Möglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer, die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du wirst Gesang und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet.
Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thränen erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! --
Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich, wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut, und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume, Wünsche und Gedanken.
_Selim_ und _Abubeker_ hatten indeß schon mehrmals ihre Freunde versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen.
Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.
Zweites Buch.
Erstes Kapitel.
Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom; _Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.