Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band

Chapter 21

Chapter 213,682 wordsPublic domain

Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend versammelte sich. Emma saß auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und Friedrich, unwillig daß ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer geworden.

Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang, als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den Schranken näherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller Anwesenden auf sich -- Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der weniger groß, nicht diesen majestätischen Anstand hatte. Sie gestand sich, der Fremde sei schöner als Adalbert und alle ihre Wünsche erflehten ihm den Sieg. -- Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte.

Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche zeigte, daß ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schöner gedacht, ja eine vollkommene Schönheit erwartet; er fand sich sehr getäuscht; aber doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets wieder nach ihr zurück, er fing an zu glauben, daß eine vollkommene Schönheit für das Herz selten so gefährlich sei, als ein anziehender Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kämpfen scheinen. -- Emma schlug einigemal die Augen nieder und erröthete. --

Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des Fräuleins. -- Er öffnete sein Visir, es war _Wilhelm von Löwenau_.

Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und sanken in eben dem Augenblick beschämt auf ihr Busentuch; sie fühlte, daß in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den Anblick der vollkommnen männlichen Schönheit zu genießen. Löwenau kniete noch immer zu ihren Füßen und verschlang sie mit seinen Augen; das Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem süßen Rausch und er erhob sich.

Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die übrigen Ritter begrüßten ihn und man begab sich zur Tafel.

Wilhelm von Löwenau saß als Sieger obenan und ihm gegenüber die schüchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte. -- Löwenau aß und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend. Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft lange auf ihr. -- Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und man brachte den Rittern die Pokale. Löwenau stand auf und ging in den Burggarten.

* * * * *

Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. -- Er stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmüthigen Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefähr an ihrem Fenster und ging wieder zurück, als sie den Ritter erblickte.

War das nicht _Emma_? rief er aus. -- Warum klopft mein Herz ungestümer bei dem Gedanken? -- Emma. -- Wie gleichgültig tönte mir noch gestern dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt, daß heut mein Blut ihm schneller hüpft? Ist dieß Liebe, Wilhelm?

Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters. -- Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher, wohlwollend gegen jedes Geschöpf, und ist mir doch, als ob ich den Namen Adalbert haßte seit ich den Namen Emma liebe! -- Nein, es ist nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand macht. -- Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht über mich gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr saß? Wie konnt' ich ihn beneiden, daß ihn der Saum ihres Kleides berühre? Warum haßte ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte mich glühend heiß, wenn ihr Auge auf mir verweilte? -- Freundschaft ist dieß Gefühl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! -- ist es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft besiegt.

Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wäre. -- Als ob es schon ausgemacht wäre, daß _ich sie_ liebte! -- Es kann, es darf nicht sein. Ich will mich mit aller meiner Männlichkeit panzern; sie gehört Adalbert, er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, -- ein Mann, ein Ritter muß auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darüber zu Grunde ginge.

Er eilte in die Burg zurück, und freute sich dieses Sieges.

* * * * *

Emma hatte sich indeß einigemal wieder dem Fenster genähert, ohne von Löwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schönen Mann nie ohne eine gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch über: wenn _dieser_ dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen mit der Frage: Du liebst ihn also?

Sie erschrak nicht mehr über diese Frage, schon während der Mahlzeit hatte sie sich an diesen Gedanken gewöhnt. -- Ganz leise fing ihr Herz an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe sie noch die Möglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser Liebe nur noch ihre Einwilligung. Dieß war der erste Augenblick, in welchem sie eine Art von Freude darüber empfand, daß Adalbert nicht in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls beim majestätischen Aufgang der Sonne. Sie fühlte, daß sie ihren Adalbert noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben könne, ja sie fing so gar an, sich ihre Gefühle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte, nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Löwenau's war überhaupt auf sein Bild jener Schatten der Gleichgültigkeit zurückgeworfen, aus dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht. Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie ungleich vollkommner an Löwenau wieder und jener behielt am Ende nichts als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzügen gerechnet hatte; und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so glaubte sie darin, daß er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen habe, einen Beweis zu finden, daß auch er sie nie geliebt habe. -- In dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie endlich Überzeugung.

Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger; den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument in andern Tönen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte, schien ihr itzt wichtig; der geschmückte Löwenau gefiel ihr um ein großes Theil mehr als er ihr ohne Schmuck würde gefallen haben, sie gestand sich dieß Gefühl, und beschloß von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert darum etwas gleichgültiger an, weil er nur ihres Vaters _Knappe_ gewesen war.

Löwenau wollte eben durch den großen Gang in die Versammlung der Ritter gehn, als Emma, vielleicht zufällig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie ihn hatte zurückkommen sehn, aus dem Gemache trat.

Ihr hier, Fräulein? rief Löwenau etwas hastig.

Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken, sie sei seinetwegen gekommen. -- Um in den Garten zu gehn, antwortete sie, indem sie rasch vorbeihüpfen wollte. --

Ihr flieht mich? sprach der Ritter.

Euch fliehen? Dann müßtet Ihr nicht der Ritter Löwenau sein. --

Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends überflog mit freundlicher Röthe das Gesicht des Mädchens. --

Fräulein, -- fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne nimmt durch einen holdseligen Kuß von Euch Abschied, um Euch morgen wieder mit einem Kusse zu wecken. -- Um Euer Antlitz zittert ein blasser Flammenschein, man sollte Euch für eine Heilige halten.

Daß Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte Emma schalkhaft.

_Löwenau._ Und wenn ich nun in die Versuchung käme? -- Würdet Ihr mein Gebet erhören, schöne Emma? --

_Emma._ Ich müßte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. -- Sie sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie fürchtete und hoffte viel.

So bitt' ich Euch, sprach Löwenau, nicht so schnell von mir in den Garten zu eilen.

Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen über ihre getäuschte Erwartung. --

_Löwenau._ Wenn Ihr so gütig seid, mein Fräulein, so werdet Ihr mich leicht zu einem ungestümen Bitter machen.

_Emma._ Was könntet Ihr noch mehr wünschen? --

_Löwenau._ Euch sehen und nicht wünschen? --

_Emma._ Ihr sprecht in Räthseln.

_Löwenau._ Daß Euer Herz sie verstehen _wollte_!

Emma sahe starr vor sich hin. Löwenau's Augen wurzelten auf ihrem Antlitz, er zitterte, eine niegefühlte Empfindung bebte durch seinen Körper, wie mit Ketten riß es ihn zu Emma hin, er umarmte sie plötzlich und sprach mit leiser unterdrückter Stimme: Emma, ich liebe dich! --

Betäubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen Händen lag in der ihrigen, sie drückte sie schweigend.

Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. -- Ein leises flüsterndes »Ja,« nur der Liebe hörbar, flog ihm entgegen.

Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drückte einen brennenden zitternden Kuß auf ihre Lippen, -- kein Gedanke, kein Gefühl, keine Erinnerung trat vor seine Seele, als daß er _sie_ in seinen Armen halte; selbst daß sie ihn liebe, hatte er vergessen. --

Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betäubung, noch einen Kuß drückte sie auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich athemlos auf einen Sessel niedersank, als würde sie von einem Ungeheuer verfolgt. Löwenau starrte ihr nach, bis der letzte weiße Schimmer ihres Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen Punkt geheftet, als wäre ihm ein Gespenst begegnet.

Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch fröhlich bei den Pokalen saßen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Söhne vergessen.

Löwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur unvollständig. -- Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom Turnier ermüdet und ließ ihn durch einen Diener auf sein Zimmer führen. Auch die übrigen Ritter gingen aus einander. -- Löwenau entschlief, als sich seine Phantasie müde geschwärmt, und seine Leidenschaften in Erschöpfung gekämpft hatten.

* * * * *

Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten angefangen habe. -- Aber wie war es möglich rückwärts zu gehn? Er hatte ihr seine Liebe gestanden, und sie, daß sie ihn wieder liebe. Wenn dieß Geständniß nicht über seine Lippen geschlüpft wäre, so hätte er gegen seine Leidenschaft noch kämpfen können; jetzt aber würde er sich und Emma zugleich unglücklich gemacht haben. -- Er überließ sich und sein Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles Nachsinnen, alle Entschlüsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem Vater um sie anhalten wollte. -- Weiß ich doch noch nicht gewiß, ob sie mir der Vater nicht abschlägt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja auch dann noch immer für Adalbert handeln. -- Mit diesen Täuschungen beruhigte er die Vorwürfe, die er in dem Innern seiner Seele fühlte.

Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du verdrängte bald die fremde steife Höflichkeit; denn Löwenau verachtete alle Zurückhaltung, alles Verschließen in sich selbst; er glaubte, es zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprüft zu mißtrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. -- Emma, die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur mit Geschöpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besaß noch weniger Zurückhaltung; sie äußerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.

Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, daß sie ihn nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. -- Löwenau fühlte sich durch diese Erklärung glücklich. -- Beide waren sich bald unentbehrlich, und Löwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die übrigen Ritter die Burg verließen, sehr gern Gehör. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er sich selbst zur Last; jede Beschäftigung machte ihm Langeweile, und doch verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fühlte sich in der Täuschung etwas beruhigt, daß er noch immer nicht gegen Adalbert handle.

Emma war jetzt liebenswürdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine stille, leidende Schönheit, die sich um so reizender an den stärkern Mann anschließt und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Stürme des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick gegeben, in welchem ein schönes Feuer brannte. -- Der heftige Löwenau liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. --

Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschloß noch heute mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel nachdenkend im Saale fand. -- Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an.

_Friedrich._ Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden.

_Löwenau._ Aber könnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben?

_Friedrich._ In der Rückerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in der Zukunft zu Hause. -- Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in jenem goldnen Lande Palläste aufzubauen, und _ein_ Windstoß sie alle niederreißt: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? -- Über dem Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der Entfernung etwas ein Schloß zu sein, und wenn wir näher kommen, ist es eine überhangende Klippe, die sich im nächsten Augenblick auf unser Haupt herabwirft. --

_Löwenau._ Ihr wollt also nicht hoffen?

_Friedrich._ O ja, aber die Hoffnung, jene Betrügerin, nicht zu meiner täglichen Gesellschaft machen. Das größte Glück erscheint klein, neben dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt.

_Löwenau._ Die Hoffnung trägt für Euch die Gestalt Emma's, und eine solche Tochter -- --

_Friedrich._ Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu fürchten, und je mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wär' mit ihr dahin! Ich wünsche nichts, als sie glücklich zu sehn; dann werde ich es auch sein.

_Löwenau._ Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht?

_Friedrich._ Er schläft in Palästina, Konrad von Burgfels, ihr mußt ihn gekannt haben, -- ein anderer, -- o ich mag nicht gern daran denken! -- ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wäre er jetzt hier, sie wäre sein. --

Löwenau schwieg, und sahe düster vor sich nieder. Ein gewisser -- Wollt Ihr sie keinem Ritter von berühmtem Hause geben? fragte er endlich.

_Friedrich._ Wer weiß ob sie mit einem solchen glücklich wäre?

_Löwenau._ Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?

_Friedrich._ Dann würd' ich mich keinen Augenblick bedenken.

Löwenau kämpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine Liebe rangen hartnäckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an Emma. -- Die Liebe blieb Siegerin. -- Würdet Ihr mich als Eidam verschmähen, Ritter?

_Friedrich._ Euch? -- Ist das Euer Ernst?

_Löwenau._ Könntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen?

_Friedrich._ Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.

_Löwenau._ Dafür kann ich Bürge sein. --

_Friedrich._ Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glücklicher Vater zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man muß sich gewöhnen, an allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glücke ähnlich sieht.

_Löwenau._ Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. --

_Friedrich._ Ich will es nicht länger bleiben, mein Eidam muß nicht glauben, daß er an mir einen mürrischen Vater erhält.

Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter, Löwenau ging endlich spät in sein Schlafgemach.

Sie ist mein! rief er aus. -- Unwidersprechlich mein. -- Itzt sei es fest beschlossen. -- Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darüber mein Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen müssen. Die Freundschaft sterbe für die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wäre unglücklich, und -- bei allen Heiligen! -- sie verdient es nicht zu sein. Auch er wird sie vergessen, -- oder mein Leben -- ein nichtiges Geschenk ohne sie, zurückfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen, denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der große Vertrag mit seinem Gewissen war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er für die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glücklichen Träumen ein.

* * * * *

Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein! so rief Löwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte. -- Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reißen.

_Emma._ Ich dein? du mein? --

_Löwenau._ Nur etwas mangelt unserm Glück und dieses Wort umfaßt noch mehr.

_Emma._ Was könnte dieses Etwas sein?

_Löwenau._ Daß Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange wir noch fürchten müssen, daß er zwischen unsre Umarmungen tritt, so lange sind wir nur halb glücklich. -- Emma, ich weiß den Ort seines Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm sagen, daß du ihn nicht mehr liebst, daß er jeden Gedanken an dich vergessen solle, daß du mein seist. -- Ich bitte dich darum, Emma. Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glück unsrer Liebe überlassen, dann soll keine ängstliche Furcht uns nahe treten, dann will ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzählige Jahre im Stande sei, meine Liebe zu schwächen.

Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Löwenau setzte sich und schrieb diesen Brief:

_Adalbert!_

Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht mit mir! Ich bin unschuldig. -- Engel gaben der Versuchung nach und verspielten ihr ewiges Glück; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der Verlust Deiner Freundschaft meine Schwäche bestrafen. -- Emma gehört Dir nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt. Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt. Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du Dich rächen mußt; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen. Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige werden. Ich bin der Hüter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, muß mich erst tödten. _Löwenau._

Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte sie in seinen Brief und siegelte ihn.

_Ritter_,

Vergeßt mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und darf mich daher nicht mehr nennen: Eure Emma.

Löwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so früh als möglich auf der Burg Löwenau's anzukommen.

Friedrich und Löwenau dachten itzt nur an das Vermählungsfest, welches sie recht glänzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres Geliebten so glücklich, als man es auf dieser Welt sein kann.

* * * * *

Adalbert lebte während dieser Zeit noch immer unter seinen schönen Hoffnungen und erwartete täglich die Bothschaft seines Glücks. Sein vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrüßlich, denn dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glücklichen Fortgang des Unternehmens zu bestätigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die schönen Gegenden in der Nähe besucht und dachte jeden Abend bei der Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.

Er war von einem seiner Spaziergänge zurückgekommen und stand an eine Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse näherte. Er erkannte bald in ihm Franz, den Knappen Löwenau's. -- Schnell eilte er mit der Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. -- Franz antwortete mit Ja und überreichte ihm den Brief Löwenau's. --

Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift betrachtete, er zögerte ihn zu erbrechen. -- Unaussprechliches Glück, oder Tod springt mir entgegen, -- noch, noch darf ich hoffen, noch bin ich glücklich. -- Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer, den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm feierlich, eine heilige Stille schwebte längst den Wänden des Gemachs, eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tönte über den Berg herüber. -- Er lößte das Siegel.

Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und küßte das Pergament. -- Er las -- und ward bleich, -- er las von neuem und schaute wild mit weit geöffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich, er wußte nur, daß er elend sei, kalt und fürchterlich faßte ihn diese Überzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.

Emma! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, indem seine Besinnung zurückkehrte. -- Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den Brief Löwenau's. -- Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu großen Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zähne zusammen und hing kalt und starr wie eine Leiche in dem Sessel. -- _Das_ hatte er nicht erwartet.

Er sprang nach einer Stille auf und brüllte wie ein Rasender: Fluch über alle, die in dieser Stunde glücklich sind! Fluch über alle Elende! -- Ja, ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr -- o ihr Verzweifelten! kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! _Eure_ Emma? _Eure_ Emma? -- Du lügst Meineidige! so hast du dich nie genannt! --

Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglück, wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen jagt es mich in den Rachen des Todes. _Meinetwegen_ wird ein zärtlicher Vater grausam, _meinetwegen_ ein edler Freund ein Ungeheuer, -- ich gebe die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefähr würfelt mit Glück und Unglück, -- gut, so will ich denn auch handeln, so lange ich noch handeln kann, -- ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren Umarmungen zurückstürzen, als hätten sie den Schuppenhals eines Drachen berührt. -- Ich will nicht _allein_ unglücklich sein, die _Liebe_ haßt mich, der _Haß_ soll mich itzt glücklich machen.