Ludwig Tieck's Schriften. Achter Band

Chapter 2

Chapter 23,590 wordsPublic domain

Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trübe durch die Fenster und eine schwermüthige Erinnerung des gestrigen Abends kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles, was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kämpfender Zweifel verschlungen. Alle seine früheren Gedanken schienen ihm unreif und kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfältig aufgezogen hatte, zerstört zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf, wenn sein Geist noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, er hätte so gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, die vorige Unschuld seiner Seele zurückgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst alle seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern wollten.

O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete, -- dein Altar ist umgestürzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit kühnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine Schwingkraft gelähmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die mich sonst mit mütterlichem Lächeln zu sich lockte? -- Ich muß mich selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer fremden Macht nachgeben muß, die mich wider meinen Willen zu Gräueln oder edeln Thaten drängt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich gestorben, ich bin ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem Gefallen in die Lüfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch um so entfernter. Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verächtlich gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! --

Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Träumen; Gefühle wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, die ihn einst so bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschönt hatten, aber kein Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O! rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit zurück, Omar, laß mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden Bürde.

_Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so leicht schließt und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen, denn er war gewöhnlich finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm freundschaftlich entgegen. »Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die Hand drückte, ich habe dich lange nicht gesehn.« -- Er freute sich, daß ihn jemand aus seinen Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und sich dem Wohlwollen überließ. -- Willkommen! rief er noch einmal.

Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen. Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drücken, eine tiefe unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge, nichts vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, seine Stimme war langsam und ohne Feuer. --

Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah fort.

_Raschid._ Kränker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode entgegen.

_Abdallah._ Dem Tode? --

_Raschid._ Ich hoff' es.

_Abdallah._ Du _hoffst_ es?

_Raschid._ Mein Geist erträgt die Leiden nicht mehr, die sich immer höher thürmen.

_Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen. -- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blühende Jüngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen Paradiese auferstehen lassen und dir --

_Raschid._ O glücklich, daß du davon wie von einem unbekannten Lande sprichst. -- Doch nein, du bist unglücklich. -- Ein Wesen ohne Liebe, -- eine Laute ohne Saiten. -- Für die göttlichsten Empfindungen todt kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende den glänzenden Fittig im Morgenrothe wiegt. --

_Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. --

_Raschid._ Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht zurückgeben, -- Freund, nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er würde den Frühling in meiner Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich zurück, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wünsche und meine Wünsche überschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt, -- o dann treten sie alle bleich zurück. -- Mein Unglück hat alle Blumen um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich in eine düstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thür verschlossen, -- ach Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich in's Leben zurückhalten? --

_Abdallah._ Wer würde nicht wenigstens hoffen? --

_Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn ich nur eine Spalte in der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden könnte!

_Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe genannt -- wen liebst du?

_Raschid._ Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. -- Ach! ich möcht' es mir selber nicht gestehn, daß der Mensch sich seinem Glücke Mauern in den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, daß -- ich kam hierher mich zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.

_Abdallah._ Wodurch kann ich dich trösten?

_Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. -- Lebe wohl! -- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn für sie, -- ich will in der Einsamkeit meine Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der mich versteht.

Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder allmählig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig, Abdallah?

Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.

Worüber dachtest du? fragte Omar.

_Abdallah._ Über deine gestrigen Lehren.

_Omar._ Sie haben dich traurig gemacht.

_Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, alles ist hin, was einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich sonst so warm die Natur umfaßte? --

_Omar._ Und muß denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu können? -- Ich habe dir deinen Haß genommen und um so größer sollte deine Liebe sein; du sollst alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit Füßen tritt.

_Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch?

_Omar._ Er soll es wollen.

_Abdallah._ Mein Geist sträubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben.

_Omar._ Weil er deinen Stolz kränkt. -- Vieles ist gestürzt, auf das du bis itzt eingebildet dich für besser als tausend andre hieltest; es ist dir genommen und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus Eigennutz bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen. --

_Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber, jeder handle nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir selber weichen?

_Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwäche trennen, -- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigennützig im _Genuß_, ein Traum ist kein Genuß. --

Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._

_Omar._ Und verschließe diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen für kein ander Ohr.

_Abdallah._ Für mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen?

_Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur verstehn.

Abdallah ging.

_Viertes Kapitel._

Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts davon gesagt?

Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast, lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser Omar?

Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von ihm unterrichtet zu sein.

Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt. -- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft, -- ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. -- Er ist mir bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab' ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, -- nur gestern am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als gewöhnlich hob, -- oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht, ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und verstellte alle seine bekannten Züge, -- ich war aus mir selbst herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd.

_Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen, thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein zurückgeworfenes Auge schenken.

_Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer ist dieser Omar?

Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete _Selim_; du hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun auch als deinen Wohlthäter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, -- nur deine Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig dem Elend entgegen. -- Wir verließen die Stadt und wanderten über unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen zuwarf. -- Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß -- und ging nach einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem Unglück in der Einsamkeit.

Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:

Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. -- Ach Abdallah, es waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen.

Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung seines Vaters, dieser sprach dann weiter:

Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe blühten. -- Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er, hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen. -- Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist _Omar_?

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze, alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich ließ mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glücklich als ich nur werden konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand, die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem Todtengerippe -- deinen Omar.

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.

Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.

Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte?

_Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich höre. --

_Selim._ Du sollst dich vermählen.

_Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille.

_Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter.

_Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin.

_Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten.

_Abdallah._ Nein, nie mein Vater.

_Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn?

_Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. --

_Selim._ Laß diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlöschen. -- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_!

Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden Blick an, den Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich unauslöschlich mit dem fürchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's Gedächtniß grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein Blitzstrahl die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurück, -- als dieser hereintrat.

Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte Omar; er ging froh hinweg und alle seine ängstlichen Besorgnisse waren verschwunden.

_Fünftes Kapitel._

Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen und Selim's Freunden.

_Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und hager, sein Auge sanft und sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben, ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte mit seiner Tochter in einer häuslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt. Er war im Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, die Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und in seinem männlichen Alter war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das ganze Gefilde auseinander wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, er dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich auf jede gefaßte Meinung, jede seiner Überzeugungen ließ er sich ungern nehmen und eine neue an ihre Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht hatte, schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.

Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich.

Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, als Selim endlich aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer ergriffen, also redete:

Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wäre einer unter uns, der dies große Gefühl nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles Ohr. -- Aber nein, -- die edelsten Männer des Staats sind hier versammelt und darum sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum Biedermanne muß der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies war die Ursach meiner Einladung.

Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr er fort:

Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger Friede an den Gränzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche Treue alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die Rüstung des Fürsten war, als das Glück in unsern Häusern wohnte, als -- wozu der schönen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der Sonnenstrahl, der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, macht dem Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir _waren glücklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige Überzeugung: wir _sind unglücklich!_ -- Wie beim Gewitter hängt die Luft schwer und drückend über unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert leise dem kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes, Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der unverständigen Kinder, kein Auge glänzt, als das Auge des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht aus betrübten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen Träumen geweckt, stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hängen unsre Thränen so schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrückte Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blühenden Felder um uns her Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel über dieses Reich? Hängt eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern? Sind unsre Freunde verschieden? --

Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blüthe unsrer Fluren ist dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch um uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen steht auf einem dürren Felsengrund eingeklammert. -- Das Glück hat uns seine Hand zum ewigen Abschied gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden nach. -- Und tröstet uns denn kein Ersatz über unsern Verlust und sind wir auch nicht einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren?

O zum _Allgütigen_ laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt. -- Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? -- O daß ich es schaamroth aussprechen muß, -- ein Fremder würde staunend unsrer Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_!

Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im unnützen Streit alle unsre Kräfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt, hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des Ewigen unveränderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fühlen daß wir elend sind, und o der Schande! -- wir begnügen uns damit, daß wir es fühlen!

Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes, ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers -- und _wir_! -- Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten schämte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und erzähle Ali meine Rede!