Part 11
Vor seinem Abgänge von der Kunstakademie bereitete die Dresdener Künstlerschaft unserem Meister am 9. März 1876 ein wohlgelungenes Fest. Die Festteilnehmer erschienen als Richtersche und oft recht drollige Figuren; die einzelnen zusammengehörigen Gruppen brachten dem Meister ihre Huldigung dar; es gab dabei sehr lustige Szenen; Hermann und Dorothea waren wohl ein dutzendmal vertreten, und Hermann hatte dreißig oder mehr Mütter. Obwohl er schweren Herzens -- ihm waren alle offiziellen Feiern, und nun gar ihm selbst bereitete, etwas Unbequemes -- zu der Feier sich begab, war er doch sichtlich ergriffen ob all der Liebe und Verehrung, die ihm, wie er liebenswürdigst behauptete, so unverdient entgegengebracht wurde.
Am 18. Februar 1878 wurde er, auf sein dringendes Ansuchen, aus dem „Akademischen Rat“ der Kunstakademie entlassen. Die Sitzungen waren ihm mit der Zeit eine immer schwerere und drückendere Last geworden. Am 22. Dezember 1878 ernannte ihn die Stadt Dresden zum Ehrenbürger.
Das Augenleiden hatte sich in den letzten Jahren so verschlimmert, daß er kaum noch lesen konnte. Es waren auf der Netzhaut der Augen durch Springen und Vernarbungen von Blutgefäßen unempfindliche Stellen entstanden, die nicht mehr funktionierten, so daß er die Dinge um sich her nur teilweise sah. Schreiben konnte er nur noch mit Hilfe der Lupe, er fand die Zeilen nicht mehr und schrieb oft durcheinander, wie der angefügte Brief zeigt.
Im Jahre 1880 ungefähr schreibt er einmal: „Außer dem Evangelium, das göttliche Gesundheit atmet, lese ich jetzt nur Goethe und Jeremias Gotthelf, allerdings eine wunderliche Zusammenstellung, aber mir ist wohl, wenn ich dabei bin.“ Jeremias Gotthelf war ihm ein Lieblingsschriftsteller geworden. Dieser kernige, gesunde Schweizer verstand es, unseren Meister zu fesseln, wie er auch Cornelius gefesselt hatte. Die wuchtigen, markigen Männergestalten mit all ihrem germanischen und bäuerlichen Eigensinn und ihren Schrullen und Ecken und ihrem trefflichen inneren Kern, die Männer, die mit dem Mist an den Stiefeln in die Stube treten, im Gegensatz zu Berthold Auerbachs Bauern, die sich erst säuberlich vor der Tür die Stiefeln abstreichen, -- die entzückend geschilderten Mädchen- und Frauengestalten, die kerngesunde Charakteristik, -- das alles packte und fesselte ihn. Die reizende kleine Erzählung, das „Erdbeer-Mareili“, die ans Romantische streift, war ihm besonders lieb. Gestalten wie Uli der Knecht und der Hagelhans und dessen Tochter Vreneli waren nach seinem Sinn. Fritz Reuters urgesunder Humor und ausgezeichnete Charakteristik erfreuten ihn; er hat beim Vorlesen aus der „Stromtid“, aus der „Franzosentid“ und den übrigen Werken oft herzlich gelacht. 1868 war Richter mit Skizzen zu Gotthelfs und Fritz Reuters Schriften beschäftigt, ließ aber diesen Plan wieder fallen und zeichnete statt dessen die Folge „Gesammeltes“. Charles Dickens’ (Boz’) Werke, so dessen David Copperfield und andere, haben ihm immer sehr behagt.
Vor allem schätzte er aber Goethe und Shakespeare, wie wir das aus seinen Aufzeichnungen schon ersahen. Eine besondere Vorliebe hatte er für die Romantiker, wie Tieck, Novalis, Clemens Brentano. Hier war die romantische Richtung aus der Zeit seiner Jugend bestimmend für sein ganzes Leben, wenn er auch in späteren Jahren sehr klar sah, was in jener Zeit krankhaft und gemacht war. Brentanos herrliches Fragment „Aus der Chronika eines fahrenden Schülers“ schätzte er ganz besonders; er hat dazu das prächtige Blatt „Die Laurenburger Els“ im „Gesammelten“ gezeichnet. Brentanos Märchen, herausgegeben von Guido Görres, vor allem das „Vom Rhein und dem Müller Radlauf“, die Romanzen vom Rosenkranz und die Aufzeichnungen der Visionen der Nonne von Dülmen, Katharina Emmerich, letztere wegen des Anregenden für die Darstellung der Leidensgeschichte Christi, interessierten ihn sehr. Den würdigen Matthias Claudius hatte er besonders ins Herz geschlossen; wie oft habe ich ihn rezitieren hören:
Wir stolzen Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste, Und kommen weiter von dem Ziel.
Gott, laß dein Heil uns schauen, Auf nichts Vergänglich’s trauen, Nicht Eitelkeit uns freu’n. Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein.
Die angeführten Strophen, von denen er bei Gelegenheit sagt: „Jede Zeile eine Perle!“ -- „enthielten für Richters Denk- und Empfindungsweise die Quintessenz aller praktischen, christlichen Lebensweisheit“. Auch für die Schriften Gottfried Heinrich von Schuberts, die wissenschaftlichen wie die erbaulichen, hatte er das größte Interesse; er nennt ihn in der Biographie neben Kempis und Claudius seinen Lehrer und Führer; er lernte ihn 1850 persönlich durch Schnorr in München kennen. „Schubert galt ihm als der protestantische und der edle Bischof Sailer von Regensburg († 1832) als der katholische Hauptvertreter jener milden Geistesrichtung, welche das Christentum universell zu fassen weiß und die konfessionellen Gegensätze und formalen Differenzen innerhalb der Christenheit nicht zu Schranken werden läßt, durch die sich glaubensbedürftige Menschen innerlich voneinander getrennt sehen.“ „Sailers Gebetbuch, Kempis und der alte Claudius tuen mir am wohlsten, und vor Allem die Bibel“, schreibt er 1873; (das Gebetbuch schenkte er seiner Enkelin Margarete als Mitgabe in den Ehestand). Eckermanns Gespräche mit Goethe, Richard Rothes „Stille Stunden“ und das von Fr. Nippold herausgegebene Buch „Richard Rothe, ein christliches Lebensbild“, auf Grund der Briefe Rothes entworfen (Wittenberg, Herm. Kölling), waren ihm höchst wertvoll und hochsympathisch.
Mit hoher Begeisterung betrachtete er die Werke Joseph Führichs, die dieser hochbegabte Künstler in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens dem deutschen Volke darbrachte. Die auffallend freiere Entfaltung dieses großen Talentes in dessen späteren Jahren, das hohe Stilgefühl, die Romantik und die tief religiöse Anschauung erregten seine größte Bewunderung. Die Bilder zum Bethlehemitischen Weg, zu Thomas von Kempens vier Büchern von der Nachfolge Christi, zu den Psalmen usw. bereiteten ihm bei ihrem Erscheinen eine wahre Herzensfreude. Auch die Overbeckschen sieben Sakramente erfüllten ihn, als er sie um 1865 zum erstenmal sah, mit aufrichtiger Bewunderung, obwohl in den späteren Overbeckschen Werken im Gegensatz zu dessen Jugendarbeiten ihn manches innerlich weniger berührte; hier aber schien ihm Overbeck auf der Höhe zu stehen. Daß ihn die Werke Rethels, dieses größten Meisters auf dem Gebiet der Geschichtsmalerei im neunzehnten Jahrhundert, dessen „Totentanz“, die Kompositionen zu den Fresken für den Rathaussaal in Aachen aus dem Leben Karls des Großen, ferner der „Tod als Freund“ und der „Tod als Erwürger“ und die früher erwähnten Bibelblätter aufs höchste mit Bewunderung erfüllten, versteht sich von selbst. Von den Kartons für Aachen sah er einige in Dresden entstehen. Er sprach oft über den den Sturz der Irmensäule darstellenden Karton, und wie ihm ganz besonders die stilvolle und so eigenartig behandelte Landschaft behagte.
Von Cornelius’ Kunst hatte er immer einen mächtigen Eindruck. Mit ungewöhnlichem Interesse stand er Mitte der siebziger Jahre, als er von einem Aufenthalt auf Sylt auf der Rückreise Berlin berührte, vor den Camposantokartons in der Nationalgalerie. Die Cornelianischen „Nachtreter“ lehnte er ab; hier sah er sicher und klar, was „Eigenes“ war, und zitierte oft scherzend, wenn er vor „cornelianisch“ sein sollenden Kompositionen stand: „Wie er sich räuspert und spuckt, das haben sie ihm glücklich abgeguckt.“ Besonders hoch hielt unser Meister auch die Werke von Ludwig Knaus. Bei Gelegenheit eines Besuches in der Privatgalerie von Johann Meyer in Dresden, wo die beiden Bilder „Durchlaucht auf Reisen“ und die „Beerdigung auf dem Lande“ dieses größten deutschen Genremalers des neunzehnten Jahrhunderts sich befinden, wurde er nicht müde im Betrachten, kam auch immer wieder auf diese beiden Werke zurück. Die treffliche Charakteristik in beiden Gemälden, die scharfe Beobachtung, die Individualisierung jeder einzelnen Gestalt, und nun gar der liebenswürdige Humor in „Durchlaucht auf Reisen“ und die meisterhafte Durchführung beider Bilder machten den größten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn. Das in der Dresdener Galerie befindliche Bild von Knaus „In der Kunstreiterbude“, die Unterhaltung eines Roués mit einer „Kostümierten“, war ihm des dargestellten Gegenstandes wegen unsympathisch; er war darüber ungehalten, daß man von diesem von ihm so hochgeschätzten Meister gerade dieses Bild erworben hatte. Über die Ausstellung in München 1869 schreibt er: „Mich interessierten nur die Bilder von Knaus und Steinles ‚Christus geht bei Nacht mit den Jüngern‘ und sein herrlicher Karton in Farben: ‚Schneeweißchen und Rosenrot‘. Ähnliches möcht’ ich machen!“ Für die Landschaften von C. F. Lessing aus dessen +früherer+ Periode hatte Richter eine besondere Vorliebe; im Städelschen Institut in Frankfurt a. M. befindet sich ein Bild von diesem Meister: Unter schattigen Bäumen am Brunnen ruht ein Ritter, draußen sieht man auf braune, im Mittagssonnenschein glänzende Heide; dahinter dunkler Wald. Dieses Bild liebte er sehr, er besaß eine kleine Nachbildung davon, die er gern und mit großer Freude betrachtete.
Sein Haus war schlicht und einfach, ebenso sein Tisch anspruchslos bürgerlich; er sah gern einen oder zwei Tischgäste bei sich, selbstverständlich möglichst Nahestehende aus der Verwandtschaft, dann war er ungeniert und konnte in dem gewohnten Hauspelz sitzen. Das kurze Tischgebet sprach er schlicht und einfach, daß man ihm mit Ehrfurcht folgen mußte. Bei Tisch pflegte er eine gleichmäßig freundliche Unterhaltung und würzte das Mahl durch manchen trefflichen Gedanken, dabei immer demütig und voll innerster und wahrster Herzensgüte. Seit einer Reihe von Jahren sorgte ein Hamburger Kunstfreund (ich denke, es ist in dessen Sinne, wenn ich seinen Namen verschweige) für vorzügliche Weine und sonstige Stärkungsmittel, deren sein hohes Alter bedurfte. Wenn er solch kostbaren Stoff kredenzte, gedachte er stets mit rührender Dankbarkeit, aber immer im Gefühl des Unverdienten, des freundlichen Spenders. Ebenso einfach waren die Abende bei ihm; vor dem Abendtisch wurde eine, auch zwei Stunden lang vorgelesen; das Gehörte gab beim Abendessen Stoff zu anregender Unterhaltung. Der Meister war oft heiter, erzählte gern fröhliche Episoden aus seinem oder seiner Freunde Leben, ließ oft seinem wirklich guten und echten Humor, den er in hohem Maße besaß, freien Lauf, hörte aber auch gern zu. Nach Tisch wurde dann weiter gelesen, er saß dabei im bequemen grauen Hauspelz in seiner Sofaecke, über den Augen einen großen, grünen Schirm, die Hand am Ohr, da er schließlich auch schwerer hörte; so konnte er stundenlang dem Vorleser zuhören und war stets mit regstem Interesse dabei, sprach oft dazwischen, geistreich und lebendig anknüpfend an irgendwelche Stelle des eben Vorgelesenen.
Sein Tagewerk begann Richter mit dem Lesen einer Morgenandacht und der Herrnhuter Losungen; er wechselte bei diesen Morgenbetrachtungen mit den Büchern und sprach oft längere Zeit über das Gelesene mit den Seinen, belehrend und fördernd. Die Abb. 115 schildert eine solche Morgenbetrachtung in seinem Hause, im Kreise der Seinen. In der Folge mußten ihm auch diese Andachten vorgelesen werden. Darauf begab er sich in sein Arbeitszimmer. In seiner Vaterstadt Dresden hat man jetzt auf Betreiben des Stadtarchivars ~Dr.~ Richter im Stadtmuseum, in der Nähe seiner Wohnung, in der er sein reiches Leben abschloß, ein Ludwig Richter-Zimmer eingerichtet, in dem Reliquien des verehrten Altmeisters aufgestellt sind. Hier ist der Arbeitstisch, an dem er viele Dezennien so fleißig geschafft, mit allem, was darauf untergebracht war, bis auf die kleine Vase, in der einige Blümchen, je nach der Jahreszeit, sein Auge erfreuten, und was sonst noch von Inventar sich erhalten; man hat annähernd dort einen Eindruck von der Anspruchslosigkeit in seinem Hause. Über seinem Arbeitstisch hing das kleine, in Öl gemalte Selbst-Porträt seines römischen Jugendfreundes Maydell und das von Amsler so schön gestochene Porträt Fohrs; wie oft mögen, wenn seine Augen über diese beiden Bildnisse hinstreiften, die römischen Jugenderinnerungen an ihm vorübergezogen sein! „Karl Philipp Fohr war sein künstlerisches Jugendvorbild auf dem Gebiete stilvoller und dabei manierloser Naturauffassung.“ Zur Seite des Tisches standen Mappen mit seinen Lieblingsblättern, Stiche und Radierungen, die er oft betrachtend durch seine Finger gleiten ließ und sich zur eigenen Arbeit daran erfrischte und anregte. Es war eine gewählte Gesellschaft, die da, still aneinander gereiht, zusammenlag. Der größte Teil davon waren, außer den trefflichen Radierungen J. C. Erhards, Blätter aus der romantischen Zeit, in der er aufgewachsen war, aber auch Rembrandt, Berghem, Dietrich, Ostade, Teniers, vor allem Dürer, Fiesole usw. waren vertreten. Er bewahrte auch einen kleinen Schatz von Handzeichnungen dabei, unter anderen solche von Schnorr, Schwind, Overbeck, Horny, Fohr, Berthold, Erhard, Chodowiecki, Dreber, Hasse und anderen. Auch Pausen nach Schwind, Reinhold usw. waren hier eingereiht. Ehe er an seine Arbeit ging, skizzierte er oft nach Dürer oder anderen altdeutschen Meistern eine oder mehrere charakteristische Figuren oder Teile aus einem Blatt, Bäume, Hügel, ein Stück Ferne und Wolken. Diese Handübungen wanderten dann in den Papierkorb. Sobald er bei seinen eigenen Arbeiten über den darzustellenden Gegenstand im klaren war, zeichnete er mit zartem Strich die Figuren und die ganze Komposition hin. Oft machte er drei, vier und mehr Skizzen auf Papier verschiedenen Formates und Tones, bis er das annähernd im Aufbau erreicht hatte, was er suchte; das, was ihm nun am gelungensten erschien, führte er weiter aus. Die Abbildungen 145 und 186 sind solche Entwürfe. Von der Gruppe zu dem Bild „Die Laurenburger Els“ besitze ich allein sechs Entwürfe. Wenn er später solche wieder zu Gesicht bekam, war er oft verwundert über seine eigene Wahl, er fand, daß er nicht immer den richtigen Entwurf zur weiteren Ausführung gewählt. Den einen oder anderen dieser beiseite gelegten Entwürfe führte er später wohl auch noch aus. Bei der Arbeit pflegte er manchmal leise vor sich hin zu singen oder zu pfeifen, beliebige Volksliedmelodien, heitere und ernste. Sobald der Tag sich neigte, legte er die Arbeit fort und eilte zum Spaziergang nach dem „Großen Garten“, dem öffentlichen königlichen Park in Dresden, wo er mit Freunden in einem kleinen engen Lokal „Beim Hofgärtner“ seinen Kaffee einnahm und wo dann eine lebhafte Unterhaltung gepflegt wurde. Früher hatten im Café Meißner solche Zusammenkünfte stattgefunden, an denen außer Künstlern wie Rietschel, Hähnel, Bendemann, Peschel usw. auch Schriftsteller und Schulmänner teilgenommen; mit den Jahren hatte sich dieser Kreis aufgelöst. Später finden wir dann den Meister, nachdem er seinen Spaziergang gemacht, an dem Stammtisch im British Hotel, den wir schon erwähnten. Die Abend- oder gar Nachtstunden hat er zur Arbeit nie mit herangezogen, diese wurden nur für die laufenden Korrespondenzen und für das Lesen ausgenützt, letzteres erstreckte in jüngeren Jahren sich oft bis in späte Nachtstunden. Briefschreiben war ihm immer eine Last, er schreibt einmal: „-- aber vor dem Tintenfasse habe ich eine Scheu, wie die Kinder vor dem schwarzen Feuerrüpel“ (Schornsteinfeger). -- Sein Freund E. Oehme z. B. hatte die Gewohnheit, zu jeder Stunde der Nacht, wenn ihn irgend eine Stelle eines in Arbeit befindlichen Bildes beunruhigte, wieder aufzustehen und sich vor die Staffelei zu setzen. Richter sprach darüber oft, als über etwas, das er nicht verstehen könne.
Für Musik hatte Richter großes Interesse; besonders fesselnd und anregend waren ihm die Trio- und Quartettabende, in denen die hervorragendsten Künstler und Mitglieder der königlichen Hofkapelle die beste Musik in edler, künstlerischer Weise vorführten; diese Aufführungen waren ihm stets ein besonderer Hochgenuß. Den Opernvorstellungen und dem Schauspiel war er in den letzten Jahren seiner Augen und seines Gehörs wegen fern geblieben. Bach, Haydn, Gluck, Mozart, Beethoven begeisterten ihn. Bei Wagners Opern interessierten ihn besonders die Stoffe, wenn ihn auch manches in Wagners Musik, insonderheit in der späteren Periode, die mit den „Meistersingern“ beginnt, etwas befremdete; 1869 zeichnete er auf: „Die Meistersinger von Wagner habe ich zweimal gehört. Prinzipiell nicht einverstanden mit seiner Richtung, bin ich doch hingerissen von der romantischen Schönheit seiner Musik und seiner Stoffe.“ Am liebsten aber war es ihm, wenn er im eigenen Hause, in seinem behaglichen Hauspelz, in einer Ecke sitzend, Musik hören konnte. Sein Sohn Heinrich, der in Leipzig und München früher Musik studiert hatte und in letzterer Stadt auch mit dem Sänger Ludwig Schnorr, dem Sohn Julius Schnorrs, verkehrte, spielte ihm oft vor; es wurde auch viel vierhändig gespielt, auch öfters von den weiblichen Verwandten gesungen. Und so trug gute Musik, von kunstverständiger und kunstsicherer Hand ausgeführt, zur Verschönerung seines Lebensabends wesentlich bei. Ich mußte dabei oft an die Bilder des Meisters denken, in denen er „Hausmusik“ schilderte und verherrlichte, wie in Abb. 133 und besonders in dem schönen Titelblatt zu Riehls Hausmusik, das er 1855 gezeichnet hatte.
Der Kreis der alten Freunde lichtete sich mehr und mehr. 1879 nahm ihm der Tod auch seine alten Freunde Krüger und Peschel. Carl Peschel, einer der Getreuen aus der Zeit des römischen Aufenthaltes, war ihm ein lieber und trefflicher Freund, der bis in sein hohes Alter (er war 1798 geboren) sich Frische und Produktionskraft erhielt; zeigten doch seine letzten Arbeiten, Kartons zu Fenstern für eine Kirche in England, noch wesentliche Fortschritte. In seiner Kunst schloß er sich den altdeutschen Meistern an. Er hat eine Reihe tüchtiger Altarbilder aus innerster religiöser Überzeugung geschaffen, die zu den besten Werken kirchlicher Kunst aus dieser Epoche gehören. Es sei hier nur eine „Kreuzigung“ genannt, die er als Altarbild für die Kapelle des Prinzenpalais in Dresden ausführte. War Richter eine produktive Natur, so war die Peschels mehr kontemplativ, und so ergänzten sich beide sehr gut. Peschel zählte zu den Hauptstützen der Dresdener Akademie; er unterrichtete viele Jahre mit größter Gewissenhaftigkeit im Antiken- und Aktsaal und zeigte warmes Interesse für seine Schüler. Die an seine Braut gerichteten Briefe aus seiner römischen Studienzeit, die über die Entwickelung der neudeutschen Kunst gewiß vieles Interessante enthalten haben, sind seiner Witwe auf deren ausdrücklichen Wunsch mit in den Sarg gelegt worden. -- Auch der alte Freund Julius Hübner schied Anfang der achtziger Jahre von dieser Erde.
Unser Meister war nun recht einsam und verlassen, aber doch nicht vergessen. Das sah er zu seiner Freude an seinem achtzigsten Geburtstage, an welchem ihm so viele Zeichen und Beweise treuer Liebe und dankbarer Verehrung aus allen Gegenden Deutschlands von alt und jung entgegengebracht wurden. Er war tiefbewegt von alledem, aber demütig und fast verlegen nahm er solche Huldigungen entgegen. Am meisten freuten ihn Zuschriften und kleine Aufmerksamkeiten aus dem Volke, die oft in recht drolliger und humoristischer Weise die Verehrung für den Meister zum Ausdruck brachten. Wir wollen hier nur eine Zusendung anführen, die aus Schlesien an diesem Tage einging:
„Wer uns den Rübezahl erschuf, Wie unser Ludwig Richter, Der ist ein Maler von Beruf Und von Beruf ein Dichter.
Bei allem Herben leuchtet vor, Aus Mensch- und Tiergestalten, Des Lebens Trost, deutscher Humor, Gott mög’ ihn dir erhalten!
Gott segne dich, du edler Greis, Du Freund von Alt und Jungen! Aus Schlesien wird’s zum Festtagspreis Dem Achtziger gesungen!
Der Sänger und der Dichter Ist auch (jedoch Amts-)Richter, Reist stets noch mit dem Ränzel Heißt Amtsgerichtsrat .......“
In seiner Biographie klagt er, daß die Anforderungen, die dieser Tag an ihn gestellt, über seine Kräfte gingen, und schreibt dann: „Ich fühlte mich noch an den folgenden Tagen durch diese vielen Ehren- und Liebeszeichen freudig gehoben, aber ebensosehr innerlich gebeugt: denn wodurch hatte ich dieses alles verdient? Meine Arbeiten waren doch meine eigene höchste Lust und Freude gewesen, und das Gute und Lobenswerte daran lag doch gerade in dem, was man nicht bloß lernen oder sich selber geben kann, sondern es war das, was uns geschenkt wird: die Gottesgabe, das Talent.“ Aus diesen Worten erkennt man wieder den durch und durch demütigen Menschen und Künstler.