Ludwig Richter

Part 10

Chapter 103,197 wordsPublic domain

Bei Gelegenheit eines Ausfluges von Ostende, wo er zur Stärkung seiner angegriffenen Nerven weilte, nach Brügge, schreibt er unter dem Eindruck der herrlichen Bilder Eycks und Memmlings am 19. August 1849 in sein Tagebuch: „Ich möchte jetzt nur meine sächsischen Gegenden und Hütten malen und dazu die Menschen, wie sie jetzt sind, nicht einmal mittelalterliches Kostüm. Ein Frühlingstag mit grünen Korn- und gelben Rübsenfeldern, jungbelaubte Linden- und Obstbäume, der Bauer, der da ackert im Schweiße seines Angesichts und auf Hoffnung von Gottes Segen, und die kleinen talkigen, unschuldigen Bauernkinder, die dem Vater einen Trunk bringen oder heiter spielen und Sträuße binden, da sie noch im Paradieszustände der Kindheit leben, während der Alte arbeiten muß; dazu Schwalben in der Luft, Gänse auf der Wiese und Goldammer im Gebüsch, der Hausspitz oder die Kühe auch bei der Hand; das alles, so recht treu, streng, innig und lieblich wiedergegeben in Memmlings Sinn und frommer, einfältiger und liebevoller Weise, das hätte gewiß Interesse und Bedeutung genug. Wir können nicht immer und nicht alle Heiligenbilder machen.“

Man nennt Ludwig Richter den Maler und Jean Paul Richter den Dichter der deutschen Gemütswelt. Unser Meister schreibt darüber, wie er Jean Paul mit innigster Freude betrachtet und in wie wundervoller Poesie dieser die Schönheit kleinster Verhältnisse und Dinge schildert: „Ist es nicht verdienstlich, auch in malerischer Form die Schönheit des Lebens und seiner Erscheinung, selbst in den kleinsten und gewöhnlichsten Gegenständen, aufzudecken? Die Liebe macht ja alles bedeutend und wirft einen Himmelsschimmer auf alles, was sie betrachtet. Was sie anrührt, wird Gold.“

Richter verstand es wie wenige Künstler, dem kleinen und engen Erdendasein Schönheit abzugewinnen und es in künstlerisch-schöner Form wiederzugeben; ihm war ein Hüttchen am blumigen Hang unter Obstbäumen mit dem stillen Getriebe seiner Bewohner der Darstellung wert; er verstand es, uns solch ein einfaches Motiv sympathisch ans Herz zu legen, solche einfache Vorwürfe in der ihm eigenen Art in Form und Farbe und immer mit entsprechender reizvoller und liebenswürdiger Staffage belebt, künstlerisch beseelt zu verklären. -- Seinen Schülern gegenüber war unser Meister sehr teilnehmend und ermunternd. Seine Schule trägt ein ganz bestimmtes Gepräge; die Zeichnungen seiner Schüler haben einen ganz bestimmten Typus. Leicht mit der Feder gezeichnet oder leicht mit Farben angehaucht, angetönt, haben sie etwas von der Innigkeit des Meisters in der treuen Wiedergabe der Natur, je nach der individuellen Veranlagung, wie das ja selbstverständlich ist; auch in der Art der Staffage ist ein gewisser Schnitt unverkennbar. Es geht ein liebenswürdiger Zug durch alle Arbeiten aus seiner Schule.

Zu Anfang ließ er die jungen Schüler die ihm von früher Jugend an so lieb gewordenen landschaftlichen Radierungen J. C. Erhards oder die des geistreichen Franzosen Eugen Bleury oder solche von A. van Everdingen, A. Waterloo, H. van Svanefelt, J. de Boissieu oder Zeichnungen nach der Natur von ihm, seinem Jugendfreund Oehme oder von seinen früheren Schülern in Blei, Feder oder Aquarell kopieren. Die köstlichen Federzeichnungen von Franz Dreber bevorzugte er besonders und wußte auf das eingehendste die Schönheiten solcher Zeichnungen, das Besondere oder Eigenartige in der Auffassung des Gegenstandes, dem Studierenden klar zu machen, das Verständnis zu fördern und ihn für die Arbeit zu begeistern. Daß es ihm oft schwer wurde, mit dem weniger veranlagten Schüler etwas „anzufangen“, besagt eine Stelle aus einem Briefe: „Das Atelier macht mir jetzt wenig Freude, obwohl alle (Schüler) recht liebe Leute sind, nur zu viel Prosa und damit verstehe ich nichts zu machen.“ Wer lehrt oder gelehrt hat, gleichviel in welchem Fache, weiß, wie schwer es ist, dem weniger Veranlagten als Lehrer wirklich „etwas zu sein“. Obwohl es ihm ganz fern lag, bestimmenden Einfluß auf die Schüler auszuüben, wirkte doch die Macht der Persönlichkeit des edlen Meisters auf die Nachstrebenden. Er wußte, wie wenige Lehrer, das heilige Feuer der Begeisterung in seinen jungen Schülern anzuzünden und ihnen die Augen zu öffnen für das Verständnis der altdeutschen Meister, vor allem der Brüder van Eyck, Memmlings und Dürers, der großen Niederländer Rubens und Rembrandt, für Holbein und den großen Venezianer Tizian, ganz besonders aber für die Romantiker, Schwind obenan. Wie verstand er, die Schüler für seine Kunstideale zu erwärmen und sie auf die eigentlichen Aufgaben wahrer Kunst hinzuweisen! Gern zog er hierbei das Gebiet der Literatur, in dem er wohl bewandert war, mit heran und versuchte, Kunst und Literatur mit- und durcheinander vergleichend, seine Anschauungen zu begründen. Durch derartige Belehrungen, an welche sich oft die eifrigsten Disputationen anschlossen, wurde so manches Samenkorn in die jungen Künstler versenkt. -- Solcher höchst anregender Gespräche erinnere ich mich gern; sie fielen meist in die Zeit der beginnenden Abenddämmerung, in welcher der würdige Meister des öfteren zwanglos zum Atelier kam, das neben seiner Wohnung lag, im üblichen grauen Hauspelz, mit der langen holländischen Tonpfeife. -- Das Studium der Natur war ihm das Wichtigste, und wenn der Frühling eingezogen war, litt er keinen der Schüler mehr im Atelier, dann mußten sie hinaus und sammeln und arbeiten für den Winter. Es gehörte gewissermaßen zu den feierlichen Momenten, wenn im Spätherbst das ganze Ergebnis der Arbeiten des Sommers dem Meister vorgelegt und etwaige Pläne zur Verwertung der Studien besprochen wurden, sofern nicht schon Entwürfe für Bilder nach den Studien vorhanden waren. Mit wenigen Worten wußte er die Phantasie anzuregen und Fingerzeige zu geben, in welcher Art dies oder jenes Motiv, sei es durch Beleuchtung oder Staffage, künstlerisch zu gestalten und zu verwerten sei. Oft griff er dabei ein und rückte, mit sicherster Hand ordnend, die Pläne zusammen, und man konnte sicher sein, daß es dann das Rechte war. Nach den alten Meistern in der Gemäldegalerie mußten die Schüler skizzieren und kopieren. Das Studium der menschlichen Figur hielt er für unerläßlich nötig und äußerst wichtig für den Landschaftsmaler; er betonte, wenn er zu diesem Studium dringend ermahnte, wie die Figurenmaler aller Zeiten doch eigentlich das weitaus Hervorragendste in der „Landschaft“ geleistet, und wies dabei immer besonders auf Tizian hin. Die historische Landschaft war ihm die höchste Aufgabe (nur wollte er von dem „Poussinschen Rezept“ nichts wissen), er freute sich herzlich, wenn er unter vorgelegten Entwürfen solche sah, die aufs „Historische“ hinzielten. Der Hoffsche Katalog zählt fast die ganze Reihe seiner Schüler aus der Dresdener Zeit auf. Schon an früherer Stelle wurde einer seiner ersten Schüler in Dresden, Dreber, als der talentvollste, und Hasse genannt. Mehrere sehr veranlagte Schüler, Heinrich Müller, W. von Döring, L. Nitzschke und H. Lungwitz, gingen Ende der 40er Jahre, ihrem Freiheitsdrange folgend, nach Amerika. Von den Schülern aus den sechziger Jahren seien nur Adolf Thomas, C. W. Müller und Albert Venus, aus dem Anfang der siebziger Jahre Rudolph Schuster genannt. Letzterer hat auch eine Reihe tüchtiger Ölbilder in Düsseldorf, Stuttgart, Berlin usw. gemalt, wurde aber durch Krankheit vielfach an freierer Entfaltung seines Talentes verhindert. Das betrifft die Landschaftsschule. Eine eigentliche Schule für das Illustrationsfach hat Richter nicht gemacht. Wie und was sollte er hier auch lehren? Sein Schaffen darin hatte etwas „Unbewußtes“, „wie der Blütenbaum, der von seiner Pracht nichts weiß“. Aber anregend und befruchtend hat er auf das ganze Illustrationsgebiet und auf die Entwickelung des Holzschnittes gewirkt. Ein Richterscher Holzschnitt mit seinem kräftigen gesunden Strich wirkt heute nicht veraltet, er hält sich neben der sonst so anders gewordenen Art und dem später herrschenden Streben, die diesem Kunstfache gezogenen Grenzen zu verschieben, die einfache schlichte Art der Formengebung durch dem „Kupferstich“ ähnliche Tonwirkung zu steigern. Gegenwärtig ist der Holzschnitt ebenso wie der Kupferstich durch die verschiedenen mechanischen Reproduktionsverfahren fast ganz verdrängt. Der Holzschnitt dient fast ausschließlich nur noch der Industrie, der Kupferstich wird noch mühsam durch die Kunstakademien über Wasser gehalten. Nur die Radierkunst wird seit längerer Zeit wieder eifriger gepflegt.

Unser Altmeister fühlte sich in den letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr vereinsamt, er schreibt zu Anfang des Jahres 1871 nieder: „Unsereins fühlt sich jetzt als Künstler unter seinen Berufsgenossen wie ein Fremdling, welcher die Sprache der anderen nicht versteht und von ihnen nicht verstanden wird. Was man schätzt und liebt und hochhält, daran geht die jüngere Generation kalt und unberührt vorüber; was sie hochpreist und entzückt bewundert, erregt unsere Teilnahme wenig.“ Weiter schreibt er auch 1882: „‚Propheten und Sibyllen male ich nicht, denn ich habe noch keine gesehen‘, sagte N. N. Freilich laufen in den Gassen der Stadt keine mehr herum, aber eben der ideale Mensch +sieht sie+ in seinem Innern und etwas von ihnen zuweilen auch außen. Vor allem muß er aber eine Verwandtschaft mit ihnen selbst haben; denn in dieser Sphäre kann sich nur das Verwandte wirklich erkennen.“ Am 15. August 1870 schreibt er an seinen Freund Thäter in München: „Ich komme mir jetzt vor wie ein Schauspieler, der, von der Bühne heruntergestiegen, in den Reihen des Publikums sitzt und sich nun von anderen Kollegen was vorspielen läßt, denn meine künstlerische Tätigkeit reduziert sich beinahe auf Null -- teils, weil meine Augen so schlecht geworden, auch die Hand sehr unsicher ist, hauptsächlich aber, weil die Phantasie sehr lange ausruht, ehe sie wieder einmal -- nicht zum Auffliegen -- nein, nur zum Aufstehen kommt. Die nervösen Zufälle im vorigen Jahre haben mich nun in der Tat alt gemacht; das fühle ich, und schon lange gehe ich mit dem Gedanken um, mich pensionieren zu lassen und ganz vom Kunstschauplatz zurückzuziehen; wenigstens von den akademischen Tätigkeiten, die mir keine Freude machen und in welchen ich vermöge meiner Kränklichkeit nicht mehr belebend wirksam sein kann. Es muß junges Blut an die Stelle der Alten.“ -- In den Lichtungen des Loschwitzer Waldes wurde mit Eifer an den Sonntagnachmittagen, wenn die zahlreichen Glieder der Familie versammelt waren, Boccia gespielt, jenes bekannte italienische Spiel, bei dem mit Holzkugeln nach einem Ziele, dem Lecco, geworfen wird. Wie war der Altmeister mit Interesse dabei, selbstverständlich aber nie leidenschaftlich erregt, immer gleich freundlich und liebenswürdig!

In dem damals noch einfachen, ländlichen Gasthof in Loschwitz trafen an einem bestimmten Abend in der Woche in den Sommermonaten die Genossen vom Stammtisch des Winters zusammen. In liebenswürdigster Unterhaltung wußte unser Altmeister immer den Gesprächen eine ernstere Wendung zu geben, war immer anregend und geistig belebend, oft schalkhaft launig und konnte auch recht herzlich lachen; immer lag aber über seinem Wesen eine wohltuende Stille und Zartheit. Die Stammtischgenossen waren meist hohe Staatsbeamte, Professoren von verschiedenen Lehranstalten und unser Münzgraveur Krüger, Peschel, des Meisters Sohn und Schwiegersohn, ~Dr.~ Heydrich, Bildhauer Professor ~Dr.~ Gustav Kietz, der Freund Richard Wagners, dem wir ein treffliches Buch „Richard Wagner in den Jahren 1842 bis 1849 und 1873 bis 1875“ verdanken (Dresden, Carl Reißner), und so mancher andere treffliche Mann. Beim Nachhausegehen war unser Münzgraveur stets der Lichtspender; er kam nie zu solchen Abenden, ohne sein Laternchen mitzubringen, und in den dunklen Weinbergswegen leistete das auch seine guten Dienste. Unserem Meister waren freilich die Wege längst vertraut. Wie oft in der langen Reihe von Jahren ist er dieselben hinauf- und hinabgestiegen! Künstlerische Gestalt haben solche Abende z. B. gewonnen in dem Bilde: „Bürgerstunde“ (Abb. 141). Der „Eingeweihte“ fand in solchen Bildern Richters oft Gestalten aus der Tafelrunde. Des Abends nach dem Abendbrot ging er oft noch im Vorgärtchen des Häuschens, in dem er die Sommermonate zubrachte, mit sich beschäftigt, auf und ab, im Nachdenken über manches Schwere, das ihm zu tragen beschieden war. Besonders sein Sohn Heinrich, der so viel an Melancholie litt, machte seinem Vaterherzen große Sorgen. Wir finden in der Biographie eine Aufzeichnung vom 28. August 1872: „Ich ging des Nachts im Weingang vor dem Hause auf und ab. Das niedere Häuschen lag schwarz vor mir, die Haustür offen und vom Licht in der Küche erhellt. Oben funkelte das Sternbild des ‚Himmelswagen‘ über dem Dache. Es war mir so traurig im Herzen über das viele Elend auf Erden. Und gibt es denn etwa noch mehr Not und Jammer auch auf all den Sternen? Vielleicht sind das aber Welten voll Jauchzens oder voll stillseligen Glückes?“ Wir sehen, wie seine Seele leidet unter der Last, wie er die Blicke nach oben richtet.

Wie oft habe ich den würdigen Greis in diesem Weingang wandeln sehen, wie oft ging ich im Gespräch an seiner Seite! In stiller, friedlicher Abgeschlossenheit lag des Meisters kleines Asyl, in dem er in den letzten zwölf Jahren mit seiner Tochter Elisabeth die Sommermonate zubrachte, in Obstbäumen und Weinstöcken halb versteckt, abseits von den modernen Villen und vom lärmenden Fremdenverkehr, so ganz nach seinem Sinn. Kleine, niedrige Zimmer zu ebener Erde, die auf einen Flur mündeten, von dem man in den Garten und durch den Weingang zur Gartentür gelangte; vor der Tür wogende Kornfelder, hinter denen sich der Wald erhob. 1871 schrieb er nieder: „Ein stilles, friedliches Daheim, ein kleines, freundliches Asyl, mit einem Blick ins Weite, in das kleinste Stück Natur, mit der Kunst und mit Gott, ist mir das Beste, Liebste und Höchste. Alles so äußerliche, bloß kluge, anspruchsvolle und dem Schein huldigende Treiben, wie es jetzt in den großen Städten vorherrscht, ist mir im Innersten zuwider.“ In der Hauptsache entsprach dieses Häuschen seinen bescheidenen Wünschen und Anforderungen, und wie war es hier so traulich, bei ihm zu sitzen und ihm zuzuhören oder ihm vorzulesen, wie war er immer mitteilsam und voller Interesse für alles das, was in seinem Ideenkreise lag! Man ging nie von ihm, ohne irgend welche Anregung empfangen zu haben, und wie war er dankbar, wenn man ihm, dem mehr und mehr Vereinsamten, von der Welt draußen berichtete, von den neuen Strömungen in der Kunst ihm mitteilte, die nach ganz anderen Zielen als die seinen drängten. Mit seinen schwachen Augen konnte er neue Bilder ja kaum mehr sehen! Am Silvesterabend 1874 schreibt er nieder: „Die letzten Lebensjahre haben mich zu tieferer Einkehr und Prüfung geführt, ich danke Gott von Herzen dafür und fühle in mir einen Frieden und ein Glück, wie es die Welt nicht geben kann. Der Herr sei ewig dafür gelobt!“ Freilich wurde ihm dieser innere Friede oft genug gestört, aber er blieb stets ruhig und gottergeben.

Liebe Erinnerungen sind mir zwei Ausflüge, welche die Mitglieder des Stammtisches unternahmen. Der erste, um die Mitte der siebziger Jahre, führte über Aussig und Camayk bis Leitmeritz, in die Gegenden, in welchem ihm, italienkrank, vor vierzig Jahren zum erstenmal wieder die Augen für die Schönheiten der deutschen, vaterländischen Natur geöffnet wurden. Wie war unser Meister trotz seiner siebzig und mehr Jahre frisch und heiter, wie freute er sich, wie lachte ihm das Herz, als er an der von Eichen umschlossenen „Eiskapelle“ oberhalb Camayk stand, wo er vor vielen Jahren mit seinen Schülern geweilt, von wo der Blick in glänzende, zitternde Fernen des schönen gesegneten Böhmerlandes sich verliert und man den Lauf des silbernen Elbstromes weit, weit verfolgen kann, wo draußen Burgen und Ruinen, Städte und Dörfer, Felder und Wälder und schönlinige Bergzüge im Sonnenglanz verschwimmen! Er sah das schöne Land zum letztenmal, sein Fuß hat es nicht wieder betreten. Der zweite Ausflug führte nach einer romantisch im Wald liegenden früheren Besitzung v. Quandts in Dittersbach bei Pirna, in der Peschel in Lünetten einer Gartenhalle Bilder zum Erlkönig, König von Thule usw. ~al fresco~ ausgeführt hatte. Diese Besitzung war auch deshalb noch von besonderem Interesse, weil v. Quandt hier des öfteren die bedeutendsten Künstler Dresdens, unter diesen auch den hochbedeutenden Architekten Gottfried Semper, um sich versammelte. Semper teilte Richard Wagners Schicksal, auch er war in die Dresdener Maiereignisse von 1849 verwickelt und mußte flüchten. Weitere schöne Erinnerungen sind mir die Weihnachtsfeste, welche die gesamte vielgliederige Familie im Hause des Schwiegersohnes Theodor Kretzschmar feierte und denen ich seit 1873, seitdem ein verwandtschaftliches Verhältnis mich noch enger mit dem Meister verband, mit beiwohnen zu dürfen das Glück hatte. Unter dem lichterglänzenden Tannenbaum scharten sich all die Kinder, Schwiegerkinder und die fröhlichen Enkel und die weiteren Verwandten, zu denen auch Peschel zählte, um den würdigen, auch in seiner äußeren Erscheinung wirklich Ehrfurcht gebietenden Senior der Familie. Mit wieviel Liebe und Güte und Freundlichkeit verkehrte er mit all den Seinen! Und doch hatte er seinen Kindern und Enkeln gegenüber etwas Zurückhaltendes, etwas Unnahbares, Reserviertes. In den Zeiten, in denen er aufgewachsen, war das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern sehr viel anders als heute gewesen; schon an sich charakteristisch für diese Zeit war, daß in vielen Familien bis in die sechziger Jahre Vater und Mutter mit „Sie“ angeredet wurden. In des Meisters Hause herrschte freilich das „Du“, wenigstens solange ich mich entsinnen kann. -- Am 9. September 1875 schreibt er aus Wildbad Gastein, das er seines Nervenleidens wegen wieder sucht: „-- -- Wir haben hier viel liebe und zum Teil sehr interessante Menschen kennen lernen und ich bin diesmal fast gewaltsam aus meiner Stille in einen großen Verkehr gezogen worden. Es fiel mir das oft recht schwer, weil das Bad meine alten Übel, große Abspannung und Schlaflosigkeit, viel mehr steigerte als verminderte. Ich hoffe bei alledem einen guten Erfolg. -- -- -- Hoffentlich sehen wir uns in nächster Woche; denn trotz der großen Schönheit hiesiger Natur, die ich so leicht nicht vergessen werde, stellt sich doch die Sehnsucht nach dem lieben Daheim mit den vertrauten Lieben recht heftig ein.“ --

In den letzten fünfzehn Jahren ging der Altmeister fast jährlich nach Bad Boll in Württemberg, zu den hoch bedeutenden evangelischen Pfarrern Blumhardt, Vater und Sohn. Hier in der herrlichen Luft, in so anregendem und ihn besonders interessierendem Verkehr mit diesen beiden Männern und mit so manchem, der das Gleiche wie er suchte, erfrischte und stärkte er sich immer für die lange Winterszeit, die ihm besonders viel schlaflose Nächte brachte. In einem Briefe vom 18. Mai 1880 schreibt er aus Boll: „Vor acht Tagen sind wir hier angekommen und haben seitdem die wundervollsten Frühlingstage durchlebt. Ich bewohne ein Eckzimmer in schönster Lage, und vom ehrwürdigen Gipfel des Hohenstaufen und des Rechberg, wie aus dem nahen Eichenwald weht eine so erfrischende, balsamische Luft mir entgegen, daß man sie mit Entzücken einatmet, dazu mittags und abends die Gesellschaft des höchst geistvollen Christoph Blumhardt und einiger sehr interessanter Persönlichkeiten -- Herz! was willst du mehr? Ich fühle mich hier sehr glücklich und danke Gott dafür. Könnten nur alle die Lieben da sein, die ich mir herwünschte, sie würden sich mit mir freuen!“ -- -- In einem Briefe vom 4. August 1882 schreibt er ebendaher: „-- -- hier in Boll bin ich in einer Stimmung, die mich an Uhlands Gedicht ‚Die verlorene Kirche‘ erinnert, welches Kietz mir vor einiger Zeit zufällig vorlas und das ich im Schlußblatt zum ‚Täglichen Brot‘ (siehe Abb. 159) im Sinn hatte. Boll hat nach außen und innen +etwas+ davon! -- -- -- befinde ich mich doch so, daß ich ganz zufrieden bin, und die mannigfaltigen geistigen Anregungen geben täglich reichen Stoff zum Nachdenken und Besprechen.“ --

Kaiser Wilhelm I. hatte im Jahre 1871 dem Komponisten der „Wacht am Rhein“ und dem Schöpfer des Hermannsdenkmals auf dem Teutoburger Walde einen Ehrensold ausgesetzt. Der Bildhauer von Bandel war der erste von beiden, der das Zeitliche segnete, und nun wurde am 11. Oktober 1876 unser Altmeister vom Kaiser mit diesem Ehrensold auf Lebenszeit bedacht. Am 1. Dezember 1876 trat unser Meister nach einer achtundvierzigjährigen Dienstzeit in den wohlverdienten Ruhestand. Das Ministerium des Innern hatte mit König Alberts Genehmigung in Anerkennung seines künstlerischen Wirkens den Ausfall am Gehalt als „Ehrengehalt“ ersetzt, den die Landstände ihm dann auch bestätigten, so daß ihm sein seither bezogener voller Gehalt als Pension verblieb. Von der Mitgliedschaft des „Akademischen Rates“ wurde er aber noch nicht enthoben, er mußte an den Sitzungen desselben nach wie vor noch teilnehmen, was ihm sehr beschwerlich war; aber er blieb dadurch doch noch in Verbindung mit der Akademie und fühlte sich nicht so ganz abseits.