Part 1
####################################################################
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1906 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.
Einige Abbildungen wurden zwischen die Absätze verschoben und zum Teil sinngemäß gruppiert, um den Textfluss nicht zu beeinträchtigen.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
unterstrichen: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
Das Caret-Symbol (^) weist auf ein nachfolgendes hochgestelltes Zeichen hin, z. B. in 8^o.
####################################################################
Liebhaber-Ausgaben
Künstler-Monographien
In Verbindung mit Andern herausgegeben
von
H. Knackfuß
XIV
Ludwig Richter
=Bielefeld= und =Leipzig= Verlag von Velhagen & Klasing 1906
Ludwig Richter
Von
V. Paul Mohn
Mit 193 Abbildungen nach Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Holzschnitten, sowie einem Brief-Faksimile.
Vierte Auflage
=Bielefeld= und =Leipzig= Verlag von Velhagen & Klasing 1906
Von der ersten Auflage dieses Werkes ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe
_eine numerierte Ausgabe_
veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier hergestellt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert (von 1–100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis eines solchen Exemplars beträgt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.
=Die Verlagshandlung.=
Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.
Ludwig Richter.
Selten hat sich in einem deutschen Maler deutschen Volkes Art und Sitte so rein und unverfälscht widergespiegelt als in Ludwig Richter, dem unvergleichlichen Malerpoeten des neunzehnten Jahrhunderts.
Seine zahllosen Blätter und Blättchen, die über unser gesamtes, liebes deutsches Vaterland verbreitet sind und, soweit die deutsche Zunge klingt, geliebt und geschätzt werden, zeugen alle von dem innersten Wesen des deutschen Volkes. Poesie und Gemüt, naive Anschauung, tiefinnerste Religiosität und Freude an Gottes herrlicher Schöpfung atmet seine Kunst. Durch alle seine Arbeiten geht ein Hauch poetischer Verklärung; wie unsere herrlichen Volkslieder muten sie uns an.
Der schlichte, kindlich fromme Mann schreibt einmal wie ein Künstlerbekenntnis nieder:
„Der Künstler sucht darzustellen in aller Sichtbarkeit der Menschen Lust und Leid und Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in allem des großen Gottes Güt’ und Herrlichkeit.“
Das ist Richters Standpunkt in seiner Kunst, den er unentwegt festgehalten hat.
Seine lieblichen Engelgestalten, seine naiven fröhlichen Kinder, die schämigen, aber gesunden Mägdlein und Jungfräulein, die Mütter im Kreise der Kinder, spinnend, belehrend oder wehrend; die Großmütter am warmen Kachelofen, den Enkeln -- und es sind ihrer nie wenige -- Märchen erzählend; die Familie um den Tisch zu Andacht oder Mahlzeiten versammelt; Kirchgang und Hochzeit, Taufgang und Friedhof, Abschied und Wiedersehen, Weihnachten und Ostern und Pfingsttag, die schönsten und weihevollsten Stunden unseres deutschen Familienlebens, unserer in der deutschen Häuslichkeit begründeten Gemütlichkeit, im Hause und im Verkehr mit der Natur, in Feld und Wald und Heide, bei Sonnenschein und Regen oder bei still herabfallenden Schneeflocken, im Gärtchen am Hause mit seinen Rosen und Tulpen und Nelken, am Sonntagmorgen oder beim Abendläuten oder bei funkelndem Sternenhimmel, am schattigen Mühlbach in der stillen Mühle oder droben im Schloß oder in der Kapelle aus sonniger Höhe, und was er sonst in den Bereich seiner Darstellungen ziehen mag, das alles ist durchweht von Poesie, im deutschen Gemüt wahrhaft begründet, aus ihm gleichsam herausgewachsen und mit kindlich naiven Augen geschaut, alles ist durchleuchtet von einem tiefen religiösen Gefühl.
In der Vorrede zu seinem Holzschnittwerk „Fürs Haus“ schreibt er im Jahre 1858: „Schon seit vielen Jahren habe ich den Wunsch mit mir herumgetragen, in einer Bilderreihe unser Familienleben in seinen Beziehungen zur Kirche, zum Hause und zur Natur darzustellen und somit ein Werk ins liebe deutsche Haus zu bringen, welches im Spiegel der Kunst jedem zeigte, was jeder einmal erlebt, der Jugend Gegenwärtiges und Zukünftiges, dem Alter die Jugendheimat, den gemeinsamen Blumen- und Paradiesesgarten, der den Samen getragen hat für die spätere Saat und Ernte. Gelingt es nun, das Leben in Bildern schlicht und treu, aber mit warmer Freude an den Gegenständen wiederzugeben, so wird ja wohl in manchem der einsam oder gemeinsam Beschauenden der innere Poet geweckt werden, daß er ausdeutend und ergänzend schaffe mit eigener Phantasie.“
Und wie ist es dem Meister gelungen, schlicht und treu in diesen Gegenständen das alles zu schildern und zu bilden und wiederzugeben!
Seine religiösen Bilder haben ein echt evangelisches Gepräge, das Wort „evangelisch“ hier in seiner eigentlichsten und weitesten Bedeutung genommen. Er schließt sich hierin an Fiesole und ebenso an Dürer und die übrigen altdeutschen Meister, selbst an Rembrandt an; der liebenswürdige und innige Fiesole hat es ihm aber doch am meisten angetan. Innig und zart sind seine religiösen Darstellungen, und wie treuherzig weiß er immer wieder diese schon so viel dargestellten Gegenstände neu zu gestalten und uns näher zu bringen! Immer wieder muß es gesagt werden: der Volkston -- er ist auch hier wieder so klar und sicher angeschlagen.
Charakteristisch für Richter ist eine handschriftliche Notiz von ihm: „Als die beiden Pole aller gesunden Kunst kann man die irdische und die himmlische Heimat bezeichnen. In die erstere senkt sie ihre Wurzeln, nach der anderen erhebt sie sich und gipfelt in derselben.“ Wir sehen hieraus, wie bei Richter Christentum und Kunst eng ineinander verschlungen sind. Nie aber wird man ihm nachsagen können, daß sein wahrhaftes Christentum sich unnötig vordrängte: es ist ihm eben nur um die innersten Wahrheiten zu tun; nichts liegt ihm auch ferner als Kopfhängerei oder Pietismus. Ebensowenig wird man aus seinen Schöpfungen erraten können, daß er Katholik war. Sein Standpunkt war über den enggezogenen Grenzen christlicher Konfessionen. Mit künstlerischem Instinkt packt er sein Volk im kleinbürgerlichen Leben und hält sich stets fern und frei vom „Modernen“. Folgen wir ihm willig, wenn er uns z. B. einen „Sonntag“ (in dem Werke gleichen Namens) schildert. Es ist, als ob er leise den Vorhang lüftete und uns lauschen ließe in die stillen, behaglichen, engen Stuben der kleinen Stadt. Wie gern folgen wir ihm von der Morgenandacht zur Kirche ins Chorstübchen, zum Besuch der Kranken, zum Spaziergang am Nachmittag aus den dumpfen Mauern durchs Tor hinaus aufs Land und am Abend beim aufsteigenden Vollmond zur Stadt zurück, und wenn wir das letzte Blatt „Gute Nacht“ aus der Hand legen, sagen wir uns: Schöner kann man einen deutschen Sonntag nicht feiern.
Welch köstlichen Humor hat Richter in seinen Bildern ausgestreut -- und Humor ist bei uns rar geworden --! Wir nennen hier nur die beiden prächtigen Blätter aus „Fürs Haus“ „Bürgerstunde“: „Hört ihr Herren, laßt euch sagen, die Glocke hat zehn geschlagen“ (Abb. 141) und das „Schlachtfest“ (Abb. 140). Seine Philistergestalten sind unvergleichlich komisch; wenige Künstler in Deutschland hatten für diese Art deutschen Daseins so viel Blick wie er; nie wird er aber in solchen Schilderungen bitter, satirisch oder häßlich, auch hier weiß er zu verklären.
Die Tiere sind ihm, als zum Hause gehörig, unentbehrlich. Ein Spitz oder junge Hündchen mit ihrem komischen Gebaren, ein schnurrendes Kätzchen zu Füßen des spinnenden Mädchens, die Tauben auf dem Dache im Abendsonnenschein, die Sperlinge im Kirschbaum oder an der Scheuer ihr Anteil einheimsend; die Schäfchen und Zicklein mit munteren Sprüngen zur Seite der Kinder, -- das alles gehört bei ihm zum behaglichen Dasein der Menschen. Er drückt alle Kreatur liebend an sein Herz. Gern greift er auch ins „Romantische“ und schildert uns da auch in ebenso treuherziger Weise unseres Volkes Märchen wie kein anderer deutscher Künstler in schlichten Zügen. Wie hochromantisch sind, um hier nur einiges anzuführen, „Gefunden“ (Abb. 139), „Schneewittchen“ (Abb. 185), und „Die Ruhe auf der Flucht“ mit den singenden und musizierenden Engeln (Abb. 189)! Diese Werke gehören in das Schatzkästlein der deutschen Kunst. -- Und wie schlicht und demütig er über seine Stellung in der Kunst denkt, darüber spricht er in seinem letzten Lebensjahre, als Nachklang seines 80. Geburtstages, „halb blind, halb taub, aber in seinem Gott zufrieden“: „Kam meine Kunst nun auch nicht unter die Lilien und Rosen auf dem Gipfel des Parnaß, so blühte sie doch auf demselben Pfade, an den Wegen und Hängen, an den Hecken und Wiesen, und die Wanderer freuten sich darüber, wenn sie am Wege ausruhten, die Kindlein machten sich Sträuße und Kränze davon, und der einsame Naturfreund erquickte sich an ihrer lichten Farbe und ihrem Duft, welcher wie ein Gebet zum Himmel stieg. So hat es denn Gott gefügt, und mir ist auf vorher nicht gekannten und nicht gesuchten Wegen mehr geworden, als meine kühnsten Wünsche sich geträumt haben: ~Soli deo gloria~!“
Solange deutscher Sinn und deutsches Gemüt bestehen werden, wird Ludwig Richter im deutschen Volke fortleben und geliebt und geschätzt werden. Der Strauß duftender Blüten, den er unserem deutschen Volke gepflückt und hinterlassen hat, soll und wird nicht verwelken. Das deutsche Volk wird festhalten an dem ihm Eigenen, und deutsche Art und Sitte wird nie untergehen.
Ihm aber, dem verewigten Meister, dem 1898 in seiner Vaterstadt ein ehernes Denkmal errichtet wurde, wollen wir Deutschen alle ein noch unvergänglicheres Denkmal errichten, indem wir und unsere Kinder und Kindeskinder bis in die fernsten Geschlechter den unvergänglichen und unvergleichlichen Tönen seiner Muse lauschen und seine Werke allezeit lieb und wert und hoch halten!
* * *
Richters Persönlichkeit war die eines schlichten sinnigen Mannes; er war demütig und bescheiden, kindlich rein und tief religiös. W. H. Riehl sagt in seinen „Kulturgeschichtlichen Charakterköpfen“ über ihn: „Unserem volkstümlichen deutschen Meister eignete von jeher eine echt deutsche Künstlertugend: die Bescheidenheit. Mit seinem Griffel gab er ganz sich selbst und legte die innersten Falten seines Wesens dar, weil er’s nicht anders konnte; mit seiner Person zog er sich still und anspruchslos vor der Welt zurück, und die Welt lernte ihn fast nur so weit kennen, als sie ihn in seinen Werken lieben gelernt hatte.“
Von großer Liebenswürdigkeit gegen jedermann, war er doch scheu, fast unsicher und still Fremden gegenüber; zu denen aber, die ihm nahe oder näher standen, war er von großer Herzlichkeit und Mitteilsamkeit.
Bei Gesprächen über das, was ihn am allerinnersten bewegte, über Christentum und Kunst, erglänzten oft seine großen grauen Augen, wie wenn die Sonne durch lichtes Gewölk hervorbricht. Oft schauten sie wieder so träumerisch ins Weite; wie Verklärung lag es dann über dem lieben Antlitz. Ein Zug von Wehmut war ihm eigen. In seiner Unterhaltung war er immer anregend und geistig lebendig, sicher im Urteil über Kunst und Literatur. Bei der Beurteilung von Kunstwerken war ihm das eigentlich „Künstlerische“ maßgebend, gleichviel ob das Kunstwerk dieser oder jener Richtung oder Stilweise angehörte; er begeisterte sich ebenso an Rembrandts Darstellung der „Hirten an der Krippe“, über die Goethe in seinen Briefen an Falkonet, ihm wie aus dem Herzen gesprochen, sich ausläßt, wie an den Werken des kindlich frommen Fiesole.
Er war von hoher, hagerer Gestalt, seine Haltung etwas nach vorn übergebeugt; sein kluges Gesicht, freundlich und wohlwollend, war von einer Fülle schneeweißen Haares umrahmt. So sehen wir ihn in dem von Leon Pohle im Auftrage des bekannten Kunstfreundes Eduard Cichorius für das Museum zu Leipzig gemalten Porträt (Titelbild). In diesem Bildnis, zu dem unser Altmeister im Jahre 1879 saß, gerade in der Zeit, als sein jahrelanges Augenleiden unaufhaltsam so weit vorgeschritten war, daß er den Zeichenstift aus der Hand hatte legen müssen, ist eine unverkennbare Trauer über das Antlitz gelagert; ihm, dem unermüdlich Schaffenden, war eine Grenze gesetzt; er sollte nun seine fleißigen Hände ruhen lassen. Seine Wirksamkeit als Künstler war abgeschlossen, worüber er in seinem Innern sehr schmerzlich bewegt war. Aber er fügte sich in Demut in das Unvermeidliche und trug es ohne Klage; war es ihm doch wie wenigen Künstlern vergönnt gewesen, bis in sein hohes Alter in seiner Kunst tätig sein zu dürfen, und wenn ihm auch in den letzten Jahren die „Motive“ spärlicher kamen, so arbeitete er doch unausgesetzt, frühere Darstellungen vielfach variierend, unfertige frühere Zeichnungen vollendend oder landschaftliche Skizzen mit Figurengruppen belebend, und zeichnete und malte noch eine ganze Reihe prächtiger Blätter, wenn auch mit großer Mühe und Anstrengung. -- Inzwischen hatte er auf Anregung seines Freundes E. Cichorius und auf Betreiben seines Sohnes Heinrich angefangen, auf Grund eigenhändiger Tagebuchaufzeichnungen seine Selbstbiographie „Lebenserinnerungen eines deutschen Malers“ (Frankfurt a. M., Johannes Alt) zu schreiben, und vermochte diese auch noch 1879 so weit zu Ende zu führen, wie es von Anfang an geplant war. Diese Biographie gehört mit zu dem Hervorragendsten, was Deutschland auf diesem Gebiete der Literatur besitzt.
Richter durfte noch seinen 80. Geburtstag feiern, geliebt und geehrt vom deutschen Volke. Still und freundlich waren seine letzten Jahre, wenn ihm auch Schweres zu tragen bis zuletzt nicht erspart wurde. Am letzten Morgen seines Erdendaseins schrieb er in sein Tagebuch:
Groß denken, im Herzen rein, Halte dich gering und klein, Freue dich in Gott allein.
In gedrängter Kürze wollen wir den Entwickelungsgang des Meisters darzustellen versuchen.
Adrian Ludwig Richter wurde am 28. September 1803 in Dresden-Friedrichstadt geboren, „einem Stadtteil, welchen“, wie er selbst sagt, „die ~haute volée~ zu ihrem Sitze nicht erkoren hatte“. Das Geburtshaus (Abb. 1), Friedrichstraße 44 Gartenhaus, war lange in Vergessenheit gekommen, bis es 1898 wieder entdeckt wurde. Nach einer alten Familientradition stammt die Familie Richter von Luther ab. Sein Vater, Karl August Richter (Abb. 2), geboren 6. Juli 1778 im Dorfe Wachau bei Radeberg, war Zeichner und Kupferstecher und Professor an der Dresdener Kunstakademie, ein Schüler Adrian Zinggs, seine Mutter Johanne Eleonore Rosine Dorothee geborene Müller (Abb. 3). Sein Großvater väterlicherseits, Heinrich Karl Richter (Abb. 4), geboren 1741, war Kupferdrucker, seine Großmutter (Abb. 4) war die Tochter eines Schullehrers in Wachau. Der Großvater trat, als ihm durch einen katholischen Geistlichen der Druck der neu auszugebenden Talerscheine dafür in Aussicht gestellt wurde, zur katholischen Kirche über, aus dem Druck wurde aber nichts. Die Großmutter kämpfte lange mit sich, ob sie ihrem Manne beim Wechsel der Konfession folgen sollte oder nicht; in ihrer Bedrängnis wandte sie sich an ihren Bruder, den protestantischen Pfarrer in Döbrichau bei Wittenberg, der ihr riet, ihren Kindern das Opfer zu bringen, Gott sei in dieser wie in jener Kirche, und so entschloß sie sich schweren Herzens endlich zum Übertritt; sie hat dreißig Jahre in völliger Erblindung gelebt. Der Großvater betrieb in späteren Jahren, als das Kupferdrucken nicht mehr recht ging, die Uhrmacherei. „Er wohnte in einem engen düsteren Hof eines Hauses hinter der Frauenkirche über der Judenschule,“ im abgelegenen Stübchen des Hinterhauses hingen zahllose Uhren, die rastlos durcheinander tickten. Der ruhige, in seinem Wesen wunderliche, ironische Mann beschäftigte sich auch leidenschaftlich mit Alchimie und Goldmacherei, bei ihm verkehrten geheimnisvoll allerlei Alchimisten und alte originelle Judengestalten. Fast hundertjährig schied er aus diesem Leben.
Der Großvater mütterlicherseits, Johann Christian Müller, ein langer, hagerer, leicht auffahrender und polternder Mann, war ein kleiner Kaufmann in Dresden-Friedrichstadt, die Großmutter Christiane Luise (Abb. 5), geboren in Amsterdam als Tochter des dortigen Kaufmanns van der Berg, gestorben 1813, eine phlegmatische, etwas stolze Frau. Weiter läßt sich das Herkommen der Familie nicht mehr verfolgen, da die Kirchenbücher in der Kriegszeit verloren gegangen sind. Das Leben in Großvater Müllers engem Kaufmannslädchen und dem anstoßenden, noch engeren Stübchen, in dem von Nebengebäuden eingeschlossenen Hof und dem sehr großen Garten, mit dem Blick über Kornfelder nach den Höhen von Roßtal und Plauen, schildert Richter in der Biographie gar köstlich, nennt auch den ehrbaren Friedrichstädter Bürger und hochachtbaren Verleger der im Lädchen aufliegenden, in grobem Holzschnitt ausgeführten und grell bunt bemalten Bilderbogen, Meister Rüdiger, den Adam, Stammvater und das ehrwürdige Vorbild der Dresdner Holzschneider. Die beiden großelterlichen Häuser mit den originellen Gestalten, die dort ein- und ausgingen, boten ein interessantes Bild aus dem achtzehnten Jahrhundert; sie hatten sich dem Enkel Ludwig tief eingeprägt. Die wunderlichen Menschen, die er dort sah, mögen oft bei seinem späteren reichen Schaffen und künstlerischen Gestalten in seiner Erinnerung aufgetaucht und ihm Modell gestanden haben. Es waren Figuren, wie wir sie bei Chodowiecki in dessen zahllosen Stichen sehen und kennen; Richter erzählte oft und gern in seinem späteren und spätesten Alter von diesen Originalen und wußte sie auch bis ins kleinste lebendig zu schildern. Dagegen war das elterliche Haus in seiner Erinnerung ärmer an derartigen und dauernden Eindrücken gewesen. Es mögen in diesen frühesten Jugenderinnerungen die Wurzeln liegen für seine Originale und Kapitalphilister, die er in seiner späteren Zeit uns mit so sicherem Strich gezeichnet hat. Dresden war voll von solchen Originalgestalten, und unser Ludwig machte förmlich Jagd auf Chodowieckifiguren. Otto Jahn schreibt in seinen Mitteilungen über L. Richter: „Die eigentümliche, schalkhafte und doch treuherzige Pietät, mit welcher Richter seine Philister behandelt, wird aber erst recht begreiflich, wenn man sieht, wie sie in den ersten und liebsten Erinnerungen seiner Kinderjahre wurzelt.“ Die Kriegswirren, die Massen von Truppendurchzügen der Franzosen und der Russen mit ihren asiatischen Kriegsvölkern und der Österreicher, die Not der Stadt Dresden während der Schlacht, das Hin und Her in dieser Zeit bis zur endlichen Niederlage Napoleons bei Leipzig, das alles war für ihn reich an Eindrücken und Abwechslungen. Der Besuch der katholischen Schule (er war in der protestantischen Kreuzkirche in Dresden getauft) hörte im zwölften Lebensjahre infolge der Kriegsdrangsale auf, und nun fand Ludwig seinen Platz neben des Vaters Arbeitstisch, wo er zeichnete und radierte. Es war selbstverständlich, daß der Sohn den Beruf des Vaters erwählte und als Zeichner und Kupferstecher sich ausbildete; auch seine drei jüngeren Geschwister „Willibald, Hildegard und Julius griffen, sobald sie konnten, zu Papier und Bleistift und zeichneten drauf los nach irgend einem Original aus Vaters Mappen“. Unseren Ludwig befriedigte aber derartiges Zeichnen und Kupferstechen wenig, das „Malen“ kam ihm viel schöner vor. Der Vater stach damals Kupferplatten für den Fürsten Czartorysky, der ihn nach Warschau ziehen wollte und ihm eine gut besoldete Professorenstelle anbot; der Mangel an Kenntnis der französischen Sprache und an Mitteln zur Bestreitung der Kosten des Umzugs mit Frau und Kindern nach dort bestimmten ihn jedoch, das Anerbieten abzulehnen. Er hatte eine Anzahl Schüler, die er im Zeichnen und Kupferstechen unterrichtete.
Neben den Arbeiten für den Fürsten mußte der Vater, da die Bezahlung eine sehr knappe war, als Brotarbeit auch Bilder für Volkskalender und Ansichten von Städten und Gegenden radieren. Für die Kalenderbilder wurden Schlachten, der Wiener Kongreß, Feuersbrünste, Erdbeben, Mordtaten und was sonst die damalige Zeit in weitesten Kreisen bewegte, dargestellt, und bei diesen kleinen Arbeiten durfte der Sohn Ludwig helfend mitwirken, kopieren und arrangieren, später sogar diese selbst radieren; mit stolzem Gefühl nimmt er die Erlaubnis auf, die Geschichte vom Apfelschuß Tells auf der Platte „umreißen“ zu dürfen. Die Auftraggeber für diese Kalenderbilder waren Buchbinder, die solche Kalender verlegten, und alljährlich zum Herbstjahrmarkt kamen diese Kleinverleger mit ihren Aufträgen. Diese Buchbinder und Geschäftsfreunde waren auch großenteils höchst originelle Gestalten, von denen einige Richter noch im späten Alter lebhaft vor Augen standen. Ein alter, längst verstorbener Chirurgus in Meißen erzählte mir, daß er sehr oft mit seinem Vater, einem Buchbinder und Herausgeber solcher Kalender, in Dresden bei Richters Vater in solcher Angelegenheit war, und wie er unseren jungen Richter neben Vaters Tisch habe arbeiten sehen; er schilderte ihn als einen schmalen langen Jüngling, wie wir ihn uns leicht vorstellen können nach dem vielleicht zehn Jahre später gezeichneten Porträt (Abb. 15).
Er zeichnete nun auch bald nach der Natur, und wir fügen hier eine Radierung nach einer Zeichnung von ihm, dem damals Fünfzehnjährigen, die Brandruinen des alten Schlosses in Pillnitz (Abb. 6) bei. Die Nationalgalerie besitzt eine in Bleistift sehr tapfer gezeichnete Vorgrundstudie, Distelblätter, aus seinem zwölften Jahre und aus seinem fünfzehnten Jahre ein aquarelliertes Blatt „Bewachsene Steine“, das noch in dem damals herrschenden Manierismus behandelt ist. Die Zopfzeit, eine der schlimmsten Zeiten deutscher Kunst, stand noch in voller Blüte; es wurde noch Baumschlag nach ganz besonderen Methoden gemacht, Eichen gezackt, Linden in gerundeter Manier; es war eine Zeit der Unnatur und eines verwahrlosten Geschmacks. Richter schildert selbst in dem Kapitel „Wirrsale“ seiner Biographie, wie er, entgegen der herrschenden Geschmacklosigkeit und dem Manierismus die Natur draußen so ganz anders sieht, und doch ist er befangen und weiß sich nicht herauszufinden.