Part 2
Mr. Anthony Clark, ein Mann von durchaus ehrenhaften, edlen Gesinnungen, hatte es nicht mehr gewagt, die Unbekannte bei ihrer mehr oder weniger demütigenden Beschäftigung durch seine Gegenwart zu belästigen, und mied das Zimmer, in welchem sie ihre Arbeit stets pflichttreu verrichtete. Allein der Zufall wollte es, daß er ihr öfters in der großen Halle oder auf der Treppe begegnete. Alsdann lüftete er jedesmal in ausgesuchtester Höflichkeit den Hut, wobei er es jedoch nicht unterlassen konnte, einen raschen Blick in das reizende, stets so ernste Mädchengesicht zu thun.
»Nun, freust Du Dich nicht über meine Acquisition, Anthony?« fragte Mrs. Clark eines Abends, als man einige Freunde zum Diner erwartete und nun bei den prächtig und tadellos brennenden Lampen saß.
»Die Freude ist eine problematische, Mutter,« lautete die freundliche, aber bestimmte Antwort des Stiefsohnes, »die blendende Helligkeit all' dieser Lampen bildet einen grellen Kontrast zu dem dunklen Lebenswege des armen Mädchens, dem wir zu Dank verpflichtet sind.«
Die Hausfrau zuckte halb bedauernd die Schultern und meinte gutmütig, daß man der Fremden zu Neujahr ein recht anständiges Geschenk zu machen verpflichtet wäre. --
Eines Morgens, bevor Mr. Anthony wie gewöhnlich nach seiner Office fuhr, trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal in des Stiefsohnes Privatzimmer und sagte in mütterlich herzlicher Weise: »Bitte, thue mir den großen Gefallen, Anthony und trage die Bücher, welche ich mir gestern Abend aus der Bibliothek holte, wieder an den alten Platz. Du weißt, ich liebe die Ordnung -- sie liegen auf meinem Schreibtisch.«
Da das Verhältnis zwischen dem Sohne und der zweiten Frau des verstorbenen Mr. Clark ein selten inniges war, so entgegnete er ebenso freundlich und zuvorkommend:
»O gewiß gern, liebe Mutter, aber ...«
Den Schluß seiner Rede hörte die Dame nicht mehr, weil sie Eile zu haben schien und das Zimmer bereits verlassen hatte.
Zögernd und mit einer ihm selbst unerklärlichen Befangenheit stand Anthony Clark noch einige Minuten vor der Thür des Zimmers, das von der Fremden zu ihrem prosaischen Geschäft benutzt wurde. Er wußte es selbst nicht, warum er gerade diesen Weg nach der Bibliothek eingeschlagen hatte. Einerseits scheute er eine Begegnung mit dem jungen Mädchen, andererseits trieb eine innere Gewalt ihn vorwärts. War er denn nicht der Hausherr hier, der überallhin kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte? Mit dieser Schlußfolgerung trat er endlich ein.
Ja, da stand sie wieder, die so eigentümlich imponierende und doch so mädchenhaft schüchterne Gestalt. Ein leichtes Rot war ihm nun in die Stirn gestiegen, weil er sich bewußt war, oft -- vielleicht sehr oft sich dieses seltsame Bild vor die Seele gezaubert zu haben.
Recht auffällig sichtbar nahm er nun den mitgebrachten Bücherstoß in seinen linken Arm und grüßte höflich mit den Worten: »Verzeihung, mein Fräulein, daß ich Sie störe, allein -- ich muß hinüber nach der Bibliothek!« Dabei war aber Anthony keineswegs weitergeschritten, sondern etwa sechs Schritte von dem jungen Mädchen stehen geblieben. Verwundert und, wie es ihm vorkam, mit leisem Lächeln, begegnete sie seinem leuchtenden Blicke.
»Es steht mir kein Recht zu, dieses Zimmer für mich allein beanspruchen zu wollen, Mr. Clark,« entgegnete sie mit volltönender überaus sympathischer Stimme. -- Also wußte die Fremde darum, daß er der Hausherr war. Rasch erwiderte er:
»O doch, Miß, Miß --« (augenscheinlich verlangte es ihn, ihren Namen zu erfahren) -- »Northland!« klang es sehr leise zurück.
»O doch, Sie haben ein Recht, hier ganz ungestört zu sein, Miß Northland. Sie sind ja die Wohlthäterin für das ganze Haus, ich meine: seit Sie zuerst hier eingetreten, ist es -- Licht geworden.«
Der schöne Mädchenkopf senkte sich tiefer auf die Brust herab. »Man ist gütig gegen mich,« flüsterte sie bescheiden.
»Vielleicht ist es sehr anmaßend von mir, Ihnen ein plumpes Lob zu spenden, aber ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu gestehen, daß ich Ihren Mut, Ihre Willensstärke und Selbstverleugnung -- bewundere,« sagte Anthony nun eigentümlich erregt.
»Das Wörtlein ›muß‹ ist ein strenger Lehrmeister, Mr. Clark, welcher mit eiserner Hand alle rebellischen Oppositionsgelüste herabzudrücken versteht. Aber dennoch giebt es noch etwas Mächtigeres als diesen moralischen Zwang, und diesem Mächtigeren bringt man gerne Hochmut, Eitelkeit und thörichte Eigenliebe zum Opfer,« versetzte das schöne Mädchen, indem ihre großen Augen freudig aufleuchteten.
»Sie haben Eltern, Miß Northland, eine Mutter, für die Sie sorgen?« forschte er, näher tretend.
»Jawohl, um meiner Mutter willen stehe ich hier an diesem Platze, und das Bewußtsein, für sie, die mir auf Erden das teuerste ist, meine Kindespflicht zu erfüllen, hat den Gedanken an Demütigung und Erniedrigung noch niemals in mir aufkommen lassen.«
Mr. Anthony erwiderte kein Wort und so war es mehrere Minuten ganz still im Zimmer; Miß Northland hatte unterdessen ihre Beschäftigung wieder aufgenommen.
»Haben Sie keine Verwandten oder Freunde hier in New York?« fragte er nun eindringlich und leise. Es kam ihm so vor, als ob seine Stimme plötzlich einen veränderten Klang bekommen hätte.
»Nein, keine; wir sind erst vor einigen Monaten aus dem Westen -- aus St. Louis gekommen und daher noch ganz fremd hier,« lautete der einfache Bescheid.
Die Sprecherin gewahrte nicht die sichtliche Überraschung in des jungen Mannes Zügen; unverwandt und forschend waren seine Augen auf das feine Profil gerichtet. Nur als er sich jetzt fast ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte und leise sagte: »Auf Wiedersehen, Miß Northland,« schaute sie eigentümlich befremdet auf und entgegnete schüchtern:
»Ich hoffe, daß Ihre Frau Mutter meine kleinen Dienste noch einige Zeit wird gebrauchen können.«
Nicht lange verweilte Mr. Anthony in der nahen Bibliothek, schon nach fünf Minuten kehrte er daraus zurück; allein dieses Mal durchmaß er beinahe hastig das Gemach, indem er in Anknüpfung an das vorige Gespräch nur die halb prophetische, halb aufmunternde Bemerkung hinwarf:
»Miß Northland, gewiß wird sich auch an Ihnen das Dichterwort erfüllen: Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« --
An demselben Abend nach dem Diner war es das erste Mal, daß Anthony seiner Stiefmutter gegenüber die Rede auf die Fremde brachte. Er blätterte dabei in einem Buche und seine gleichgültige Miene zeigte nichts von der Erregung und Unruhe, die in ihm arbeiteten. Ernst und wie beiläufig fragte er:
»Hast Du niemals nach den Familienverhältnissen des Mädchens geforscht, das seit einigen Wochen hier ein- und ausgeht, Mutter?«
»Nein, wieso? Ich denke, sie ist sehr bescheiden und zurückhaltend. Auf mich macht sie einen ausnehmend günstigen Eindruck. Vielleicht bin ich aber bei dieser Meinung beeinflußt durch eine Ähnlichkeit, welche -- mich an frühere glückliche Zeiten erinnert. Hast Du, mein Sohn, etwas gegen das Mädchen einzuwenden?«
»Ich -- einzuwenden? Allerdings!« Der junge Handelsherr war aufgesprungen und ließ sein schönes, kluges Auge mehrere Sekunden prüfend auf den wohlgebildeten Zügen der älteren Dame haften, dann fuhr er, tief und schwer aufatmend, fort:
»Als ich heute, auf dem Wege zur Bibliothek, zufällig einige Worte mit der jungen Dame (er betonte letzteres Wort ziemlich scharf) wechselte, erfuhr ich, daß sie den Namen »Northland« führt und mit ihrer Mutter aus St. Louis herübergekommen ist. Du hast mir nun früher das große Vertrauen geschenkt, mich in eine mir ziemlich nahe gehende Angelegenheit einzuweihen, und soviel ich mich aus Deinen damaligen Mitteilungen erinnere, ist dieser Name Dir durchaus nicht unbekannt, vorausgesetzt, daß irgendwelche Beziehungen bestehen sollten, zwischen -- zwischen ...« Er stockte.
»Northland! O mein Gott, also doch! Ja, diese Ähnlichkeit mit diesem Manne, den ich einst liebte, frappierte mich sofort.« Tief erblaßt hatte Mrs. Clark jenen Ausspruch hervorgestoßen und die Hände dabei aufs Herz gepreßt: »O Anthony, sie, diese arme Kleine, wäre Marys und Northlands Kind? Nein, das kann, das darf ja nicht möglich sein!«
»Dieses Rätsel bald -- recht bald zu lösen, soll Dir und mir eine Pflicht sein!« gab der Sohn mit Nachdruck zurück, indem er seinen Arm zärtlich um die Schulter der tief erschütterten Stiefmutter legte. Mit dem Taschentuche vor den Augen weinte diese jetzt leise vor sich hin:
»O, Anthony, das wäre eine grausame Strafe für mich. Wie oft, als ich mich damals voll Empörung mit harten Worten von Mary losgesagt und Northlands Reichtum und Ansehen höher und höher stieg, wie oft habe ich da das Glück dieses Paares beneidet und berufen! Und tief im Herzen grollte ich der einstigen Freundin, weil von rechtswegen der Platz an ihres schönen Gatten Seite mir gebührte, mir, die ihn ebenso, vielleicht noch inniger geliebt. Und auf diese Weise soll ich endlich, endlich wieder von Mary hören! Anthony, ich kann's nicht fassen!«
»Gottes Wege sind unerforschlich,« versetzte der Angeredete sanft.
»Aber, mein Himmel, was sitze ich hier so müßig und lasse die kostbare Zeit verrinnen,« rief Mrs. Clark nun heftig aufspringend. »Mary, meine arme Mary in Not und Elend, während ich in Wohlleben und Überfluß schwelge. Fort, mein Sohn, bringe mich zu ihr! An mein reuiges Herz ziehen will ich die Teure und ihr Kind. O, welch' eine Schmach ist es für mich, daß gerade hier in unserem Hause das arme Mädchen sich so erniedrigen mußte, Anthony!«
»Erniedrigen? O nein, Mutter! Das, was Miß Northland gethan hat, webt einen Glorienschein um ihr edles Haupt,« klang es auffallend feurig aus des jungen Mannes Munde, so daß Mrs. Clark in stummer Überraschung zu dem Stiefsohne aufblickte.
»Willst Du meine Ratschläge befolgen, Mutter?« fragte er nach einer Pause.
»Thue ich das nicht stets, Anthony?«
»Wohlan, so lasse die junge Dame, welche zweifellos die Tochter Deiner Freundin ist, morgen noch einmal -- zum letztenmale -- hier ihres schweren Amtes walten, nur damit ich ihr dann unbemerkt folgen und Mrs. Northlands Wohnung erforschen kann. Ist das erreicht, so magst Du hingehen und thun, was Dir Pflicht und Herz gebieten. Bist Du damit einverstanden, Mutter?«
Unter Thränen nickte diese ihm zu. --
Anthony Clark vermochte in der darauffolgenden Nacht gar keine Ruhe zu finden. Immer und immer stand das hochherzige Mädchen mit den ernsten, charaktervollen Zügen und den wunderbar schönen Augen vor seinem fieberhaft erregten Geist. Und als gegen Morgen der Schlaf sich endlich auf seine Lider herabsenkte, war es ihm, wie wenn ihr holdes Angesicht, von einer leuchtenden Strahlenkrone umgeben, sich über ihn niederbeugte und die melodische Stimme in sein Ohr flüsterte: »Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« -- -- --
Ganz seltsam unsicher und befangen hatte Miß Northland am andern Morgen das Clarksche Haus betreten und war viel eiliger als sonst durch die weite Halle der unteren Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen atmete sie förmlich erleichtert auf, daß ihr niemand begegnet war, weil sie sich nach ihrer Idee in einer krankhaft erregten Gemütsstimmung befand. Zu ihrer Schande mußte sie auch selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende Arbeit zum erstenmale drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen wollte, dachte das junge Mädchen hochklopfenden Herzens -- heute würde sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken und nicht mehr so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Über dieses Warum indessen vermochte sich Grace nicht klar zu werden und schob es auf »ihre krankhaft erregte Gemütsstimmung!« --
Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeitsraum stand alles wie sonst am bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus der mitgebrachten Tasche hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu gehen -- da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine prachtvolle Marschall-Niel-Rose. Was bedeutet das? Beim Anblick der Blüte war Grace dunkle Glut ins Gesicht geschossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich über die weiße Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, der Butler des Hauses gethan haben, welcher ihr beim Kommen und Gehen stets den Mantel an- und ausziehen half und sie dabei immer so keck anstierte oder seine wulstigen Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das! Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe Blüte an das entgegengesetzte Ende des großen Tisches; allein eben so schnell ergriff sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend. Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er -- Anthony Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gar fest eingelebt hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das Gemüt klang, daß er jene Blume hier auf diesen Tisch gelegt? Ein Zittern überfiel die hohe Mädchengestalt -- und wenn er es wirklich gethan, mußte sie es dann nicht eher als Demütigung und Beleidigung ansehen, die er, der reiche, hochgestellte Mann dem armen, schutzlosen Mädchen damit angethan? Durfte sie die Blüte, ohne erröten zu müssen, auch wirklich annehmen? Was würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar! Mit fliegenden Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete Grace Northland an diesem verhängnisvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark sei ausgegangen, bedeutete sie der aufwartende Butler, als sie sich zur Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verrieten die Züge des Schwarzen heute nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank, endlich konnte sie dem sie heute so eigentümlich beengenden Hause den Rücken wenden, flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem traulichen Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward hinan.
Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber jener Rose gewesen sein.
* * * * *
Es war ein zauberisch schöner Juliabend. Gleich Diamanten strahlten die Sterne am Himmel und wer nie eine amerikanische Sommernacht durchlebte, der hätte denken können, ein Teil der Gestirne wäre zur Erde herabgefallen, so glitzerten und funkelten die zahlreichen =glow worms= (Leuchtkäfer) allenthalben im tauigen Grase und duftigen Gesträuch. In traulicher Eintracht saßen Mutter und Tochter auf der kleinen Veranda, während Polly, eine junge Negerin, welche Grace, seitdem sie so guten Verdienst erzielte, zum Beistand der Mutter ins Hauswesen genommen, geräuschlos hin und her glitt und den Theetisch abräumte.
»Du bist heute so still, mein Kind, was ist Dir? Zuweilen scheint es mir, als ob Deine Gedanken ganz wo anders weilten, als zu Hause!« fragte Mrs. Northland, nachdem sie schon einigemal nach der prächtigen Rose geschaut, die an des jungen Mädchens Busen prangte.
»Ich denke darüber nach, daß wir doch jetzt sehr glücklich sein können, Ma,« entgegnete die Angeredete mit halb abgewandtem Gesicht.
»Du, mein Engelskind! Wie sorgst und plagst Du Dich für mich -- das zu vergelten, vermag nur Gott,« flüsterte die ältere Dame in tiefer Bewegung.
»Ich ernte ja auch reiche Früchte. Die Mühe ist so gering, in anbetracht, daß ich Deine Stirn wieder ohne Sorgenfalten erblicke,« lautete die heitere Erwiderung.
»Du wolltest mir ja längst einmal etwas über die verschiedenen Häuser erzählen, in denen Du ein- und ausgehst, Grace. Ich hoffe, man begegnet Dir mit Achtung?«
»Sei außer Sorge, Mama. Noch niemals habe ich die geringste Zurücksetzung erfahren. Vor allen ist es --« (Grace zögerte ein wenig) »ist es Mrs. Clark, die stets in sehr liebreicher Weise zu mir spricht.«
»Mrs. Clark, eine noch junge Frau?«
»Etwa in Deinem Alter. Sie ist eine große volle Blondine, mit selten schönen, blauen Augen und -- --«
»Und einem kleinen, roten Male an der Oberlippe?« fiel Mrs. Northland der Tochter hastig ins Wort.
»Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?«
Die Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und atmete tief und schwer.
»O Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus geraten? Gerade sie ist die Frau, um deretwillen Dein armer Vater einen Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er bereits verlobt war, vorzog. Einst waren wir uns beide in beinahe mehr als schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir die Thür gewiesen, sich gänzlich von mir losgesagt -- mich verflucht! Ein Unsegen ruhte seitdem auf dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und nun lebt sie im Überfluß in New York. So viel ich weiß, besaß Clark auch einen Sohn aus erster Ehe; Annie hatte keine Kinder!«
Längst war das junge Mädchen von ihrem Sitze aufgesprungen, war niedergekniet und lauschte, die verschlungenen Hände im Schoße der Mutter, atemlos deren Worten. »Grace,« fuhr dieselbe nach kurzer Pause fort, »in diesem Hause darfst Du Deinen Namen niemals nennen, hörst Du, Grace?«
Es erfolgte keine Antwort. Dafür aber gewahrte Mrs. Northland, ungeachtet der zunehmenden Dunkelheit, wie ein Herr und eine Dame sich langsam dem Hause Nr. 9 genähert hatten und nun leise zögernd die Stufen der hölzernen Treppe emporstiegen.
Durch die Glasthür der Veranda fiel ein heller Lichtstrahl direkt auf das blasse Gesicht einer stattlichen, noch immer schönen Frau.
»Annie! Barmherziger Gott!«
»Mary!«
Wie durch einen Federdruck in die Höhe geschnellt, fuhr nun auch des jungen Mädchens Kopf aus dem Schoß der Mutter empor. Allein, Grace sah nicht, daß diese der eleganten Dame in die Arme sank, nicht, daß jene das vergrämte Gesicht der Wiedergefundenen mit heißen Küssen bedeckte -- sie sah nur ihn -- Anthony Clark und seine herzlich und liebevoll auf sie blickenden Augen.
»Annie, Du kommst zu mir? Bringst Du mir Vergebung -- bringst Du Deine so schmerzlich vermißte Liebe mir zurück?« klang es schluchzend aus Mrs. Northlands Munde.
»Alles, alles, Mary. Aber ich bringe Dir noch mehr: Siehe hier, das ist Anthony Clark, der mir zu jeder Zeit ein lieber Sohn gewesen. Er hat eine Bitte an Dich zu richten, die so groß und bedeutungsschwer ist, daß es meiner Fürsprache bei Dir bedarf!«
Der Genannte war rasch näher getreten und verneigte sich tief vor der überraschten Frau.
»Eine Bitte an mich?« stammelte Mrs. Northland, während sie in fast scheuer Verwunderung von dem eleganten, hübschen Manne zu ihrer Tochter hinübersah. Was war denn hier geschehen? -- Das purpurglühende Gesichtchen mit den Händen bedeckend, lehnte das junge Mädchen an einem Sessel.
Obwohl in leidenschaftlicher Erregung, aber doch in festem Tone, sagte nun Mr. Anthony: »Ich habe einmal die Äußerung gethan, daß es, seit Sie, Grace Northland, die Schwelle unseres Hauses überschritten, Licht darin geworden ist. Allein damals wagte ich nicht, hinzuzusetzen, daß dieses Licht mit einer Kraft und Macht, die höheren Ursprung zeigten, auch mir ins Herz hineingedrungen ist! Wie ein Geblendeter bin ich seit Wochen umhergegangen -- geblendet und beschämt über die eigentliche Erbärmlichkeit des sonst so hochgeschätzten eigenen Wertes. Erst Sie, nur Sie, Miß Northland, haben mich gelehrt, daß es noch Höheres giebt als das, was mir bis dahin als allein edel und erhaben vorgeschwebt. Wenn ich mir bisher einbildete, ein guter Mensch zu sein, so erkannte ich mich jetzt als einen egoistischen, jämmerlichen Wicht, dessen ganzes Verdienst darin bestanden hatte, die Annehmlichkeiten des Lebens mit Behagen zu genießen. -- Heute, als die verhängnisvolle Rose auf Ihrem Platze lag, war ich so anmaßend, durch eine Thürspalte zu Ihnen hinüber zu sehen. Ich gewahrte Ihren Kampf, gewahrte aber auch, wie mein stummes Liebeszeichen mit Ungestüm ans Herz gepreßt wurde. Grace Northland! Diese Brust erfüllt nunmehr ein einziger, seliger, heißer Wunsch -- eine Bitte -- --«
»Anthony!« Ein fassungsloser Jubelruf unterbrach den Sprecher; Graces Arme waren jetzt schlaff herabgesunken und wie in einer Verklärung starrte sie ihn an.
»Grace, mein hochherziges, mutiges Mädchen, ich will noch nichts anderes wissen, als ob Sie meine tiefe innige Liebe einst werden erwidern können. Das weitere überlassen wir der Zeit und diesen da ...«
Damit deutete er auf die beiden älteren Damen, welche Hand in Hand nebeneinander standen und mit seligen Blicken an der reizenden Befangenheit des holden jungen Mädchens sich weideten.
Jedenfalls mußte die Antwort auf jene inhaltsschwere Frage wohl zur allseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn bald darauf saßen vier glückliche Menschen in dem kleinen, gemütlichen Salon, wo Erinnerungen ausgetauscht und neue Zukunftspläne geschmiedet wurden. Als Anthony Clark, über das Geländer der Veranda gebeugt, indessen die Stiefmutter lächelnd vorausgegangen war, noch ein letztes Lebewohl, einen warmen Kuß austauschte mit seiner schönen Braut, war es bereits dunkle Nacht geworden.
* * * * *
Selbstverständlich brachte nun die nächste Zeit den guten Leuten von Dolly Ward wieder viel Stoff zum Reden. Mr. O'Reilly jedoch ging womöglich noch etwas einsilbiger als sonst umher. So lange schon hatte er sich, nach einem schweren Kampf mit seiner ursprünglichen Absicht einer Geldheirat, bereit gemacht, der schönen Tochter seiner Nachbarin von Nr. 9 einen ernsten Antrag zu machen, aber es hatte ihm stets an dem nötigen Mut gefehlt, und nun mußte ihn das glückstrahlende Gesicht des jungen Mädchens, als es wenige Tage später an Anthony Clarks Arme an der Behausung des Advokaten vorüberging, hinlänglich darüber aufklären, daß seine erträumten Aussichten auf Erfüllung seiner stillen Herzenswünsche nur sehr kümmerlich beschaffen gewesen seien, und das schien ihm ziemlich nahe zu gehen, denn bei einem gelegentlichen Besuche in der Nr. 9 ließ der junge Irländer die Bemerkung fallen, daß er demnächst »aus Geschäftsrücksichten« nach Brooklyn übersiedeln werde.
Noch vor seiner Vermählung mit Grace hat Anthony Clark ganz heimlich das Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward käuflich erworben, um es seiner holden Braut als Morgengabe zu schenken. Mrs. Northland ist fortan die Gebieterin desselben, und für die schwergeprüfte Frau ist es stets ein Festtag, wenn das glückliche junge Paar dem Geräusch und Getriebe der Riesenstadt einmal entflieht, um ein paar ruhige, selige Stunden zu verleben in der poetischen Einsamkeit von Dolly Ward.
Fächer-Bilder.
Berlin, 14. Januar 18..
»=Caro amico!=
Warum ich so lange nicht geschrieben, willst Du wissen? Nun, das ist eigentlich keine so leichte Sache, Dir zu erklären. Fürs erste begnüge Dich damit, daß ich mich langweile -- zum Sterben langweile und Dein heiteres Künstlergemüt -- Dich, Du Glücklicher, der Du unter Italiens Sonne der abgeschmackten Wintergenüsse unserer Reichshauptstadt kaum mehr gedenkst, nicht mit Stoßseufzern und Lamentationen inkommodieren wollte, die Dir doch vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln entlockt haben würden!