Lose Blätter: Neue Novellen

Part 1

Chapter 13,511 wordsPublic domain

Lose Blätter.

Neue Novellen

von

Doris Freiin von Spättgen.

Leipzig.

Verlag von F. A. Berger.

1895.

Vor Nachdruck geschützt. Übersetzungsrecht vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis.

Licht 3

Fächer-Bilder 35

Aus Großtantchens Hofdamenleben 63

Unter dem Niagara-Falle 83

Zahnschmerzen 103

Amerikanische Existenzen 133

Licht.

Weit draußen am äußersten Ende von Williamsbourgk, einem Stadtteile Brooklyns, dort, wo die Straßen- und Häuserreihen bereits durch ausgedehnte Wiesenflächen und üppige Obstplantagen unterbrochen werden, so daß die Bezeichnung »Stadt« daselbst eigentlich nicht mehr zutreffend erscheint, weil die Gegend schon allmählich den Charakter des Ländlichen annimmt -- dort steht eine Reihe allerliebster, hüttenartiger Häuschen, deren Gesamtheit, wegen der Zierlichkeit und Gleichheit der Gebäude, im Volksmunde »Dolly Ward (Puppenfestung)« benannt wird. Diese Miniaturvillen, eine aufs Haar genau so wie die andere, mußten unzweifelhaft aus der Hand desselben Baukünstlers hervorgegangen sein, der sie, wohl mehr um einer flüchtigen Laune zu genügen, als um praktische Behausungen zu schaffen, aus der Erde hervorgezaubert haben mochte.

Jedes der Häuschen war mit einem niedlichen Vorgärtchen, einer Art Veranda, worauf die Hausthür mündete, und einer grün angestrichenen, hölzernen Treppe versehen, deren Geländer ein fast elegant zu nennendes Schnitzwerk auswies. Das Innere einer solchen Villa bestand aus nur zwei größeren Zimmern im ersten Stock, sogenannten Parlours, drei Mansardenstübchen und der großen hellen Küche im Basement (Souterrain).

Merkwürdigerweise stand nur äußerst selten ein Häuschen der Dolly Ward zu vermieten. Die meisten derselben befanden sich schon seit vielen Jahren in festen Händen, was ihr Äußeres auch fast durchweg verriet. Die Gärtchen zeigten sich auf das sorgsamste gepflegt, ihre schmalen Gänge waren mit rotem Kies bestreut, während verschiedenes feines Strauchwerk die etwas primitiven Staketenzäune, welche die Grundstücke von der Verkehrsstraße trennten, verdeckte und dadurch eine Art hübsche lebende Hecke bildete. Rosen und andere duftende Blumen erfreuten im Sommer das Auge der Vorübergehenden, und die stets blitzblank geputzten Fensterscheiben und sauberen Gardinen vollendeten den guten Eindruck, den diese Villen auf den Fremden ausübten.

Die Bewohner von Dolly Ward, zum Teil bejahrte Leute, welche sich nun ins Privatleben zurückgezogen hatten, zum Teil Angestellte großer Geschäfte von Brooklyn und New York, welche ihrer Familie wegen die bei weitem billigeren und gesünderen Wohnungen hier draußen dem Geräusch und dem Staube der Großstadt vorgezogen, und einige alte Fräuleins, welche Pensionäre hatten, bildeten eine förmliche feste Clique, so daß auf Dolly Ward jeder neue Ankömmling anfänglich allseitigem Mißtrauen begegnete.

Im Anfang des Frühlings 188. war Mr. Holstein, der deutsche Eigentümer des Häuschens Nr. 9, plötzlich gestorben und bald darauf hatte seine Witwe den guten Bekannten von rechts und links Lebewohl gesagt, weil sie ihren Aufenthalt fortan nach Jersey City zu einer verheirateten Tochter zu verlegen gedachte. Mr. O'Reilly, der Nachbar zur Rechten, welchem die alte Dame vor ihrem Scheiden die vorteilhafte Vermietung ihres Besitztums noch recht eindringlich ans Herz gelegt hatte, hing eigenhändig die weiße Tafel zum Fenster hinaus, auf welcher mit großen Lettern zu lesen stand: »=to let=.«

Etwa vier Wochen lang zerbrach man sich in Dolly Ward die Köpfe, wer wohl seinen Weg hier heraus nach dem entlegenen Teile von Williamsbourgk nehmen würde, denn die guten Leute der kleinen Villenkolonie waren äußerst exklusiv und fürchteten begreiflicherweise das Niederlassen des ersten besten Rowdy in ihrer friedlichen Ansiedelung. Da verkündete Mr. O'Reilly eines Morgens einer wißbegierigen Dame, daß des seligen Holsteins Häuschen vermietet worden sei und die neuen Bewohner, in Gestalt von Mutter und Tochter demnächst schon eintreffen würden. Das gab natürlich viel zu reden. Allein auf alle an ihn gerichteten Fragen vermochte Mr. O'Reilly keine weitere Auskunft zu geben, als daß beide Damen respektabel aussähen und gebildet schienen.

Vier Tage später war die kleine Villa von den neuen Bewohnern bezogen. »Wer mag das wohl sein? Weshalb kommen Leute, die solch eine Masse von eleganten Möbeln mit sich führen, hier heraus? Die Geschichte gefällt uns nicht -- das hat sicher noch einen Haken!« So flüsterte man sich gegenseitig zu nach dem Eintreffen von Mrs. Northland und ihrer schönen Tochter auf Dolly Ward. Nachdem jedoch zwei und drei Monate ins Land gegangen und die beiden Damen trotz ihrer großen Zurückhaltung bekannter geworden waren, fing man an, sie gerade um ihrer Zurückhaltung und vornehmen Würde willen mit anderen Augen anzusehen, und nun sagten die Nachbarn von rechts und links unter sich: »Feine Leute sind es offenbar, das bezeugt ihr ganzes Auftreten, allein -- wovon leben sie?«

Nach amerikanischen Begriffen hat das Wort »Arbeit« die höchste und ehrendste Bedeutung und nur der gilt als angesehen, welcher auf irgendwelche ehrliche Weise durch eigene Arbeit sein Brot erwirbt. Die reichen Leute arbeiten aus angeborener und anerzogener Lust zum Schaffen, die Unbemittelten, um reich zu werden -- Müßiggang giebt es in den Vereinigten Staaten nicht und wer sich ihm hingiebt, hat Mißtrauen zu fürchten über die Art, durch die er sich seinen Lebensunterhalt erwirbt. Da nun Mrs. Northland und ihre Tochter, außer einer gelegentlichen Fahrt nach New York, keine besondere Beschäftigung zu haben schienen, so war das selbstverständlich auch ein Grund, sich über die seltsame Lebensweise der beiden Damen aufzuhalten. Dessenungeachtet hatten die Fremden es verstanden, sich bald die Achtung und Teilnahme der Bewohner von Dolly Ward zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wer dem bezaubernden Augenaufschlag der Tochter zu widerstehen vermocht? So schroff und absprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurteilt worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Damen zu liegen schien.

Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advokaten, welcher in Goldsmiths Office in Brooklyn arbeitete und hier bei der alten Miß Colnay Pensionär war, außer diesem hatte noch keiner der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands Schwelle überschritten, und auch sein Verkehr mit den beiden Damen beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly der neuen Mieterin als Verwalter des Holsteinschen Grundstücks zu machen hatte. Es schien auch durchaus nicht in deren Absicht zu liegen, mit irgend jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das war alles.

Im allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der seinen Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northland und deren Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging. Durch ihn wußte es auch bald jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen besäßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem Körbchen am Arm die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte, die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der V. Avenue von New York gleichgestellt werden konnte.

An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abendstunde, trat Miß Grace, eine schlank gewachsene Brünette, mit kühn geschwungenen Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien sowohl starke Willenskraft wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach einem Ausgange durch die Verandathür in das vordere der beiden Parlours und schaute sich sichtlich befremdet darin um: »M'ma! Mama!«

Keine Antwort erfolgte -- das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine schwere, moosgrüne Portiere getrennt war.

»M'a!«

Auch hier zeigte sich niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag für Tag an dem nach der Straße gelegenen Fenster saß und die Tochter, wenn sie von ihren kurzen Ausgängen heimkehrte, regelmäßig an diesem Plätzchen erwartete. So lange man auf Dolly Ward wohnte, war dies geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die teure Gestalt an dem gewohnten Platze.

Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinan und öffnete die Thür des gemeinsamen Schlafgemachs -- dort saß Mrs. Northland und schien, über ein weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die ältere Dame jedoch der schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrak sie leicht zusammen und sagte halb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend:

»Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet.«

»Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?«

Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und umschlang sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »M'a, geliebte M'a, Du verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll. O warum das? Haben wir bisher nicht alle Sorgen und Mühen miteinander geteilt?« Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen Zügen der jungen Sprecherin.

»Grace!« Die ältere Dame suchte ein Schluchzen zu bekämpfen, »o Grace, es kann ja so nicht weiter gehen.«

»Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe ich Dir schon oft gesagt, und deshalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß es schon um Deinetwillen thun,« entgegnete das junge Mädchen mit fester Stimme.

»Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen Geschäfte, wo all' die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind -- nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch diesen Stolz -- er ist das einzige, was von allem Glanz und Schimmer der schönen Vergangenheit mir geblieben ist,« schluchzte Mrs. Northland unter heißen Thränen.

»Es giebt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt zu verdienen,« gab Grace unbeirrt zurück.

»Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß -- diese Damen werden gut bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest noch einmal mit Deinem Studium von vorn beginnen, was einige Jahre beanspruchen -- nein, mein Kind, auch das will ich nicht. Welchen Demütigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung ausgesetzt!« fügte Mrs. Northland hinzu, ihre Wange zärtlich an die der Tochter schmiegend.

»Aber, was willst Du denn thun, Herzens-Mama, hast Du denn einen anderen Plan?« fragte das junge Mädchen eindringlich, indem sie das mit Zahlen bedeckte Papier auf dem Tische prüfend musterte.

Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten, dann kam es zagend über der Mutter Lippen: »Ich glaube, daß unsere Einrichtung, das bißchen Silber dazu genommen, noch ein recht leidliches Sümmchen repräsentiert. Nach meiner Zusammenstellung des Ganzen ergiebt sich -- schlecht gerechnet -- ein Ertrag von 2300 Dollars. Damit könnte ich vielleicht -- irgend ein -- bescheidenes Geschäft beginnen, das uns wenigstens vor Not schützte. Niemand kennt uns in New York -- wer ahnt in mir die Witwe des Millionärs und Eisenbahnkönigs Frederik A. Northland aus St. Louis, dessen Name ehedem im Westen einen solch' bedeutungsvollen Klang gehabt?! Nicht Du, mein Liebling, sondern ich muß mich aufraffen aus dieser lähmenden Apathie und für unsere Zukunft sorgen!«

»Nein, um Gotteswillen, nein, wenn Du mich liebst, Mama, so schweige von solchen Dingen,« rief Grace fast leidenschaftlich, »Du, die schöne, vornehme Frau Dich erniedrigen, hinter dem Ladentische zu stehen -- entsetzlich! Du Dich von Deinen lieben Sachen trennen, wo jedes Stück Dich an das frühere Glück und den teuren Vater erinnert! Das undankbarste Geschöpf unter der Sonne müßte ich sein, wollte ich das zulassen. Wozu bin ich jung und kräftig. Nein, Mama, daraus wird absolut nichts!« Jetzt hatte das junge Mädchen sich zur vollen Höhe emporgerichtet, wobei ein Ausdruck von Energie und Mut aus den schönen Augen leuchtete.

»O Gott, daß es dahin kommen mußte! Wenn er, Dein Vater, noch lebte, es stünde besser mit uns, und wie gern wollte ich auch Not und Sorgen mit ihm teilen!« weinte leise die beklagenswerte Frau.

»Der Himmel hat ihm dieses Schwerste erspart, das muß uns trösten, M'a,« sagte die Tochter weich.

»Als wir hier ankamen, Grace, glaubten wir uns beinahe reich mit der kleinen Summe, die wir mitbrachten -- nun ist sie fast ganz zusammen geschmolzen! Ich habe nie gedacht, daß die täglichen Bedürfnisse des Lebens soviel Geld verschlingen könnten. Dabei steht der Quartalswechsel vor der Thür und die Miete soll an Mr. O'Reilly bezahlt werden. -- Ach, ich werde ihn wohl bitten müssen, uns den Betrag für einige Wochen zu stunden.«

»Nimmermehr, Mama! Nur keine Gefälligkeit von diesem Manne, es wäre mir schrecklich -- erdrückend!« wehrte Grace mit auffälliger Hast ab. Prüfend schaute ihr die Mutter ins Gesicht und sagte bedeutsam:

»Er ist kein übler Mann. Seine Manieren sind tadellos und neben einem guten Einkommen scheint er ein redliches gutes Herz zu besitzen. Nicht ohne Grund sucht er uns verlassenen Frauen öfters auf -- hast Du daran schon gedacht, mein Kind?«

»Er ist mir unsympathisch, Mama! Bitte, erwähne seiner gegen mich nie mehr in dieser Weise, ich könnte Mr. O'Reilly sonst nicht mehr unbefangen und freundlich begegnen,« gab Grace unwillig und in ernstem Tone zurück. Mrs. Northland seufzte und schwieg, worauf beide Damen langsam nach der unteren Etage hinabstiegen.

Da die Dämmerung eingetreten war, so brachte das junge Mädchen die Lampe, welche sie alsbald mit großer Geschicklichkeit in Brand setzte. Ein intensives Licht beleuchtete jetzt das mit feinem Geschmack ausgestattete Gemach, so daß jeder Gegenstand darin erkennbar war. Die Mutter, welche mit sichtlichem Vergnügen den flinken Bewegungen der auffallend schönen Hände ihres Kindes zugeschaut hatte, sagte plötzlich lächelnd:

»Wie Du doch diese wenig anmutende Arbeit verstehst und graziös verrichtest, mein Liebling! Ich habe niemals, auch in jener Zeit, als viele Diener mir zur Verfügung standen, solche hell und klar brennende Lampe gehabt, wie jetzt, wo mein teueres Töchterchen sich dieser Mühe eigenhändigst unterzieht!«

»Ich bin auch stolz darauf, Mama, weil ich mir sage: Arbeit schändet nicht,« versetzte Grace heiter.

»Nein, gewiß nicht, aber, ganz abgesehen von Deiner Opferwilligkeit, Du hast wirklich ein großes Talent dafür.«

Bei diesen harmlosen Worten hob das schöne Mädchen die langen, dunklen Wimpern und sah der Sprecherin einige Sekunden starr und nachdenklich ins Gesicht. Eine schärfere Beobachterin, als Mrs. Northland war, würde wahrgenommen haben, daß es zugleich wie ein blitzartiges Aufleuchten über die regelmäßigen Züge glitt.

Als nach einer halben Stunde die Damen am Theetisch saßen, der in seinem zierlichen Arrangement von gutem Porzellan und einigen wertvollen Stücken Silbergerät nur zu deutlich verriet, daß die Dasitzenden einst bessere Tage gesehen, erschien Grace merklich einsilbig und zerstreut. Abermals seufzte die Mutter still für sich und beobachtete mit Wehmut und Trauer, aber verstohlen des einzigen Kindes liebes Angesicht.

Am nächsten Morgen fuhr Grace, kleine Einkäufe vorschützend, hinüber nach New York. Pünktlich nach drei Stunden, wie sie es versprochen, kehrte sie auch zurück, doch konnte das junge Mädchen es jetzt nicht unterlassen, der Mutter eine Mitteilung zu machen. Halb verlegen, halb freudig schlüpfte die geheimnisvolle Enthüllung über die rosigen Lippen, daß sie Hoffnung hege, vielleicht einen kleinen Verdienst zu bekommen.

Aufs höchste erschreckt, starrte Mrs. Northland der Erzählerin ins Gesicht, indem sie darauf noch einmal alles schon unzählig oft Gesagte wiederholte und das junge Mädchen himmelhoch beschwor, sich nicht als Ladenmädchen zu verdingen. Aber Grace beruhigte die erregte Frau insofern, daß diese Aussicht auf einen Erwerb bisher nur in einer Annonce bestände, die sie in den »Herald« habe einrücken lassen und worüber sie die Mutter aufklären wolle, sobald man darauf geantwortet haben würde. Unter einer Chiffre habe sie Briefe, Hauptpostamt restante New York erbeten. Der flehende und zugleich so mädchenhafte reine Ausdruck in Graces Augen bekämpfte die im Herzen der bekümmerten Frau aufsteigenden Zweifel und damit war diese Sache fürs erste abgethan. --

* * * * *

Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der V. Avenue in New York befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl konservierte Dame, welche, den »Herald« in der Hand, am Fenster saß, und ein junger auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, der sich mit seinem Frühstück beschäftigte.

»Welch' seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony, Hahaha!«

»Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre, dann stehe ich zu Deinen Diensten.«

»Das ist wirklich originell, hahaha!« -- Abermals tönte das helle Lachen nach dem Sprechenden hinüber.

»So, nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.«

Der Gerufene war jetzt näher getreten und zog sich einen Stuhl dicht an die Seite der stattlichen Frau. Diese las:

»Eine sehr respektable junge Dame aus guter Familie, welche, durch mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broterwerb zu verschaffen genötigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft des Putzens, Reinigens und Versorgens der Lampen zu übernehmen und bestmöglichst auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche eine seltene Fertigkeit und Übung und wird ihre Kunden sicherlich zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten: =Head-Postoffice restante Nr. 600=.«

»In der That höchst sonderbar,« äußerte der mit Anthony Angeredete kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, »entweder ist das nur ein schlechter Spaß oder -- was mir wahrscheinlicher dünkt -- ein Notschrei aus der Brust einer armen Frau.« Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ die Blicke über die vielen kleinen Annoncen gleiten, ehe er fort fuhr: »Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt New York. Wohl demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch' verborgenes Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen trocknen zu können!«

»Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen Sinn und das poetische Gemüt muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben. Dein Vater besaß hiervon nichts,« versetzte die stattliche Dame mit einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes wohlgefällig betrachtete. »Was meinst Du, Anthony, ob ich diese Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine Vermutungen zutreffend sind oder nicht.«

»Thue das, Mutter; es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk damit zu stiften im stande wärest,« sagte der junge Mann lebhaft, und die Dame fuhr angeregt fort:

»Übrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen samt und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu führen -- wohlan, ich schreibe, Anthony.«

Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr, hatte er selbst den Brief der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche. Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf bezügliche Gespräch vergessen. --

Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte.

Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst anmutige Bild. Durch die halb zugezogene Gardine fiel ein Strahl der goldenen Morgensonne gerade über den dunkeln Scheitel des feinen, etwas vorgebeugten Kopfes und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken, das gegen den hellen Hintergrund wie gemeißelt erschien. Die ebenmäßige Figur zeigte auffallend schöne Formen, wie auch der Schnitt des Kleides unleugbare Eleganz bewies. Anthony Clark zögerte noch immer, weiterzuschreiten, weil er darauf wartete, daß die junge Unbekannte vielleicht einmal die tief auf die Arbeit gesenkten Augen heben würde, aber vergebens. Nun trafen seine prüfenden Blicke die rührigen Finger -- wie sonderbar! Ein Paar waschlederne Handschuh bedeckten die Hände bis zum Gelenk, hieran schlossen sich eine Art Schutzärmel aus grauem Futterstoff, die bis über den Ellenbogen hinaufreichten; ein kleines, weißes Schürzchen vervollkommnete diese seltsame Toilette.

Das also war die junge Dame aus guter Familie, welche ihr Brot zu erwerben genötigt war? Er hatte mit seinen Vermutungen demnach doch recht gehabt. »Eine _Dame_, hm!« Im Augenblick dachte er gar nicht mehr an seine Absicht, jenes Buch zu holen, sondern beschäftigte sich mit dem Gedanken, daß diese Bezeichnung hier in der That höchst gerechtfertigt erschien, wobei ein merkwürdiges Gefühl, halb Befriedigung, halb Freude sein Inneres bewegte: »Wie glücklich mochte das arme Mädchen sein, etwas Beschäftigung -- und hoffentlich auch recht lohnende -- gefunden zu haben!« --

Gleichsam instinktiv, als ob es die Nähe eines Fremden ahne, schlug das schöne Mädchen jetzt die Augen empor und trat, merklich erschrocken, zurück, während ein heißes, verräterisches Rot sich über Antlitz und Hals ergoß. Mr. Anthony Clark wußte nichts anderes zu thun, als leicht zu grüßen und rasch nach der Bibliothek hinüberzuschreiten, von wo aus er dann seinen Rückweg durch einen anderen Teil des Hauses nahm.

Etwa vier Wochen mochten vergangen sein, während welcher die junge Fremde alltäglich um die zehnte Morgenstunde bei Mrs. Clark erschien, um sämtliche im Haushalt gebrauchten Lampen in Ordnung und Stand zu setzen. Nach Vereinbarung wurde ihr regelmäßig durch die Lady selbst ein Dollar für ihre Arbeit verabreicht, den sie auch mit ruhiger Würde, man hätte fast sagen können, mit vornehmer Herablassung entgegennahm, als ob sie selbst dem Hause einen großen Dienst geleistet hätte und nicht die Empfängerin eines unverhältnismäßig hohen Arbeitslohnes sei. Mrs. Clark, eine obwohl stolze, doch zugleich äußerst gutherzige Frau, hatte das junge Mädchen, dessen schönes Antlitz sie oft nachdenklich musterte, gelegentlich auch einmal gefragt, ob es auf die im »Herald« erlassene Annonce noch mehr Arbeit und Verdienst erhalten habe, worauf ihr die in kühlem Tone gegebene Antwort wurde, daß sie bereits fünfzehn der feinsten Familien New Yorks zu ihren Kunden zähle und mit der Zeit noch bekannter zu werden hoffe.