Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben

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Los von Rom

Eine Geschichte aus dem Leben.

Die 1. Auflage dieser Geschichte erschien unter dem Titel »Das neue Dogma«, ist aber vollständig vergriffen.

Los von Rom

Eine Geschichte aus dem Leben

von

Anton Ohorn

Illustriert von =Fritz Bergen=

2. Auflage

(4. bis 9. Tausend)

Stuttgart

Verlag von Carl Weber & Cie.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck des Süddeutschen Verlags-Instituts in Stuttgart.

Vorwort zur ersten Auflage.

Wer abenteuerliche Verwicklungen, romantische Liebesbeziehungen, oder jenen Naturalismus sucht, der die Wahrheit der Lebensverhältnisse nur in Sumpf und Schmutz finden zu können glaubt, für den ist diese Geschichte nicht geschrieben. Und doch macht sie gerade darauf Anspruch, wahr zu sein und Verhältnisse zu schildern, die dem Leben entnommen sind.

Nahezu 25 Jahre sind vergangen, seit der Glaubenssatz von der päpstlichen Unfehlbarkeit in Rom aufgestellt wurde. Es war ein Ereignis, welches die Gemüter der ganzen gebildeten Welt bewegte und die Herzen der katholischen Christen mit bangen Zweifeln und mit Schmerz erfüllte; die Verkündigung jener Lehre hat die volle selbstherrliche Macht Roms einerseits, die Schwäche und Haltlosigkeit kirchlich angesehener Kreise andrerseits bekundet.

Schwere Seelenkämpfe wurden damals von manchem ehrlich denkenden Katholiken, zumal von manchem katholischen Priester durchgestritten, und ein Bild solcher Kämpfe habe ich versucht, in diesem Werke vorzuführen. Ich habe gemeint, daß ich nicht ganz unberufen dazu sei; habe ich doch zum Teil an mir selbst erfahren, was ich berichte, und was man auch immer dem Werke zum Vorwurfe machen möge, eines wird nicht bestritten werden können, daß die Verhältnisse des katholischen Klerus, sein Leben und Empfinden, seine Anschauungen und deren Bethätigung auf Grund von Thatsächlichem geschildert sind. Die Gestalten der Erzählung sind _wirkliche Typen_ und gezeichnet ohne jede Gehässigkeit.

Ich habe wiederholt beinahe mit einem Gefühl des Mitleids Werke gelesen, zumeist aus weiblicher Feder -- denn es mag besonders in dem Cölibat und seinen Folgen für Schriftstellerinnen ein verlockender Reiz liegen -- welche von katholischem Priester- und Mönchsleben handeln, und welche trotz aller Lobsprüche der mehr oder minder berufenen Kritik von Unwahrheit in Situationen und Charakteristik strotzen. Ueber solche Verhältnisse vermag nur der zu schreiben, der einerseits ihre ganze erdrückende Schwere und andererseits ihre besondere und tiefere Bedeutung eingehend kennen gelernt hat, und darin liegt, wie ich anzunehmen wage, die Eigenart und die Berechtigung dieser Geschichte zugleich.

Ich darf wohl hoffen, daß ich darum auch von Einsichtsvollen weder mißverstanden, noch falsch beurteilt werde, wenn ich derselben mit einer kleinen Abweichung das Wort, welches Lessing von seinem »Nathan« gebraucht, voranstelle: »Wenn man mir sagt, daß ein Werk von so eigener Tendenz nicht auch einen gewissen Wert habe, so werde ich schweigen, aber mich nicht schämen. Ich bin mir eines Ziels bewußt, hinter dem man auch weiter mit Ehren bleiben kann«.

Der Verfasser.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Unter dem Titel »Los von Rom« geht das ursprünglich »Das neue Dogma« genannte Werk zum zweitenmale in die Welt, um zu erzählen, wie der Held »los von Rom« kam. Die Zustände in Oesterreich, wo dasselbe abspielt, haben sich in den letzten Jahren bedeutsam geändert; aus der nationalen Bewegung ist eine kirchliche hervorgewachsen, und sie hat das Schlagwort »Los von Rom!« geschaffen, und ähnliche Verhältnisse, wie die in der vorliegenden Geschichte geschilderten, haben Tausenden die Augen geöffnet. Darum dürfte das Buch neuerdings wieder besonders zeitgemäß erscheinen, und ich gebe mich, zumal eine ununterbrochene Nachfrage nach dem seit Jahresfrist vergriffenen Werke stattfand, der angenehmen Erwartung hin, daß es auch in seiner neuen Ausstattung und im Schmucke seiner Bilder eine freundliche Aufnahme finden werde.

Dr. Anton Ohorn.

Erstes Kapitel.

Feierlicher Glockenklang zog weit hinein ins Land. Blauer Himmel lag über der Erde; auf den Feldern wiegten sich schwer die goldgelben Aehren, reif für den Sensenschnitt, und auf den Straßen und den grünen Wiesensteigen kamen von allen Seiten Leute im Sonntagsstaat heran nach der kleinen, freundlichen Stadt, die im Thale lag.

Sie hatte ein altertümlich-trauliches Gesicht. Der Rest einer alten, verwitterten Mauer drängte sich da und dort aus grünen Gartengehegen hervor, ein dicker, schwerfälliger Kirchturm sah hoch hinaus über die an einandergedrückten roten und grauen Dächer und über den bescheidenen Genossen, der das kleine Kloster der Bettelmönche am letzten Ende des Städtchens überragte.

Und die Glocke läutete noch immer mit langsamen, aber vollen und weichen Schlägen, als ob sie gute Botschaft zu sagen hätte.

Auf der hochgelegenen Straße, von der man in die sonnige Landschaft und auf die wandernden Menschen ringsum schauen konnte, saß bei einem Kapellchen auf einer Steinbank ein fahrender Gesell. Der erhob sich, als jetzt eine kleine Schar von Landleuten herankam, lüftete zum Gruße seine Kappe, rückte sich das Ränzel zurecht auf dem Rücken und fragte:

»Mit Verlaub, da unten wird wohl heute ein besonderes Fest gefeiert?«

Der weißhaarige Bauer, welcher mit seinem Weibe dem Zug voranging, stützte sich einen Augenblick auf seinen Weißdornstecken, sah sich den Burschen an, und weil er ihm zu gefallen schien, sagte er im Weiterschreiten -- denn er setzte voraus, daß der andere sich ihm anschließen wolle:

»Des seligen Sportelschreibers _Frohwalt_ Sohn hat heute seine Primiz, sein erstes heiliges Meßopfer. Ein solch' Fest ist seit langen Jahren nicht mehr hier gewesen und darum kommt, wer nur immer kann, herbei, um demselben beizuwohnen. Bei uns heißt's, man soll, wenn's notthut, ein paar neue Schuhe auf dem Wege zerreißen, um den Segen eines neugeweihten Priesters zu erhalten, der eine besondere Kraft hat. Und diesmal ist's noch etwas anderes. Wir haben den alten, braven Sportelschreiber gekannt, und von Kindesbeinen an auch seinen Sohn, den Peter, und da wollen wir erst recht nicht fehlen am Ehrentag. Der Vater hätt' es noch erleben müssen, denn es ist ein großer Stolz für ein schlichtes Haus, wenn ein geistlicher Herr daraus hervorwächst und besonders einer wie der hochwürdige Herr Pater Peter, der gar so gescheit und fromm sein soll. Na, der Mutter und der Schwester ist auch die Freude zu gönnen, sind brave Leute, die sich recht und schlecht durchbringen und denen niemand etwas nachreden kann.«

Der Alte ging mit weitausgreifenden Schritten dahin, und sein Weib trippelte hastig nebenher, hinterdrein aber kamen Kinder und Enkel, Knecht und Magd. Die Glocke hatte jetzt ausgeklungen, und der Bauer sprach halb zurückgewendet:

»So, nun ist das erste Läuten vorüber, und in der Kirche wird's kaum noch Platz geben -- das kommt davon, daß bei euch jungem Volk kein Fertigwerden ist.« Dann redete er wieder leutselig mit dem wandernden Gesellen und frug nach seinem Handwerk und seiner Heimat, und so kamen sie ans Städtchen.

Durch einen altertümlichen Thorbogen führte der Weg hinein in die Gasse, und gleich zu ihrem Anfang stand zur Rechten ein kleines Haus, einstöckig, mit vier spiegelblanken Fenstern in der Front, dessen Thür umwunden war mit grünem Kranzwerke.

»Das ist des Sportelschreibers Haus!« sagte der Bauer, und der Geselle hätte sich's wohl denken können, denn Kinder und neugierige Frauen standen in der Nähe, den Ausdruck frommer, scheuer Spannung in den Gesichtern. Er sah einen plätschernden Brunnen unter einer Statue des heil. Johann von Nepomuk, dabei war eine Linde und eine Bank ringsum dieselbe; da sprach er:

»Hier bleibe ich und will warten, bis der Zug nach der Kirche geht. Gott befohlen!«

Und im Lindenschatten ließ er sich nieder neben einem Kindermädchen, das einen kleinen Knaben auf dem Arme schaukelte, stützte das Kinn auf den Griff seines Wanderstockes und wartete.

Im Erdgeschoß des kleinen Hauses aber war alles so blitzblank. Der Flur war gescheuert und mit weißem Sande bestreut, und in der großen Stube war kein Stäubchen zu sehen. Vor den Fenstern hingen weiße Vorhänge, und auf den Brettern standen blühende Blumen, die altertümlichen Möbel waren aufpoliert und an der Wand, der Thüre gegenüber, war ein einfacher Altar errichtet worden. Auf der blütenweißen Tischdecke befand sich ein Kruzifix, daneben zwei Leuchter mit brennenden Lichtern und in zwei kleinen Vasen duftende weiße und rote Rosen.

Vor dem Altar aber stand der junge Priester, _Peter Frohwalt_, eine jugendlich schöne Erscheinung, hochgewachsen und schlank, mit einem frischen, von froher Erregung geröteten Antlitz, aus welchem zwei große, schöne, blaue Augen schauten. Das blonde Haar war kurzgeschoren und weiß schimmerte daraus die Tonsur hervor. Er trug das dunkle, wallende Priestergewand, und um den Hals den ringsum geschlossenen Kragen mit dem weißen Bändchen darum, das Collare. Zur Seite des Altars standen seine Mutter und seine Schwester. Erstere war eine Frau mit festen aber gutmütigen Zügen, in denen heute eine mühsam verhaltene Rührung lag, angethan mit einem dunkeln, verschossenen Seidenkleide, das wohl schon manchen Ehrentag des Hauses gesehen hatte; die Schwester war ein hübsches, hochgewachsenes Mädchen, dem Bruder ähnlich, und unter dem schlichten Hütchen, welches sie trug, drängten sich ein paar prächtige blonde Zöpfe hervor. Sie mochte vielleicht ein Jahr jünger sein als der neugeweihte Priester.

Dem Altar und den letzteren gegenüber standen um den alten Pfarrer des Ortes gereiht ältere und jüngere Geistliche, darunter die Mönche des in der Stadt befindlichen Kapuzinerklosters. Der Pfarrer, ein weißhaariger Herr mit milden, freundlichen Zügen trug den goldschimmernden Vespermantel, die andern zumeist weiße Chorhemden und darüber die Stola.

Der Pfarrer hatte seine Ansprache geendet, in welcher er den jungen Priester beglückwünscht und begrüßt hatte. Seine Worte waren ruhig und herzenswarm gewesen, und da er des verstorbenen Vaters des Primizianten gedachte, weinten Mutter und Tochter in Wehmut still für sich hin. Nun nahm der Jüngling vor dem Altare das Wort:

»~Laetatus sum in his, quae dicta sunt mihi: In domum Domine ibimus~ -- ja, erfreut bin ich darüber, daß man mir sagt: Wir wollen hingehen in das Haus des Herrn!«

Mit diesem Ausspruch des Psalmisten hob er an, und seine anfangs bewegte Stimme wurde ruhiger und sicherer und gewann einen weichen, wohlthuenden Klang. Vom Elternhaus ins Gotteshaus -- welch ein schöner Weg! Von der Stätte, von welcher er Liebe empfangen, zu jener, von welcher aus er sie spenden wollte. -- Das war der Grundgedanke, den er kurz und weihevoll ausführte, und dann schloß er:

»Mit reinem Herzen und mit reinen Händen will ich hintreten an den Altar des Herrn. Wer je mich gekränkt hat in meinem Leben, dem sei verziehen vom Grund der Seele, und wem ich wissentlich oder unwissentlich weh gethan, der möge mir verzeihen um dieser Stunde willen, in der Gott mich würdigt, der Wunder größtes zu vollbringen und Brot und Wein in seines ewigen Sohnes Fleisch und Blut zu verwandeln. Und wie ich meines toten Vaters gedenken werde bei meinem ersten heiligen Opfer, so will ich auch für euch beten, Mutter und Schwester. -- Der Herr hat heute Großes gethan an uns allen, gepriesen sei sein Name -- Amen!«

Hochaufgerichtet trat der junge Mann zu der beinahe fassungslosen alten Frau, die sich in seine umschließenden Arme schmiegte und nach der geweihten Hand des Sohnes faßte, um sie zu küssen, was dieser jedoch abwehrte, dann umarmte er die blühende, errötende Schwester -- durch die kleinen Fenster aber flutete wärmer der Sonnenglanz herein und glänzte auf den priesterlichen Gewändern, auf den Rosen um das Kruzifix und auf dem blonden Scheitel des jungen Priesters.

Nun ordnete sich der Zug. Der alte Pfarrer und der Vorsteher des Kapuzinerklosters nahmen den Neugeweihten in die Mitte, die andern schlossen sich paarweise an, und den Priestern folgte Mutter und Schwester, sowie eine Anzahl Freunde der Familie. Im Flur des Hauses aber traten vor den Zug vier kleine, weißgekleidete Mädchen, die aus Körbchen, welche sie am Arme trugen, Blumen und Rosenblätter auf den Weg streuten.

Jetzt hoben die Glocken aufs neue an zu tönen -- auch jene von dem Klösterchen klangen darein -- und langsam ging es im hellen Sonnenglanz durch die Gassen nach der Kirche.

Das Gotteshaus war umschlossen von dem Friedhofe, und ehe noch das Kirchenportal den Zug aufnahm, hatte der junge Priester dem Pfarrer einige Worte zugeflüstert und dieser den kleinen Mädchen eine Weisung erteilt. Sie bogen seitwärts ab nach dem Eingang zum Gottesacker, und zwischen den Kreuzen und Steinmälern ging der Zug zur Verwunderung der Neugierigen hin, bis er anhielt, wo hart am Wege auf einem schlichten Denkmal geschrieben stand:

Hier ruht in Gott der Sportelschreiber

_Franz Frohwalt_.

An den grauen Stein gelehnt stand hier ein Mann mit scharfgeprägten, verwitterten Zügen, der mit hellen Augen nach den Nahenden hinschaute und als sie ganz nahe waren, seinen alten Filzhut abnahm, so daß die grauen Haarsträhnen sich leicht im Winde bewegten. Sein Gewand war einfach wie das eines schlichten Handwerkers, und in der Hand hatte er einen kräftigen Naturstock.

»Das freut mich, daß Du zuerst Deinem toten Vater Deinen Gruß bringst und seinen Segen holst, Peter, und das hab' ich auch nicht anders erwartet,« sagte er mit klarer, wohltönender Stimme und reichte dem jungen Priester die Hand, welche dieser ergriff.

»_Vetter Martin!_ Das ist lieb, daß Du da bist!«

»Bin gestern abend just wegen Dir heimgekehrt, aber das wollen wir jetzt nicht erörtern. Bete jetzt hier dein Vaterunser, und dann geh' in Gottes Namen in die Kirche und werde ein Priester nach seinem Herzen!«

Der seltsame Mann trat zurück unter die Leute, die sich hier angesammelt, Peter aber neigte sich über den grauen Stein, der seines Vaters sterbliche Reste deckte ... und man hörte einige Augenblicke nur das klangvolle Tönen der Glocken und verhaltenes Schluchzen ergriffener Frauen. Dann erhob sich der junge Priester, bedeckte sein Haupt, das er entblößt hatte, mit dem Barett und sprach wieder ruhig:

»~In domum Domini ibimus!~«

Dann lenkte der Zug in das von Menschen dichtgefüllte Gotteshaus ein, und mit dem Glockenklang mischte sich der lärmende Schall von Trompeten und Pauken, aus deren Gewirr sich endlich in klarer Majestät die Orgel herausarbeitete, deren Töne auch hinausdrangen in den stillen Friedhof, wo Vetter Martin noch lange an dem Grabe Franz Frohwalts stand. Die Kirche selbst betrat er nicht.

Drinnen hatte der Gottesdienst seinen Anfang genommen. Der Guardian der Kapuziner hielt die Festpredigt, während welcher der Primiziant zur Seite des Hauptaltars auf einem Faldistorium, einem rotgepolsterten Lehnstuhle, saß, umgeben von den andern Priestern, und dann folgte die feierliche Messe, in welcher der junge Priester, gleichfalls unter zahlreicher Assistenz, zum ersten Male von seiner Würde Gebrauch machte.

Als er die Hostie in den Händen hielt, und das Wort sprach, durch welches nach seinem Glauben das Wunder der Verwandlung sich vollzog: »~Hoc est corpus meum~ -- das ist mein Leib,« als er das Knie beugte vor der Gottheit und sich in tiefem, andachtsvollem Schweigen die Häupter aller Anwesenden neigten, rann ihm ein Schauer durch den Leib, und er ward erst ruhiger, als nach der Wandlung die Orgel mit weichen Tönen wieder einsetzte und zarte, süße Frauenstimmen vom Chor herab das »~Benedictus~« anstimmten.

Nach dem Hochamte drängte das Volk heran an das Gitter, welches den Hochaltar gegen den andern Raum absperrte, und die Vordersten knieten nieder. Es war die Stunde gekommen, da der Neugeweihte seinen ersten priesterlichen Segen erteilte. Die Ersten, welche ihn empfingen, waren seine Mutter und seine Schwester. Er legte ihnen die weißen Hände auf die Häupter und machte mit stillem Gebete über sie das Zeichen des Kreuzes -- desgleichen allen, die sich herandrängten.

Eine schwüle Luft erfüllte das Gotteshaus, der Schweiß rann dem jungen Priester über das Gesicht, und er trocknete sich immer wieder mit seinem Taschentuche ab, aber unermüdlich und mit freudigem Herzen übte er seine Pflicht, bis niemand mehr da war, welcher seines Segens begehrte. Es war leer geworden in der Kirche, nur seine Mutter und Schwester saßen noch in der vordersten Bank, die Seele erfüllt von Stolz und Glück, und warteten auf ihn. Er legte in der Sakristei die Meßgewänder ab, dann trat er in seinem schwarzen Talar hervor, beugte vor dem Hochaltar unter der ewigen Lampe das Knie, und nun gingen die drei Menschen, der junge Priester in der Mitte, hinaus.

Es war um die Mittagsstunde geworden, die Gasse lag still und einsam, und langsam schritten sie hin und schweigend. Aus den Fenstern lugte da und dort ein Gesicht und nickte ehrfürchtig-vertraulich heraus. Peter Frohwalt war es seltsam zumute; ihm war, als wäre er eben erst ein anderer geworden. Er mußte daran denken, wie er als Knabe in diesen Gassen gespielt hatte, wild und lustig, wie er in manchem dieser kleinen Giebelhäuser bis unter das Dach hinaufgeklettert war mit fröhlichen Genossen und manchen dummen Streich verübt hatte, von dem die Leute doch wissen mußten, die heute demütig vor ihm auf den Knieen gelegen, um seinen Segen gebeten und ihm die Hand geküßt hatten. Seine Mutter aber sah ihn immer wieder von der Seite her an mit glücklichen Augen, und bei aller Ehrfurcht vor dem geweihten Sohne hätte sie ihn am liebsten wie in Kindertagen bei der Hand genommen und hätte ihn so durch die stille, sonnige Gasse geführt.

So kamen sie zu dem kleinen Hause beim Thore. Die Guirlande um die Thüre war welk geworden, wie die Blumen auf der Schwelle, aber die Fenster blinkten freundlich, und hinter der einen Scheibe sah das scharfgeschnittene Gesicht des »Vetter Martin« durch.

Als die drei in die Stube traten, kam er ihnen entgegen und reichte dem jungen Priester die Hand.

»Na, Gottes Segen zum heutigen Tage, Peter, und da habe ich Dir auch ein kleines Erinnerungszeichen gebracht!«

Er reichte dem Neugeweihten ein metallenes Kruzifix, nicht groß, aber augenscheinlich altertümlich und wertvoll.

»Ich hab's in Brüssel aufgetrieben -- 's ist eine gute flandrische Bildnerarbeit aus dem 16. Jahrhundert, und ich denke, es paßt für Dich und macht Dir Freude.«

Peter Frohwalt besah zugleich mit der Mutter und Schwester das kleine Meisterwerk, stellte es dann auf den als Altar benützten Tisch zwischen die Rosen, und dankte dem Alten in herzlichen Worten. Der hatte sich in einem Lehnstuhl am Fenster niedergelassen und wehrte ab:

»Laß gut sein -- ist nicht der Rede wert -- weist ja, wie ich's mit Dir meine, auch wenn ich heute nicht bei Deiner Primiz war. Morgen, wenn Du zum erstenmal eine stille Messe lesen wirst, komme ich, aber heute, unter den vielen neugierigen Menschen ohne Andacht, die in die Kirche gehen wie in eine Komödie, hätte ich mich nur geärgert. Auch daß ich mir Deinen Segen nicht habe geben lassen, nimm mir nicht übel. Ich hab' Dich auf meinen Armen getragen und auf meinen Knieen reiten lassen und habe Dir manchen Klaps in aller Liebe und Freundschaft gegeben, wenn Deine Pfoten unnötigerweise mit allem Teufelsdreck besudelt waren, und ich kann mir nicht einreden, daß Deine Hände durch das bischen Salböl was Besonderes geworden sind ... aber freuen thut's mich doch, daß ich just zu Deinem Ehrentag wieder im alten Neste eingetroffen bin.«

Die Mutter sah ein wenig verstimmt drein bei den Worten des wunderlichen Alten, der, das Kinn auf seinen derben Stock gestützt, hinaus in die Sonne blinzelte, Peter Frohwalt aber hatte einen Sitz zu ihm herangezogen und fragte:

»Wo bist Du denn diesmal gewesen?«

»In Belgien und in Holland -- sehr interessante Länder, mein Sohn, mit wunderlichen alten Städten, prächtigen Kunstsammlungen und einem fleißigen, verständigen Völkchen.«

»Und Du bist wieder zu Fuße dort gewesen?«

»Na ob -- hier ist die ganze Reisegelegenheit!« -- er deutete auf den kräftigen, knorrigen Stock -- »das ist nun das achtzehnte Exemplar meiner Sammlung und heißt der Holländer -- 's ist dabei ein ehrliches deutsches Eichengewächs. Ich habe manches Hübsche mitgebracht; wenn nur die alten Sächelchen nicht so teuer wären, oder meine Einkünfte weiter langten. Aber komm und sieh Dir's selber an. -- Manches macht Ihnen vielleicht auch Spaß, Frau Gevatterin« -- fügte er, zur Mutter gewendet, bei, die ihre Augen gar nicht von dem geistlichen Sohne abzuwenden vermochte und jetzt mit einer freundlichen Antwort einen Blick nach der Uhr warf.

»Ach so« -- sagte der Alte, indem er sich erhob -- »es wird wohl Essenszeit; wie wird denn das heute mit Euch?«

»Der hochwürdige Herr Pfarrer hat sich's nicht nehmen lassen, heute die Tafel auszurichten und uns einzuladen,« sagte die Frau mit unverkennbarem Stolze, und Peter Frohwalt fügte bei:

»Du kommst mit, Vetter Martin, der Pfarrer wird sich über den Gast freuen -- --«

»Hm,« brummte der Alte, indem er den Kopf hin- und herwiegte und das linke Auge zukniff, »weißt Du, heute vielleicht nicht! Der Pfarrer ist gut und mit dem Kapuzinerguardian ist auch auszukommen, die nehmen mir's nicht übel, wenn mir einmal der Schnabel in die Quere steht, aber die andern, die heute da sind ... na, es könnte einen Mißton geben, wenn meine Glocke nicht immer mit den andern zusammenklingt, und den möcht' ich heute am wenigsten ins Pfarrhaus tragen. Darum Gott befohlen!«

»Ich gehe ein Stückchen mit Dir, Pathe Martin,« sagte jetzt Marie -- »wir haben noch Zeit bis zur Tafel, und ich will noch einmal nach meiner armen Freundin _Grethe Freidank_ sehen.«

»Ach, das ist das Weib des Uhrmachers; was ist's mit der?«

»Sie liegt seit vierzehn Tagen schwer am Nervenfieber und gestern abend ist's gar nicht gut gegangen.«

»Das thut mir leid ... Die Leute können doch kaum drei Jahre verheiratet sein, das kommt noch so mitten ins junge Glück hinein, und Freidank ist ein braver Mensch. Sie haben wohl auch ein Kind?«

»Ja, ein herziges Mädel von zwei Jahren,« sagte Marie mit leuchtenden Augen.

»Na, da komm!«

Der Alte faßte seinen »Holländer« fester, gab dem Priester und der Mutter die Hand und ging. Er trat mit dem schönen, frischen Mädchen hinaus in den Sonnenschein.

»Wie ist mir's denn, ist das Weib Freidanks nicht eine Evangelische?« fragte er.

»Ja, er hat sie auf der Wanderschaft kennen gelernt und heimgeführt, wie er hier das Geschäft von seinem Vater übernahm. Es hat damals viel Gerede drüber gegeben -- du warst gerade in Ungarn -- und die fremde, junge Frau ist mit Mißtrauen angesehen worden. Aber sie war so freundlich und so fleißig, daß jeder ihr gut sein mußte, und an mich hat sie sich gar sehr angeschlossen, so daß wir rechte Freundinnen geworden sind.«

»Das freut mich, Marie!« sagte Martin mit besonderer Wärme -- »und wenn du hinkommst, sag' auch von mir einen Gruß, und ich ließe gute Besserung wünschen. Ich komme wohl auch selber vor, denn ich habe eine Arbeit für Freidank! Adieu!«

Er gab dem Mädchen die Hand und bog nach der Seitengasse, an deren Ende in einem kleinen Garten sein Haus stand.

Nach einem Viertelstündchen kehrte Marie heim mit ernstem Gesicht.

»Es geht sehr schlecht!« sprach sie -- »das ist ein trüber Tropfen in meine heutige Freude.«

Peter Frohwalt sagte nichts. Er hatte seinen Cylinderhut ergriffen und die schwarzen Handschuhe und streifte dieselben an; die Mutter aber band ihre Haube sich fester, und dann gingen die drei nach dem Pfarrhause.