Part 9
Eberhard verkehrte in einem kleinen Kreise von Medizinern, die sich in zwangloser Weise des Abends am Biertisch trafen. Die Altersgenossen fühlten schnell heraus, daß der junge Reimers nicht auf den Kopf gefallen sei. Man sah ihn gern und schätzte ihn ziemlich hoch ein, auch was seine wissenschaftlichen Leistungen betraf.
Die einzige Autorität, die man in diesem Kreise gelten ließ, war die Wissenschaft. Alles übrige im öffentlichen Leben, in Gesellschaft und Staat, mußte sich beißende Kritik gefallen lassen. Vor allem aber bedachte man mit seiner Verachtung die Familie. Elterliche Autorität, Kindesliebe, Ehe wurden verspottet. Berechtigung erkannte man allein der freien Liebe zu. Das »inferiore weibliche Geschlecht« verwarf man gründlich. Wenn das Thema »Weiber« angeschlagen wurde, so geschah es, um dem Cynismus voll die Zügel schießen zu lassen.
Eberhard stand mit seiner Familie nur noch in loser Verbindung. Während der Universitätsferien blieb er in Berlin oder unternahm Reisen. Sein Verkehr mit dem Vater beschränkte sich darauf, daß dieser ihm den Wechsel regelmäßig durch ein Berliner Bankhaus zugehen ließ.
Von Jutta zwar erhielt er hin und wieder einen Brief, der ihn über das, was sich daheim ereignete, auf dem Laufenden erhielt; aber er selbst war selten in der Laune, der kleinen Schwester zu antworten. Was hätte er ihr auch schreiben sollen? -- Von den interessanten Fällen im anatomischen Institut, über die neuesten Entdeckungen der Bakteriologie, den augenblicklichen Stand der praktischen Gynäkologie etwa? -- Das wäre gerade etwas für ein junges Mädchen gewesen! Und von seinen Unterhaltungen mit den Kommilitonen mußte er erst recht schweigen.
So hoch auch Eberhard sein Fachstudium stellte, so sehr er sich auch mit ganzer Seele der medizinischen Wissenschaft verschrieben hatte, so empfand er doch die Einseitigkeit, die jede Disciplin bekommt, wenn man sich ihr ausschließlich widmet, manchmal ziemlich stark. Die Fachsimpelei im Kreise der Kollegen wurde ihm oft zu arg. Er fand zum Beispiel, daß es nicht durchaus notwendig sei, die Besprechung klinischer Fälle, oder neuester Krankheitserreger vom Hörsaale an die Mittagstafel zu verpflanzen. Er sehnte sich nach harmloserer Kost, anmutigeren Gesprächen, einer veränderten Atmosphäre überhaupt.
Von Anfang des Studiums an hatte er, wenn sich dazu Gelegenheit bot, Kollegien gehört, die nicht unbedingt in sein Fach schlugen. In diesem Semester las ein bekannter Professor der Nationalökonomie öffentlich über ein allgemein interessantes Thema. Zu seinen Hörern gehörte auch Eberhard Reimers.
In dem geräumigen Gartenauditorium hinter dem Universitätsgebäude versammelten sich zweimal in der Woche abends Hunderte von Hörern, Studenten aller Fakultäten, aber auch Offiziere und Privatleute saßen hier zu Füßen jener wissenschaftlichen Größe.
Neben Eberhard pflegte in diesem Kolleg ein junger Mensch zu sitzen, der eifrig nachschrieb. Diese offenen intelligenten Züge waren ihm übrigens schon anderwärts aufgefallen; wenn er sich recht entsann, in der akademischen Lesehalle, deren gelegentlicher Besucher Eberhard Reimers war.
Durch Zufall wurden sie miteinander bekannt. Eberhard fiel es eines Tages, nachdem das übliche Getrampel vorüber war, mit dem der Professor begrüßt wurde, auf, daß sein Nachbar das Heft aus der Tasche zog und sich dann ziemlich ratlos umsah, als vermisse er etwas. Eberhard erkannte schnell, was fehle. Er schrieb selbst nicht nach, aber er führte jederzeit einen Tintenstift bei sich, den er hier seinem Nachbar zur Benutzung anbot. Das Anerbieten wurde mit sichtbarer Dankbarkeit aufgenommen.
Nach der Vorlesung beim Zurückgeben des Stiftes wurden dann die beiderseitigen Namen mit der herkömmlichen steifen Verbeugung gemurmelt. Der junge Mann hieß: Otto Weßleben.
Von dem Augenblick an grüßte man sich auf der Straße und sprach miteinander, wenn man sich in Universität, oder Lesehalle traf. Vertrauter wurden die Beziehungen aber erst, nachdem man sich über ein Buch, das damals Aufsehen erregte und das beide verschlungen hatten, ausgesprochen und dabei einer des anderen Weltanschauung erkundet hatte.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr Eberhard auch Einiges über Otto Weßlebens Herkunft. Er war Jurist, stammte aus hannöverscher Familie. Sein Vater war emeritierter Landgeistlicher, der seit einigen Jahren mit seiner Familie in Berlin lebte, weil er Kränklichkeits halber sich in der Nähe des Arztes aufhalten mußte.
Die Veranlagung der beiden jungen Männer war eine sehr verschiedene, ja in manchem geradezu entgegengesetzte. Otto Weßleben stellte den Typus dar des zurückhaltenden, zähen, ruhigen, verständigen, selbstbewußten Norddeutschen. Seine Weltanschauung war beeinflußt durch die Atmosphäre der evangelischen Landpfarre, in der er aufgewachsen. Doch war sein Horizont keineswegs beschränkt; er hatte sich auf den verschiedensten Wissensgebieten umgethan und sich mit früher Selbständigkeit des Denkens sein Urteil gebildet. Eberhard fand beim Disput in ihm einen gutbeschlagenen und im logischen Denken wohlgeübten Widerpart.
Dieser Mensch war für ihn eine ganz neue Spezies und interessierte ihn schon darum. Außerdem war ihm Otto Weßlebens ganze Art, seine gepflegte dabei durchaus nicht stutzerhafte Erscheinung, seine gewählte Aussprache, seine gemessenen, beinahe würdevollen Manieren sympathisch.
Auch der junge Weßleben schien beim Umgange mit Eberhard Reimers auf seine Rechnung zu kommen. Ja, trotz seiner angeborenen Zurückhaltung ließ er den anderen merken, daß für ihn damit ein langgehegtes Bedürfnis nach geistiger Anregung endlich Befriedigung finde. Gleich Eberhard haßte er die Vereinsmeierei und Fachsimpelei, suchte Erweiterung des Horizonts und Nahrung für den Geist. Und die glaubte er in der Reibung mit fremder Anschauung eher zu finden, als beim Zusammenhocken unter dem Panier stumpfsinnigen Cliquentums.
Sie waren schon eine geraume Zeit miteinander bekannt, ehe Otto Weßleben seinen Freund aufforderte, in seiner Familie zu verkehren. Er bat ihn ohne weitere Umstände, am nächsten Sonntage im Hause seines Vaters das Mittagbrot einzunehmen.
Es war dies die erste Tischeinladung, die Eberhard Reimers erhielt, seit er in Berlin sich aufhielt. Bis dahin hatte er tagein tagaus seine Mahlzeiten im Gasthause eingenommen, selbst an den hohen Festen, den kirchlichen wie den weltlichen. Sein Junggesellendasein war ihm völlig zur Gewohnheit geworden. Der Gedanke an ein Mittagessen in Familie kam ihm beinahe lächerlich vor. Aber er war schließlich doch begierig, die nächsten Anverwandten seines Freundes kennen zu lernen.
Am Sonntage fuhr er nach einer ihm völlig unbekannten Gegend Berlins. Die Weßlebens wohnten »am Johannistisch«, in einer Umgebung, die durch Kirche, Vereinshaus, Gottesacker und andere Institute der Kirchlichkeit und Wohlthätigkeit, inmitten des weltlichen Berlins, wie eine stille vom Geiste des Pietismus durchtränkte Oase wirkte. Etwas von dieser Stimmung atmete auch das Weßlebensche Haus.
Die Familie bestand aus dem Elternpaare, drei Söhnen und einer Tochter.
Der Vater war schwer leidend; aber nur der Eingeweihte merkte ihm sein Siechtum an. Die Statur war über Mittelgröße. Das bartlose schmale Gesicht umrahmte ein Kranz von weißen Locken. Die Kleidung verleugnete den Geistlichen nicht. In seinem Wesen sprach sich etwas Abgeklärtes aus, wie es Menschen eigen ist, die gewarnt sind, und in dem Bewußtsein leben, jeden Augenblick abgerufen werden zu können. Solche betrachten dann jeden neuen Tag als ein besonderes Geschenk. Sie sehen das Leben von der Warte erhöhten Bewußtseins. Ihr ganzes Dasein bekommt ein edles Pathos, schimmert gleichsam im Golde der Traube, die zum Schnitte reif ist.
Die Gattin war ein ausgesprochenes Beispiel für jene eigenartige Erscheinung, daß Mann und Frau in langjähriger Ehe einander äußerlich ähnlich werden, nicht bloß in Manieren, Sprechweise, Angewohnheiten, sondern auch im Ausdruck der Züge, im ganzen Wesen und Verhalten überhaupt.
Die drei Söhne stellten ein blondes, stattliches Geschlecht dar, stark von Knochenbau, mit langem schmalem Schädel; echte Niedersachsen. Otto war von den Söhnen der jüngste; nach ihm kam nur noch als Nesthäkchen die siebzehnjährige Agathe. Der Älteste war Missionar, bis vor kurzem in Südamerika gewesen, jetzt auf Urlaub in Deutschland, um seine von Klima und Strapazen arg mitgenommenen Nerven wiederherzustellen; dann kam ein Diakonus, und schließlich als einziger Nichttheologe Eberhards Freund.
Agathe war ein Wesen für sich. Als einziges Mädchen und als Jüngste mochte sie von jeher eine Ausnahmestellung genossen haben, daher ward vielleicht ihre größere Lebendigkeit, ihr beweglicheres Wesen erklärlich. Auch in der Erscheinung stellte sie einen anderen Typus dar; obgleich auch sie nicht gänzlich aus der Familienähnlichkeit fiel. Sie war nicht groß, von zierlicher Gestalt, blond wie alle Weßlebens, mit hellen Augen. In diesen Augen saß bei ihr noch ein ganz besonderer Schelm. Das Gesichtchen hatte bei aller Unberührtheit und Frische etwas ungemein Fertiges.
Eberhard Reimers erkannte sofort, daß er in eine nicht ganz alltägliche Gesellschaft geraten sei. Das Meiste hier mutete ihn fremdartig an; die Lutheranerröcke der drei Geistlichen, das Tischgebet, die asketische Lebensweise, welche in der Nüchternheit der Einrichtung, der Einfachheit der Speisen zum Ausdruck kam; der weihevoll gemessene, zurückhaltende Ton der Unterhaltung. Dergleichen war er vom Vaterhause her nicht gewöhnt. Aber er unterdrückte die Opposition, welche für einen Augenblick gegen diese ganze, seinem Wesen so garnicht kongeniale Welt in ihm aufsteigen wollte, aus einem Gefühle der Achtung, die ihm die Einheitlichkeit und Geschlossenheit dieser Welt immerhin abrang.
Die Unterhaltung bei Tisch betraf Themata, die Eberhard für gewöhnlich mit völliger Gleichgiltigkeit, wenn nicht mit Verachtung behandelte. Von der Predigt, die man am Morgen gehört, war die Rede, von der inneren Mission, den Bestrebungen des roten und des blauen Kreuzes, den Jünglingsvereinen, den christlichen Herbergen, den Krippen. Alles Begriffe, von denen der junge Mediciner, wenn er ihnen mal in der Zeitung begegnete, wie von Kuriositäten Notiz genommen hatte, die aber hier ganz ernst behandelt wurden. Sie schienen das oberste Interesse auszumachen für diesen Familienkreis.
Er hätte stumm dasitzen müssen, wenn nicht das Gespräch durch den Missionar auf Südamerika gekommen wäre. Das war für Eberhard etwas von Jugend auf Vertrautes. Es stellte sich heraus, daß der Missionar über die Bedeutung des überseeischen Handels von Reimers und Knorrig unterrichtet war. Man tauschte seine Ansichten aus über die gegenwärtige politische Lage der südamerikanischen Staaten, ihre wirtschaftliche Zukunft, ihre Bedeutung für die Kultur. Der Missionar berichtete Interessantes über die Eingeborenen und Eingewanderten. Eberhard ergänzte das aus dem, was er darüber wußte. Kurz, es kam zu einem Hin-und-Her von Gedanken und Ansichten.
Schwieriger fand es Eberhard, mit den Frauen in Fühlung zu kommen. Er war neben die Dame des Hauses gesetzt worden; ihm schräg gegenüber saß Agathe, deren Augen er häufig auf sich gerichtet fühlte.
Mit Frau Weßleben konnte er noch zur Not eine Art von Unterhaltung aufrecht erhalten, das junge Mädchen jedoch blieb eine unberechenbare Größe für ihn. Daß sie hübsch sei, war eben nicht schwer zu erkennen; aber was steckte hinter dieser glatten Stirn, was sagte, oder vielmehr was verbarg dieses feingeschnittene Lippenpaar? --
Eberhard ärgerte sich über sich selbst, daß er nicht wenigstens im Laufe des Nachmittags soviel Gewandtheit fand, das junge Mädchen anzureden. Woher diese Unbeholfenheit? Er war doch sonst nicht so schüchtern! --
Von da ab besuchte Eberhard das Weßlebensche Haus öfters.
Er redete sich ein, daß er es Ottos wegen thue. Als ihm dieser Vorwand selbst nicht mehr ganz stichhaltig erschien, fand er mit einemmale heraus, daß es gut für die Erweiterung seiner Welt- und Menschenkenntnis sei, wenn er mit Leuten Umgang pflege, die von ihm und seinen bisherigen Kreisen so außerordentlich verschieden waren, wie diese hier.
Imponieren würde er sich nicht lassen von den Weßlebens, das hatte er sich fest vorgenommen. Beobachten wollte er nur, sehen, was eigentlich hinter ihrem selbstsicheren, weihevollen Wesen stecke. Vielleicht spielte man ihm nur Komödie vor. Vielleicht war das, was ihn auf den ersten Blick so entzückt, ihm einen so einheitlichen Eindruck gemacht hatte, etwas ganz anderes: geistiger Hochmut, Frömmelei, Heuchelschein.
Er kämpfte gegen die Eroberung durch fremden Einfluß; er wehrte sich gegen das Zurückfallen in Gefühle und Anschauungen, die er wie eine Art Kinderkrankheit längst über Bord geworfen zu haben glaubte.
Etwas bereitete sich in ihm vor, eine Wandlung, die ihm selbst unheimlich vorkam. Der Kreis von Kommilitonen, in dem er verkehrte, der Ton, der da herrschte, die ganze Atmosphäre, in der er sich bisher so wohl gefühlt, fing an, ihm nicht mehr zu behagen. Er zog sich zurück. Vor allem aber machte er einen Strich unter jene ebenso leicht angeknüpften, wie schnell gelösten Verhältnisse mit Mädchen der Halbwelt, die er bis dahin als selbstverständliche Zugabe des Berliner Lebens betrachtet hatte.
Der Grund, warum der junge Mann urplötzlich seine sämtlichen Gewohnheiten über den Haufen stieß, war jener uralte, der von jeher die tiefsten Wandlungen der Menschennatur verschuldet hat.
* * * * *
Agathe hatte die einfachste Geschichte, die ein Mädchen nur haben kann. Sie war auf dem Lande geboren, in der nüchternen Stille eines märkischen Pfarrhauses aufgewachsen. Den Unterricht genoß sie beim Dorfschulmeister, in einigen Fächern unterrichtete sie der Vater selbst. Französisch erlernte sie mit den Töchtern des Gutsherrn, die eine Schweizer Bonne hatten.
Die nächste Eisenbahnstation lag mehrere Meilen weit von Pudelsee entfernt. Abwechselung brachte in das stille Leben nur der Wechsel der Jahreszeiten. Eine Einladung in das Herrenhaus bedeutete jedesmal ein Ereignis. Dort hielten sich auch manchmal auswärtige Gäste auf; sonst hätte man in Pudelsee kaum erfahren, daß es außer Tagelöhnern und Kathenleuten auch noch andere Menschen giebt auf der Welt.
Nur die Brüder, wenn sie auf Ferien nach Haus kamen, brachten Leben in die verträumte Abgeschiedenheit dieses Erdenwinkels. Da wurde vom Gymnasium und von der Universität erzählt. Namen berühmter Theologen waren Agathe geläufig. Über Lehrmeinungen, wissenschaftliche Theorieen, theologische Streitigkeiten, innerkirchliche Angelegenheiten, Evangelisationsbestrebungen, welche die Geister innerhalb der protestantischen Welt gerade beschäftigten, bekam auch sie manches zu hören. Durch die Mutter, die ebenfalls aus evangelischer Pastorenfamilie stammte, war man verwandt mit einigen angesehenen Geistlichen der Landeskirche; Beziehungen, auf die sich Frau Weßleben nicht wenig zu gute that.
Als sich der älteste Weßleben der Heidenmission widmete, da war auf einmal zwischen der im Winkel tief verborgenen Landpfarre von Pudelsee und der weiten Welt ein lebendiges Band hergestellt. Briefe mit ausländischen Marken kamen an und erzählten von fremden Völkern und ihren Sitten. In der Zeitung verfolgte man fortan mit Interesse alles Überseeische, und ein alter Schulatlas des Pfarrers, der allerdings von den Entdeckungen, welche in den letzten Jahrzehnten gemacht worden waren, noch nichts wußte, wurde häufig zu Rate gezogen.
Kurz nach Agathens Konfirmation, die der Vater noch selbst vollzogen hatte, wurde Pastor Weßleben von einem schweren Rückfall in sein altes Leiden heimgesucht. Als aufgegebenen Mann schaffte man ihn nach Berlin, wo er eine Operation auf Leben und Tod durchmachte. An Wiederaufnehmen des Berufes war nicht zu denken. Weßleben ließ sich emeritieren und blieb in Berlin. Hier war für einen Patienten wie ihn ärztliche Hilfe noch immer am ersten zur Hand.
Mit dem Umzuge nach der Hauptstadt war für Agathen das Leben auch nur um weniges abwechselungsreicher geworden. Die Pflege des alten Herrn beherrschte für die Frauen fast den ganzen Tag. Agathe fiel vor allem die Aufgabe zu, ihm vorzulesen. Die Lektüre beschränkte sich nicht auf Theologisches; Pastor Weßleben hielt sich gern über Geschichte, Philosophie und, in beschränktem Maße allerdings, auch über die Kunst, auf dem Laufenden. Manchmal durfte das Mädchen dem Vater zur Abwechselung etwas auf dem Harmonium spielen, oder ihm ein Lied singen; Künste, in denen er sie in seinen guten Tagen selbst unterrichtet hatte.
Zu irgend welchem Aufwande langten die Mittel nicht. Niemals noch war Agathe ins Theater gekommen. Was sie an Geselligkeit mitgemacht, bestand in Familienvereinigungen im christlichen Vereinshause und in Theeabenden zu Missionszwecken. Hie und da hatte sie mal ein geistliches Concert besuchen dürfen.
Sie lebte seit Jahren in dieser großen Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten und Vergnügungen, ihren Veranstaltungen zur Befriedigung jedes Wunsches, jedes Bedürfnisses, und nichts von alledem hatte das junge Ding genossen, kaum von fern den mächtigen Strom des Berliner Lebens brausen hören.
Man hätte meinen sollen, daß ein junges, unblasiertes Geschöpf, wie Agathe Weßleben, sich verzehrt haben müßte vor Sehnsucht nach Glanz, Zerstreuung, Lebensgenuß. Daß sie der Verbitterung anheimfallen würde, wenn ihr diese versagt blieben. Das Gegenteil war der Fall.
Agathe blieb, was sie im Pfarrhause zu Pudelsee gewesen, auch in Berlin: das frische, heitere, lebenslustige, verständige Mädchen. Nicht den geringsten Einfluß schien der Luftwechsel auf sie ausgeübt zu haben. Es lag nicht in der Weßlebenschen Art, sich schnell umstimmen zu lassen; auch in ihren weiblichen Mitgliedern legte diese Familie niedersächsische Zähigkeit an den Tag.
Dieses kleine Ding, ohne Erfahrungen, ohne Erlebnisse, setzte dem überwältigend großen Berlin ihre Verachtung entgegen. Sie wußte, daß sie und die Ihren anders geartet seien als hier die meisten Menschen, und darauf war sie stolz. Etwas von der ländlichen Ursprünglichkeit ihrer Herkunft hatte sie sich bewahrt; das hob sie ab von den abgeschliffenen, abgegriffenen und verschlissenen Charakteren der Stadt.
Ein Gang durch eine der Hauptverkehrsadern Berlins belehrte sie darüber, daß sie und ihre Mutter altmodische Menschen seien, deren Aufzug gelegentlich belächelt wurde. Ein anderes Mädchen würde sich nach Toiletten und Putz gesehnt haben, die man in den Schaufenstern oder an den Damen selbst ausgelegt sah; nicht so Agathe. Sie neidete jenen ihre Eleganz weder, noch schämte sie sich ihres Aschenbrödelgewandes.
Sie wußte, daß alle verfügbaren Mittel für den kranken Vater und für Ottos Studium aufgespart werden mußten. Zu neuen Kleidern für sie blieb da nichts übrig. Das war so selbstverständlich und klar; auf den Gedanken, darüber zu seufzen, kam sie garnicht.
Der Sinn für das Klare und Einfache war ihr angeboren. Sowie sich ihr Kopf mal überzeugt hatte, dann rebellierte das Gefühl nicht mehr. Laune, diese weiblichste Eigenschaft, schien im Wesen dieses Kindes keinen Platz zu haben, oder sie hatte sie durch jene Selbstzucht, welche am besten das Krankenzimmer eines Angehörigen lehrt, früh abgelegt. Aufgeräumt wie der Kopf, war das Gemüt heiter und der Mut jederzeit gefaßt.
Im Grunde genommen war diese Harmonie der Seelenkräfte auch das, was auf Eberhard Reimers an dem Mädchen den tiefsten Eindruck machte. Sie bedeutete ihm die verkörperte Gesundheit, erschien ihm, wie ein klarer, immer gleichmäßig strömender Quell, dessen Wellen wohl silberhell und durchsichtig sind wie Kristall, dessen urplötzliches Hervorbrechen aus dem dunklen Erdreich aber ein Wunder ist, das zu ergründen eine Aufgabe schien, wert, das Leben daranzusetzen.
Das Wesen des Mädchens war ihm in vieler Beziehung noch immer ein Rätsel. Die Bedingungen, unter denen sie aufgewachsen war, übersah er jetzt. Er kannte die Eltern, die Geschwister. Der Ton der Unterhaltung, die Sitten und Eigentümlichkeiten des Hauses, die ihn anfangs so ungewohnt berührt hatten, waren ihm jetzt, wo er bei diesen Leuten als Freund aus- und einging, nichts Fremdes mehr. Gewisse Charaktereigenschaften Agathens lagen so klar zu Tage, daß sie auch für Eberhard feststanden. Sie war eine gute Tochter zunächst. Für ihre Unschuld hätte er sich verbürgen können. Ihre Sinne waren sicherlich rein wie frischgefallener Schnee. Über eines aber freute er sich vor allem an ihr, daß sie echten gesunden Menschenverstand besaß. Sie beobachtete scharf; vormachen konnte man der so leicht nichts. Mit gelehrter Bildung war sie nicht überladen, aber dafür besaß sie ursprüngliche Urteilsgabe und Takt des Herzens. Auch der Sinn für das Komische, der Hang zu gelegentlichen spöttischen Bemerkungen standen ihr nicht schlecht, weil keine Bosheit dabei war. All diese Eigenschaften vereinigt ergaben ein liebliches Gesamtbild, dessen hervorstehende Züge Gesundheit, Frische und Natürlichkeit waren.
Und doch blieb etwas Fremdes für ihn in ihrem Wesen, etwas, das nicht zu ihr zu passen schien, eine gewisse Sprödigkeit, eine herbe Widerspenstigkeit. Das trat niemals zu Tage ihren Eltern gegenüber, aber schon die Brüder bekamen davon gelegentlich etwas zu verspüren. Otto beschwerte sich Eberhard gegenüber einmal ganz offenherzig über Agathens »unausstehlichen Bock.« Und Eberhard erging es nicht viel besser. War er ihr unangenehm? --
Er suchte jede Gelegenheit begierig auf, mit ihr ins Gespräch zu kommen, vertrauter mit ihr zu werden, wenn möglich, ihr Gefallen zu erregen. Manchmal schien es ja fast so, als wolle sie ihm entgegenkommen. Einmal hatte er Photographieen mitgebracht von den Seinen und seinem Vater, der verstorbenen Mutter, von Jutta und Bruno. Als er die Bilder im Weßlebenschen Kreise vorzeigte, da war Agathe voll Interesse, hörte gespannten Ohres ihm zu, fragte vor allem nach Jutta, an deren Bildern sie sich nicht satt sehen zu können schien.
Aber andere Male wieder war sie schroff und abweisend, behandelte ihn von oben herab, gab ihm schnippische Antworten.
Für Eberhard war das eine neue Erfahrung. Die Geschöpfe, deren Zärtlichkeit er genossen, hatten ihm den Weg zu sich nicht eben schwer gemacht. Er war an ein leichtes Siegen beim weiblichen Geschlechte gewöhnt. Und hier, wo er zum ersten Male ernsthaft liebte, erfuhr er solche Behandlung!
Eberhard Reimers trug nicht mehr sein Herz in der Hand wie ehemals. Erfahrungen hatten ihn vorsichtig gemacht. Ihm war ja schon einmal der Kopf weggerannt, verführt von den aufgeregten Sinnen, sehr zu seinem Schaden. Er wußte, daß Agathe Weßleben nicht verglichen werden dürfe mit einer Fanny; und doch verfolgte ihn auch jetzt noch, von jener trüben Erfahrung her, ein Mißtrauen gegen das ganze weibliche Geschlecht und jede einzelne seiner Vertreterinnen.
Er suchte nach Fehlern an Agathe. Sie war wohl herzlos? Das Gefühlsleben schwach entwickelt? Der Verstand herrschte bei ihr, der nüchterne Verstand. Zuviel Verständigkeit, zu wenig Gemüt! Die schönste Eigenschaft des Weibes, sich anzuschmiegen, sich hinzugeben, war ihr wohl versagt? Vielleicht war sie ein seelischer Zwitter? Die Wissenschaft, auf die er soviel hielt, kannte ja dergleichen!
So dachte er, wenn er durch Agathens spröde Zurückhaltung gekränkt war. Mit Spott und Selbstverhöhnung suchte er sich über seinen Zustand hinwegzuhelfen. War es denn nicht lächerlich geradezu, daß er sich schlechte Behandlung gefallen lassen mußte, er, Eberhard Reimers, von einem jungen unbedeutenden Dinge wie Agathe!
Aber er ging schließlich doch wieder zu den Weßlebens und sicherlich nicht, um der alten Leute willen, oder aus Freundschaft für Otto allein, mit dem er schließlich noch ungenierter hätte bei sich oder am Biertisch zusammenkommen können.