Liebe ist ewig

Part 22

Chapter 223,752 wordsPublic domain

Xaver war der Liebling seiner Mutter; kein Wunder, denn sein Bestes besaß er von ihr. Nie hatte diese schlichte, derbe Bauernfrau mit hoher Kunst etwas zu thun gehabt, aber doch waren durch sie hindurch Handwerkstüchtigkeit und Formensinn von ganzen Generationen wackerer Meister auf ihn vererbt worden. In ihm hatte sich diese wohlerhaltene, unverfälschte Kraft gesteigert zu etwas Höherem. Wie ein Samenkorn sich zu ungeahnter Größe und Pracht auswächst, weil es auf frischen, kernigen Boden gefallen ist, der ihm aus unbekannten Tiefen ursprüngliche Nährkräfte zuführt.

Die alte Frau war klug; nicht von der Klugheit, die aus Wissenschaft stammt oder Routine, sondern von jener biederen, hellen Aufgewecktheit, die eben so sehr aus dem Herzen, wie aus dem Kopfe stammt, die aus den Augen leuchtet und vom Munde sprudelt, an der alle Sinne gleichen Anteil haben.

Sie verstand ihren Jungen. Ihr war er weder durch die Jahre entfremdet worden, die er fern von der Heimat in den Städten zugebracht hatte, noch durch die fremdartigen Sitten, die er sich da angewöhnt, auch nicht durch sein Wollen, das neuen, weit außerhalb ihrer Welt gelegenen Zielen zustrebte. Sie war eben Frau, brauchte garnicht sehen, fühlen und begreifen, um zu glauben. Sie liebte ihn, und darum traute sie ihm alles Große und Gute zu. Ihr Herz war jung geblieben, trotz ihrer Sechzig; ihre Begeisterungsfähigkeit und Hoffnungsfreudigkeit kannte eine Grenze nicht.

Die Mutter hatte manches um Xavers willen erdulden müssen. Wiederholt bekam sie von dem Bauer zu hören, daß sie Schuld daran trage, wenn aus dem ältesten Buben ein Nichtsnutz werde. War sie es doch gewesen, die mit Hilfe des Herrn Pfarrers dem Alten die Einwilligung abgerungen hatte, Xaver nach der Stadt zu schicken, damit er dort auf der Akademie die Kunst erlerne. Übrigens würde der eigenwillige Mann schwerlich seine Einwilligung dazu gegeben haben, wenn ihm nicht von anderer Seite eingeflüstert worden wäre, daß man durch Künste, wie Xaver sie trieb, reich werden könne. Allein dieser Gesichtspunkt hatte bei dem Geizhals den Ausschlag gegeben. Geld sollte ihm der Bub verdienen; Geld brauchte er, denn sein Hof war von Alters her arg verschuldet.

Mit dem Geldverdienen hatte es freilich gute Weile. Verwünschungen gab's und Vorwürfe, wenn Xaver aus der Stadt kam und die erhofften Banknoten nicht mitbrachte. Was nützte ihm der Ruhm des Buben, von dem neuerdings sogar in den Zeitungen zu lesen stand; damit zahlte man keine Hypotheken ab. Xaver war für den Alten eine verfehlte Spekulation.

Was der Vater sagte, redete Hansl nach. Er setzte noch mancherlei hinzu, verleumdete den Bruder als einen, der in der Stadt in Freuden lebe, Geld verprasse, nichts schaffe, und wenn er gar abgebrannt sei, nach Haus komme, um sich am väterlichen Tische wieder heranzumästen.

Schwer genug war Xavers Stand von jeher gewesen in der Familie. Einzig die Mutter nahm seine Partei gegen die Mäkelei des Alten und die Mißgunst des Jungen.

Das änderte sich diesmal mit einem Schlage. Als die beiden Männer mal gerade wieder dabei waren, mit plumpen Bemerkungen gegen den »großen Künstler« zu sticheln, der mit seiner Kunst keinen Hund vom Ofen locke, zog Xaver, ohne ein Wort zu verlieren, seine Brieftasche heraus, entnahm ihr eine Hand voll blauer Scheine, legte sie vor den Vater auf den Tisch und bat: das als vorläufigen Ersatz anzunehmen für gehabte Auslagen; später hoffe er noch mehr zu bringen.

Damit war Xavers Stellung in der Familie mit einem Schlage wie umgewandelt. Dem Vater galt er nun wirklich als großer Mann; ja, der Alte empfand von diesem Augenblicke an eine gewisse Ehrfurcht vor seinem Ältesten. Hansl aber mußte wohl oder übel den Mund halten, wenn ihn auch der Neid gegen den Bruder bösartig kitzelte.

Niemand freute sich mehr über diese Wandlung, als die alte Mutter. Sie hatte ja nie daran gezweifelt, daß Xaver eines Tages auch daheim anerkannt werden würde. In ihrem mütterlichen Herzen lebten mancherlei geheime Wünsche und verschwiegene Hoffnungen für ihren Liebling. Vor allem wünschte sie ihm eine Frau und sich selbst Enkelkinder.

Früher, wenn sie ihm nach dieser Richtung hin Andeutungen machte, waren seine Antworten ausweichend gewesen. Der Grund, daß er keine Familie ernähren könne, war doch nun hinfällig geworden; er verdiente ja Geld.

Ob er sich die Liebste schon erwählt hatte? Mütter haben in dieser Beziehung feinen Instinkt. Die alte Frau hatte eine Ahnung, als müsse ihr Xaver irgendwie gebunden sein. Aber es war ihrer Neugier niemals geglückt, ihm irgend ein Geständnis zu entlocken.

Diesmal nun beschloß die Mutter Ernst zu machen. Xaver war über dreißig. Es schien hohe Zeit, daß er sich beweibe. Wenn er selbst keine Braut brachte, mußte man sich nach einer umsehen für ihn. Und sie hatte auch schon Brautschau gehalten unter den mannbaren Töchtern der Nachbarn und Freunde. Aber da war keine, die ihr gut genug gewesen wäre für ihren Xaver. Der mußte etwas ganz Besonderes haben, das fühlte sie wohl. Eine gewöhnliche Dirn, selbst die schmuckste konnte dem unmöglich genügen. Die alte Frau begriff vollständig, daß der Sohn auch in dieser Beziehung berechtigte Bedürfnisse höherer Art habe.

Dann mochte er sich nur in der Stadt umsehen; sicherlich mußte es doch dort Mädchen geben, die seinen Ansprüchen genügten. Daß eine jede, die er wollte, froh und geehrt sein werde, ihn zum Manne zu bekommen, daran zweifelte sie, als echte Mutter, keinen Augenblick.

Sie stellte den Sohn zur Rede. Xaver bat sie, ihn damit zu verschonen, brachte die alten Ausflüchte vor. Aber die Alte war nicht so leicht abzuschütteln diesmal. Alle Auswege verstellte sie ihm, für jede seiner Entschuldigungen hatte sie einen schlagenden Gegengrund.

Bis sich Xaver entschloß, offen mit der Mutter zu sprechen. Sie sollte alles wissen. Wer auf der Welt konnte ihn verstehen, wenn nicht die Mutter! Sie würde nicht richten, würde verzeihen und begreifen. Vielleicht auch würde sie ein Wort des Trostes für ihn finden.

Und so erzählte er ihr denn alles vom Anfang bis zum traurigen Ende. Die alte Frau hörte schweigend mit gefalteten Händen die Beichte des Sohnes an. Er sah Thränen in ihre Augen treten, Thränen des Mitleids und der Liebe für die Frau, die ihren Sohn so geliebt hatte. Kein Wort des Vorwurfs kam über die Lippen der Mutter, nicht einmal die Frage, warum sie das jetzt erst erfahre.

Xaver hatte die Mutter richtig geschätzt. Tiefes Verständnis fand er bei ihr für sein Herzeleid. Und Trost spendete sie ihm, wie ihn nur eine Mutter zu spenden vermag.

* * * * *

Wenn die mütterliche Hand, die lindernd über die seine strich, ihm auch unendlich wohl that, so blieb das immer nur menschliche Tröstung. Edleren Balsam, weil ewigen Ursprungs, reichte dem Verwundeten die eine große Mutter Natur. Zu ihr, die noch keinen Hilfesuchenden mit leeren Händen von sich gelassen hat, flüchtete sich Xaver.

Tagelang streifte er in den Bergen umher, die Ortschaften und menschlichen Anwesen umgehend, die Wege und Plätze meidend, wo er Eingeborenen oder Reisenden hätte begegnen können. Er kannte ja in der Umgebung des Vaterhauses meilenweit jeden Steg, jeden Berg, jedes Wasser, jede Aussicht. Mit allem und jedem verknüpften ihn Erinnerungen. An jenem Wiesenhange hatte er als Knabe das väterliche Vieh gehütet. Jener groteske Baumstumpf, einstmals eine stolze Tanne, war vor seinen Augen vom Blitze zerschmettert worden, als er vorwitzig das Obdach der Schutzhütte verlassen hatte, um ein Gewitter heraufziehen zu sehen. In jenem weißen Kirchlein da drunten mit dem spitzen, schindelgedeckten Turme stand seine Grablegung Christi, ein Votivbild, das er als Fünfzehnjähriger mit einem einfachen Messer aus Holz geschnitzt hatte.

Mit allem hier war er verwandt, und doch fühlte er sich ein Fremder auf diesem Boden. Ein anderer war er hierher zurückgekehrt, als der er gewesen, da er vor Jahren zum letzten Male in der Heimat geweilt. Von seiner Jugend, von allem, was er bisher erlebt und gesehen, schied ihn eines: sein Schmerz.

Mit veränderten Augen blickte er in die Welt. Die Dinge sprachen eine neue, noch nie vernommene Sprache. Tiefer, bedeutungsvoller, vielsagender war alles geworden.

Die vielen kleinen und kleinlichen Formen der Nähe, die ihn früher verwirrt hatten im Leben, in der Landschaft, wie am Menschen, störten ihn nicht mehr; alles bewegte sich jetzt in großen, freien, kühnen Linien. Ein Grundton ging durch die ganze Schöpfung: die Vergänglichkeit des Einzelnen und die Ewigkeit des Ganzen.

Eine gedämpfte Melodie hörte er jetzt, wo er ging und stand, einen Schatten erkannte sein Auge, selbst in dem heitersten, sonnigsten Bilde.

Vergänglich war alles; am vergänglichsten das Glück. Hinter dem Erhabensten, was uns das Leben schenkte, hinter der Liebe, stand einer mit der Knochenhand. Aber wir sehen erst, daß er die ganze Zeit über gelauert hat, wenn's zu spät ist zum Lieben und Beglücken.

Nicht zurückrufen wollte Xaver die Freundin aus der Gruft. Über dieses erste Stadium des Schmerzes war er hinaus. Ihr Leib war dem Tode verfallen und sollte es bleiben. Um ihre Auferstehung würde er nicht gebetet haben, selbst wenn die Erweckung zum Leben in eines Gottes Macht gelegen hätte. Er machte die befremdlichste aller Erfahrungen durch: zu erkennen, daß wir uns an das Totsein des geliebtesten Menschen mit der Zeit gewöhnen, daß wir seinem Nichtsein schließlich Berechtigung einräumen.

Xaver kämpfte tapfer mit diesem Einbrechen des Alltäglichen, Gewöhnlichen in das Heiligtum des Schmerzes. Er haßte den Gedanken, daß Lieschens Andenken diesem Verwittern und Überwachsen und schließlichen Verfallen ausgesetzt sein solle. In seiner Seele sollte sie lebendig bleiben, in seinem Leben ihre Auferstehung feiern. Alles wollte er von sich thun, was ihrer nicht würdig war, jeden Gedanken an ein anderes Weib, jeden Gedanken, selbst an seine Kunst. Sie, nur sie allein, sollte herrschen auf dem Altare, den er ihr errichtet hatte in seinem Herzen, vor dem er täglich in Andacht opferte. So wollte er sich ihr ganz hingeben, ausschließlich ihr leben, gut machen, was er, da sie noch unter Lebenden wandelte, versäumt hatte.

Stundenlang konnte er am sonnenbeschienenen Berghange liegen, dem Brausen des unsichtbaren Wasserfalles in der Tiefe lauschen, die Wolken frei und leicht über sich ziehen und ihre Formen wie aus eigener Kraft und Phantasie sich verwandeln sehen, das Spiel der Lichter auf den jenseitigen Hängen über Wald, Felsen und Abgründen beobachten, die Insekten belauschen, die Schmetterlinge und Vögel, die Blumen bewundern, die Gräser und Moose in ihrer unschuldigen Pracht. Und alles führte ihn zurück zu ihr; sie war in diesem allem. Ihr Schicksal war das der ganzen Welt. Alles was lebte, lebte der Liebe, und hinter allem kam ein Schatten: Tod.

Er konnte ihr Geschick nicht mehr beklagen. Es war nicht grausam, es war natürlich, ja es war gut so. Das Ewige ihrer Erscheinung lebte ja weiter. Sie brauchte nicht tot sein; es kam nur auf ihn an, ob sie lebe.

Von jetzt ab würde er sie sehen, gereinigt von allem Zufälligen, zur edelsten Form vergeistigt, in jeder Erscheinung. Jeder glückliche Augenblick, jede noch so flüchtige Schönheit, würde ihm ihre verklärten Züge zeigen.

Klarer und klarer wurde ihr Bild für ihn. Er glaubte sie schließlich zu sehen, so wie Gott sie gewollt hatte: ein Wesen, ganz Güte, ganz Hingebung, das lächelnd ins Grab stieg, dessen letzter Hauch Liebe gewesen war.

Er ließ das Bild völlig in sich ausreifen. Strich für Strich, Zug um Zug wuchs es empor, von selbst gleichsam; er that nichts dazu. Bis es schließlich groß, einfach und klar vor ihm stand, würdig des einzigen Wesens, dessen Monument es werden sollte.

Als es nun aber so weit war, als er fühlte, jetzt sei der Prozeß des Empfangens, des heimlichen Heranwachsens zur Reife gelangt, da wollte der Künstler auch nicht länger seine Hände zurückhalten, greifbar zu machen, was zitternd vor ihm stand und um Leben bat.

Da eilte er nach München zurück in sein Atelier. Denn jetzt würde er das gestalten, was draußen im Anblick der Berge und Wolken und Blumen in ihm herangewachsen war: Lieschens Denkmal.

XXVI.

Jutta hatte den Sommer in der Schweiz zugebracht. Ohne festen Reiseplan war sie mit ihrer Begleiterin, Frau Hölzl, von einem schönen Orte zum anderen gezogen. Ihre Malerei hatte sie begleitet. Eine Anzahl Skizzen waren entstanden. Sie hoffte, im kommenden Winter diese Studien zu ein oder dem anderen größeren Bilde verwerten zu können.

Am Schlusse der Saison war sie des Herumziehens, der Hotelkost und des Pensionslebens herzlich überdrüssig. Gründlich satt hatte sie auch die Zudringlichkeit der Männer, vor der sie sich durch Frau Hölzl nicht im geringsten geschützt sah. Ein Deutscher hatte sie heiraten wollen, und ein Franzose war ihr vier Wochen lang nachgereist.

Die alte Geschichte! Es schien nun mal ihr Geschick zu sein, Hoffnungen beim Manne zu erwecken, die sie nicht erfüllen konnte und wollte. Jutta war jetzt soweit, daß sie dergleichen Erfahrungen nicht mehr tiefer beunruhigten; aber lästig war's doch, und es störte einen in der Freiheit der Bewegung.

In Florenz, wohin sie zu Beginn des Winters reiste, ging sie nicht ins Hotel, auch eine der fashionablen Pensionen vermied sie -- es würde ja dort sehr bald dieselbe Sache gewesen sein -- sondern sie zog zu ein paar alten Schweizer Fräuleins, von denen sie durch Zufall gehört hatte. Dort wohnte sie mit Frau Hölzl ganz allein. Hier würde sie Ruhe finden zur Arbeit.

Zunächst aber wurde es nichts mit dem Arbeiten. Denn wie so vielen, hatte auch ihr's die Arnostadt sehr bald angethan. Jutta kam vor Schauen und Staunen und wieder Schauen nicht zum Schaffen, überwältigt von dem Zuviel der Schönheit, welche an dieser einzigen Stätte von Natur angehäuft und von Menschenhand vermehrt ist.

Schließlich, als ihre Augen doch müde geworden waren vom Schauen, und ihre vibrierenden Nerven gebieterisch nach Ruhe verlangten, zog sie sich zurück vom Schwelgen. Zum Genießen allein war sie doch nicht hierher gekommen. Sich selbst hatte sie den Beweis liefern wollen, daß sie etwas könne. Daß sie Künstlerin sei von Gottes Gnaden, daß sie vor allem ein freier Mensch sei, der nach dem Höchsten greifen durfte. Darum hatte sie sich losgemacht vom Einflusse der Familie, hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, sich auf eigene Füße gestellt.

Aber es wollte nicht recht gehen mit dem Schaffen. Es fehlte die Stimmung. Wie kam das nur? Voriges Jahr in Berlin, in der nüchternsten Umgebung, da war's gegangen, da hatte sie Inspiration gehabt. Und hier in der schönsten Stadt der Welt, umgeben von erhabenen Vorbildern, versagte ihr der Mut.

Was nützte einem nun die Freiheit, wenn man sie nicht zu gebrauchen verstand? Was die Unabhängigkeit von der Familie, wenn sie einen nur fühlen ließ, wie einsam man sei? -- Menschen hätte sie haben mögen, Menschen, nur um der Menschen willen; bei ihnen zu sein, unter ihnen leben zu dürfen! --

Was hatte sie denn jetzt? Sich selbst! Stolz durfte sie sich sagen, daß das etwas sei. Aber doch war es zu wenig zum Glück.

Früher hatte Jutta nicht gewußt, daß es Grenzen gäbe; hatte es nicht wissen wollen. Furchtbarste Demütigung wäre es ihr erschienen, sich einzugestehen, daß man aus eigener Kraft nicht alles vermöge. Jetzt mußte sie widerwillig die Grenzen erkennen, die ihr das Geschlecht, ihre Anlagen und die eigenen Thaten steckten.

Man hatte, wenn man einsam und still lebte, wie sie jetzt, so viel Zeit zum Nachdenken. Da erwachten ganz wunderliche Erinnerungen; man sah sich in der Vergangenheit wie eine fremde Person, erlebte das Leben noch einmal, aber umgedeutet, verwandelt, durchschienen von Reflexion und Selbstkritik. Man sah, wie man sich durch sein eigenes Streben, durch Thun und Nichtthun, durch Wünsche und bloße Gedanken den Weg endgiltig festgelegt hatte, auf dem man jetzt schritt.

Erquicklich waren solche Gedanken nicht; und um sie los zu werden, stürzte sich Jutta von neuem mit Eifer in die Arbeit. Wenn sie vor der Staffelei stand, war ihr doch am wohlsten. Dann gingen die Stunden hin, man wußte nicht wie! Die grauen Gespenster der Unzufriedenheit und Selbstkritik konnten nicht aufkommen, gegen das Hochgefühl, mit dem einen das eigene Schaffen erfüllte. Was sie hier leistete, das konnte ihr niemand nehmen; hier war sie souverän. Was sie von Einfällen auf die Leinewand bannte, das waren ihre Kinder, Selbstgespräche in Farben, die niemanden etwas angingen.

Nun wollte sie mal etwas Großes, Originelles schaffen, ganz aus der eigensten Anschauung heraus. Viel zu sehr war sie bisher abhängig gewesen von Geschmack und Rat anderer. Durch fremde Augen hatte sie gesehen, unter fremdem Einflusse gestanden, all die Zeit über.

Sie bestellte sich eine große Leinewand. Eine Alpenlandschaft sollte's werden: Fels, Himmel, Wolken, einige Baumriesen, sonst wenig Vegetation, gar keine menschliche Staffage. Die Natur sollte ihre großen, einfachen, herben Linien enthüllen, so wie Jutta während des vorigen Sommers sie in glücklichen Augenblicken gesehen hatte.

Die Grundlinien waren schnell hingeworfen; dabei halfen ihr die Farbenskizzen. Die Beleuchtung, die Lüfte machten ihr jedoch schon Schwierigkeiten. Ihr schwebte ein ganz bestimmtes, gedämpftes Licht vor, wie es etwa kurz vor Ausbruch eines Gewitters herrscht, wo alle Formen näher, größer, bedeutsamer, und unheimlicher erscheinen.

Ganz deutlich sah die Künstlerin ihr Bild vor sich; aber wenn sie es auf die Leinewand brachte, wie matt und klein wirkte da, was ihrer Vorstellung so groß und packend erschienen war.

Wochen hindurch quälte sie sich mit dem Bilde, immer wieder ändernd und übermalend. Eine Art Verzweiflung packte sie davor. Es mußte werden! Furchtbar wäre 's gewesen, wenn sie hier versagt hätte! Es wäre dem Geständnis gleichgekommen, daß ihr Malen Stümperei sei.

Als sie schließlich den Pinsel weglegte, sich sagend: nun soll es genug sein, besser würde es doch nicht werden, und sie sich nun ihr Werk betrachtete, als sei es nicht von ihr, sondern von einem fremden Menschen gemalt, da kam's ihr vor, als ob etwas darin fehle, etwas Wichtiges: sie konnte es nicht bezeichnen, was.

Was sie hier gegeben hatte, konnte schließlich jeder geben, wer Anlagen hatte, Geschmack und Maltechnik. Um eine konventionelle Arbeit zu liefern, welche die Censur »brav« verdiente, lohnte es sich für sie doch wahrlich nicht eines solchen Aufwandes von Zeit.

Ihrem neuesten Werke fehlte die Seele. Es war ein Geschöpf des Verstandes, empfangen ohne Begeisterung, gezeugt ohne Liebe. Darum war es verfehlt. Jetzt endlich begriff sie es. Sie hatte dabei an niemanden denken wollen, hatte versucht, unpersönlich zu schaffen, unabhängig sein wollen von jedem Einfluß. Ja selbst die Erinnerung hatte sie aus ihrem Herzen zu bannen getrachtet, damit sie ihr das Konzept nicht verderbe.

Und nun war ein verpfuschtes Werk daraus geworden.

Sie haßte dieses Bild. Es bedeutete Demütigung für sie. Es predigte ihr deutlicher, als irgend etwas, ihre Grenzen. Es sagte ihr, daß es ein vager Traum gewesen, daß sie Unmögliches gewollt habe, als sie sich frei gemacht, sich ganz auf sich selbst gestellt hatte. Was nützte ihr die äußere Unabhängigkeit nun? Es gab eine Gebundenheit, die mehr bedeutete, als alle Freiheit, wenn es für den Stolz auch eine harte Probe war, sich das einzugestehen.

Unser Herz ist unser Schicksal; ihr Herz aber war nicht frei.

* * * * *

Eine große Freude half Jutta über die Enttäuschung der letzten Zeit hinweg; Eberhard und Agathe schrieben ihr von Venedig aus, wo sie sich auf der Hochzeitsreise befanden, daß sie nach kurzem Ausfluge über Verona, Mailand, Genua, nach Florenz zu kommen gedächten, um dort einige Wochen mit ihr zu verbringen.

Das war nun wirklich etwas, worauf man sich freuen konnte! Ihren Bruder wiedersehen als jungen Ehemann. -- Sie konnte sich ihn gar nicht denken in dieser Eigenschaft. Und Agathe nun ihre Schwägerin! Schließlich waren die beiden doch diejenigen Menschen, die ihr am nächsten standen auf der Welt.

Man würde eine herrliche Zeit zusammen verleben. Eben brach ja hier das Frühjahr an. Ausflüge würden sie unternehmen in die Umgegend, die Jutta selbst auch noch wenig kannte. In der Stadt konnte sie ihnen Führerin sein.

Kindisch geradezu freute sie sich. Wie ehemals auf die Ferien zu, zählte sie jetzt die Tage, die noch bis zum Kommen der Geschwister vergehen mußten.

Jutta nahm für das Paar Quartier in einem Hotel, das ihrer Wohnung schräg gegenüber lag. Zur angegebenen Zeit fand sie sich auf dem Bahnhofe ein, um Eberhard und seine Frau zu empfangen. Sie hatte Blumen mit für die Schwägerin.

Wie sie wohl ausschauen würde, die kleine Agathe? Wenn man dachte: dieses halbe Kind! -- Und nun Frau, die Frau ihres Bruders.

Agathe sah gut aus. Viel mochte dazu auch die nette Reisetoilette beitragen. Sie war ganz Dame.

Ihren Bruder fand Jutta männlicher geworden. In dem letzten Jahre hatten sich für ihn ja auch die wichtigsten Dinge vollzogen. Er wußte jetzt, wo er hingehörte, nannte Beruf, Gattin und Heim sein eigen.

Eberhard hatte, bald nachdem er im vorigen Frühjahre sein Examen bestanden, eine Stelle als Assistenz-Arzt angenommen, die ihm durch einen seiner Lehrer, welcher dem jungen, strebsamen Mediziner wohlwollte, verschafft worden war. Da er die Stellung um keinen Preis einbüßen wollte, hatte er für seine Hochzeitsreise nur sechs Wochen Urlaub genommen, während deren er vertreten wurde. Vier Wochen davon waren schon verstrichen, man hatte also knapp vierzehn Tage vor sich, die sollten gründlich ausgenutzt werden, wie Eberhard gleich nach der Ankunft in Florenz der Schwester verkündete.

Nun kamen schöne Tage. Das junge Paar überließ Jutta die Führung. Eberhard war noch nicht in Florenz gewesen; Agathe natürlich erst recht nicht. Für sie war die Hochzeitsreise überhaupt die erste Reise. Beide zeigten sich des Italienischen nicht mächtig, das sich Jutta im Laufe des Winters bis zu leidlicher Geläufigkeit angeeignet hatte.

Zunächst zeigte Jutta den Geschwistern die Stadt. Paläste, Kirchen, öffentliche Gebäude, eine Anzahl Bildergalerien wurden besucht. Doch gab man das bald als ermüdend auf. Sie waren ehrlich genug, Interessen nicht zu erheucheln, die ihnen nun einmal nicht eigen waren. Man schenkte sich also das übrige, unternahm fortan nur noch Ausflüge ins Freie.

Eberhard und Agathe stellten nicht das junge Paar auf Hochzeitsreise dar, wie es nur zu oft Gegenstand des Schreckens ist und des Spottes der Mitreisenden. Sie hatten Freude und Teilnahme an anderen, nicht nur an sich; benahmen sich überhaupt wie vernünftige Leute.

Am meisten staunte Jutta über ihre Schwägerin. Die stand so fest und sicher in ihrer Rolle der Gattin, als sei sie nicht seit vier Wochen, sondern seit manchem Jahre schon verheiratet. Ohne jemals in Schroffheit zu verfallen, oder in Eigensinn, behauptete sie ihrem Manne gegenüber Stellung, Eigenart und selbständiges Urteil. Das Verheiratetsein hatte ihr Wesen nicht aus dem Geleise geworfen, höchstens bestärkte es sie in dem, was sie schon vordem gewesen, brachte ihre gesunde, heitere, selbstsichere Natur noch deutlicher und klarer heraus.

Eberhard hatte gut gewählt. Er war einer der wenigen Glücklichen, die in dieser fraglichsten aller Lotterien das rechte Loos ziehen. Für diese beiden brauchte einem nicht bange zu sein.

Jutta hatte das richtige Empfinden, wenn ihr an ihrem Bruder die Männlichkeit als etwas Neues auffiel. Ein Weib nehmen, bedeutet für den Mann nicht minder eine einschneidende Wendung als für die Frau, einem Manne angetraut werden. Von dem Augenblicke, wo wir uns unseres Geschlechtes bewußt geworden, klafft in unserer Natur eine schmerzlich empfundene Lücke, die nur durch ein Weib ausgefüllt werden kann. Vorher unfertig, werden wir durch dieses unscheinbare Band erst zu dem ergänzt, was wir sein sollen.