Part 22
Von einer Prüfung =dieser= Art hat daher jeder neue Versuch, einen Theil unsres Gedankenschatzes zum deutlicheren Bewußtsein zu erheben, sein Urtheil, seine Bestätigung oder Verwerfung zu erwarten. Einer solchen sieht auch der vorstehende entgegen. Wenn wir gleich recht gut fühlen, wie Viele uns einwenden werden, mit der Zurückführung auf unerklärbare Thatsachen sei eben nichts erklärt, und ein Beweis, welcher Schwierigkeiten negire, statt sie zu lösen, entbehre des wissenschaftlichen Ernstes, so hoffen wir desungeachtet, eine unbefangene Prüfung, über die Mängel der Darstellung eines ersten Versuches hinweg sehend, werde hie und da Ansichten entdeckt haben, welche näherer Betrachtung nicht unwerth sind. Der Schreiber dieses wenigstens hat aus ihnen die Ueberzeugung gewonnen, sowohl daß es eine Ungereimtheit genannt zu werden verdient, dort wo =an sich= nichts weiter zu erklären oder zu vermitteln ist, eine weitere Erklärung zu verlangen, als auch daß es unmöglich ist, den Quellen unserer empirischen Erkenntniß nachgehend nicht endlich zu solchen Urtheilen und Vorstellungen zu gelangen, welche, die erstern unmittelbar unumstößlich und gewiß, die letztern ihrer Natur nach durch Einwirkung außerhalb der Seele, wenn auch nicht immer des Leibes, befindlicher Gegenstände erzeugt sein müssen. Mit Hilfe dieses und einiger der andern hier dargelegten Begriffe däucht es uns nicht unmöglich, ohne an =Leibnitz=' Grundsätzen etwas Wesentliches (etwa mit Ausnahme der Raumbegriffe, die bei ihm ziemlich unklar sind) zu vergeben, vielmehr nur durch consequente Festhaltung seines eigenen Hauptprincips, der odiosen Annahme der prästabilirten Harmonie auszuweichen und eine befriedigendere Ansicht zu gewinnen, für welche nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Astronomie mit ihrer Gravitation und Aequilibrirung der Himmelskörper zu sprechen scheinen. Jene Grundsätze =Leibnitz=', also die Fundamente monadistischer Metaphysik selbst zu untersuchen, war hier nicht der Ort und lag nicht in unserer Absicht, denn dies würde beinah eine Prüfung der gesammten Metaphysik erfordern. Noch erfreut sich dieselbe, zahlreicher genialer Versuche ungeachtet, in den wenigsten Lehren einer allgemeinen Uebereinstimmung, und im Ganzen erstreckt sich das zweifellose Wissen der Denker noch wenig über =Descartes=' berühmtes: _cogito, ergo sum_ hinaus. Während die Naturwissenschaften von Stunde zu Stunde mehr Boden gewinnen und überraschende Fortschritte machen, stockt die =reine Begriffswissenschaft=, welche ihnen die feste Grundlage, auf der sie fußen können, erst geben sollte, noch immer bei den zuerst sich darbietenden Problemen. Manchmal der Auflösung sich ganz nahe glaubend, gewahrt sie sich kurz darauf weiter als je davon zurückgeworfen. Das letztere vielleicht gerade deshalb, weil sie, besonders in neuester Zeit, Gefallen daran gefunden zu haben scheint, gerade der zunächst liegenden, und ihr nur um deswillen trivial dünkenden Lösung, weil sie dem gesunden Menschenverstand am meisten zusagend ist, immerdar aus dem Wege zu gehen, und das Wort des Räthsels auf geheimen, nur für Auserwählte gangbaren Wegen, die nicht immer jene des Lichtes sind, zu suchen. Wenn daher die Frage nahe liegt, warum die Vorsehung es zulassen möge, daß das Denken, die eingeschlagene gerade Bahn verlassend, oft erst nach den seltsamsten und weitesten Umwegen zu derselben zurückzukehren genöthigt werde, während es nur eines glücklichen Griffes, eines offenen Blickes bedurft hätte, um die Wahrheit auf dem kürzesten Wege zu finden: so mag vielleicht einer der Gründe der sein, daß sie uns das unschätzbare Gut des schlichten geraden Verstandes durch die eigene Verwirrung am herbsten und eindringlichsten fühlen lassen will. Auf dem Umwege waren vielleicht manche andere glückliche Entdeckungen zu machen, zu welchen wir ohne denselben nie gelangt sein würden, und wenn nichts Anderes, so macht das Gefühl, alle Möglichkeiten des Irrens erschöpft zu haben, unsern Glauben an die endlich errungene Wahrheit zuversichtlicher und fester haftend. =Lessing='s Ausspruch, er wolle lieber das redliche Streben nach der Wahrheit, als die fertig zugerichtete (wenn man sie nicht mit =Liebe= erfaßt), findet hier seine Geltung. Durch den langen Umschweif, welchen das Denken seit =Leibnitz= durch die mannigfaltigsten Gebiete genommen, um endlich doch zu der Ueberzeugung zurückzukehren, daß ohne Wirksamkeit keine Welt, daß die lebendige Wechselthätigkeit einfacher Wesen die _conditio sine qua non_ sei, wenn wir nicht in todten Mechanismus und starren Indifferentismus verfallen sollen, dem durch extramundane wirkungslose Bevormundung nicht abgeholfen werden kann, wird es hoffentlich anschaulich genug geworden sein, die =Wechselwirkung= allein sei der passende Ausweg, den Glauben des Herzens und die Zweifel des Verstandes zu versöhnen, und der täglich gebieterisch sich vordrängenden Erfahrung auf metaphysischem Wege die Hand zu reichen. Durch das Wirken erst erhält das Sein Leben, wie die elektrische Spannung der Luft erst zum Vorschein kommt, wenn sie leuchtet und zündet. Ein Sein, das nicht wirkt, ist ein todtes Sein, also gar kein Sein, und ein Sein, das nicht auf Andere wirkt, ein nutzloses Sein; denn kein Wesen ist um seinetwillen, sondern um des Ganzen, wie ein Factor um des Productes willen da. Nur einer kurzen Beharrlichkeit hätte es vielleicht bedurft, um den Monaden =Leibnitz=' diesen weltbürgerlichen Sinn einzuhauchen; allein so schnell sollte die Forschung nicht fortschreiten, damit der Einzelne nicht übermüthig werde, und um zehn Irrthümer ist die Wahrheit nicht zu theuer erkauft. So mußte die Monadologie als Betrachtung des Weltganzen den Platz räumen, um ihn dem Idealismus der einzelnen Monade zu überlassen; so mußte =Leibnitz=' genialer rhapsodischer Dogmatismus geläutert werden durch eine scharfe Prüfung unsrer Erkenntnißkräfte und erst, nachdem trotz =Kant='s Gegenrede dem denkenden Geiste durch lange Beobachtung gewiß geworden, er vermöge wenigstens einige synthetische, oder besser reine Begriffswahrheiten, die synthetischer Natur sind, und nicht minder Erfahrungsurtheile einer gewissen Gattung mit zweifelloser Gewißheit zu erkennen, ohne sie durch irgend eine Art »reine« Anschauung vermitteln zu müssen: jetzt erst dürfen wir uns ruhig und unbesorgt dem Zuge unserer Gedanken überlassen, und wenn er uns zum Monadismus zurückführt, darin einen Beweis für die innere Nothwendigkeit dieses Gedankenweges sehen. Daraus folgt aber keineswegs, daß das Denken genau die Form des =Leibnitz='schen behalten müsse, obgleich auch der wichtigste, für die Brauchbarkeit eines metaphysischen Systems entscheidende Gedanke darin, wie wir zu zeigen suchten, schon im Keime lag. Welche Form es auch immer annehmen möge, daß es =Leibnitz=' Grundsätzen wenigstens in den Hauptzügen ähnlich sich gestalten werde, dafür finden wir nicht nur in =Herbart='s Beispiel, sondern auch in der merkwürdigen Erscheinung, daß das Denken, welches so lange auf den abenteuerlichsten Bahnen schweifte, zu ihm als seinem Anfangspunkte neuerdings zurückgekehrt, die sichere und erfreuliche Bürgschaft.
Verbesserungen.
S. 4 Z. 4 v. u. Vergleichung. -- 7. 4 v. u. _Actis_. -- 23. 19 v. u. abzugeben. -- 26. 13 v. o. =sich= vorstellt. -- 47. 1 v. u. =das Citat zu löschen=. -- 55. 13 v. u. Idealismus. -- 62. 5 v. o. Seelen. -- 65. 10 v. o. kommt. -- 74. 1 v. o. =einem= marmornen Rumpf =einen=. -- 79. 11 v. o. in die Dinge. -- 94. 15 v. o. _non a_. -- 96. 17 v. o. ein Sich-ändern. -- 115. 16 v. u. formalen. -- 118. 17 v. u. den Wesen. -- 132. 9 v. u. welche =die Ursache= erst. -- 138. 7 v. o. zwecksetzendes. -- 144. 17 v. o. Veränderung der Realen bei diesem Geschehen. -- 166. 2 v. o. =betrachtet= zu streichen. -- 181. 17 v. u. Stelle. -- 182. 15 v. u. welchen.
Inhalt.
Einleitung 1
~Leibnitz' Monadologie.~ (_La monadologie_; _Monadologia seu principia philosophiae in gratiam principis Eugenii conscripta_) 9
~Ueber Leibnitz' und Herbart's Theorieen des wirklichen Geschehens.~ Eine Abhandlung zur Geschichte des Monadismus 33
1. Die prästabilirte Harmonie: =Leibnitz= 37
2. Die Causalität als Kategorie: =Kant= 75
3. Die Theorie der Selbsterhaltungen: =Herbart= 79
4. Modificationen dieser Ansichten 122
a) Modification der Theorie der Selbsterhaltungen: =Drobisch= --
b) Modification der prästabilirten Harmonie: =Lotze= 130
5. Die Wechselwirkung 145
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemanden erkannt wird, weil werden verdient, auch wenn dieser noch von Niemandem erkannt wird, weil
oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_ame_) solle für oder Entelechie hin, und die Bezeichnung: Seele (_âme_) solle für
necessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont nécessaires et leur opposé est impossible, et celles de fait sont
(14) _cest-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben. (14) _c'est-à-dire, la plupart_ fehlt in den lat. Ausgaben.
préctablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums preétablie_) zusammen, weil sie beide Darstellungen desselben Universums
sie das Universum vorstellen. sie das Universum vorstellen.«
zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28). zwischen beiden, oder als hätte Gott beständig seine Hand im Spiel(28).«
carent (per. def), in monadibus etiam derivativis nullae partes carent (per. def.), in monadibus etiam derivativis nullae partes
interius monadis creatae physice influere possit (per theor. praec.), interius monadis creatae physice influere possit (per. theor. praec.),
Gegenstände vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle Gegenstände sich vielleicht nicht ändert. Jedoch beschränken sich alle
Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἐχοῦσι τὸ ἐντελές), jene, deren Autarkeia wegen allen Monaden zukommt (ἔχουσι τὸ ἐντελές), jene, deren
=Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felder unterstützten! Während er =Ehrenberg= u. A. so reich angebauten Felde unterstützten! Während er
(55) _Nouv. syst._ S 127. (55) _Nouv. syst._ S. 127.
(58) _Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans, (58) _»Lettre à l'auteur de l'histoire des ouvrages des savans,
Substanzen des Uebergangs ma erieller Theilchen aus einer in die andere Substanzen des Uebergangs materieller Theilchen aus einer in die andere
deren Art und Weise des stattfindens zwischen den realen Wesen selbst deren Art und Weise des Stattfindens zwischen den realen Wesen selbst
=Schelling='s aus disparaten oder gar entgegensetzten Bestimmungen =Schelling='s aus disparaten oder gar entgegengesetzten Bestimmungen
zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedem zufällig, sie ist eine blos zufällige Ansicht von demselben(73). Jedes
Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sodern auch dasjenige, Erweiterung erfahren. Nicht das, was eben wirkt, sondern auch dasjenige,
(80) Allg. Metaph. II. S. 150 (80) Allg. Metaph. II. S. 150.
abnehmen. Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt abnehmen.« Von jenem Satze: Bei allem Wechsel der Erscheinung beharrt
Körper, eine Selbstbewegung, ein κινο͂υν ἀκἰνητον auf dasjenige, was Körper, eine Selbstbewegung, ein κινοῦν ἀκίνητον auf dasjenige, was
es factisch stattfindet in den einfachen Empfingungen Roth und Blau oder es factisch stattfindet in den einfachen Empfindungen Roth und Blau oder
(88) Man vergl. die Note über =Canz=., S. 97. (88) Man vergl. die Note über =Canz=, S. 69.
einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebirte des einen eigenthümlichen Charakter habe, welcher aber nur im Gebiete des
metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein solsen, was metaphysische Geltung haben, sondern sogar das Einzige sein sollen, was
fortbewegendem Begriff, indem es außer den Zerstört- auch noch ein fortbewegendem Begriff, indem es außer dem Zerstört- auch noch ein
(96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200. ff. Encykl. (96) Vgl. =Herbart=: Lehrb. z. Psych. 2. Aufl. S. 200 ff. Encykl.
(97) =Hartenst.= Met. 263. ff. (97) =Hartenst.= Met. S. 263 ff.
aus den einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund? aus dem einen in den andern Zustand überzugehen? Wo liegt dieser Grund?
irrational sein; es fehlt die Bedindung der Causalität, des Zusammen, irrational sein; es fehlt die Bedingung der Causalität, des Zusammen,
scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein gebe müsse, weil sonst auch scheinbares gibt, wie es ein wahres Sein geben müsse, weil sonst auch
urspünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere ursprünglichem Zusammen befindlich gewesen, deutet auf eine innere
Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 f. f. auch den sogenannten Gedachtes oder Ungedachtes, und das wir S. 71 ff. auch den sogenannten
=wirklicher= Gegenstand entspicht, den letzten nicht so, daß dessen =wirklicher= Gegenstand entspricht, den letzten nicht so, daß dessen
Möglicheit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht Möglichkeit eines Einflusses derselben auf einander überhaupt noch nicht
Schwäche unsers Ernißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde? Schwäche unsers Erkenntnißvermögens beruhende Nothwendigkeit stattfinde?
Porosität viel weiter, weil es niemal zwei Punkte gibt, die nicht Porosität viel weiter, weil es niemals zwei Punkte gibt, die nicht
zusammengetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der zusammengesetzten Körpern vor sich gehendes Phänomen in Folge der
Wesens verlangt wird, im Widerspruche standen. Die übrigen Kräfte sind Wesens verlangt wird, im Widerspruche ständen. Die übrigen Kräfte sind
außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche An-Anschauungen diese außenher schließen lassen. Zu entscheiden, welche Anschauungen diese
Durchdringung, materiellen Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen Durchdringung, materiellem Uebergang, Selbsterhaltung u. s. w. müssen
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