Lehre vom Schluss

Part 1

Chapter 12,991 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand des Nachdrucks der Buchausgabe von 1921 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Verschiedene Schreibvarianten (Contradiktionen/Contradictionen, etc.) wurden nicht vereinheitlicht, sofern der Wortsinn erhalten bleibt.

Passagen in gesperrtem Text werden hier mit +Pluszeichen+ dargestellt.

Die Einträge im Inhaltsverzeichnis für die Anmerkungen, sowie das Namen- und Sachverzeichnis wurden vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber eingefügt.

Fußnoten wurden an das Ende des betreffenden Absatzes angefügt und erhalten die Buchstaben A bis H; die mit arabischen Zahlen versehenen Endnoten befinden sich einem gesonderten Abschnitt ‚Anmerkungen‘. Letztere wurden in der gedruckten Version für das Erste und Zweite Buch getrennt nummeriert, beginnen dort also jeweils bei 1. In der elektronischen Fassung erfolgt die Nummerierung dagegen durchgehend. Die betreffenden Verweise im Text wurden dementsprechend angepasst.

In den Randnotizen finden sich Verweise zu den entsprechenden Stellen in der kritischen Aristoteles-Gesamtausgabe von Immanuel Bekker aus den Jahren 1831 bis 1837. Das Namen- und Sachverzeichnis verweist nur auf die entsprechenden Stellen in diese Ausgabe, nicht aber direkt auf Passagen innerhalb des vorliegenden Buches. Zur sogenannten ‚Bekker-Zählung‘ siehe die Hinweise des Bearbeiters am Schluss des Textes.

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ARISTOTELES

LEHRE VOM SCHLUSS

oder

ERSTE ANALYTIK

(Organon III)

Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von EUGEN ROLFES

FELIX MEINER VERLAG HAMBURG

PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 10

1877 Übersetzt und erläutert von J. H. von Kirchmann

1921 Neu übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Eugen Rolfes

1975 Unveränderter Nachdruck der Ausgabe von 1921

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Aristoteles

Organon/übers. u. mit Anm. vers. von Eugen Rolfes Einheitssacht.: Organon ‹dt.›

3. Lehre vom Schluß oder erste Analytik (Philosophische Bibliothek; Bd. 10)

ISBN 3-7873-0354-5

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks und der photomechanischen Wiedergabe, vorbehalten

ISBN 3-7873-0354-5

Druck: Anton Hain KG, Meisenheim

Bindearbeiten: Hamburger Druckereigesellschaft Kurt Weltzien KG

Printed in Germany

Einleitung.

Die Analytik ist, um eine Erklärung des Wortes zu geben, die Lehre von der Auflösung der Schlüsse, d. h. von der Zurückführung der Konklusionen oder Schlußsätze auf ihre Prämissen.

Die Wahl dieses Wortes beruht auf der Vorstellung, daß die Konklusion ein Gegebenes ist, das philosophisch auf seine Gründe zurückgeführt sein will. In der Tat ist alles Wissen oder, um es allgemeiner zu fassen, alle vernünftige Erkenntnis, abgesehen von den höchsten Prinzipien, der Ertrag eines Schlusses. Wenn man aber den Prämissen nachgeht, um aus ihnen die Konklusionen zu verstehen, so heißt das nichts anderes, als nach der Bildung oder Errichtung der Schlüsse fragen. Denn die Konklusion kann nur dann ein rechtmäßiges Ergebnis des Denkens sein, wenn sie auf einem rechtmäßigen Schluß beruht.

So ist denn die Analytik die Lehre von der Schlußbildung, mit einem Worte die Syllogistik.

Man kann in die Syllogistik zwar auch die Lehre von dem Begriff und Urteil einbeziehen, die von Aristoteles in den Kategorien und Perihermenias im äußersten Umriß vorgelegt wird, aber nur, sofern sie die für die Syllogistik notwendigen Vorbegriffe behandelt.

Die beiden Werke, die Aristoteles speziell als Analytik bezeichnet, sondern sich in die erste und in die zweite Analytik. Es ist aber klar, daß sich die Bezeichnung Analytik ebenso für die letzte oder die beiden letzten logischen Schriften, die Topik und die Sophistischen Widerlegungen, eignen würde. Denn auch sie handeln von der Errichtung bestimmter Schlüsse, der dialektischen und der sophistischen, wenn auch von den letzteren hauptsächlich nur, um zu zeigen, wie man sich ihrer erwehrt. Dementsprechend treffen wir im Eingang beider Schriften, der ersten Analytik und der Topik, gleichmäßig auf die Definition des Schlusses, des apodiktischen und des dialektischen, beziehungsweise der apodiktischen und der dialektischen Prämisse, vgl. 24 a 22 ff. und 100 a 25 ff. Man sieht indessen leicht, weshalb Aristoteles es vorzieht, den Büchern von den dialektischen Schlüssen den Namen Topik zu geben: er betrachtet dort die Konklusionen nicht als etwas Gegebenes, sondern als etwas zu Findendes, das am rechten Orte geschöpft werden muß.

Als Gegenstand der Analytik oder, wie wir jetzt sagen dürfen, der Syllogistik, nennt Aristoteles im ersten Satze der ersten Analytik den Beweis, die Apodeixis, mit dem erklärenden Zusatz, daß die beweisende Wissenschaft es ist, von der wir die Theorie des Beweises erwarten.

Das berechtigt uns zu der Annahme, daß im Sinne des Aristoteles die Syllogistik und Logik ihre einzige Aufgabe an dem wissenschaftlichen Beweise hat, sofern sie letzthin darauf abzielt, uns die Weise zu lehren, wie wir etwas durch geordnetes Denken aus seinen Gründen ableiten.

Demnach sagen wir, daß die erste Analytik so gut wie die zweite der Lehre von dem beweisenden Schluß gilt, nur in anderer Weise.

Die erste und die zweite Analytik unterscheiden sich voneinander, wie das auch die allgemeine Ansicht der scholastischen Kommentatoren war, im Grunde nur dadurch, daß die erste den beweisenden Schluß nach Seite der Form, die zweite ihn nach Seite des Inhaltes betrachtet; die erste lehrt, wie er aus den Prämissen schließen muß, um ein Schluß, die zweite, aus welchen Prämissen er schließen muß, um ein wissenschaftlicher Schluß und ein Beweis im strengen Sinne des Wortes zu sein.

Da nun aber die Regeln für die formelle Korrektheit der Schlüsse dieselben sind, mag es sich um einen wissenschaftlichen oder nur um einen dialektischen Schluß handeln -- denn immer müssen die Schlußsätze aus den Vordersätzen mit logischer Notwendigkeit hervorgehen --, so folgt, daß die erste Analytik den Schluß im allgemeinen, die zweite ausschließlich den wissenschaftlichen, apodiktischen Schluß behandelt.

Ein Schluß ist wissenschaftlich, wenn seine Vordersätze nicht nur wie immer wahr sind, sondern auch als solche, d. h. wenn sie die wahren und ersten Gründe der Konklusion enthalten. Das, und daß es solche Schlüsse gibt, und wie man sie findet, ist das Thema der zweiten Analytik.

So fehlt denn der logischen Theorie zu ihrer Vollständigkeit nur noch Eines: die Lehre von den Schlüssen mit anders gearteten Vordersätzen, solchen, die entweder nicht gewiß wahr sind, sondern nur wahrscheinlich, oder wenn auch wahr, doch nicht in dem Sinne, daß sie den wahren sachlichen Grund der Konklusion enthalten. Von diesen Schlüssen handelt die Topik.

Die sophistischen Widerlegungen sind von ihr ein Anhang: sie behandeln die Schlüsse, die weder formell noch inhaltlich den Forderungen entsprechen. Die erste Analytik besteht, wie auch die zweite, aus zwei Büchern. Das erste Buch behandelt die Errichtung der Schlüsse und hat drei Teile, die auch zu Anfang des zweiten Buches rekapitulierend angegeben werden. Der erste Teil enthält die Regeln für die Errichtung der Schlüsse, der zweite gibt Anleitung für die Auffindung des Mittelbegriffs, der dritte zeigt, wie man die formlosen Schlüsse auf den normalen Schluß zurückführt. Das Einzelne wolle man aus den Kapitelüberschriften und den Anmerkungen ersehen.

Das zweite Buch betrachtet die Schlüsse, nicht wie das erste in ihrer Entstehung, sondern wie sie fertig vorliegen, und hat ebenfalls drei Teile. Der erste zeigt die Kraft und Tragweite des Schlusses, der zweite handelt von den Mängeln und Schwächen, die die verschiedenen Schlüsse und Beweismethoden haben können, der dritte zeigt abschließend, wie jedes andere Begründungsverfahren, um wissenschaftliche Bedeutung zu haben, sich auf den Schluß muß zurückführen lassen.

Bei der vorliegenden Arbeit habe ich außer der Übersetzung von Bender und von v. Kirchmann das Organon von Waitz und die Syllogistik des Aristoteles von Heinrich Maier zu Rate gezogen und benutzt, von älteren Werken in weitgehender Weise Silvester Maurus. Über die allgemeine Frage, von welchem erkenntnistheoretischen Standpunkte die Logik des Aristoteles verfaßt ist, und ob dieser Standpunkt ihren Wert beeinträchtige, eine Frage, in der ich mit Maier nicht eines Sinnes bin, werde ich mich vielleicht in der Einleitung zur zweiten Analytik aussprechen.

+Köln-Lindenthal+, Juni 1921.

Rolfes.

Inhaltsverzeichnis

+Erstes Buch.+

Seite

Kapitel 1. Aufgabe der Analytik. -- Definitionen: Satz, Begriff, Schluß. Was heißt es, daß etwas in etwas als Ganzem ist? 1

Kapitel 2. Umkehrung der Sätze 3

Kapitel 3. Umkehrung der Sätze je nach ihrer Modalität 4

Kapitel 4. Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der ersten Figur 6

Kapitel 5. Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der zweiten Figur 9

Kapitel 6. Regeln für die Errichtung der Schlüsse in der dritten Figur 13

Kapitel 7. Schlüsse durch Umkehrung in allen Figuren. Verhältnis der drei Schlußfiguren zueinander 16

Kapitel 8. Errichtung der Schlüsse aus modalen Prämissen, zunächst aus notwendigen Prämissen 18

Kapitel 9. Schlüsse aus einer notwendigen und einer einfach ausgesagten Prämisse, zunächst in der ersten Figur 19

Kapitel 10. Schlüsse aus solchen gemischten Prämissen in der zweiten Figur 20

Kapitel 11. Schlüsse in der dritten Figur 22

Kapitel 12. Korollarien 25

Kapitel 13. Schlüsse aus kontingenten Prämissen. Vorläufiges. Was heißt kontingent? Besondere Regeln für die Umkehrung kontingenter Sätze 25

Kapitel 14. Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen in der ersten Figur, wenn beide Prämissen kontingent sind 28

Kapitel 15. Schlüsse in der ersten Figur aus einer kontingenten und einer einfach ausgesagten Prämisse 30

Kapitel 16. Schlüsse in der ersten Figur aus einer kontingenten und einer notwendigen Prämisse 36

Kapitel 17. Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen in der zweiten Figur, wenn beide Prämissen kontingent sind 39

Kapitel 18. Schlüsse in der zweiten Figur aus einer kontingenten und einer einfach ausgesagten Prämisse 42

Kapitel 19. Schlüsse in der zweiten Figur aus einer kontingenten und einer notwendigen Prämisse 44

Kapitel 20. Errichtung der Schlüsse aus kontingenten Prämissen in der dritten Figur, wenn beide Prämissen kontingent sind 46

Kapitel 21. Schlüsse in der dritten Figur aus einer kontingenten und einer einfach ausgesagten Prämisse 48

Kapitel 22. Schlüsse in der dritten Figur aus einer kontingenten und einer notwendigen Prämisse 49

Kapitel 23. Zurückführung aller Schlüsse auf die drei angegebenen Figuren und weiterhin auf die erste Figur und die allgemeinen Schlüsse in ihr 51

Kapitel 24. Jeder Schluß muß eine bejahende und eine allgemeine Prämisse haben 54

Kapitel 25. Jeder Schluß hat drei Begriffe und zwei Prämissen 55

Kapitel 26. Welche Schlußsätze schwer und welche leicht zu gewinnen sind 58

Kapitel 27. Auffindung des Mittelbegriffs. -- Vorläufiges 59

Kapitel 28. Auffindung des Mittelbegriffs je nach der Quantität und Qualität der Schlußsätze 62

Kapitel 29. Auffindung des Mittelbegriffs für apagogische, hypothetische und modale Schlüsse 66

Kapitel 30. Rückblick. Bedeutung der syllogistischen Regeln für die Wissenschaft! Wie man die obersten Grundsätze der einzelnen Wissenschaften findet 69

Kapitel 31. Die Einteilung kann den Syllogismus nicht ersetzen 70

Kapitel 32. Zurückführung formloser Begründungen auf die strenge syllogistische Form. Regeln für dieses Verfahren. Fehler, die bei demselben in bezug auf die Prämissen vorkommen 72

Kapitel 33. Weitere Fehler, die bei dem Reduktionsverfahren in bezug auf die Prämissen vorkommen 74

Kapitel 34. Fehler bei der Exposition oder dem Ansatz der Begriffe. Man darf nicht die Zustände statt der Subjekte setzen 75

Kapitel 35. Weitere Fehler bei der Exposition. Man darf nicht immer als Terminus ein einzelnes Wort fordern 76

Kapitel 36. Man darf nicht übersehen, daß die grammatische Form der Begriffe nicht immer dieselbe ist 77

Kapitel 37. Auch die Weise, wie ein Begriff dem anderen zukommt, ist nicht immer dieselbe. Ankündigung der verschiedenen Weisen 79

Kapitel 38. Die Reduplikation und wie man dabei die Begriffe ansetzen muß 79

Kapitel 39. Man muß, besonders bei der Reduplikation, auf Deutlichkeit und Kürze sehen und darum zuweilen einen weniger klaren Begriff durch einen klareren ersetzen 80

Kapitel 40. Man darf die Begriffe nicht vertauschen, wenn durch die Vertauschung das Wesen zur Eigenschaft oder die Eigenschaft zum Wesen wird 81

Kapitel 41. Es ist auch nicht dasselbe, wenn A allem zukommt, dem B zukommt, und allem, dem B nach dessen ganzem Umfang zukommt. Auch das muß bei dem Ansatz der Begriffe berücksichtigt werden. Die Bezeichnung der Begriffe durch Buchstaben geschieht nur im didaktischen Interesse, um das Verständnis durch die Anschauung zu erleichtern 81

Kapitel 42. Ein Begriff kann dem anderen auch erst auf Grund einer Verbindung von Syllogismen zugesprochen werden. Verfahren dabei 82

Kapitel 43. Wenn ein Teil einer Definition angefochten wird, setze man bei der Widerlegung nur den Teil als Terminus 82

Kapitel 44. Bei den hypothetischen und apagogischen Schlüssen gibt es keine Reduktion 83

Kapitel 45. Es gibt eine Reduktion auch bei formgerechten Schlüssen; die Reduktion auf eine andere Figur. Wann und wie sie möglich ist 84

Kapitel 46. Anhang. Unbestimmte Bejahungen und bestimmte Verneinungen. Antecedens und Consequens. Folgerungen bei Bejahung oder Verneinung des Antecedens oder des Consequens. Ein Einwurf 87

+Zweites Buch.+

Kapitel 1. Kraft und Tragweite der Schlüsse. Ein und derselbe Schluß kann mehrere Schlußsätze ergeben 92

Kapitel 2. Auch ein Schluß aus falschen Prämissen kann Wahres ergeben. Beweis dessen für Schlüsse der 1. Figur 94

Kapitel 3. Beweis für Schlüsse der 2. Figur 100

Kapitel 4. Beweis für Schlüsse der 3. Figur 102

Kapitel 5. Die Tragweite der Schlüsse zeigt sich auch in dem Zirkelbeweis. Der Zirkelbeweis in der 1. Figur 106

Kapitel 6. Der Zirkelbeweis in der 2. Figur 108

Kapitel 7. Der Zirkelbeweis in der 3. Figur 109

Kapitel 8. Die Tragweite der Schlüsse zeigt sich ebenso in ihrer Umkehrung. Umkehrung der Schlüsse in der 1. Figur 111

Kapitel 9. Umkehrung der Schlüsse in der 2. Figur 113

Kapitel 10. Umkehrung der Schlüsse in der 3. Figur 114

Kapitel 11. Der apagogische oder indirekte Beweis, als Analogon der Umkehrung des Schlusses, zunächst in der 1. Figur 116

Kapitel 12. Der apagogische Beweis in der 2. Figur 120

Kapitel 13. Der apagogische Beweis in der 3. Figur 121

Kapitel 14. Zurückführung der apagogischen und der direkten Beweise aufeinander 122

Kapitel 15. Schlüsse aus entgegengesetzten Prämissen 124

Kapitel 16. Mängel und Schwächen der Schlüsse. Die petitio principii bei dem apodiktischen und dem dialektischen Beweisverfahren 128

Kapitel 17. Die verfehlte Zurückführung eines falsum bei apagogischen Schlüssen 130

Kapitel 18. Falsches folgt immer nur aus Falschem 132

Kapitel 19. Praktische Winke, wie man dialektisch einer Niederlage vorbeugen und die eigene Sache zum Siege führen soll 133

Kapitel 20. Wann ist eine Widerlegung möglich? 134

Kapitel 21. Wie kann sich sachlich Falsches und Widersprechendes in die Prämissen einschleichen? 134

Kapitel 22. Übergang zum dritten Teil. Gewinnung neuer Sätze, als Ziel der folgenden Begründungsmethoden, die sämtlich auf den Syllogismus zurückgeführt werden können 138

Kapitel 23. Die Induktion oder Ableitung des Allgemeinen aus dem Einzelnen der Erfahrung als Mittel zur Gewinnung der Prinzipien 140

Kapitel 24. Das Paradeigma oder Beispiel als Mittel zur Bildung eines theoretischen und praktischen Urteils 141

Kapitel 25. Die Abduktion oder Umbiegung der Vordersätze als Mittel, um einen neuen Satz wenigstens annähernd zu gewinnen 142

Kapitel 26. Die Enstasis oder Einwendung als Gewinnung eines Satzes, der der Konklusion widerspricht 143

Kapitel 27. Das Enthymema oder der rhetorische Schluß und der physiognomische Schluß zur Gewinnung von Sätzen, die oft nur wahrscheinlich sind 145

Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

[Sidenote: 24 a 10]

Zuerst müssen wir angeben, welchem Gegenstande die Untersuchung gilt und wessen Sache es ist, daß sie nämlich dem Beweise gilt und Sache der beweisenden Wissenschaft ist; dann müssen wir bestimmen, was ein Satz ist, was ein Begriff und was ein Schluß, und welcher Schluß vollkommen und welcher unvollkommen ist; hernach, was es heißt, daß dieses in diesem als Ganzem ist oder nicht ist, und was wir damit meinen, wenn wir sagen, daß etwas von jedem oder von keinem ausgesagt wird.

Ein Satz ist eine Rede, die etwas von etwas bejaht oder verneint. Sie ist entweder allgemein oder partikulär oder unbestimmt. Allgemein nenne ich sie, wenn etwas jedem oder keinem zukommt, partikulär, wenn es irgendeinem oder irgendeinem nicht oder nicht jedem zukommt, unbestimmt, wenn die Rede etwas zukommen oder nicht zukommen läßt ohne den Zusatz allgemein oder partikulär (so daß sie es unbestimmt läßt, in welcher von beiden Weisen es zu nehmen ist), wie z. B. in dem Satz: das Konträre fällt unter dieselbe Wissenschaft, oder: die Lust ist kein Gut.

[Sidenote: 24 b 10]

Der apodiktische Satz (Prämisse oder Vordersatz in dem wissenschaftlichen Beweis, Apodeixis) unterscheidet sich von dem dialektischen (Vordersatz in Disputationen) dadurch, daß der apodiktische Satz die Annahme des einen Gliedes des Widerspruchs ist -- denn der Beweisende fragt nach ihm nicht, sondern nimmt ihn an --, während der dialektische Satz die Frage stellt (und beantwortet), ob das eine oder das andere Glied des Widerspruchs gelten soll. Das kann aber für die Weise, wie der Schluß in beiden Fällen zustande kommt, keinen Unterschied machen; denn der Beweisende wie der Fragende schließt auf Grund der Annahme, daß eines dem anderen zukommt oder nicht zukommt. So wird denn ein syllogistischer Satz (Vordersatz in einem Schluß) überhaupt die Bejahung oder Verneinung eines Dinges von einem anderen nach der angegebenen Weise sein; apodiktisch aber ist ein solcher Satz, wenn er wahr und aus den obersten Prinzipien abgeleitet ist, und als dialektischer Satz tritt er auf, einmal, wenn man den Gegner ausholt, als Frage nach dem einen oder dem anderen Gliede des Widerspruchs, und dann auch, wenn man schließt, als Annahme dessen, was ein Ansehen hat und wahrscheinlich ist, wie in der Topik (I, 10) erklärt wurde.

Was also ein Satz ist und wie sich der syllogistische, apodiktische und dialektische Satz unterscheidet, wird in der Folge ausführlich erklärt werden; soweit es hier nötig ist, genügen uns die vorliegenden Bestimmungen.

Begriff (lat. terminus) nenne ich die Bestandteile, in die der Satz als in Prädikat und Subjekt der Prädizierung sich auflöst, mag nun das Sein bei der Bejahung hinzugesetzt oder bei der Verneinung, wo es Nichtsein wird, ausgeschieden werden[1].

Ein Schluß ist eine Rede, in der, wenn etwas gesetzt wird, etwas von dem Gesetzten Verschiedenes notwendig dadurch folgt, daß dieses ist. Mit dem Ausdruck: dadurch, daß dieses ist, meine ich, daß die Folge seinetwegen eintritt, und damit, daß sie seinetwegen eintritt, daß es sonst keines, von außen zu nehmenden Begriffes bedarf, damit sich ihre Notwendigkeit ergibt.

Vollkommen nenne ich einen Schluß, der, damit seine Notwendigkeit einleuchtet, außer den Voraussetzungen keiner weiteren Bestimmung bedarf, unvollkommen einen solchen, der noch einer oder mehrerer weiteren Bestimmungen bedarf, die zwar wegen der zugrunde liegenden Begriffe notwendig gelten, aber nicht in den Vordersätzen enthalten sind.

Daß das eine in einem anderen als Ganzem ist, und daß das eine von jedem anderen ausgesagt wird, bedeutet dasselbe. Wir sagen aber, daß etwas von jedem ausgesagt wird, wenn sich keines von allen Einzeldingen, die unter das Subjekt fallen, namhaft machen läßt, von dem das andere nicht gelten würde. Dieselbe Bewandtnis hat es mit dem Ausdruck: von keinem ausgesagt werden.

Zweites Kapitel.

[Sidenote: 25 a 1]