Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 9
Jeden Morgen steigt Heinrich Pestalozzi den steinichten Hügelweg hinauf, das Birrfeld wie ein Eroberer zu durchqueren; die Mutter hat ihm einen Rest des väterlichen Vermögens mitgebracht, den sie zur Not entbehren kann, und so kann er auf eigenen Landerwerb ausgehen. Er findet die besten Plätze bald in den Hummeläckern, die ziemlich mitten im Birrfeld liegen und zu der Gemeinde Lupfig gehören. Die Üppigkeit einiger Kirschbäume gibt ihm Gewißheit, daß der verwahrloste Boden mit guter Düngung bald ertragreich zu machen wäre, und rasch entschlossen wendet er siebenundfünfzig Gulden an, sich vier bis fünf Jucharte davon zu kaufen, die er mit allem Eifer seiner gelernten Künste aus einem Mergellager am Kestenberg aufbessern will. Darüber aber kommt er bei den Leuten der Gemeinde auch schon ins Gespräch als Herrenbauer, und mehr als einer hört die ungewohnte Geldquelle gegen seine Äcker rinnen. Als er darauf mit weiteren Ankäufen zögert, fangen die bäuerlichen Listen an, sich mit Wegerechten, Weidgang und andern Vorwänden drückend zu machen, sodaß er wohl oder übel zu höheren Preisen kaufen muß.
In diesen Schwierigkeiten, die ihn allein befallen, weil seine Mutter wieder nach Höngg zum kranken Großvater gerufen ist, geht er eines Nachmittags verdrießlich nach seinem Turm zurück, als ihn ein Mann mit seinen Wägelchen einholt und aufsteigen heißt, da er gleichfalls nach Müligen führe. Er hat den Mann auf seinen Gängen schon mehrmals angetroffen, und weil ihn die Mißlichkeiten müde und unlustig zum Gehen gemacht haben, nimmt er das Angebot gern an. Unterwegs holt ihn der andere beiläufig aus, ob er auf seinem Hummelacker zu bauen gedächte, und als er das bejaht: ob er denn Wasser habe? Warum er nicht weiter aus dem Birrfeld hinaus, etwa da oben in den Letten baue? Da habe er Quellen genug, brauche sich mit keinem Anlieger herumzuschlagen und sei Herr auf seinem Boden. Billiger als da unten sei das Land sicher, wo auch sonst die Lupfiger keine günstige Nachbarschaft wären.
Heinrich Pestalozzi weiß, daß der Mann, den er von seinen Gängen her als einen Metzger und Wirt aus Birr mit Namen Märki kennt, wohlhabend und durch seine Geschäfte bewandert in allen Verhältnissen der Gegend ist. Irgendwie fällt ihm das Wort Bluntschlis von dem Ratgeber ein, und da ihn der Mann im Sprechen auffällig an seinen Lehrmeister Tschiffeli erinnert, nur daß er genau so drastisch in seinen Ausdrücken wie jener vorsichtig ist, sieht er ihn prüfend von der Seite an und nicht unlustig, seine Dinge mit ihm zu besprechen. Der aber scheint von dem Gespräch genug zu haben, kutschiert gleichmütig darauf los, bald hier bald dort mit dem Peitschenstiel auf eine Merkwürdigkeit deutend, sodaß Heinrich Pestalozzi fast bedauert, als sie hart bremsend den letzten gewundenen Abstieg nach Müligen hinunter fahren. Eine Einladung, bei ihm für einen Augenblick abzusteigen, nimmt der Mann nicht an, da er es wegen der Dunkelheit eilig habe. Bald sieht er ihn denn auch wieder den Weg hinauf kutschieren, rüstig zu Fuß, das Pferd am Zügel führend.
Schon am andern Tag macht er einen Weg in die Letten hinauf; er findet den Boden mit vermodertem Kalkgestein durchsetzt, das vielfach auch mit einem beinernen Glanz zutage liegt: Hier ist wirklich Ödland, aber wo der Hang ins ebene Feld ausläuft, doch wieder guter Boden, vor allem aber ist reichlich Wasser da, und die abseitige Lage lockt ihn besonders. Als er bis an den Waldrand hinaufgegangen ist und von da unter einem Nußbaum über das stundenweite Birrfeld hinsieht -- stärker als je in dem Traum, es von hier aus stückweise zu erobern und ein Gartenmeer daraus zu machen, das Wohlstand in all die ärmlichen Dörfer rundum verbreiten soll -- hört er hinter sich seinen Namen rufen, und als er umsieht, steht der Märki dort und winkt ihm. Augenscheinlich will er nicht gesehen werden, und so steigt Heinrich Pestalozzi zu ihm hinauf in den Wald. Der selbe Mann, der gestern gleichmütig war, scheint heute wütend: falls er etwa die Absicht habe, hier zu kaufen, so möge er sich selber das Geschäft nicht verderben, indem er hellen Tags hier herumlaufe! Bauern seien Bauern: wenn er, der Märki, etwa hinginge und ihnen bares Geld für einen Acker brächte, wären sie noch so froh; so aber der Herrenbauer käme, glaube jeder gleich das große Los zu spielen. Er wolle sich mit diesem Beispiel nicht etwa aufdrängen, er habe hier nur zufällig einer Klafter Kleinholz nachgehen wollen, die überm Winter vergessen worden sei. Da er ihm aber nun einmal den Rat gegeben habe, möge er natürlich nicht, daß er dabei zu Schaden käme und ihm schließlich noch Vorwürfe mache!
Nichts für ungut, sagt er dann wieder höflich, als er das alles mit rotem Kopf mehr geschimpft als gesprochen hat, lüpft an seiner Kappe und geht davon, gefolgt von einem Metzgerhund, der sich faul aus der Sonne aufhebt. Heinrich Pestalozzi bleibt wie ein gescholtener Schüler zurück, doch ist er dem Mann dankbar; wenn er an die Tagelöhner in Lupfig denkt, daß nie einer ein richtiges Wort aus den Zähnen läßt und jeder an seinem Mißtrauen würgt, irgend einen Vorteil zu verlieren, so ist dies doch von der Leber gesprochen. Er folgt seiner Weisung, geht nicht über Birr, sondern im Bogen durch den Wald gegen die Hummeläcker, wo ihm nun nichts mehr gefällt, sodaß er seine Pläne umdenkend nach Müligen heimkehrt. Noch am selben Abend schickt er dem Märki eine Botschaft nach Birr hinauf, und nun wird es rasch ein anderes Geschäft für ihn: in knapp acht Tagen hat er durch den gewandten Unterhändler zehn weitere Jucharte dazu gekauft, nicht übles Land, noch in der Ebene gegen den Letten gelegen, sodaß er einen guten Platz für sein Haus, einen Brunnen dazu und Land genug besitzt, um seine Plantage zu beginnen. Daß die nun in zwei Stücken auseinander liegt, die Hummeläcker mitten im Birrfeld und das andere eine gute halbe Stunde weiter hinauf am Letten, beunruhigt ihn ebensowenig wie der doppelte Preis: auch Tschiffeli hat so zerstreut Boden fassen müssen, und schließlich ist doch alles ein großer Besitz geworden. Seitdem er den Metzger Märki als Ratgeber hat, fehlt es ihm nicht mehr an Zutrauen, daß auch sein Traum gelingt. Denn daß er selber in die Hände eines Mannes geraten ist, der vieles zu sich heranbiegt, um daraus nichts als seinen Nutzen zu haben -- was unter Kaufleuten die einzige Moral ist -- während er sich selber einen Nutzen immer nur erträumt, um eine Quelle des Wohlstandes für die andern zu sein: das soll er noch erst erfahren.
39.
Über dem ist der Herbst gekommen und weht Heinrich Pestalozzi die dürren Blätter vor die Haustür; die Singvögel ziehen der scheidenden Sonne nach, und abends steigen die Nebel kalt aus der Waldschlucht, darin die Reuß ihr spärlich gewordenes Wasser der Aare zuführt: nach dem Sommer mit der sonnigen Fülle seiner langen Tage kommt der Winter, der die Menschen in den Kreis der Lampe drängt. An der seinen war das Messing blank, als Anna sie schenkte: aber ihre Hände sind nicht da, es zu putzen. Nicht einmal ein Stück Vieh steht im Stall, und Heinrich Pestalozzi, der doch ein Stadtkind und gewohnt ist, über seine Dinge zu sprechen, sitzt Abend für Abend allein in seinem Turm. Die Mutter kann nicht mehr kommen, weil der Großvater sie wieder nach Höngg gefordert hat; und dem Bärbel war es bald zu grauslich zwischen Wald und Wasser. Seit seinem heimlichen Verlöbnis ist mehr als ein Jahr verstrichen, Anna hat im Sommer schon ihren dreißigsten Geburtstag erlebt, und immer noch steht die Weigerung der Eltern vor der gemeinsamen Zukunft. Die Melancholie der Einsamkeit läßt ihren bitteren Saft in seine Stunden fließen, und andere Briefe flattern nach Zürich, als sie aus Kirchberg gingen. Einigemal reist er selber hin, auch nach Brugg kommt er Samstags, die Schaffhäuser Zeitung zu lesen: aber es ist eine tote Zeit für Heinrich Pestalozzi, da er zum erstenmal den einsamen Winter des Landmanns wirklich zu spüren bekommt.
Noch im Spätherbst haben auf einer Spazierreise zu Pferd einige Freunde aus Zürich bei ihm angeklopft, um sich den Scherz eines Besuchs bei dem Einsiedler von Müligen zu machen; sie waren überrascht, alles so heimelig bei ihm zu finden -- das Bärbel war gerade da -- und namentlich der Johannes Schultheß aus dem Gewundenen Schwert, dessen Vater Bankgeschäfte macht, zeigte für seinen Plan viel Aufmerksamkeit. Er hat ihm unterdessen mehrmals geschrieben und ist tatsächlich auch bei seinem Vater nicht untätig geblieben; als endlich das letzte Schneewasser mit hundert Bächen die Reuß braun färbt und die ersten vorwitzigen Singvögel den Sonnenschein prüfen, geht Heinrich Pestalozzi in der Entschlossenheit eines Verschwörers nach Zürich, mit dem Bankherrn in eine Geschäftsverbindung zu kommen. Es dauert zwar noch ziemlich eine Woche, und er muß sich manche Laune des aufbrausenden alten Herrn gefallen lassen; aber der Sohn läßt nicht locker, und schließlich kommt eine Abmachung zustande, daß der Bankiers mit einem Einsatz von fünfzehntausend Gulden allmählich in seine Pflanzung eintreten will und ihm gleich ein Drittel dieser Summe als Kredit eröffnet.
Damit steht Heinrich Pestalozzi vor den Kaufmannsleuten im Pflug als einer ihresgleichen da, und als er aus dem Gewundenen Schwert an die Limmat hinaustritt, seinen Kreditbrief in der Hand, wagt er damit auch den zweiten Gang. Er findet aber niemand zu Haus als den Bruder Salomon, da die Eltern mit Anna nach Wollishofen hinaus gegangen sind; das ist ein bequemer und weichlicher Mensch, der mit seinem Doktorstudium nicht fertig wird und den Schwarmgeist aus dem Roten Gatter wie eine Brummfliege haßt: er steht nicht einmal auf von der Polsterbank, und als ihm Heinrich Pestalozzi seinen Kreditbrief zeigt, spöttelt er, die Schwester sei ihnen kostbarer als solch ein Stück Papier. Auch Anna, die er am Abend für eine Stunde sieht, vermag ihm keine bessere Hoffnung zu geben, da die Mutter unversöhnlich sei und der Vater nichts gegen sie vermöchte. So muß er andern Nachmittags doch wieder ohne Braut in das Limmatschiff steigen.
Vorher ist er noch einmal nach Höngg hinaufgegangen, wo sein Freund Wüst als Vikar das Pfarramt versieht, dessen Würden der Großvater nur noch in seiner Studierstube zu tragen vermag. Er ist mit seinen sechsundsiebzig Jahren ganz wunderlich geworden, schüttelt zu allem, was er ihm sagt, nur den leeren Kopf, als ob er genug von den Dingen der Erde gehört habe. Erst wie er Abschied nehmen will und die zittrige Geisterhand in die seine nimmt, hebt er den anderen Zeigefinger, ihn zu vermahnen, läßt aber gleich wieder ab und schüttelt von neuem den Kopf, sodaß Heinrich Pestalozzi nichts vermag, als weinend seinen Mund auf die kraftlosen Hände zu legen.
Im Juli danach ist er tot; Heinrich Pestalozzi erhält die Nachricht so spät, daß er das Leichenbegängnis nicht mehr erreicht; wie er nach der langen Postfahrt den Berg hinauf hastet, kommt ihm auf der Straße still weinend Anna Schultheß entgegen, die außer dem Willen ihrer Eltern mit auf den Kirchhof gegangen ist und nun nach Hause will. Ihr so unvermutet auf dem Berg seiner Jugend zu begegnen, das reißt ihn hin; und auch sie ist durch das Ereignis so bewegt, daß die beiden sich aller Augen zum Trotz weinend in die Arme fliegen. Nachher gehen sie Hand in Hand nach Höngg zurück, wo unter den leidtragenden Amtsgenossen des verstorbenen Dekans noch die Mutter mit dem Bärbel ist. Heinrich Pestalozzi läßt auch da die Hand der Geliebten nicht los, und sie sträubt sich nicht, sodaß sie wie zwei Kinder an den frischen Grabhügel kommen. Beide entsinnen sich da des Grabes, das ihre Freundschaft zusammen führte; aber während er sie nun losläßt und weinend niederkniet, bleibt sie aufrecht und verharrend bei ihm stehen, bis sein Blick sie wiederfindet. Dann gibt sie ihm die Hand zurück, und weil er seiner Füße nicht geachtet hat, kommt es so, daß sie zu beiden Seiten des Grabes stehen, über dem ihre Hände sich für immer geschlossen halten.
40.
Seit dieser Begegnung in Höngg müssen die Kaufmannsleute im Pflug einsehen, daß nichts mehr ihre Tochter vor dem schwarzen Pestaluz bewahren kann. Als nacheinander seine Freunde Füeßli und Lavater -- der nun schon Diakonus ist -- sich um die Liebenden bemühen, als der wohlhabende und angesehene Doktor Hotz von Richterswil als Freiwerber für seinen Neffen erscheint und mit dem Antistes Wirz selbst der Bürgermeister Heidegger ein Wort für die Heirat findet, schickt sich die Mutter grollend in die Gewalt und gibt die Tochter frei; jedoch nur sie selber, ohne Aussteuer, allein die Kleider, ihren Sparhafen und das Klavier darf sie mitnehmen. Heinrich Pestalozzi kommt mit einem Wagen von Brugg, sie abzuholen; er hat sich den Tag anders gedacht, als daß er sie gleich einer Verstoßenen wegführen müsse. Der Zunftpfleger ist aus dem Hause gegangen, den Auftritt nicht zu erleben; die Mutter empfängt ihn ohne Gruß wie einen Landfahrenden und gibt der Tochter den zornigen Spruch mit, daß sie bei ihm noch einmal mit Brot und Wasser zufrieden sein müsse! Aber Anna verhält sich tapfer und schön; sie fühlt nun andere Mächte über sich als die elterliche Gewalt, und obwohl sie ihr Gesicht blaß geweint hat, steht keine andere Sorge darin, als der Mutter nicht hart zu begegnen.
Es fällt ein leichter Frühregen, wie sie durch die Sihlporte hinaus auf der Straße nach Alstetten ihren Auszug beginnen; Heinrich Pestalozzi hat die Geliebte eben noch in der Wohlhabenheit ihres Hauses gesehen, die nun fröstelnd in der kühlen Nässe neben ihm auf dem ärmlichen Fuhrwerk sitzt: so überkommt ihn die Wehmut, wie traurig es für sie sein müsse, die Heimat so zu verlassen und mit ihm ins Ungewisse zu fahren. Sie aber, die alles schon durchlebt hat, was bitter daran ist, sieht nicht ein einziges Mal zurück; sie nimmt nur, als sie seine Gedanken fühlt, mit einem tapferen Lächeln seine Hand -- die nun ihre Heimat sei -- und in ihren Augen, die nicht dunkel und voll Unruhe wie die seinen, sondern hell und ruhig sind, steht der geklärte Entschluß aus harten Monaten, treu zu beharren bei ihrem Herzen und dem Schicksal alles zu bezahlen, was es für die späte Liebe fordert. So Hand in Hand beieinander auf ihren Siebensachen sitzend, fahren sie durch den Herbsttag hin, der schon bei Alstetten zwischen aufgeregtem Gewölk ein blaues Auge zeigt und gegen Baden die Sonne zärtlich scheinen läßt.
Bis zur Hochzeit bleibt Anna Schultheß bei dem Pfarrer Rengger in Gebistorf, der auch der Freund ihres Bruders ist; dort in der alten Dorfkirche werden sie am letzten September getraut. Nachher gehen sie miteinander nach Müligen, wo ihnen das Babeli ein einfaches Mahl bereitet hat und mit einem bäuerlichen Spruch für die junge Frau unter der bekränzten Haustür wartet. Anna dankt dem treuen alten Wesen mit einem Kuß auf die runzelige Stirn und heißt es mit in ihrer Reihe sitzen, wie sie Heinrich Pestalozzi leise sagt, als Ehrengast. Der sieht die Braut allein von ihrer Sippe in der Mitte der Seinigen, als wäre er noch immer zu Haus; aber es sind andere Räume, und unmerklich ist in seinem Leben die Anna Schultheß an die Stelle der Mutter gerückt. Sie sitzen nebeneinander, die ihn geboren hat und die ihm Kinder bringen soll; es scheint ihm, als wären sie Schwestern, so ähnlich sind sie. Das ist so stark, daß ihm die beiden auf einmal entfremdet scheinen, weil er die eine nur als Mutter gekannt hat und staunend fühlt, wie unbekannt ihm ihre Frauenwelt war; in diese Frauenwelt aber ist die andere nun durch ihn eingefordert worden. Da fühlt er tief, daß menschliches Glück nicht in der Erfüllung der eigenen Wünsche bestehen könne, weil ein Mensch mit seinen Wünschen im Gefängnis einsamer Dinge bliebe. Nur, wessen Seele in andere Seelen einginge, könne aus der Enge seines zufälligen Daseins ins Leben kommen!
41.
Als Heinrich Pestalozzi Anna Schultheß aus ihrem wohlhabenden Stadtbürgertum in seine bäuerliche Einsamkeit holt, ist sein Besitz auf neununddreißig Jucharte angewachsen, die meist im steinichten Letten am Fuß und Abgang des Kestenbergs liegen. An die geplante Gärtnerei kann er nicht denken, solange er selber noch so weit entfernt von seinen zerstreuten Ländereien in Müligen wohnt; so beginnt er auf dem Hummelacker wie auf den unteren Feldern im Letten seine Krappkultur und sät die minderen Flächen vorerst mit Esparsette an, weil er weiß, daß dieser Futterklee auch auf steinichtem Boden gerät und das Land für anderen Anbau fruchtbar macht: das eifrigste seiner Geschäfte aber ist der Plan eines eigenen Wohnhauses, das den zerstreuten Besitz erst zu einem Gut machen muß, und mancher glückliche Herbstgang mit der tapfer erkämpften Lebensgefährtin gilt der Bestimmung des Platzes, wo sie als Hausfrau seiner Besitzung walten soll.
Auch was hierbei wehmütig ihre Schritte begleitet, daß ihr das eigene Elternhaus feindlich versperrt sei, erfährt bald eine unvermutete Wendung: ihrem Vater, dem Zunftpfleger zur Saffran, ist augenscheinlich die Trennung von seiner einzigen Tochter das eigentliche Ärgernis an ihren Heiratsplänen gewesen -- um so mehr, als er mit den Söhnen nicht aufs beste steht und oft Verdruß mit ihnen hat -- und auch die Mutter sieht nach der Trennung ein, daß es besser sei, eine Frau Pestalozzi als gar keine Tochter mehr zu haben. Nicht länger als zwei Monate hält ihr gekränkter Bürgerstolz der Sehnsucht stand, dann kommen Briefe nach Müligen, die deutlich nach einer Aussöhnung verlangen; und eben will der Winter das einsame Paar einschneien, als eine Einladung erscheint, den vorenthaltenen elterlichen Segen zu holen, damit Weihnachten keinen Unfrieden mehr in der Familie fände. Mitte Dezember schließen sie frühmorgens in dunkler Kälte die Haustür in Müligen ab und sind abends miteinander im Pflug, wo die Rührung des Wiedersehens die verlegene Erinnerung an die lange Zwietracht im ersten Augenblick zudeckt und danach rasch ein so erträgliches Verhältnis entsteht, daß sie statt der gewollten drei Tage bis über Weihnachten bleiben. Es kommt nun doch noch zu den verwandtschaftlichen Besuchen; die Mutter Pestalozzi erscheint im Pflug, und die Zunftpflegersleute bemühen sich zum Essen ins Rote Gatter, wo die geborene Hotzin sie mit den Formen ihrer Jugend empfängt. Auch sonst gehen die jungen Leute den Fäden ihrer Freundschaften nach, und der heilige Abend kommt als der Schlußpunkt fröhlicher Festwochen. Um den Übermut zu vollenden, erscheint der Oheim Hotz von Richterswil mit aller Behaglichkeit seines Alters und nimmt sie mit auf eine Schlittenfahrt nach Hegi und Winterthur. Als sie endlich, diesmal im Schiff, aus dem winterlichen Zürich heimfahren, sind sie beschüttet von Segenswünschen und Versicherungen herzlicher Freundschaft; denn der Heinrich Pestalozzi, im Pflug als Tochtermann angenommen, steht anders vor der Welt da als der Wundarztsohn, der mit der Tochter im Unfrieden auf einem Bauernfuhrwerk davongefahren ist.
So hätten sie Anlaß, fröhlich auf dem Wasser zu sein, das von der winterlichen Mittagssonne dampft, und Anna sagt es auch, noch von dem Übermut des Abschieds voll: daß dies erst ihre rechte Hochzeitsfahrt sei. Aber ihre Fröhlichkeit schwimmt nur noch wie das Schiff auf dem dunklen Wasser; und als ihr Heinrich Pestalozzi ins Auge sieht, traurig fragend mit diesem Blick, wie sie das meine, kommt sie unvermutet ein tiefes Weinen an, das er viel eher als den Übermut versteht. Ihm ist aus dem Lärm dieses Mittags schon vorher die Wehmut aufgestiegen, daß sie auf ihrem Wagen damals, den er selber durch den regnerischen Herbsttag lenkte, einander näher gewesen seien, und mehr als dies, daß sie näher am Herzen Gottes gehangen hätten als jetzt auf dieser schaukelnden Schiffahrt, wo sich ihre Hände aus der Zerstreuung so vieler Tage nicht zu finden vermögen.
Erst als sie von Turgi noch unter der mondhellen Sternennacht den langen Weg nach Müligen wandern und kein Wort sprechen, verliert sich Klang und Schaum der überfüllten Tage bis auf den letzten erdigen Rest, der ihnen bitter schmeckt -- bis sich noch vor der Haustür Hand und Mund zum innigen Gelöbnis finden.
42.
Andern Morgens im Frühdunkel verläßt Heinrich Pestalozzi das Haus, um noch einmal nach den Feldern zu sehen, darüber er am selben Vormittag in Königsfelden vor dem Landvogt den Kaufvertrag machen will. Auf dem einen steht der breite Nußbaum, unter dem er oft mit seiner jungen Frau gestanden und das zukünftige Besitztum überblickt hat; da soll dann ein schattiger Sitzplatz sein. Es ist kaum hell, als er hinkommt; um so mehr erstaunt er, als Anschläge klingen und gleich darauf ein schwerer Baum krachend niederstürzt; wie er Böses ahnend zuläuft, liegt der Nußbaum auf der Erde, und der ihn gefällt hat, ist der Mann, von dem er den steinichten Acker um dieses Nußbaums willen nicht eben billig kaufen will. Es ist, wie er weiß, ein Tanner -- so nennen sie die Tagelöhner im Birrfeld -- dem es mit sieben Kindern übel geht und dem er deshalb auf Zureden Märkis auch den geforderten Kaufpreis ohne Abrede zugestanden hat. Da er nur zufällig noch auf den Acker gekommen ist und ihn andernfalls gekauft und bezahlt hätte, macht ihn die Niedertracht des Mannes wütend, sodaß er schimpfend gegen ihn anläuft. Der aber ist selber so im Zorn, daß er die Axt gegen ihn hebt; und als er seinem Frevel dann mit Worten beikommen will -- nun kaufe er den Acker überhaupt nicht oder nur um die Hälfte des Kaufpreises -- schlägt der Mann die Axt in den Stamm, daß es zischt: das sei ihm beim Leibhaftigen gleich, und nur der Märki habe den Schaden davon! Seine Wirtsschulden würden ihm doch falsch angekreidet, und er bekäme keinen Kreuzer von dem Kaufgeld. Den Baum habe er als Knabe selber gepflanzt und er solle auch keinem andern gehören!
Heinrich Pestalozzi hat schon mehrmals solche Dinge von dem Märki vernommen, und von dem Pfarrer weiß er, daß die Leute um seiner Verbindung mit dem Metzger willen gehässig gegen ihn sind; aber daß der ihn betrügt wie hier, wo er sich den höheren Kaufpreis in seine eigene Tasche gehandelt hat, das ist ihm eine bittere Erfahrung. Er geht traurig von dem Platz fort und läßt dem Märki durch einen Boten sagen: er könne nicht mit ihm fahren, würde aber pünktlich in Königsfelden sein. Als er dann nach einer verstimmten und nicht gradlinigen Wanderung den großspurigen Mann sieht, der auch unter Menschen immer dasteht, wie wenn er gleich zu metzgen anfangen möchte, hat er nicht den Mut, ihm den Handel auf den Kopf zuzusagen, unterschreibt auch den Kaufvertrag trotz dem gefällten Nußbaum -- da der Märki die Vollmacht des Tanners vorweist -- und ist erschrocken über soviel Verschlagenheit. Nur auf seinen Wagen steigt er auch diesmal nicht, und erst, als der andere ihn augenscheinlich um seiner Verstimmung willen in allerlei Gesprächen aufhält, sagt er ihm sein Erlebnis aus der Morgenfrühe ins Gesicht und läßt ihn stehen. Er hört ihn noch über das Tannerpack schimpfen, als er mit langen Beinen aus seinem Bereich eilt; und kaum ist er eine Viertelstunde unterwegs, da rollt der Wagen schon hinter ihm her. Er denkt nicht anders, als daß der Metzger sein Pferd zornig an ihm vorbeipeitschen würde; aber der läßt es in Schritt fallen, immer neben ihm heran. Ob der Herr Pestalozzi dem versoffenen Lumpenkerl vielleicht auch noch glaube? Dann möge er sich jemand anders für seine Geschäfte suchen: er habe sich weder aufgedrängt noch sei er versessen darauf, für ihn mit aller Welt in Händel zu geraten!