Lebenstag eines Menschenfreundes
Part 7
Unerquicklich geht ihm der Sommer und der Herbst hin, indessen er noch immer hartnäckig an seiner Rechtswissenschaft mit dem Studium alter und neuer Gesetzschriften festhält. Er sieht den Bluntschli aus seiner Kur in Hütten mit einer Schwärmerei für die Schönheit der Natur und die Einfalt des ländlichen Lebens heimgekehrt, die er nun wehmütig belächeln muß. An seiner Gesundheit hat der Freund nichts mehr zu klagen, und wenn Heinrich Pestalozzi nicht durch die Mienen und Gespräche besorgt gemacht würde, er könnte glauben, daß ihm die Kur völlige Heilung gebracht hätte, so heiter sieht er ihn. Als er noch einmal über Rousseau mit ihm sprechen will, schüttelt Bluntschli den Kopf; auch sonst scheint er den Eifer eines Patrioten verloren zu haben, wo sich die andern erhitzen, lächelt er, und als aus Genf die Nachricht kommt, daß die mit dem Rat vereinigten Gesandten den Bürgern eine neue Verfassung auferlegt hätten, sagt er: da könnte das Sechseläuten angehen! Auch in seinen Büchern liest er nicht mehr, das Wissenswerte stände nicht darin, pflegt er zu scherzen; obwohl Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit hinter dem veränderten Wesen fühlt, vermag er sich der Heiterkeit nicht zu entziehen, darin der Freund Jüngling und Greis in einem geworden scheint, und so erlebt er den Zürcher Ausklang des Genfer Geschäftes viel weniger aufgeregt, als es sonst gewesen wäre.
Mitte Dezember kommt die Nachricht aus Genf, daß die Bürgerschaft mit großer Mehrheit das Machwerk der Gesandten verworfen habe; gleichzeitig geht das Gerücht, nun würden Frankreich, Zürich und Bern Gewalt anwenden und die aufsässige Bürgerschaft mit Krieg überziehen: Alles um eines gedruckten Buches willen, scherzt Bluntschli, als ob es keine vernünftigen Anlässe mehr gäbe in der politischen Welt! Aber die andern Patrioten sind eifriger, und der Privatlehrer Müller, des Stadttrompeters Sohn, schreibt das angebliche Gespräch eines Bauern mit einem Stadtherrn und einem Untervogt über den Genfer Handel, liest es auf seiner Stube auch einigen Freunden vor und verschließt es dann in sein Pult. Es ist mehr witzig als aufrührerisch, und Heinrich Pestalozzi, der es mit angehört hat, hätte nie gedacht, daß sich der Zorn der Obrigkeit daran entzünden könnte. Der Müller aber ist unvorsichtig genug, einem seiner Schüler die Handschrift zu überlassen. Der macht eine Abschrift davon und gibt sie weiter, immer mehr Abschriften werden gemacht, und Mitte Januar flattert das Bauerngespräch, wie man es heißt, heimlich durch die ganze Stadt, überall die Erregung des Genfer Geschäfts in lustigen Spott über die Perücken auslösend, bis eine Abschrift den Gestrengen Herren selber vor Augen kommt, die sofort mit heftigen Verhören den unbekannten Verfasser suchen.
Heinrich Pestalozzi, der sich mit Lavater besprochen hat, sucht noch spät abends den Müller auf, und rät ihm, sich selber zu dem Scherz zu bekennen, womit der Sache die Spitze abgebrochen sei; aber als er am nächsten Morgen nachfragt, hat der Sohn des Stadttrompeters eine richtigere Einsicht in seine Lage gehabt und ist über Nacht geflohen. Aus seinem Scherzgespräch ist eine Schandschrift und aus der Lustigkeit darüber ein Aufruhr geworden; ehe Heinrich Pestalozzi sich irgend einer Gefahr versieht, sitzt er selber auf dem Rathaus in Arrest, weil er dem Aufwiegler zur Flucht verholfen habe. Er wird auch drei Tage lang wie ein Verschwörer in strenger Haft gehalten, bis von dem Flüchtigen ein Brief eingelaufen ist, daß er das Bauerngespräch ohne böse Absicht geschrieben hätte und an der Verbreitung unschuldig wäre. Darauf lassen sie ihn zwar frei, aber die Untersuchung gegen den Aufruhr verliert nicht an Hitzigkeit: in ganzen Kompanien ziehen die getreuen Untertanen auf den Stadtplätzen auf, und bald wird von den Kanzeln des Kantons ein Urteil verlesen: daß der Verfasser der aufwieglerischen und höchst schandbaren Schrift aus dem geistlichen Stand removiert, aus der gesamten Eidgenossenschaft verbannt sei und in den Wellenberg geworfen werden solle, falls er betroffen würde. Die Schandschrift solle zugleich mit dem Lästerbrief aus dem Hottinger Handel durch den Henker öffentlich verbrannt werden, die Kosten für die drei Klafter Brennholz seien durch die Patrioten zu bezahlen, ihre Wochenschrift »Der Erinnerer« dürfe nicht mehr unter die Presse kommen, und sofern die gefährliche Gesellschaft noch etwas gegen die Obrigkeit unternähme, würden die schärfsten Strafen angewandt.
Bluntschli hat recht gehabt: das Sechseläuten fängt an; und ob es Heinrich Pestalozzi selber angeht, soviel obrigkeitliche Torheit vermag auch er nicht mehr ernst zu nehmen; als die Schandschriften durch den Henker verbrannt werden, spaziert er mit einem Freund auf dem Balkon der Meise und macht auf einer Pfeife die Musik dazu.
32.
Heinrich Pestalozzi hat es gleich gefühlt, daß sein Gespött auch die eigenen Träume trifft. Wie in der Heiterkeit des Bluntschli, den er nun auch gleich den andern Freunden Menalk nennt, der bittere Ernst immer deutlicher wird, so ist es auch mit ihm: er trägt im Übermut dieser Tage das Gefühl unabweisbarer Entscheidungen in sich, die mit all diesen flatternden Sehnsuchten und Lebensspielereien seiner verzettelten Jugend aufräumen werden; daß der Demosthenes dabei sein wird, ist ihm sicher.
Das Frühjahr will diesmal nicht kommen; immer wieder schütten die Wolken Schneeflocken in den Regen, und wo sich ein blaues Stück Himmel zeigt, blasen die kalten Winde es wieder zu. Heinrich Pestalozzi geht nun fast täglich nach der Zimmerleutenzunft hinunter, wo der Menalk meist am Fenster sitzt und in die Limmat sieht. Er ist hager geworden, mit tiefen, forschenden Augen und einer merkwürdigen Art, seine Knochenhand auf die Dinge zu legen, die er braucht. Seine Heiterkeit aber ist geblieben, und er spricht gern, als ob er jetzt erst den richtigen Abstand von seiner Mitwelt habe, die ihm sonst zu nahe und daher bedrückend gewesen sei.
Wenn Heinrich Pestalozzi nachmittags gegen die Dämmerung kommt, trifft er leicht mit der Anna Schultheß zusammen, die für eine Stunde bei dem Freund ist. Menalk hat es nicht gern, wenn er dann stört, und so meidet er die Stunde. Um so lieber spricht der Kranke, der immer deutlicher ein Sterbender wird, von ihr, die -- um fünf Jahre älter als er -- doch wie eine jüngere Schwester zu ihm steht. Sie hat als Mädchen noch die merkwürdige Zeit erlebt, wo der Dichter Klopstock ein halbes Jahr lang in Zürich lebte, und entsinnt sich seiner wohl, wie er auch in ihrem Elternhaus zum Pflug war. Da sie wohlhabend und vielgereist ist, dabei schön von Gesicht und Gestalt, gilt sie den jüngeren Freunden ihres Bruders Kaspar als eine Art Muse, und es war immer eine besondere Feier, wenn sie an einer ihrer Veranstaltungen teilnahm. Dabei ist sie seit langem Bluntschli so offensichtlich zugetan, daß sich kein anderer um sie zu bemühen wagt; und seitdem sie mehrmals Bewerbungen abwies, was bei ihrem Alter auffällig war, gilt es für ausgemacht, daß sie einmal Menalks Frau würde, obwohl die Eingeweihten wissen, daß ihr Verhältnis zu dem Kandidaten viel mehr geschwisterlich ist.
Je sichtlicher die kranke Brust Menalks den letzten Kampf mit dem unheimlichen Feind aufnimmt, um so mehr spricht er von der Freundin; einmal so schwärmerisch, daß Heinrich Pestalozzi ihn erstaunt ansieht. Er bricht dann mitten in der Schilderung ab und sieht lange vor sich hin, bevor er die Augen zu ihm hebt: Wir haben zu viel Eifer in unsern Sitten gehabt und zu wenig Liebe! Und als ob auch das noch nicht richtig sei, nach einer Weile: Ich habe nun so viele Tage vor Gott gesessen; am Ende weiß er doch besser als wir, was vonnöten ist. Es ist da eine leere Stelle in mir geblieben, aber ich kann sie nicht mehr füllen! Er hat seine große Hand über das Herz gebreitet und nimmt sie auch nicht mehr fort. Als Heinrich Pestalozzi aus seiner Erschrockenheit aufblickt, sieht er die Spur einer Träne, die ihm über die hageren Backenknochen in den Mundwinkel geronnen ist.
An einem Abend im Mai wird er zu ihm gerufen. Der alte Steinmetz -- Menalk ist der zweitjüngste von neun Kindern, und die Mutter liegt seit drei Jahren auf dem Kirchhof -- hat ihn noch einmal aus dem Bett ans Fenster tragen müssen, wo er im Kissen sitzt. Als ob er die Rechnung mit der Bitterkeit seines frühen Todes nun fertig gemacht habe, sieht er ihm befreit und heiter entgegen; spricht dann lange nichts, und als Heinrich Pestalozzi zögernd fragt, wie er sich befinde, hört er nicht darauf. Endlich scheint er die vorgefaßten Worte zu finden: Ich gehe sterben, sagt er und sieht auf seine Hände, die nebeneinander vor ihm liegen: du baust zuviel Pläne; die Menschen sind nicht so, wie du sie glaubst. Bescheide dich in einer stillen Laufbahn, und laß dich auf keine weitgehenden Unternehmungen ein ohne einen Ratgeber, der die Menschen und die Sachen kaltblütiger nimmt als du. -- Es ist mein Testament, setzt er nach einigen Atemzügen hinzu, und der Schatten von einem wehmütigen Lächeln hängt an den Lippen, als ob er sich entschuldigte, daß es nur Worte wären. Als Heinrich Pestalozzi nach einer erschütternden Stille sprechen will, wehrt er ab: Geh jetzt, wir sehen uns noch!
Am andern Mittag will er nach ihm sehen, da kommt ihm aus der Tür Anna Schultheß entgegen. Wie gehts? fragt er beklommen, weil sie die Tränen achtlos rinnen läßt. Sie vermag nichts zu antworten, hebt nur die Hände, als ob die allein noch sprechen könnten, und für einen Augenblick scheint es, wie wenn sie in einer Ohnmacht hinsinkend sich an ihm halten wolle; dann eilt sie fort. Ihre Augen, die vom Schrecken übergroß geweitet und glanzlos vom Weinen sind, verlassen ihn nicht, bis er in die Stube tritt. Da steht Lavater mit einigen Freunden; sie sehen schweigend auf den Sterbenden, der nicht mehr spricht, nur hastig atmet wie einer, der zu rasch gelaufen ist. Einmal macht er die Augen groß auf, doch sieht er keinen mehr in der Stube; nach langem tut er ein paar tiefe Atemzüge, als ob er endlich Luft genug in seine Lungen bekäme, dann scheint er sich erlöst zum Schlaf hinzulegen; aber es ist der Tod gewesen, und Lavater, der es am ersten sieht, drückt ihm mit behutsamen Händen die Augenlider zu.
Die andern gehen danach fort; Heinrich Pestalozzi vermag es nicht, er fühlt, daß ihm mehr als ihnen gestorben ist. Aber als er stundenlang vor der Unbegreiflichkeit gesessen hat und, einer Regung folgend, dem Freund noch einmal die Hand geben will, ist sie schon kalt und nicht mehr menschlich; da fühlt er mit Grauen, daß etwas Fremdes an seiner Stelle liegt. Darüber kommt Lavater, dessen Umsicht dem alten Vater die nötigen Besorgungen abnimmt, mit zwei Frauen wieder, die den Leichnam waschen und für den Sarg herrichten wollen; der führt ihn hinunter und geht, ohne ein Wort zu sagen, mit ihm vielmals am Wasser hin und her, wo die Maisonne ihre Wärme in das Wasser schüttet und die Schwäne den Blust ihrer Federn spreizen. Als sie sich trennen, verspricht er ihm eine Zeichnung von dem toten Freund.
Ich habe so viele Tage vor Gott gesessen! Das Wort Menalks ist in ihm wie ein Stein geblieben, der immer tiefer sinkt; und je mehr er den Freund im Unbegreiflichen fühlt, weit fort von dem Leichnam, den fremde Frauen wuschen, um so inniger bildet er an seiner Gestalt, wie er da tagelang vor der letzten Entscheidung gesessen hat. Am andern Morgen bringt ihm Lavater die Zeichnung; er legt sie erschrocken fort, daß ihm das Bildnis des Toten die Erinnerung an den Lebendigen nicht störe, und während das Blatt unter seinen Blättern versteckt liegt, fangen seine Gedanken ein Denkmal an, das mehr als diese Zeichnung sein möchte.
Er soll Träger sein, aber als die Glocken zum Begräbnis läuten, steht er noch immer mit dem Babeli im Eifer über seiner Kleidung. Bis er hinunter kommt, tragen sie den Sarg schon ohne ihn die Gasse hinauf. Er will sich verzweifelt durchdrängen, aber die Jünglinge und Männer, die da mit ernsten Gesichtern in der vorgeschriebenen Ordnung schreiten, lassen ihn nicht hinein. Unfähig, sich den letzten anzuschließen, irrt er fort -- ein Überflüssiger auch hier -- und findet sich aus seiner Beschämung erst am Kirchhof wieder, als die ersten schon heimkehren. Hinter Büschen versteckt, wartet er die letzten ab und sieht den Totengräber beschäftigt, dem Hügel mit der Schaufel die vorgeschriebene Form zu geben. Er wagt nicht eher, an das Grab zu gehen, bis auch der Mann fort ist. Was er dann vor sich hat, ist nichts als ein Stück Frühlingserde, vom Gärtner frisch zubereitet, das er bald wieder verläßt.
Obwohl er den Totengräber beobachtet hat, wie der das Tor hinter sich zumachte, bedenkt er nicht, daß es geschlossen sein könnte; erst als er hinaus will, sieht er sich gefangen. Es ist kein zu großer Schrecken für ihn, und er hätte schon einen Schlupf gefunden; aber als seine Hände noch in der ersten Überraschung die Torstäbe halten, sieht er den Totengräber mit einer schwarzen Jungfrau zurückkommen, die einen Strauß Frühlingsblumen trägt. Er weiß auf den ersten Blick, daß es Anna Schultheß ist, die dem Grab des Freundes zunächst einen Gruß bringen will. Gern möchte er sich noch verstecken, aber die beiden haben ihn schon gesehen; so wartet er steif an dem Tor, bis es geöffnet wird. Der Mann ist mißtrauisch und augenscheinlich nicht gewillt, ihn durchzulassen, wenn er nicht vor seiner Begleiterin in der lächerlichsten Verwirrung den Hut gezogen hätte; so läßt er ihn laufen, der aus seiner Scham weder ein Wort noch eine Miene der Erklärung findet und fassungslos nach der Stadt hinunterstürmt.
Er fühlt die Zweideutigkeit seiner Lage sofort: die Freundin kann nicht anders glauben, als daß ihn der besondere Schmerz um den Menalk zurückgehalten habe; und soviel er in seiner Bestürzung von ihrem Gesicht wahrnahm, ist der Dank ihrer guten Meinung schon darin gewesen. Indem er fortrennt, statt ihr gleich tapfer die Umstände zu gestehen, hat er die Zweideutigkeit noch vermehrt; denn sie muß sich auch das noch auf einen Schmerz deuten, was nichts als die erbärmlichste Feigheit ist. So steht er am Grab des gemeinsamen Freundes in einer Schauspielerei vor ihr, die unaufgeklärt eine böse Lüge und aufgeklärt eine unerträgliche Beschämung bedeutet. Trotzdem er sich sogleich tapfer für die Beschämung entscheidet, liegt bis dahin die Lüge auf ihm; und das Gefühl davon saugt alles auf, was an selbstklägerischen Gedanken seiner wirren und fahrlässigen Jugend schon vorher in ihm gewesen ist, sodaß er an der alten Stadtmauer hin und gegen die Bollwerke rennt, als ob ihn diese Flucht vor sich selber retten könne. Als er sich ganz in das Mauerwerk verlaufen hat, wirft er sich hin, und niemals hat er so die Erschütterung zu weinen gespürt wie unter der blaßblauen Himmelsglocke dieses Frühlingstages.
33.
Heinrich Pestalozzi ist einundzwanzigjährig, als der Tod des gemeinsamen Freundes ihn der Anna Schultheß nähert und dem sehnsüchtigen Schwall seiner Jugend einen frühzeitigen Durchbruch ins Leben bringt. Seit der Begegnung an der Kirchhofstür geht sie schwarz gekleidet mit Frühlingsblumen durch seine Träume, und wo seine wachen Gedanken den Gestorbenen wehmütig bekränzen. Er hat ihr eine offene Darstellung seiner Irrgänge am Begräbnistag gesandt und den flackernden Leichtsinn seiner Jugend nicht geschont, um das Gegenbild des toten Freundes hell vor die Dunkelheit zu stellen, wie der sein Jünglingsleben streng vollendete und von der Selbstüberwindung mit Heiterkeit gesegnet in den Tod einging.
Die Kaufmannstochter im Pflug dankte ihm kühler, als er erwartete; er spürt aus ihren Schriftzügen und Sätzen, um wieviel gehaltener sie mit ihren neunundzwanzig Jahren zum Leben steht als er mit seinen einundzwanzig: aber weil ihn die heftigen Winde seiner Meinungen den Altersgenossen voraus in die Schwierigkeiten einer eigenen Berufswahl getrieben haben, indessen sie noch den behüteten Gang ihrer Studien gehen, lockt ihn das Ältliche an ihr erst recht. Er weiß es abzupassen, daß er sie bald danach auf einem Spaziergang trifft, und ruht nicht, als sie zu Besorgungen fort muß, bis sie ihm noch eine Stunde am selben Abend verspricht.
Noch liegt für ihn selber das Eingeständnis einer andern als freundschaftlichen Neigung nicht zutage; obwohl lebhaft von den wechselnden Begebenheiten der Vaterstadt hingenommen und in hundert Anlässen geschäftig, die ihn eher vorlaut erscheinen lassen, ist er schüchtern, und er hätte aus sich selber kaum die Entschlossenheit, sie in der Dämmerung auf dem Lindenhof abzuwarten, wenn er nicht durch die schmerzliche Gemeinschaft um den toten Freund in eine so seltsame Nähe zu ihr gekommen wäre. Sie wiederum mag durch Menalk viel Rühmliches von ihm gehört haben, auch ist sie durch ihre Brüder an Kameradschaften gewöhnt: aber als sie dann unter den Bäumen des Lindenhofs beieinander stehen -- es ist diesmal noch zu hell, als daß die Sterne schon funkeln könnten -- sind sie doch nur ein Menschenpaar, das, ungleich im Alter, den Zwang der Natur zu fühlen bekommt. Heinrich Pestalozzi spricht unablässig, von der Winternacht, wo er mit Bluntschli hier gestanden hat, von dessen bitteren Worten und ihrer gemeinsamen Beklommenheit nachher, auch von dem Vermächtnis des sterbenden Freundes am vorletzten Abend, nicht anders, als ob erst jetzt das gedämmte Gefühl einen Abfluß fände: aber er fühlt wohlig die innige Verbindung mit seiner schweigsamen Hörerin, und wieviel er dabei von sich selber in ihre Seele sprechen kann.
Als sie sich trennen, erst leise dann dringend von ihr gemahnt, und sie ihm die Hand gibt, eine weitere heimliche Zusammenkunft nicht unbewegt, aber bestimmt ablehnend, vergißt er sich zu Tränen, sie darum zu bitten, und läßt in seiner Inbrunst ihre Hand nicht wieder los, bis sie sich selber freimacht und flüchtend von ihm fort eilt.
Heinrich Pestalozzi beherrscht sich mühsam, ihr nicht zu folgen, aber er fühlt jeden Schritt ihrer Entfernung wie einen körperlichen Schmerz, und in der Frühe findet er sich, mit einem Seufzer aus sehnsüchtigen Morgenträumen aufgewacht, aufrecht im Bett sitzen. So sehr er sich selber zur Rede stellt und sich des schwärzesten Verrats an Menalk beschuldigt, daß er das Gedächtnis an ihn für seine eigenen Gelüste mißbrauche: der Drang, sie zu sehen, ist so unbezwingbar, daß er unablässig Möglichkeiten aussinnt. Als es ihm am ersten Tag mißlingt, am zweiten und dritten auch, weil sie sich offenbar der gewohnten Gänge enthält, vermag er es am vierten nicht mehr und geht ihr mit einem Vorwand ins Haus. Er weiß, daß sie in der Handlung des Vaters an der Ladentheke bedient, und tritt um die stille Zeit nach Mittag ein. Von der Ladenschelle gerufen, findet sie ihn als Kundschaft, die sie bedienen muß; bis sie den zornig und fast mit Tränen verlangten Zucker für die Haushaltung der Mutter abgewogen und ihm hingelegt hat, ist sie gesammelt genug, ihn ernst zu bitten, das nicht mehr zu tun!
Er kann kein anderes Wort vorbringen; doch hat er sie nun wiedergesehen, und als er dem Babeli den heimlich erworbenen Zuckervorrat in die Küche geschmuggelt hat, verhehlt er sich nichts mehr von seiner Leidenschaft und beginnt, seine Aussichten zu prüfen: Sie ist wohlhabend, und er ist arm; sie trägt ihr schönes Antlitz auf einer wohlgebildeten Gestalt, während er als der schwarze Pestaluz um seiner pockennarbigen und unordentlichen Erscheinung willen in den Gassen verhöhnt wird; sie ist auf zahlreichen Reisen in den Formen des Welttons gebildet und mit Geschmack sorgfältig gekleidet, also auch darin sein Gegenbild: aber sie steht auch mehr als jedes andere Mädchen, das er kennt, mit herzlicher und kluger Kenntnis in der Welt seiner Jugendideale und ist durch die gemeinsame Freundschaft mit Menalk seinem Herzen so nah wie sonst kein Menschenkind in Zürich. Wenn -- wie es heißt -- Lebensgefährten einander ergänzen sollen, vermag er sich nichts Vollkommeneres zu denken als sie; und auch er hofft ihr -- so sehr er in der Gegenwart seine Mängel fühlt -- aus seinen Zukunftsplänen einige haltbare Wechsel bieten zu können. Ihr steht es frei, ihm nein zu sagen, nicht aber ihm, sie zu fragen.
Um sich zu prüfen, schließt er sich vor der Schwester ein -- die Mutter ist in Höngg, den kranken Großvater zu pflegen -- und sagt dem Babeli, daß er krank wäre. Er wird auch wirklich krank in der Unruhe und Marter seiner Sehnsüchte und Hoffnungslosigkeiten, bis er nach hitzigen Fiebertagen einen Brief schreibt. Er sitzt den ganzen Tag daran, und es wird mehr eine Abrechnung mit sich selber, darin er auf der einen Seite die eigenen Mängel zu Bergen auftürmt, um auf der andern seine Neigung und seine Vorsätze dagegen zu stellen. Aber als er nach einer dadurch beruhigten Nacht den Brief noch einmal durchliest, erschrickt er selber über seine Maßlosigkeit und zerreißt ihn. Er beginnt dann von neuem, noch zweimal an dem Tag, auch diese Briefe wieder zerreißend; bis er, aufs tiefste entmutigt über sein Mißgeschick, den ersten Brief noch einmal in besonnener Form wiederholt und, um ein klares Ja oder Nein bittend, ihn auch endlich absendet.
Sie läßt ihn zwei lange Tage und längere Nächte auf Antwort warten; und was sie ihm dann schreibt, ist nur eine Aufzählung der Gründe, die gegen ein innigeres Verhältnis sprechen, und der unverhohlene Wunsch, mit einem abgewiesenen Liebhaber nicht den Freund zu verlieren. Aber Heinrich Pestalozzi ist nun ein abgeschossener Pfeil, der sein Ziel treffen oder verfehlen, nicht mehr zurück kann. Er schreibt ihr wieder, alle Gründe, namentlich den ihres verschiedenen Alters, mit einem Feuerwerk edler Worte widerlegend, und bittet sie aufs neue um eine Unterredung -- die sie ihm zögernd gewährt. Diesmal treffen sie sich frühmorgens auf der Straße nach Höngg, wo die Morgenfrische ihr gegen seine brandige Leidenschaft hilft; doch muß sie ihm zugestehen, daß er ihr schreiben und sie manchmal auch sehen dürfe. Sie hält danach noch wochenlang an ihrer Bedingung fest, daß alles zwischen ihnen im Rahmen der Kameradschaft bleiben solle. Aber mit abendlichen Stelldicheins und morgendlichen Spaziergängen, mit langen Briefen und innigen Gesprächen nistet sich auch bei ihr die Liebe ein, und als der Sommer auf seiner Höhe ist, vermag Anna Schultheß dem Ansturm seiner Gefühle nicht mehr zu widerstehen. Es schreckt sie nicht mehr, daß ihre Mutter den schwarzen Pestaluz als einen unnützen und prahlerischen Schwarmgeist verabscheut und selbst ihr Bruder Kaspar ihn einen Knaben nennt, während der Zunftpfleger ihr zuliebe mit seinen sichtbaren Bedenken humoristisch zurückhält, es schreckt sie nicht einmal, daß sie selber an seinen Äußerlichkeiten Anstoß nimmt: sie hat in dem Schwarmgeist die Tiefe der Gesinnung und in dem Knaben die Weite der Seele gespürt, die sich freilich an allzu vielen Projekten begeistert, deren grenzenlose Kühnheit sie aber mit Stolz empfindet. Auch die rastlose Werbung tut das ihre, sie von der Unbeirrbarkeit seines Willens zu überzeugen: als er wieder einmal vor ihr steht mit den dunklen Augen, aus denen seine Seele in wahren Strahlenkränzen zu leuchten scheint, beugt sie ihren Stolz der Kaufmannstochter, ihre weltklugen Erwägungen und die Einsicht der älteren Jahre vor dem Ungestüm seiner Jugend und legt sich -- auf die mancher wohlhabende Geschäftsfreund ihres Vaters im stillen noch hofft -- mit dem Gelöbnis unverbrüchlicher Treue in die Arme des einundzwanzigjährigen Jünglings Heinrich Pestalozzi.
Mittag
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