Lebensbilder

Part 2

Chapter 23,459 wordsPublic domain

„Und Du denkst Dich hier dauernd niederzulassen?“ forschte der Freund.

„Ich suche soeben eine hübsche Stadtwohnung, von vier bis fünf Zimmern, die ich mir mit allem Comfort herzurichten gedenke!“

„Siehst Du, alter Knabe!“ rief Detmold hocherfreut, „das ist die gescheiteste Idee Deines Lebens! -- Doch was willst Du mit einer so großen Wohnung?“ fuhr er nach einer Pause fort.

„Nun, nun,“ erwiderte jener sichtlich verlegen, „man mag doch nicht immer allein bleiben und dann erwarte ich“ -- er hielt inne, da ihm ein Geständniß, das ihm schwer auf den Lippen schwebte, nicht so recht herunter wollte.

Doch Detmold schien dies kaum zu bemerken. „Hast auch Recht,“ nahm er das Wort, „daß Du Dir, nachdem Du auf eine gesegnete Thätigkeit zurückblicken kannst, das Leben angenehm machen willst! ~A propos!~“ begann er nach kurzer Pause, während er mit Behagen seinen Mocca schlürfte, „da fällt mir ein, daß die Sectionsräthin Sturm in ihrem neu erbauten Hause am Ring eine prächtige Wohnung zu vergeben hat; sie bewohnt das Parterre, im zweiten Stock wohnt ein Börsianer, der erste Stock ist noch frei. Du kommst da gleich zu einem sehr angenehmen, geselligen Verkehr, die Räthin ist eine charmante, sehr gastfreie und unterhaltende Dame, die Töchter sind gebildete, überaus reizende Mädchen, in deren Umgang Du sicher --“

„Aber bester Freund, Du willst mir doch nicht gar eine Partie aufschwatzen?“

„Das will ich nicht, bei Gott!“ entgegnete Detmold ernsthaft; „weiß ich ja, daß Du Deine Marie nie vergessen wirst, und wenn schon die Räthin nach einem reichen Freier für ihre älteste Tochter ausspäht, lag mir eine solche Combination fern. Mich leitete nur der Gedanke, Dir, der Du hier fremd bist, ein gastliches Haus zu eröffnen --“

„Ich verstehe,“ unterbrach ihn Buchler, „und bin Dir dankbar für Deine Fürsorge. Wollen wir mit einander die Wohnung anschauen?“

„Du hast heute ganz über mich zu verfügen, alter Freund!“ entgegnete Detmold.

Gar bald standen die beiden Männer vor einem großen stattlichen Hause.

„Frau Räthin zu sprechen?“ fragte Detmold den Portier.

„Die Gnädige muß jeden Augenblick zurückkehren!“ entgegnete Jean.

„So nehmen wir einstweilen die Wohnung in Augenschein!“ sagte Detmold, die Treppe hinaufgehend. Kaum hatten die beiden Männer die Runde durch die mit allem Comfort eingerichteten Räume gemacht, als man unten einen Wagen vorfahren hörte.

„Unsere Frau Wirthin!“ sagte Detmold, der an’s Fenster getreten war, „willst Du mit ihr sprechen?“

Doch ehe dieser noch zu einem Entschluß kommen konnte, stand schon ein Diener vor ihnen, der die Herren bat, in den Salon der Frau Räthin hinunter zu kommen.

„Bist Du hier Hausfreund?“ neckte Buchler; „Madame ist ja sehr pressirt, Dich zu empfangen?“

„Oder richtiger, ihre Wohnung zu vermiethen! Der Portier hat ihr vermuthlich gesagt, daß ich mit einem Fremden hinaufgegangen.“

„Mein lieber, werther Professor, wie lange haben wir Sie nicht gesehen!“ erscholl es, als sie noch kaum den Salon betreten, aus dem Munde einer kleinen, runden Frau, der Detmold alsbald seinen Freund Buchler aus Calcutta mit dem Zusatze: „Millionär außer Dienst!“ vorstellte.

Die Räthin machte eine augenscheinlich tiefere Verbeugung, als sie eigentlich beabsichtigt, der „Millionär“ schien ihr gewaltig zu imponiren. Mit überaus gewinnender Liebenswürdigkeit lud sie ihn ein, neben sich auf dem Divan Platz zu nehmen und hatte gar bald mit der klugen Frauen eigenen Unterhaltungsgabe erkundet, was sie wissen wollte. Buchler war enorm reich, fünfundvierzig Jahre, wollte sich hier niederlassen, eine Wohnung mit allem Comfort einrichten, das Leben genießen! Er war noch ein hübscher, ansehnlicher Mann, mit dem selbst ein achtzehnjähriges Mädchen, so meinte sie, hätte glücklich sein können. Gar schnell war in dem Köpfchen der klugen Frau ein Plan gereift; ihre Camilla war 24 Jahre alt, aus der Verbindung mit dem mittel- und stellunglosen Doctor Richard könnte nichts werden, der Millionär, den ihr der Zufall in’s Haus geschneit hatte, mußte mit allen Mitteln der Coquetterie und Liebenswürdigkeit derart gefesselt werden, daß er, mochte er Heiratspläne haben, oder nicht, um Camilla werben mußte.

Dem arglosen Buchler sagte die sympathische unterhaltende Dame sehr zu; er fragte kaum nach dem Preis der Wohnung und erklärte, daß, obgleich er gern noch ein Fremdenzimmer eingerichtet hätte, er doch der angenehmen Geselligkeit wegen, die ihm Madame in Aussicht gestellt, auf eine größere Wohnung verzichten und diese miethen werde. Die Räthin war überselig; das war ihr in ihrer jahrelangen Praxis als Hausherrin noch nicht vorgekommen, ein Miether, der nicht einmal nach dem Preise fragte!

„Er muß ein Nabob sein!“ sagte sie, nachdem die Herren gegangen, zu ihren Töchtern, die im Nebenzimmer die Unterhaltung mit angehört hatten, „wir können uns Professor Detmold zu aufrichtigstem Danke verpflichtet halten, daß er uns diese Bekanntschaft vermittelt.“ „Beste Mama,“ entgegnete Camilla, ein hübsches blondlockiges Mädchen, dem Freude und Lebenslust aus den Augen schauten, „wenn Du doch nur den alten, langweiligen Professor --“

„Thörin,“ unterbrach sie die jetzt völlig metamorphosirte Mutter, deren Blick ernst und finster geworden war, „Du könntest leicht Frau Professor sein, wenn Du es verstanden hättest, Deine Vorzüge zur Geltung zu bringen.“

„Soll ich dies vielleicht, da ich es bei Detmold unterließ, bei dem indischen Nabob versuchen?“ fragte Camilla schelmisch lächelnd.

Die Räthin schien den Spott nicht herauszuhören. „Gut, daß Du endlich einmal zur Vernunft kommst, Mädchen,“ sagte sie, dicht zu ihr heran rückend. „Ich will Dir all’ Deine bisherigen Unklugheiten verzeihen, wenn Du mir in diesem Punkte zu folgen versprichst!“

„Also, was soll ich thun, Mütterchen, um Deine Zufriedenheit zu erwerben?“ fragte Camilla, sich zum Ernste zwingend. „~Mon Dieu~,“ entgegnet die Räthin nach Worten suchend, „soll ich denn einem Mädchen von vierundzwanzig Jahren Vorschriften geben, wie sie sich benehmen soll, um ihre Zukunft zu sichern? Mr. Buchler wird unser Hausgenosse sein, wir werden selbstverständlich Gelegenheit haben, ihn öfter zu sehen, ihm bei seiner Einrichtung und Wirthschaftsführung an die Hand zu gehen, Du wirst Dich ihm als praktische Haustochter unentbehrlich machen, unser Freund Detmold ist sein Intimus, selbstverständlich wird das ‚Motto‘ gelten: ‚~Les amis de mes amis sont aussi mes amis‘!~“

„Und weiter nichts als ~amis~?“ spottete das übermüthige Mädchen. „Gut, Mama, auf diesen Vorschlag will ich eingehen; ich werde den alten indischen Nabob mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu umstricken suchen, verspreche Dir, ihm sogar, und wenn er uns täglich besuchen sollte, etwas vorzulesen, vorzusingen, vorzuspielen, vorzuweinen --“

„Du bist und bleibst eine Närrin!“ unterbrach sie die Räthin unwillig. „Doch ich erkläre Dir fest und entschieden, Camilla, daß, wenn Du all’ meine Pläne consequent kreuzen wirst, ich Dr. Richard von heute an den Verkehr in unserem Hause untersage.“

Das schöne Mädchen wurde nachdenklich.

„Aber Mutterlieb“, begann sie, ihre Arme um den Hals der kleinen Frau schlingend, „was hat Dir denn Adalmar gethan? Ist er nicht der beste Gesellschafter, der aufrichtigste Freund?“

„Und die aussichtsloseste Partie, die Du nur anstreben kannst!“ entgegnete die Mutter.

„Strebe ich denn eine Partie an?“ fragte Camilla verwundert.

„Das ist ja eben Dein strafbarer Leichtsinn, daß Du es nicht thust! Ein Mädchen in Deinen Jahren, ohne Vermögen, ohne Versorgung, hat die Pflicht --“

„Aber Pardon, beste Mama, sich doch nicht etwa einem alten, abgelebten Manne als Krankenpflegerin zu opfern?“

„Du kannst mich mit Deinen albernen Ansichten bis zur Verzweiflung bringen!“ entgegnete die Räthin mit dem Fuße stampfend; man sah jetzt, wie die noch eben im Verkehr mit den beiden Herren so äußerst einnehmende Frau bitterbös sein konnte, so daß sich ihre Züge bis zur Unkenntlichkeit entstellten. Schmollend verließ sie das Zimmer. Kaum war die Thür hinter ihr in’s Schloß gefallen, als Camilla ein Bild aus ihrem Notizbuch hervor nahm, und es, indem ihre Augen sich mit Thränen füllten, herzlich küßte. „Mein Adalmar, Dein auf ewig!“ flüsterte sie, „und wenn zehn indische Nabobs mir ihre Schätze zu Füßen legen wollten!“

II.

Leopold Buchler hatte seine herrlich eingerichtete Wohnung im ersten Stock bezogen; die Räthin war ihm in besonderer Liebenswürdigkeit bei der Beschaffung der Einrichtung hilfreich gewesen, sie hatte Tapezierer und Decorateure bei ihren Arbeiten überwacht, eine Haushälterin engagirt, Dienstboten aufgenommen -- Buchler wußte in der That nicht, wie er der ihm vollständig fremden Dame ihre Freundlichkeit danken sollte. Madame war klug genug, bis jetzt nichts von ihren Töchtern hören zu lassen, Camilla hielt sich, so oft der „Nabob“, anders titulirte sie ihn nicht, bei ihnen vorsprach, consequent verborgen. Doch nun gab es zur Einweihung der neuen Wohnung ein Fest, bei dem selbstverständlich die Räthin die Honneurs machte und „sammt Familie“ eingeladen war. Buchler war in der That überrascht, die noch jugendliche Frau mit drei jungen Damen erscheinen zu sehen, die für ihre Schwestern hätten gelten können. In chevaleresker Weise machte er den jungen Damen, aber nicht minder der Mutter Complimente, und fast stieg schon in der noch immer feschen, lebenslustigen Frau die Idee auf: „Wie, wenn er Dich meint?“ Sie war vierundvierzig Jahre, konnte aber noch gut für sechsunddreißig gelten; einst eine berühmte Schönheit, waren ihre Züge immer noch angenehm, ihre Figur litt zwar durch die zunehmende Körperfülle, doch verstand sie so prächtig Toilette zu machen, daß Jedermann noch die schöne Räthin Sturm von ehemals sah.

Nur einen Augenblick konnte sie jenem Gedanken nachhängen, das Muttergefühl war stärker als der Wunsch für ihr persönliches Glück. Camilla glänzend verheiratet zu sehen, war ihr Hauptziel. Geschickt wußte sie Buchler in eine Unterhaltung mit Camilla zu verflechten und schien sichtlich erfreut, die Tochter so gesprächig und liebenswürdig zu finden, wie sie sie lange nicht gesehen.

Auch Camilla hatte ihren Plan; war die Mutter berechnend, so glaubte die Tochter noch berechnender sein zu sollen. Ja, sie wollte sich die Gunst des reichen Buchler, dessen Neffe, wie sie wußte, Professor Wenzel in Prag war, gewinnen. Wenn dieser ihrem angebeteten Adalmar zu einer Stellung an der Prager Universität verhalf, konnte selbst die ehrgeizige Mutter, die durchaus für sie eine „glänzende Partie“ anstrebte, nichts gegen ihre Verbindung einzuwenden haben.

Diesem Plane gemäß war Camilla von ausnehmender Freundlichkeit gegen Buchler, sie wußte ihm mit schalkhaftem Ernst dies und jenes pikante Histörchen zu erzählen, dann wieder ihn selbst zum Reden zu veranlassen, und da sie gar bald gewahrte, daß er mit Vorliebe von seinen fernen Besitzungen, seinem früheren Geschäft, der Seereise etc. sprach, war sie bald die aufmerksamste Zuhörerin, der zuliebe er die ganze, ihn umgebende Gesellschaft zu vergessen schien.

Die Räthin strahlte vor Wonne und Glück; nie hatte sie geglaubt, daß Camilla denn doch noch Raison annehmen und auf ihre Pläne eingehen werde. Man setzte sich zur Tafel; Buchler, der ursprünglich beabsichtigt hatte, die Räthin zu Tisch zu führen, fühlte sich derart von dem Reiz, den das junge Mädchen auf ihn ausübte, bestrickt, daß er an ihrer Seite blieb und auch, nachdem die Tafel aufgehoben war, stetig um sie bemüht blieb. Bald holte er Noten herbei, um sie zum Singen zu veranlassen, bald Kupferstich-Sammlungen, die sie, wie er meinte, interessiren müßten. Im Grunde interessirte sie nur, daß sie im Laufe der mehrstündigen Unterhaltung herausgebracht, Professor Wenzel sei ein sehr zugänglicher, liebenswürdiger Mann, dessen Besuch er, sobald die Hörsäle geschlossen, erwarte. Sie selbst nahm Buchler, als man sich trennte, das Versprechen ab, recht oft ihr Gast sein zu wollen, und um in ihrem ~bon-homme~ nicht etwa Hoffnungen zu nähren, die sie nicht zu erfüllen gewillt war, theilte sie ihm ganz im Vertrauen und unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses mit, daß sie ihn mit einem hochbegabten jungen Manne, einem enthusiastischen Verehrer seines Neffen bekannt machen wolle, der, so sehr er ihr gefalle, das Unglück habe, der Mama zu mißfallen, da er stellenlos sei.

Buchler schien sich sichtlich durch das ihm geschenkte Vertrauen geehrt zu fühlen und gestand sich gar bald, daß er lange kein Mädchen gesehen, das bei eminentem Geist und gediegener Unterhaltungsgabe so viel Wahrheit und Natürlichkeit besäße.

Als er wenige Tage hernach in der Wohnung der Räthin einen Besuch machte, fand er Dr. Adalmar Richard anwesend, der ihm, zum nicht geringen Erstaunen der Räthin, mit herzgewinnender Freundlichkeit entgegen kam. „Ahnt Adalmar in ihm keinen Nebenbuhler?“ fragte sie sich. Thut der doch sonst, wenn er irgendwo einen Rivalen wittert, als wollte er ihn vergiften.

Buchler seinerseits betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen den schönen jungen Mann, dessen edle hohe Gestalt, dessen geistfunkelndes Auge Jedem imponiren mußten. Mit Freuden nahm er Dr. Richard’s Vorschlag, ihn auf seinen Ausflügen in der Umgegend zu begleiten, an, lud auch die Räthin und Camilla zu denselben ein, da, wie er ziemlich unbeholfen sagte, „die Equipage ja nun doch einmal täglich gemiethet sei“.

Einem Andern würde die Räthin eine derartige taktlose Einladung nie verziehen haben, doch in diesem speciellen Falle schien die sonst in Etiquettefragen ungemein subtile Dame keine Verletzung des guten Tones zu finden; war ihr auch die Gesellschaft Adalmar’s ziemlich lästig, so hoffte sie doch, diesen bald in geschickter Weise beseitigen zu können, und dann galt ja auch die Gelegenheit, täglich des Nabob elegante Equipage zur Verfügung zu haben, sich an seiner Seite zeigen zu können, nicht wenig.

Die gute Frau legte sich gar manche Strapaze auf, sie war auf Promenaden, Landpartien, in Theatern und Concerten stets die vorsorglichste Garde-Dame und stellte es, wenn gute Freundinnen auf ein intimes Verhältniß hindeuteten, kaum in Abrede, daß Mr. Buchler ihr ein erwünschter Schwiegersohn sei.

Dr. Richard war einige Wochen hernach, wie es hieß, nach seiner Heimat abgereist, in Wirklichkeit aber nach Prag, wo er sich auf Anrathen und Empfehlung Buchler’s an Professor Wenzel wenden sollte, um dessen Protection zu gewinnen. Täglich sandte er Briefe an Camilla, doch da die Räthin energisch gegen einen Briefwechsel protestirt hatte, machte der gutmüthige Buchler den Mittler und erntete für jedes Briefchen, das er Camilla heimlich zusteckte, tausend Dank. Diese Heimlichkeiten entgingen dem sorglichen Auge der Räthin nicht, doch lag ihr Alles ferner, als sie zu stören; sie war sogar unvorsichtig genug, ihrer Busenfreundin mitzutheilen, daß Buchler sterbensverliebt sei und Camilla täglich Correspondenzen sende, so liebeglühend, so feurig, daß sie sicher seiner Erklärung entgegensehen könne.

Buchler sprach jetzt auch öfter von einem Feste, das er demnächst zu geben beabsichtige, von lieben Verwandten, die zu demselben eintreffen sollten. Niemand fragte, wer diese Verwandten wären, Professor Detmold, der täglich im Hause verkehrte, hatte wohl gelegentlich von einer Nichte gesprochen, die bei Innsbruck auf einem Gute lebe, -- vermuthete man, daß diese oder eine andere Verwandte kommen werde? Da man den zu erwartenden Besuch nicht kannte, interessirte man sich nicht für ihn. Gerne ließ sich die Räthin vom Professor Detmold von Buchler’s verstorbener Gattin unterhalten. Er schilderte sie als eine eminent schöne, geistbegabte Frau, der Buchler von ganzer Seele zugethan war. „Sonderbar,“ sagte die Räthin, „daß Buchler nie an eine Wiederverheiratung gedacht hat!“

„Das wundert mich durchaus nicht!“ entgegnete der Professor; „wer einmal wahr und rein geliebt hat, bleibt dieser Liebe getreu!“

Die Räthin lächelte im Stillen; sie glaubte in Buchler’s Herzensangelegenheiten besser unterrichtet zu sein.

Die Beiden hatten nicht bemerkt, daß gleich bei Beginn ihres Gespräches die Portiere leicht gehoben worden, doch eben so schnell wieder fiel. Buchler, der gerade seinen Namen nennen hörte, war zurückgetreten. „Der gute Professor wird es Dir nicht verzeihen können,“ dachte er, „wenn er denn doch über kurz oder lang die große Neuigkeit erfahren muß.“ Leise ging er wieder hinaus und traf im Vorzimmer Camilla, der er ein eben erhaltenes Briefchen zusteckte. Sie dankte ihm herzlich und verschwand sogleich im anstoßenden Gemach. Die Räthin hatte die Thür gehen hören, ja, sie glaubte sogar Buchler’s Tritt erkannt zu haben. Eilig war sie hinausgegangen und kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, wie Camilla einen Brief freudestrahlend aus Buchler’s Hand in Empfang nahm.

Wiederum lächelte sie und dachte still für sich: „Was doch so ein Professor ungeachtet seiner Gelehrsamkeit stockdumm ist!“ Buchler eilte die Stiegen hinauf; die Haushälterin erwartete ihn schon an der Thür, um ihn zu fragen, ob er heute zum Frühstück Rinderfilet oder Kalbsbraten, Roth- oder Weißwein, Compot oder Salat wünsche.

„Liebe, beste Frau Lorenz,“ sagte er, sie um die Taille fassend, „fragen Sie mich nicht, ich weiß ja, was Sie mir vorsetzen, ist gut und schmackhaft.“

Frau Lorenz schien überglücklich ob dieses Compliments und tänzelte wie ein Backfischchen hinaus, um für den gnädigen Herrn Alles herzurichten.

„Alte Närrin!“ sagte Buchler ihr nachsehend, „ich glaube gar, sie hat sich heute geschminkt!“

„Jean,“ rief er dem eintretenden Diener, „recherchire doch mal, ob die Lorenz nicht gar Schminktöpfchen und derlei Kleckserei gebraucht; es schien mir heut ganz“ --

„O, gnädiger Herr,“ unterbrach Jean lachend, „ich selbst habe sie ihr holen müssen und könnte Ihnen noch Manches erzählen, was sie anstellt, um Ihnen zu gefallen.“

„Nun was denn?“ fragte Buchler augenscheinlich belustigt.

„Früh vor dem Kaffee trinkt sie beispielsweise drei rohe Eier -- das gibt klaren Teint, sagt sie, dann läßt sie sich kalt abreiben und frägt jedesmal hernach das Stubenmädchen: ‚Sehe ich jetzt frisch aus?‘ Dann geht es an’s Schnüren und Schminken, ich glaube sie braucht zwei Stunden, bis sie mit ihrer Toilette fertig wird.“

„Aber, mein Gott,“ unterbrach Buchler, „für wen putzt sie sich denn, die alte Schachtel?“

Jean lächelte verschmitzt. „Sie glaubt,“ entgegnete er, „der gnädige Herr würden sie“ --

Plötzlich schien ihm die Zunge wie gelähmt; das verhängnißvolle Wort wollte nicht über seine Lippen.

„Was würde ich?“

Jean blieb stumm.

„Aha,“ lachte Buchler hell auf; „ich bin ja für Euch -- schon gut, schon gut,“ unterbrach er sich plötzlich und bedeutete Jean, das Zimmer zu verlassen. „Spaßhaft!“ sagte er dann; „hat mir der gute Detmold überall den Ruf eines reichen Witwers gemacht und noch heut habe ich nicht das Herz, ihm seinen guten Glauben zu nehmen!“ „Doch,“ fuhr er nach einigem Nachdenken fort, „weshalb auch? Die Sache ist amüsant! Meine liebenswürdige Wirthin glaubte, ich sei ein Prätendent auf Camilla’s Hand, die gute Lorenz hegt und pflegt mich wie ein neugebornes Kind, putzt sich für mich, schminkt sich, träumt wohl gar von mir -- wahrlich, die alten Junggesellen sind gar nicht so bedauernswerth, wie ich stets geglaubt!“

Soeben öffnete die holde Hausfee die Thür und brachte auf einem silbernen Cabaret so viel herrlich duftende Speisen, daß man auch, ohne Appetit zu haben, sich zum Essen veranlaßt gefühlt hätte.

„Oho, meine gute Lorenz,“ sagte Buchler, „weshalb lassen Sie Jean nicht serviren?“

„Ich bringe es dem gnädigen Herrn lieber selbst!“ entgegnete die Angeredete, verschämt lächelnd.

„Sie denken, es schmeckt mir besser, wenn --“

„Wie gut der gnädige Herr meine Gedanken errathen können!“ unterbrach die Haushälterin.

Schon hatte sie Alles appetitlich aufgestellt und schickte sich eben an, einen Stuhl zu nehmen und sich dem Hausherrn gegenüber zu placiren.

„Warum, liebe Lorenz, halten Sie sich in so angemessener Entfernung?“ fragte Buchler gutmüthig lächelnd; „wollen Sie nicht bei mir auf dem Divan --“

„O bitte, gnädiger Herr,“ unterbrach sie erröthend, „das würde sich nicht schicken; muß unser Einer nicht auch auf Ehre und Reputation halten?“

Indem glättete sie die weiße, reich mit Stickereien besetzte Schürze, zog den Brustlatz gerade und lächelte so stillvergnügt in sich hinein, als hätte sie einen Haupttreffer gemacht.

„Wie alt sind Sie eigentlich, meine liebe Frau Lorenz?“ fragte Buchler, nachdem er sich reichlich bedient. Die Angeredete wurde über und über roth. „Achtundzwanzig!“ sagte sie, verschämt die Augen niederschlagend. Buchler lachte hell auf. „Achtundzwanzig? Da haben Sie sich ja prächtig conservirt! Ich hätte Sie höchstens für zweiundzwanzig gehalten!“

Das war denn doch zu stark! Ungläubig schaute ihn die Achtundzwanzigjährige, die bei sich selbst recht gut wußte, daß sie nahezu vierzig Lenze hinter sich habe, an, doch Buchler hatte sein Gesicht in so ernste Falten gelegt, daß sie in der That glaubte, sie habe sich mittelst der in letzter Zeit angewandten Schönheitsmittel derart verjüngt, daß man sie noch zu den Jugendlichen zählen könne. Diese Annahme steigerte ihre gute Laune; Buchler schien sich prächtig zu amüsiren, indem er mit Kennerblick beobachtete, wie sein keineswegs feines Compliment die Lebensgeister der alten leichtgläubigen Coquette erregte.

„Haben Sie mir, meine liebe Lorenz, gute Anschaffungen in Speis und Keller gemacht?“ fragte er nach einigem Nachdenken. „Wir werden da nächstens ein Verlobungsfest zu feiern haben, zu dem es --“

„Ein Verlobungsfest?“ unterbrach ihn die Lorenz, an allen Gliedern bebend.

„Ja, ein Verlobungsfest, meine Liebe, und Sie sind die Erste, die in das große Geheimniß, das Sie aber gehörig respectiren müssen, eingeweiht ist. Niemand im Hause darf eine Ahnung davon haben; ich beabsichtige eine große Ueberraschung und hoffe, daß, wenn schon gewisse Leute sehr verwundert sein werden, doch Alles nach Wunsch gehen und zwei Menschen dauernd --“

„O, Sie sind so gut, wie sie klug sind!“ unterbrach ihn Frau Lorenz, seine Hände ergreifend. „Ja, es ist besser, Alles bis dahin discret zu halten, sich nicht zu verrathen! Ich verstehe Sie vollkommen und theile Ihre Ansicht.“ Dabei schaute sie ihn mit ihren ehemals gewiß schönen, funkelnden Augen so überselig an, daß Buchler, dem dann doch ein klein wenig um seine Herzensruhe bangte, es für das Beste hielt, schnell aufzustehen und sich zu entfernen. --

„Wie rücksichtsvoll und edel er ist!“ sagte Frau Lorenz überglücklich, indem Freudenthränen über ihre Wangen flossen. „Er fühlt sich nicht standhaft genug, mit mir allein zu bleiben, und entfernt sich lieber, um mich nicht zu compromittiren!“

Mit der noch eben schneeweißen Schürze trocknete sie die rothgeschminkten Wangen und, das Unheil bemerkend, das ihre Thränendrüsen angerichtet, eilte auch sie schnell in ihr Gemach, um durch Schmink- und Puderbüchsen ihrem, wie sie meinte, bezaubernden Gesichte seinen früheren Glanz zurückzugeben.

III.