Kurzgefaßte Deutsche Stilistik
Part 9
1. Und wenn die anderen Regimenter alle sich von dir wenden, wollen wir allein dir treu sein, unser Leben für dich lassen, denn das ist unsere Reiterpflicht, daß wir umkommen lieber, als dich sinken lassen. +Schiller.+ -- 2. Jede öffentliche Entscheidung Egmonts war ein Triumphzug; jedes Auge, das auf ihn geheftet war, erzählte sein Leben; in der Ruhmredigkeit seiner Kriegsgefährten lebten seine Taten; ihren Kindern hatten ihn die Mütter bei ritterlichen Spielen gezeigt. +Schiller.+ -- 3. Zwar sichert uns die Macht vor der Verfolgung, und wenn der Gegner nicht auch Flügel hat, so fürcht’ ich keinen Überfall, dennoch bedarf’s der Vorsicht, denn wir haben es mit einem kecken Feind und sind geschlagen. +Schiller.+ -- 4. Ihr kanntet ihn, wie er mit Riesenschritte den Kreis des Wollens, des Vollbringens maß, durch Zeit und Land der Völker Sinn und Sitte, das dunkle Buch mit heiterm Blicke las; doch wie er atemlos in unsrer Mitte in Leiden bangte, kümmerlich genas, das haben wir in traurig schönen Jahren, denn er war unser, leidend miterfahren. +Goethe.+ -- 5. Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden. Was wir können und möchten, stellt sich unserer Einbildungskraft außer uns und in der Zukunft dar, wir fühlen eine Sehnsucht nach dem, was wir schon im stillen besitzen. +Goethe.+ -- 6. Liegt nun eine solche Richtung entschieden in unserer Natur, so wird mit jedem Schritt unserer Entwickelung ein Teil des ersten Wunsches erfüllt, bei günstigen Umständen auf dem geraden Wege, bei ungünstigen auf einem Umwege, von dem wir immer wieder nach jenem einlenken. +Goethe.+ -- 7. Nun gesellen sich aber zur menschlichen Beschränktheit noch so viele zufällige Hindernisse, daß hier ein Begonnenes liegen bleibt, dort ein Ergriffenes aus der Hand fällt und ein Wunsch nach dem anderen sich verzettelt. +Goethe.+ -- 8. Waren aber diese Wünsche aus einem reinen Herzen entsprungen, dem Bedürfnis der Zeit gemäß, so darf man ruhig rechts und links liegen und fallen lassen und kann versichert sein, daß nicht allein dieses wieder aufgefunden und aufgehoben werden muß, sondern daß auch noch gar manches Verwandte, das man nie berührt, ja woran man nie gedacht hat, zum Vorschein kommen werde. +Goethe.+ -- 9. Sehen wir nun während unseres Lebensganges dasjenige von anderen geleistet, wozu wir selbst früher einen Beruf fühlten, ihn aber mit manchem anderen aufgeben mußten, dann tritt das schöne Gefühl ein, daß die Menschheit zusammen erst der wahre Mensch ist und daß der einzelne nur froh und glücklich sein kann, wenn er den Mut hat, sich im Ganzen zu fühlen. +Goethe.+ -- 10. Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen, bess’re, sanftere Luft, wenn er Gedanken winkt, im sokratischen Becher, von der tauenden Ros’ umkränzt; wenn er dringt bis ins Herz und zu Entschließungen, die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt, wenn er lehret verachten, was nicht würdig des Weisen ist. +Klopstock.+ -- 11. Mag es sein, sprach der Schlaf, daß ich den Unglücklichen erwünscht bin, denen ich die Last ihrer Sorgen entnehme und sie mit milder Vergessenheit tränke, mag es sein, daß ich dem Müden gefällig komme, den ich doch auch nur zu mühseliger neuer Arbeit stärke: aber was bin ich denen, die nie ermüden, die von keiner Sorge des Lebens wissen, denen ich immer nur den Kreis ihrer Freuden störe? +Herder.+ -- 12. Nicht Opfer, nicht Gefahren will ich scheu’n, den letzten Schritt, den äußersten zu meiden; doch eh’ ich sinke in die Nichtigkeit, so klein aufhöre, der so groß begonnen, eh’ mich die Welt mit jenen Elenden verwechselt, die der Tag erschafft und stürzt, eh’ spreche Welt und Nachwelt meinen Namen mit Abscheu aus, und Friedland sei die Losung für jede fluchenswerte Tat! +Schiller.+ -- 13. Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ich nichts verändert noch gebessert wünschte; nur macht mir bange, daß ich manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrome mit fortzuschwimmen, und hier ist’s, wo ich immerfort aufmerksam machen möchte: daß dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkür der Wellen, sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste. +Goethe.+ -- 14. Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. +Goethe.+ -- 15. Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, daß wir etwas für sie tun; denn die bestehende kann in dem Augenblick abscheiden. Für die vergangene und künftige müssen wir arbeiten; für jene, daß wir ihr Verdienst anerkennen, für diese, daß wir ihren Wert zu erhöhen suchen. +Goethe.+ -- 16. Nicht die Sprache an und für sich ist richtig, tüchtig, zierlich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkörpert, und so kommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Reden und Gedichten die wünschenswerten Eigenschaften verleihen will: es ist die Frage, ob ihm die Natur hierzu die geistigen und sittlichen Eigenschaften verliehen hat; die geistigen: das Vermögen der An- und Durchschauung; die sittlichen: daß er die bösen Dämonen ablehne, die ihn hindern könnten, dem Wahren die Ehre zu geben. +Goethe.+ -- 17. Wenn ich das Aufklären und Erweitern der Naturwissenschaften in der neuesten Zeit betrachte, so komme ich mir vor wie ein Wanderer, der in der Morgendämmerung gegen Osten ging, die heranwachsende Helle mit Freuden, aber ungeduldig anschaute und die Zukunft des entscheidenden Lichtes mit Sehnsucht erwartete, aber doch bei dem Hervortreten desselben die Augen wegwenden mußte, welche den so sehr gewünschten und gehofften Glanz nicht ertragen konnten. +Goethe.+ -- 18. Der Mensch ist so geneigt, sich mit dem Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinn stumpfen sich so leicht gegen Eindrücke des Vollkommenen ab, daß man die Fähigkeit, es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte; denn einen solchen Genuß kann niemand entbehren, und nur die Ungewißheit, etwas Gutes zu genießen, ist Ursache, daß viele Menschen schon am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergnügen finden. Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen. +Goethe.+ -- 19. So viel Überwindung es dem Prinzen von Oranien und seinen Freunden bei ihrer Denkungsart schon kosten mußte, in diesem Streite nicht Partei zu nehmen, so sehr schon ihr natürlicher Freiheitssinn, ihre Vaterlandsliebe und ihre Begriffe von Duldung unter dem Zwange litten, den ihr Posten ihnen auferlegte: so sehr mußte das Mißtrauen Philipps gegen sie, die wenige Achtung, mit der ihr Gutachten seit langer Zeit pflegte aufgenommen zu werden, und das zurücksetzende Betragen, das ihnen von der Herzogin widerfuhr, ihren Diensteifer erkälten und ihnen die Fortsetzung einer Rolle erschweren, die sie mit so vielem Widerwillen und so wenigem Danke spielten. +Schiller.+ -- 20. Am allertiefsten erniedrigt es uns vor dem Auslande, wenn wir uns darauf legen, demselben zu schmeicheln. Es fehlt uns nämlich in dieser Verrichtung an aller dem Ausländer eigenen Feinheit; um doch ja nicht überhört zu werden, werden wir plump und übertreibend und heben mit Vergötterungen und Versetzungen unter die Gestirne gleich an. Dazu kommt, daß es bei uns das Ansehen hat, als ob es vorzüglich der Schrecken und die Furcht sei, die unsere Lobeserhebungen uns auspressen, aber es ist kein Gegenstand lächerlicher, denn ein Furchtsamer, der die Schönheit und Anmut desjenigen lobpreist, was er in der Tat für ein Ungeheuer hält, das er durch diese Schmeichelei nur bestechen will, ihn nicht zu verschlingen. +Fichte.+
II. Rektionslehre.
~A.~ Rektion der Verben.
1. Verben, die den Akkusativ regieren.
~a~) Den Akkusativ regieren alle +transitiven Verben+ (vgl. Teil I, S. 162). Besonders hervorzuheben sind hier: 1. Die mit den Präpositionen +durch+, +über+, +hinter+, +unter+, +um+ und mit +voll untrennbar+ zusammengesetzten Verben, sowie die Verben mit der Vorsilbe +be+, z. B.: ein Buch durchblättern, einen Schrank durchsuchen, eine Schrift übersetzen, einen Brief überbringen, den Freund hintergehen, einen Vertrag unterschreiben, einen Schüler unterweisen, einen umringen, eine Arbeit vollenden, eine Tat vollbringen, einen Befehl vollziehen, einen bewundern, beweinen, berühren usw.[26] 2. Die +Verba causativa+ (vgl. Teil I, S. 171 flg.), z. B.: einen Baum fällen, Holz flößen, einen Wagen fahren (d. i. führen), die Pferde tränken, den Hut schwenken, Geld verschwenden usw. -- 3. Eine große Zahl formelhafter Redewendungen, in denen der Begriff des Verbums erst durch den Akkusativ eines Substantivs vollständig gemacht wird. Gewöhnlich sind diese Wendungen Umschreibungen eines einfachen Verbums, z. B.: Abbitte tun (d. i. abbitten), Abbruch, Schaden, einen Hieb, einen Fall, einen Schlaf, einen Gefallen tun; eine Rede, Ruhe, Maß halten; Frieden, Unruhe stiften; den Mut, das Herz, die Freundlichkeit, die Gnade haben; Abschied, Urlaub, Schaden, die Freiheit, ein Ende nehmen; den Anfang, sein Glück, Spaß machen usw. -- Sogar zu intransitiven Verben kann auf diese Weise ein Akkusativ treten, z. B.: +Er schläft den+ ewigen +Schlaf+. +Schiller.+ -- +Einen+ guten +Kampf+ hab’ ich +gekämpfet+. +Luther.+ -- Ich muß +fliegen+ den kühnen +Flug+. +Klopstock.+ Man nennt solche Akkusative +innere Objekte+ (vgl. I, S. 163 Anm.).
Außer dem Akkusativobjekte haben viele transitive Verben auch noch ein Dativ- oder Genitivobjekt bei sich. Zu dem +Akkusativ der Sache+ tritt gewöhnlich ein +Dativ der Person+, und zu dem +Akkusativ der Person+ tritt ein +Genitiv der Sache+, z. B. +Körper und Stimme+ leiht die Schrift +dem stummen Gedanken+. +Schiller.+ -- +Drei Tage+ will ich +dir+ schenken. +Schiller.+ -- Ihr zwangt mit frechem Possenspiel die Richter, +den Schuldigen des Mordes+ loszusprechen. +Schiller.+ -- Nichts kann +ihn seines Schwurs+ entbinden. +Wieland.+ -- Mein Freund versicherte +mir seinen Beistand+. Mein Freund versicherte +mich seines Beistandes+.
Wird neben dem Ganzen, auf welches sich die Tätigkeit eines transitiven Verbums richtet, noch ein besonderer Teil des Ganzen genannt, der zunächst von der Tätigkeit getroffen wird, so tritt entweder das Ganze in den +Dativ+ und der Teil in den +Akkusativ+, z. B.: Er schnitt +mir das Haar+, ich wasche +mir die Hände+; oder der Teil wird durch eine +Präposition+ angeknüpft und das Ganze tritt, je nachdem die Beziehung eine engere oder weniger enge ist, in den +Akkusativ+ oder in den +Dativ+, z. B.: Er schlug +mich+ oder +mir+ auf den Rücken, er trat +mich+ oder +mir+ auf den Fuß, er traf mich ins Gesicht, er sah mir ins Gesicht, er nahm mich bei der Hand, er sah mir auf die Hände usw.
~b~) Einige +unpersönliche+ oder +unpersönlich gebrauchte Verben+ haben einen +Akkusativ+ der Person (zuweilen auch einen Akkusativ der Sache) bei sich, z. B.: es hungert +mich+, oder +mich+ hungert, dürstet, friert, verlangt, gelüstet u. a. Hierher gehören Wendungen wie: es gibt einen schweren Kampf, es gilt schnellen Rat, es hagelt todbringende Geschosse, es regnet Steine u. a. -- Verwandt sind Konstruktionen, in denen irgendeine Sache, die auch durch die Pronomina +das+ oder +es+ ausgedrückt sein kann, Subjekt ist, während die Person in den Akkusativ tritt, z. B.: Diese Angelegenheit verdrießt mich, oder: das verdrießt mich, es wundert, ärgert, freut, betrübt, jammert mich usw. Wie jammert +mich das edle Herz+! +Goethe.+
~c~) Das Reflexivpronomen steht bei den meisten reflexiven Verben im Akkusativ, z. B.: ich wundere mich, schäme mich, erinnere mich, sehne mich, erbarme mich, fürchte mich usw.
~d~) Einige Verben werden mit einem +doppelten Akkusativ+ verbunden, und zwar 1. mit zwei +Objektsakkusativen+:
+lehren+[27], z. B.: Wer lehrte +dich diese gewaltigen Worte+? +Lessing.+ -- Und lehr’ du mich mit Fleiß und Acht, wie man die guten Schwerter macht. +Uhland.+ -- Lehre +mich tun+ nach deinem Wohlgefallen. +Luther.+ -- Du willst +Wahres mich+ lehren. +Schiller.+ -- Statt der passiven Form von +lehren+ gebraucht man in den Fällen, in welchen die Person mit genannt wird, die in einer Sache unterwiesen wird, am besten andere entsprechende Wendungen, wie: „Ich werde in einer Sache unterrichtet, unterwiesen, ich lerne eine Sache.“ Will man aber doch die passive Form von +lehren+ anwenden, so ist der Ausdrucksweise: „Ich werde etwas gelehrt“[28] der Vorzug zu geben vor der Wendung: „+Mir+ wird etwas gelehrt.“ Das Schlimmste, was uns widerfährt, +das+ werden +wir+ vom Tag gelehrt. +Goethe.+ -- Zu tadeln ist die Konstruktion: „+Mich wird+ etwas gelehrt“ (statt: Ich werde etwas gelehrt), die sich auch bei einzelnen Schriftstellern findet.
+fragen+: Der doppelte Akkusativ steht nur dann, wenn die Sache, nach der jemand fragt, durch ein Pronomen oder unbestimmtes Zahlwort ausgedrückt wird, sonst wird das sachliche Objekt durch die Präposition +nach+ angeknüpft, z. B.: er fragte mich +etwas+, +das+ fragst +du mich+? er fragte +mich vieles+, +eins+ frage ich +dich+. Ihr habt +mich nichts+ zu fragen, Thekla? +Schiller.+ Dagegen: Er fragte +mich nach meinem Berufe+, er fragte +ihn nach seiner Herkunft+. -- Bei der passiven Form gebraucht man die Konstruktion: Er wurde +etwas+ oder +nach etwas+ gefragt. Er wurde nach seiner Herkunft gefragt. Das bin ich nicht gefragt worden. -- Auch bei +bitten+ kann ein +doppelter Akkusativ+ stehen, wenn die Sache, um die man bittet, durch ein Pronomen oder unbestimmtes Zahlwort ausgedrückt ist, z. B.: +Das+ bitte ich dich, +eins+ bitte ich dich u. ähnl. Sonst aber bedient man sich bei +bitten+ der Präposition +um+, z. B.: Die Feinde baten ihn +um Frieden+.
2. mit einem +Objektsakkusativ+ und einem +prädikativen Akkusativ+:
+nennen+, +heißen+, +schelten+, +schimpfen+, +taufen+, z. B.: Man nannte, hieß +ihn den Wohltäter+ des Volkes; man schimpfte, schalt +ihn einen Verräter+; man taufte +den Knaben Karl+. Man nennt +mich+ hier Don Philipps +Sohn+. +Schiller.+ -- Bei der Umwandlung in die passive Form treten beide Akkusative in den +Nominativ+, z. B.: Er +wurde der Wohltäter+ des Volkes genannt usw.
+Anmerkung 1.+ Bei den Verben +lehren+, +nennen+, +heißen+ steht an Stelle des zweiten objektiven oder prädikativen Akkusativs oft auch ein +Infinitiv+, z. B.: Heiß +mich nicht reden+, heiß +mich schweigen+. +Goethe. Das+ nennst du Wort halten. Er lehrt +mich schreiben+. -- Ebenso werden die Verben +machen+, +hören+, +sehen+, +finden+, +fühlen+ oft mit einem +Akkusativ+ oder einem +Infinitiv+ verbunden, z. B.: Der Kasus macht +mich lachen+. +Goethe.+ Noch +keinen+ sah ich fröhlich +enden+. +Schiller.+ Ich hörte +ihn kommen+, ich fand +ihn+ vor der Tür +sitzen+, er fühlte +die Gefahr herannahen+ usw. Bei den letztgenannten fünf Verben steht der Infinitiv an Stelle des ersten Partizips, das daher zuweilen mit dem Infinitiv wechselt, z. B.: Ich fand +ihn schlafend+ u. ähnl. -- Die Stelle des zweiten (prädikativen) Akkusativs nimmt oft auch ein +Adjektiv+ ein, z. B.: Man schalt +ihn töricht+, man nannte +ihn weise+, wir preisen +dich glücklich+ u. a. -- Häufig wird auch der prädikative Akkusativ durch eine Konstruktion mit +als+ ersetzt, z. B.: Sie priesen ihn +als ihren Befreier+. Man bezeichnete ihn +als den Wohltäter+ des Volkes. Ich achte ihn +als treuen Ratgeber+ usw.
+Anmerkung 2.+ Über +lassen+, +heißen+, +sehen+, +hören+ usw. in Verbindung mit transitiven Verben s. Teil I, S. 186 Anm. 1. -- Wenn der Akkusativ von dem Infinitiv regiert wird, erhält dieser passive Bedeutung. Der Satz: „Er ließ mich tragen“ kann einen doppelten Sinn haben, entweder bedeutet er: „Er befahl, daß ich etwas trage“ oder: „Er befahl, daß ich getragen werde.“ Im letzten Falle hängt der Akkusativ +mich+ von dem Infinitiv +tragen+ ab, und der Infinitiv hat daher passive Bedeutung. Er ließ ein Glas Wasser holen, d. i. er befahl, daß ein Glas Wasser geholt werde; ich hörte +dich preisen+, d. i. ich hörte, daß du gepriesen wurdest usw.
+Anmerkung 3.+ Seit dem vorigen Jahrhundert findet sich in unserer Sprache das Verbum +heißen+ nicht selten mit dem +Dativ+ und +Infinitiv+ (in +aktiver+ Bedeutung) verbunden. Diese Konstruktion ist als fehlerhaft zu vermeiden, man muß also sagen: „Wer hat +dich+ das +tun+ heißen?“ nicht: „Wer hat +dir+ das tun heißen?“ -- Der Dativ ist nur gestattet, wenn er von dem Infinitiv abhängig ist, und der Infinitiv hat dann immer +passive+ Bedeutung, z. B.: Er hieß +mir+ ein Glas Wasser bringen, d. h.: Er befahl, daß mir ein Glas Wasser +gebracht werde+. Dagegen: Er hieß +mich+ ein Glas Wasser bringen = Er befahl, daß ich ein Glas Wasser +bringe+. -- In derselben Weise unterscheidet man bei +lassen+: „Er ließ mir ein Glas Wasser bringen“, und: „Er ließ mich ein Glas Wasser bringen.“ Oder: „+Laß ihn+ nichts +merken+!“ heißt: „Bewirke, daß er nichts +merkt+.“ „+Laß dir+ nichts merken!“ dagegen heißt: Bewirke, daß dir nichts +angemerkt+ wird.
2. Verben, die den Dativ regieren.
~a~) Den Dativ regieren die +intransitiven+ Verben: einem ähneln, danken, dienen, drohen, fehlen, fluchen, folgen, frönen, frommen, gleichen, glücken, helfen, huldigen, mangeln, nahen, nützen, passen, schaden, scheinen, schmecken, schmeicheln, steuern, trauen, trotzen, wehren, weichen, winken, ziemen, zürnen u. a. Auch viele zusammengesetzte Intransitiva werden mit dem Dativ verbunden: einem abgehen, abhelfen, abraten, anhängen, anliegen, auffallen, auflauern, aufpassen, aufwarten, aushelfen, ausweichen, beifallen, beikommen, beipflichten, beispringen, beistehen, beistimmen, einfallen, einleuchten, entgegengehen, nachdenken, nacheifern, nachfolgen, nachgeben, nachgehen, nachsehen, nachstehen, nachstellen, vorarbeiten, vorbeugen, vorgehen, vorkommen, vorstehen, widerfahren, widersprechen, widerstehen, zufallen, zufließen, zugehören, zuhören, zukommen, zusehen, zustehen, zutrinken, zuwinken usw. Ferner: gebühren, gebrechen, gefallen, gehören, gehorchen, gelingen, gereichen, mißfallen, mißglücken, mißlingen, mißtrauen, begegnen, behagen, bekommen, erliegen, erscheinen, verfallen, entfahren, entfallen, entfliehen, entgehen, entkommen, entlaufen, entrinnen, entsagen, entsprechen, entspringen, entwachsen, entweichen, entwischen u. a.
~b~) Viele +transitive+ Verben können neben dem Akkusativ der Sache einen +Dativ der Person+ bei sich haben, z. B.: einem etwas borgen, bringen, geben, glauben, gönnen, klagen, weigern, weihen, widmen, zeigen u. a. (Vgl. S. 73.)
~c~) Einige +unpersönliche+ und +unpersönlich gebrauchte+ Verben nehmen den +Dativ+ zu sich, z. B.: es graut mir, es +fehlt+, +gebricht+ oder +mangelt+ mir an etwas, +mir+ ist daran gelegen oder liegt daran, es schaudert mir, es ahnt, scheint, beliebt, bangt, bekommt mir usw. Hierher gehören auch die Redewendungen wie: +Mir+ geht es gut, +mir+ ist übel zumute, +mir+ wird bange, wohl, weh usw.
~d~) Einige +zusammengesetzte Ausdrücke+, welche an Stelle eines einfachen Verbums stehen, regieren den +Dativ+, z. B.: einem zu Hilfe kommen, einem Hohn sprechen, einem zuteil werden, einem kund tun, einem Schaden tun usw.
~e~) Einige +reflexive+ Verben haben das Reflexivpronomen im +Dativ+[29] bei sich, z. B.: ich bilde +mir+ ein, ich maße +mir+ an, ich nehme +mir+ vor, ich verbitte +mir+, ich bitte +mir+ aus, ich getraue +mir+, ich stelle +mir+ vor, wage +mir+, gebe +mir+ Mühe usw.
~f~) Der +Dativ+ vertritt oft die Stelle eines +Possessivpronomens+ oder eines +possessiven Genitivs+, z. B.: Er lag ihm zu Füßen (statt: zu seinen Füßen). Er warf sich +mir in die Arme+ (statt: in meine Arme). Das Wasser netzt +ihm+ den (statt: seinen) nackten Fuß. +Goethe.+ +Dem Freunde+ zittert die Hand = Die Hand +des Freundes+ zittert. (Vgl. S. 73.)
~g~) Zuweilen kann das Dativobjekt auch durch eine präpositionale Wendung umschrieben werden, z. B.: ich schreibe +dir+ oder +an dich+, ich gebe +dieser Familie+ oder +an diese Familie+ Geld, ich zahle, schenke, gebe +dieser Gesellschaft+ oder +an diese Gesellschaft+ eine Summe, ich habe +ihm+ oder +an ihn+ Geld geliehen usw. Der Dativ hebt immer die unmittelbare persönliche Beziehung hervor, während die präpositionale Umschreibung nur ein Richtungsverhältnis angibt und eine entferntere, bloß mittelbare Beziehung andeutet. Zuweilen jedoch werden dadurch noch weiter gehende Unterschiede der Bedeutung bezeichnet, z. B.: ich verrate +dir+ etwas oder: ich verrate +an dich+ etwas. Die zweite Wendung schließt immer die bewußte Absicht des Auslieferns oder Überlieferns mit ein, während die erste Wendung auch dann gebraucht werden kann, wenn das Verraten unabsichtlich geschieht. Er hat mich +an meine Feinde+ verraten. Durch seine Unbedachtsamkeit hat er +meinen Feinden+ alles verraten.
+Anmerkung 1.+ Um die persönliche Teilnahme an einem Ereignis mit besonderer Lebendigkeit hervorzuheben, fügt man oft den Dativ eines persönlichen Fürwortes in einen Satz ein, z. B.: Das war +dir+ eine Pracht. -- Das waren +mir+ selige Tage! -- Es sind +Euch+ gar trotzige Kameraden. +Schiller+, u. ähnl. Man nennt diesen Dativ den +ethischen Dativ+. -- Der +Dativ+ steht ferner oft statt der Präposition +für mit dem Akkusativ+, z. B.: Wie herrlich leuchtet +mir+ die Natur (d. i. für mich). +Goethe.+ Die Uhr schlägt +keinem Glücklichen+. Was Thukydides +für Hellas+, Tacitus +für Rom+, das war er (Joh. v. Müller) +seinem Vaterlande+. +König Ludwig von Bayern.+ Dieser Dativ heißt der ~Dativus commodi~.
+Anmerkung 2.+ In dichterischer Sprache steht der Dativ oft da, wo in Prosa eine präpositionale Wendung gebraucht wird, z. B.: Nie hab’ ich +dem Tod+ gezittert (statt: vor dem Tod). +Grillparzer.+ Ich will lachen +seinem Wüten+ (statt: über sein Wüten). +Derselbe.+
3. Verben, die den Genitiv regieren.
~a~) Den +Genitiv+ regieren die +intransitiven+ oder +intransitiv gebrauchten Verben+: einer Sache achten, bedürfen, begehren, brauchen, gedenken, entbehren, entgelten, entarten, ermangeln, erwähnen, fehlen (d. i. nicht treffen), genießen, gewahren, harren, hüten, lachen, mangeln, pflegen, schonen, sparen, spotten, vergessen, wahren, wahrnehmen, walten, warten u. a. +Beispiele+: +Die dieser+ Welt brauchen, daß sie +derselben+ nicht mißbrauchen. +Luther.+ -- Niemand weiß, wie lange er +des Ackers+ entbehrt, und +des Gartens+, der ihn ernährt. +Goethe.+ -- Du sollst +meines Volkes Israel+ hüten. +Luther.+ -- Wie ich +eines Felsenriffs+ gewahre, schrie ich den Knechten, handlich zuzugehen. +Schiller.+ -- Und +Euer+ wahrlich! hätt’ ich nicht gefehlt. +Schiller.+ -- Jetzt +pflegt+ sie einen Augenblick der Ruhe. +Schiller.+ -- Gott hat die Menschen so gebildet, daß sie +der Gaben+ seiner Gnade mit Ergötzung genießen können. +Gellert.+ -- O nimm +der Stunde+ wahr, eh’ sie entschlüpft. +Schiller.+ -- Zu ihr bring’ ich dich jetzt, sie wartet +deiner+. +Schiller.+ -- Einige Intransitiva haben nur in gewissen formelhaften Wendungen einen Genitiv bei sich, z. B.: des guten Glaubens, der Hoffnung +leben+, Hungers +sterben+, des Todes sterben u. ähnl.