Kurzgefaßte Deutsche Stilistik

Part 11

Chapter 111,807 wordsPublic domain

+Während+, +ungeachtet+, +wegen+ sind nur mit dem +Genitiv+, nicht mit dem +Dativ+ zu verbinden. Fehlerhaft ist es also, zu sagen: +demungeachtet+ (statt des richtigen: +dessen+ ungeachtet), während +dem+ (statt des richtigen: während +dessen+), wegen +dir+ (statt: +deinetwegen+)[33] u. ähnl. -- Es kommt zuweilen vor, daß der Genitiv äußerlich nicht erkennbar ist, z. B.: während +acht Tage+, während +zehn Jahre+, wegen +Scheltworte+; ebenso bei einigen anderen Präpositionen, z. B.: er hat +statt Bösen+ Gutes empfangen, innerhalb +drei Jahre+ usw. In solchen Fällen pflegt gewöhnlich der +Dativ+ als Ersatz des Genitivs verwendet zu werden, und man sagt: während +acht Tagen+, während +zehn Jahren+, wegen +Scheltworten+, er hat +statt Bösem+ Gutes empfangen, innerhalb +drei Jahren+ usw. Empfehlenswert ist es, in solchen Fällen ein Wort, an dem der Genitiv deutlich zutage tritt, einzuschieben und etwa zu sagen: während +eines Zeitraumes+ von acht Tagen, wegen +heftiger Scheltworte+, er hat statt des +Bösen+ Gutes empfangen, innerhalb +einer Zeit+ von drei Jahren usw.

+Statt+ ist als Präposition immer mit dem Genitiv zu verbinden. Doch kann das Wort, wie +außer+ (vgl. hierüber I, 128 flg.), auch als +Konjunktion+ stehen und regiert dann gar keinen Kasus; der +Dativ+ oder +Akkusativ+, der dann gewöhnlich auf +statt+ folgt, ist von dem Verbum und nicht von +statt+ abhängig, z. B.: „Er hat +mir+ geschrieben, statt +dir+; er hat das Schreiben +an mich+ geschickt, statt +an dich+; er hat +mich+ angesprochen, statt +dich+ usw.“

Über +längs+, +zufolge+, +trotz+, sowie über +entlang+ s. I, 122, 123 u. 125, desgl. über +bei+ S. 124 Anm.

+Ohne+ ist immer mit dem +Akkusativ+ zu verbinden. Lessing, Herder und Goethe haben, dem Beispiele Luthers folgend, zwar zuweilen die Präposition +ohne+ mit dem Dativ verbunden, doch ist dieser Gebrauch veraltet und daher heute zu vermeiden.

+Bis+ wird in der Regel noch mit einer anderen Präposition verbunden, z. B. Es war ein König in Thule gar treu +bis an+ das Grab. +Goethe.+ -- So konnte die ganze Ebene mit flachen Schiffen +bis+ fast +unter+ die Mauer von Antwerpen befahren werden. +Schiller.+ -- +Bis auf+ wenige Reste hat das Feuer alles verzehrt. Er kletterte +bis zum+ Gipfel des Baumes empor. Blücher drang +bis über+ den Rhein vor und folgte dem Feinde +bis nach+ Paris. Der Feind wurde +bis hinter+ die Verschanzungswälle zurückgetrieben. Er wurde von der schlimmen Nachricht +bis ins+ Innerste getroffen.

Nur vor Adverbien und Ortsnamen ohne Artikel, sowie zwischen Zahlwörtern steht +bis+ für sich allein, z. B.: +Bis hierher+ und nicht weiter! -- +Bis heute+, bis morgen, bis dahin, bis dorthin; +zwölf bis vierzehn+, in acht bis vierzehn Tagen, zwei- bis dreimal usw. Ich fuhr +bis Leipzig+, bis Rußland, bis Frankreich usw.

Bei +zu+ und +um+ ist zu merken, daß sie +nur+ mit +einem+ Kasus stehen, nämlich +zu+ immer mit dem Dativ, mag es nun den +Ort+ (wo), z. B. zu Worms, zu Aachen, zu Haus, zu Wasser und zu Lande, zur Rechten, zur Linken, zu beiden Seiten usw.; die +Richtung+ (wohin), z. B. von Ort zu Ort, von Haus zu Haus, zur Kirche, zur Schmiede, zur Schule gehen, zur Hölle fahren, zur Ruhe kommen usw.; +die Verbindung von Dingen+, z. B. er goß Wasser zum Wein, er aß Fleisch zum Gemüse, Butter zum Brote usw., oder ein +Größenverhältnis+ bezeichnen, z. B. zum Teil, zur Hälfte, zu dritt, wir waren zu vier, zu fünf, zu hunderten, zu tausenden; ich habe Fleisch, das Pfund zu einer Mark, gekauft usw. +Um+ dagegen steht immer +nur mit dem Akkusativ+, mag es den Ort (wo), z. B. der Feind lagerte +um die Stadt+, die Soldaten lagen +um das Feuer+, wir saßen +um den Tisch+, oder +die Richtung+ (wohin) bezeichnen, z. B. wir gingen um die Stadt, um das Haus, die Feinde stellten sich um das Gebäude usw. Fehler gegen diese einfachen Regeln kommen nicht selten vor, es ist daher notwendig, besonders darauf aufmerksam zu machen.

FOOTNOTES:

[1] Ein Beispiel einer solchen völligen Vermischung ist +Schießls System der Stilistik+. Straubing 1884. Vergleiche meine Besprechung in Zarnckes Literarischem Zentralblatt 1885.

[2] Eine große Zahl guter Verdeutschungen enthält das treffliche „+Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter+“ von +Herm. Dunger+ (Leipzig 1882), das nicht dringend genug empfohlen werden kann, sowie das +Verdeutschungswörterbuch+ von +Otto Sarrazin+ (3. Aufl. Berlin 1906). Erklärung und Verdeutschung der Fremdwörter zugleich bietet +Heyses+ Fremdwörterbuch, neu bearbeitet von O. Lyon (18. Aufl. Hannover, Hahn, 1903).

[3] Wer sich weiter über diesen Gegenstand unterrichten will, sei hier namentlich auf +Brandstäters+ Buch über die Gallizismen in der deutschen Sprache verwiesen, das jedoch häufig über das Ziel hinausschießt.

[4] So sagt Adelung: „+Düster+ wird nur in den gemeinen Mundarten, besonders Ober- und Niedersachsens, für +dunkel+, +finster+ gebraucht. Es ist der +edlern+ und +höhern Schreibart unwürdig+.“ Adelungs Wb. I, 1622. Von +dröhnen+ urteilt er ähnlich; +dreist+ läßt er nur mit gewissen Einschränkungen zu. Über +staunen+ sagt er: „Nach dem Beispiele Hallers und einiger anderer neuerer schweizerischer Schriftsteller ist es auch von den Hochdeutschen in der höheren Schreibart wieder eingeführt worden“, a. a. O. IV, 313. Von den beiden Wörtern +Schrank+ und +Schrein+ läßt er nur +Schrank+ für die Schriftsprache gelten und bezeichnet +Schrein+ als ein im Hochdeutschen ungewöhnliches, nur noch in einigen Provinzen übliches Wort. a. a. O. III, 1641 u. 1654 usw.

[5] Wörterbuch IV, 355.

[6] a. a. O. II, 552 unter +Gemeinort+.

[7] Namentlich auch die stilistische Seite der Synonymik ist berücksichtigt in „+Eberhards synonymischem Handwörterbuche der deutschen Sprache+“, neu bearbeitet von O. Lyon. 16. Aufl. Leipzig 1904.

[8] Einige Stilistiker, z. B. Wackernagel, Becker, scheiden +Wohllaut+ und +Wohlklang+; wir fassen beides unter der Bezeichnung +Wohllaut+ zusammen.

[9] Ich entnehme diesen Ausdruck Wackernagel, der zuerst die Metonymie mit größerer Klarheit dargestellt hat, als es gewöhnlich geschieht.

[10] Eine gute Nachbildung des griechischen Originals, in dem der Begriff τήκειν, schmelzen, in den Formen τήκειο, κατατήκετο, κατέτηξεν, τηκόμενος, τήκετο wiederkehrt.

[11] Es sei hier auf +Rudolf Hildebrands+ ausgezeichnete Schrift: „+Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule und von deutscher Erziehung und Bildung überhaupt+“, 7. Aufl., S. 103 flgg., 122 verwiesen, die zahlreiche Beispiele dieser Art behandelt.

[12] Bei Luther findet sich neben +sieh+ die Form +siehe+, und nach ihm haben auch +Goethe+ u. a. beide Formen angewendet. Man kann die Form +siehe+ daher als Ausnahme gelten lassen.

[13] Den Apostroph zur Bezeichnung der Apokope hat Konrad Geßner in Deutschland eingeführt, er nahm das Zeichen aus dem Griechischen herüber.

[14] Jakob Grimm hat in seiner Grammatik nachgewiesen, daß die passive Bedeutung des ersten Partizips sich in allen germanischen Sprachen findet.

[15] Die Regel, daß das Partizipium +nur auf das Subjekt+ bezogen werden dürfe, ist unrichtig und widerspricht geradezu dem Geiste der deutschen Sprache.

[16] Vgl. über die absolute Partizipialkonstruktion namentlich Andresen, Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit, S. 120 flg.

[17] Beispiele dieser Art finden sich bei unseren besten Dichtern und Schriftstellern. Was wir diesen verzeihen, ist darum aber noch nicht nachzuahmen.

[18] Wenn Nominativ und Akkusativ gleichlauten, duldet der Sprachgebrauch in einigen Fällen die Zusammenziehung, z. B.: +Was+ ich bin und habe. Die alten Grammatiker betrachteten die von der strengen Korrektheit abweichende Zusammenziehung als eine besondere Redefigur, die sie +Zeugma+ (d. i. Zusammenjochung) nannten.

[19] Doch finden sich manche Abweichungen von dieser Regel, die sich als +Fügungen nach dem Sinne+ wohl rechtfertigen lassen, z. B.: „Ein streitendes +Gestaltenheer+, die seinen Sinn in Sklavenbanden hielten.“ (Schiller.) „Es gibt im +Menschenleben+ Augenblicke, wo er dem Weltgeist näher ist als sonst.“ +Derselbe.+ Vgl. hierüber Fr. Grüter, Zwei Schulprogramme über die Synesis, Münster 1855 und 1867.

[20] Gewöhnlich wird die falsche Regel aufgestellt: +als+ sei vergleichend dem +Grade+ und +Maße+ nach, daher müsse man sagen: „ebenso groß +als+ ich“ und nicht: „ebenso groß +wie+ ich.“ Die Geschichte unserer Sprache erweist diese Regel als unhaltbar. Vgl. meine Erörterung des Verhältnisses zwischen +als+ und +wie+ in +Beckers Deutschem Stil+ S. 211-217.

[21] Wir schließen uns hier in den Hauptpunkten der Einteilung an, die +Becker+ gegeben hat, nur mit dem Unterschiede, daß wir bei dieser Einteilung prosaischen und poetischen Stil zusammenfassen, während Becker diese beiden Stilgattungen scheidet und wieder in Unterarten zerlegt. +Wackernagel+ teilt den Stil in folgende Arten: ~a~) Stil des Verstandes (lehrhafte Prosa); ~b~) Stil der Einbildung (Epos, Drama); ~c~) Stil des Gefühls (oratorische Prosa, Lyrik).

[22] Vgl. meine Darstellung der Entwickelung des historischen Stiles in Beckers deutschem Stil, S. 457 flg.

[23] Bei einer Predigt besteht die ~narratio facti~ in der Verlesung des Bibeltextes.

[24] Eingehend handelt über die Disposition: +Deinhardt+, in seinen +Beiträgen zur Dispositionslehre+, die allen empfohlen seien, die sich weiter über den Gegenstand unterrichten wollen. Wir folgen hier im allgemeinen den nämlichen Grundsätzen, wie sie schon von Quintilian und Cicero dargelegt worden sind.

[25] Mösers sämtl. Werke, neu geordnet und aus dem Nachlasse gemehrt durch +B. R. Abeken+. 2. Ausg. 1858, IV. S. 5.

[26] Ausnahmen sind die intransitiven Verben: hinterbleiben, unterbleiben, beharren, beruhen, bestehen, begegnen, behagen, bekommen, es beliebt, unterliegen.

[27] +Lehren+ (got. ~laisjan~, Kausativum zu got. ~lais~, d. i. +weiß+) heißt eigentlich „wissen machen“. Einige Schriftsteller verbinden +lehren+ mit dem +Dativ+ der Person, z. B.: Da hat +er den Franzosen+ das Schwimmen gelehrt. +Arndt.+ -- Lehr’ unser deutsches Recht +dem Franzmann+ im Gefecht. +Rückert.+ Dieser Gebrauch ist nicht gut zu heißen. Vgl. +Heyse-Lyon+, S. 303 flg.

[28] Vgl. mhd.: ~ich bin den site gelêret~.

[29] Grimm nennt nur die Verben +reflexive+, die das Reflexivpronomen im +Akkusativ+ bei sich haben. Man könne daher die, die es im Dativ bei sich haben, genauer +unechte Reflexiva+ nennen.

[30] +Sich entblöden+ bedeutet eigentlich „in den Zustand des Blödeseins eintreten“; die Vorsilbe +ent+ ist hier nicht privativ, sondern inchoativ, d. h. sie drückt das Eintreten in einen Zustand aus, wie in: entblühen, entblößen, entschlafen usw. -- Gegenwärtig ist von +sich entblöden+ hauptsächlich die Verneinung „sich nicht entblöden“ in Gebrauch, und zwar in der Bedeutung: „sich nicht scheuen, sich erdreisten.“ +Frisch+ in seinem +Deutsch-lateinischen Wörterbuche+ I, 111 c und +Grimm+ (Wörterbuch III, 499) erklären sich gegen diesen Sprachgebrauch; sie fassen die Vorsilbe +ent-+ in +entblöden+ als das privative +ent-+ (im Sinne von +weg+, +los+) auf und legen infolgedessen dem Worte +entblöden+ die gerade entgegengesetzte Bedeutung: „die Blödigkeit benehmen, beherzt machen“ bei. Zwar wird +sich entblöden+ von einigen Schriftstellern in dieser letzteren Bedeutung gebraucht, z. B. von Wieland, Gleim u. a.; doch dieselben Schriftsteller wenden +sich entblöden+ auch in der oben angeführten Bedeutung von „sich scheuen“ an, und der heutige Sprachgebrauch kennt nur noch diese Bedeutung, die zugleich die ursprüngliche ist. Vgl. hierzu meine Bearbeitung des Artikels „+Entblöden+“ in Eberhards synonymischem Handwörterbuche, 16. Aufl. S. 375 flg.

[31] Noch +Adelung+ (Wörterbuch, 2. Aufl. I, S. 400) ließ bei +anwandeln+ nur den Dativ gelten, während +Heyse+, +Becker+ u. a. nur den Akkusativ zulassen. Es sind jedoch beide Kasus zu gestatten, obwohl dem +Akkusativ+ der Vorzug zu geben ist.

[32] Viele Beispiele dieser Art führt +Andresen+ (Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit, 7. Aufl. S. 182) aus Goethes Werken an.

[33] +Deinetwegen+ weist wie +meinetwegen+, +seinetwegen+ usw. auf die ursprüngliche Form der Präposition +wegen+ zurück, vgl. I, 252. Das Wort enthält den Plural des Possessivpronomens und heißt eigentlich: ~von dînen wegen~.

End of Project Gutenberg's Kurzgefaßte Deutsche Stilistik, by Otto Lyon