Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 42
Sonst galten schon im Altertum die ~Papageien~ als die besten Nachahmer der menschlichen Sprache. So schreibt der Grieche Älian: „In Indien gibt es sehr viele Papageien (_psittakós_), aber kein Inder ißt einen solchen Vogel; denn die Brahmanen halten ihn für den heiligsten, weil er die menschliche Sprache am geschicktesten nachahmt.“ Aristoteles und Plinius berichten, der Papagei stamme aus Indien und ahme die menschliche Stimme nach. Letzterer fügt hinzu, er werde durch den Genuß von Wein lustig und führe ordentliche Gespräche. „Er begrüßt den Kaiser und spricht die Worte nach, die er hört. Sein Kopf ist so hart wie sein Schnabel. Soll er sprechen lernen, so schlägt man ihm mit einem eisernen Stäbchen auf den Kopf, weil er sonst die Schläge nicht spürt.“ Wir haben noch ein nettes Gedicht auf den Tod eines Papageien von Ovid und ein ähnliches von Statius.
Was für Papageien dies waren, wird sich wohl nicht so leicht feststellen lassen. Jedenfalls kannten weder die Ägypter, noch Babylonier, noch die älteren Griechen irgend welche Papageien. Erst auf dem Zuge Alexanders des Großen nach Indien lernten letztere diesen Vogel als gezähmten Hausgenossen des Menschen kennen und brachten die ersten solchen nach Griechenland mit. Aber erst in der römischen Kaiserzeit wurden diese Vögel etwas häufiger von Indien her importiert. Doch hat schon der strenge Zensor Marcus Porcius Cato (234 bis 149 v. Chr.) sich darüber beklagt, daß sogar römische Männer mit diesen Tieren in der Öffentlichkeit erschienen. „O unglückliches Rom“, rief er aus, „in welche Zeiten sind wir verfallen, da die Weiber Hunde auf ihrem Schoße ernähren und die Männer Papageien auf der Hand tragen!“ Man setzte sie ihrer Kostbarkeit entsprechend in silberne und elfenbeinerne Käfige und ließ sie von besonderen Lehrern unterrichten, die ihnen vor allem das Wort „Cäsar“ beizubringen hatten. Der Preis eines sprechenden Sittichs überstieg oft den Wert eines Sklaven. Der halb verrückte Kaiser Heliogabalus glaubte seinen Gästen nichts Köstlicheres vorsetzen zu können als Papageiköpfe. Was diese bei der Kostbarkeit der seltenen Vögel gekostet haben werden, das kann man sich leicht ausmalen. Um die Zeit der Kreuzzüge kamen dann aus dem Morgenlande auch Papageien nach Mitteleuropa, um in den Käfigen reicher Adeliger und Städter zur Kurzweil gehalten und gelegentlich auch zum Sprechen abgerichtet zu werden. Erst im 15. Jahrhundert kam mit den Fahrten der Portugiesen nach Westafrika der von der Goldküste bis nach Benguela heimische ~Graupapagei~ (_Psittacus erithacus_), der gelehrigste aller Papageien, direkt nach Europa. Hier bewohnt der aschgraue Vogel mit scharlachrotem Schwanz, dessen Verbreitungsgebiet mit demjenigen der Ölpalme zusammenfällt, in Scharen die Wälder und wird überall von den Eingeborenen gefangen, gezähmt und zum Sprechen abgerichtet, auch als Tauschgegenstand oder Handelsware verwertet. Er ist einer der beliebtesten aller Stubenvögel und verdient die Gunst, die er genießt; denn er besitzt Sanftmut, Gelehrigkeit und Anhänglichkeit an seinen Herrn, die Bewunderung erregen. Sein Ruhm wird sozusagen in allen Sprachen verkündet, von ihm ist in zahlreichen Schulbüchern und in allen Naturgeschichten manches Interessante zu lesen. Schon Levaillant erzählt ausführlich von einem dieser Papageien, der in der Gefangenschaft eines Kaufmanns in Amsterdam lebte, und rühmt die guten Eigenschaften des Vogels. Er schreibt: „Karl, so hieß dieser Papagei, sprach fast so gut wie Cicero; denn ich würde einen ganzen Band mit den schönen Redensarten anfüllen können, die er hören ließ und die er mir, ohne eine Silbe zu vergessen, wiederholte. Dem Befehle gehorsam, brachte er die Nachtmütze und die Pantoffeln seines Herrn und rief die Magd herbei, wenn man sie im Zimmer brauchte. Sein bevorzugter Aufenthalt war der Kaufladen, und hier erwies er sich nützlich; denn er schrie, wenn in Abwesenheit seines Herrn ein Fremder eintrat, so lange, bis jemand herbeikam. Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und lernte ganze Sätze und Redensarten des Holländischen vollkommen genau. Erst im 60. Jahre seiner Gefangenschaft wurde sein Gedächtnis schwach und er vergaß täglich einen Teil von dem, was er schon konnte. Er wiederholte nie mehr als die Hälfte einer Redensart, indem er selbst die Worte versetzte oder die eines Satzes mit denen eines andern mischte.“
Vielleicht der ausgezeichnetste aller Graupapageien lebte jahrelang in Wien und Salzburg und starb nach dem Tode seines letzten Herrn aus Sehnsucht nach ihm. Wer über die hohe Intelligenz und das verblüffende Sprachverständnis dieses Jako genannten Vogels Näheres zu erfahren wünscht, der lese den betreffenden Abschnitt in Brehms Tierleben nach. Er wird dort noch weitere solche, für ein Tier ganz unglaublich klingende Geschichten finden, die von durchaus glaubwürdigen Autoren berichtet werden.
In den feuchten Niederungen des Amazonenstroms und seiner Zuflüsse werden die größten Vertreter der dort vorzugsweise heimischen Keilschwanzsittiche, die prächtig buntgefärbten ~Araras~, von den Indianern in und um ihre Hütten gezähmt gehalten. Es geschah dies schon lange vor der Ankunft der Weißen in diesem Lande. Schomburgk berichtet, daß die Indianer noch heutigentags die Papageien frei fliegen lassen, ohne ihnen die Flügel zu stutzen. „Ich sah mehrere“, schreibt er, „die sich des Morgens unter die Flüge der wilden mischten, die über das Dorf hinwegflogen und bei der Rückkehr am Abend sich wieder auf die Hütte ihres Herrn niederließen.“ Nach diesem Autor gehören zu den indianischen Niederlassungen im Walde die Papageien, wie zu unsern Bauernhöfen die Hühner. „Auffallend ist die Zuneigung der zahmen Papageien und Affen gegen Kinder. Ich habe selten einen Kreis spielender Indianerkinder bemerkt, dem sich nicht auch Affen und Papageien beigesellt gehabt hätten. Diese lernen bald alle Stimmen ihrer Umgebung nachahmen, das Krähen der Hähne, das Bellen der Hunde, das Weinen und Lachen der Kinder usw.“ Manche lernen sogar die Indianersprache sprechen und bringen es darin zu großer Vollkommenheit. Bekannt ist die Geschichte jenes sprechenden Papageis in einer der Niederlassungen an einem Zuflusse des Orinoko, von dem Alexander von Humboldt berichtet. Er war alt und sprach die Sprache eines ausgestorbenen Indianerstamms, so daß ihn niemand mehr verstand. In der Tat ein rührendes Bild der Vergänglichkeit alles Irdischen!
Von allen Papageien ist nur der ~Wellensittich~ (_Melopsittacus undulatus_) zum eigentlichen Haustier des Menschen geworden, indem er sich seit 57 Jahren in der Gefangenschaft des Menschen ohne großen Nachschub aus seiner Heimat enorm vermehrt hat und hier bereits bedeutende Farbenvarietäten zeigt. Bald wiegen die gelben, bald die grünen, bald die blauen Farbentöne seines ursprünglich sehr gemischten, allerdings vorwiegend grüngelben Farbenkleides vor, ja es gibt nach Ed. Hahn schon welche, bei denen das ihnen ursprünglich fremde Weiß eine ziemliche Rolle spielt und die selbst rote Augen haben, also eigentliche Albinos sind. Erst im Jahre 1794 lernte man in Europa diesen kleinen Papagei kennen, der in großen Scharen die mit Gras bewachsenen Ebenen von Inneraustralien bewohnt und sich hier von den Samen der Gräser ernährt. Als der Ornithologe Gould zu Anfang Dezember die Ebene des Innern Australiens besuchte, sah er sich von Wellensittichen umgeben und beschloß längere Zeit an derselben Stelle zu verweilen, um ihre Sitten und Gewohnheiten zu beobachten. Sie erschienen in Flügen von 20 bis 100 Stück in der Nähe einer kleinen Wasserlache, um zu trinken, und flogen von hier zu regelmäßigen Zeiten nach den Ebenen hinaus, um dort die Grassämereien, ihre ausschließliche Nahrung, aufzunehmen. Am häufigsten kamen sie frühmorgens und abends vor dem Dunkelwerden zum Wasser. Während der größten Tageshitze saßen sie bewegungslos unter den Blättern der Gummibäume, deren Höhlungen damals von brütenden Paaren bewohnt wurden. Solange sie ruhig auf den Bäumen saßen, waren sie schwer zu entdecken; erst wenn sie zur Tränke fliegen wollten, sammelten sie sich in Scharen und setzten sich auf die abgestorbenen oder zum Wasser niederhängenden Zweige der Gummibäume. Ihre Bewegungen sind wundervoll, ihr Flug ist gerade und falkenartig schnell, den andern Papageien kaum ähnelnd, der Gang auf dem Boden verhältnismäßig gut, ihr Klettern im Gezweige wenigstens nicht ungeschickt. Im Fluge lassen sie eine kreischende Stimme vernehmen. Im Sitzen unterhalten sich die sehr geselligen Vögel mit kosendem Gezwitscher. Wenn sie abends zur Tränke eilen, werden sie in Menge in großen Beutelnetzen gefangen, in rohe Kistenkäfige gesperrt und so den Händlern übermittelt. Aufmerksamere Vogelhändler setzen sie zur Weiterbeförderung in Australien gesellschaftsweise in kleine Käfige, deren Sitzstangen wie Treppenstufen hinter- und übereinander liegen, damit auf möglichst wenig Raum die größtmöglichste Zahl von Vögeln Platz finden kann.
Der Wellensittich gehört in der Gefangenschaft nicht zu denjenigen Papageien, die aus Trauer über den Verlust ihres Gefährten oft dahinwelken und sterben, verlangt aber Gesellschaft, und zwar natürlich am liebsten die des entgegengesetzten Geschlechts seiner eigenen Art. Im Notfall findet er auch in einem verschiedenartigen kleinen Papagei einen Ersatz. Niemals aber behandelt er einen andersartigen Vogel mit jener liebenswürdigen Zärtlichkeit, welche er gegen seinesgleichen an den Tag legt. Es ist deshalb notwendig, ihn immer paarweise zu halten; erst dann gibt er seine ganze Liebenswürdigkeit, die ihm sofort die Gunst des Menschen erwarb, kund. Er ist äußerst genügsam im Futter und nimmt in Ermangelung der Grassamen seiner australischen Heimat mit Hirse, Kanariensamen und Hanf vorlieb; daneben frißt er gern grüne Pflanzenblätter, verschmäht zunächst Früchte, läßt sich aber mit der Zeit auch daran gewöhnen. Er wird mit seiner sanften Stimme dem Menschen niemals lästig wie andere Papageien, die einem mit ihrem nicht unterdrückbaren Bedürfnis nach Gekreisch oft genug zur Last fallen und auf die Nerven gehen. Er unterhält mit seinem plaudernden Gezwitscher, lernt auch ein Liedchen und in einzelnen Fällen sogar Worte nachsprechen.
Paarweise gehaltene Wellensittiche, denen man Nistgelegenheit in einem hohlen Stamm verschafft, schreiten auch in der Gefangenschaft fast ausnahmslos zur Fortpflanzung. Das Männchen ist das Muster von einem Gatten, das sich ausschließlich mit seinem erwählten und nie mit andern Weibchen abgibt, die etwa zugleich in demselben Raume sein mögen. Gleicherweise ist das Weibchen das Muster einer Mutter; es baut ausschließlich das Nest aus, bebrütet darin seine 4-8 weißen Eichen, die es in Zwischenräumen von zwei Tagen legt, eifrig während 16-20 Tagen und atzt die Jungen, die etwa 30-35 Tage im Neste verweilen und letzteres erst dann verlassen, wenn sie ganz befiedert sind. Derweil wird das Weibchen vom Männchen gefüttert, das ihm zugleich, auf einem Zweige vor der Öffnung des Nestes sitzend, seine schönsten Lieder vorsingt. Wenn die erste Brut selbständig geworden ist, schreitet das Pärchen alsbald zur zweiten, ja zur dritten und selbst zur vierten vor. Ums Jahr 1848 wurde er durch die Beschreibung des Ornithologen Gould in seinem Buche _Birds of Australia_ in weiteren Kreisen bekannt und scheint bald nach England gekommen zu sein. 1854 pflanzte er sich nach Delon in England und Frankreich in Käfigen fort und wurde seit 1855 auch in Berlin gezogen. Damals nannten ihn die Händler nach seinem lateinischen Artnamen den „Undulatus“. Als aber die spanische Tänzerin Pepita von sich reden machte und geradezu einen Begeisterungstaumel hervorrief, hielten es die Händler für vorteilhaft, von ihm als „Andalusier“ zu reden, eine Bezeichnung, die sich allerdings, weil vollkommen unberechtigt, bald wieder verlor. Eine Zeitlang schien es, als sei ihm neben dem Kanarienvogel eine größere Rolle als Stubenvogel bestimmt; doch ist er neuerdings gegenüber dem letztgenannten mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Auch nach Neuseeland wurde er eingeführt und verwilderte dort, wie gelegentlich auch bei uns.
Neben den Wellensittichen gehören die ebenfalls Australien, daneben auch Ozeanien bewohnenden ~Kakadus~ zu den liebenswürdigsten Papageien, die sich gern und innig mit dem Menschen befreunden und dankbar seine Liebe erwidern. Ihre geistige Begabung ist außerordentlich entwickelt und ihre Neugier ebenso groß wie ihr Gedächtnis, so daß sie empfangene Beleidigungen schwer oder gar nicht vergessen. In bezug auf Gelehrigkeit wetteifern sie mit den begabtesten aller Papageien, den Jakos oder westafrikanischen Graupapageien, lernen bald mit Fertigkeit verschiedene Worte sagen und in sinngebender Weise verbinden und lassen sich zu allerlei Kunststücken abrichten. Ihre natürliche Stimme ist ein abscheuliches Kreischen, mit dem sie in ihrer Heimat von den Kronen hoher Bäume, ihrem Nachtquartier, die aufsteigende Sonne begrüßen. Dann fliegen sie zu ihren Futterplätzen, um Früchte und Sämereien zu naschen. Auch sie leben gesellig in großen Scharen und nisten in Baumhöhlen. Des Schadens wegen, den sie den menschlichen Kulturen verursachen, werden sie in ihrer Heimat eifrig verfolgt und zu Hunderten erlegt und ihr Fleisch, weil ziemlich wohlschmeckend, gegessen. Namentlich wird die aus ihnen bereitete Suppe sehr gerühmt. Sie lassen sich leicht fangen und dauern auch in Europa in der Gefangenschaft viele Jahre lang aus. Man kennt Beispiele, daß ein Exemplar dieser Vogelart länger als 70 Jahre im Käfig lebte. Ihre Erhaltung erfordert wenig Mühe; denn sie gewöhnen sich nach und nach an alles, was der Mensch ißt.
Als eigentlicher Schädling für die Schafzucht hat sich der in Neuseeland heimische, ziemlich große, olivengrüne ~Gebirgspapagei~ (_Nestor notabllis_), der ~Kea~ der Eingeborenen, erwiesen. Der in einem zwischen 1500 und 2000 _m_ Höhe gelegenen Gürtel lebende Vogel hat sich angewöhnt, sich in den wolligen Rücken der Schafe einzukrallen und mit seinem scharfen Hakenschnabel ganze Löcher darein zu bohren, um sich so Fleisch, das ihm sehr zu schmecken scheint, zu verschaffen. Viele dieser dummen Vierfüßler, die sich der Angriffe dieser frechen Burschen nicht zu erwehren vermochten, gingen infolge davon ein, so daß die Ansiedler diese lästigen Quälgeister ihrer Herden eifrig zu verfolgen und abzuschießen begannen. Jetzt haben sie sich gewöhnt, ihre gemeinschaftlichen Raubzüge nachts zu machen und müssen sich vielfach mit dem Abfall geschlachteter Schafe oder mit Aas begnügen.
XIX. Kormoran und Strauß.
Der Kormoran ist als Haustier ausschließlich eine Errungenschaft der chinesischen Kultur. Die Betriebsamkeit und die Geduld dieses alten Kulturvolkes hat damit einen Vogel zum nützlichen Gehilfen des Menschen gemacht, der bei uns als gefährlicher Konkurrent von jeher eifrig verfolgt wird und im wesentlichen in Mitteleuropa auf dem Aussterbeetat steht. Freilich wären auch unsere durch die gedankenloseste Raubwirtschaft und die Verunreinigung der Flüsse durch die giftigen Abwässer der chemischen Fabriken an Fischen verarmten Gewässer kein günstiges Gebiet für die Tätigkeit dieses ausgezeichneten Fischfängers, der sich uns bisher nur als Fischräuber verhaßt gemacht hat.
Der ~Kormoran~ (_Phalacrocorax carbo_), auch Baumscharbe oder Wasserrabe genannt, ist ein sehr gefräßiger und deshalb vom Menschen überaus gehaßter Fischräuber. Vom mittleren Europa an trifft man ihn in ganz Mittelasien und Nordamerika, von hier aus bis Westindien, von dort aus bis Südasien wandernd. Er bewohnt je nach Gelegenheit die kahle Meeresküste und die bewaldeten Ufer der Binnengewässer; dabei scheut er sich gar nicht, in unmittelbarer Nähe von Ortschaften, ja gelegentlich in diesen selbst, z. B. auf Kirchtürmen, sich anzusiedeln. Er liebt die Geselligkeit und hält sich deshalb in größeren oder kleineren Scharen mit seinen Artgenossen zusammen, nistet auch gewöhnlich in größeren Gesellschaften auf Bäumen, hohen Felsen, in Gebüschen oder im Schilf. Dabei kehren die Vögel mit großer Zähigkeit zu ihren alten Brutplätzen zurück, so lange sie nicht gewaltsam davon vertrieben werden. Gern nimmt der Kormoran von den verlassenen Nestern anderer Vögel, so besonders von Reiher- und Krähennestern, Besitz, um so mühelos die erste Unterlage für sein eigenes Nest zu erhalten, das aus Pfanzenstoffen errichtet und inwendig immer naß und sehr schmutzig ist. Zweimal im Jahre werden 3-4 Junge aus den grünlichweißen Eiern ausgebrütet und großgezogen.
Der Kormoran ist 81 _cm_ lang und der Hauptsache nach glänzend grünschwarz gefärbt, an Rücken und Flügeln kupferbraun, die Backen weiß, Schnabel und Füße schwarz. Er schweift außer der Brutzeit gern umher, ist auf dem Lande sehr schwerfällig, fliegt auch nicht besonders gut, zeigt sich aber im Wasser äußerst beweglich und flink. Mit geräuschlosem Ruck taucht er in bedeutende Tiefen und kann wenigstens zwei Minuten unter Wasser bleiben, wobei er mehr oder weniger tief hunderte von Metern zurückzulegen vermag. Pfeilschnell schießt er auf der Jagd nach Fischen mit weitausholenden Flügelschlägen so gewandt unter Wasser dahin, daß ihm auch der flinkste Schuppenträger nicht zu entgehen vermag. Aus einer Tiefe von 40 _m_ holt er Schollen vom Meeresgrunde herauf, und Fische bis zu 7 _cm_ Breite und 30 _cm_ Länge, Aale, die er besonders liebt, selbst wenn sie 60 _cm_ lang sind, verschlingt er mit Leichtigkeit.
Der vorsichtige, am Brutplatze zwar minder scheue Vogel, entzieht sich jeder nahenden Gefahr. Kann er nicht tauchen, so erhebt er sich über Schußweite in die Luft. Am liebsten aber verschwindet er bei Verfolgung im Wasser, streckt, um rasch zu atmen, nur Kopf und Hals etwas über die Oberfläche und verschwindet alsbald wieder in der Tiefe, wo er sich geborgen fühlt, bis die Gefahr verschwunden ist. Gegen andere Vögel ist er heimtückisch und sucht gern ihre Nester auszurauben oder gar die alten Vögel wegzuschnappen. So sah man im früheren Zoologischen Garten in Wien die Kormorane sich der Länge nach aufs Wasser legen und die hart am Wasserspiegel auf Insekten jagenden Schwalben mit beispielloser Gewandtheit wegfangen, ohne jemals fehlzugreifen.
Während der Morgenstunden fischen sie mit regem Eifer; nachmittags pflegen sie der Ruhe und der Verdauung. Gegen Abend unternehmen sie nochmals einen Fischzug und gegen Sonnenuntergang gehen sie schlafen. Dabei wählen sie im Binnenlande zur Nachtruhe hohe Bäume, an der Meeresküste dagegen hohe felsige Inseln, die ihnen Umschau nach allen Seiten gewähren. Von ihnen bewohnte Inseln erkennt man schon von weitem an dem weißen Kotüberzug, mit dem die Vögel sie bedeckt haben, und sie würden schließlich auch bei uns zu Guanolagern werden, hätten wir in unsern Breiten weniger Regen und die tropische Sonne, die den Vogeldünger unter dem Himmel Perus rasch trocknet. Bei ihrer ungemeinen Gefräßigkeit und raschen Verdauung ist der Kot sehr ausgiebig. Sie fressen solange sie können und stürzen selbst mit gefülltem Magen auf eine Beute, wenn sie ihnen gerade vor die Augen kommt. Weil sie bei solchen Eigenschaften der Fischerei sehr bedeutenden Schaden zufügen, können sie in Ländern, in denen der Mensch zur Herrschaft gelangte, nicht geduldet werden. Sie werden deshalb überall in zivilisierten Ländern als gefährliche Fischräuber verfolgt. Nur vorübergehend sind einzelne Exemplare der Gattung im 17. Jahrhundert an den Höfen Englands und Frankreichs zum Erbeuten von Fischen zahm gehalten worden, wie für die Reiherbeize Falken gehalten wurden. Dazu benutzte man jedenfalls jung aus dem Nest genommene Tiere; und zwar gaben vielleicht Jesuitenmissionare, die in China solche Verwendung kennen gelernt hatten, Veranlassung zu solchem Sporte, da diese gezähmten Kormorane ausdrücklich als aus dem katholischen Flandern bezogen erwähnt werden. So berichtet Pennant, daß König Karl I. von England, der von 1625-1649 regierte, einen Mr. Wood als _master of the corvorants_ hielt. Dieser habe die Kormorane so gezähmt, daß er sie ganz wie Falken habe gebrauchen können. Um 1628 sah dann Puteus als Sekretär des Kardinals Barberini in Fontainebleau am Hofe Ludwigs XIII. solche Tiere, die vom König von England als Geschenk an seinen Schwager dahin gelangt waren. Jedenfalls ist die Verwendung des Kormorans in Europa damals ganz vereinzelt geblieben und haben sich die Vögel nicht in der Gefangenschaft fortgepflanzt, sind also nicht zu Haustieren geworden, wie dies seit alter Zeit in China der Fall ist.
Über die Kormoranzucht der Chinesen hat uns der französische Missionar Armand David 1875 eingehend berichtet. Dort ist dieser Vogel vollständig Haustier geworden und pflanzt sich in der Gefangenschaft regelmäßig fort; doch läßt man gewöhnlich die von den Weibchen gelegten Eier durch Hühner ausbrüten. Die Jungen werden schon beizeiten mit auf das Wasser genommen und sorgsam unterrichtet, so daß sie bald auf den Befehl ihres Herrn ins Wasser tauchen, um die erhaschte Beute nach oben zu bringen und sie ins Boot zu apportieren. Ein um den Hals gelegter lederner Ring verhindert den Kormoran am Hinunterschlingen des erbeuteten Fisches. So schwimmt er auf das Boot seines Herrn zu, wo ihm seine Beute sofort abgenommen wird. Zur Belohnung wird ihm nach Abnahme des Halsrings etwas Bohnenteig als das übliche Futter verabreicht. Hierauf läßt man den Vogel am Rande des Bootes kurze Zeit ruhen und schickt ihn dann wieder an die Arbeit. Lässige Vögel werden bestraft, wie fleißige am Schlusse des Fischens einen Fisch zum Fressen erhalten. Wie groß muß noch der Reichtum der chinesischen Gewässer an Fischen sein, daß sich ein solches Verfahren so gut rentiert, daß ein gezähmter Kormoran den für chinesische Verhältnisse sehr hohen Preis von 12000 Käsch (= 30 Mark) einträgt. Übrigens haben die Japaner den Chinesen den Fischfang mit Kormoranen abgeguckt und wenden ihn gelegentlich ebenfalls in ihren fischreichen Gewässern an. Da der treffliche Vogelkenner Naumann mit gutem Grund den Kormoran als schwer zu zähmen und bissig bezeichnet, ist die große Geduld und Ausdauer der Chinesen bei der Gewinnung dieses Haustiers doppelt anzuerkennen. Für uns aber sind die Zeiten endgültig vorbei, da ein solcher Gehilfe des Menschen existenzberechtigt wäre; denn wie lange müßte der arme Geselle in den meisten unserer Gewässer tauchen, bis er endlich ein paar Gründlinge oder Weißfische aufgetrieben hätte!