Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 30
Diese mehr einfarbigen, schlanken, spitzschnauzigen Vorfahren unseres heutigen weißbunten, fettleibigen und dickköpfigen Meerschweinchens stellen also Mittelglieder zwischen letzterem und der noch heute in Peru wildlebenden Stammform _Cavia cutleri_ dar. Außer als Nahrung benutzten die alten Peruaner sie auch als Opfer für die Götter. Nach Rengger zähmen die Indianer in Paraguay noch heute die dem wilden Meerschweinchen Perus entsprechende Form der Ostabhänge der Anden, die _Cavia aperea_, und diese pflanzt sich auch in der losen Gefangenschaft, in der sie gehalten wird, leicht fort. Im Laufe des 16. Jahrhunderts kam dann das peruanische Hausmeerschweinchen durch die Spanier wohl nur als Spielerei nach Europa. Speziell den Holländern ist dessen Einführung nach Mitteleuropa zu verdanken. In der Schweiz erwähnt es 1554 zuerst der Züricher Naturforscher Konrad Geßner (1516-1565). Doch war es damals in Mitteleuropa noch recht selten. Weil es übers Meer zu ihnen gekommen war und in seiner kurzbeinigen Dickleibigkeit einem Schweinchen glich, nannten es die Deutschen Meerschweinchen, während es die Engländer als _guinea-pig_ bezeichneten. Die Färbung ist sehr verschieden. So berichtet schon der Leibarzt der reichen Fugger in Augsburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Munzinger, von ganz weißen und ganz braunen Meerschweinchen. Jetzt sind die meisten Formen schwarz, rotgelb und weiß gefleckt; ein Teil ist ganz weiß mit roten Augen. Es sind dies also richtige Albinos. Neben diesen kurzhaarigen Rassen gibt es auch eine sehr langhaarige unter der Bezeichnung ~Angorameerschweinchen~. Bildet ihre Behaarung an verschiedenen Körperstellen eigentümliche Wirbel, so spricht man von ~Struppmeerschweinchen~.
In seinem Benehmen ist das Meerschweinchen ein Mittelwesen zwischen Kaninchen und Mäusen. Sein Lauf setzt sich aus einer Reihe kurzer Sprünge zusammen und ist keineswegs sehr schnell. Fühlen sie sich wohl, so lassen sie eine Art sanften Murmelns vernehmen; erschreckt quieken sie wie die Schweine. Bei uns werfen die Weibchen 2 bis 3 mal im Jahre 2-3, auch 4 oder 5, in heißen Ländern sogar 6-7 Junge. Diese werden in einem hochentwickelten Zustand mit offenen Augen geboren und laufen schon nach wenigen Stunden hinter der Mutter her. Sie werden nur etwa 14 Tage lang von der Mutter gesäugt und während dieser Zeit liebevoll behandelt. Vom zweiten Tage an fressen sie neben der Muttermilch auch Grünes und sind vom Ablauf der 4. Woche an selbständig. Nach 5-6 Monaten sind sie fortpflanzungsfähig und haben schon nach 8-9 Monaten ihre vollkommene Größe erreicht. Bei guter Behandlung können sie ihr Leben auf 6-8 Jahre bringen. Sie sind der Wärme bedürftig und müssen an einem trockenen Ort gehalten werden. Gegen rauhe und kalte Witterung sind sie sehr empfindlich und gehen dann leicht zugrunde. Wenn man sich viel mit ihnen abgibt, werden sie ungemein zahm und zutraulich, obwohl sie ihre Furchtsamkeit nie gänzlich ablegen und bei ihren geringen geistigen Fähigkeiten selten dahin gelangen, den Wärter von andern zu unterscheiden. Im ganzen bleiben sie stumpfsinnig und wenig anhänglich. Nur in Oberschlesien ißt man sie wie in ihrer Heimat Peru.
Endlich ist noch von der ~zahmen Hausmaus~ (_Mus musculus domesticus_) zu reden, die in Ostasien zum Haustier erhoben wurde und neuerdings auch bei uns in den verschiedensten Zeichnungs- und Färbungsformen gezüchtet wird. Nach ihrer Herkunft werden sie als ~chinesische~ und ~japanische Ziermäuse~ unterschieden. Die chinesischen Mäuse, die in ihrer Heimat auch vom Menschen gegessen werden, unterscheiden sich von unserer wilden Hausmaus und von der gewöhnlichen weißen Maus nur durch die Färbung und Zeichnung und zerfallen in eine große Anzahl Rassen. Es gibt einfarbig schwarze, dann solche mit ganz kleinen weißen Abzeichen an verschiedenen Körperstellen, ferner schwarz- und weißgescheckte, einfarbig graue, grau- und weißgescheckte, braune, braun- und weißgescheckte, hell- und dunkelgelbe und gelbgescheckte Mäuse. Alle diese haben meist schwarze Augen; nur gelbe Mäuse kommen auch mit roten Augen vor. Sonst finden sich letztere regelmäßig bei den noch nicht aufgezählten Rassen, den fahlen, den fahl- und weißgescheckten und den blauen Mäusen, deren Färbung von Aschgrau bis Mohnblau wechselt. Diese blauen Mäuse unterscheiden sich von den fahlen dadurch, daß ein gelblicher, bräunlicher oder rötlicher Farbenton bei ihnen fehlt. Zu ihnen gesellen sich blaue Mäuse mit wenig bis viel Weiß und endlich die schon seit langer Zeit in Europa gezüchteten einfarbig weißen Mäuse mit roten Augen. Übergänge zwischen den aufgezählten Rassen finden sich nur selten. Als Übergänge zwischen fahlen und gelben Mäusen kann man die gelben Mäuse mit roten Augen betrachten. Sonst kommen nur Übergänge zwischen grauen und gelben Mäusen vor, nämlich graue Mäuse mit Gelb und gelbe Mäuse mit Grau meliert. Andere Übergänge hat man trotz zahlloser Züchtungsversuche nicht erhalten, und vor allem ist es auch nie gelungen, Mäuse zu züchten, die gleich den meisten Meerschweinchen dreifarbig gescheckt sind.
Nicht minder wunderbare Züchtungsprodukte haben die Japaner aus der gemeinen Hausmaus zu machen verstanden. Die japanischen Ziermäuse unterscheiden sich von den chinesischen durch geringere Körpergröße, zierlichere Formen, namentlich spitzen Kopf, vor allem aber durch die merkwürdige Eigenschaft, daß sie, wenn sie irgend ein Ziel erreichen wollen, nicht geradewegs darauf losgehen, sondern schwankenden Ganges hin und her wackeln, wobei sie häufig in eine drehende Bewegung geraten, ja nicht selten auf einem Fleck so schnell herumwirbeln, daß man Kopf- und Schwanzende nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Sie lieben es auch, um die runden Futternäpfe im Kreise herumzulaufen und um Pflöcke, die man auf dem Boden ihres Käfigs befestigt hat, herumzutanzen. Oft führen zwei zusammen einen Wirbeltanz aus. Diese sogenannten ~japanischen Tanzmäuse~ zieht man in ihrer Heimat gewöhnlich in zwei Rassen, nämlich in schwarzweißem und blauweißem Kleide. Bei beiden Rassen überwiegt das Weiß, und Schwarz und Blau sind jeweilen am Kopfende angehäuft. Nur selten erhält man auch fahl und weiß gescheckte Tanzmäuse. In Frankfurt a. M. ist es indessen neuerdings gelungen, zahlreiche verschiedenartige Tanzmäuse zu züchten, und nach den dort angestellten Vererbungsversuchen lassen sich die Tanzmäuse in denselben 19 verschiedenen Färbungs- und Zeichnungsformen züchten, wie die chinesischen Mäuse, so daß es im Ganzen 38 verschiedene Hauptrassen von Ziermäusen gibt. Dazu kommen noch einige, allerdings sehr seltene Übergänge zwischen verschiedenen Rassen.
Dieselbe Züchtungsarbeit hat man in Ostasien teilweise auch der Wanderratte angedeihen lassen. Sie kommt weiß, schwarz oder braun gescheckt vor, ist aber viel weniger mannigfaltig gefärbt als die Ziermäuse. Am meisten wird die ~japanische Tanzratte~ gehalten, die durch ihr Benehmen an die japanischen Tanzmäuse erinnert. Sie wird gelegentlich auch vom Menschen verspeist, was sehr begreiflich ist, da an ihr gewiß mehr Fleisch enthalten ist als an den Mäusen, die demselben Zwecke dienen.
XIII. Die Katze.
Die Hauskatze, die als geborener Einzeljäger sich bis auf den heutigen Tag auch als Haustier eine sehr selbständige Stellung als Genosse des Menschen bewahrt hat und infolgedessen auch dem Einfluß der künstlichen Züchtung so gut wie gar nicht unterliegt, ist kein Abkömmling unserer europäischen Wildkatze (_Felis catus_), wie man noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts annahm, sondern stammt von der von Rüppel in Nubien entdeckten ~Falbkatze~ (_Felis maniculata_), die in vorgeschichtlicher Zeit irgendwo im oberen Nilgebiet zum Haustier erhoben wurde. Es ist dies ein fahlgelb bis fahlgraues Tier, an Hinterkopf und Rücken rötlicher, mit weißem Bauch und verwaschenen, schmalen, schwarzen Querbinden am Rumpf, die an den Beinen deutlich hervortreten. Der Pelz ist an einigen Stellen schwarz gesprenkelt; der Schwanz endet in eine schwarze Spitze, davor hat er drei schwarze Ringe. Charakteristisch ist der Sohlenfleck, d. h. die schwarze Färbung der Hinterseite der Hinterfüße von der Pfote bis zum Hacken. Diese Färbung macht sich auch bei den gezähmten Vertretern sehr leicht geltend und kommt niemals bei der europäischen Wildkatze vor. Ferner ist bei den Hauskatzen wie bei deren Stammutter, der Falbkatze, der Schwanz gleichmäßig zugespitzt und nicht am Ende verdickt wie bei der europäischen Wildkatze, die auch nie schwarze Sohlen aufweist. Dann wies der Engländer Hamilton nach, daß sich bei den Hauskatzen die Stirne mit zunehmendem Alter verflacht, während sie bei der europäischen Wildkatze höher wird. Alle diese Tatsachen sprechen in demselben Sinne, daß eben die Hauskatze ein Abkömmling der afrikanischen Falbkatze und nicht der europäischen Wildkatze ist.
Wenn nun also die Hauskatze nicht von der europäischen Wildkatze abstammt, ist es nicht zu verwundern, daß sie im vorgeschichtlichen Europa durchaus fehlt; auch die älteren Griechen und Römer kannten sie noch nicht. Ihre Rolle als Mäusevertilger besorgten bei ihnen Wiesel und Iltis, die beide gezähmt gehalten wurden. Ebenso wird die Katze nirgends in der Bibel erwähnt; auch im vedischen Zeitalter Indiens war sie durchaus unbekannt. Aus allen diesen Gründen muß die noch von W. Schuster vertretene ältere Ansicht, wonach unsere Hauskatze von der Wildkatze abstammt, absolut verlassen werden, wenn auch zuzugeben ist, daß da und dort durch gelegentliche Paarung von Hauskatzen mit Wildkatzen Blut von letzterer in manche Stämme der Hauskatze gelangte. Ganz abgesehen von der großen Schwierigkeit der Zähmung der überaus wilden europäischen Wildkatze weicht auch der anatomische Bau der Hauskatze in vielen Einzelheiten vollkommen von demjenigen jener ab, stimmt aber sehr genau mit demjenigen der nubischen Falbkatze überein. Nach François Lenormant kam die Hauskatze als bereits gezähmtes Tier mit dem Hunde von Dongola erst zur Zeit des Mittleren Reiches nach der Eroberung des Landes Kusch in Nubien durch die Ägypter nach Ägypten und wird mit jenem zuerst auf Grabdenkmälern der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in Beni Hassan abgebildet. Dagegen will neuerdings Konrad Keller sie schon zur Zeit der 6. Dynastie (2750-2625 v. Chr.) in einem Grabgemälde von Sakkarah mit einem Halsband, also dem Attribut eines Hausgenossen, abgebildet gefunden haben. Genaueres darüber gibt er aber nicht an.
Bei den alten Ägyptern wurde ihre Zucht in der Folge sehr populär; denn die Katze, von ihnen nach ihrer Lautäußerung _mau_ genannt, wurde als Jagdgehilfe und eifriger Bekämpfer von Ratten und Schlangen von ihnen in hohem Maße geschätzt. So finden wir auf verschiedenen Grabgemälden der 18. Dynastie (1580-1350 v. Chr.) von Kurnah, die Sir Gardner Wilkinson publizierte, Ägypter in leichten Booten im Schilfdickicht Jagd auf Wasservögel machen, wobei ihnen zahme Katzen das vom Bumerang betäubte Wild durch geschicktes Schleichen zwischen den Sumpfpflanzen holen. Wo also der Hund nicht zu gebrauchen war, trat die Katze in ihr Recht und leistete dem Menschen gute Dienste. Als Rattenvertilgerin finden wir die Katze aus leicht verständlichen Gründen nirgends dargestellt; aber daß sie als solche fungierte, beweist der berühmte satyrische Papyrus von Turin, in welchem die Darstellungen der glorreichen Siege Ramses III. (1198-1167 v. Chr.) der 19. Dynastie an den Wänden des von ihm errichteten Tempels in Medinet Abu in der Weise karikiert wurden, daß der auf seinem Kriegswagen stolz einherfahrende König und seine Leute in Form von Ratten, die Feinde dagegen, die Chethiter, in Gestalt von Katzen dargestellt wurden. In einer Darstellung des Totenbuches aus dem Neuen Reiche finden wir eine unter einem Baume sitzende Katze abgebildet, die unter der einen Vordertatze einen Schlangenkopf hält. Tatsächlich jagt die Hauskatze ebenso gern selbst die gefährlichsten Giftschlangen als die Mäuse und Ratten. Dadurch mag sie sich bei den Ägyptern, jenen ausgesprochenen Ackerbauern, denen die die Kornvorräte brandschatzenden Nagetiere, wie auch die giftige Schlangenbrut äußerst lästig fielen, sehr bald in hohe Gunst gebracht haben. Da sie andere Tiere verspeiste und damit deren Seelen in sich aufnahm, sah man in ihr ein Geistwesen verkörpert, dem als solchem so gut eine Kultpflege zukam, als dem die Umgebung der menschlichen Wohnungen von Aas reinigenden Ibis oder Schakal. Wie diese wurde sie in der Folge zu einem heiligen Tiere gestempelt, das als guter Geist gern im Hause gehalten wurde, weil es durch seine göttlichen Eigenschaften Segen in dasselbe brachte. Ihr Tod versetzte die altägyptische Familie in Trauer, die man äußerlich durch Abrasieren der Augenbrauen bekundete. Der Unglückliche, der freiwillig oder unfreiwillig einer Katze das Leben raubte, war verloren. So schreibt der griechische Geschichtschreiber Diodoros, mit dem Beinamen Siculus, über Ägypten: „Wer dort irgend ein heiliges Tier absichtlich ums Leben bringt, wird zum Tode verurteilt. Wer aber eine Katze oder einen Ibis umbringt, muß sterben, wenn er auch die Sünde ohne es zu wollen beging; das Volk läuft zusammen und behandelt, oft ohne Verurteilung, den Missetäter aufs grausamste. Sieht also jemand ein totes heiliges Tier, so bleibt er, um nicht in falschen Verdacht zu kommen, von ferne stehen, schreit, wehklagt und beteuert, daß er es schon tot gefunden habe. -- Die abergläubische Verehrung der heiligen Tiere ist bei den Ägyptern tief und unwandelbar festgewurzelt. In der Zeit, da der König Ptolemäus (XI, 81-51 v. Chr.), von den Römern noch nicht für einen Freund erklärt war und sich das ägyptische Volk auf alle mögliche Weise bemühte, den sich in ihrem Lande aufhaltenden Römern gefällig zu sein und aus Furcht vor Rom jede Gelegenheit zu Beschwerden vermied, da kam der Fall vor, daß ein Römer eine Katze ums Leben brachte. Alsbald rottete sich das Volk wütend gegen ihn zusammen, und, obgleich er den Mord gar nicht mit Vorsatz begangen, konnten doch weder die Bitten des vom Könige hingesandten Beamten, noch die Furcht vor Rom den unglücklichen Katzenmörder vom Tode erretten. -- Finden die Ägypter auf ihren Kriegszügen in fremdem Lande tote Katzen oder Habichte, so sind sie betrübt und nehmen die Tiere mit sich nach Hause.“ An einer anderen Stelle berichtet derselbe Autor: „Den Katzen und Ichneumons brocken die Ägypter Brot in Milch, locken sie herbei und setzen es ihnen vor, oder sie füttern sie mit zerschnittenen Nilfischen. In ähnlicher Weise füttern sie auch die übrigen heiligen Tiere. Die eigentlichen Wärter jener Tiere tun groß mit ihrem wichtigen Götzendienst; sie tragen auch besondere Abzeichen, und wenn sie durch Dörfer und Städte gehen, so verbeugt sich jedermann ehrfurchtsvoll vor ihnen. Stirbt ein heiliges Tier, so wickeln sie es in feine Leinwand, schlagen sich jammernd die Brust und bringen es in die zum Einbalsamieren bestimmten Häuser. Ist es dort mit Zedernöl und andern guten Dingen, die einen guten Geruch geben und vor Verwesung schützen, durchdrungen, so wird es in einem heiligen Sarge bestattet.“
Auch Herodot, der selbst in Ägypten war und die Sitten der Ägypter aus eigener Anschauung kannte, schreibt: „Die Katzen in Ägypten lieben ihre Jungen sehr, aber sie werden ihnen oft von den Katern geraubt. Entsteht irgendwo eine Feuersbrunst, so kümmern sich die Ägypter nicht ums Feuer, sondern um ihre Katzen. Sie stellen sich um diese herum und halten Wache; aber die Katzen entwischen ihnen doch oft, springen auch über sie hinweg und stürzen sich in die Flammen. Geschieht dies, so kommt über die Ägypter große Trauer. Stirbt eine Katze, so scheren sich alle Bewohner des Hauses ihre Augenbrauen ab; stirbt aber ein Hund, dann scheren sie sich den ganzen Kopf ab. Die toten Katzen werden in heilige Gemächer geschafft, einbalsamiert und dann in der Stadt Bubastis beigesetzt. Die Hunde und Ichneumons werden in der Stadt, in der sie starben, in heiligen Grüften bestattet, die Spitzmäuse und Ibisse aber in Hermopolis. Die Bären, welche jedoch selten sind, und die Wölfe, welche nicht viel größer sind als Füchse, werden da begraben, wo sie gerade liegen.“
Die Angaben dieser beiden Autoren betreffend das Einbalsamieren der verstorbenen Katzen und das darauffolgende Bestatten in besonderen „heiligen Grüften“ sind durch das Auffinden von eigentlichen Katzenfriedhöfen in Bubastis und Beni Hassan bestätigt worden. Hier wurden sorgfältig einbalsamierte und mit Leinenbändern umwickelte Katzenmumien in Menge gefunden. Der bedeutendste Kultort für die Katzen war die Stadt Bubastis, im östlichen Delta, die ihren Namen (ägyptisch _Pe Bast_ = Ort der Bast) von der dort verehrten Göttin Bast erhielt, die mit einem Katzenkopfe dargestellt wurde. Es ist dies eigentlich die Göttin Sekhet, die Gemahlin des Ptah, des großen Gottes von Memphis, die ursprünglich löwenköpfig und erst seit dem Bekanntwerden der Katze in Unterägypten katzenköpfig abgebildet wurde. Die Griechen stellten sie später ihrer Artemis gleich.
Wenn nun auch mit dem Untergang des alten Ägypten die Heiligkeit der Hauskatze im Niltal dahin fiel, so sind doch Spuren derselben hier bis auf unsere Zeit nachzuweisen. Noch heute glaubt man in Ägypten, daß die Katze Glück bringen könne; sie wird von den dortigen Haremsdamen verhätschelt und mit Ohrringen geschmückt. In Oberägypten gilt sie heute noch als heilig und unverletzlich; sie ist dort nach Klunzinger ebenso geehrt als die Hunde verachtet. In Kairo vermachte der Sultan Ez Zahir Beibars einen Garten nördlich der Stadt zum Besten der Katzen. Derselbe wurde dann verkauft, aber zurückerworben und dient heute noch zur Erhaltung herrenloser Katzen; daneben besteht in jener Stadt ein förmliches Katzenspital. Außerdem sind wiederholt Legate zu deren Fütterung ausgesetzt worden. Diese Hochhaltung der Katze im heutigen Ägypten wird mit der Vorliebe des Propheten Mohammed für diese Tiere motiviert. Dieser soll einst, um ein in seinem weiten Ärmel liegendes Kätzchen nicht in seinem Schlafe zu stören, denselben beim Aufstehen abgeschnitten haben. Überhaupt ist der Morgenländer durchschnittlich sehr rücksichtsvoll gegen seine Mitgeschöpfe. So erzählt ein deutscher Edelmann, der im Mittelalter das Morgenland durchwanderte, von einem Soldaten, der sich neben dem schönsten Schatten seufzend von der Mittagssonne peinigen ließ, weil er das in seinem Schoß eingeschlafene Kätzchen nicht stören wollte.
Wie sich aus den Mumien ergibt, war die Gesamtfarbe der altägyptischen Hauskatze noch ganz der der Falbkatze ähnlich. Nach Keller trifft man solche Färbung noch heute häufig bei den Hauskatzen in den Küstenorten des Roten Meeres. Auch das Knochengerüst beider Arten entspricht einander vollkommen. Jedenfalls hat sich hier in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet die Falbkatze je und je mit der Hauskatze gepaart und so zur Auffrischung des Blutes beigetragen. Aber auch die Wildform selbst mag da und dort später wiederholt gezähmt worden sein, wie dies heute noch bei den Niam-Niam der Fall ist, die die Falbkatze fangen und sie in kurzer Zeit an die Wohnung gewöhnt haben, so daß sie ihnen nicht mehr entläuft, sondern sich, mit Mäusefang beschäftigt, in deren Nähe verweilt. Diese Beobachtung von G. Schweinfurth bestätigte C. Keller, indem ihm auf seiner Reise in Nubien wiederholt gezähmte Exemplare der wilden Falbkatze angeboten wurden. Er schreibt ferner: „Am mittleren Webi in den Somaliländern konnte ich gezähmte Falbkatzen in den Dörfern antreffen, die ich vorher in Ogadeen nirgends vorfand. Sie dienen dazu, die Getreideschuppen gegen die schädlichen Nager zu schützen. Übrigens richten die Somalifrauen auch ihre Knaben in origineller Weise zum Mäusefang ab und, wie ich mich überzeugt habe, entwickeln diese ein großes Geschick. Diese Tatsache liefert vielleicht die Erklärung für das lokale Fehlen der Hauskatze in manchen Gebieten Ostafrikas.“
Vom Niltal verbreitete sich die Hauskatze im Altertum nur langsam nach Syrien, Persien und von da nach Indien. Bei den Indern galt die weiße Katze als das Symbol des Mondes, der die grauen Mäuse, d. h. die Schatten der Nacht vertreibt. In China wird die Katze zum erstenmal im 6. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. Ein Bekanntwerden der Griechen mit der ägyptischen Katze läßt sich vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. nicht nachweisen und war auch da nur vereinzelt. So berichtete Herodot seinen Landsleuten von der hohen Wertschätzung dieses Tieres in ihrer ägyptischen Heimat. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Katze in den griechischen Kolonien Süditaliens in einzelnen Exemplaren von Kyrene her eingebürgert; doch vermochte sie auch hier nicht den älteren Vorläufer, das Wiesel, zu verdrängen. Bei den Römern fand sie erst um 100 v. Chr. Eingang. Bei ihnen hatte das Wort _felis_ zuerst den Edelmarder, dann die Wildkatze und, von ihr übertragen, zuletzt die Hauskatze bezeichnet. Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung treffen wir sie immer noch nur vereinzelt als Haustier bei den alten Römern. Der ältere Plinius kennt und beschreibt sie unter dem Namen _tigris_: „Die Katzen schleichen ganz still und leise, wenn sie ein Vögelchen haschen wollen; den Mäusen lauern sie heimlich auf und springen dann plötzlich auf sie los. Ihren Kot bedecken sie mit zusammengerscharrter Erde, damit er ihre Anwesenheit nicht verrate.“ Seine Zeitgenossen Columella und Seneca raten die Hühner vor ihnen zu hüten. Dies rät Palladius um 380 n. Chr. dadurch zu tun, daß man letzteren ein Stückchen Raute unter den rechten Flügel bindet. Er sagt, daß man sich Katzen zum Wegfangen der Maulwürfe halte. Von allen Geschichtschreibern erwähnt sie nur Dio Cassius einmal, indem er in der Biographie des Tiberius sagt: „Während Sejanus zur Zeit, da Tiberius regierte (14-37), noch allmächtig war, kamen einmal eine Menge Gratulanten zu ihm und das Sopha, auf das sie sich setzten, brach zusammen; dann lief dem Sejanus, als er aus dem Hause ging, eine Katze über den Weg. Hierdurch ward ihm, vor dem sich damals alles beugte, Verderben prophezeit.“ Auch ist ihre Darstellung bisher nur ein einziges Mal auf einem römischen Mosaik gefunden. Jedenfalls spielte die Katze im antiken Haushalt neben dem hier früher als Mäusefänger gebräuchlichen Frettchen eine sehr bescheidene Rolle. Erst vom 4. Jahrhundert n. Chr. an wurde das bis dahin noch häufig gehaltene Hauswiesel ganz von der Katze verdrängt, die damals einen besonderen Namen, nämlich _catus_ erhielt, woraus später im Vulgärlatein _catta_, und daraus im Italienischen _gatta_, im Französischen _chat_, im Deutschen dagegen Katze wurde. Die römische Bezeichnung _catus_ aber, die bei den Byzantinern als _katós_ gebräuchlich war, stammt aus dem syrischen Worte _katô_, das seinerseits wiederum mit dem nordafrikanischen _gâda_ und _kadiska_ zusammenhängt. So sehen wir auch in der Terminologie den Weg angedeutet, den das Tier in der Tat aus dem Niltal über Syrien und das Römerreich bis ins Herz Europas nahm.