Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 3
Andere Schakalabkömmlinge, die der hier besprochenen Spitzhundgruppe nahestehen, sind die West- und Südasien, den indomalaiischen Archipel bis zu den Philippinen, dann Neuguinea, Australien und Neuseeland, aber auch Nord- und Mittelafrika und Madagaskar bewohnenden ~Pariahunde~. Sie wurden von den Engländern so genannt, weil sie kaum oder nur schlecht domestizierte Hunde von häßlichem Aussehen sind, die als herrenlose Geschöpfe in der Nähe der menschlichen Wohnungen leben, um sich vom Wegwurfe des Menschen kümmerlich genug zu ernähren. Tagsüber liegen sie faul oder schlafend in der Sonne, um wie ihre Ahnen, die Schakale, gegen Abend lebhaft zu werden und auf Eßbares irgend welcher Art zu fahnden. Wie die Schakale machen sie sich des Nachts in orientalischen Städten durch ihr Geheul sehr unangenehm bemerkbar, indem sie bei den nicht daran Gewöhnten keinen rechten Schlaf aufkommen lassen. Sie haben einen schlanken Leib, ziemlich hohe Beine, einen schmalen Kopf mit zugespitzter Schnauze und aufrecht stehenden Ohren. Das Gesicht verrät nur geringe Intelligenz. Der lange, nicht gedrehte Schwanz wird bald hängend getragen, bald ist er gekrümmt. Die Behaarung ist meist kurz und von rostroter oder fahler Färbung, ähnlich dem Schakal. Auch der Schädelbau zeigt Ähnlichkeit mit diesem, und zwar am meisten mit dem indischen Schakal.
Wie heute noch allgemein im Orient besorgte dieser Pariahund hier schon in der Urzeit neben den Hausschweinen die Straßenreinigung. In altbabylonischen Texten wird er als _kalbu siguu_, d. h. umherschweifender Hund bezeichnet, der manchenorts den Schafherden lästig wurde, weil er sich zur Stillung seines übermächtigen Hungers an die jungen Schafe heranmachte. Da er sich für gewöhnlich von Aas ernährte, mied man ihn so viel als möglich als unheimliches Geistwesen und schützte sich vor seinem, wie man glaubte, krankmachendem Einflusse durch das Tragen von Amuletten, die, wie die Labartu, selbst hundeköpfig, sonst menschenähnlich, an der einen Brust ein Schwein, an der andern einen Hund, oder wie die Daua an beiden Brüsten Hunde säugend dargestellt wurden. Vielfach hing man sich auch Hundenachahmungen um. Alle Krankheitsdämonen wurden hundegestaltig dargestellt. So begreifen wir, wie bei den Semiten und durch sie bei allen Völkern des Morgenlandes der Hund eine verachtete Stellung einnahm, auch dann, als höher gezüchtete Formen desselben eingeführt wurden.
Wie die west- und südasiatischen Pariahunde, deren südlichster Zweig als ~Dingo~ schon in frühvorgeschichtlicher Zeit mit den dem altdravidischen Volkselemente Südasiens nahe verwandten Australiern in Australien einwanderte und hier in der Folge wiederum gänzlich verwilderte, vom ebenfalls in rostroter Färbung vorkommenden indischen Schakal abstammen, ist dies auch bei den meisten nord- und mittelafrikanischen Pariahunden der Fall. Dagegen leben im Nilgebiet und weiter westlich in Nordafrika Formen, die im Schädelbau stark von jenen abweichen und offenbar vom nubischen ~Schakalwolf~ (_Canis anthus_) abstammen. Der breite Kopf mit großen, aufrechtstehenden Ohren, der selbst im weiblichen Geschlecht stark entwickelte Scheitelkamm, die aufgetriebene, breite Stirn und der derbe, kräftige Schnauzenteil stimmen vollkommen mit diesem überein. Auch physiologische Gründe sprechen für diese Ableitung, so vor allem die Gewohnheit beider, im Boden Löcher zu graben und Aas hervorzuscharren. Bei den südafrikanischen Pariahunden dagegen scheint der dort einheimische ~Schabrackenschakal~ (_Canis mesomelas_) der eigentliche Stammvater zu sein.
~Wie die kleineren, spitzartigen Haushunde vom Schakal, so stammen alle größeren vom Wolf in seinen verschiedenen Abarten ab.~ Der älteste dieser Wolfsabkömmlinge ist der in spätneolithischer Zeit in Mitteleuropa auftretende _Canis familiaris inostranzewi_, von Anutschin nach Inostranzew so genannt, der die Überreste desselben zusammen mit denjenigen des Torfhunds in Kulturschichten der jüngeren Steinzeit Rußlands am Ladogasee zuerst entdeckte. Später wurde er dann auch in Pfahlbauten des Neuenburger- (Font) und Bielersees (an der Schüß) mit einigen Kupfergegenständen gefunden. Dieser an Größe einem mittleren Fleischerhunde entsprechende Hund besaß einen durchaus wolfähnlichen Schädel von 17,7 _cm_ Länge und näherte sich sehr dem in Nordrußland und Sibirien verbreiteten, bereits besprochenen Eskimohund, von dem wir konstatierten, daß er eine starke Blutmischung mit dem nordischen Wolfe aufweise. Gegenüber dem Schädel des Torfhundes erscheint der seinige langgestreckt, niedrig, mit stark entwickelter Scheitelleiste und überhaupt ausgeprägten Muskelansätzen. Von der breiten Stirne setzt sich der lang ausgezogene, vorn sich verjüngende Gesichtsteil deutlich ab.
Durch die Kreuzung dieses wolfähnlichen Hundes mit dem Pfahlbauspitz von Schakalabstammung entstand der ~Aschenhund~, so genannt, weil seine Überreste vom Archäologen Grafen von Wurmbrand zuerst in Aschenschichten bei Weikersdorf in Niederösterreich gefunden wurden. Woldrich beschrieb sie im Jahre 1877 und nannte das Tier _Canis familiaris intermedius_. Weitere Überreste desselben fanden sich in Pulka und Ploscha in Böhmen. Mit einer Basilarlänge von 16,4 _cm_ steht sein Schädel in der Mitte zwischen dem größeren wolfartigen Hund der Bronzezeit und dem kleineren Torfhund und war durch die bedeutende Stirnbreite und die Kürze der Schnauze ausgezeichnet.
Von diesem eigentlichen Jagdhund der Bronzezeit, der uns in einer bereits hängeohrigen, also hochgezüchteten Form auf einer Platte mit Tierdarstellungen von Hierokanopolis in Ägypten aus vorpharaonischer Zeit Antilopen und Steinböcke jagend entgegentritt, stammen die Laufhunde sowie die Vorstehhunde mit ihren verschiedenen Unterrassen ab. Und zwar schließt sich nach den eingehenden Untersuchungen von Prof. Theodor Studer in Bern der Schädel des schweizerischen ~Laufhundes~ in seiner Gestalt direkt an denjenigen des Aschenhundes an, dessen wesentliche Merkmale er bis in alle Details wiederholt, nur ist die Schädelhöhle bei ihm bedeutend geräumiger geworden, als Zeichen, daß er inzwischen bedeutend an Intelligenz zugenommen hat. Die Schädellängen schwanken zwischen 16,2 und 18,4 _cm_. Die größte Ähnlichkeit mit demjenigen des _Canis intermedius_ zeigt der Schädel eines Laufhundes aus der helvetischen Station La Tène am Neuenburger See aus vorrömischer Zeit. Er stammt aus Kulturschichten, die neben zahlreichen eisernen Waffen und Geräten nebst bronzenen Schmuckgegenständen und Utensilien zahlreiche Knochen von Haustieren, wie Pferden, Rindern und Schweinen, lieferten. Schon bei ihm ist die Schädelkapsel etwas geräumiger, die Schläfenenge weniger eingeschnürt und die Stirne breiter und seitlich mehr gewölbt als beim Aschenhund, ein Prozeß, der sich im Laufe der Zeit noch steigerte bis zu den heutigen Laufhunden.
Schon in der Ilias ist vom Laufhund die Rede, der den Hirsch oder die Hirschkuh und deren Junges durch Täler und Schluchten verfolgt. Ein solcher Laufhund war der treue Argos, der einst zur Jagd auf wilde Ziegen, Rehe und Hasen gedient und das Aufspüren des Wildes trefflich verstanden hatte; kein Wild sei ihm je entkommen, wird in der Ilias von ihm gesagt. In der Folge hielten ihn die Griechen und Römer, aber auch die Völker nördlich der Alpen. So waren zur Zeit des Julius Cäsar die Gallier durch ihre Laufhunde berühmt, die sich vortrefflich zum Aufspüren und Verfolgen der Beute bei der Jagd bewährten. Bei ihnen waren besonders die nach dem gallischen Stamme der Segusier zwischen Saône, Rhone und Allier von den Römern als _segusii_ bezeichneten Hunde hoch geschätzt. Nach den Schilderungen der alten Schriftsteller Ovid, Plinius und Gratius waren es rauhhaarige Tiere, die nicht nur bei den Römern, sondern nach dem Berichte von Flavius Arrianus im Jahre 130 n. Chr. auch in Griechenland Aufnahme fanden. Noch bis in das 6. und 7. Jahrhundert werden sie als _segusii_ angeführt, später aber erhielten sie nach ihrer hauptsächlichen Züchtung in der französischen Landschaft Bresse die Bezeichnung _chiens de Bresse_. Doch waren neben ihnen schon in römischer Zeit glatthaarige Laufhunde sehr verbreitet, wie uns verschiedene antike Darstellungen zeigen. Daß bei den Galliern verschiedene Rassen von Laufhunden vorkamen, beweist ein im Jahre 1735 in den Ruinen des alten Aventicum (Avenches), der Hauptstadt des römischen Helvetien, aufgefundenes Mosaik, das leider in den Stürmen der Revolutionszeit 1798 zugrunde ging; doch besitzt das historische Museum in Bern die 1794 in Farben ausgeführte Originalkopie von Ingenieur Ritter, der im Auftrage der Berner Regierung damals die in Avenches zutage geförderten Altertümer untersuchte und kopierte. Wir sehen darauf, wie der wahrscheinlich helvetische Besitzer seine geliebten Jagdhunde und sein bevorzugtes Wild neben einer durchaus nicht dazu passenden Darstellung des auf dem Pegasus reitenden Perseus, Tubabläsern, Bären und Delphinen wiedergeben ließ. Zu oberst springt ein glatthaariger, langgestreckter Hund von graugelblicher Färbung, in dem wir unschwer einen Hirschhund erkennen, einer Hirschkuh nach. Darunter verfolgt ein großer Laufhund, weiß mit braunen Platten mit hoher, stumpfer Schnauze -- M. Siber vergleicht ihn mit dem dreifarbigen Berner Laufhund --, ein nicht mehr erhaltenes Wild. Im dritten Feld verfolgt ein schwerer, breitköpfiger und untersetzter Jagdhund einen Eber, im vierten läuft ein kleiner, gefleckter Jagdhund, in welchem M. Siber den Hasenhund _par excellence_, den gewöhnlichen weiß und gelben Schweizer Laufhund sieht, einem Hasen nach. Also muß schon im 1. Jahrhundert n. Chr. der von uns als Laufhund bezeichnete eigentliche Jagdhund bei den Helvetiern in einer ganzen Anzahl dem verschiedenen Wilde, das er verfolgen sollte, angepaßte Rassen zerfallen gewesen sein.
Auch bei den Germanen scheinen Laufhunde unter dem Namen _segusu_, _seusii_, _seuces_ -- wohl von Gallien importiert --, ferner Bracken (_braccones_) in kleineren und größeren Formen vorgekommen zu sein. Sie alle werden in den alamannischen und bajuvarischen Volksgesetzen, die etwa um 700 n. Chr. verfaßt wurden, erwähnt. Eine besonders wichtige Rolle spielte bei den alten Deutschen der ~Leitihund~ (Leithund), dessen Verletzung mit den schwersten Strafen bedroht wurde. Nach der Abbildung Ridingers war dies ein stämmiger, mittelgroßer Hund mit untersetztem Körperbau, breiter Brust, starkem, breitstirnigem Kopf und hoher Schnauze, mit langem, breitem Behang, glatthaarig, vom Aussehen eines plumpen Laufhundes. Derselbe wurde bei der Jagd an der Leine geführt und erhielt seinen Namen davon, daß er den Jäger, den Spuren des Wildes folgend, zum Jagdobjekt leitete. Diese Rasse, die anscheinend zu Anfang des 19. Jahrhunderts ausstarb, war schon zu Anfang des Mittelalters bei den germanischen Völkern aus den gewöhnlichen, laut jagenden Treibhunden als bestimmte, selbständige Rasse hervorgegangen. Später diente er dazu, einen ganz bestimmten jagdbaren Hirsch auf der Vorsuche vor der eigentlichen Jagd auszumachen und auf einem bestimmten Standorte zu bestätigen.
Wie die Laufhunde auf primitiver Stufe verbliebene Jagdhunde sind, die dem aufgespürten Wilde laut bellend nachsetzen, so sind die ~Vorstehhunde~ eine weit höher gezüchtete Form des alten Jagdhundes. Dieser darf nicht mehr seine alte Raubtiernatur zum Vorschein kommen lassen, sondern muß allen seinen angeborenen Instinkten entgegen das von ihm durch sein feines Geruchsorgan aufgestöberte Wild durch unbewegliches Stillsitzen vor ihm, den Kopf nach ihm hingewendet, das Hinterteil etwas gesenkt und einen Vorderlauf erhoben, dem Jäger anzeigen. Dieses „Vorstehen“ ist tatsächlich auch die einzige Arbeit des modernen Setters und Pointers, die, wie der Name schon andeutet, in England aus dem altspanischen Vorstehhund in teils kurzhaarigen, teils langhaarigen Formen hochgezüchtet wurden.
Das deutsche Gegenstück zu diesen glänzenden englischen Virtuosen, dem besten Gehilfen des sportmäßigen _shooting_, ist der kurzhaarige ~deutsche Vorstehhund~, der beste Freund und Genosse des deutschen Weidmannes. Schon im 15. und 16. Jahrhundert besaß man in Deutschland kurzhaarige Vorstehhunde zur Habicht- und Falkenbeize auf Feldhühner und Hasen. Die ältesten Feuergewehrjäger des 17. Jahrhunderts, die mit ihren schwerfälligen „Schroth-Büxen“ nur auf ruhende oder langsam sich bewegende Ziele zu schießen vermochten, verwendeten diese Jagdhunde wesentlich nur zum Apportieren. Erst nachdem durch die französische Erfindung des Feuersteinschlosses und selbsttätigen Pulverpfannendeckels das Gewehr genügend verbessert war und damit die Periode der Schießjagd ihren Anfang nahm, kam im 18. Jahrhundert der Vorstehhund bei den fürstlichen Jägern wieder zu Ehren und verdrängte bei diesen den bis dahin üblichen „englischen“ Hatzhund. Bei den regen Verbindungen des Fürstenhauses von Hannover mit England kann es nicht verwundern, daß dann der deutsche Vorstehhund mit dem hochgezüchteten englischen Typus verbessert wurde, bis schließlich unsere unübertrefflichen vielseitigen ~Gebrauchshunde~ hervorgingen, die zu den verschiedensten jagdlichen Verrichtungen verwendet werden können.
Einem glatthaarigen Vorstehhund ähnelt an Größe und Gestalt der ~Schweißhund~ der deutschen Weidmänner. Die kräftig gebauten, lohbraun bis fahlgelb gefärbten Tiere mit schwärzlichem Anflug an Schnauze und Ohren besitzen einen breiten, wenig gewölbten Kopf. Die Lippen der stumpfen Schnauze fallen breit über und bilden im Mundwinkel eine starke Falte; die breitlappigen Ohren sind mittellang und unten abgerundet. Er ist ein kaum zu entbehrender Gehilfe bei Ausübung der Jagd auf Hochwild, indem er die Fährte angeschossener Tiere zu verfolgen hat. An der Leine gehalten, führt er bei der Nachsuche den Jäger still durch Busch und Wald zu der Stelle, wo das weidwunde Tier sich niedergelegt hat. Ist er freigelassen und hat er das Wild verendet gefunden, so „verbellt er es tot“, ist dieses aber noch flüchtig geworden, so hetzt er es laut und stellt es, bis der Herr herankommt und die Jagd mit einem Fangschuß beendet.
Nicht zu verwechseln mit diesem wichtigen Jagdgehilfen ist der ~Hirschhund~, der sich durch sein scharfes Spürvermögen und seine außerordentliche Schnelligkeit auszeichnet. Gegenwärtig befinden sich nur noch wenige im Besitz des englischen Königs. Früher war dieses Tier ein wichtiges Inventarstück am britischen Hofe, das bei den großen Hirschhetzen, an denen besonders Georg III. als leidenschaftlicher Liebhaber dieses Sportes oft persönlich teilnahm, eine sehr wichtige Rolle als Parforcehund spielte. Nicht selten hetzte man mit solchem Eifer, daß von den 100 berittenen Jägern, die anfangs hinter dem Hirsche dreinritten, zuletzt nur noch 10 oder 20 übrig waren, wenn das flüchtige Wild von der Meute der Hirschhunde gepackt wurde. Man durchritt dabei in Windeseile unglaubliche Entfernungen und setzte die Jagd oft so lange fort, bis ein großer Teil der Pferde und selbst viele Hunde dabei zugrunde gingen.
Diese Hirschhunde waren namentlich bei den alten keltischen Völkerschaften als Jagdhunde sehr verbreitet und wurden noch im Mittelalter auf dem mitteleuropäischen Festlande viel gehalten. Nach dem bereits erwähnten Berner Professor Th. Studer sind sie die wenig veränderten Nachkommen des als _Canis familiaris leineri_ bezeichneten Wolfabkömmlings, dessen Überreste bisher in einem einzigen Exemplar im neolithischen Pfahlbau von Bodmann am Überlinger See gefunden und nach dem nunmehr verstorbenen Direktor des Rosgartenmuseums in Konstanz, _Dr._ Leiner, von Studer so genannt wurden. Die Eigentümlichkeit dieser Rasse besteht in einer langgestreckten, gewölbten Hirnkapsel mit mäßig entwickelter, gerader Scheitelleiste an dem an der Basis gemessen 20 _cm_ langen Schädel. Die stumpf abgerundete Schnauze ist vor den Eckzähnen noch 3,5 _cm_ breit. In seiner schlanken Form erinnert der Schädel an den des Windhundes und in seiner geraden Profillinie an den gleich zu besprechenden Bronzehund. Das unvermittelte Auftreten dieses Tieres weist auf den zunehmenden Handelsverkehr jener Gegenden mit dem Süden, von wo es zweifelsohne eingeführt wurde. Sein Entdecker wies nämlich nach, daß es jedenfalls auf den ~indischen Wolf~ (_Canis pallipes_) zurückgeht, der viel kleiner ist als der europäische Wolf, nämlich bei einer Schulterhöhe von 65 _cm_ nur eine Gesamtlänge von 130 _cm_ erreicht, wovon übrigens 40 _cm_ auf den Schwanz entfallen. Von Indien aus erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet bis nach Ostpersien. Sein gewöhnlicher Aufenthaltsort scheint das offene Gelände zu sein, während er das Waldgebiet möglichst meidet. Nach den Angaben der Eingeborenen haben die indischen Wölfe die Gewohnheit, weidende Antilopen oder Schafe nach einer günstigen Fangstelle zu treiben, was einen Fingerzeig dafür gibt, wie bei seinen gezähmten Nachkommen dieser Instinkt zum Bewachen und Zusammentreiben von Herdetieren durch zielbewußte Erziehung weiter ausgebildet wurde. Jeitteles nimmt Persien als den Ort der ersten Domestikation des indischen Wolfes an. Von dort kam dann dieses Tier nach seiner Zähmung als Haustier über Kleinasien und der Donau entlang ins Herz von Europa, um hier bald neben dem Torfhund recht beliebt zu werden.
Von dieser südlichen Haushundrasse leitet sich zweifellos der ~Bronzehund~ ab, den Jeitteles 1872 in einer vorgeschichtlichen Ablagerung der Stadt Olmütz entdeckte und unter dem Namen _Canis familiaris matris optimae_ -- seiner Mutter zu Ehren so genannt -- beschrieb. In der Folge entdeckte man diesen an neun verschiedenen Orten Mitteleuropas in Kulturresten der Bronzezeit, so daß man annehmen darf, daß er zur Bronzezeit neben dem kleineren Torfspitz von Schakalabstammung ziemlich verbreitet war. Sein Schädel von durchschnittlich 18 _cm_ Basislänge hat eine weniger gewölbte Hirnkapsel und eine längere und spitzere Schnauze als derjenige des Torfhundes. Diesen _Canis familiaris matris optimae_ möchte neuerdings M. Hilzheimer in Stuttgart von einem kleinen Wolf ableiten, der nach seinen Untersuchungen Südschweden und die gegenüberliegenden Küstenländer Rußlands bewohnte. Damit stimmt überein, daß Th. Studer in Bern diesen von einem Hund ableiten will, der in einer jungsteinzeitlichen Ablagerung Nordwestrußlands gefunden und von ihm _Canis putiatini_ genannt wurde. Was nun die Funktion der beiden Haushunde Mitteleuropas zur Bronzezeit betrifft, so nimmt Naumann an, daß der Torfspitz damals wie früher mehr zum Bewachen des Hauses, der Bronzehund dagegen mehr zum Bewachen und Hüten der Herden, besonders von Schafen, benutzt wurde. Letzteres ist sehr wohl möglich, um so mehr die Großviehhaltung zur Zeit der Bronzekultur gegenüber der Kleinviehzucht entschieden zurücktrat und besonders die Aufzucht des Schafes zur Gewinnung der damals zuerst in größerer Menge beliebt werdenden Wollkleidung einen großen Umfang annahm.
Jedenfalls sind unsere ~Schäferhunde~ die direkten Abkömmlinge des Bronzehundes. In allen Formen des Schädelbaues stimmen sie mit denjenigen des Bronzehundes vollkommen überein. Allerdings ist der Schäferhund, wie wir ihn heute kennen, kaum 200 Jahre alt. Seine Ausbildung begann erst mit der Ausrottung des Wolfes. Bis dahin war seine Stelle vom hatzhundähnlichen, mit Stachelhalsband bewehrten „Schafrüden“ eingenommen worden, der nur das Raubzeug, also vor allem den Wolf, abzuhalten hatte, gewöhnlich aber vom Hirten am Stricke geführt wurde, während dieser seine Herde selbst hütete und, die Schalmei oder den Dudelsack blasend, vor ihr herging. Als dann in England zuerst der Wolf ausgerottet wurde, entwickelte sich dort aus den klugen und wetterharten wolfähnlichen Landhundschlägen ein Schäferhund in unserem Sinne, dessen sich dann die Liebhaber bemächtigten, um aus ihm schließlich den hochedlen Rassenhund zu züchten, der uns heute im ~Collie~ oder ~schottischen Schäferhund~ entgegentritt. Wie der englische ist dann später auch der ~deutsche Schäferhund~ aus wolfähnlichen Landhunden herausgezüchtet worden; nur wurde er nicht so verfeinert, um nicht zu sagen überfeinert, sondern blieb ein derber, wetterharter und genügsamer Gesell.
Aus kleinen Schäferhundformen ging schließlich im Mittelalter der ~Pudel~ hervor, der Artist unter den Hunden. Er erscheint nach Studer zuerst in den Abbildungen der geduldigen Griselda von Pinturicchio als solcher. Seine Ursprungsform ist der Hirtenhund früherer Zeiten, der alte „Schafbudel“, der früher auch als Jagdhund verwendet wurde. Vermutlich hat er im Laufe der Zeit eine ziemliche Beimischung von Blut des vom _Canis familiaris intermedius_ der Bronzezeit abstammenden Jagdhundes erhalten, da er früher viel für die Jagd, besonders die Wasserjagd, verwendet wurde. Später wurde er dann dank seiner Intelligenz und Gelehrigkeit zum persönlichen Gesellschafter, Begleit- und Stubenhund erhoben und durch zielbewußte Zucht zu einer Kulturrasse von besonderer Ausprägung erhoben. Wo dies zuerst geschah, wird schwer zu entscheiden sein. Die ersten Darstellungen desselben beziehen sich auf Burgund. In jener Zeit des Mittelalters war der Jagdsport so allgemein und der Austausch der tierischen Jagdgehilfen so international -- man denke nur an den massenhaften Bezug von nordischen Jagdfalken aus Island und Grönland, die für ganz Europa den Bedarf deckten --, daß es fast unmöglich sein wird, festzustellen, wo eine bestimmte Rasse zuerst erzeugt wurde. In Deutschland sollen größere Pudelformen erst im 16. Jahrhundert aufgetreten sein.
Sowohl mit Rücksicht auf ihren Körperbau als ihre geistige Eigenart bilden unter allen Hunden die ~Windhunde~ die am schärfsten umschriebene Rassengruppe. Der schlanke, zierliche Körper mit schmalen, hoch hinaufgezogenen Lenden und geräumiger Brust ruht auf hohen, sehnigen Gliedmaßen und trägt einen fein gebauten Kopf mit lang vorgezogener Schnauze, indem der Gesichtsschädel stark verlängert, dabei schmal und hoch ist, so daß die Lückenzähne auseinandergerückt sind. Die aufrecht gestellten Ohren sind an der Spitze gewöhnlich umgebogen. Der lange, dünne Schwanz wird hängend getragen und ist bisweilen am Ende nach oben gekrümmt. Die Behaarung ist in der Regel sehr kurz und dicht anliegend. Nur in den mehr nach dem kalten Norden gelegenen Wohngebieten entwickelt sich als Wärmeschutz ein längeres Grannenhaar.
Diese kurze Behaarung, die in unserem kühlen Klima leicht Veranlassung zum Frieren gibt, deutet auf die Herkunft der Windhunde aus dem Süden, und zwar weist das unruhige, ungemein bewegliche Wesen und das leichte Orientierungsvermögen, das ihnen eigentümlich ist, wie auch der schlanke Bau mit der stark entwickelten Brust mit geräumigen Lungen auf die tropische Steppe als ursprünglichem Wohngebiet dieser Tiere. Dort sind ja auch die ähnlich gebauten Antilopen zu Hause.