Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 25
Das wilde Renn lebt durchschnittlich nördlich vom 60. bis zum 80. Breitengrad der Alten wie auch der Neuen Welt. Die nordamerikanische Form ist nur etwas größer und dunkler gefärbt und wird als ~Karibu~ bezeichnet. Von ihm leben im Tundrengebiet Nordamerikas und in Grönland stattliche Herden bis zu 200 Stück, denen die Indianer stark nachstellen, die sie mit Pfeil oder Gewehr erlegen oder in Hürden aus Buschwerk treiben, um sie nachher mit Speer und Keule niederzuschlagen. Das altweltliche Renn, von dem man das größere „Waldrenn“ vom kleineren „Tundrarenn“ unterscheidet, die beide domestiziert wurden, lebt noch in großer Zahl wild auf Spitzbergen. Auf Island wurde es im Jahre 1770 eingeführt, ist dort vollständig verwildert und hat sich bereits in namhafter Zahl über alle Gebirge der Insel verbreitet. Es liebt die Geselligkeit überaus und lebt in Herden von 200-300 Stück, die gern wandern, so im Sommer, um der Mückenplage zu entgehen, nach den höheren, kühler gelegenen Gebieten, im Winter dagegen nach den weniger hoch mit Schnee bedeckten Niederungen. Es wittert ausgezeichnet, ist scheu und vorsichtig, wo es unter den Verfolgungen des Menschen zu leiden hat, kommt aber vertrauensvoll an Kühe und Pferde heran, die in seinem Gebiete weiden, mischt sich auch da, wo es Zahme seiner Art gibt, gern unter diese, obschon es recht wohl weiß, daß es nicht mit seinesgleichen zu tun hat. Hieraus geht hervor, daß die Furcht und Scheu vor dem Menschen die Folge der bösen Erfahrung ist, die es mit ihm gemacht hat, daß es also kein dummes Tier sein kann. Ende September ist die Brunst und Mitte April wird das Junge geworfen und längere Zeit von seiner Mutter gesäugt.
Der europäische Diluvialjäger lebte vorzugsweise vom Renntier, das damals während der Kälteperiode bis gegen das Mittelmeer hinunter in großen Herden lebte und dem Menschen das weitaus wichtigste Beutetier war. Um es leichter in seine Gewalt zu bringen, zeichnete er es unter Murmeln von Zaubersprüchen, wie dies heute noch manche auf derselben Kulturstufe lebende Jägerstämme tun, an die Wände der Höhlen, die er bewohnte, und an allerlei Gegenstände seines Besitzes, wohl auch die aus gegerbtem Renntierfell bestehenden Zeltwände auf Stangen. Dabei galt der Glaube, daß, je naturgetreuer das Tier dargestellt werde, es um so sicherer in des Menschen Gewalt gelange. Außer dem Fell, das ihm seine Kleidung und Zeltumhüllung, wie auch Riemen und Schlingen aller Art lieferte, wurden nicht nur das Fleisch und alle Eingeweide vom hungrigen Renntierjäger verzehrt, sondern auch das Geweih und die Knochen des Tieres als bald noch wichtigeres Werkzeugmaterial als der Feuerstein benutzt. So war die ganze Kultur der Magdalénienjäger der frühen Nacheiszeit ganz wesentlich auf die Erbeutung des damals ausschließlich wildlebenden und durchaus noch nicht vom Menschen in Herden vereinigten Renntiers gegründet, wie solches heute noch von den auf der reinen Jägerstufe verbliebenen Indianern Kanadas und noch höherer Breiten geübt wird. Auch diese leben, wie King berichtet, fast ausschließlich vom Renn. Sie erlegen das Wild auf seinen Wanderungen mit der Feuerwaffe, fangen es in Schlingen, töten es beim Durchschwimmen der Flüsse mit Wurfspeeren, graben tiefe, mit dünnem Astwerk und Laub verdeckte Fallgruben oder errichten an den Furten, die sie durchschreiten müssen, zwei aufeinander zulaufende Zäune aus Stecken, die da und dort schmale Lücken lassen. In eine jede solche Lücke legen sie eine Schlinge. Wenn das Rudel zwischen die Zäune getrieben wird, fangen sich einzelne Individuen, die seitlich durchbrechen wollen, darin und werden abgestochen. Das Fleisch essen sie roh und braten und räuchern den nicht sofort zu bewältigenden Rest am Feuer. Aus den Geweihen und Knochen verfertigen sie ihre verschiedenen Knochenwerkzeuge, vor allem die Fischspeere und Angeln. Mit den gespaltenen Schienbeinen und anderen Teilen schaben sie, wie das Fleisch von den Knochen, so Fett und Haar von den Häuten ab, und mit Renntiergehirn reiben sie das Innere der Felle ein, um sie geschmeidig zu machen. Das durch Räuchern mit feuchtem Holze konservierte Leder alter Tiere hängen sie um ihre Zeltstangen, während sie aus dem pelzartig weichen Fell jüngerer Tiere ihre Kleidung herstellen, die sie mit Nadeln aus Renntierhorn vermittelst Sehnenfäden vom Renntier nähen. Vom Kopf bis zu den Füßen sind sie in Renntierpelze gehüllt, werfen ein weichgegerbtes Renntierfell auf den Schnee, decken sich mit einem andern solchen zu und sind so imstande, der grimmigsten Kälte Trotz zu bieten. Kein Teil des Renntiers bleibt von ihnen unbenutzt, nicht einmal der aus aufgeweichten und halb aufgelösten Renntierflechten bestehende Mageninhalt, der mit Blut vermischt ein ihnen höchst schmackhaft vorkommendes Gericht liefert, von dem sie nur ihren besten Freunden anbieten.
Das wilde Renntier hat aber auch noch andere Feinde als den Menschen. Der gefährlichste von ihnen ist der Wolf, der stets, besonders im Winter, die Rudel umlagert. In Norwegen mußten die Renntierzuchten, welche man auf den südlichen Gebirgen anlegen wollte, der Wölfe wegen aufgegeben werden. Auch Vielfraß, Luchs und Bär stellen den Renntieren nach. Sonst setzen ihm hauptsächlich die Mückenschwärme stark zu und peinigen es im Sommer auf höchst unangenehme Weise.
Jung eingefangene Renntiere werden bald zahm. „Man würde sich aber“, sagt Brehm, „einen falschen Begriff machen, wenn man die Renntiere, was die Zähmung anlangt, den in den Hausstand übergegangenen Tieren gleichstellen wollte. Nicht einmal die Nachkommen derjenigen, welche seit undenklichen Zeiten in der Gefangenschaft leben, sind so zahm wie unsere Haustiere, sondern befinden sich immer noch in einem Zustande von Halbwildheit. Nur Lappen und deren Hunde sind imstande, solche Herden zu leiten und zu beherrschen.“
Das Renntier ist sehr spät vom Menschen zum Haustier erhoben worden und ist im ganzen jetzt noch recht mangelhaft domestiziert. Wann dies geschah, läßt sich nicht mehr bestimmen; doch kann dies vor nicht viel mehr als 500 Jahren geschehen sein. Nach Frijs in Christiania waren die Lappen im Norden Skandinaviens im 9. Jahrhundert noch Fischer und Jäger, die außer dem Hund noch keinerlei Nutztiere besaßen und das Renn nur als Wild kannten. Erst im 16. Jahrhundert gibt uns Olaus Magnus Kenntnis von zahmen Renntieren, die in ihrem Besitze waren. Julius Lippert hält es für wahrscheinlich, daß die Renntierzucht von Skandinavien ausging, während sie Eduard Hahn in ihrem Ursprung nach Nordasien verlegt und der Meinung ist, sie habe sich später von dort nach Westen ausgedehnt. Uns scheint diese letztere Annahme die allein richtige, da dort sicher die Renntierzucht eine ältere ist als in Nordeuropa.
Für die am Nordrande der Alten Welt lebenden Fischervölker, für deren Lebensweise der Hund zwar wichtig, aber nicht ausreichend war, wurde der Erwerb des Renns als Haustier von unschätzbarem Werte. Es war das einzige Wildmaterial, das ihnen für die Gewinnung eines nützlichen Haustiers zu Gebote stand, und so wurde es herdenweise in Pflege und Aufsicht genommen und trat dadurch in lose Verbindung mit dem Menschen, den es bis dahin als seinen ärgsten Feind geflohen hatte. Die Unterordnung unter das menschliche Joch ist aber heute noch eine sehr bedingte. Wohl werden die Herden durch wachsame Hunde zusammengehalten, indessen wenden sie sich doch dahin, wo es ihnen gerade paßt und die Weide günstig ist. Der Besitzer kann seine Tiere nicht beeinflussen und nach seinem Willen lenken, sondern er muß ihnen einfach folgen, wohin sie ihn führen. Günstig für ihn ist es, daß die Renntiere ein ausgeprägtes Herdenbewußtsein haben und stets geschlossen gehen, so daß sie sich nicht zerstreuen, was ihm das Hüten wesentlich erleichtert. Das Melkgeschäft ist durchaus keine Annehmlichkeit, da die störrischen Tiere beständig durchgehen wollen und nur mit einem Strick zum Ausharren bei diesem Geschäfte festgehalten werden können. Die Renntiermilch ist, wenn sie auch neben dem süßen einen starken Beigeschmack hat, sehr fettreich und nahrhaft; doch ist der Milchertrag gering.
Die von den Nomaden des Nordens zusammengehaltenen Renntierherden halten sich jahraus jahrein im Freien auf, da selbstverständlich Unterkunftsräume für so ausgedehnte Herden fehlen. Bei starkem Schneefall geraten sie allerdings in Not und gehen vielfach an Nahrungsmangel und Entkräftung zugrunde, so außerordentlich genügsam sie auch an sich sein mögen, indem sie sich von selbst aus dem Schnee hervorgescharrten Renntierflechten ernähren und als Flüssigkeitszufuhr den Schnee im Munde zergehen lassen.
Außer den Lappen geben sich auch die Finnen und zahlreiche sibirische Volksstämme mit der Zucht des Renntiers ab, das das Ein und alles, der Inbegriff von Glück und Reichtum dieser Menschen bildet. Mit Mitleid schaut der Fjeldlappe, der eigentliche Renntierzüchter, auf seine Volksgenossen herab, die das Nomadenleben aufgegeben und sich entweder als Fischer an Gewässern niedergelassen oder gar als Diener an Skandinavier verdingt haben. Er allein dünkt sich diesem gegenüber ein freier Mann zu sein; er kennt nichts Höheres als sein „Meer“, wie er eine größere Renntierherde zu nennen pflegt. Immerhin gehört eine beträchtliche Zahl von Renntieren dazu, um den Lappen und seine Familie zu ernähren. Erst etwa 200 sollen ausreichen, um ihn selbständig zu machen. Wer weniger sein eigen nennt, pflegt sich an einen reicheren Besitzer anzuschließen und dafür in ein Dienstverhältnis zu ihm zu treten. Eine Herde von etwa 500 Renntieren bedeutet Wohlhabenheit, die viele Lappen erreicht haben. Nur wenige bringen es zu einem in ihren Augen fabelhaften Reichtum von 2000-3000 Stück. Man berechnet die Gesamtzahl der den Lappen Norwegens gehörenden Renntiere auf rund 80000, in die sich 1200 Besitzer teilen sollen. Die Renntierlappen leben ganz nomadisch, indem sie sich gewöhnten, ihren Herdentieren zu folgen. Im Sommer ziehen sie mit ihnen hinauf zu den großen baumlosen Fjeldern (Hochflächen), wo diese am leichtesten ihre Nahrung finden und der sehr lästigen Mückenplage entweichen können. Im Winter dagegen wandern sie mit ihnen in die waldreicheren Regionen hinab, die weniger den rauhen Stürmen ausgesetzt sind. Dank ihrer breitausladenden Hufe können die Renntiere ebensogut über die sumpfigen Stellen wie über die Schneedecke hinweggehen und sogar an den Halden herumklettern. Ihre Fährten erinnern weit mehr an die einer Kuh als eines Hirsches.
Eine Renntierherde bietet ein höchst eigentümliches Schauspiel. Die Renntiere gehen geschlossen wie die Schafe, aber mit behenden, federnden Schritten und so rasch, wie sonst keins unserer Haustiere. Ihnen nach wandelt der Besitzer mit seinen Hunden, die eifrig bestrebt sind, die Herde zusammenzuhalten. Durch ihr Hin- und Herlaufen und durch ihr ewiges Blöken erinnern die Renntiere an Schafe, obgleich ihr Lautgeben mehr ein Grunzen genannt werden muß. Bei weitem die meisten, die in Herden gehalten werden, sind sehr klein und man sieht unter Hunderten nur sehr wenig starkgebaute, große Tiere. Dabei fällt die Unregelmäßigkeit ihrer Geweihe unangenehm auf.
Mancherlei Seuchen richten oft arge Verheerungen unter den Renntieren an. Außerdem trägt das rauhe Klima das seinige dazu bei, daß sich die Herden nicht so vermehren, wie es, der Fruchtbarkeit des Renns angemessen, der Fall sein könnte. Junge und zarte Kälber erliegen der Kälte oder leiden unter den heftigen Schneestürmen, so daß sie, vollkommen ermattet, der Herde nicht mehr folgen können und zugrunde gehen. Ältere Tiere können bei besonders tiefem Schnee nicht mehr hinreichende Nahrung finden. So können schneereiche Winter zuvor für reich geltende Lappen geradezu arm machen, so daß sie sich erst in vielen Jahren von ihrem Schaden erholen können.
Alles am Renntier wird von diesen Leuten benutzt, nicht bloß die Milch und der daraus bereitete wohlschmeckende Käse, das Fleisch und das Blut, sondern auch jeder einzelne Teil des Leibes. Aus dem weichen Fell besonders der Renntierkälber verfertigt man warme Pelzröcke und Pelzstiefel; die Sehnen benutzt man zu Zwirn, die Gedärme zu Stricken. Wie zur Renntierzeit werden auch heute noch aus Horn und Knochen allerlei Gerätschaften, besonders Fischhaken und Angeln hergestellt. Außerdem wird das Tier zum Tragen der Gerätschaften, besonders der Zeltbestandteile und Effekten seines Besitzers verwendet. In Lappland benutzt man das Renn hauptsächlich zum Fahren, weniger zum Lasttragen, weil ihm letzteres, des schwachen Kreuzes wegen, sehr beschwerlich fällt. Nur die Tungusen reiten auch auf den stärksten Rennhirschen, indem sie einen kleinen Sattel gerade über die Schulterblätter legen und sich mit abstehenden Beinen daraufsetzen. Auf diese Weise reiten sie selbst über Moorgebiete, in die Pferde und Menschen tief einsinken müßten, mit erstaunlicher Sicherheit hinweg. Der Korjäke dagegen fährt im Renntierschlitten und Wettfahrten gehören zu seinem Hauptvergnügen. Weder zum Fahren, noch zum Reiten werden die Tiere besonders abgerichtet, sondern man nimmt dazu ohne viel Umstände ein beliebiges, starkes Tier aus der Herde und schirrt es zum Ziehen des bootartigen Schlittens oder zur Aufnahme des kunstlosen Sattels an. Ein gutes Renntier legt mit dem Schlitten in einer Stunde etwa 10 _km_ zurück und zieht 120-140 _kg_, wird aber gewöhnlich viel geringer belastet. Schont man solche Zugtiere, indem man sie nur morgens und abends einige Stunden ziehen, mittags und nachts aber weiden läßt, so kann man erstaunlich große Strecken zurücklegen, ohne sie zu übermüden. Doch ist auf die Dauer der Zughund leistungsfähiger als sie; deshalb haben die Kamtschadalen im Gegensatz zu ihren Nachbarn, den Korjäken, ihre Hunde zum Ziehen der Schlitten nicht mit dem Renntier vertauscht. Auch die Giljaken im Mündungsgebiet des Amur sind vom Renntiergespann wieder zum Hundeschlitten, als dem leistungsfähigeren Fortbewegungsmittel, zurückgekehrt. Allerdings muß man den Hunden für Nahrung sorgen, während das Renntier sich sein Futter selbst sucht.
Außer im Norden von Skandinavien ist das Renntier in Finnland stark verbreitet. In Rußland ist das Gouvernement Archangelsk am reichsten daran; auch die Gouvernemente Perm und Orenburg besitzen noch starke Bestände davon. Durch ganz Sibirien haben die Nomadenstämme der Samojeden, Ostjaken, Tungusen, Tschuktschen und wie sie sonst heißen mögen, große Herden von Renntieren, von denen sie neben der Jagd auf die wilden Renntiere leben. Als Proviant wird Renntierfleisch getrocknet; solchergestalt läßt es sich lange Zeit aufbewahren ohne zu faulen. In neuester Zeit hat man versucht, von Sibirien aus Renntiere in Alaska einzubürgern, um die soziale Lage der dortigen Einwohner zu heben. Ob dieser Versuch tatsächlich geglückt ist, steht dahin; doch wird dies wohl der Fall sein, da dieses Tier keine Schwierigkeiten bei der Haltung macht.
Da das Renntier erst so kurze Zeit im Haustierstande ist, hat es sich noch nicht in verschiedene Rassen spalten können. Immerhin sind bei der zahmen Art, abgesehen von der geringeren Größe, der größeren Häßlichkeit und der unregelmäßigen Bildung des Geweihs, das auch später abgeworfen wird, bereits kleine Farbenunterschiede bemerkbar. Bei vielen ist die Färbung des Felles schon ziemlich rein weiß, bei anderen scheckig geworden. Das wohlschmeckende Wildbret des Renns ist bei uns so beliebt geworden, daß es im Winter von Skandinavien aus regelmäßig auf unseren Markt gelangt und willige Abnehmer findet.
XI. Der Elefant.
Die letzten spärlichen Stammhalter einer einst durch zahlreiche Arten vertretenen Säugetiergattung sind die Rüsseltiere, unter denen die ~Elefanten~ die wichtigsten und für den Menschen nützlichsten sind. Schon seit dem hohen Altertum gezähmt und zum Nutztier des Menschen abgerichtet, sind sie indessen bis jetzt nie eigentlich zu Haustieren geworden, indem sie sich in der Gefangenschaft nur ausnahmsweise fortpflanzen.
Wenn wir von zahmen Elefanten sprechen, so verstehen wir darunter stets den etwas kleineren und mit kleinen Ohren versehenen ~indischen Elefanten~ (_Elephas indicus_), der ein ausgesprochenes Waldtier ist und die mit Wäldern bedeckten Teile von Vorderindien, Ceylon, Assam, Birma, Siam, Cochinchina, der Halbinsel Malakka und Sumatra bewohnt, aber auch in Borneo vorkommt, wo er indessen vielleicht nur eingeführt ist. Er ist fast haarlos, abgesehen von einer Reihe langer, grober Haare am Schwanzende, von dunkelgrauer Farbe und trägt an den Vorderfüßen 5, an den Hinterfüßen dagegen nur 4 Hufe. Weibchen werden meist bloß 2,4 _m_, Männchen durchschnittlich 2,7 _m_ hoch, können aber bis 3,6 _m_ Höhe und über 3000 _kg_ Gewicht erlangen. Die Stoßzähne sind wurzellose Schneidezähne mit Emailüberzug, der nicht wesentlich härter ist als die innere Elfenbeinmasse. Sie wachsen ruckweise und bestehen aus dütenartig ineinander gesteckten einzelnen Schichten von Dentin. Beim Männchen sind sie stärker ausgebildet als beim Weibchen und dienen als Hebel zum Abbrechen von Zweigen und Entwurzeln von kleineren Bäumen, von deren Laub die Tiere sich ernähren. Gelegentlich können sie nicht nur beim Weibchen, sondern auch beim Männchen fehlen. Von den oben und unten nach und nach hervorbrechenden 6 Backenzähnen jeder Kieferhälfte sind meist nur 4 im Gebrauch, je einer oben und unten. Sie bestehen aus einer Anzahl sich selbständig entwickelnder, erst nachträglich durch Zement zusammengekitteter Platten, innen aus Dentin und außen aus Schmelz bestehend; und zwar ist der erste aus 4, der zweite aus 8, der dritte aus 12, der vierte gleichfalls aus 12, der fünfte aus 16 und der sechste aus 24 Querplatten zusammengesetzt. Die einzelnen Zähne sind weniger groß als beim afrikanischen Elefanten, weil seine Nahrung weicher ist. Sie besteht nämlich hauptsächlich aus verschiedenen Arten von Gräsern und Blättern, jungen Bambusschößlingen, aus Stengeln und Blättern wilder Bananen und aus den kleinen Blättern, den weichen Zweigen und der Rinde bestimmter Baum-, namentlich Feigenarten. Von einem ausgewachsenen Tiere werden täglich große Mengen von Nahrung, nämlich 300-350 _kg_, verzehrt. Dagegen trinken die Elefanten in der Regel nur zweimal am Tage, nämlich vor Sonnenuntergang und nach Sonnenaufgang. Sowohl das Wasser als auch die Nahrung führen sie mit dem Rüssel zum Munde, der ein überaus muskulöses Organ ist und aus über 35000 einzelnen Muskelbündelchen besteht, nämlich von in Reihen hintereinander geordneten Längs- und in Bogen verlaufenden Quermuskeln. Er ist beim indischen Elefanten länger als beim afrikanischen, etwa von der halben Körperlänge, und trägt vorn an der Spitze einen fingerartigen, äußerst nervenreichen Fortsatz, mit dem er die feinsten Gegenstände vom Boden aufzugreifen vermag. Die Augen sind auffallend klein und das Sehvermögen gering, das Gehör mäßig, aber der Geruch außerordentlich fein entwickelt.
Gewöhnlich lebt der indische Elefant in Herden von 30-50 Stück verschiedener Größe und beiderlei Geschlechts. Dabei gehören im allgemeinen alle Stücke einer Herde zu derselben Familie, sind also nahe miteinander verwandt. Verschiedene Herden vermischen sich nämlich nicht miteinander, obschon versprengte Weibchen und junge Männchen auch leicht in eine fremde Herde aufgenommen werden. Nur alte, griesgrämige Männchen leben gern für sich allein und können dann sehr bösartig werden. Der Anführer der Herde ist merkwürdigerweise stets ein Weibchen. Im allgemeinen sind alle Elefanten trotz ihrer Größe und Kraft furchtsame und schreckhafte Tiere, die dem Menschen, ihrem größten Feinde, sorgfältig aus dem Wege gehen. Abgesehen von den von den Engländern in Indien als _rogues_ bezeichneten einzellebenden Männchen hat man sich besonders vor Weibchen mit Jungen zu hüten. Greift ein Elefant an, so benutzt er dabei die Füße und, falls es ein Männchen ist, seine Stoßzähne, nicht aber seinen Rüssel, den er beim Angriff vielmehr fest zusammenrollt. Den geworfenen Gegner zertrampelt er meistens.
Den größten Teil des Tages und der Nacht streicht der Elefant umher um zu fressen, ruht ungefähr von 9 oder 10 Uhr morgens bis nachmittags 3 Uhr und zum zweiten Male etwa von 11 Uhr abends bis 3 Uhr morgens. Beim Weiden zerstreut sich die Herde etwas, aber schnell sammeln sich ihre Mitglieder, sobald sie beunruhigt werden. Zum Schlafen legt sich der indische Elefant gleich andern Säugetieren nieder, während der afrikanische, der auch die Sonnenhitze besser erträgt, stets stehend schläft. In vielen Gegenden unternehmen die Elefanten zu bestimmten Jahreszeiten Wanderungen von beträchtlicher Ausdehnung, hauptsächlich wohl des Futters wegen, zum Teil aber auch, um gewissen, ihnen lästig fallenden Insekten aus dem Wege zu gehen. Bei den Wanderungen marschieren die Tiere im Gänsemarsch hintereinander; kommen sie bei warmem Wetter an Wasser, so baden sie, wälzen sich auch gern im Schlamme. Sind sie erhitzt, so spritzen sie mit dem Rüssel Wasser über ihren Körper. Können sie solches nicht haben, so benetzen sie ihren Rücken mit Speichel, werfen auch Erde und Blätter zur Kühlung darauf.