Kulturgeschichte der Nutztiere
Part 18
Da das Hausschwein bei Völkern auf primitiver Kulturstufe ein halbwildes Leben führt, ist es kein Wunder, daß es sich öfter der Aufsicht des Menschen entzieht und völlig verwildert. Solche verwilderte Hausschweine sind in Süd- und Ostasien nichts seltenes und lassen sich auf den verschiedensten Gebieten der Erde, besonders auf Inseln, wo sie keine größeren Feinde haben, nachweisen. Dabei nehmen sie schon nach wenigen Generationen ganz oder teilweise das Aussehen der wilden Stammform an. In Europa kommen verwilderte Hausschweine auf Sardinien und den Kykladen vor; weiter finden sich solche im oberen Nilgebiet, auf den Kanaren, Tristan da Cunha, Réunion und St. Helena. Auf letzterer Insel gab es nach Cavendish schon 1588 welche; Tavernier traf deren noch 1649 an. Neben den vielen verwilderten Ziegen trugen sie wesentlich dazu bei, den jung aufsprossenden Wald zu zerstören. Auf Jamaika, St. Domingo, St. Thomas und anderen westindischen Inseln gibt es solche, wahrscheinlich aus den Resten der spanischen Kolonisation herrührend. Auch in Venezuela, Brasilien, Paraguay und Peru gibt es verwilderte Schweine verschiedener Art, teils schwarze mit stehenden Ohren, teils heller gefärbte mit den Hängeohren ihrer chinesischen Vorfahren. Auf den Bermudas, den Galapagos, den Andamanen, Nikobaren und zahlreichen Inseln Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens sind ebenfalls verwilderte Hausschweine anzutreffen. Auf Neuseeland gibt es solche, die die konkave Form des Gesichts ihrer chinesischen Ahnen beibehielten.
Schwein und Huhn sind die einzigen Tiere, bei denen die Operation der Kastration zur Mast in größerem Umfang auch beim weiblichen Geschlecht vorgenommen wird. Im Altertum begnügte man sich, wie Columella berichtet, in solchen Fällen zur Verhinderung einer Befruchtung die Scheide narbig zu verschließen; erst im Mittelalter wurde die Beseitigung der Eierstöcke vorgenommen. Solche Tiere nannte man dann Nonnen. Ein solcher Schweineschneider in Ungarn war es, der es als erster wagte, bei seiner Tochter, die nicht auf natürlichem Wege niederzukommen vermochte, den Kaiserschnitt durch Eröffnung des Bauches und der Gebärmutter vorzunehmen. Dabei rettete er Mutter und Kind das Leben. Erst hernach haben dann die Ärzte diese Operation vorzunehmen gewagt.
VI. Der Esel.
Weit früher als das Pferd hat sich der Mensch den Esel gezähmt, nicht um sein Fleisch oder seine Milch oder sein Haarkleid zu benutzen, sondern um ihn als Transporttier zu verwenden. Als das Rind schon längst Haustier geworden war und an den Pflug, wie auch an den Wagen gespannt wurde, kam man noch nicht auf den Gedanken, auf ihm Lasten fortzubewegen. Dazu diente im ältesten Ägypten der Esel, der allerdings ausschließlich als Last- und noch nicht als Zugtier benutzt wurde. Außer den Lasten transportierte man auch die unbehilflichen Mitglieder der Familie, wie etwa Weiber und Kinder, auf dem Esel, den der Mann dann führte. Er selbst bestieg ihn nicht, um als Reiter mit größerer Geschwindigkeit das Land zu durchstreifen. Dies geschah erst, als der vornehmere und anspruchsvollere Vetter des Esels, das Pferd, vom Menschen domestiziert wurde und dann freilich seinem bescheidenem Verwandten den Rang ablief und weit ausgedehntere Verbreitung fand. Aber im hamitisch-semitischen Kulturkreis ist der Esel bis heute in hoher Wertschätzung geblieben; nur in Südeuropa, wo er sich ebenfalls stark einbürgerte, sank er zum verachteten und mißhandelten Geschöpf herab, dem man seine sprichwörtliche Starrköpfigkeit als Dummheit auslegt.
Die ältesten Spuren zahmer Esel, die uns bis heute bekannt geworden sind, lassen sich im Niltal nachweisen und reichen dort bis in die urägyptische Zeit, die um die Mitte des vierten Jahrtausends v. Chr. zu setzende Negadaperiode, zurück. So besitzen wir auf einer bereits früher erwähnten Schieferplatte des Museums in Giseh aus der Negadazeit, die de Morgan zuerst veröffentlichte, treffliche Abbildungen des Esels. Er ist dort in einer ganzen Reihe von Tieren mit großen, aufrechtstehenden Ohren neben dem Hausrind von Bantengabstammung und dem Hausschaf von Mähnenschafdescendenz dargestellt in der Form des gewöhnlichen Hausesels mit schwarzem Schulterkreuz, das auf allen Figuren deutlich erkennbar ist. Schon während des Alten Reichs in der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends war die Zucht des Esels in Ägypten eine stark ausgedehnte. Im Grabe des Chafra ank in Giseh aus der 4. Dynastie (2930-2750 v. Chr.), der Zeit der großen Pyramidenerbauer, eines hohen Würdenträgers unter der Regierung des Chefren, berichtet ein Oberschreiber seinem Herrn, er besitze einen Viehstand von nicht weniger als 5023 Stück, darunter 760 Esel. In anderen Gräbern derselben Periode wird, vermutlich mit etwas Übertreibung, gemeldet, daß die Besitzer über mehr als tausend, ja Tausende von Eseln verfügten.
Zur Zeit der ältesten Dynastien wird der Esel häufig auf den Grabwänden dargestellt, da sich das bürgerliche Leben ohne ihn gar nicht vorstellen ließ. Er wurde ausschließlich als Lasttier, daneben etwa noch wie Schafe und Rinder zum Dreschen auf der Tenne, d. h. zum Austreten der Körner der Feldfrüchte mit den Hufen verwendet. Doch diente er daneben bereits als Reittier, doch nicht in der Weise, daß sich die Ägypter auf seinen Rücken setzten, sondern so, daß ein Reitsessel zwischen zwei Eseln befestigt wurde, um darin die über Land reisende vornehme Person aufzunehmen. Erst als zur Zeit des Neuen Reiches (um 1580 v. Chr.) infolge der regen Beziehungen mit den Völkern Vorderasiens das Pferd als wertvolles Kriegsinstrument, das den Schlachtwagen zog, nach dem Nillande kam und hier unter den kriegerischen Pharaonen der 18. und 19. Dynastie in Menge gezüchtet wurde, trat der Esel gegenüber dieser neuen Erwerbung etwas in den Hintergrund, um allerdings später wieder seine Vorherrschaft anzutreten, die er in jenem Lande bis heute zu behaupten vermochte.
Woher bezogen nun die vorpharaonischen Ägypter der Negadaperiode den Hausesel? Zweifellos aus Nubien, wo der ostafrikanische ~Steppenesel~ (_Asinus taeniopus_) von hamitischen Volksstämmen, wahrscheinlich den Vorfahren der heutigen Galla, gezähmt und damit in den Haustierstand übergeführt worden war. Der Steppenesel findet sich heute noch in den Steppen Obernubiens, am häufigsten in den Ebenen von Barka und um den Atbara, den Hauptzufluß des Nils. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich aber bis an die Küste des Roten Meeres. Wie bei allen Steppentieren ist Geselligkeit ein Grundzug seines Wesens. Das ausnehmend scheue und vorsichtige Tier lebt in kleinen Rudeln, wobei eine Herde von 10-15 Stuten von einem Hengst geführt, bewacht und verteidigt wird. Als Mittelglied zwischen seinen streifenlosen, asiatischen Verwandten und den afrikanischen Tigerpferden sind seine Füße leicht -- von unten nach oben in abnehmender Stärke -- gestreift und zieht sich dem Rücken entlang vom Schwanz bis zur Schulter ein schwarzes Band, das sich hier in zwei gegen die Seitenbuge hin verlaufende Arme teilt. Es ist dies das vorgenannte Rückenkreuz, das sich bei seinen gezähmten Nachkommen noch teilweise erhielt. Außerordentlich stark ausgesprochen war es noch nach der Abbildung bei den Hauseseln der Negadazeit, die also dem Stammvater noch hochgradig ähnlich gesehen haben müssen, ja, kaum von ihm abwichen, was also eine sehr junge Zucht bedeutet. Diese Negadahausesel haben auch die typische Kopfbildung und die aufrechtgestellten, großen Ohren des ostafrikanischen Steppenesels, von dem wildeingefangene Tiere bis auf den heutigen Tag je und je zur Veredlung der Eselzucht in ihrer Heimat verwendet werden. Wie vermutlich schon die alten Ägypter gaben die alten Römer große Summen für diese Veredelung aus, was die Araber jetzt noch tun. Deshalb haben sie auch ein so edles Eselmaterial, demgegenüber unser durch Inzucht und Vernachlässigung herabgekommenes Eselmaterial keinen Vergleich aushält.
Vom Niltal her wurden schon sehr früh die Juden und übrigen Semiten Vorderasiens mit dem Hausesel bekannt, der, wie in Ägypten, so auch bei ihnen eine sehr geachtete Stellung einnahm. Er diente auch hier zum Tragen von Lasten aller Art. So sehen wir auf einer der Wandmalereien des Grabes von Num hotep in Beni Hassan unter einem der ersten Könige der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) die Einwanderung eines semitischen Stammes von Hirten in das Land Gosen am Delta. Diese Nomaden werden darauf als Aamu bezeichnet und wandern mit ihren Herden nach Unterägypten ein, als einzige Lasttiere Esel mit großen Ohren mit sich führend, auf denen sie alle ihre Habe und die kleinen, des Gehens unfähigen Kinder aufgeladen haben. Überall im Alten Testament ist an Stelle des Pferdes der Esel der treue Begleiter des Vieh hütenden Nomaden. Von den Zeiten Abrahams an war es der Stolz des Oberhauptes der Familie, zahlreiche Esel neben den Schafen und Rindern zu besitzen, und später, als dies aufkam, alle seine Söhne auf Eseln beritten zu sehen. Nach demselben Grundsatze, an dem heute noch der Japaner speziell in bezug auf das pflügende Rind streng festhält, sollte das Arbeitstier nicht zugleich auch zur Nahrung dienen. Deshalb enthielten sich die Juden ausdrücklich des Fleisches vom Esel, was ursprünglich nicht alle semitischen Stämme getan zu haben scheinen. Ja, wahrscheinlich haben auch die vorpharaonischen Bewohner Ägyptens gelegentlich den zahmen Esel geschlachtet und als willkommene Speise verwendet. Aber die Juden enthielten sich nicht nur des Schlachtens von Eseln, sondern lösten sogar nach dem Gesetz die dem Tode verfallene Erstgeburt desselben wie diejenige des Menschen durch das Opfern eines Schafes ab.
Über Syrien und Kleinasien kam der Hausesel zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends in die Balkanhalbinsel, wo er vermutlich _asnas_ hieß, und von da zuerst zu den Griechen als _ónos_ und später auch als _asinus_ zu den Römern. In der homerischen Zeit, da Viehzucht und Ackerbau vorherrschten, war der Esel noch nicht das gebräuchliche Lasttier, sondern ein durch seine Seltenheit wertvolles Zuchttier, das zur Gewinnung der damals schon geschätzten Maultiere diente. Nur an einer zweifellos später eingeschobenen Stelle der Ilias wird er in einem Gleichnisse erwähnt. In der ältesten, sich an Homer anschließenden griechischen Lyrik wird er als Zuchttier erwähnt, das viel zu kostbar war, um der Feld- und Hausarbeit zu dienen. In einem Fragmente des Lyrikers Archilochos von Paros (um 700 v. Chr.) wird von einem Menschen gesagt, daß ihm das Glied anschwoll, wie das des mit Korn gefütterten Zuchtesels aus Priene (einer Stadt der kleinasiatischen Küste nördlich von Milet). Auch Simonides von Amorgos, der jüngere Zeitgenosse des Archilochos, kennt den Esel nur als Zuchttier und legt in einem Gedicht einigen Weibern dessen Art bei, die träge, gefräßig und geil sei. Erst der Dichter Tyrtaios aus Attika um 684 v. Chr. spricht vom Esel als Lasttier, das die Kornfrucht vom Acker nach Hause tragen müsse.
Im Gegensatz zu dem als Beschäler der Pferdestute gehaltenen Eselhengst war bei den ältesten Griechen das von einem solchen mit einer Pferdestute erzeugte ~Maultier~ als _hemíonos_, d. h. Halbesel, oder _oreús_, d. h. Bergtier, das eigentliche Arbeitstier, sowohl bei der Feldbestellung als im Geschirr vor dem Wagen und beim Schleppen von Lasten; deshalb wird es gern als vielduldend und mühselig bezeichnet. Schon weil es stärker war als der Esel wurde es diesem vorgezogen, wie Theognis (der um 560 v. Chr. lebende Dichter aus Megara) ausdrücklich bezeugt. Nach Homer stammte das Maultier von den Enetern, einem paphlagonischen Volke aus dem pontischen, d. h. gegen das Schwarze Meere zu gelegenen Kleinasien, her. An einer andern Stelle der Ilias hatten die Bewohner von Mysien dem König Priamos von Ilion Maultiere geschenkt nach dem 24. Buche, Vers 277:
„Schirrten die Maultiere an, starkhufige, kräftig zur Arbeit, Welche die Myser dem Greise verehrt als edle Geschenke.“
In einem Fragment des jonischen Dichters Anakreon (550-478 v. Chr.) werden die Myser geradezu als Erfinder der Maultierzucht durch Kreuzung von Eselhengsten mit Pferdestuten bezeichnet. Schon im Alten Testament bei Ezechiel (596 v. Chr.) wird die Landschaft Thogarma, d. h. Armenien oder Kappadozien als diejenige bezeichnet, die die besten Maulesel lieferte. Den Israeliten selbst verbot das Gesetz diese Zucht. Noch später hören wir mehrfach, so bei Aristoteles, Plutarch und Plinius, die Maultiere Kappadoziens und Galatiens als besonders edle Zucht rühmen; von den ersteren wird berichtet, sie seien fruchtbar, also unter besonders günstige Naturverhältnisse gestellt.
Merkwürdig ist bei dieser Wertschätzung des Maultiers als Ersatz des Esels, daß, vielleicht durch semitische Anschauungen beeinflußt, seit der mythischen Zeit in Elis im Peloponnes das Verbot bestand, Maultiere im Lande selbst zu erzeugen. So soll der König von Pisa in Elis, Oinomaos, der Sohn des Meergottes Poseidon und Vater der Hippodameia, deren Freier er hinterlistig beim Wettfahren tötete, bis er von Pelops durch List überwunden wurde, einen Fluch über diese Zeugung ausgesprochen haben, und seither brachten die Eleer ihre Stuten außer Landes, um sie dort von Eseln belegen zu lassen, wie uns Herodot und Pausanias gleicherweise bezeugen. Vielleicht, meint V. Hehn, war in diesem elischen Brauch nur die durch Religion festgehaltene Anschauung der ältesten Zeit aufbewahrt, da es in Griechenland keine anderen als vom Orient eingeführte Maultiere gab und das Volksgefühl sich gegen solche widernatürliche Mischung noch sträubte. Auch in Homers Odyssee wird vom Bewohner Ithakas Naëmon gesagt, er besitze in dem weidereichen Elis zwölf Stuten mit den dazu gehörigen Maultierfüllen. Von einem Eselhengste aber ist dort nirgends die Rede. Gemäß der Bedeutung des Wortes _oreús_, d. h. Bergtier für Maultier, wird in der Ilias an einer Stelle geschildert, wie das Maultier mühsam Balken und Schiffsbauholz aus den Bergen hinabgeschleppt habe, an einer andern, wie die Männer mit Äxten, Seilen und Maultieren in das bewaldete Idagebirge hinaufziehen, um Holz für den Scheiterhaufen von Achills Freund Patroklos zu holen; wie dann nach dem Fällen und Zerkleinern der Bäume die Last den Maultieren aufgebunden wird, die sie dann stampfend in die Ebene hinabtragen.
Dieselbe Wertschätzung des Maultiers wie bei den Griechen finden wir auch bei den Römern. So sagt beispielsweise der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Das Maultier (_mulus_) ist zur Arbeit ganz ausgezeichnet gut.“ Daneben waren aber auch die Esel in hoher Achtung; denn derselbe Autor sagt an einer anderen Stelle von diesem Tiere: „Der Gewinn, welchen man aus Eseln zieht, übertrifft den der fruchtbarsten Landgüter.“ Des Plinius Zeitgenosse Columella sagt rühmend von ihm: „Der gemeine Esel (_asellus_) ist mit geringem Futter, wie Blättern, Dornen, Zweigen, Spreu usw. zufrieden, braucht auch nur geringe Pflege, hält Prügel und Mangel aus, wird selten krank und erträgt die Arbeit leicht. Auf dem Lande ist er ganz unentbehrlich, weil er die Mühle treiben und allerlei Gegenstände in die Stadt und von da zurücktragen muß.“
Hundert Jahre vor diesen beiden schreibt der gelehrte Varro: „Was die zahmen Esel betrifft, so werden in Griechenland die arkadischen sehr geschätzt, in Italien dagegen die von Reate, und ich weiß einen Fall, wo ein solcher mit 60000 Sesterzien (= 9000 Mark) bezahlt wurde und in Rom ein Viergespann von Eseln mit 400000 Sesterzien (= 60000 Mark).“ Weiter meint er: „Der Wildesel, der herdenweise in Phrygien und Lykaonien lebt -- offenbar ist hier vom später zu besprechenden Onager die Rede, dessen Verbreitungsgebiet sich damals westlich noch bis dort erstreckt zu haben scheint -- kann man leicht zähmen, den zahmen Esel aber nicht in einen wilden umschaffen. Man braucht den Wildesel gern zur Zucht. Das Junge des zahmen Esels läßt man im ersten Jahre ganz bei seiner Mutter, im zweiten nur bei Nacht, jedoch so, daß beide angebunden sind; im dritten wird es zu seiner Arbeit dressiert. Die meisten werden gebraucht, um die Mühle zu drehen, oder zum Tragen und Fahren, in leichtem Boden auch zum Pflügen. Kaufleute halten auch ganze Herden, um Öl, Wein, Getreide usw. zu transportieren.“ Jung wurden sie auch verspeist. So schreibt Plinius in seiner Naturgeschichte, Maecenas, der reiche Freund des Kaisers Augustus, habe die Mode aufgebracht, junge Esel zu essen. Derselbe Autor berichtet: „Die Eselsmilch soll die Haut weiß machen; deshalb führte Poppaea, die Gemahlin Neros, immer 500 milchende Eselinnen mit sich und badete in deren Milch.“
Seit dem Altertum hat sich der Esel als wichtigstes Arbeitstier überall in den Mittelmeerländern unentbehrlich gemacht, ist aber durch schlechte Haltung immer kleiner und unansehnlicher geworden. Dabei hat er eine mattere, aschgraue Farbe und schlaffere Ohren bekommen. Oken sagt von ihm: „Der zahme Esel ist durch die lange Mißhandlung so sehr heruntergekommen, daß er seinen Stammeltern fast gar nicht mehr gleicht. Der Mut hat sich bei ihm in Widerspenstigkeit verwandelt, die Hurtigkeit in Langsamkeit, die Lebhaftigkeit in Trägheit, die Klugheit in Dummheit, die Liebe zur Freiheit in Geduld, der Mut in Ertragung der Prügel.“ Tatsächlich ist an diesem treuen Arbeitstiere des Menschen im Laufe der Jahrhunderte unsäglich viel gesündigt worden, daher sein widerstrebender, eigensinniger Charakter!
Gemäß seiner Herkunft aus einer heißen Steppe fühlt er sich um so wohler, je wärmer und trockener das Land ist. Feuchtigkeit und Kälte verträgt er viel weniger als das hierin weniger empfindliche Pferd. Schon Plinius sagt: „Kälte kann dieses Tier (der Esel) nicht gut vertragen.“ In bezug auf Futter ist er durchaus nicht wählerisch und begnügt sich mit sehr geringen Mengen davon. Brehm sagt von ihm: „Gras und Heu, welches eine wohlerzogene Kuh mit Abscheu verratendem Schnauben liegen läßt und das Pferd unwillig verschmäht, sind ihm noch Leckerbissen: er nimmt selbst mit Disteln, dornigen Sträuchern und Kräutern vorlieb. Bloß in der Wahl des Getränkes ist er sorgsam, denn er rührt kein Wasser an, welches trübe ist; salzig, brackig ~darf~, rein ~muß~ es sein. In Wüsten hat man oft sehr große Not mit dem Esel, weil er, alles Durstes ungeachtet, nicht von dem trüben Schlauchwasser trinken will.“
Die Paarungszeit des Esels fällt in die letzten Frühlings- und ersten Sommermonate. Etwa 11 Monate nach der Paarung wirft die Eselin ein -- höchst selten zwei -- vollkommen ausgebildetes, sehendes Junges, das sie mit großer Zärtlichkeit ableckt und das ihr sofort zu folgen vermag. Schon eine halbe Stunde nach der Geburt bietet ihm seine Mutter das Euter dar, das ihm die nächste Nahrung spendet. Nach 5-6 Monaten kann das Eselsfüllen entwöhnt werden, folgt aber noch lange seiner Mutter auf allen Wegen nach. Es ist ein überaus munteres, lebhaftes Tier, das die possierlichsten Sprünge ausführt. Schon im zweiten Jahre ist es erwachsen; aber erst im dritten Jahre erreicht es seine volle Kraft, um selbst bei harter Arbeit ein Alter von über 30 Jahren zu erreichen.
Im Volksleben Mitteleuropas spielte der Esel nur als Mülleresel, der die Säcke nach und von der Mühle trug, eine beschränkte Rolle und wurde nie das volkstümliche Haustier wie in Südeuropa oder gar im Orient. Er kam einst im Mittelalter vorzugsweise durch die Mönchsorden nach Deutschland in die Klöster, um hier als Lasttier verwendet zu werden. So erlaubte z. B. Herzog Konrad I. von Urach 1263 den Franziskanern in Freiburg im Breisgau „mit drei Eseln aus dem Herzogenwald Holz zu holen.“ Aus den Klöstern ging er dann später teilweise zu den Laien über. Aber im allgemeinen kam er im Laufe der Zeit als schlecht gefüttertes und fast ungepflegtes Arbeitstier des kleinen, armen Mannes zu einem blöden Jammerwesen herunter und wurde so für den Volksmund zum sprichwörtlichen Vertreter der Dummheit. Nicht viel besser erging es dem Esel in den Mittelmeerländern, obwohl er dort viel zahlreicher gehalten wird und zum geradezu unentbehrlichen Gehilfen des Menschen, speziell des Gartenbauers, wurde. Auch hier ist das Leben des armen „Packesels“ eine Kette von Anstrengungen, Leiden und Entbehrungen gepaart mit zahlreichen Mißhandlungen. Erst im Morgenlande sehen wir aus diesem Proletarier unter den Haustieren des Abendlandes einen mit weit größerer Sorgfalt als bei uns behandelten Diener und Genossen des Menschen werden, der es sogar zu einigem Adel der äußeren Erscheinung, wie des Charakters bringt. Brehm schreibt in seinem bekannten Tierleben: „Der nordische Esel ist, wie allbekannt, ein träger, eigensinniger, oft störrischer Gesell, welcher allgemein, wenn auch mit Unrecht, als Sinnbild der Einfalt und Dummheit gilt, der südliche Esel dagegen, zumal der ägyptische, ein schönes, lebendiges, außerordentlich fleißiges und ausdauerndes Geschöpf, welches in seinen Leistungen gar nicht weit hinter dem Pferde zurücksteht, ja es in mancher Hinsicht noch übertrifft. Ihn behandelt man auch mit weit größerer Sorgfalt als den unsrigen. In vielen Gegenden des Morgenlandes hält man die besten Rassen so rein wie die des edelsten Pferdes, füttert die Tiere sehr gut, plagt sie in der Jugend nicht so viel und kann deshalb von den erwachsenen Dienste verlangen, welche unser Esel gar nicht zu leisten imstande sein würde. Man hat vollkommen recht, viele Sorgfalt auf die Zucht des Esels zu verwenden; denn er ist dort Haustier im vollsten Sinne des Wortes: er findet sich im Palast des Reichsten wie in der Hütte des Ärmsten und ist der unentbehrlichste Diener, welchen der Südländer kennt. Schon in Griechenland und Spanien trifft man sehr schöne Esel, obgleich sie noch weit hinter den im Morgenlande, zumal in Persien, Turkmenien und Ägypten gebräuchlichen zurückstehen. Der griechische und der spanische Esel kommen einem kleinen Maultier an Größe gleich; ihr Haar ist glatt und weich, die Mähne ziemlich, die Schwanzquaste verhältnismäßig sehr lang; die Ohren sind lang, aber fein gebaut, die Augen glänzend. Große Ausdauer, ein leichter, fördernder Gang und ein sanfter Galopp stempeln diese Esel zu unübertrefflichen Reittieren.“
Noch weit schöner als diese Esel von ostafrikanischer Abstammung sind die arabischen Esel, zumal diejenigen, welche in Jemen gezogen werden. Es gibt zwei Rassen, eine große, mutige, rasche, zum Reiten höchst geeignete, und eine kleine, schwächere, welche gewöhnlich zum Lasttragen benutzt wird. Der große Esel ist wahrscheinlich durch Kreuzung mit dem Onager und seinen Nachkommen veredelt worden. Ganz ähnliche Rassen finden sich in Persien und Ägypten, wo man viel Geld für einen guten Esel ausgibt. Ein allen Anforderungen entsprechender Reitesel steht höher im Preis als ein mittelmäßiges Pferd, und es ist gar nicht selten, daß man bis 1500 Mark unseres Geldes für ihn bezahlt. „Etwas Nutzbareres und Braveres von einer Kreatur als dieser Esel“, sagt Bogumil Goltz, „ist nicht denkbar. Der größte Kerl wirft sich auf ein Exemplar, welches oft nicht größer als ein Kalb von sechs Wochen ist, und setzt es in Galopp. Diese schwach gebauten Tiere gehen einen trefflichen Paß; wo sie aber die Kräfte hernehmen, stundenlang einen ausgewachsenen Menschen selbst bei großer Hitze im Trab und Galopp herumzuschleppen, das scheint mir fast über die Natur hinaus in die Eselsmysterien zu gehen.“ Man verschneidet den Reiteseln das Haar sehr sorgsam und kurz am ganzen Körper, während man es an den Schenkeln in seiner vollen Länge stehen läßt; dort werden dann noch allerlei Figuren und Schnörkel eingeschnitten, und die Tiere erhalten dadurch ein ganz eigentümliches Aussehen.
Weiter nach dem Innern, wo das nützliche Geschöpf ebenfalls als Haustier gehalten wird, sieht man wenige edle Esel, und auch diese werden erst eingeführt.