Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte

Part 65

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In den Metamorphosen des Ovid wird die Entstehung der Cypresse in folgender Weise erklärt: Ein Knabe, den Apollo liebte, hatte das Unglück, unversehens einen den Nymphen geheiligten, prächtigen Hirsch zu töten; untröstlich darüber, flehte er die Götter an, ihn wenigstens in Ewigkeit trauern zu lassen. Deshalb wurde er durch das Mitleid der Götter in einen Cypressenbaum verwandelt, der den schlanken Wipfel hoch zum Himmel erhebt, von den Göttern betrauert und zugleich das Unglück der Menschen betrauernd. Daß später alles, was irgendwie mit der Cypresse zusammenhing und von ihr abstammte, die vornehmen Römer an den Tod erinnerte und ihnen deshalb unangenehm war, beweist auch die Erzählung des Geschichtschreibers Älius Spartianus in seiner Biographie des römischen Kaisers Lucius Septimius Severus (der, 193 von den pannonischen Legionen zum Cäsar ausgerufen und vom Senat anerkannt, die Prätorianer auflöste, 195 den Gegenkaiser Pescennius Niger bei Kyzikos, 196 den andern Gegenkaiser Clodius Albinus bei Lyon schlug, gegen die Parther zu Felde zog, 203 nach Rom zurückkehrte, 208 nach Britannien ging und 211 in Eboracum -- der Stadt York in England -- starb): „Dem Kaiser Severus begegnete kurz vor seinem Tode ein Neger, der zugleich als Soldat und als Hanswurst diente, mit einem Cypressenkranze auf dem Kopfe. Der Kaiser erschrak über die böse Bedeutung, die in der schwarzen Farbe des Menschen und in der Cypresse lag, und befahl, den Menschen sogleich aus seiner Nähe zu entfernen.“

Trotz aller Pflege von seiten des Menschen gedeiht die Cypresse auch in Italien lange nicht so, wie in ihrer orientalischen Heimat. Als nie recht eingebürgerter Fremdling bildet sie in diesem Lande keine eigentlichen Haine, sondern steht meist einsam oder in kleinen Gruppen, mit Vorliebe auf den Friedhöfen; nicht selten wird sie als Alleebaum gepflanzt, wobei sie auch dann ihr düsteres und zugleich feierliches Gepräge nicht verleugnen kann. Wie in der Ebene von Neapel der Blick besonders häufig auf Pinien fällt, so im Arnotale auf Cypressen, die der sonst heiteren Landschaft einen düsteren Akzent verleihen. Wer aber den Baum in seiner feierlichen Schönheit bewundern will, der muß nach dem Orient gehen, wo er die schönsten und höchsten Exemplare auf den alten Friedhöfen der Türken findet, so schon in Skutari, der asiatischen Seite von Konstantinopel, aber noch viel majestätischer in Smyrna oder Brussa. Schon Plinius und Dioskurides, beide im 1. Jahrhundert n. Chr., sagen, daß die verschiedenen Teile der Cypressen als Heilmittel benutzt wurden. Auch bei den arabischen Ärzten war dies der Fall, und in duftende Cypressenwälder schickten sie die Brustkranken, damit diese durch den harzigen Geruch der dort eingeatmeten Luft Genesung fänden.

Von anderen Cypressenarten, die auch in Südeuropa gepflanzt werden, verdienen noch Erwähnung: die +blaugrüne Cypresse+ (~Cupressus pendula~) aus Mexiko, die eine ziemlich durchsichtige, hell blaugrüne Pyramide bildet, dann die gleicherweise aus höheren Lagen Mexikos stammende +Weihrauchcypresse+ (~C. thurifera~), ein hoher Baum mit abstehenden Haupt- und Nebenästen. Sie gleicht erwachsen einem Lebensbaum (~Thuja~), hat grüne Fruchtzapfen und schwitzt ein wohlriechendes, in ihrer Heimat wie Weihrauch zu Räucherungen benutztes Harz aus. Dann die +Trauercypresse+ (~C. pendula~), ein ziemlich hoher Baum mit ausgebreiteter Krone, überhängenden Ästen und mehrkugeligen Zapfen aus China: er wird dort und auch in Nordostindien auf Gräber gepflanzt und kam 1848 nach Europa.

Fälschlicherweise wird bei uns oft der +gemeine Lebensbaum+ (~Thuja occidentalis~) Cypresse genannt. Dieses nordostamerikanische Nadelholz, dessen flache, unterseits hellgrüne Zweige im Winter infolge einer teilweisen Umwandlung des Chlorophylls oder Blattgrüns eine braungelbe Mißfärbung annehmen, kam schon 1566 nach Europa, und zwar zuerst nach Frankreich, als der moralisch schwache Karl IX. von 1560-1574 das Land beherrschte. Es hat sich vollständig bei uns eingelebt und wird sehr häufig in Anlagen gepflanzt. Auch im Walde werden neuerdings Lebensbäume zu pflanzen versucht, doch ist dies mehr mit der pazifischen Art, dem in seiner Heimat 50 m Höhe erreichenden +Riesenlebensbaum+ (~Thuja gigantea~) der Fall, dessen aromatisch riechende, unterseits hellgrau gefärbte Zweige sich im Winter nur wenig verfärben. In Anlagen finden wir außerdem die nordamerikanische ~Thuja plicata~ und die den Lebensbäumen nahe verwandte, im Wuchse nur schlanker, cypressenartiger gestaltete kalifornische +Heyderie+ (~Libocedrus decurrens~), deren gewöhnliche, auch in der lateinischen Benennung -- von ~líbos~ Flüssigkeit, Wasser und ~kédros~ Ceder -- sich bekundender Name „Flußceder“ als irreführend besser nicht gebraucht wird.

Schon seit längerer Zeit in Gärten und Friedhöfen verbreitet ist auch der +chinesische Lebensbaum+ (~Biota orientalis~ -- vom griechischen ~biotḗ~ Leben, weil immergrün), dessen Zweige unterseits kleine helle Flecken tragen. Der Baum ist sofort daran zu erkennen, daß seine Zweige durchweg steil aufgerichtet stehen; deshalb, weil sie nicht ausgebreitet liegen, sind sie nur sehr undeutlich in eine dunklere Ober- und in eine hellere Unterseite geschieden. Auch die blaubereiften, aus sechs dicken Fruchtschuppen gebildeten Zapfen sind dadurch charakterisiert, daß sie außen eine rinnenartige Öldrüse tragen, während sie bei den nordamerikanischen Lebensbäumen kugelig erhöht sind.

Auch die +Halb+- oder +Lebensbaumcypressen+ (~Chamaecyparis~) werden von den Gärtnern fälschlicherweise als Cypressen bezeichnet. Tragen sie auch eine ähnliche Benadlung, so können sie gleichwohl in der Schönheit des Wuchses nicht mit den echten Cypressen wetteifern. Im Unterschied von diesen sind die Zweige der Halbcypressen nicht gleichseitig vierkantig, sondern flach, mit deutlich verschiedener, meist auch anders gefärbter Ober- und Unterseite. Die verbreitetste, nicht nur in unseren Anlagen, sondern auch im deutschen Walde eine ziemliche Rolle spielende Art, ist die aus dem pazifischen Nordamerika zu uns gebrachte, nach dem schottischen Gärtner Lawson benannte +Lawsoncypresse+ (~Ch. lawsoniana~), die an ihrem stark überhängenden Gipfeltriebe sofort von den anderen Arten zu unterscheiden ist. Weit verbreitet ist auch die auf beiden Seiten der Zweige fast gleichmäßig dunkelgrüne, an der Nutkabucht in Nordwestamerika heimische +Nutkacypresse+ (~Ch. nutkaensis~), ebenso zwei japanische Arten: die durch schräg abstehende, scharfspitzige Kantenblätter ausgezeichnete +Sawaracypresse+ (~Ch. pisifera~), die in mehreren Formen gezüchtet wird, und die durch einwärtsgebogene, stumpfe Kantenblätter charakterisierte +stumpfblättrige Halbcypresse+ (~Ch. obtusa~). Alle diese Halbcypressen mit erwachsen schuppenartiger Belaubung tragen in ihrer Jugend weiche, pfriemenartige Nadeln. Nun gelang es der gärtnerischen Zucht, solche Jugendzweige als Stecklinge zu verwerten, und daraus Pflanzen heranzuziehen, die auch im Alter nur nadelförmige Primärblätter tragen. Solche Formen mit dauernd beibehaltenem Jugendkleid, die früher als besondere Gattung ~Retinispora~ angesehen wurden, sind heute noch unter diesem irrigen Namen im Handel. So ist ~Retinispora plumosa~ einfach die das Jugendkleid beibehaltende Form der Sawacypresse (~Ch. pisifera~).

Aus der großen Zahl der cypressenartigen, oft schwer zu unterscheidenden Nadelhölzer ist noch eine durch ihre oben glänzendgrüne, unten aber bläulichweiße Färbung der Triebe gekennzeichnete Art zu nennen, nämlich die in Japan große Wälder bildende +Hiba+ (~Thujopsis dolabrata~), die, weil vollkommen winterhart und gegen Beschattung wenig empfindlich, sogar für den deutschen Wald empfohlen wird. Sie liefert ein sehr dauerhaftes Holz.

Von allen bisher genannten Nadelhölzern trennt die +Wacholder+arten der fleischige Bau der Zapfen, deren Schuppen bei der Reife völlig verwachsen und deshalb ganz den Eindruck einer Beere machen. Von den etwa 30 Arten der nördlichen Halbkugel sind in unseren Parkanlagen nur wenige zu finden, da die meisten bei uns nur in ganz milden Lagen zu gedeihen vermögen. Aber auch unsere einheimische Art, der +gemeine Wacholder+ (~Juniperus communis~), der in den Sagen und in der Volksheilkunde unserer heidnischen Vorfahren eine so große Rolle spielte, ist selten in Kultur zu treffen. Am häufigsten findet sich noch der im Hochgebirge und im Polargebiet wachsende +Zwergwacholder+ (~J. nana~), der mit seinen zur Ausnützung der durch Sonnenbestrahlung erzeugten Bodenwärme und zum Schutz durch Schnee niederliegenden Ästen und den dichtgedrängten, weicheren und kürzeren Nadeln gern als Gartenschmuck verwendet wird. Ebenso wird der ähnlich auf der Erde liegende +nordamerikanische Wacholder+ (~J. prostrata~), dann der +schuppige Wacholder+ (~J. squamata~) vom Himalaja und ~J. sphaerica~ mit kugeligen Beeren aus China gelegentlich in unseren Gärten kultiviert.

Bisweilen findet sich in unseren Anlagen auch der in Südeuropa heimische +Baumwacholder+ (~J. excelsa~), der nebst dem im östlichen Mittelmeergebiet, besonders in Syrien und Phönikien heimischen, in der Erscheinung der Cypresse ähnlichen, ebenfalls baumartigen +Cedernwacholder+ (~J. phoenicea~) die Ceder der Alten bildete, deren rötliches, wohlriechendes Holz als „der Verwesung widerstehend“, wie schon Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr. sagt, mit Vorliebe als Werkholz benutzt wurde, während sie den gemeinen Wacholder als „kleine Ceder“ (~kédros mikrá~) bezeichneten. Nach Homers Ilias war das Bettgestell des Königs der Troer, Priamos, aus solchem Wacholderholz gefertigt (~kédrinos~) und duftete lieblich. Nach der Odyssee aber brannte in der Wohnung der Nymphe Kalypso, Tochter des Atlas, die den auf die von ihr bewohnte Insel Ogygia verschlagenen Odysseus 7 Jahre lang festhielt, ein Feuer von Baumwacholder (~kédros~) und Lebensbaum (~thýon~ von ~thýein~ opfern, weil sein Holz beim Opfer verbrannt wurde) und verbreitete weithin über die Insel Wohlgeruch. Rings um die Wohnung der Nymphe standen Erlen (~klḗthrē~), Schwarzpappeln (~aígeiros~) und wohlriechende Cypressen (kypárissos). Auf den Bäumen nisteten Käuzchen (~skṓps~), Falken (~írēx~) und Rabenkrähen (~korṓnē~). In Vergils Äneis erleuchtete die in der Odyssee als Tochter des Sonnengottes Helios und der Okeanide (Meerjungfrau) Perseis genannte, auf der Insel Aeaea hausende Zauberin Kirke, die die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt hatte, nachts ihren stolzen Palast mit wohlriechendem Wacholderholz (~odorata cedrus~). Nach demselben Epos standen in der alten Burg des Königs Latinus in Latium (in Mittelitalien am Tyrrhenischen Meer zwischen den Flüssen Tiber und Liris -- jetzt Garigliano -- gelegen) der Reihe nach die aus Wacholderholz (~cedrus~) geschnitzten Bilder der Ahnen. Nach Plinius wuchsen die besten Cedernwacholder (~cedrus~) auf Kreta, in Syrien und in Afrika. „Das Holz (~materia~), das mit Cedernwacholderöl (~cedri oleum~) getränkt ist, wird weder von Würmern, noch von Fäulnis angegriffen. Der Baumwacholder (~juniperus~) hat dieselben guten Eigenschaften wie der ~cedrus~. Er wird in Spanien und insbesondere im Lande der Vaccäer sehr groß und sein Kernholz ist noch dichter als dasjenige des ~cedrus~. Sein Holz hat ewige Dauer; deshalb macht man aus ihm gerne Götterbilder. So z. B. ist der zu Rom in einem Tempel aufgestellte sosianische Apollo, der von Seleucia (in Syrien) gebracht wurde, aus Cedernholz (~cedrinus est~, in diesem Fall ist jedenfalls das echte Cedernholz der Libanonceder gemeint). -- Aus den Beeren des Baumwacholders bereiteter Wein (~vinum e junipero~) wird von Ärzten denjenigen als besonders wohltuend empfohlen, welche durch Waffenübungen oder Reiten ermüdet sind.“ Noch heute werden die aromatisch riechenden Beeren dieses mittelländischen Wacholders, wie im Orient diejenigen des Bauchwacholders, statt unserer schwarzen Wacholderbeeren, in Apotheken wie im Haushalte gebraucht. Der griechische Arzt Galenos im 2. Jahrhundert n. Chr. sagt von ihnen: „Die Wacholderbeeren heißen ~arkeuthís~, haben einige Schärfe, sind etwas süß, haben auch etwas Zusammenziehendes und Gewürzhaftes. Sie erwärmen, reinigen Leber und Nieren, verdünnen die dicken, zähen Säfte und werden deshalb den Gesundheitsmitteln zugesetzt. Viel Nahrung gewähren sie dem Körper nicht. In allzu großer Menge fallen sie dem Magen beschwerlich und verursachen Kopfschmerzen.“ Plinius sagt, man gebe sie gegen Blähungen, Fieber und Husten, lege sie auch auf Geschwülste und salbe sich mit Öl, in welchem sie zerrieben wurden, um vor Schlangenbiß sicher zu sein. Ein sicheres Mittel, um Schlangen zu vertreiben, sei, Sägemehl von Baumwacholder an die Orte zu streuen, wo sich welche befinden. Daß dieses Mittel probat ist, wollen wir schon glauben; denn wir wissen, daß die Schlangen ein empfindliches Geruchsorgan besitzen und dieser starkriechenden Masse wie allen intensiven Gerüchen aus dem Wege gehen. So ist es ein vielerprobtes Mittel der Neger an der schlangenreichen Küste von Liberia, sich beim Passieren von daran besonders reichen Strecken vor dem Gebissenwerden durch diese Reptilien zu schützen, indem sie sich Füße und Unterschenkel mit Knoblauch einreiben.

Von dem in den östlichen Mittelmeergegenden heimischen +Weihrauchwacholder+ (~J. thurifera~) wird das Harz als schlechter oder arabischer Weihrauch in den Handel gebracht und aus dessen Holz, wie auch aus demjenigen des verwandten lykischen Wacholders (~J. lycia~) in Kleinasien, ein in der Tierarzneikunde gebräuchliches Wacholderholz- oder Kadeöl destilliert. In unseren Parks werden diese Arten kaum angetroffen. Dagegen wird von alters her wegen seiner offizinellen Eigenschaften der an den Nord- und Südabhängen der Alpen und Pyrenäen heimische strauchartige +Sade-+ oder +Sevenbaum+ (~J. sabina~) gezogen. Schon der griechische Arzt Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. erwähnt ihn als ~bradý~ (von ~bradýs~ langsam, weil er sehr langsam in die Höhe wächst). Er kommt in Griechenland zur Seltenheit auf den nördlichen, höheren Gebirgen vor, hieß bei den Italienern im Mittelalter ~sabina~, woher er den wissenschaftlichen Beinamen erhielt. Früher wurden am Feste von Marie-Krautweihen an manchen Orten nebst anderen grünen Pflanzen auch Sevenzweige geweiht, die das abergläubige Volk zur Abhaltung des Teufels und der Hexen in den Wohnungen aufhing und für heilsam gegen alle möglichen Übel hielt. Es wird auch eine buntblätterige Abart als Zierpflanze gezogen, doch soll dieser Strauch wegen seiner großen Giftigkeit, die schon Todesfälle bewirkte, und weil er als Abtreibungsmittel gerne benützt wird, nicht in öffentlichen Anlagen gehalten werden.

Den seinigen sehr ähnlich, nur nicht so unangenehm harzig riechend, sind die Zweige des +virginischen Wacholders+ oder +Sadebaums+ (~J. virginiana~), der um 1664 aus dem östlichen Nordamerika in Deutschland als Zierbaum eingeführt wurde. Während er bei uns niedergedrückt, strauchartig bleibt, bildet er in seiner Heimat stattliche Bäume, deren wohlriechendes, rotbraunes Holz trotz seiner Leichtigkeit sehr dauerhaft ist und kaum je vom Wurmfraß leidet. Es wird deshalb zu Schiffsplanken, Schindeln und allerlei Möbeln, besonders aber zu Zigarrenkisten und zur Umkleidung von Bleistiften benutzt. Der Bleistiftfabrikant Faber in Stein bei Nürnberg führt jährlich viele tausend Kubikmeter davon ein und pflanzt auch den Baum für sich bei Fürth in größerem Maßstab. Ebenso wird er im Braunschweigischen mit Erfolg angepflanzt. Außer dem virginischen liefert auch der auf den Bermudasinseln heimische ~Juniperus bermudiana~ einen großen Teil des amerikanischen Bleistiftholzes, das als „rotes Cedernholz“ in den Handel gelangt.

Noch mehr als die fleischige Frucht des Wacholders weicht die prächtig rote, seltener gelbe Scheinbeere der +Eibe+ (~Taxus~) von der sonst üblichen Zapfenform der Koniferenfrucht ab; doch weisen die einzeln stehenden, vorn spitzen Nadeln auf ihre Familienzusammengehörigkeit mit jenen. Die 6-9 m hoch werdende +gemeine Eibe+ (~Taxus baccata~) findet sich in Gebirgswäldern Europas, Asiens und Nordamerikas, ist aber im deutschen Walde fast ausgestorben. In Park und Garten dagegen, wo sie unter Schutz steht, ist sie eine der bekanntesten Erscheinungen. Sie wächst sehr langsam, leidet nicht unter starker Beschattung und besitzt ein für Nadelhölzer ganz erstaunliches Ausschlagsvermögen, so daß sie sich leicht durch Stecklinge vermehren und zu Hecken und Figuren nach Belieben zuschneiden läßt. Allerdings enthalten ihre Nadeln, wie auch die hellvioletten Samen ein giftiges Alkaloid, das Taxin, das besonders für Pferde, aber auch für Ziegen und Schafe gefährlich ist. Der Samenmantel dagegen wird von den Amseln und anderen Vögeln gerne verzehrt; dabei besorgen diese die Weiterverbreitung der Samen, die erst in zwei oder drei Jahren keimen. Die Eibe ist das einzige Nadelholz, das vollständig harzfrei ist. Männliche und weibliche Blüten wachsen bei ihr meist getrennt auf verschiedenen Individuen; doch kommt es nicht selten vor, daß ein Stock, der jahrelang nur einerlei Blüten trug, plötzlich beiderlei Blüten hervorbringt. In alten Exemplaren wird die Eibe baumförmig und erreicht dann eine Höhe von 10-15 m. Bei dem geringen Dickenwachstum deuten so große Eibenbäume, die dann Stämme von 1 m Durchmesser aufweisen, auf ein Alter von über 1000 Jahren. Im Park von Hamptoncourt bei London kennt man solche Bäume, deren Alter von über 1000 Jahren historisch beglaubigt ist. Ein Eibenbaum bei Katholisch-Hennersdorf in Schlesien wird auf 1400 Jahre geschätzt und gilt für den ältesten Baum Deutschlands. Noch älter ist die Eibe auf dem Friedhofe zu Braburn in England, die man -- jedenfalls übertrieben -- für 3000jährig ausgibt. Größere Eibenbestände sind außer auf der Tucheler Heide, wo gegen 1000 Bäume grünen, nur noch im bayrischen Allgäu vorhanden. Kleinere Haine von ebenfalls sehr alten Eiben findet man bei Treseburg im Bodetal im Harz, dann auf dem Veronikaberge bei Ilmenau, in einem Forstrevier der rauhen Röhn bei Dermbach im Großherzogtum Weimar, wo gegen 400 sehr alte Bäume vorhanden sind. In Süddeutschland ist neuerdings auf einen Eibenhain in der Nähe von Paterzell bei Weilheim südlich von München mit teilweise über 1000jährigen, bis 18 m hohen Exemplaren durch ~Dr.~ F. Kollmann aufmerksam gemacht worden.

In den Mittelmeerländern wächst die Eibe als Strauch nur spärlich auf höheren Gebirgen. Sie galt den Alten als ein Baum des Todes, so daß sogar schon ein längerer Aufenthalt unter ihrem Schatten für lebensgefährlich angesehen wurde. Deshalb warnt Dioskurides, in ihrem Schatten zu schlafen. Lucanus und Silius Italicus nennen die Eibe als einen den Göttern der Unterwelt geweihten Baum; deshalb bekränzte man sich mit ihr als Zeichen der Trauer. Die Griechen nannten sie smílax, die Römer dagegen ~taxus~. Zahlreiche Völker, so schon die neolithischen Pfahlbauern an den Ufern der Schweizerseen, bedienten sich der Eibenzweige zur Herstellung von Bogen und zu anderen außerordentlich dauerhaften Geräten. Im Mittelalter verfertigte man besonders die Armbrustbogen daraus. Schwarz gebeizt ist ihr rötlichbraunes Holz kaum vom Ebenholze zu unterscheiden. Nach Plinius sollten aus Eibenholz verfertigte Weinbecher den Tod bringen, wie man in Gallien bemerkt habe. Cäsar schreibt in seinem Berichte über den Krieg in Gallien: „Als Cäsar den Ambiorix besiegt hatte, tötete sich Kativolcus, der über die eine Hälfte der Eburonen regierte, durch das Gift der Eibe. Dieser Baum ist in Gallien und Germanien häufig.“ Nach demselben Autor sollen manche Volksstämme der Gallier mit Eibensaft vergiftete Lanzenspitzen benutzt haben. Heute noch wird eine Abkochung aus Zweigen von ihm, wie aus solchen des Sadebaums, beim Volke zum Fruchtabtreiben verwendet.

Von Ostasien, besonders Japan, kamen die den Eiben ähnlichen, nach den zu 2-3 in Köpfchen zusammenstehenden weiblichen Blüten als +Kopfeiben+ (~Cephalotaxus~) bezeichnete Ziersträucher zu uns. Sie gedeihen aber nur in milden Lagen. Die gebräuchlichsten Arten derselben sind ~C. harringtonia~, zu Ehren des Earl von Harrington in Elvaston-Castle, der sie zuerst anpflanzte, so bezeichnet, und ~C. fortunei~. Ebenfalls ostasiatischen Ursprungs ist der häufig in unseren Parkanlagen zu treffende +Gingkobaum+ (~Gingko biloba~ nach Linné, neuerdings aber gewöhnlich als ~Salisburia~ -- nach Richard Anton Salisbury -- ~adiantifolia~ bezeichnet). Er wird in Japan ~ginkyo~ geheißen und wurde um 1750 von dorther in Europa eingeführt. Nach Belaubung, Verzweigung und Ausschlagsfähigkeit würde man ihn für ein Laubholz halten; der Bau des harzfreien Holzes aber und der Blüten weist ihn zu den eibenartigen Nadelhölzern, während die höchst merkwürdige Befruchtung der letzteren, von der im 2. Band meiner gemeinverständlichen Entwicklungsgeschichte des Naturganzen nach den neuesten Forschungsergebnissen: Vom Nebelfleck zum Menschen[4] auf Seite 258 eingehend die Rede war, große Ähnlichkeit mit derjenigen der Palmfarne hat. Ist er doch neben diesen der einzige unter allen Gymnospermen, der noch Spermatozoïden wie die niederen Farne erzeugt. Und an einen Farn, das Frauenhaar (~Adiantum capillus veneris~) erinnert auch der fächerförmige Bau und die Nervatur der Blätter, die an den nichtblühenden Zweigen zweilappig sind und im Herbste sämtlich abgeworfen werden, und zwar an den weiblichen Bäumen -- der Gingko ist nämlich zweihäusig -- später als an den männlichen. Die Blätter der blühenden Zweige sind ungeteilt, die der Stockausschläge dagegen mehrspaltig-viellappig. Der Baum entspricht also der bei den Laubhölzern in weitem Umfang geltenden Regel, wonach die Blätter der Blütenzweige einfacher, die der Stockausschläge dagegen größer und reicher gegliedert sind als die übrigen Blätter. Die männlichen Blüten sind gestielte Kätzchen, welche zahlreiche Staubblätter mit je zwei an der Spitze sitzenden Pollensäckchen tragen. Die weiblichen Blüten sind länger gestielt und weisen am Ende meist zwei becherförmige Fruchtblätter auf, die mit je einer aufrechten Samenanlage besetzt sind. Die einer gelben oder grünlichen, großen Kirsche ähnliche Frucht besitzt einen von einem umfangreichen, harzreichen Fruchtfleisch umschlossenen zweikantigen, steinharten Kern, dessen Samen geröstet in China als Nahrungsmittel dient.

In seiner Heimat China und Japan ist der Gingko ein heiliger Baum, der fast nur in den Hainen um die Tempel angepflanzt wird. Wild wird er nur noch an wenigen Stellen in den Bergen der gegenüber der Insel Formosa gelegenen chinesischen Provinz Fo-kien gefunden. Er ist der letzte noch erhaltene Vertreter einer Pflanzengattung, die zur mittleren Tertiärzeit auch in Europa lebte und sich seit dem Beginne der mesozoischen Zeit kaum mehr veränderte. Was die Brückenechse (~Hatteria~) in der Zoologie, das ist der Gingko in der Botanik -- ein höchst interessantes lebendes Fossil!