Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte
Part 56
So wurde festgestellt, daß für drei Exemplare des schönen, durchaus nicht seltenen ~Odontoglossum~ mindestens ein solcher Baum mühsam gefällt werden muß. Wieviel Urwaldriesen haben schon ihr Leben lassen müssen, um die zahlreichen Orchideensorten von oft sehr beschränkter Verbreitung in unsere Orchideenhäuser zu liefern! Und sind endlich die Orchideen glücklich erlangt, so heißt es, sie durch kunstgerechtes, vorsichtiges Trocknen überhaupt versandfähig machen. Diese Prozedur nimmt oft viele Wochen in Anspruch. Wenn dadurch alle austreibbare Feuchtigkeit aus ihnen entwichen ist, werden sie in luftdurchlässige Behälter gepackt und müssen auf den Köpfen von Menschen oft viele Tagereisen weit über reißende Ströme und bodenlose Sümpfe, durch gefährliche Dschungeln und schwer passierbare Gebirge mühsam transportiert werden, bis sie auf die Eisenbahn gebracht und dann in Schiffe verladen werden, und so die Reise nach ihrem Bestimmungsorte antreten können. Wie vor Feuchtigkeit müssen sie gleicherweise auch vor zu großer Hitze und vor Licht geschützt werden. Und hat man auch alle diese Bedingungen sorgsam erfüllt, so ist es gleichwohl möglich, daß schließlich die meisten oder gar alle Exemplare unterwegs Schaden gelitten haben und zugrunde gegangen sind, so daß alle Arbeit und alle Auslagen umsonst waren. Für solche Verluste kann der Sammler natürlich nicht verantwortlich gemacht werden; sie gehören eben zum selbstverständlichen Geschäftsrisiko, der oft viele Tausende von Mark beträgt und deshalb diese wunderbaren Erzeugnisse der Tropen so teuer macht.
Wie manche durch ihre Größe ausgezeichnete Diamanten, haben gewisse Orchideen ihre eigene, vielfach höchst interessante Geschichte aufzuweisen, die über ganze Menschenschicksale entschied und nicht selten den Kühnen, die sie für die Bewunderung der Kultureuropäer zu erobern suchten, den Tod brachte. Manche derselben sind an ganz bestimmte Standorte und Höhenlagen, andere wieder an kleinere Bezirke des Vorkommens gebunden, sterben leicht vollständig aus und verschwinden vom Schauplatz, und an ihrer Stelle erscheinen dann plötzlich zum Erstaunen der Blumenfreunde neue, bis dahin gänzlich unbekannte Orchideenarten.
Ein Kenner, Oliver Bartlett, schreibt in bezug auf die Gewinnung solcher seltener Orchideenarten: „Vor einigen Jahren bot eine Firma in St. Albans ihrem Vertreter in Kalkutta die Summe von 1000 Pfund (also 20000 Mark) für die Beschaffung eines blühenden Exemplars von ~Cypripedium fairrieanum~, von welchem ein Forscher eine einzelne Art zufällig entdeckt hatte. Diesen hatte ein wilder Volksstamm auf dem abgeschlossenen Gebiet von Bhutan ergriffen und gezwungen, an ihren Kämpfen teilzunehmen, bei denen er schließlich den Tod fand. Noch tragischer ist das Ende des berühmten französischen Orchideensammlers Leon Humblot. Er ging vor einigen Jahren mit seinem Bruder und sechs französischen Landsleuten nach Madagaskar. Sie alle waren engagiert, um Insekten aller Art, Schmetterlinge, Vögel und Orchideen zu sammeln. Humblot, der eine völlig unbekannte Gegend durchforschte, hatte das Unglück, eine Ladung Vogelschrot in ein Götzenbild der Eingeborenen zu schießen, worauf die erzürnten Priester des Stammes ihn mit Öl begossen, anzündeten und lebendig verbrannten.“
Eine weniger tragische Geschichte weist die berühmte ~Cattleya skinneri~ auf, die eine hervorragend schöne, fleckenlose Blüte aufweist. Ihre Heimat ist Costarica, wo sie ursprünglich von Jesuitenpatres entdeckt wurde, die sie schleunigst auf die Dächer ihrer Kirchen verpflanzten; diese bedeckt sie nun zur Zeit der Blüte mit ihren reizenden, schneeigen Blüten.
Auch die ~Cattleya labiata~ hat ihre Geschichte. Sie war die erste ihrer Art, die, wie man vermutete, aus dem brasilianischen Organgebirge bei Rio de Janeiro stammend, in Europa eingeführt wurde. Plötzlich ging die Kenntnis ihres Standortes verloren, und da keine neuen Exemplare eingeführt werden konnten, wurde sie, selbst unter der geschicktesten Pflege, ganz außerordentlich selten. Verschiedene kostspielige Expeditionen wurden nach Brasilien und den angrenzenden Ländern gesandt, doch wurden nur andere wertvolle Cattleyas, nicht aber sie entdeckt. So fanden z. B. Arnold die ~Cattleya gaskelliana~ im schwer zugänglichen Carribogebirge und Seydl die herrliche ~Cattleya laurentiana~. Jahre danach sandte der Forscher Bungeroth eine Pflanze in die Heimat, die er als eine neue Abart mit dem Namen ~Cattleya warroqueana~ bezeichnete, und die sich dann schließlich als die langgesuchte ~Cattleya labiata~ erwies.
Ein deutscher Orchideensammler, der dem Ufer des gewaltigen Flyflusses in Neuguinea entlang ging, stieß plötzlich auf eine papuanische Begräbnisstätte, auf welcher die gewaltige, hochrotblühende Orchidee mit dem Übernamen „Elefantenmotte“ in üppiger Fülle zwischen Knochen und Schädeln wucherte. Als er sich daran machte, einige derselben auszugraben, widersetzten sich die ihn begleitenden Eingeborenen aufs energischste gegen solches nach ihrem Glauben frevelhaftes und gefährliches Vorhaben. Erst nach langen Unterhandlungen und durch Geschenke an Baumwollstoff, Kupferdraht und Perlen vermochte er die abergläubischen Eingeborenen dazu zu bringen, ihn ungestört gewähren zu lassen. Als diese Orchideen in London zur Versteigerung kamen, war ein Exemplar derselben am meisten begehrt, das mit seinen prächtigen Blüten aus der Augenhöhle eines menschlichen Schädels herauswuchs. Diese Orchidee wurde für 120 Pfund (= 2400 Mark) verkauft.
Den Wert neu eingetroffener Orchideen kann auch der beste Kenner nicht genau beurteilen. So durchstreifte eines Tages ein gewisser Herr Harvey, ein begüterter Advokat aus Liverpool, die Treibhäuser von Herrn Frederick Sander, als er plötzlich auf ein Exemplar der ~Laelia anceps~ stieß, welche das Merkzeichen auf der Knolle viel höher trug, als dies sonst üblich ist. Da Herr Harvey schon viel von den „Launen“ der Orchideen gesehen und gehört hatte, kaufte er die Pflanze sofort für 48 Schilling (ebensoviel Mark), und in einer der späteren Saisons verkaufte er sie wiederum an Herrn Sander um den Preis von 200 Pfund Sterling (= 4000 Mark). Sie hatte Blüten getrieben, die einzig in ihrer Art waren.
Ein anderes Mal erhielt Herr Sander eine große Anzahl von ~Cypripedium insigne~ und bemerkte unter den Pflanzen eine, die statt der typischen braunen Blütenstengel solche von hellgelber Farbe aufwies. Er stellte die Pflanze besonders, und als sie zum Blühen kam, trieb sie Blumen von einem herrlichen Goldgelb -- es war eine neue Spielart einer sehr kostbaren Sorte.
Wenn eine solche Abart einzig in ihrer Art und als das Produkt einer von der Natur selbst herbeigeführten Kreuzung dasteht, so wird sie niemals ergiebig sein; denn die Blüten können nicht, wie dies sonst üblich ist, mit dem Blütenstaub anderer Blüten befruchtet werden, und das einzige Mittel, sie zu vermehren, besteht darin, das Original zu teilen.
Für eine einzige Orchidee sind schon 2080 englische Pfund (gleich 41600 Mark) angeboten und abgelehnt worden, und 100 Pfund (gleich 2000 Mark) sind für einen mikroskopisch kleinen Fleck Blütenstaub zum Bastardieren bezahlt worden. In Privatgeschäften wurden von wohlhabenden Amateuren 1200 Pfund Sterling (24000 Mark) für ein Exemplar einer besonderen Gattung und 700 Pfund Sterling (14000 Mark) für ein Duplikat oder eine geteilte Pflanze bezahlt.
In den großen Treibhäusern bemüht man sich soviel wie möglich die Bedingungen zu erfüllen, die zum Gedeihen der einzelnen Spielarten unerläßlich sind. So muß man beispielsweise ein Gewächshaus, in welchem Orchideen aus dem heißen Borneo kultiviert werden, fast noch einmal so warm halten als ein anderes, in welchem Orchideen aus den Hochtälern Mexikos und den luftigen Abhängen der Kordilleren Südamerikas untergebracht sind. In einem dritten Treibhaus muß die Luft mit Tabakrauch erfüllt sein. Ein großer europäischer Händler empfängt jährlich 2 Millionen Pflanzen; dabei ist man so unsicher in bezug auf ihr Fortkommen, daß sie auf der Versteigerung meist ohne Garantie verkauft werden. Selbstverständlich sind so kostbare Pflanzen auf die mannigfaltigste Weise miteinander gekreuzt worden und haben sehr wertvolle Blendlinge ergeben. Man hat schon Bastarde von ihnen erzielt, in welchen drei verschiedene Gattungen vertreten sind. Darin hat sich der bereits erwähnte deutsche Gärtner Friedrich Sander, der in St. Albans bei London und in Brügge in Belgien gärtnerische Riesenbetriebe besitzt und seiner reichen Orchideengeschäfte wegen in England allgemein als Orchideenkönig bekannt ist, hervorgetan. So hat er u. a. zwei durch seinen Sammler Godseff in Neuguinea und Neukaledonien gesammelte Acalyphaarten miteinander gekreuzt und damit wunderbar schöne Hybriden erzielt, deren erste schon im April 1898 auf der großen internationalen Gartenbauausstellung zu Gent in Belgien allgemeines Aufsehen erregte. Die Blüten haben bis 50 cm lange Schwänze, sind zuerst grünlichweiß und gehen dann in Rosa und Orangerot, bei manchen auch in Gelb über. Sie sind, wie übrigens viele andere Orchideen, besonders auch dadurch wertvoll, daß ihre Blütezeit sehr lange währt.
Von den Ranunkelgewächsen sind von den bei uns einheimischen nur wenige als Zierpflanzen in unsere Gärten aufgenommen worden. Unter ihnen ist die auf Wiesen auch in Deutschland wachsende +Trollblume+ (~Trollius europaeus~) mit großen, geschlossenen, gelben Blüten zu nennen, die wie ihre nordasiatische Verwandte (~T. asiaticus~) und andere Arten als Zierpflanzen in Gärten kultiviert wird. Die weitaus schönste der altweltlichen Ranunkeln ist die in Südeuropa heimische +Pfingstrose+ (~Paeonia officinalis~) mit unterirdischem, knollig verdicktem Wurzelstock, 30-60 cm hohem Stengel und 5 cm im Durchmesser haltenden karminroten Blüten. Sie wird in zahlreichen Varietäten von Purpur bis Weiß meist in gefüllten Formen in Gärten kultiviert. Wurzel und Samen wurden früher arzneilich benutzt. Die Blumenblätter verwendet man wegen ihrer Farbe zu Räucherungen. Im Altertum galt sie als Schutzmittel gegen die Neckereien der Faune, d. h. der als „Wohlwollenden“ bezeichneten guten Geister der Fluren und Felder, die nach dem Volksglauben namentlich dem Vieh Fruchtbarkeit und Schutz gegen die Wölfe verliehen. Sie wurde von den alten Griechen ~paiōnía~ und von den Römern, die sie durch jene kennen lernten, ~paeonia~ genannt. Noch mehr als ihre wurden aber von ihnen die Wurzeln der in den Mittelmeerländern heimischen korallensamigen Pfingstrose (~Paeonia corallina~) arzneilich besonders gegen Gicht gebraucht, weshalb die rosenrot blühende Pflanze auch Gichtrose genannt wird. Bei deren Gewinnung mußten gewisse Riten geübt werden. Gegen die gebräuchlichste, das Ausgraben bei Nacht, wendet sich schon der pflanzenkundige Grieche Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr. indem er sagt: „Es wird aber wohl ohne Grund vorgeschrieben, man solle die Päonie (~paiōnía~), welche auch ~glykysídē~ heißt, bei Nacht ausgraben; denn wenn man bei Tage danach grübe und dabei von einem Specht gesehen würde, so erlitte man Unglück.“ Ihre roten Samen wurden als Amulett getragen und sollten, auf Fäden gereiht und um den Hals befestigt, Kindern das Zahnen erleichtern, weshalb sie beim Volke Zahnkorallen heißen. Neben der offizinellen Pfingstrose Südeuropas werden auch die schmalblättrige Pfingstrose (~Paeonia tenuifolia~) aus Südrußland mit tiefroten Blüten und die weißblühende Pfingstrose (~P. albiflora~) aus Südsibirien, dem Himalaja und Japan, wie auch die 1-2 m hohe baumartige Pfingstrose (~P. moutan~ -- letzteres ist ihr chinesischer Name) mit 5-10blätteriger Blumenkrone in zahlreichen, auch gefüllten Varietäten bei uns als Zierpflanzen kultiviert. Letztere, die in China und Japan hochgezüchtet wurde, eignet sich besonders zu Einzelpflanzungen in Rasen, verlangt aber Winterschutz. Ihre stechend aromatische Wurzelrinde wird in Japan arzneilich viel gebraucht.
Scharf giftig ist der blaue oder echte +Eisenhut+ oder +Sturmhut+ (~Aconitum napellus~), so genannt nach der helmartigen Form seiner hübschen Blüten. Anderswo heißt er Mönchskappe, in Norwegen Tor- oder Tyrhialm, d. h. Helm der Kriegsgötter Tor oder Tyr. ~Akṓniton~, d. h. auf felsigem Boden (im Gebirge) wachsende Pflanze, nannten sie die Griechen, und nach den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid (43 v. bis 7 n. Chr.) soll sie aus dem Geifer des Höllenhundes Cerberus entstanden sein, als dieser von Herkules aus der Unterwelt heraufgeschleppt wurde. Ihre giftige Wurzel wurde schon im Altertum zum Vertilgen von Raubtieren, denen sie im Köder gegeben wurde, benutzt, daneben auch als Arzneimittel gegen Gicht, Rheumatismus und Lungenkrankheiten gegeben. Als offizinelle Pflanze kam sie dann im Mittelalter in die Bauerngärten und hat sich hier das Bürgerrecht erworben. Ebenso verhält es sich mit dem +Rittersporn+, dessen südeuropäische, blau oder weißblühende Abart (~Delphinium staphisagria~), die ~staphís agría~ der Griechen, ebenfalls arzneiliche Verwendung fand. Ihre scharfschmeckenden, schwarzgelblichen Samen dienten gepulvert und mit Olivenöl vermischt, wie uns der griechische Arzt Dioskurides berichtet, zum Vertilgen von Läusen und Krätze. Deshalb wurden sie von den Römern ~pedicularia~ (von ~pediculus~ Laus) und bei uns Läuserittersporn genannt. Meist werden in unseren Gärten der in den Gebirgen Mitteleuropas wachsende hohe Rittersporn (~Delphinium intermedium~), dann der aus dem Orient stammende Gartenrittersporn (~D. ajacis~, nach dem homerischen Helden Ajax so genannt, weil die Pflanze aus dessen Blut hervorgewachsen sein soll, nachdem er sich aus Unmut, im Streite mit Odysseus besiegt worden zu sein, selbst den Tod gab) und der aus Nordamerika zu uns gebrachte dreifingerige Rittersporn (~D. exaltatum~) kultiviert.
Beliebte Gartenzierpflanzen sind auch die einheimische +gemeine Akelei+ mit blauen und die +kanadische Akelei+ mit scharlachroten Blüten (~Aquilegia vulgaris~ und ~canadensis~). Letztere stammt aus den östlichen Vereinigten Staaten und Kanada. Beide werden auch in gefüllten Spielarten gezogen. Ihrem Safte wohnen betäubende Eigenschaften inne; doch werden sie nicht medizinisch verwendet. Dies ist jedoch beim +Schwarzkümmel+ (~Nigella sativa~) der Fall, der aus Südeuropa als Heilpflanze zu uns kam und nach den Verordnungen Karls des Großen in den Gärten seiner Meierhöfe angebaut werden sollte. Wie damals wurden schon im Altertum seine wohlschmeckenden Samen ins Brot geknetet. Die Pflanze hieß bei den Griechen ~melánthion~ und bei den Römern ~git~ und wurde gegen mancherlei Übel gebraucht. Gleicherweise stammt aus den Mittelmeerländern die ihr nahe verwandte +Jungfer im Grünen+ oder +Gretel im Busch+ (~Nigella damascena~), die häufig in Bauerngärten gefunden wird, wie auch die verschiedenen +Adonisröschen+ (~Adonis flammea~ u. a.). Oft auch finden sich in Stadtgärten zur Einfassung der Blumenbeete oder an Felspartien die blauen, selten roten oder weißen +Leberblümchen+ (~Hepatica triloba~), die den Vorzug haben, zu unsern ersten Frühlingsboten zu gehören. Wegen ihrer leberförmigen Blätter wurde die Pflanze früher als Heilmittel gegen Leberleiden verwendet.
Von den eigentlichen Anemonen ist vor allem die +Gartenanemone+ (~Anemone coronaria~) zu nennen, die in Südeuropa und im Orient heimisch ist und große, dunkelrote oder weiße Blüten besitzt. Schon der griechische Arzt Dioskurides unterschied die wilde ~anemṓnē~ von der zahmen, in Gärten gepflanzten und sagt, letztere habe scharlachrote Blüten, während die wilde weiße oder purpurrote Blüten besitze. „Beide dienen als Arznei.“ Dem fügt sein Zeitgenosse Plinius bei, daß die Anemonen (~anemone~) außerdem zu Kränzen dienen, wie auch die Adonisröschen (~adonion~, von ~Adonis autumnalis~). In der Gegenwart werden die Gartenanemonen in zahlreichen Varietäten mit großen dunkelroten, blauen oder weißen Blüten, namentlich in Holland als Zierpflanzen kultiviert. Ihr Wurzelstock wird nach dem Verblühen aus der Erde genommen und bis zum Frühjahr trocken aufbewahrt. Ebenfalls als Zierpflanzen geschätzt sind: die Sternanemone (~Anemone hortensis~) aus Istrien und Italien, die ~Anemone fulgens~ mit scharlachroten Blüten aus dem Mittelmeergebiet, die Pfauenanemone aus Südfrankreich mit großen, aus 10-12 lanzettförmigen, spitzen, schmalen, feurig karminroten Blumenblättern bestehenden Blüten, dann von ausländischen die japanische Anemone mit rosa und weißen Blüten, deren bekanntester Abkömmling die prächtige Honorine Joubert ist, und besonders die großblütigen, in satten Farben von Rot bis Violett und Weiß prangenden Himalajaanemonen, die die Zierde unserer Gärten bilden und leicht zu ziehen sind.
An die Ranunkeln schließen sich die Mohnblütigen an, unter denen neben +Klatschrose+ und +Schlafmohn+ in den mannigfaltigsten Farben und mit gefüllten Blüten besonders der morgenländische Mohn (~Papaver orientale~) als Zierpflanze unserer Gärten kultiviert wird. Letzterer trägt auf dem bis 1 m hohen, borstigen Stengel nur eine bis 13 cm im Durchmesser haltende scharlachrote, oft im Grunde mit schwarzblauem Kreuze bezeichnete Blüte. Bescheidener als sie sind die ebenfalls als Zierpflanzen kultivierten +Nachtviolen+, die eigentliche Nachtviole (~Hesperis tristis~) mit schmutziggelben, purpurrot geaderten Blüten, die abends herrlich duften -- sie wird in Südeuropa wegen der als treffliches Viehfutter dienenden Blätter und ölreichen Samen angebaut -- und die Gartennachtviole oder Matronale (~H. matronalis~) -- von den Gärtnern auch ~Viola matronalis~, d. h. Frauenveilchen, genannt --, deren rote, lila oder weiße, wohlriechende Blüten häufig gefüllt sind. Vielfach ist sie aus den Gärten entwichen und verwildert.
Diesen nahe verwandt sind die +Levkojen+, die ihren Namen vom griechischen ~leukóion~, d. h. Weißveilchen (~leukós~ weiß und ~íon~ Veilchen), ableiten. Unter dieser Bezeichnung verstanden die alten Griechen die an den Mittelmeerküsten wild wachsende +Winterlevkoje+ (~Matthiola~ -- nach dem 1500 in Siena geborenen und 1577 in Trient gestorbenen kaiserlichen Leibarzt in Wien Peter Andreas Matthiolus so genannt -- ~incana~, d. h. die weißlichgraue), die wegen ihrer wohlriechenden Blüten geschätzt wurde. Theophrast im 4. Jahrhundert v. Chr. sagt von ihr: „Die Leukoje (~leukóion~) erscheint von den schöneren Blumen zuerst, und zwar schon im Winter, wenn die Luft mild ist. Sie dauert gewöhnlich drei Jahre, wird im Alter kleiner und bringt dann weißere Blumen hervor.“ Vergil (70-19 v. Chr.) bezeichnet sie in einer seiner Eclogen als ~paliens viola~, d. h. bleiche Viole, und Dioskurides im 1. Jahrhundert n. Chr. sagt von ihr: „Die Levkoje ist allgemein bekannt, sie hat verschieden gefärbte, weiße, gelbe, blaue und purpurrote Blüten. Die gelbblütige ist als Arznei im Gebrauch.“ Ebenso mannigfaltig gefärbt sind die Blüten der etwas größeren, gleichfalls in Südeuropa heimischen +Sommerlevkoje+ (~Matthiola annua~), die einjährig ist und wegen ihrer schönen, wohlriechenden Blüten eine der beliebtesten Topfpflanzen bildet. Außer Sommer- und Winterlevkojen in mehreren Klassen unterscheidet man auch mehrjährige Levkojen, von denen manche Sorten mehr als zwei Jahre dauern und strauchartig werden, dabei jedoch an Schönheit verlieren. Man zieht sie deshalb jedes Jahr neu heran und behandelt sie wie zweijährige. Die Levkojenkultur ist ein wichtiger Zweig der Handelsgärtnerei und wird besonders in Erfurt stark betrieben.
Die gelbe Viole (~viola~) der Alten, von der die antiken Dichter, so besonders Ovid und Vergil, häufig sprechen, die in besonderen Feldern (~violaria~) kultiviert wurde und zu Kränzen gewunden auf den Markt kam, ist unser +Goldlack+ (~Cheiranthus cheiri~ -- letzteres Wort, das auch in der ersten Hälfte des Gattungsnamens enthalten ist, ist die arabische Bezeichnung der Pflanze, die „Kraut mit wohlriechenden Blüten“ bedeutet). Die Stammpflanze findet man an steinigen Stellen der Küsten Griechenlands häufig wild. Sie wurde wegen ihrer wohlriechenden Blüten sehr frühe in die Gärten herübergenommen und bildet bis auf den heutigen Tag eine beim gemeinen Volke sehr beliebte Zierpflanze. Ursprünglich nur mit braunen und violetten Blüten begabt, hat man aus ihr sehr verschieden gefärbte Varietäten, auch mit gefüllten Blüten, erzielt. Mit den Levkojen wurde sie auf eine sehr hohe Stufe blumistischer Vollkommenheit gebracht und nimmt unter allen Sommerblumen eine sehr wichtige Stellung ein. Auch sie wird besonders in Erfurt angepflanzt.
Zum Unterschied vom weißen Veilchen, der Levkoje, nannten die alten Griechen das +wohlriechende Veilchen+ (~Viola odorata~) schwarzes Veilchen (~mélan íon~). In den Geoponika sagt ein griechischer Autor: „Das Veilchen (~íon~) hat seinen Namen Ion daher bekommen, daß die Erde es zu Ehren der von Zeus geliebten Jungfrau Io erschuf.“ Bei den Hellenen war es das Symbol der jährlich wieder auflebenden Erde und der jungen Freundschaft. Nach der Sage wurde die Tochter des Atlas, als sie sich vor Apollon verbarg, in ein Veilchen verwandelt. Mit Veilchen und Rosmarin wurden im Mai die Bildnisse der Hausgötter geschmückt und verzierten die Bacchantinnen ihre Thyrsosstäbe. Unter allen Griechen hatten die Athener eine besondere Vorliebe für diese Blume. Mit Veilchen bekränzten sie sich und mit Veilchenwasser parfümierten sie sich; deshalb hieß die Stadt bei den Alten „das veilchenduftende Athen“. Um dem großen Bedarf zu genügen, wurden Veilchen in der Umgebung Athens im großen kultiviert. Theophrast (im 4. Jahrhundert v. Chr.) sagt: „Das Veilchen blüht, wenn es gut gepflegt wird, das ganze Jahr hindurch.“ Der Komödiendichter Aristophanes (455-387 v. Chr.) sagt an einer Stelle seiner Acharner: „Früher nannte man die Athener veilchenbekränzt (~iostéphanos~).“ Außer Varro (116-27 v. Chr.) spricht Vergil (70-19 v. Chr.) von Veilchenbeeten (~violarium~), und letzterer sagt, sie müssen naß gehalten werden. Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt: „Veilchen (~viola~) werden auf gut gedüngtem und gegrabenem Boden gezogen. Man setzt Pflanzen vom vorigen Jahre in fußweite Gruben vor Anfang März. Übrigens sät man den Veilchensamen entweder im Frühjahr oder im Herbst.“ Sein Zeitgenosse Plinius sagt in seiner Naturgeschichte: „Das purpurne Veilchen (~viola purpurea~) wächst an sonnigen und magern Stellen wild, wird aber auch in Gärten aus Pflanzen gezogen. Man setzt Veilchenkränze gegen Rausch und Schwere des Kopfes auf.“ Wie in den reichen Griechenstädten, wurde auch im Rom der Cäsaren gelegentlich ein großer Luxus wie mit anderen, so auch mit diesen Blumen getrieben. So berichtet Älius Lampridius in seiner Biographie des Heliogabalus (geb. 201, regierte 218-222): „Kaiser Heliogabalus ließ manchmal zum Spaß über Gäste, die bei ihm schmausten, Veilchen (~viola~) und andere Blumen in solcher Menge schütten, daß mehrere sich aus der Masse nicht herausarbeiten konnten und erstickten.“