Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte

Part 5

Chapter 53,203 wordsPublic domain

Als früheste kultivierte Faserpflanze tritt uns in Europa der +schmalblätterige Lein+ (~Linum angustifolium~) entgegen, der in nicht zu feuchten Gegenden der Mittelmeerländer von den Kanaren bis Syrien und dem Kaukasus heimisch ist und auf sterilem Boden überall wildwachsend angetroffen wird. Im Gegensatz zu unserem Kulturlein ist er nicht einjährig, sondern ausdauernd und treibt statt einem mehrere Stengel mit schmäleren Blättern und kleineren, an der Spitze kaum gekerbten Samen. Als südliche, wärmeliebende Pflanze ist er nicht imstande, die jetzigen Winter der östlichen Schweiz, wo er zur jüngsten Steinzeit in Robenhausen und anderen Pfahlbauniederlassungen in ziemlicher Menge angepflanzt und verarbeitet wurde, zu ertragen. Es muß also das Klima hier vor 4000-5000 Jahren ein wärmeres als heute gewesen sein. Aus dem Süden gelangte diese Gespinstpflanze mit den sie begleitenden Unkräutern, wie dem kretischen Leinkraut (~Silene cretica~), das heute noch zahlreich in den Leinfeldern Italiens wuchert, zu ihnen und wurde von ihnen auf ihren Hackfeldern angebaut, um daraus Garn für die Anfertigung von Schnüren, Fischnetzen, Matten und zum Weben von meist groben Stoffen, die jedenfalls als Unterkleidung unter den für gewöhnlich getragenen Pelzen getragen wurden, herzustellen. Diese Stoffe, die sie auf äußerst primitiven hängenden Webstühlen mit Gewichten aus gebranntem Ton zum Strecken der Zettel herstellten, verstanden sie bereits mit verschiedenen einfachen geometrischen Figuren zu verzieren, rot, blau und gelb zu färben und sogar schon mit allerlei primitiven Stickereien zu schmücken.

Die nördlichste neolithische Station Deutschlands, wo er gefunden wurde, ist Schussenried im südlichen Württemberg. Es mag ja sein, daß der Flachsbau damals schon etwas weiter nach Norden zu in Süddeutschland verbreitet war, aber nach Norddeutschland oder gar dem nördlichen Europa kann er unmöglich vorgedrungen gewesen sein, da diese südliche Pflanze die Winter dieser Länder durchaus nicht auszuhalten vermöchte.

Aus der älteren Bronzezeit sind noch nirgends in Europa Funde von Flachs gemacht worden. Erst aus der jüngeren Bronzezeit sind in Dänemark Reste eines feinen Linnenstoffes zutage getreten, woraus freilich noch nicht geschlossen werden darf, daß der Flachs damals bereits dort gebaut wurde, da bei den regen Handelsbeziehungen jener Zeit für das Leinen die Möglichkeit des Importes vorliegt. Außerdem wissen wir, daß alle aus jener Zeit auf uns gekommenen Gewebereste aus Wolle bestehen, aus der verfertigte Kleider damals im Norden ausschließlich getragen wurden. Die ersten Beweise der Flachskultur auf norddeutschem Boden stammen aus der älteren Eisenzeit. Man fand nämlich in der Karhofhöhle eine Art grobgeschrotenes, aus Weizen und Hirse bereitetes Brot, dem, ähnlich wie beim Brot der schweizerischen Pfahlbauern, teilweise Leinsamen zugesetzt war. Welcher Art der Flachs angehörte, läßt sich allerdings in diesem Falle nicht entscheiden. Im slawischen Burgwall von Poppschütz bei Freistadt in Schlesien hat sich ebenfalls Flachssamen, der vermutlich zur Nahrung diente, gefunden, und zwar scheint hier nach Buschan, soweit ein Urteil aus den Samen allein möglich ist, eine Übergangsform zwischen dem mehrjährigen, schmalblätterigen Lein der Pfahlbauzeit und dem erst später nach Europa gekommenen, heute noch bei uns kultivierten Lein zu sein.

Unser +Kulturlein+ (~Linum usitatissimum~) hat seine Heimat im westlichen Persien und in Südkaukasien, wo die Stammpflanze auf trockenen Hügeln manchenorts noch wild angetroffen wird. Sie ist eine bis 60 cm hoch werdende einjährige Pflanze mit im Gegensatz zum schmalblätterigen Lein nur +einem+ Stengel, breiteren Blättern und größeren, an der Spitze gekerbten Samen, die rascher reifen als diejenigen der schmalblätterigen wilden Art und den Vorzug haben, nicht ausgestreut zu werden wie dort, sondern in den Samenkapseln geerntet werden zu können, die bei dieser Art meist nicht mehr aufspringen. Diese Samen dienten den Leinbau treibenden Völkern der Vorzeit als willkommene fettreiche Nahrung und wurde von ihnen gerne gegessen und als Totenspeise auch den Verstorbenen mitgegeben. Der Kulturlein besitzt schöne blaue Blüten, die nur einen Tag, und zwar nur vormittags blühen. Ein solch blühendes Leinfeld bietet einen hübschen Anblick dar, der die sagenhafte Begebenheit einigermaßen glaubwürdig erscheinen läßt, die uns der fränkische Geschichtschreiber Paulus Diaconus in seiner älteren, d. h. voritalischen Geschichte der Langobarden erzählt, wonach die von den Langobarden besiegten Heruler auf ihrer Flucht ein blühendes Leinfeld für einen See gehalten hätten, in den sie sich hineinstürzten, als ob sie schwimmen wollten. So seien sie von den verfolgenden Siegern ereilt und niedergemacht worden. Nur in Amerika, wohin der Flachs bald nach der Entdeckung dieses neuen Weltteils gebracht wurde, zieht man außer der blau blühenden auch eine weiß blühende Abart. Jede Kapsel enthält zehn längliche, flach zusammengedrückte, hellbraune, glänzende Samen, die in ihren äußeren Zellenschichten ein im Wasser stark aufquellendes, schleimhaltiges Gewebe enthalten, weshalb man sie zermahlen und gekocht zu breiigen Umschlägen und ihren Schleim auch innerlich als einhüllendes Mittel verwendet.

Schon sehr früh, nämlich im 5. Jahrtausend v. Chr. muß der Lein in Babylonien gepflanzt worden sein; denn man hat Spuren von ihm bereits in altchaldäischen Gräbern der vorbabylonischen Zeit entdeckt. Wie er bei den Babyloniern hieß, ist bis jetzt nicht bekannt geworden. Sein Name dürfte aber ähnlich wie im Hebräischen ~pischta~ gelautet haben. Im Sanskrit hieß er nach dem um 500 v. Chr. verfaßten ~Ayur Veda~ Susrutas ~akasa~, im Altägyptischen ~māhi~, bei den Griechen ~línon~ und von diesen entlehnt bei den Römern ~linum~. In Ägypten tritt er uns als Kulturpflanze schon zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends entgegen. In einem Ziegel der Stufenpyramide von Daschur, die bald nach 3000 v. Chr. gebaut wurde, fanden sich Bastfasern und Samenkapseln, die Unger als vom einjährigen Kulturlein stammend bestimmte. Aber erst ein Jahrtausend später, beim Beginn des mittleren Reiches, zur Zeit der 11. Dynastie (2160-2000 v. Chr.), hatte seine Kultur in Ägypten eine bedeutendere Entwicklung erlangt und findet man infolgedessen auch ziemlich häufig in Gräbern Leinsamen unter den Totenspeisen. So fand Mariette in einem 1881 geöffneten Grabe der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in Theben vortrefflich erhaltene Kapseln von Leinsamen, die völlig der heute noch in Ägypten und Abessinien gepflanzten Art entsprechen.

Erst im mittleren Reich (2160-1788 v. Chr.) begann die in der Folge für die Ägypter so wichtige Leinentechnik in Aufnahme zu kommen, nachdem der Lein vorher lange vorzugsweise nur seiner nahrhaften, fetten Samen wegen kultiviert worden war, während die Menschen sich noch in Wollenstoff kleideten. Von da an wurde für den Ägypter das linnene Gewand der Gegenstand seines Stolzes und der Auszeichnung den „Barbaren“ gegenüber. Aber nicht bloß die Lebenden trugen es, und zwar in um so feinerer Qualität, je vornehmer sie waren, sondern auch die Toten wurden bei der Einbalsamierung in Leinwandbinden gewickelt, nachdem noch im alten Reiche zur Zeit der Erbauer der großen Pyramiden von Giseh, von der 3. bis 6. Dynastie (2980-2475 v. Chr.) letzteren, die überhaupt auch noch nicht mumifiziert wurden, ausschließlich grobe Wollengewänder in die Gruft mitgegeben worden waren. Vom mittleren Reiche (2160-1788 v. Chr.) an galt es den Ägyptern überhaupt als Greuel, einen Leichnam in Wollengewändern zu bestatten. Dazu mußten unbedingt Linnenstoffe verwendet werden. Auch ihre Priester durften, wie Herodot berichtet, +nur+ reinlinnene Unterkleider tragen und höchstens außerhalb des Tempels einen wollenen Mantel überwerfen. Ägypten deckte damals nicht nur seinen ganzen Bedarf an Flachs, sondern es exportierte noch ziemlich viel seiner feinen, von den Griechen meist als ~býssos~ bezeichneten Leinengewebe, die im Auslande zur Herstellung von Prunkkleidern für die Vornehmen äußerst begehrt waren. Das ganze Altertum ist des Lobes voll über die unnachahmlich feinen ägyptischen Byssusgewänder, und dieses Lob begreifen wir vollständig, wenn wir die außerordentliche Feinheit der Mumienbänder der Reichen und die halb durchsichtige Gewandung nicht nur an den bildlichen Darstellungen an den Wänden der Totenkammern, sondern auch an den vornehmen Toten direkt in Berücksichtigung ziehen. Als Beispiel der Feinheit dieser Byssusstoffe berichten Herodot und Plinius, daß der ägyptische König Amasis (ägyptisch Amose) II. der 26. Dynastie, der von 570 bis 526 v. Chr. regierte, den Spartanern und dem Tempel der Athene zu Lindos auf der Insel Rhodos je ein linnenes Panzerhemd mit Tierbildern und mit Fäden aus Gold und Baumwolle durchwirkt von solcher Feinheit der Fäden geschenkt habe, daß jeder derselben aus 360 Einzelfäden bestand.

Verschiedene altägyptische Wandmalereien zeigen uns die ganze Bearbeitung des Flachses, vom Raufen der Pflanze auf den Feldern, vom Rösten und Kämmen derselben bis zum kunstvollen Weben am Webstuhl. Zum Lockern der Fasern wurde der Flachs in der ältesten Zeit in Kesseln gekocht und sodann mit keulenförmigen Hölzern geschlagen. Später dagegen wurde er auf kaltem Wege „geröstet“ und vermittelst Holzkämmen, von denen das ägyptische Museum in Berlin zwei besitzt, gehechelt. Das Spinnen und Weben wurde von den Frauen und teilweise auch Männern als besonderes Gewerbe betrieben. Wie dieses Handwerk ausgeübt wurde, erkennen wir an verschiedenen Grabgemälden des mittleren Reiches. Spindeln aus Holz und Leder von einfacher und komplizierter Form sind uns vielfach in den Gräbern erhalten, und das Bild der Spindel gehört mit unter die Hieroglyphenzeichen. In einem Grabe von Beni Hassan ist u. a. ein Ägypter dargestellt, der mit der Spindel hantiert. Derselbe hockt vor einem aufrechtstehenden, oben gegabelten Stabe, an den der Flachsfaden geknüpft ist. Ein Näpfchen zum Befeuchten der Finger beim Drehen des Fadens steht am Fuße des Stabes. Eine andere Darstellung zeigt sechs unter der Kontrolle einer Aufseherin arbeitende Frauen, von denen drei Spinnerinnen einen Faden ziehen, eine vierte dagegen mehrere einfache Fäden zu einem stärkeren zusammendreht. Von den beiden Weberinnen besorgt die eine den Aufzug, die andere den Einschlag. Bei zwei anderen Spinnerinnen vertritt der schlanke Körper selbst den Stab, indem sie das fertige Stück Faden um sich selbst herumdrehen. Daß gewandte Frauen auch mit zwei Spindeln zugleich umzugehen verstanden, bezeugen dem mittleren Reich (2980-2475 v. Chr.) angehörende Wandgemälde. Von den beiden in Beni Hassan beim alten Theben dargestellten Weberinnen besorgt die eine die Kette des wagrecht am Boden aufgespannten Webstuhls, die andere den Einschlag, der mit einem gekrümmten Holze durchgezogen wird, wobei die Öffnung durch zwei zwischen die Fäden der Kette geschobene Holzstäbe bewirkt wird. Auf demselben Wandgemälde webt ein Mann in einen zwischen einem Rahmen ausgespannten Stoff ein schachbrettartiges Muster. Daß aber später viel bessere Webstühle benutzt wurden, zeigt ein Wandgemälde aus der Totenstadt Theben, in welchem ein Weber an einem ähnlich wie die Webstühle der Neuzeit gebauten Webstuhle sitzt und mit den Füßen den Apparat bedient, der das Weberschiffchen hin- und herfliegen läßt. Herodot (484-424 v. Chr.), der selbst in Ägypten war, führt als etwas Bemerkenswertes an, daß die ägyptischen Weber gegen die sonstige Gewohnheit den Einschlag nicht aufwärts, sondern niederwärts zu werfen pflegen.

Durch wohlerhaltene Reste können wir uns selbst davon überzeugen, daß die wegen ihrer Feinheit bei allen Mittelmeervölkern berühmten altägyptischen Gewebe tatsächlich an Zartheit und Genauigkeit unübertroffen waren. Dabei begnügte man sich nicht mit einfachen, glatten Zeugen, sondern stellte auch wellen-, bogen- oder zickzackförmig gestreifte, flechtwerk-, schachbrett- oder mäanderartig gemusterte und solche mit einem feinen Arabeskenwerk von zierlich geschlungenen Spirallinien her, zwischen welche sich Rosetten, Sterne, Lotosblüten, gebüschelte Papyrusstengel, Skarabäen, Uräusschlangen, die geflügelte Sonnenscheibe, Namensschilder und Hieroglypheninschriften als füllende Elemente einschmiegen. Die verschiedenen dabei zur Anwendung gelangenden Farben waren, wie uns Plinius berichtet, nicht aufgemalt, sondern die Zeuge wurden in verschiedene Kessel mit Farbstofflösungen getaucht und dennoch schließlich verschiedenfarbig und schöngemustert herausgezogen. In einem Grabe zu Beni Hassan sehen wir den Eigentümer die Länge der fertigen Leinwand ausmessen; dabei steht ein Schreiber, der die Zahl der fertig verpackten Ballen ausmißt.

Aus Leinwand ~huma~ wurde vor allem der über den Hüften mit einem Gürtel zusammengehaltene, bis an die Knie oder Knöchel reichende Leibrock ~sten~, daneben vielfach auch das Überkleid ~hbos~ hergestellt. Herodot sagt von den Ägyptern: „Alle Ägypter tragen eine Gewandung aus Leinen, die immer frisch gewaschen ist, was ihnen die größte Angelegenheit ist. Die Gewandung der Priester ist nur von Leinen, die Sandalen nur von ~býblos~ (Papyrus); eine andere Kleidung und andere Beschuhung dürfen sie nicht tragen. Ihr Anzug sind leinene Röcke, an den Beinen mit Franzen besetzt. Darüber tragen sie weiße, wollene Oberkleider. Keiner jedoch geht mit wollenem Anzug in den Tempel, noch wird einer damit begraben, und das stimmt mit dem sogenannten arphyschen (einem ägyptischen) und mit dem pythagoräischen Geheimdienst überein.“ Ungeheuer war auch der Verbrauch an Leinwand für die Einhüllung der Mumien in die oft über 400 m langen Binden. Darüber sagt Herodot: „... Alsdann waschen sie die Toten und umwickeln den ganzen Leib mit Bändern, die aus Leinenzeug und ~býssos~ (feinste Leinwand) geschnitten sind; sie streichen auch (arabischen) Gummi darunter, dessen sich überhaupt die Ägypter statt des Leimes bedienen.“

Außer gewöhnlichen Stoffen zu Kleidern wurden auch namentlich für den Export kunstvoll gewirkte, mit Goldfäden durchzogene, bunte Gewänder in Weiß, Rot, Gelb, Grün, Blau und Schwarz, oft mit den schönsten Mustern angefertigt. Aber auch Halstücher und Mäntel, Teppiche, Decken, Panzer, Netze, Zelte, Taue und Segel wurden aus Flachs hergestellt. So berichtet derselbe Herodot, daß die Ägypter zu der gewaltigen Schiffbrücke, die der Perserkönig Xerxes, der seinem Vater Dareios Hystaspis 485 v. Chr. gefolgt war und mit einem Landheer von einer Million Mann und einer Flotte von 1200 Schiffen im Jahre 482 aufbrach, um Griechenland zu unterjochen, über den Hellespont bauen ließ, die Taue aus Byblos (Papyrus) und Flachs liefern mußten.

Von der Feinheit des in Ägypten erzeugten Flachses weiß auch noch Plinius zu berichten, der in seiner Naturgeschichte schreibt: „Der Flachs der Ägypter hat zwar die geringste Stärke, bringt ihnen aber einen großen Gewinn. Es gibt dort vier Sorten: den tanischen, pelusischen, butischen und tentyritischen; eine jede führt den Namen von der Landschaft, in der sie wächst.“

Schon zur Zeit des Auszugs der Juden aus Ägypten (um 1280 v. Chr.) muß es im Niltal ausgedehnte Flachskulturen gegeben haben, um den großen Bedarf an Linnengewändern für den eigenen Bedarf und den damals schon sehr ausgedehnten Export nach Syrien, Kleinasien und die Länder am Ägäischen Meere zu bestreiten. Deshalb muß eine Flachsmißernte damals in Ägypten einen großen Verlust in volkswirtschaftlicher Beziehung bedeutet haben; denn sonst hätte man eine solche Mißernte nicht unter die sieben Plagen gerechnet, die von Jahve, dem Gott der Juden, durch Mose über die Ägypter verhängt wurden, da der Pharao sie nicht aus seinem Lande ziehen ließ. „Und der Herr ließ Hagel regnen über Aegyptenland, so grausam wie desgleichen dort noch nie beobachtet worden war, seit Leute darin wohnen. Und der Hagel schlug in Aegyptenland alles, was auf dem Felde war, beides Menschen und Vieh, und schlug alles Kraut auf dem Felde und zerbrach alle Bäume auf dem Felde. Also ward geschlagen der Flachs und die Gerste; denn die Gerste hatte Schosse getrieben und der Flachs Knoten gewonnen. Aber Weizen und Roggen ward nicht geschlagen; denn es war spätes Getreide.“ 2. Mose 9, 23 u. f.

In Palästina wurde bereits Flachs angebaut als die Juden von diesem Lande Besitz nahmen. Wir erfahren dies aus dem Umstande, daß die Kundschafter, welche Josua aussandte, auf dem Dache eines Hauses unter Flachsstengeln verborgen gehalten wurden, die hier offenbar zum Rösten an der Sonne ausgebreitet lagen. Die Verwendung des Flachses muß bei den alten Juden eine recht vielfache gewesen sein; so finden wir ihn zu Schnüren, Saiten, Lampendochten, Gürteln, wie zu den verschiedenartigsten Kleidungsstücken verwendet. Feine linnene Gewänder waren ihren Priestern, wie denjenigen Ägyptens, denen sie diesen Brauch entlehnten, bei der Ausübung ihres Amtes als Tracht vorgeschrieben. Grobe Gewänder aus ungeröstetem Flachs bildeten hingegen die Bekleidung der ärmeren Volksklassen. Hier scheinen wie anderwärts besonders die Frauen sich mit der Bearbeitung des Flachses abgegeben zu haben. Auch in ganz Vorderasien, speziell Babylonien muß nach dem um 25 n. Chr. gestorbenen griechischen Geographen Strabon seit den ältesten Zeiten eine sehr rege Flachsindustrie bestanden haben. Er bezeichnet insbesondere die Stadt Borsippa (einst am Euphrat gelegener Stadtteil Babylons) als ein großes Industriezentrum für Leinen, das dort jedenfalls fabrikmäßig hergestellt wurde. Derselbe Autor sagt von den Babyloniern, daß sie einen leinenen, bis zu den Füßen gehenden Rock, und darüber einen wollenen tragen. Auch von den Indiern sagt er, sie tragen blumige Leinenkleider. Schon lange vor Strabon wußte Herodot (484-424 v. Chr.) von den Assyrern zu berichten: „Die Assyrier, welche stromabwärts Waren nach Babylon bringen, tragen einen leinenen Rock, der bis zu den Füßen reicht,“ und an einer andern Stelle: „Die Assyrier, welche im Heere des Xerxes (482 v. Chr.) dienten, trugen leinene Panzer.“

Solche leinene Panzer müssen in ganz Westasien bis Griechenland schon lange getragen worden sein; denn bereits in der Ilias werden sie als ~linothṓrēx~ bei einigen auf seiten der Troer kämpfenden kleinasiatischen Bundesgenossen erwähnt. Auch sonst ist der homerischen Welt Linnen bekannt, aber zunächst wohl nur als fremdländische Importware. So läßt in der Ilias Achilleus seinem ihn nach Troja begleitenden Erzieher Phoinix ein weiches Bett zurecht machen, dem als Decke Schaffelle und zarte Leinwand dienten, und in der Odyssee bereiten die Phäaken dem Odysseus ein Lager aus leinenen Decken. Aber der Gebrauch von linnener Gewandung war bei den ältesten Griechen durchaus nicht gebräuchlich. Mit dieser ägyptisch-vorderasiatischen Sitte scheinen sie erst durch die solche Ware auf ihren Schiffen feilbietenden phönikischen Kaufleute bekannt gemacht worden zu sein. Denn die bei ihnen übliche Bezeichnung ~chitṓn für das später unter dem eigentlichen Kleide aus Schafwolle getragene leinene ärmellose Unterkleid entstammt offenkundig dem phönikischen Worte ~kitonet~ für Leinwand.

Die ältesten Griechen trugen wie alle übrigen arischen Stämme ursprünglich nur wollene Gewandung, die bei ihnen die ältere Fellkleidung abgelöst hatte. Zuerst wurde nur das Hemd aus Wolle angefertigt und darüber trug man noch einen Fellüberwurf. Dann wurde auch letzterer durch einen Wollmantel ersetzt. Solchermaßen waren auch die Griechen der älteren Zeit gekleidet, bis sie durch die Vermittlung der Phönikier ein kurzes, ärmelloses, leinenes Untergewand unter ihrem wollenen Obergewand zu tragen begannen. Zuerst hatten die Ionier in Asien das lange herabfließende Kleid aus Leinwand von ihren reichen Nachbarn in Karien angenommen, und von ihnen ging dann diese Tracht zu den blutsverwandten, früh die morgenländische Zivilisation bei sich aufnehmenden Athenern über. Erst gegen die Zeit des peloponnesischen Krieges, der von 421-404 v. Chr. währte, kam, wie der zeitgenössische Geschichtschreiber Thukydides (470-402 v. Chr.) berichtet, auch bei den Athenern das altgriechische wollene Untergewand wieder zu Ehren. Er sagt: Nur unter den reicheren Bürgern hätten die älteren, am Hergebrachten hängenden Leute den ihnen liebgewordenen Luxus linnener Unterkleider nicht aufgeben wollen. Seitdem trugen nur die Frauen noch linnene Stoffe, deren feinere Sorten als Byssos aus dem Morgenlande eingeführt wurden.

Schon in den homerischen Epen werden, vermutlich noch ausschließlich auf dem Handelswege aus Phönikien oder Ägypten eingeführte, linnene Gewänder erwähnt. Die ~othónē~ wenigstens, ein feines linnenes Frauenkleid von weißer Farbe, war, wie der Name und der Zusammenhang der Stellen, in denen sie erscheint, lehrt, ein Erzeugnis westasiatischer, nicht griechischer Kunstfertigkeit. Die auch sonst mit semitisch-phrygischem Luxus umgebene Königin Helena, die eben ein Gewand gewebt hat, doppelt und purpurn, in welchem die Kämpfe der Troer und der Achäer zu schauen waren, eilt nach dem Dichter in die weiße ~othónē~ gehüllt aus dem Gemache. Auf dem runden Prunkschilde des Achilleus sah man tanzende Jünglinge in Chitone gekleidet, während die Jungfrauen mit der zarten ~othónē~ angetan waren. In dem Wunderschlosse der Phäaken sitzen die Mägde webend und die Spindel gleich den im Winde bewegten Blättern der Zitterpappel drehend; auch sie sind in die von Salböl triefende ~othónē~ gekleidet, die als dichtgewebt und mit Fransen, einer spezifisch westasiatisch-babylonischen Erfindung, versehen hervorgehoben wird. Ebenso ist das bereits erwähnte Lager, das die Phäaken dem Odysseus auf dem Schiffe bereiten und mit dem sie ihn ans Land tragen, statt wie sonst mit Pelzen und Wollstoffen mit zartem Linnen bedeckt. Auch die als weiß hervorgehobenen Segel der homerischen Schiffe müssen aus Leinwand bestanden haben; nur das Tauwerk und die Riemen, in denen die Ruder sich bewegten, waren aus Rindshaut hergestellt. In der Odyssee, dem jüngeren homerischen Gedicht, wird ein Schiffsseil aus ~býblos~ (Papyrus) erwähnt, das wie die linnenen Gewebe auf dem Wege des Tauschverkehrs aus Ägypten eingehandelt wurde.