Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte
Part 48
Von den ältesten Blumengärten der Menschheit wissen wir nichts; denn, ganz abgesehen davon, daß damals die Schrift noch nicht erfunden war, hätte es niemand der Mühe wert erachtet, uns davon Kunde zu geben. Das erste Volk, von dem wir Kunde haben, daß es sich gewisser Blumen erfreute und diese teilweise auch anpflanzte, um sie in genügender Menge zur Hand zu haben, war das uralte Kulturvolk der Ägypter, das der +weißen+ und +blauen Seerose+ des Nils (~Nymphaea lotus~ und ~coerulea~) ein besonderes Interesse, ja als Kinder des lebenspendenden, heiligen Stromes geradezu Verehrung entgegenbrachte. Nil und weiße Seerose -- von den alten Ägyptern ~suschin~, von den Griechen jedoch ~lōtós~ geheißen -- gehörten nach seinem Empfinden zusammen wie Mutter und Kind, eines ohne das andere undenkbar. Wenn der heilige Strom nach den starken Regen in seinem äquatorialen Quellgebiet anzuschwellen begann, erwachte der im Schlamme desselben wurzelnde Lotos zu neuem Leben; wenn der Strom das Land weithin mit seinem Fruchtbarkeit spendenden Naß überschwemmte, stand die Pflanze in voller Blüte, und wenn er langsam zu sinken begann, so reiften ihre Früchte heran, deren Samen der Bevölkerung eine willkommene Speise darboten und als Nahrungsmittel eine wichtige Rolle spielten. So berichtet uns der Vater der griechischen Geschichtschreibung, Herodot aus Halikarnaß an der kleinasiatischen Küste (484-424 v. Chr.), der Ägypten selbst bereiste, von der weißen Seerose: „Im Nil wachsen, wenn er die Felder überschwemmt, viele Lilien (~krínon~), welche die Ägypter ~lōtós~ heißen. Deren mohnkapselartigen Früchte sammeln die Leute, dörren sie an der Sonne, zermahlen dann deren Samen und backen mit Hilfe des Feuers Brot daraus. Auch die Wurzel ist eßbar und schmeckt nicht übel; sie ist rundlich und von der Größe einer Quitte. Außer diesem Lotos haben die Ägypter noch andere im Wasser wachsende Lilien, deren Frucht einer Wespenwabe gleicht, worin Samen, so groß wie Olivenkerne, in Menge sitzen; man ißt sie frisch und gedörrt.“ Mit diesen letzteren meint Herodot die erst kurz vor seiner Zeit in Ägypten eingeführte rosenrote +indische Seerose+ (~Nelumbium speciosum~), deren Blüten wenigstens ein Drittel größer als diejenigen unserer weißen Seerose sind und einen angenehmen Anisduft aushauchen. Sie ist in Indien heimisch, wo sie als ~padma~ in Sage und Kult der Inder dieselbe Rolle, wie der heilige Lotos bei den Ägyptern spielt. Auf ihr, die der zweite Gott der indischen Göttertrias (Trimurti), Wischnu, als er auf der Milchstraße das Universum durchschwamm, um die Welt zu erschaffen, als Symbol der entstehenden Erde aus seinem Nabel hervorgehen ließ, ist dessen Gemahlin Lakschmi, die Göttin der Liebe, die Tochter des Weltmeers und der Nacht, schwimmend gedacht. In der eben erschlossenen Blüte sitzt sie in ihrem unvergleichlichen Liebreiz, wie später der zum Gott erhobene Königssohn Siddharta aus dem Geschlecht der Sakja -- daher auch Sakjamuni, d. h. Einsiedler der Sakja genannt, besser aber unter dem Ehrennamen Buddha „der Erleuchtete“ bekannt (623-543 v. Chr.) -- in ihr sinnend als der Weisheit Fülle von seinen zahlreichen Anhängern, den Buddhisten, dargestellt wurde. Deshalb rufen ihn seine Anhänger tagtäglich unter der stehenden Formel: ~om mani padme hum~, d. h. „du Juwel in der Lotosblume“ an, ein Gebet, das in zahllosen Tempeln, wie auf den Gebetsmühlen der Tibeter geschrieben steht und in dem sich die Religion der gedankenlosen Menge niedergeschlagen hat. Auf einem schwimmenden Blatte der ~padma~ ist auch Brahma, der erste Gott der indischen Götterdreiheit, der Ursprung aller Wesen, zu dem sie auch zurückkehren, in der für die Inder charakteristischen Weise mit gekreuzten Beinen sitzend gedacht. Diese heilige Pflanze ist dem Inder das Symbol des sich stets erneuernden Lebens, das sichtbare Zeichen der ungeschwächten Schöpfungskraft der Götter, der Inbegriff alles Schönen und Lieblichen; mit ihren Blättern und Blüten schmückt er heute noch wie vor Jahrtausenden die Tempel und Altäre seiner Gottheiten.
Dieser heilige indische Lotos, deren der Brause einer Gießkanne ähnliche Früchte in ihren nach oben zu offenen Fächern vom Volke grün oder getrocknet gerne verspeiste Samen von der Größe von Olivenkernen enthalten, gelangte in der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts aus dem Gebiet des Ganges und Indus nach Persien und eroberte sich erst ums Jahr 500 v. Chr. das Heimatrecht in den Gewässern Ägyptens. Hier wurde er in der hellenistisch-römischen Zeit als Zier- und Nutzpflanze im ganzen Lande viel angebaut, war aber schon im 10. Jahrhundert n. Chr. wieder aus dem Lande verschwunden. Er war also dem alten Ägypten fremd, und die weiße einheimische Seerose (~Nymphaea lotos~), die heute noch mit der himmelblauen Verwandten in den Wässern des Niltals wächst und zur Zeit der Nilüberschwemmung ihre hübschen Blüten entfaltet, nach deren Zahl der Fellache den kommenden Jahressegen abschätzt, war die heilige Pflanze der Ägypter, das Symbol des Nils selbst und zugleich das hieroglyphische Wortbild für das ganze Land Kemi, d. h. Ägypten. Ihre Blüte galt als Sinnbild der Lebensfülle und des Überflusses, war das Zeichen der Zahl 1000, mit welcher der Ägypter den Begriff der Menge und des Segens verband. Sie war den Gottheiten Osiris, Isis, deren Sohn Horus, wie auch Hathor, der von den Griechen mit ihrer Aphrodite identifizierten Göttin der Liebe und des Lebensgenusses, heilig und wurde von diesen als Diadem getragen. Osiris, der ägyptische Gott der schaffenden Kraft des Lichts und der gleicherweise Leben spendenden Feuchtigkeit, das allverehrte Prinzip des Guten und Schönen, der von seinem Bruder Seth, dem Dämon des Dürre und Mißwachs erzeugenden Glutwindes der Wüste, getötet wurde, um dann in der Unterwelt über die Geister der Verstorbenen zu herrschen, war auf einem Lotosblatt thronend gedacht. Er wie seine Gemahlin Isis, das weibliche, empfangende und gebärende Prinzip, waren mit Lotosblumen geschmückt. Letztere wird mit Vorliebe, den Nilschlüssel, das Zeichen der erschlossenen Fruchtbarkeit, in der Rechten, in einem Papyrusnachen über die prangenden Blütenkelche der heiligen Pflanze gleitend dargestellt, während ihr Sohn Horus (ägyptisch Har), der die dem Leben feindliche Dunkelheit und Dürre überwindende Lichtgott, der Rächer seines Vaters Osiris an dessen Mörder Seth, sich beim Schwinden der Nacht in einer halbgeöffneten Lotosblüte als das Symbol der neu aufwachenden Sonne aus den Fluten des Weltmeers erhebt. Wie er, seine Eltern und seine Amme Hathor, die Göttin des Ehesegens und Freundin der Kinderwelt, waren auch die ägyptischen Königinnen mit den Blüten der heiligen Lotospflanze als ihrer schönsten Zier geschmückt.
Keine andere Pflanze, selbst nicht der in seiner Wurzelknolle ebenfalls eine angenehme Speise darbietende Papyrus, auch ein Geschenk des Nils und in der Hieroglyphik das Zeichen des Nordens, wo er in den Sümpfen des Deltas in Menge wuchs, spielte im täglichen Leben des Ägypters als Zier- und Opferblume eine so wichtige Rolle und hat seine ganze Kunst, die Architektur, Skulptur und Malerei so weitgehend beeinflußt, wie der heilige Lotos. Auf allen Darstellungen aus dem Leben der alten Ägypter begegnen wir ihm, wo auch immer sich jemand auf oder am Wasser beschäftigt, wo Opfertische gedeckt sind, wo Gesellschaften gegeben werden. Wenn reichgeschmückte vornehme Damen beisammensitzen und Sängern oder Lautenspielern zuhören oder Tänzerinnen zusehen, stehen Blumenvasen mit Lotosblüten auf den Tischen und halten sie Lotosblüten in den Händen. Von flüchtigen Skizzen bis aufs Feinste ausgeführte Darstellungen wechseln die Lotosbilder durch die mehrtausendjährige Geschichte Altägyptens. Und zwar war bis zum alten Reich ums Jahr 3000 v. Chr. speziell die weiße Lotosblume die heilige, die auch zur Verzierung der Tempel bei Festen, wie auch zum Schmücken der Sarkophage in Girlanden benutzt wurde. Von da an gewann der blaue Lotos -- von den Ägyptern ~sarpat~ genannt -- die Überhand über den weißen und war im mittleren und neuen Reiche die fast ausschließlich benutzte, bis erst wieder zur Ptolemäer- und Kaiserzeit (333 vor bis 362 n. Chr.) die weiße Lotosblume einigermaßen zu Ehren kam. Wie bei uns seit alter Zeit die Rose, so war die Blüte des Lotos im alten Ägypten die Königin der Blumen, die man überall antraf, die auf allen Märkten zu kaufen war und an deren Farbe und zimtartigem Duft man sich in frohen Tagen erfreute. Sie war auch das bevorzugte Geschenk der Liebenden und wurde als Amulett aus Holz oder gebranntem Ton auf der Brust getragen. Wie eintretenden Gästen als Zeichen des Willkomms eine einzelne Blüte oder ein Strauß derselben von Dienern oder Dienerinnen überreicht wurde, so prangte sie im schwarzen Haar der sorgfältig frisierten Dame. Im neuen Reiche (1580-1205 v. Chr.) war es in feinen Kreisen Sitte, zu Gastmählern Geladenen einen Kranz aus Lotosblüten um den Hals zu hängen und ihr Haupt mit Blumengewinden zu zieren, aus denen eine halberschlossene Lotosblüte über die Stirne herabhing.
Bei keinem Opfer fehlte die heilige Pflanze, das Attribut der höchsten Gottheiten. Weizenähren oder Lotosblüten in den Händen sehen wir die mächtigen Herrscher sich den Götterbildern opfernd nahen und die Götter sich gegenseitig beschenken. Und einst selbst eine „reine, in den Strahlen der Sonne leuchtende, heilige Lotosblume im Garten des Sonnengottes Ra“ zu werden, war, wie in den Totengebeten steht, der sehnlichste Wunsch eines jeden Ägypters. Mehrere der in der Totenstadt westlich von Theben aufgefundenen Königsmumien fanden sich noch mit Kranzresten geschmückt, in denen sie vorherrscht. So war die noch im Tode Ehrfurcht gebietende Mumie des großen Ramses II. der 19. Dynastie (1292-1225 v. Chr.) mit Gewinden aus Blättern des von alters her der Isis geheiligten Baumes ~Mimusops schimperi~, des „Lebensbaumes“ mit in Form und Farbe den Hagebutten nicht unähnlichen Früchten mit dünnem Überzug von mehligem, wohlschmeckendem Fruchtfleisch, abwechselnd mit den blauen Blumenblättern des Lotos verflochten. Und zwar wurden diese Blumengewinde dem beigegebenen Totenbuche zufolge bei einer zur Zeit der 21. oder 22. Dynastie (1090 bis 745 v. Chr.) vorgenommenen prunkvollen neuen Bestattung um die Mumie des großen Toten geschlungen.
Von anderen altägyptischen Gartenblumen sind uns nur spärliche Reste erhalten geblieben. So fanden sich in einem die Brust der Mumie des Königs Amenhotep II. aus der 18. Dynastie (1580-1547 v. Chr.) bedeckenden Blumengewinde Reste des arabischen Jasmins, der feigenblätterigen Malve und einer blauen Ritterspornart, die in Westasien heimisch sind und im Niltal in Gärten gezogen worden sein müssen. Zwischen ihnen hingen gelbe Blütentrauben der im Lande selbst wachsenden Nilakazie und eines andern Schmetterlingsblütlers (~Sesbania aegyptiaca~) mit rotgelben Blüten. In den Weidenlaubgewinden der Prinzessin Nsi-Chonsu, der Tochter des Tont-hont-huti der 22. Dynastie (945-745 v. Chr.) fanden sich neben Blüten der asiatischen Kornblume diejenigen einer in Ägypten nur im April blühenden Komposite, eines Bitterkrautes, die uns sogar von der Jahreszeit der Schmückung dieser Leiche genaue Kunde geben. In einem Grabe der 20. Dynastie (1200-1090 v. Chr.) lagen die Blüten und vollständig geschwärzten Blätter der Pfefferminze. Mehrfach haben sich auch bei Mumien dieser und späterer Perioden Überreste der hochgelben Blüte einer Komposite, der kretischen Wucherblume, neben denjenigen des rotblühenden Schotenweiderichs gefunden.
Neben Girlanden sind auch Blumensträuße in größerer Zahl in den Katakomben der Totenstadt von Theben gefunden worden. Sie lagen in den Sarkophagen auf den Mumien, zwischen diese und die innere Sargwand eingezwängt. Diese Sträuße, aus Feld- und Gartenblumen, Wedeln der Dattelpalme (altägyptisch ~utu~ genannt) und verschiedenartigen Laubblättern gefertigt, sind länglich, ähren- oder zapfenförmig und kurz oder lang gestielt. Sie wurden in der Weise hergestellt, daß man die Blumen und Blätter um einen kürzeren oder längeren Stab mit Baststreifen umwickelte. Auch die Holzstiele der Sträuße waren häufig kunstvoll mit Bast umflochten. Noch heutigentags werden die Blumensträuße in Ägypten, wie im ganzen Orient, auf diese Weise gebunden.
Wie zierlich geflochtene Hals- und Brustkränze trugen die alten Ägypter, wie wir aus zahlreichen Darstellungen von Festen und Gelagen besonders auf den Köpfen der Sängerinnen und Tänzerinnen bemerken, auch mancherlei Stirnkränze. Zu allen Festen und Gelagen gehörten im alten Ägypten nicht nur eine Ausschmückung der betreffenden Räume mit blumengezierten Girlanden und auf den Tischen aufgestellten Blumen in zierlichen Alabastervasen oder Krügen von gebranntem Ton mit einem bis drei engen Hälsen, in denen auf den bildlichen Darstellungen noch die hineingesteckten Blumen zu erkennen sind, sondern vor allem auch Blumengewinde um Haupt, Hals und Brust, mit denen der Gastgeber seine Gäste schmückte. Eine Korridorinschrift am großen Tempel der Hathor in Denderah, welche die ausgelassene Techufeier zu Ehren der Göttin zum Gegenstand hat, lautet: „Die Erde ist in Freude. Die Einwohner von Denderah sind trunken von Wein, ein Kranz von Blumen ist auf ihren Häuptern.“ Überhaupt sind die alten Ägypter nicht die düstern, vom Gedanken an den Tod beherrschten Menschen gewesen, als die wir sie wegen der weitgehenden Fürsorge für das Leben nach dem Tode zu betrachten gewohnt sind. Sie waren vielmehr ein recht lebenslustiges Volk, als welches sie uns bereits Herodot, der älteste griechische Geschichtschreiber (484-424 v. Chr.), aus eigener Anschauung schildert. Feste wurden viel gefeiert, und an ihnen ging es sehr hoch her. Der Bedarf an Kränzen war demnach ein großer und das Kranzwinden galt im Lande als geachtete Kunst, die gut lohnte. Der römische Schriftsteller Plinius (23-79 n. Chr.) erwähnt unter den von den ägyptischen Kranzwindern mit Vorliebe benutzten Blumen den brennend roten alexandrinischen Amarant, dessen hahnenkammartig ausgebreitete Blumenähre jedenfalls eine prächtige Zierde für Kränze abgab.
Eingehendere Nachrichten über die Bedeutung der Kränze im Altertum haben uns verschiedene griechische Schriftsteller überliefert. So berichtet der um 200 n. Chr. in Alexandreia und Rom lebende griechische Grammatiker Athenaios aus Naukratis in Ägypten in seiner Schrift Deipnosophistai: „Es ist eine alte Sitte, den Gästen vor dem Nachtisch Kränze und Salben herumzugeben. -- Hellanikos erzählt, daß Amasis, welcher ursprünglich ein Mensch aus gemeinem Stande war (er stürzte den König Hophra, regierte von 570-526 v. Chr., begünstigte den Verkehr mit den Griechen, denen er die Stadt Naukratis überließ, und war ein Freund des Tyrannen Polykrates von Samos), durch einen Kranz König von Ägypten geworden sei. Er hatte nämlich den Kranz aus den prächtigsten Frühlingsblumen geflochten und dem damaligen Könige Ägyptens, Patarmis, gesandt, als dieser seinen Geburtstag feierte. Dieser freute sich sehr über den herrlichen Kranz, lud den Amasis zur Tafel, behandelte ihn seitdem als Freund und sandte ihn einstmals mit einem Heer gegen rebellische Truppen. Diese wählten aber den Amasis als König.“
Dieser Autor bespricht eingehend die verschiedenen Arten von Kränzen, die man zu seiner Zeit trug, aus Lotosklee, wie ihn schon der jonische Lyriker Anakreon (550-478 v. Chr.) schildert, aus Dill, wie ihn die griechische Dichterin Sappho aus Mytilene auf Lesbos (um 600 v. Chr.) beschreibt, aus andern wohlriechenden Kräutern, wie Majoran, Thymian, Salbei, Seifenkraut, dann aus Lorbeer, Myrte und verschiedenen wohlriechenden Blumen. „Im schönen Alexandreia gibt es auch Kränze, die man (zu Ehren des schönen Lieblings des Kaisers Hadrian, Antinoos aus Bithynien, der sich im Jahre 130 als Opfer für den Kaiser unweit Besa in den Nil stürzte und ertrank, worauf der Kaiser sein Andenken vielfach feierte und auch ein Sternbild in der Milchstraße dicht beim Adler nach ihm benannte) Antinoeios nennt; sie werden aus der ägyptischen Seerose (~lōtós~) angefertigt. Diese Blume wächst in Sümpfen und zeigt sich in der Mitte des Sommers. Sie kommt in zwei Farben vor, entweder rosa, und dann nennt man den Kranz eigentlich ~Antinoéios stéphanos~, oder himmelblau, und dann heißt der Kranz ~lṓtinos stéphanos~.“ -- Ein ägyptischer Dichter namens Pankrates hatte den Einfall, dem römischen Kaiser Hadrian (76-138 n. Chr.), als er in Alexandreia war, die rosenfarbene Seerose zu zeigen, sie für ein Wunder auszugeben und zu sagen, sie sei aus dem Blute des maurusischen Löwen entsprossen, den Hadrian in Libyen, nicht sehr weit von Alexandreia, auf einer Jagd mit eigener Hand erlegt hatte. Dieser Löwe war ein ungeheures Tier und hatte lange so arg in Libyen gehaust, daß ein Teil des Landes von den Bewohnern hatte verlassen werden müssen. Hadrian fand seinen Spaß an der Erfindung des Pankrates und befahl, daß er auf Staatskosten im Museion leben solle. -- In dem von Pankrates dem Hadrian übergebenen Gedicht kam auch folgende Stelle vor: „Ehe die Blume des Antinoos (der Lotos) von der Erde erzeugt war, dienten behaarter Feldthymian, weiße Lilie, purpurrote Hyazinthe und Blätter des weißen Schwalbenkrauts nebst Rosen, die sich beim Zephyr des Frühlings öffnen, zu Kränzen.“
Athenaios fügt dem hinzu, daß es auch Sitte sei, die Türen derjenigen, die man liebt, mit Kränzen zu schmücken. Homer habe den Gebrauch von Kränzen noch nicht erwähnt, er müsse bei den Griechen erst späteren Ursprungs sein. Später sei er sehr häufig getragen worden. Anakreon spreche von Myrtenkränzen, die mit Rosen durchzogen waren, und Theopompos erzählt im dritten Buch seiner Hellenika, die Ägypter hätten dem Agesilaos, als er in ihr Land kam, unter andern Geschenken auch Papyros zu Kränzen geschickt. Die Sybariten stellten oft öffentliche Schmausereien an und ehrten diejenigen, die die größten Beiträge dazu lieferten, mit goldenen Kränzen; ja sie bekränzten auch diejenigen Köche, die die Speise am delikatesten zubereiteten. -- „Bei dem großen Feste, das Ptolemaios Philadelphos (der Gründer des Museions und der Bibliothek in Alexandreia, regierte 285-247 v. Chr.) zu Alexandreia in der Mitte des Winters gab, war sein Prachtzelt von Lorbeer, Myrte und andern Bäumen umschattet und der ganze Boden mit Blumen aller Art bestreut. Ägypten bringt nämlich sowohl durch sein mildes Klima, als durch die Kunst seiner Gärtner zu jeder Jahreszeit Blumen im Überfluß hervor, so daß man z. B. Rosen, Levkojen usw. zu jeder Zeit in beliebiger Menge haben kann. Bei dieser Gelegenheit war in einer Jahreszeit, da in einer andern Stadt kaum zu +einem+ Kranze Blumen aufzutreiben gewesen wären, bei diesem Feste in Alexandreia Überfluß an Blumenkränzen für die ungeheure Menge der Festgäste, und der Boden war so dick mit Blumen bestreut, daß er wirklich einer göttlichen Wiese glich. Bei dem feierlichen Umzug, der bei dieser Gelegenheit abgehalten wurde, kam auch alles zur Schau, was sich auf die Geschichte der einzelnen Gottheiten bezog. Im Gefolge des Bacchos erschienen 40 Satyrn, um deren Lampen von Gold strahlende Efeublätter gewunden waren. Viktorienbilder trugen Räucherpfannen von 6 Ellen Länge, die mit Efeuranken und goldenen Zweigen umgeben waren. Ein Altar von 6 Ellen folgte, geschmückt mit goldenem Efeulaub und einem Kranze von goldenem Weinlaub. Dem Altare folgten 120 Knaben, in Purpur gekleidet und Weihrauch, Myrrhe und Safran in goldenen Gefäßen tragend. Nach ihnen kamen 40 Satyrn, die mit goldenen Efeukränzen geschmückt waren und einen großen, aus goldenen Reb- und Efeuranken bestehenden Kranz trugen. Ihnen folgte ein ausgezeichnet großes und stattliches, reich mit Gold geschmücktes Weib, das in der einen Hand einen Kranz aus Myxa, in der andern einen Stab aus Dattelpalmenholz trug. Hinter ihr gingen wieder Viktorien mit Räucherpfannen, die mit goldenen Efeugirlanden geschmückt waren, und Satyrn mit goldenen Efeukränzen einher. Ihnen folgte ein von 180 Menschen gezogener Wagen, der die Bildsäule des Bacchos trug; diese goß aus einem goldenen Becher Wein und hatte neben sich ein großes Weingefäß und eine Räucherpfanne mit zwei Schalen, die mit Zimtkassia und Safran gefüllt waren. Über dem Bacchos wölbte sich eine Laube, die aus Efeu, Weinrebe und allerlei Bäumen gebildet war. Rings hingen auch Kränze, Bänder und mit Efeu und Reblaub umwundene Stäbe. Hinter diesem Wagen gingen Bacchantinnen einher mit fliegendem Haar, mit Schlangen oder Eichenlaub, Reben- und Efeuzweigen bekränzt. Dann folgte ein von 300 Mann gezogener Wagen, 20 Ellen lang und 16 breit; auf ihm stand eine mit Trauben gefüllte Kelter, die 24 Ellen lang und 14 Ellen breit war. 60 Satyrn traten die Trauben und sangen unter Flötenspiel ein Kelterlied; dabei floß der Most auf den ganzen Weg hin. Der nachfolgende von 60 Mann gezogene Wagen war 25 Ellen lang und 14 Ellen breit, und trug einen ungeheuren, aus Pantherfellen genähten Schlauch, aus welchem auf den ganzen Weg allmählich auslaufender Wein floß usw. usw.“
Das Tragen von goldenen Kränzen galt im Altertum als besonders feierlich und wird uns ziemlich häufig angegeben. So erzählt Athenaios an einer andern Stelle: „Bei einem feierlichen Umzuge, den der König von Syrien, Antiochos der Tolle (im 2. Jahrhundert v. Chr.) hielt, befanden sich 3000 leicht bewaffnete, in Purpur gekleidete, mit goldenen Kränzen geschmückte Kilikier, 2000 Reiter in Purpurkleidern, von denen die meisten goldene Kränze trugen, und hinter den Soldaten folgten 800 Jünglinge mit goldenen Kränzen.“
Im gewöhnlichen Leben waren Kränze von allerlei bunten und wohlriechenden Blumen die gebräuchlichsten. Dabei sagt uns das Onomastikon des Pollux: „Die Blumen, welche man zu Kränzen verwendet, sind Rosen, Veilchen, Lilien, Minze, Anemonen, Feldthymian, Safran, Hyazinthen, gelbe Strohblumen, rotgelbe Taglilie, grauer Thymian, Königskerze, Nadelkerbel, Narzissen, Steinklee, Hundskamille, Kamille und andere Blumen, die entweder schön oder wohlriechend sind.“ So sagt ein nicht genannter Dichter: „Hier schicke ich dir einen Kranz, den ich mit eigenen Händen aus schönen Blumen gewunden habe, aus Lilien, Rosen, Anemonen, Narzissen und blauen Veilchen.“ Ein anderer singt: „Ich will Levkojen, zarte Myrten, Narzissen und leuchtende Lilien winden, ich will süßduftenden Safran, purpurrote Hyazinthen und liebliche Rosen winden, und damit das lockige Haar der Heliodora bekränzen.“