Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte
Part 44
Weniger bescheiden als in Griechenland mögen die Gärten in den reichen Handelsstädten Kleinasiens gewesen sein, wo der orientalische Einfluß den schon zuvor vorhandenen einfachen Hausgarten in den letzten Jahrhunderten der vorchristlichen Zeitrechnung immer größer und üppiger, mit zahlreichem Blumenflor und schattigen Ruheplätzen ausgestaltete. Dieser von künstlerischem Standpunkt, wie alles, was die Griechen unternahmen, eingerichtete Garten trug mancherlei vom Orient übernommene Blumen und Zierpflanzen, war aber im übrigen recht einfach. So lernten ihn die Römer in Unteritalien kennen und ahmten ihn bald nach. In dem Maße als das Bürgertum Roms wohlhabender wurde, ward das vordem vom Rauch des Herdfeuers geschwärzte Atrium zu einem als Empfangsraum benutzten weiten Vorraum umgewandelt, der in seiner Mitte unter der Lichtöffnung ein kleines Wasserbassin zur Aufnahme des vom Dach zusammengelaufenen Regenwassers aufwies. Im hinteren Hausteil gruppierten sich die Gemächer um einen offenen, meist von Säulenhallen umgebenen Hof, das Peristyl, das, wie wir aus den Funden von Pompeji wissen, häufig sehr große Abmessungen hatte und mit der Zeit ganz in einen Garten verwandelt wurde. Regelmäßig gestaltete Rasenflächen und Blumenbeete zerlegten ihn in mehrere Rechtecke, die von niedrig gehaltenen Buchshecken eingesäumt waren und außer Rosenstöcken einzelne Sträucher von Lorbeer und Myrte trugen. In der Hofmitte befand sich gewöhnlich ein Wasserbecken, und zwischen den Säulen der ringsum laufenden Halle liebte man in der späteren Kaiserzeit aus dem Morgenlande eingeführte Zedratzitronen in großen Tonkübeln aufzustellen, wie zur Zeit Ludwigs XIV. in Holzkübeln gepflanzte und in besonderen Orangerien überwinterte Pomeranzenbäume die Alleen der Prunkgärten einfaßten. Die Wände des Peristyls trugen meist bunte Malereien, die dem Ganzen ein vornehmes Gepräge verliehen, und aus dem Grün der Vegetation leuchteten farbige Statuetten hervor. Plätschernde Springbrunnen verbreiteten im Sommer angenehme Kühlung und im Gezweig der in Alleen gestellten Bäume trieben Vögel ihr munteres Spiel.
Besonders in Syrien verwendete man nach Plinius viel Fleiß auf die Gärten, zumal die Gemüsegärten, so daß ein griechisches Sprichwort sagt: „Die Syrer haben vielerlei Kohl.“ Auch ihre Obst- und Ziergärten müssen sehr sorgfältig gepflegt worden sein. Daß später die Römer mit Vorliebe syrische Sklaven, die in der höheren Gärtnerei, im Veredeln, Pfropfen, Vermehren und zweckmäßigen Beschneiden der Obstbäume einen besonderen Ruf im Altertum genossen und in aller Gartentechnik Meister waren, zum Besorgen ihrer eigenen Gärten und Obstkulturen benutzten, davon war bereits bei der Besprechung der Fruchtbäume die Rede. Ein ungenannter Grieche der hellenistischen Zeit gibt uns in den Geoponiká, einer wahrscheinlich ums Jahr 912 n. Chr. veranstalteten Sammlung von Auszügen aus guten alten griechischen Schriften über Land und Gartenwirtschaft, folgende Ratschläge zur Anlegung eines Ziergartens: „Der Garten (~parádeisos~) muß so liegen, daß man ihn von der Villa aus sehen, sich an seinem Anblick laben und die durch den Blumenduft gewürzte und dadurch gesündere Luft atmen kann. Er muß von einer Mauer oder anderen Umzäunung eingefaßt sein. Die Pflanzen selbst dürfen nicht unordentlich gemischt gepflanzt werden, als wenn gerade die Verschiedenheit angenehm ins Auge fiele, sondern sie müssen nach den verschiedenen Arten getrennt stehen, damit nicht die kleinen von den großen gedrängt oder der Nahrung beraubt werden. Die Räume zwischen den Bäumen müssen mit Rosen oder Lilien oder Veilchen oder Safran ausgefüllt sein. Diese gewähren einen lieblichen Anblick, Wohlgeruch, sind auch sonst zu brauchen, vermehren auch die Einkünfte und geben den Bienen Nahrung. Die Bäume müssen von Bäumen stammen, die in voller Kraft stehen; doch muß man im voraus wissen, daß die aus Samen gezogenen in der Regel schlechter sind als die von Ablegern stammenden. Noch besser als diese sind aber die veredelten, nicht bloß in betreff der Schönheit der Früchte, sondern auch an Fruchtbarkeit und baldigem Ertrag.“
Als die Römer sich den ihnen bekannten Erdkreis unterjochten, kamen sie in ihren östlichen Provinzen mit der hellenistischen und asiatischen Kultur in enge Berührung. Die Folge davon war, daß die Vornehmen dieses einst rauhen, Ackerbau treibenden und Krieg führenden Volkes es in der luxuriösen Lebensführung ihren asiatischen Vorbildern gleich zu tun strebten. Mit dem Reichtum und den Kunstschätzen, die sie aus den eroberten östlichen Provinzen heimbrachten, überführten sie auch mit der Kenntnis orientalischer Sitten die dort altgewohnte Kunst, das Leben fern vom ermüdenden Treiben der Stadt in gartenmäßig verschönter Natur zu genießen. So füllte sich kurz vor und während der Kaiserzeit nicht nur die nähere Umgebung Roms, sondern ganz Italien mit prächtigen Gärten nach den Vorbildern des Ostens. In ihnen bildete die Villa, das große Landhaus, den Mittelpunkt, von dem die Anlagen des Gartens gleichsam ausstrahlten. Im Gegensatz zum Stadthaus, das auf engem Raum stets in der hergebrachten Weise mit Atrium und Peristyl errichtet wurde, pflegte man in der Villa den besonderen Liebhabereien des Erbauers Rechnung zu tragen und als Fortsetzung der Wohnung in die Natur hinaus ausgedehnte Gartenanlagen mit Frucht- und Zierbäumen zu errichten.
Einer der ersten vornehmen Römer, der orientalischen Gartenluxus in Rom trieb, war Lucius Licinius Lucullus, der Besieger der Könige Mithridates von Pontus und Tigranes von Armenien, der nach seiner Abberufung aus Kleinasien im Jahre 64 v. Chr., den Staatsgeschäften fern, seinen Liebhabereien lebte. Wie er aus Kerasos im Pontusgebiet den Kirschbaum nach Italien brachte, war er einer der ersten, der in der Baumzucht und Blumenkultur gewandte orientalische Gärtner nach der Heimat überführte, um hier solch schöne Gärten, wie er sie in den Kulturzentren des Ostens gesehen hatte, für sich erstehen zu lassen. Der griechische Schriftsteller Plutarch (50-120 n. Chr.) nennt die einst von Lucullus eingerichteten Gärten, von denen der bedeutendste auf dem heutigen Monte Pincio sich befand, geradezu märchenhaft. Zwischen Alleen von Obstbäumen lagen blühende Blumenbeete. Von Hecken versteckt befanden sich darin Mästereien für feines Geflügel und Teiche mit feinen Speisefischen. Daß dieser Römer den Freuden der Tafel huldigte, ist ja bekannt genug, so daß die Bezeichnung lucullische Mahlzeiten bald in Rom das Nonplusultra von Üppigkeit bezeichnete, was gewiß zu jener Zeit des aufkommenden Luxus etwas besagen wollte.
Die üppige Lebenshaltung dieses Lucullus läßt uns bereits den unerhörten Luxus mancher Reicher in der Kaiserzeit ahnen. Plutarch kennzeichnet uns sein Treiben mit folgenden Worten: „Nachdem Lucullus ein berühmter Staatsmann und Feldherr geworden und ungeheure Reichtümer gewonnen hatte, verwendete er diese auf Lustbarkeiten, Schmausereien, Maskeraden, Fackeltänze, prunkende Gebäude, prachtvolle Alleen und Bäder, auf Gemälde, Bildsäulen und andere solche Dinge, namentlich aber auf seine Gärten, so daß noch zu unserer Zeit (2 Menschenalter nach des Lucullus Tod), wo doch die Pracht und Verschwendung aufs höchste gestiegen ist, die lucullischen Gärten unter den kaiserlichen für die allerprächtigsten gelten. -- Er ließ auch am Meere und bei Neapel gewaltige Bauten aufführen, die größten Berge durchstechen, Kanäle und Seen, in die das Meereswasser geleitet wurde, rings um seine Häuser graben, ließ auf dem Meere selbst Paläste bauen, so daß ihn der Stoiker Tubero den römischen Xerxes nannte. Bei Tusculum hatte er eine Menge Villen, sie hatten hohe Warten mit weit in die Ferne reichender Aussicht und zahlreiche schöne Alleen und Pavillons. Dabei hatte er die Einrichtung getroffen, daß er, wie er selbst äußerte, gleich einem Kranich oder Storche zu jeder Jahreszeit eine andere Wohnung beziehen konnte.“
Schon zu des Lucullus Zeit, zu Ende der römischen Republik, umspannte ein reicher Kranz der schönsten Villen mit ausgedehnten Gärten die Umgebung Roms. Nicht bloß die Abhänge des Sabinergebirges, sondern auch die Campagna di Roma besaß ausgedehnte Villen, wie diejenigen des Cicero, Quintilius, Pompejus, der Valerier, Voconier und Claudier. Sie waren meist nach dem Muster eines Soldatenlagers angelegt und das Hauptgebäude hieß auch ~Praetorium~, d. h. Feldherrnhaus. Ihr Reichtum an Teichen, Fontänen, Pflanzen, seltenen Tieren, Luxusgegenständen aller Art und architektonischen Nachahmungen griechischer und orientalischer Vorbilder muß geradezu erstaunlich gewesen sein. Einzelne Villen der Campagna hatten so große Gärten, daß diese von zwei bis drei der öffentlichen Heerstraßen durchschnitten wurden. Der Luxus stieg noch im Laufe der Kaiserzeit, während welcher ein prunkvoller Garten mit schönen Gebäuden, Tempeln und Bildsäulen sich an den andern reihte.
Einen guten Begriff der Anlage solcher Villen geben uns zwei Beschreibungen aus Briefen des jüngeren Plinius, des Schwester- und Adoptivsohnes des im Jahre 79 n. Chr. beim Vesuvausbruch umgekommenen älteren dieses Namens, der von 62-114 lebte und 103 Prokonsul in Bithynien und Pontus war, von wo aus er dem ihm befreundeten Kaiser Trajan Mitteilung von der bis dahin kaum gekannten Sekte der Christen machte. Er beschreibt seine beiden eigenen Villen, von denen die eine bei Ostia an der Tibermündung am Meere lag und nach der Fülle von Lorbeergebüsch ~Laurentinum~ hieß, während die andere sich in den Bergen Toskanas, also im Lande der Tusker befand, deshalb ~Tuscum~ hieß und ihrer kühlen Gebirgslage wegen im Sommer bewohnt wurde. Die erstere beschreibt er in einem Briefe an seinen Freund Gallus folgendermaßen: „Meine laurentische Villa, mein lieber Gallus, macht mir sehr viel Freude. Von dem einen Speisesaal hat man weithin die Aussicht aufs Meer, auf das Ufer und die reizendsten Villen. Ein anderer Speisesaal liegt dagegen so, daß man in ihm vom Meere nichts sieht und selbst bei tosendem Sturm das Brausen der Wogen kaum hört. Dieser Saal hat aber die Aussicht auf den Garten und den ihn umgebenden Weg für Wagen und Sänften. Derselbe ist mit Buchs und stellenweise mit Rosmarin eingefaßt. Denn der Buchs gedeiht nur da üppig, wo er von Häusern geschützt wird; wo er dagegen freisteht und vom Winde getroffen wird, verdorrt er. An der einen Seite des Weges zieht sich eine schattige Rebenpflanzung hin, in der man auch mit bloßen Füßen weich und bequem gehen kann. Der Garten ist dicht mit Maulbeer- und Feigenbäumen bepflanzt, denen dieser Boden ganz besonders zusagt, während andere Bäume nicht sonderlich gedeihen. Mitten im Garten steht ein Speisesaal, von dem man landeinwärts eine herrliche Aussicht hat. Man sieht auch von hier nach der Villa und einem Wirtschaftsgarten. An das Gebäude stößt ein bedeckter Gang, der an beiden Seiten Fenster hat, welche bei heiterem, ruhigem Wetter alle geöffnet werden, bei windigem aber nur auf der Seite, wo es windstill ist. Vor dem Gange ist eine von Veilchen duftende Terrasse.“
Letztere dagegen schildert er in einem andern Briefe folgendermaßen: „Mein tuskisches Landgut, lieber Apollinaris, liegt in einer sehr gesunden Lage am Fuß des Apennins. Im Winter ist zwar die Luft so rauh und kalt, daß Myrten, Ölbäume und andere Gewächse, die eine anhaltende Wärme verlangen, absterben; doch gedeiht der Lorbeer ganz vortrefflich und leidet zuweilen vom Frost, jedoch nicht mehr als bei Rom. Der Sommer ist dagegen sehr mild und die Luft fast immer von sanften Winden bewegt. Die ganze Gegend ist höchst reizend. Stelle dir ein ungeheures Amphitheater vor, wie nur die Natur es schaffen kann. Eine sich weithin dehnende Ebene wird von Bergen umringt; die Berge tragen auf ihrem Rücken hohe, alte Wälder, in denen die Jagd reiche Beute gewährt. Am Gebirgshang entlang zieht sich ein Schlagwald und zwischen diesem erheben sich Hügel mit gutem, urbarem Boden. Der Wand entlang erstreckt sich eine ununterbrochene Reihe von Weinbergen, die unten von Buschwerk eingefaßt sind; dann kommen Wiesen und tiefgründige Felder. Die Wiesen sind dicht mit Blumen wie mit lauter Edelsteinen übersät. Der Klee und die übrigen Kräuter sind stets saftig; denn das Ganze wird durch nie versiegende Bäche bewässert. Gleichwohl ist es nirgends sumpfig. Mitten durch die Fluren fließt der Tiber und führt auf Schiffen die Erzeugnisse des Bodens zur Stadt.
Meine Villa liegt am Fuße eines sanft ansteigenden Hügels. Vor der Hauptfront derselben zieht sich eine Säulenhalle hin und vor dieser eine Terrasse mit vielen, von Buchs eingefaßten Beeten. Weiter unten kommt eine größere Rabatte und auf beiden Seiten derselben stehen Buchsbäume, die so geschnitten sind, daß sie Gestalten von verschiedenen Tieren vorstellen. Noch tiefer, da, wo der Boden eben ist, wächst weicher, zarter Akanthus. Rings herum zieht sich ein Heckengang mit niedrigem und mannigfach geschnittenem Gebüsch. Gleich daran stößt eine Allee in Gestalt eines Zirkus mit niedrig gehaltenem und in verschiedene Gestalten geschnittenem Buchs. Das Ganze ist von einer Mauer umgeben, die treppenförmig gezogener Buchs dem Auge entzieht. In einiger Entfernung liegt ein Wiesenplan, von Natur ebensoschön wie die eben beschriebenen Kunstanlagen; weiterhin erstrecken sich Felder und viele andere Wiesen und Gehölze.
Von dem Speisesaal aus übersieht man die Terrasse, die Wiese, das Feld und den Wald. Es ist eine Rennbahn, ein Säulengang und weiter rückwärts ein Sommerhaus vorhanden, das einen kleinen, von vier Platanen beschatteten Platz einschließt. Auf ihm springt aus einem Marmorbecken ein Brunnen, der die Platanen und den unter ihnen befindlichen Grasplatz besprengt und erfrischt. Weiter unten im Garten sprudelt eine kleine Quelle hervor, welche in ein Becken fließt und lieblich murmelt. Es ist auch ein Teich im Garten, dessen Wasser sich in ein Marmorbecken stürzt und sich dabei in lauter Schaum auflöst.
Die Rennbahn, welche zu der Villa gehört, dehnt sich weithin aus, ist von Platanen umgeben, in der Mitte aber ganz frei. Die Platanen sind von Epheu umrankt, also unten von fremdem Laub grün, oben von eigenem. Der Epheu windet sich girlandenartig von einer Platane zur andern. Unten steht Buchs zwischen den Platanen; er ist nach außen von Lorbeer eingefaßt, dessen Schatten mit dem der Platanen zusammenfällt. Die Rennbahn läuft eine Strecke gradaus, bricht am Ende im Halbkreis ab, ist dort von Zypressen eingefaßt, durch deren dichteren Schatten kühl und finster. In den innern Kreisen und Gängen dagegen wechselt kühler Schatten mit Sonnenschein, und dort steht auch das Rosengebüsch. Aus diesen sich mannigfaltig krümmenden Gängen kommt man wieder auf gerade Wege, deren mehrere, von Buchs eingefaßt, nebeneinander laufen. Dort findet sich auch ein kleiner Grasplatz, dort in tausend Gestalten geschnittener Buchs und hier und da ist er selbst so geschnitten, daß er Buchstaben bildet, welche den Namen des Herrn und den des Gärtners darstellen. Dazwischen stehen kleine, zu Pyramiden geschnittene Obstbäume. Dieser schöne Platz ist auch mit niedrig gehaltenen Platanen geschmückt; hinter ihm steht glatter, sich ringelnder Akanthus (d. h. kultivierter ~Acanthus mollis~ im Gegensatz zum wildwachsenden ~A. spinosus~, dem stachligen A.) und auf diesen folgen wieder verschiedene Gestalten und Namen.
Am Ende des Ganzen steht eine halbkreisförmige Bank von weißem Marmor, beschattet von Weinreben, die sich um vier Säulen aus karystischem Marmor schlingen. In der Bank sind Röhren angebracht, und aus diesen fließt Wasser; dasselbe strömt in ein niedliches Marmorbassin, das immer voll bleibt, ohne überzufließen. Will man auf der Bank speisen, so werden die Schüsseln und schweren Gerichte auf den breiten Rand des Beckens gestellt. Die leichteren schwimmen auf Schiffchen oder künstlich gebauten Schwimmvögeln und können so zu jedem Gaste gelangen. Dem Marmorbassin gegenüber steht ein Springbrunnen, dessen Wasser in die Höhe getrieben, dann aber in Röhren aufgefangen und weitergeleitet wird.
Nicht weit von der Bank steht ein Pavillon, um den sich bis aufs Dach hinauf Reben freundlich emporranken. Man ruht hier wie im Walde, ist aber in voller Sicherheit vor Regen. Auch hier ist ein Springbrunnen, dessen Wasser gleich weiter fließt. Hier und da findet man Marmorbänke, welche den Müden zu sanfter Ruhe einladen. An jedem Ruheplatz ist ein kleiner Brunnen, und die Einrichtung überhaupt so getroffen, daß der ganze Garten bewässert werden kann.“
In den Gärten der vornehmen Römer sorgte man vor allem für reichlichen Zufluß von Wasser, um allenthalben Kühlung zu spenden, rauschende Sturzbäche zu bilden, große, mit buntbemalten Marmorfiguren geschmückte Bassins zu füllen und Springbrunnen und andere Brunnen zu speisen. Hier ließ eine Nymphe Wasser aus einer Urne in ein Becken laufen, dort entquoll es dem Schnabel einer von einem Knaben gebändigten Gans als Springbrunnen. In seiner berühmten ~Villa tiburtina~, die sich Kaiser Hadrian bei Tibur im Sabinergebirge erbaut hatte, war sogar ein großer künstlicher See mit kunstvoll gezimmerten Miniaturschiffen, auf dem sich der Kaiser Seeschlachten vorführen ließ. So zahlreich und kompliziert waren in manchen dieser Gärten die Wasserkünste, daß außer den zahlreichen Gärtnern ein eigener Wassertechniker, der ~aquarius~, für ihre Instandhaltung angestellt werden mußte. Oft war auch ein Tiergarten damit verbunden, indem in eingehegten Räumen allerlei zahme Tiere, besonders Ziervögel, und in marmornen Becken Fische der verschiedensten Art gehalten wurden. Durch Tacitus kennen wir den Park am „Goldenen Hause“ des Kaisers Nero, der von beispielloser Pracht war, nicht bloß in bezug auf den architektonischen und den plastischen Schmuck, sondern auch was die zauberhaften Blumengärten und mannigfaltigsten Wasserkünste betrifft.
Wie Vespasians üppiger Sohn Domitian, der nach seines älteren Bruders Titus Tode am 13. September 81 den Thron der Cäsaren bestieg, um am 18. September 96 unter den Schwertstreichen des Prokurators Stephanus, des Gardeoffiziers Cornelius und mehrerer Gladiatoren aus sieben Wunden blutend sein durch gräuliche Schandtaten und übermäßige Grausamkeit verwirktes Leben auszuhauchen, die prunkvollste und ausgedehnteste aller Kaiserbauten auf dem Palatin mit Riesensälen in einem Walde von Säulen aus den kostbarsten Steinarten erbauen ließ, so ließ er sich ein an Pracht mit seinem Schlosse wetteiferndes Lustschloß auf dem Albanergebirge errichten. Es erhob sich in vier Terrassen, die ganze Ebene um Rom beherrschend, und umschloß in seinen ausgedehnten Gärten auch ein Theater und ein Amphitheater, in welchen zahllose Feste, besonders zu Ehren Minervas, gefeiert wurden.
An Ausdehnung und Mannigfaltigkeit der Bauten wurde diese Villenanlage Domitians noch weit durch die gewaltige, einen Umfang von 12 römischen Meilen aufweisende Villa Hadrians in Tibur überboten, deren großer künstlicher See vorhin erwähnt wurde. In seinem Landsitze, an dem er vom Jahre 118 bis zu seinem Tode 138 bauen ließ, suchte er die Erinnerungen seines rastlosen Wanderlebens durch die herrlichen Schöpfungen der griechischen Welt festzuhalten. Zwischen prächtigen Gartenanlagen erhoben sich über das Areal zerstreut zwischen Bergen und Tälern mit Wäldern, Wasserfällen und Grotten ein Hippodrom und ein Theater, eine griechische und eine lateinische Bibliothek. Großartige Prunksäle für festliche Empfänge wechselten mit einfacheren Bauten des täglichen Lebens, durch den erfreuenden Ausblick in mannigfache Gärten belebt. Im Hintergrunde scheinen die beiden berühmten Stätten attischer Philosophie, das Lykeion und die Akademie gelegen zu haben, schattige Haine mit Ruheplätzen, der Erinnerung an die großen Meister geweiht. Von ihnen gelangte man zu einem Prytaneion, einem kleinen Kuppelbau, das Solons alten Bau auf dem Markte in Athen wiederholte. In gleich spielendem Sinne hieß ein Bau die Poikile wie das athenische Vorbild, das nach den farbigen Wandgemälden die „Bunte“ hieß und vermutlich eine Gemäldesammlung barg. Zwischen ihnen lag die Canopus genannte Anlage, wo sich der Kaiser in den Frohsinn des namentlich von den lebenslustigen Griechen aus Alexandreia besuchten ägyptischen Badeortes zurückversetzen konnte bei dem Anblick eines mit ägyptischen Denkmälern geschmückten Wasserlaufs. An einer andern Stelle war das den Musen geweihte idyllische Tempetal -- eine Nachahmung des thrakischen Vorbildes --, dann der heitere Hain des Elysiums neben dem düstern der Unterwelt zu sehen. Dazwischen sprangen wundervolle Wasserwerke, die von Flußläufen aus dem nahen Sabinergebirge gespeist wurden und den Kaiser, den Segner der griechischen Welt, der mit beispielloser Freigebigkeit den Griechenstädten Wasserleitungen und Wasserwerke wunderbarster Art erbaut hatte, an seine Tätigkeit als Kulturbringer im Osten des Reiches erinnern sollten.
Einen schwachen Abglanz dieser altrömischen Kaiserherrlichkeiten bewahrte das die Ansprüche des Imperiums an sich reißende Byzanz, bis auch dieses in greisenhafter Entartung dahinzuwelken begann. Nach dem endlichen Untergange der Weltherrschaft Roms verschwand in den Wirren und der Not der Zeit allmählich alle diese bis dahin beispiellose Pracht im Abendlande, wo die durch die Völkerwanderung mobil gewordenen Barbarenstämme die Schöpfungen der Römer wohl anstaunten, aber kein Verständnis für sie hatten, geschweige denn sie mit Sachverständnis übernehmen und weiterbilden konnten. Die politischen und zugleich auch geistigen Erben der Römer waren zunächst die Araber, denen im Laufe des frühen Mittelalters der größte Teil des römischen Weltreiches, nämlich Vorderasien, Afrika, Südspanien und Sizilien, zufiel. Aus den einstigen umherschweifenden Hirtenstämmen waren seßhafte Stadtbewohner geworden, die in den von ihnen eroberten alten Kulturländern die feinere Lebensführung der unterjochten Völker verständnisvoll übernahmen und ihren persönlichen Bedürfnissen anpaßten. So wurden die Villen und Gärten ihrer Vorgänger, die sie überall auf ihrem Siegeszuge vorfanden, für sie Vorbilder, nach denen sie ihre Städte mit einem Kranze üppiger Gärten umgaben, wie sie heute noch beispielsweise die Stadt Damaskus aufweist, eingeschlossen von hohen Mauern, wie es die Abgeschlossenheit des häuslichen Lebens ihrer Bewohner verlangte. Es waren regelmäßige Anlagen, mit breiten, geraden Hauptwegen und rechteckigen Feldern, auf denen im bunten Wechsel ein reicher Blumenflor mit lauschigen Plätzen von Schattenbäumen und farbigen Kiosken sich fanden. Auf abschüssigem Boden senkte sich der Garten in Terrassen, die mit Treppengängen verbunden waren. Mit raffiniertem Geschick war die Bewässerung, namentlich in wasserarmen Gegenden, durchgeführt. Offene Kanäle und unterirdisch geführte Ton- oder Kupferröhren durchzogen den Boden, jeden der Bäume des Gartens besonders speisend. Unter diesen spielte naturgemäß die Dattelpalme aus alter Anhänglichkeit die größte Rolle.