Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte

Part 1

Chapter 12,303 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird. Fremdwörter und Transliterationen (vorwiegend aus dem Griechischen) wurden weder korrigiert noch vereinheitlicht.

Einige Bildtafeln enthalten mehrere Abbildungen. Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels gesetzt.

Die gedruckte Fassung wurde in einer Frakturschrift gesetzt, in der die Großbuchstaben I und J identisch sind; die Auswahl in der vorliegenden Ausgabe erfolgte daher mitunter willkürlich. Im Sachregister wird nunmehr zwischen den Begriffen mit den Anfangsbuchstaben I und J unterschieden, was im Original nicht möglich war.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

Das Caretsymbol (^) steht für nachfolgende hochgestellte Zeichen, welche von geschweiften Klammern umschlossen werden.

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Kulturgeschichte der Nutzpflanzen

2. Hälfte

Die Erde und die Kultur

Die Eroberung und Nutzbarmachung der Erde durch den Menschen

In Verbindung mit Fachgelehrten gemeinverständlich dargestellt von

~Dr.~ Ludwig Reinhardt

Bd. IV in zwei Teilen

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen

München 1911

+Verlag von Ernst Reinhardt+

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen

von

~Dr.~ Ludwig Reinhardt

Band IV, 2. Hälfte

Mit 35 Abbildungen im Text und 76 Kunstdrucktafeln

München 1911

+Verlag von Ernst Reinhardt+

Alle Rechte vorbehalten

Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.

Inhalt der zweiten Hälfte.

Seite

19. Die Futterpflanzen 1

20. Die Faserpflanzen 32

21. Die Baumwolle 93

22. Die Farb- und Gerbstoffpflanzen 113

23. Der Kautschuk und die Guttapercha 162

24. Die Harze und Lacke 186

25. Die duftenden Pflanzenharze 210

26. Die pflanzlichen Wohlgerüche 239

27. Die Arzneipflanzen 263

28. Die Geschichte des Ziergartens 381

29. Die Zierblumen 425

30. Die Zierbäume und Ziersträucher 567

31. Die Nutzhölzer 652

32. Die nützlichen Wüstenpflanzen 728

33. Die Feinde der Kulturgewächse 743

Tafelverzeichnis des ersten Bandes.

Tafel Seite

1. Getreidearten 16

2. Alter Pflug; Die Entwicklung des Pfluges 16

3. Dreschen in Galiläa 16

4. Dampfdreschmaschine 16

5. Dampfpflug 32

6. Dampfpflug 32

7. Mohrenhirse; Buchweizen 48

8. Reisfeld 48

9. Singhalesen beim Pflügen 56

10. Reisfelder; Pflanzen des Reises 56

11. Entkernen des Reises; Dreschen des Reises 56

12. Singhalesinnen b. Reisstampfen 56

13. Maisscheune der Zulu 64

14. Maismühle der Zulu 64

15. Längsspalier von Birnen 81

16. Kreuzspalier von Birnen 81

17. Blühende Mandelbäume; Traubenernte 81

18. Konservenfabrik Lenzburg 81

19. Maulbeerbäume; uralter Feigenbaum 129

20. Alter Ölbaumhain in Arco 129

21. Ölbaum in Antibes 152

22. Olivenhain auf Capri; Dattelpalmen am Nil 152

23. Dattelpalmen in Algier; Dattelernte in Algerien 168

24. Kokospalme in Westafrika 168

25. Ölpalme; Zuckerpalme 176

26. Kokospalmen; verschiedene Palmen 176

27. Arekanüsse; Sagopalmen 176

28. Auf Arekapalmen kletternde Inder 176

29. Talipotpalme 185

30. Seychellenpalme; Victoria Regia 185

31. Fächerpalme 192

32. Bananenhain; Verladung von Bananen 192

33. Mangobaum 201

34. Brotfruchtbaum; Brotfrucht 201

35. Zweig der Brotfrucht 201

36. Baobab; Malaienwohnung 201

37. Kolabäume 208

38. Durian; Mangostane 208

39. Tamarindenallee; Ananas 208

40. Melonenbaum 208

41. Tropisches Gewächshaus 216

42. Fruchtladen auf Ceylon; Fruchtladen in Südindien 216

43. Kastanienbäume; Alter Feigenbaum 232

44. Johannisbrotbaum; Zitronenhain in Salo 232

45. Japanische Küche 289

46. Japanischer Gemüsehändler 289

47. Artischockenpflanzung; Wassermelonen 337

48. Kürbisbaum 337

49. Japanische Bäuerin; Japanischer Bauer 352

50. Maniokpflanzung; Papyrusdickicht 352

51. Fufustampfen auf d. Goldküste; Yamsknollen auf Jamaika 368

52. Yamsknollen; Frauen in Bonaberi 368

53. Champignonkultur bei Paris; Champignonernte 392

54. Verarbeitung von Champignons 392

55. Szenerie aus dem Urwald; Schibutterbäume 416

56. Karnaubapalme; Rizinuspflanzung 416

57. Wildes Zuckerrohr 441

58. Zuckerrohrernte; Zuckerrohrernte 441

59. Liberiakaffee 465

60. Liberiakaffee 465

61. Pflücken der Teeblätter 480

62. Pflücken der Teeblätter 480

63. Singhalesinnen Tee verlesend 480

64. Trocknen der Teeblätter 480

65. Teestrauch 489

66. Mateernte 489

67. Kakaosaatbeete 512

68. Junge Kakaopflanzung 512

69. Kakaoernte 512

70. Kakaobaum; Vanillestrauch 512

71. Vanillepflanzung 520

72. Pfefferrebe 520

73. Wilder Hopfen; Hopfengarten 545

74. Hopfenpflücker; gedörrter Hopfen 545

75. Zimtbaum; Schälen des Zimtrohrs 577

76. Muskatnüsse; Gewürznelkenbäume 577

77. Hydraulische Kelter; Moderne Weinfässer 625

78. Faune nach Rubens; Champagnerkellerei 625

79. Pulquegewinnung; Kokapflanze 640

80. Opiumraucher; Opuntie 640

81. Blühender Tabak 672

82. Anlage einer Tabakpflanzung 672

83. Trockenscheune in einer Pflanzung 672

84. Reifer Tabak; Trockenscheune (Inneres) 672

85. Sortieren der Tabakblätter 680

86. Fermentieren der Tabakblätter; Zigarettenfabrik 680

87. Knetmaschinen 697

88. Moderner Backraum 697

89. Malztenne der Löwenbrauerei; Sudhaus der Löwenbrauerei 705

90. Gärkeller der Löwenbrauerei; Lagerkeller der Löwenbrauerei 705

91. Hofbräuhaus (außen) 705

92. Hofbräuhaus (innen) 705

Tafelverzeichnis des zweiten Bandes.

93. Künstliche Düngung 16

94. Kuhweide 16

95. Manilahanf; Manilahanf zum Trocknen 56

96. Sisalagaven 56

97. Pineta; Papyrus 74

98. Kapokbaum 74

99. Produkte der Kokospalme 88

100. Bambus 88

101. Riesenbambus 88

102. Rotangpalme 88

103. Baumwollpflanzung 96

104. Baumwollspinnerin; Mexikanischer Seildreher 96

105. Blauholzbaum; Rotholzbaum 128

106. Mangroven 128

107. ~Hevea~; Einschneiden ders. 168

108. Anzapfen von Kautschukbäumen; Räuchern v. Kautschuk 168

109. Indischer Gummibaum 176

110. ~Kixia elastica; Castilloa elastica~ 176

111. Gummiwarenfabrik 176

112. Guttaperchafiguren; Guttaperchabäume 176

113. Rohterpentin; Destillation 192

114. Kaurifichte; Kopalbäume 192

115. Indischer Feigenbaum; japanische Lackarbeiter 208

116. Fruchtschale 208

117. Der el Bahri; Weihrauchbaum 224

118. Orangenblüten; Jasmin 224

119. Tuberosen; Rosenernte 248

120. Rosen; Rosendestillation 248

121. Schimmel & Co. 248

122. Schimmel & Co. 248

123. Lavendelöl 256

124. Lavendelöldestillation 256

125. Baldrian; Arnica 288

126. Tollkirsche; Rizinus 288

127. Süßholz; Rhabarber 320

128. Gummi; Anschlagen 320

129. Guajakholz; Botan. Garten 336

130. Kampfer; Stinkasantbaum 336

131. Chinabäume 352

132. Kusso; Chinabaum 352

133. Japanischer Tempelgarten; römischer Hausgarten 400

134. Quirinal 400

135. Villa d’Este 400

136. Linderhof 400

137. Rundtempel 416

138. Chinesischer Turm 416

139. Wasserfälle 416

140. Tempelteich 416

141. Wasserrose; Rosenstock 464

142. Tulpenpflanzung; Hyazinthen 464

143. Schwertlilien; Chrysanthemen 488

144. Glyzine; japanische Sänfte 488

145. Orchideen 496

146. Blumenstand 496

147. Nutz- und Ziergarten 512

148. Arbeiterwohnhaus-Garten 512

149. Blumengarten 512

150. Nutz- und Ziergarten 512

151. Eibenzypresse 576

152. Alte Eibe 576

153. Zypressen; Hain von Steineichen 576

154. Pyramidenpappeln 576

155. Johannisbeer-Anpflanzung 648

156. Zierbäume und Sträucher 648

157. Libanon-Zedern; Mammutkiefer 672

158. Querschnitt d. Mammutkiefer 672

159. Korkeiche 688

160. Waldstudie 688

161. Nadelholzwälder a. d. Isar 688

162. Holzflößerei 688

163. Lindenallee 721

164. Gefällter Mahagonibaum 721

165. Eisenholzbäume; junger Tiekbaum 721

166. Kohlenmeiler; Torfstich 721

167. Säulenkaktus 729

168. Kakteenlandschaft; Säulenkaktus 729

XIX.

Die Futterpflanzen.

Als die Germanen in das Licht der Geschichte traten, waren sie noch kein ausgesprochen Ackerbau treibendes Volk, wie dies erst seit dem Mittelalter der Fall ist, sondern Jagd und Viehzucht waren ihre Hauptnahrungsquellen, neben denen der Pflanzenbau eine sehr bescheidene Stelle einnahm. Persönliches Grundeigentum gab es bei ihnen noch nicht, das Land gehörte vielmehr der Gesamtheit der Gaugenossen. Jede Sippe erhielt ein Stück davon auf ein Jahr zur Bebauung zugewiesen, und dieses wurde nun von den Frauen behackt und mit allerlei Nährfrüchten wie Hafer, Gerste, Einkorn und etwas Flachs bepflanzt. Soweit Männer zu solcher in ihren Augen erniedrigenden Arbeit zugezogen wurden, waren es Kriegsgefangene, die man am Leben ließ, um sie als eine Art Arbeitstiere zu verwenden. Die Freien trieben Viehzucht, soweit nicht die leidenschaftlich gerne getriebene Jagd und der Krieg mit den Nachbarstämmen, der mit Vorliebe in Form von Raubzügen ausgeübt wurde, ihre Zeit in Anspruch nahm. Irgend welche schwere Arbeit war ihnen zuwider, und wenn sie es irgendwie vermochten, lagen sie zu Hause miteinander plaudernd auf den Bärenfellen und überließen die Sorge für Haus, Herd und Land den Frauen und Hörigen, welch letzteren naturgemäß alle schwere Arbeit zufiel. Die bescheidenen Hütten mit aus Lehm verstrichenem Flechtwerk, die zu errichten ebenfalls den Weibern oblag, wurden häufig gewechselt, um neue Weideplätze und fruchtbaren, jungfräulichen Boden aufzusuchen. Düngung des Bodens war noch unbekannt; daher wurde neuer Boden durch Abbrennen des darauf wachsenden Gehölzes urbar gemacht, sobald das zuerst umgebrochene Ackerland an Fruchtbarkeit nachließ.

Dieser halbnomadische Wirtschaftsbetrieb der alten Germanen wich erst dann einer größere Ansässigkeit bedingenden Feldwirtschaft, als sich der Strom der unruhig wandernden Stämme derselben an dem mit dem berühmten Wall und Pfahlgraben, dem ~limes romanus~, umgebenen und von römisch-gallischen Ansiedlern bewohnten Dekumatenland brach und die nimmer Rastenden zwang, feste Wohnsitze einzunehmen. Ein Ausweichen nach Norden und Osten gab es nicht mehr; denn verwandte Stämme saßen schon hier, und von rückwärts drohten die nachdrängenden Slawen. Der Not gehorchend und nicht dem eigenen Trieb mußten die Germanenstämme ihr Wanderleben aufgeben, um sich durch einen geregelteren Ackerbaubetrieb neue und reichere Quellen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu erschließen; denn die Zahl des Volkes wuchs, die Jagd auf den beschränkten, zur Verfügung stehenden Gebieten wurde weniger einträglich, und zur Gewinnung der nötigen Nahrungsmittel mußte eine intensivere Feldbebauung, welche mehr und mehr auch die Kräfte der freien Männer in Anspruch nahm, eingeführt werden.

Die Anleitung zu rationellerem Pflanzenbau und neue Kulturgewächse erhielten die an den ~limes~ angrenzenden Stämme begreiflicherweise zuerst von den auf höherer Wirtschaftsstufe stehenden Ansiedlern des Dekumatenlandes. Zwischen den neuen Nachbarn entwickelte sich bald ein reger Verkehr, der sich während eines zweihundertjährigen Friedens immer lebhafter gestaltete, bis die Völkerwanderung mit ihren zahllosen gewaltigen Kämpfen längere Zeit anhaltende Völkerverschiebungen bewirkte. Als diese dann ausgetobt hatte, waren die einst so wanderlustigen Stämme teils aufgerieben, teils von den fremden Völkern, mit denen sie sich mischten, absorbiert und ihrem Volkstum angepaßt, teils auch durch die starke Beeinflussung des an Kultur weit höher stehenden Römertums für eine ansässige, sich vorzugsweise auf den Landbau stützende Lebensweise gewonnen.

Schon zur Zeit des römischen Geschichtschreibers Cornelius Tacitus (54-118 n. Chr.), der uns die erste ausführlichere Schilderung von der Lebensweise und den Anschauungen der Germanenstämme gab, begann in Germanien das Bedürfnis nach fester Ansiedelung sich in weiteren Kreisen geltend zu machen. Jede Sippe besaß damals bereits einen Anteil an Wald, Wiese und Ackerland als Sondereigentum, woneben der gemeinschaftliche Flurbesitz der gemeinen Mark oder Allmende weiter bestehen blieb. Hofstätte und Anrecht an Ackerland und Allmende wurden zusammen mit dem Ausdruck Hufe oder Hub benannt. Die damalige Betriebsform war die Feldgraswirtschaft, wobei jedes Stück Land nur ein Jahr bepflanzt wurde, um dann mehrere Jahre hindurch als Wiese oder Weide brach zu liegen. Damals war die Viehzucht noch viel wichtiger als der Ackerbau, der noch sehr primitiv mit dürftigem Ackergerät ausgeübt wurde.

Einen entschiedenen Fortschritt brachte die zu Beginn des Mittelalters aufkommende, wahrscheinlich von den Römern übernommene Dreifelderwirtschaft, die sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in fast unveränderter Form erhielt. Sie bestand darin, daß man ein Drittel des Ackerlandes brach liegen ließ, damit sich der Boden erhole und durch das Hineinhacken oder -pflügen des auf ihm gewachsenen Unkrautes, soweit es nicht vom Vieh abgeweidet wurde, gedüngt werde. Das zweite Drittel wurde mit Wintergetreide und das letzte Drittel mit Sommerfrucht bepflanzt. Dieser Wechsel von Winter- und Sommergetreide gestattete die Feldarbeiten besser über das Jahr zu verteilen. Besondere Verdienste um die Verbreitung dieser neuen Betriebsweise erwarb sich Karl der Große, der in seinen Verordnungen über die Bewirtschaftung der königlichen Domänen seinen Beamten genaue Vorschriften machte, immer mit dem Zweck, seine musterhaft geleiteten Güter möchten den bäuerlichen Betrieben als Vorbild zur Nacheiferung dienen. Seinem guten Beispiel sind nachher vor allem die Klöster mit ihren klugen und umsichtigen Mönchen gefolgt und haben damit viel zur Hebung der Landwirtschaft beigetragen. Auch ihre Güter lieferten den umliegenden Bezirken ein nachahmenswertes Beispiel. Besonders aber beförderten die Klöster den Garten-, Obst- und Weinbau, die vornehmlich persönliche Sorgfalt lohnten. Selbst die um das 10. Jahrhundert einsetzende Städtegründung hatte einen fördernden Einfluß auf die Landwirtschaft; denn die hinter Mauern Schutz suchenden Bürger blieben, soweit sie sich nicht einem besonderen Handwerk zuwandten, Bauern, und ihr außerhalb der Ringmauern gelegener Besitz erfreute sich bald einer hohen Kultur, die wiederum hauptsächlich dem Garten- und Obstbau zugute kam.

Dadurch, daß alle Brach-, Winter- und Sommerfelder auf je einer zusammenhängenden Fläche lagen, die zunächst noch Eigentum der Markgenossenschaft blieb und erst nach und nach in den Besitz von einzelnen Familien überging, bestand ein gewisser Flurzwang, indem die Arbeit von allen Genossen, die ein bestimmtes Stück Land zur Bebauung erhalten hatten, gleichzeitig ausgeführt werden mußte. Ebenso nachteilig auf die Entwicklung der Landwirtschaft wie dieser Flurzwang wirkten auch die sozialpolitischen Verhältnisse, vor allem die zahlreichen, alle Kultur zerstörenden und keinen rechten Fortschritt aufkommen lassenden Kriege und Fehden der Machthaber untereinander, unter denen die Bauern in erster Linie zu leiden hatten, und der sich immer mehr ausbildende Gegensatz zwischen Privat- und Gemeindebesitz. Durch ausgiebige Belehnung von seiten der Könige für geleistete Dienste gelangte einerseits der Adel, und durch reiche Schenkungen der um ihr Seelenheil besorgten Begüterten die Kirche zu ausgedehntem Landbesitz, während das Bauerntum seit den Staufenkaisern mehr und mehr verarmte. Die durch diese ungünstigen Verhältnisse genährte allgemeine Unzufriedenheit der Landbevölkerung machte sich beim Erwachen der Geister zur Reformationszeit in den verschiedenen Bauernaufständen Luft; doch half ihr diese Auflehnung, die von den Herren aufs blutigste geahndet wurde, nicht nur nichts, sondern verschlimmerte noch wesentlich ihre Lage. Diese wurde im Laufe des 30jährigen Krieges geradezu trostlos. Nicht nur wurde die Bauernschaft um alle Habe gebracht und ihr Zug- und Nutzvieh fast ganz vernichtet, sondern in der allgemeinen Unsicherheit auch die Äcker nicht mehr bepflanzt, da keine Saat mehr vorhanden war oder das Zugvieh fehlte und die endlosen Beraubungen den Leuten allen Mut zur Bestellung ihrer Felder nahmen. Wozu auch säen, wenn doch nicht zu ernten war! So bedeckte sich die unbebaute Flur weithin mit Gestrüpp, die Wiesen verschlammten, Haus und Hof wurden zerstört oder verfielen, weil die Bewohner getötet oder in völliger Verarmung verzogen waren. Zahlreiche einst betriebsame Ortschaften verschwanden vom Erdboden, ihr einstiges Dasein nur noch in gewissen Flurbezeichnungen zurücklassend. Dafür hausten Tausende heimatlos Gewordener in Wald und Einöde. Und wer dem allgemeinen Elend der Zeit trotzte und auf der elterlichen Scholle ausharrte, der gewöhnte sich an elende Wohnung, dürftige Nahrung und schlechte Behandlung, verlor allen Lebensmut, allen Drang zur Arbeit, die ja doch nicht lohnte, nahm von der zügellosen Soldateska, mit der er verkehrte, rohe Sitten und gewalttätiges Wesen an. Die Folge war, daß die Bauern von den Grundherren immer mehr verachtet und bedrückt, ja vielfach bis zur Leibeigenschaft herabgewürdigt wurden.