Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 1. Hälfte
Part 9
Der Kulturapfel, von dem heute über 600 verschiedene Arten bekannt sind, bildet in seiner ältesten Heimat Westasien gelegentlich kleine Wälder. Diese erstrecken sich nördlich von Kleinasien bis nach Zentralasien hinein. Er gedeiht nur in einem mäßig warmen Klima und konnte deshalb nicht allzuweit südlich vordringen. In kühleren Lagen Syriens gedeiht er noch, aber kaum mehr in Ägypten. So hat er im Lande der Pharaonen keinerlei Rolle gespielt und findet sich nirgends unter den Obstarten abgebildet, auch haben sich keinerlei Überreste von ihm in Gräbern gefunden. In den Hieroglyphentexten kommt nun einige Male das Wort ~dappich~ für eine Frucht vor, die man nur als Apfel deuten kann, um so mehr als der Apfel im Hebräischen ~tappuch~ und im Arabischen ~taffach~ heißt. Nun muß der Apfelbaum zur Zeit der 19. Dynastie (1350-1205 v. Chr.), also im neuen Reiche von Syrien her nach Ägypten eingeführt worden sein; denn Tempelinschriften in Theben tun uns kund, daß König Ramses II. (1292-1225), dessen wohlerhaltene Mumie sich im Museum von Bulak bei Kairo befindet, Apfelbäume in seinen Gärten im Delta pflanzen ließ. Und noch von Ramses III. der 20. Dynastie (1198-1167 v. Chr.) erfahren wir, daß er den Priestern des großen Ammontempels in Theben nicht weniger als 848 Körbe voll Äpfel als Opfergabe überreichen ließ. Aber was die königlichen Gärtner zustande brachten, das konnte nicht dem gemeinen Volke gelingen. Und so blieb der Apfelbaum dem ägyptischen Volke bis auf den heutigen Tag ein Fremdling, da er dort infolge der andauernden übergroßen Wärme keine Früchte mehr zeitigt.
Aus denselben Gründen ist der Apfelbaum auch den Bewohnern Palästinas mehr oder weniger fremd geblieben. Auch dort scheint er früher, so lange das Klima infolge der reicheren Bewaldung kühler war, in den höheren Lagen gut gediehen und auch Frucht getragen zu haben, wie wir verschiedenen Stellen des Alten Testaments entnehmen können. Aber mit dem Wärmer- und Trockenerwerden des Klimas war sein Schicksal in diesem Lande besiegelt. Dagegen sagten ihm die klimatischen Verhältnisse des gebirgigen Armenien und Kleinasien gut zu und so gedieh er hier vortrefflich und verbreitete sich über das ganze Land. Von Kleinasien her gelangte er schon gegen das Ende des vorletzten Jahrtausends v. Chr. nach Griechenland, wo er ziemlich viel kultiviert wurde. Nicht bloß in den homerischen Epen wird er erwähnt, sondern seine als ~mḗlon~ bezeichnete Frucht spielt auch im Mythos eine gewisse Rolle. So galt der aus dem Orient -- angeblich Indien -- über Kleinasien nach Griechenland gekommene Gott des Natursegens, Dionysos, wie als Schöpfer des Weinstocks, so auch als derjenige des Apfelbaums, den er der Liebesgöttin Aphrodite schenkte. Dadurch wurde der Apfel zum Sinnbilde der Liebe. Aphrodite ihrerseits schenkte drei goldene Äpfel dem Hippomenes, mit denen dieser die schnellfüßige Atalante zum Weibe gewann. Eris aber erregte durch den goldenen Apfel, den sie an der Hochzeit des Peleus und der Thetis unter die Gäste warf, die Eifersucht der drei ersten Göttinnen, woher der Ausdruck Erisapfel im Sinne von Zankapfel stammt. Eine ähnliche Rolle spielte der Apfel in der bekannten Geschichte, in welcher Paris, der Sohn des trojanischen Königs Priamos, unter denselben drei Göttinnen die Wahl zu treffen hatte und ihn als Siegespreis der Schönsten derselben, Aphrodite, darbot. Die goldenen Äpfel der Hesperiden aber hatte Gäa, die Mutter Erde, der Hera bei der Vermählung derselben mit Zeus als Symbol der Fruchtbarkeit geschenkt. Herakles holte sie im Lande der Hyperboräer, wo sie von drei der Hesperiden und vom hundertköpfigen Drachen Ladon bewacht wurden.
Eine noch weitere Verbreitung als bei den Griechen fand die Kultur des Apfelbaums bei den Römern, die die Frucht in Anlehnung an das griechische ~mḗlon malum~ nannten. Schon der ältere Cato (234-149 v. Chr.) meldet uns in seiner Schrift über den Landbau, daß die Apfelbäume in Pflanzschulen gesät und später gepfropft würden. Um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts sagt der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Es gibt sehr viele Sorten Äpfel, die man alle mit verschiedenen Namen bezeichnet, und manche haben den Mann, der sie erzeugte, andere ihre Heimat berühmt gemacht. Die sogenannten appianischen Äpfel hat ein Mann namens Appius, aus der Familie des Appius Claudius (der 312 v. Chr. Zensor war und die berühmte, von Rom nach Capua führende, später bis Brundisium, dem heutigen Brindisi, verlängerte, nach ihm benannte Straße anlegte) dadurch erzeugt, daß er Äpfel auf Quittenstämme pfropfte. Sie haben den Geruch der Quitten. Es gibt auch Äpfel, die blutrot sind, was davon herrührt, daß sie auf einen Maulbeerstamm gepfropft wurden. (Natürlich sind diese Erklärungen falsch.) Im allgemeinen röten sich die Äpfel auf der Sonnenseite. Aus allen Apfelsorten bereitet man Wein. Die wilden Äpfel haben einen sauern Geschmack und jeder saure Apfel ist imstande, durch seine Säure die Schärfe eines Schwertes stumpf zu machen.“
Auch sein Zeitgenosse, der aus Spanien nach Rom gekommene Ackerbauschriftsteller Columella sagt: „Es gibt sehr verschiedene Sorten Äpfel; sie schmecken gut und befördern die Gesundheit.“ Und der aus Pergamon gebürtige griechische Arzt Claudios Galenos (131-200 n. Chr.) meint: „Unreife Äpfel sind zwar durchaus schädlich, reife dagegen roh, gebraten und gekocht sehr gesund.“ Sie wurden gerne als Wintervorrat aufbewahrt. Wie man dies zu tun habe, darüber schreibt der überaus gelehrte und fruchtbare römische Schriftsteller Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.) in seiner Schrift über den Landbau: „Die dauerhaften Apfelsorten wie beide Quittensorten (die Birnen- und Apfelquitten) müssen an einem trockenen, kühlen Orte auf Spreu liegend aufbewahrt werden. Beim Bau der Obstkammer (~oporotheca~, von den Griechen entlehnt) muß von vornherein dafür besorgt sein, daß ihre Fenster nach Norden stehen und daß der (kühle) Nordwind Einlaß habe; jedoch müssen die Fenster für gewöhnlich mit Läden geschlossen sein, weil allzuviel Wind das Obst austrocknet und welk macht. Man gibt auch der Decke, den Wänden, dem Boden einen marmorartigen Überzug (von Stuck), damit sie desto kühler sind. Manche richten die Obstkammer so ein, daß sie darin speisen, und sich dabei an der Pracht der dort lagernden Früchte ergötzen können. Es gibt freilich Leute in Rom, die das Obst kaufen, statt es selbst zu ziehen, und schmücken damit ihre Obstkammer; das sollte man nicht nachahmen. Die Äpfel legt man in der Obstkammer auf Bretter oder auf Stroh oder auf Wollflocken, die Granatäpfel in Fässer, die mit Sand gefüllt sind, die Quitten werden schwebend aufgehängt, Birnen werden in (durch Kochen) eingedickten Weinmost gelegt; Spierlingsfrüchte (+sorbum+ von ~Sorbus domestica~) und Birnen werden auch zerschnitten und an der Sonne getrocknet, die ersteren halten sich auch an jedem trockenen Orte lange frisch. Rüben werden in Senf, Walnüsse in Sand gelegt.“
Der ältere Cato (234-149 v. Chr.) verlangt von der Wirtschafterin, die das Hauswesen im Landhause (~villa~) besorgt und für alle Bewohner derselben kocht, sie müsse viele Hühner und Eier im Vorrat halten. „Ferner muß sie getrocknete Birnen, Spierlingsfrüchte, Feigen, getrocknete Weinbeeren, in eingedicktem Most liegende Spierlingsfrüchte, auch Birnen und Trauben in Fässern, ebenso Quitten vorrätig haben. Sie muß Trauben haben, die in Weinmost, in Krügen und in der Erde aufbewahrt werden. Außerdem muß sie frische pränestische Nüsse im Krug unter der Erde, scantianische Äpfel in Fässern und andere Obstarten, die man aufzubewahren pflegt, auch wilde, haben.“ Außerdem verlangt er von ihr, sie müsse die Kunst Mehl und Schrot, die damals noch von jeder Haushaltung selbst hergestellt wurden, zu machen verstehen, dürfe keine Schwätzerin sein und sich mit den Nachbarinnen umhertreiben, auch ohne Befehl des Hausherrn oder der Hausfrau nicht opfern, solle reinlich sein und auch die Villa rein halten, täglich, bevor sie zu Bett gehe, den Herd reinigen, an Festen den Herd bekränzen und an diesen Tagen dem Hausgotte opfern.
Von den in der späteren Kaiserzeit unterschiedenen 29 Äpfelsorten gediehen die berühmtesten bei der Stadt Abella in Kampanien, die jedenfalls hier eine sehr alte, schon von den Kelten betriebene Äpfelkultur besaß; denn ihren Namen wird sie von der keltischen Bezeichnung ~aball~ für Äpfel erhalten haben. Der römische Ackerbauschriftsteller Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. sagt von den Apfelbäumen: „Es gibt deren viele Sorten, und es wäre zu weitläufig, sie aufzuzählen. Sie lieben einen kräftigen, fetten Boden, der nicht durch Bewässerung, sondern von Natur feucht ist; besteht er aber aus trockenem Sand oder Ton, so tut die Bewässerung gut. An kalten Orten setzt man sie auf die Südseite der Berge. Man braucht die Erde um sie weder durch Ackern, noch durch Graben aufzulockern; daher passen sie gut auf Wiesen. Mist verlangen sie zwar nicht, nehmen ihn aber gerne an, auch kann er mit Asche gemischt sein. Beim Beschneiden nimmt man am besten nur was trocken oder falsch gewachsen ist weg. Der Apfelbaum dauert nicht so viele Jahre wie der Birnbaum. Läßt er seine Äpfel vor der Zeit der Reife fallen, so spaltet man eine Wurzel und keilt einen Stein in den Spalt (natürlich ist dies Unsinn). Hängen die Äpfel in zu großer Zahl am Baum, so nimmt man die schlechtesten weg (damit sich die anderen umso schöner entwickeln). Die Zeit der Veredlung ist der Februar und März. Apfelreiser gedeihen auf Apfel- und Birnbäumen, Weißdorn, Pflaume, Spierling, Pfirsich, Platane, Pappel, Weide. -- Die Äpfel, welche aufbewahrt werden sollen, müssen sorgfältig ausgelesen werden. Man legt sie an einem dunkeln, windfreien Orte in abgesonderten Haufen auf Stroh und teilt die Haufen oft. Manche schließen sie auch in ausgepichte große Tonkrüge, deren Deckel mit Gips verstrichen wird, oder hüllen sie in Ton oder bestreichen nur die Stiele mit Ton, oder legen sie auf Hürden, die mit Spreu belegt sind, oder decken sie von oben mit Stroh. Die sogenannten Kugeläpfel kann man ohne weiteres ein ganzes Jahr aufbewahren. Manche Leute senken auch die in gut ausgepichten und verpichten Gefäßen befindlichen Äpfel unter Wasser. Andere nehmen die Äpfel einzeln vom Baum, tauchen ihre Stiele in siedendes Pech, legen sie reihenweise auf die Gestelle und decken sie mit Nußblättern. Viele legen sie zwischen Sägespäne von Pappel- oder Tannenholz. Es ist bekannt, daß man die Äpfel so legen muß, daß der Stiel unten ist, und daß man sie nicht eher anrühren darf, als bis man sie braucht. Auch Wein und Essig wird aus Äpfeln wie Birnen gemacht.“
Die von ihnen in Italien angepflanzten besseren Äpfelsorten brachten die Römer mit den übrigen von ihnen verbreiteten Obstsorten auch über die Alpen nach Gallien und Germanien. Hier gab es zwar bereits kultivierte Äpfel, aber doch noch nicht so feine Arten, wie sie die Römer aus Italien mitbrachten, auch kannte man noch nicht die von jenen geübten Methoden der Veredelung des Obstes durch Pfropfen. In allen von den Römern beeinflußten romanischen und germanischen Sprachen führen sowohl die Obstarten als auch die Ausdrücke für ihre Veredelung (wie impfen, aus dem lateinischen ~impu(t)are~) ausnahmslos Namen, die aus dem Lateinischen entlehnt sind. Nur +ein+ Obstname, nämlich derjenige des Apfels, ist in den Sprachen Mitteleuropas nicht aus dem Lateinischen entlehnt, sondern altes Erbgut der hier ansässigen Stämme. Er lautet althochdeutsch ~apful~, nordisch ~appel~, urkeltisch ~aball~, altslawisch ~jabluko~. Es ist deshalb anzunehmen, daß der Apfel, die einzige Obstart, für die sich beim Eindringen der römischen Obstkultur in den ersten Jahrhunderten nach Christus der altangestammte Name in Germanien behauptete, hier schon in einer seit der Pfahlbauzeit erhalten gebliebenen kultivierten, wenn auch minderwertigen Art bekannt war, die sich allerdings ganz wesentlich vom römischen Apfel unterschied. Er spielte in der Mythologie der alten Deutschen eine nicht unbedeutende Rolle, indem er nach altgermanischer Vorstellung als Symbol der Mutterbrust und der nährenden Liebe galt. In der nordischen Mythologie sind Äpfel die Speise der Asen, des mächtigsten Göttergeschlechts, das von den Riesen seinen Ursprung nahm. Iduna war ihre Bewahrerin und sie besaßen die Kraft, den zu verjüngen, der sie aß.
Überall da, wo nun die Römer nördlich der Alpen ihre Militärstationen gründeten und Märkte anlegten, machten sie bald auch Versuche mit der Anpflanzung südlicher Obstsorten, die ihnen für ihre gewohnte bessere Lebensführung unentbehrlich waren. So wissen wir aus der Naturgeschichte des älteren Plinius (23-79 n. Chr.), daß die Belgier schon zu seiner Zeit eine besondere kernlose Art von Äpfeln zogen. Im 6. Jahrhundert bedankt sich der romanisierte Franke Venantius Fortunatus bei seinem Freunde und Landsmann Gregor von Tours (eigentlich Georgius Florentius geheißen, um 540 in Clermont-Ferrand geboren, von 573-594 Bischof von Tours) in einem uns erhaltenen poetischen Billett für Äpfel und Apfelpfropfreiser, die dieser ihm gesandt hatte. In Karls des Großen ~Capitulare de villis vel curtis imperii~, d. h. seinen Verordnungen über die Einrichtung und Bewirtschaftung der königlichen Domänen aus dem Jahre 812, durch die er auf sein Volk vorbildlich wirken wollte und die für uns das wichtigste Dokument der frühmittelalterlichen Garten- und Obstkultur sind, werden frühe und späte, säuerliche und süße Sorten, auch Daueräpfel unter den damals gebräuchlichen Bezeichnungen wie Gosmaringer, Geroldinger, Crevedeller und Sperauker genannt. Diese Bezeichnungen stammen meist von Orten Süddeutschlands, wo innerhalb des Dekumatenlandes sehr früh die von den Römern eingeführte Apfelkultur in Blüte kam und wertvolle, aus dem Süden stammende, Sorten kultiviert wurden.
Ein ausgedehnter Raum sollte in den Meierhöfen zum Aufbewahren von Obstsorten verschiedenster Art, besonders von Äpfeln, eingerichtet sein. Als ein Obstgarten erscheint in der altsächsischen Dichtung vom Heliand der Garten Getsemane. In ihm, den man sich möglichst ungepflegt als einen mit Obstbäumen bestandenen Rasenplatz vorzustellen hat, gab die Bauerndirne ihrem Geliebten ein Stelldichein und fanden bei festlichen Anlässen die Lustbarkeiten statt. Den in ihm befindlichen Obstbäumen wurde meist nur geringe oder gar keine Pflege zuteil. Vorbildlich in der Obstkultur gingen vor allem die Klöster den Bauern mit gutem Beispiel voran; denn im frühen Mittelalter waren sie ganz besonders die Heger und Pfleger der von den Römern übernommenen Kulturgüter, und wenn die Mönche auf ihren stetigen Wanderungen eine neue Sorte entdeckten, so brachten sie dieselbe mit in ihr Kloster. Und aus dem Klostergarten gelangten später Pfropfreiser davon in die Gärten der benachbarten Dörfer. So berichtet uns der Geschichtschreiber des Klosters Morimund, daß die Brüder, die auszogen, um eine neue Kolonie zu gründen, Samen und Pflänzlinge von allen Sorten für den Garten des neu zu gründenden Klosters mitnahmen. Die Mönche, welche nach Altenkampen im Kölnischen gingen, nahmen die graue Reinette mit, welche im Bassigny um Morimund häufig war. Von Altenkampen verpflanzten sie andere Mönche desselben Ordens nach Walkenried, von dort nach Pforte, von Pforte nach Leubus in Schlesien, von wo sie sich durch ganz Schlesien verbreitete. So ist auch der Borsdorfer Apfel ein Produkt der Cistersiensermönche von Pforte, den sie mit südländischen Pfropfreisern auf dem für Obst- und Weinpflanzungen besonders geeigneten Ackerhofe zu Borsendorf bei Dornburg an der Saale gezogen hatten. In demselben Pforte wird zuerst im Jahre 1271 ein Obstgärtner als ~magister pomi~ erwähnt. So verbreiteten sich durch die segensreiche Kulturtätigkeit dieser Mönche diese edleren Obstsorten, die sie auch auf die Wildstämme der umliegenden Bauernhöfe pfropften. Bald drang so statt der wilden Kirschen, sauren Holzäpfel und Schlehen wohlschmeckendes Obst als weitergeleitetes altes Erbe des römischen Kulturvolkes auch in die entlegensten Gaue Germaniens vor.
Was seither die vorzugsweise von Laien fortgeführte Veredelung aus dieser westasiatischen Obstart gemacht hat, ist genugsam bekannt, so daß wir nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es genüge, hier zu bemerken, daß nicht nur in ganz Europa, sondern auch in Nordamerika, besonders Kalifornien, die Apfelkultur sich zu ganz außerordentlicher Blüte entfaltet hat, so daß in einem Jahre schon über eine Milliarde Kilogramm frischen Obstes von dort allein nach England eingeführt wurde. Auch getrocknet, mit Zucker als Kompott oder zu Mus eingekocht gelangen die Äpfel heute überall in den Handel, und aus ihnen wird auch an vielen Orten ein angenehm säuerlicher, schwach alkoholhaltiger Trank als sogenannter Äpfelwein hergestellt.
Fast ebenso viele Formen wie von den Kulturäpfeln gibt es von den kultivierten +Birnen+ (~Pirus communis~), deren Stammeltern ebenfalls aus Westasien zu uns gelangten. Besonders waren es die orientalische herzblätterige Birne (~Pirus cordata~) und die persische Birne (~Pirus persica~), die miteinander und später auch mit unserer einheimischen Holzbirne gekreuzt wurden und zu zahlreichen Varietäten Anlaß gaben. Daher kommt es denn auch, daß weder die Äpfel- noch die Birnensorten samenbeständig sind. Durch die Aussaat entstehen fast stets nur Bäume mit ganz minderwertigen Früchten. Um nun die gewünschten edlen Früchte zu erhalten, muß der Wildling veredelt werden, d. h. man schneidet den oberen Teil desselben ab und schiebt in die Wundfläche zwischen Rinde und Holz einen Zweig der guten Sorte, ein „Edelreis“. Nachdem die betreffende Wundstelle gut verbunden und durch Aufstreichen von Baumwachs luftdicht abgeschlossen ist, verwächst der Wildling mit dem Edelreis; jener übernimmt die Ernährung des letzteren, das nun austreibt und eine neue Krone bildet.
Die Kultur der Birne ist wie diejenige des Apfels schon aus klimatischen Gründen Syrien und Ägypten fremd, dagegen in Persien und Armenien eine uralte. Über Kleinasien gelangte sie schon ebensofrüh als diejenige des Apfels nach Griechenland, wo die Birne bei Homer ~ónchnē~, vom großen Pflanzenkundigen Theophrast daneben auch ~ápios~ und bei den Griechen später ausschließlich ~ápios~ genannt wurde. Außer der Insel Thasos war besonders auch der Peloponnes durch den Reichtum an Birnen bekannt. Ja, nach der Angabe des um 200 n. Chr. in Alexandrien lebenden Athenaios führte diese Halbinsel aus diesem Grunde auch den Beinamen Apia, d. h. Birnenland. Nach Italien müssen nach dem Funde des bronzezeitlichen Pfahlbaus von Baradello schon die aus dem Norden des Balkans dahin wandernden Stämme des vorletzten Jahrtausends v. Chr. den Birnbaum gebracht haben. In der Folge nahm sein Anbau in Italien, wo die Birne ~pirum~ genannt wurde, immer größere Ausdehnung an. In seiner Schrift über den Landbau sagt der ältere Cato (234-149 v. Chr.): „Es gibt eine Menge Birnensorten, so die volemische, anicianische, sementivische, tarentinische (von den Griechen aus Tarent übernommen), Most- und Kürbisbirne und andere. Sie werden gepflanzt und gepfropft.“ 200 Jahre später schreibt Plinius in seiner Naturgeschichte: „Es gibt eine sehr große Menge von Birnensorten. Roh sind sie sämtlich selbst für ganz gesunde Leute schwer verdaulich und werden daher Kranken verboten. Auch die Waldbirne wird getrocknet, um sie als Arznei zu gebrauchen.“ Sein Zeitgenosse, der griechische Arzt Dioskurides, meint: „Alle Birnen (~ápios~), und es gibt deren viele Sorten, haben zusammenziehende Kräfte. Verzehrt man rohe Birnen nüchtern, so schaden sie leicht. Aus Birnen macht man Birnenwein, wie man auch welchen aus Quitten, Spierlingen und Johannisbrot macht. Alle diese Weine haben etwas Zusammenziehendes und sind gesund.“ Nach dem ebenfalls um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. lebenden, aus Spanien nach Rom gekommenen Ackerbauschriftsteller Columella wurden aus noch nicht ganz reifen Birnen und Äpfeln an der Sonne gedörrte Schnitze hergestellt, die nebst getrockneten Feigen einen sehr wichtigen Teil der Nahrung der ländlichen Bevölkerung bildeten. Zur Mostgewinnung pflanzte man besondere Mostbirnen, und feinere Birnen wurden in eingekochtem Most konserviert. Palladius im 4. Jahrhundert rät, die Birnbäume 30 Fuß auseinanderzusetzen, die Erde aufzulockern und feucht zu halten, auch einmal jährlich zu düngen. „Zweckmäßiger als aus Samen ist es, sie durch Pfropfen von Wildstämmen zu gewinnen, und zwar pfropft man sie auf wilde Birnbäume, Apfelbäume und, wie einige angeben, auch auf Mandel- und Granatbäume, Quitten und Eschen (griechische Schriftsteller fügen dieser Liste die Maulbeerbäume hinzu und sagen, daß die darauf gewachsenen Birnen rot werden). Will man Birnen lange aufbewahren, so sucht man mit der Hand gepflückte, ganz unbeschädigte, noch nicht völlig reife aus, tut sie in ein ausgepichtes Gefäß, befestigt darauf den Deckel ganz dicht, legt es so um, daß der Deckel nach unten kommt und vergräbt es an einer Stelle, um die jahraus, jahrein Wasser fließt. Man hebt auch Birnen in Spreu und Getreide auf.“
Neben der als ~ápios~ bezeichneten Kulturbirne wurden von den Griechen die als ~áchras~ bezeichneten wilden Birnen gelegentlich noch gesammelt und gegessen. In der Urzeit muß dies eine regelmäßige Nahrung der Griechenstämme gewesen sein, wie das uralte Fest der Achraden bei den Argivern beweist, und wie das aus dem Holz des wilden Birnbaums geschnitzte Herabild zu Tiryns auf den wilden Birnbaum als ersten Nährbaum der Tiryntier hinweist. Je weiter wir in der Menschheitsgeschichte zurückgehen, desto ausschließlicher finden wir den wilden Birnbaum mit seinen herben, wenig zum Genusse verlockenden Früchten als Nahrungsspender. So wurden zur jüngeren Steinzeit, wie uns die Funde in den Kulturschichten der Pfahlbaustationen von Wangen und Robenhausen in der Schweiz beweisen, neben wilden Äpfeln auch wilde Birnen gesammelt und, in Schnitze geschnitten und an der Sonne gedörrt, als Wintervorrat aufgehoben. Die saftige Kulturbirne aber fehlte bis ins erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Mitteleuropa durchaus. Sie gelangte im Gegensatz zum Apfel, der sich hier bereits seit dem Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends kultiviert vorfand, erst durch die Römer der Kaiserzeit in die Länder nördlich der Alpen. Zwar wurden Samenkerne dieser Obstarten nicht im Wegwurf der römischen Militärstationen gefunden, was bei der Kleinheit und Vergänglichkeit derselben einigermaßen begreiflich ist. Wohl aber fanden sich die viel größeren und sehr harten Steinkerne der bald zu besprechenden Pflaumen, Mirabellen, Kirschpflaumen, Süß- und Sauerkirschen, Pfirsiche und Aprikosen und die Schalen der Walnüsse und großen Haselnüsse, nicht bloß in den ausgemauerten, sondern vornehmlich in den zahlreichen mit Holz ausgekleideten Schachtbrunnen der Saalburg bei Homburg, die nachweislich schon von den Römern selbst im 2. Jahrhundert n. Chr. durch ausgemauerte Brunnen ersetzt und zugeschüttet wurden. Hier lagen sie in einer Schlammschicht 5-10 m unter der Oberfläche. Daß sie etwa erst in späteren Jahrhunderten in die Brunnen geworfen sein könnten, ist unter diesen Umständen völlig ausgeschlossen, ganz abgesehen davon, daß das Kastell unter Gallienus (260-268 n. Chr.) definitiv an die Germanen verloren und von jenen eingeäschert und zerstört wurde und seither keine menschliche Niederlassung mehr hier vorhanden war. Erst einige Jahrhunderte später ist dann die Kulturbirne von den Germanen in Pflege genommen worden, worauf die Bildung von althochdeutsch ~pira~, später ~bira~ aus dem lateinischen ~pirum~ deutet.